Dem Leben Raum geben

Es ist Neujahr 2017 – ich habe derzeit weder den üblichen Jahresrückblick, noch Ziele, Vorsätze und was man und frau sich halt so zum Jahresanfang überlegt. Mir war und ist einfach nicht danach.

 

Aber es gibt ein Motto, welches mich beschäftigt und mich im kommenden Jahr begleiten wird:

“Dem Leben Raum geben”

 

Diese vier Worte sind so wunderbar vielfältig. Kürzlich habe ich bereits ein wenig darüber geschrieben und es “Einfach loslassen” genannt. http://achtsame-lebenskunst.de/2016/12/25/einfach-loslassen/
Dann entdeckte ich heute früh diesen sehr schönen Text von Afschin, der nach längerer Zeit wieder gebloggt hat und dies “Einfach planlos. Zumindestens Jetzt” genannt hat und dort die u.a. die Vorteile einer kreativen Leere angesprochen hat. Nachzulesen hier: http://blog.afschin.com/einfach-planlos/

Nach dem Lesen dieses Textes war ich mir nochmal sicherer: “Dem Leben Raum geben” ist so etwas wie ein Jahresmotto für mich, vielleicht sogar ein Lebensmotto? Mal schauen…

 

Muße statt Muss

Wir sind heute so oft so unglaublich strukturiert, getaktet, verplant – mit all den Todo-Listen, Zeitmanagement, smarten Zielen und dabei mit so viel Hochgeschwindigkeit unterwegs, dass mir, bei all diesem getakteten MUSS, vor allem eins oft fehlt: Muße.

Und so schön wie es ist, mir Gedanken zu machen, Dinge aufzuschreiben (so, wie ich das jetzt hier gerade tue), so sehr bin ich auch ein Mensch der Praxis. Und ganz konkret und praktisch, fallen mir zum Thema “Dem Leben Raum geben” zwei wesentliche Elemente ein, die ganz konkret und praktisch umsetzbar sind:

 

Alltagsachtsamkeit statt Multitasking

Dem Leben Raum geben, heißt für mich auch, die kleinen und ruhigen Momente genießen. Statt Multitasking mal genau nur das wahrnehmen, was gerade geschieht. Alltagsachtsamkeit ist hier eine wunderbare Möglichkeit: Ich kann z.B. versuchen, mich beim Zähneputzen einfach nur auf das Putzen der Zähne konzentrieren, statt schon wieder den nächsten gedanklichen Schritt zu planen. Es kostet keine einzige Minute mehr, aber ich bin mehr im Hier und Jetzt. Beim Warten an der Bushaltestelle kann ich einfach auch mal warten, anstatt im Smartphone rum zu daddeln. Vielleicht fällt mir dann auf, wie die Sonne aufgeht, der Regen plätschert. Vielleicht wird mir dann meine eigene Stimmungslage bewusst oder mir fällt die Hektik oder Entspanntheit der anderen Mitwartenden auf.
Selbst während der Arbeitszeit gibt es Momente der Muße, wenn ich sie mit Alltagsachtsamkeit fülle: Bin ich dienstlich im Auto unterwegs, ist z.B. das Radio grundsätzlich ausgeschaltet. Mein Fokus ist beim Fahren, immer wieder mache ich mir klar, DASS ich gerade fahre, nicht schon jetzt im nächsten anstehenden Termin bin – der kommt ja erst noch. Bin ich dann in diesem Termin, zählt nur dieser Termin und die Menschen, mit denen ich dann zutun habe. Ich muss nicht gedanklich jetzt schon bei der bevorstehenden Rückfahrt sein. Die kommt ja erst noch.  Im Büro angekommen, gehe ich den Flur hinunter zum Kopierer und bin tatsächlich gerade nur auf diesem Weg zum Kopierer und nicht gedanklich schon beim nächsten Telefonat. Das kommt ja erst noch. Mal 4 oder 5 Schritte lang nur den Bodenkontakt der Füße spüren und mir klar machen, dass ich gerade jetzt wirklich nur auf diesem Weg bin und nirgendwo anders – auch das ist für mich Muße, mitten im Alltag. Solche Momente der Alltagsachtsamkeit schaffen Raum: zum Atem holen, zum Bei-Mir-Sein und auch aufmerksam Bei-Anderen-Sein.

 

Raum schaffen

Zeit-Raum:
Zeit-Räume schaffen kann ich, indem ich meinen Kalender nicht so vollstopfe, dass kaum Zeit für mich bleibt. Fällt es mir schwer, Zeiträume für mich zu schaffen, kann ich diese notfalls sogar ganz konkret in den Kalender eintragen: “Ich-Zeit” “Nix-Zeit” “Muße-Zeit” – mit welchem Begriff auch immer.

Wohn-Raum:
Auch Platz in meinen privaten Räumen kann ich ganz praktisch überlegen, umsetzen und ggf. verändern. Minimalismus als Lebensstil ist hier ein wunderbarer Ansatzpunkt – er funktioniert auch bei Nicht-Minimalisten(!):

Es schafft in der Regel viel Raum, immer mal wieder mit dem folgenden Blick durch die Wohnung zu gehen:

  • Brauche ich dieses Ding wirklich – oder will ich es einfach nur haben?
  • Hilft mit dieser Gegenstand auch langfristig – oder verstopft er nur mein Leben?
  • Kann ich mich noch frei durch die Wohnung bewegen?
  • Geht es auch einfacher?
  • Geht es auch mit weniger Dingen, geht es vielleicht sogar viel besser?
  • Ist die Zeit überschaubar, die ich für Wohnung reinigen und abstauben etc. benötige? Oder steht so viel herum, dass dies zur Tortur wird?
  • Ist der Aufwand, den es macht, mich um die Anschaffung eines neuen Dings zu kümmern, die Anschaffung wirklich wert?  (Was will ich kaufen, wie ist die Qualität, wo gibt es das, etc. etc.?) Oder gibt es Schöneres? Was bräuchte ich jetzt wirklich?

 

Frei-Raum 
Frei-Raum ist ganz konkret und praktisch auch der Platz, den ich mir zeitlich und räumlich geschaffen habe und nun nutzen kann, um mal genauer hinzuschauen:

  • Was bereitet mir wirklich Freude?
  • Welche schönen (großen oder kleinen) Ereignisse sind mir im Tagesverlauf aufgefallen?
  • Welche Begegnungen haben mich besonders angesprochen?
  • Welche Aktivitäten haben mich besonders gefreut?
  • Was hat mir einfach gut getan?
  • Was hat mich besonders motiviert?

 

Dem Leben Raum geben …

… das muss eben nicht bedeuten, möglichst viele Dinge oder Aktivitäten hinein zu packen. Wir sind in unserer Gesellschaft längst an dem Punkt angelangt, an dem dieses Viel nicht mehr viel hilft und längst zu einem Weniger geworden ist: Zu einem Weniger an Lebensqualität.

Dem Leben wieder mehr Raum geben: Das kann ich, indem ich aufmerksamer, achtsamer und bewusster mich, mein eigenes So-Sein, den jeweiligen Augenblick und die mir begegnenden Menschen und Situationen wahrnehme. In der Achtsamkeitspraxis sagt man auch gerne “zwischen Reiz und Reaktion eine Achtsamkeitspause einlegen.“ Ergänzen kann ich: Und acht geben, dass ich vor lauter Aktivität, Multitasking und unsinnigem Immer-Mehr nicht übersehe, wo das Leben gerade stattfindet oder möglicherweise auch an mir vorbei rauscht.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Hallo Gabi,
    all die Dinge (Multitasking vor allem) sind bei mir ja auch immer wieder Themen im Leben. Für mich ist es aber auch eine dauerhafte Übung nicht wieder in den gewohnten Trott hineinzustolpern und mehr schaffen zu wollen durch Multitasking etc. Es ist also ein Lebensmotto, ich glaube schon.

    • Hallo Marco, das stimmt. Es ist ein Lebensmotto, eine Lebenshaltung und ein „Juchuh, geschafft“ im üblichen Sinne funktioniert da nicht so eben. Wo wir heute an so viele Informationen und Ablenkungen gleichzeitig heran kommen, ist es eine besondere Herausforderung.

  2. Hallo Gabi!

    Ich bin total begeistert von Deinem heutigen Beitrag! Herzlichen Dank dafür, er spricht mir aus der Seele…

    Genau in diese Richtung habe ich mich auch im letzten Jahr entwickelt und ich merke täglich, wie gut mir das tut!

    Daher habe ich mir wieder einmal erlaubt, den Beitrag bei meinem Jahresprojekt Achtsamkeit, das ich auch dieses Jahr weiterführe, zu verlinken.

    Herzlichst
    Maria

    • Hallo Maria, das freut mich natürlich und vielen Dank für das Verlinken auf deinem Jahresprojekt Achtsamkeit. Deine Beiträge dazu finde ich im Übrigen immer wieder sehr schön, da sie – wie deine vielen praktischen Tipps – sehr konkret und alltagsnah sind.

  3. Hallo Gabi!

    Dein Artikel kommt gerade zur rechten Zeit 🙂 Heute ist „Feiertag“ und nach dem Aufstehen habe ich mich zugleich an den PC gesetzt, meine Todo Liste angeschaut und mit beklemmendem Gefühl festgestellt, dass ich mir sowohl für heute als auch für die nächsten zwei Tage wieder viel zu viel vorgenommen habe. Ich habe angefangen, einige Sachen erledigt, aber das Gefühl wurde einfach nicht besser. Als ich dann eine Pause eingelegt habe zum Tee und Frühstück machen ist mir wieder bewusst geworden, wie irrsinnig das doch ist.. den ganzen Streß mache ich mir doch selber 🙂 90% der Sachen muss ich nicht heute machen, 70% der Sachen muss ich überhaupt nicht machen…
    Dabei war ich schon oft viel besser darin, mir einfach gar nichts aufzuschreiben für den Tag und habe dabei festgestellt, dass ich die wichtigen Dinge trotzdem erledige. Und viel mehr Raum für Kreativität habe – Ideen sprudeln nur so aus mir heraus, wenn ich meinem Kopf eben Freiheit gönne, selbst zu gestalten.
    Es ist aber wirklich eine für mich noch anstrengende Übung und fordert mehr Kraft – antrainiert ist mir eben beschäftigt sein und Planen, Planen und nochmals Planen 🙂 Aber das lässt sich bestimmt wieder abtrainieren!

    Alles Liebe,
    Steffi

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