Brief an die Gewinnmaximierer, Superreichen, Maximal-Erfolgreichen

39 Jahre – alle berufliche Ausbildungszeiten eingerechnet – sind es, die ich beruflich mit und für Menschen arbeite. 39 Jahre, in denen sich insbesondere durch die gesunkenen Sozialstandards, Fragen angesammelt haben, daher mein nachfolgender offener Brief:

 

Liebe Gewinnmaximierer, Superreiche, Im-Geld-Schwimmer, Maximal-Erfolgreiche!

Vermutlich werden Sie diese kleinen Zeilen nicht lesen und wenn, dann maximal müde belächeln. Was hat so eine kleine Sozialpädagogin und Achtsame Lebenskünstlerin mit ihren seltsamen Texten zu Achtsamkeit, Minimalismus und Lebenskunst schon zu sagen? Trotzdem: Es gibt Dinge, die ich sagen und fragen will:

Was haben Sie eigentlich von Ihren Gewinnmaximierungen, wenn diese längst über das Maß hinaus sind, was ein Mensch materiell zum Leben braucht? Ist es das Gefühl der Macht, da Geld die Welt regiert? Wollen Sie sich nach allen Seiten möglichst gut absichern, indem Sie sich ein möglichst dickes finanzielles Polster zulegen? Wie ist denn dieses Sicherheitsbedürfnis entstanden? Ist es soziales Statusgehabe, um mithalten zu können im Wettbewerb um “ich bin aber besser als du?” Und wenn ja, warum und wozu eigentlich? Was ist der Vorteil daran?

Was für eine Sicherheit ist denn das, sich an irgendwelchen Statussymbolen festhalten zu müssen? Was ist das für ein soziales Miteinander, wenn Sie sich über Andere erheben müssen, indem Ihr Besitz immer weiter ausweiten? Und was sagt dies über Ihr Selbstwertgefühl aus? Woran macht sich Ihr Selbstwertgefühl denn fest? An den schicksten Smartphones, der 3. Segeljacht, dem teuren Dienstwagen oder dem ausgeklügelten Aktiendepot? Wenn Sie sagen, Sie halten Welt und Wirtschaft am Laufen und retten diese vor dem Untergang: Warum geht es dann so vielen Menschen, Tieren und der Umwelt zunehmend schlecht? Ist es vielleicht der Spaß an Höchstleistungen?  Dafür gäbe es doch reichlich Möglichkeiten auf dem Sportplatz. Ganz nebenbei: Auch aus goldenen Wasserhähnen fließt nur Wasser.

 

Was bleibt am Ende des Lebens?

Am Ende des Lebens gehen wir alle ohne unsere angesammelten Reichtümer ins Grab. Und wen interessiert dann noch, ob man kurz vor Lebensende doch noch eine Immobilie mehr oder weniger ergattern konnte oder die eigenen Aktien nochmal richtig Gewinn abgeworfen haben? In den letzten Stunden und Minuten des Lebens zählt so etwas alles nicht mehr. Dann zählt nur noch, ob man einen wirklich freundlichen Menschen an seiner Seite hat. Ist so ein Mensch dann für Sie da? Ein Mensch, der sich von irgendwelchen Egoismen, Gewinnmaximierungen, Selbstüberheblichkeiten nicht hat abschrecken lassen – gibt es so einen Menschen?  Jemand, der wirklich einfach nur aus purer Menschenfreundlichkeit da ist, der vielleicht ein bisschen die Angst nimmt, beruhigend wirkt, den Schweiß von der Stirn wischt, die Hand hält, zu trinken gibt, weil Sie irgendwann nicht mehr in der Lage sind, den Becher selbst festzuhalten? Ein Mensch, der da ist, um Ihnen in den letzten Stunden und Minuten des Lebens nochmal wirkliches Mitgefühl, Zuwendung, Wärme und Geborgenheit zu geben? Gibt es so einen Menschen für Sie?

 

Mitten im Leben

Wirkliche Menschlichkeit und Mitmenschlichtkeit – das ist es, was zählt. Und dies nicht nur in den letzten Stunden, sondern gerade auch  dann, wenn wir noch mitten im Leben stehen. Kein Reichtum dieser Welt kann wirkliche und wohltuende Freundschaft, Liebe, Geborgenheit geben. Natürlich gibts auch kaufbare Freunde, aber diese sind nur die Sympathisanten des Reichtums. Sie suchen nur den Glanz dieser Gewinnmaximierungs-Glitzerwelt und sind schnell verschwunden, sobald diese Glitzerwelt erlischt oder keine Bedeutung mehr hat.

Jeder Bergsteiger wird es bestätigen können: Je höher Sie steigen, desto dünner wird die Luft. Wer an der obersten Spitze steht, ist schnell einsam, weil dort kein Platz mehr für andere Menschen ist. Und der Abgrund ist tief und der Aufschlag hart, wenn niemand da ist, der Sie auffängt.

Es gibt Alternativen, aber es erfordert Mut, Kraft und Entscheidungsfähigkeit, diese auch zu wollen – doch keine Sorge: Es gibt mehr Menschenfreunde, als Sie denken. Diese leben aber in der Regel nicht oben an der Spitze des Berges, sondern unten im Tal und den umgebenden seichten Hügeln.

Vielleicht sagen Sie jetzt, dass ich naiv bin, keine Ahnung von gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen, Bilanzen und Erfolgsleitern habe. Vermutlich haben Sie da sogar recht. Sie werden 1000 Gründe anführen können, um meine Gedanken in der Luft zerfetzen zu können. Ok, dann ist das so.
Ich verstehe lediglich etwas von Menschen, Menschlichkeiten und Achtsamer Lebenskunst. Für mich sind meine Gedanken und Worte wie das Spielen einer Gitarre: Ich kann die Saiten zupfen und in Schwingung bringen, aber die Leser_Innen sind der jeweilige Resonanzkörper – und an diesen jeweiligem Resonanzkörpern hängt es auch, ob vielleicht ein interessanter Lebensklang hörbar wird, den wir gemeinsam erzeugen. Ich selbst stehe auch nicht auf irgendeiner Bergspitze und gehöre eher zu den Tal- und Hügelbewohnern – das übrigens sehr gerne 🙂

 

 


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10 Kommentare

  1. Christian

    sehr schöner Artikel!

    von mir dazu zwei Anmerkungen:
    – insgesamt sind mir die Aussagen etwas zu negativ, d.h. es wird zuviel beschrieben, was weniger wichtig ist und zu wenig der blick auf das gelegt, was eigentlich zählt (prozentual im Text), mehr über eine positive Vision zu schreiben finde ich besser
    – bei Spaß an Höchstleistungen auf den Sportplatz zu verweisen, geht da schonmal in die richtige Richtung, nämlich auf seinen Körper zu achten, etwas das bei vielen ja durch den Blick aufs Geld zu kurz kommt (angeblich keine Zeit für gesunde Ernährung, selbst kochen, Sport + Gymnastik) – allerdings ist es bei Höchstleistungen im Sport genauso, wie sie es oben beschreiben, an der Spitze wird es zunehmend einsamer, d.h. der soziale Aspekt tritt irgendwann in den Hintergrund, wenn es nur noch ums Gewinnen und Besser-sein geht und auch das eigentliche Ziel der Gesundheitsförderung wird oft aus den Augen verloren … Leistungssport ist ab einem gewissen Niveau auch nicht mehr gesundheitsförderlich – auch hier glit es für jeden individuell das richtige Maß zu finden

    • Hallo Christian, in erster Linie verstehe ich es ehrlich gesagt mitunter nicht richtig, was in denjenigen Menschen vor sich geht, die extrem auf Reichtum und Gewinne schauen und dafür nahezu alles tun. Es geht dort doch auch für diese Menschen so vieles verloren. Natürlich hätte ich in dem Text auch vieles positiver formulieren können, das stimmt. Positive Visionen sind klasse. Aber angesichts der menschlichen Dramen, Nöte, Lebenskrisen, die ich beruflich hautnah mitbekomme von Denjenigen, die um das Nötigste kämpfen müssen, war mir ausnahmsweise mal nicht danach.

  2. Kleine Sozialpädagogin. Hallo! Das fand ich jetzt süss. Smartphones sind toll. Hab mit einhändig eins eingerichtet nach meinem Ellbogencrash. Seitdem fabriziere ich achtsame Lebenskunst. Alles geht langsamer. Das wünsche ich mal den Superreichen. Man denkt anders nach und nimmt die Welt anders wahr. Der Himmel war heute rot und die Mäusebussarde segeln über mein Haus. Da hab ich an dich gedacht. Geld ist unwichtig. Merkste spätestens bei einem Elllbogencrash. Super Text, liebe Gabi. Lg Tanja

    • Hallo Tanja,
      danke für deine Rückmeldung. Es ist ja eigentlich kein Text zum überall Freunde machen, aber er musste jetzt einfach mal sein. Nächstes Jahr sind es – alle Ausbildungszeiten mal mitgerechnet – 40 Jahre, die ich nun beruflich mit Menschen zutun habe. Ich kenne viele Dramen, Freuden und Katastrophen aus nächster Nähe, sehr konkret, sehr praktisch und ganz unmittelbar. Manche Fragen drängen sich dann irgendwann immer mehr auf und müssen dann mal in die Welt.
      Und ja, es gibt so viel Schönes. Sonnenauf- oder -untergänge, Mäusebussarde, ein freundliches Lächeln und all die Dinge, die niemals mit Geld zu kaufen sind. Einfach wunderschön und so wohltuend. Es wäre zu schade, dies alles den “Göttern des Konsums” zu opfern. Und ist es nicht irgendwie vielleicht doch auch ein bisschen schön, dass selbst ein gewöhnlicher menschlicher Ellenbogen im Bedarfsfall immer noch mehr Kraft und Dynamik hätte, als ein Smartphone? Der Ellenbogen heilt, aber das Smartphone hätte einen vergleichbaren Crash vermutlich sehr viel weniger gut überstanden 😉

  3. Pingback: Brief an die Gewinnmaximierer, Superreichen, Maximal-Erfolgreichen – iviisterx's Blog

  4. Pingback: Ein Brief?! » psychoMuell.de

  5. Ein sehr trefflicher offener Brief. Danke dafür!
    Kennst du das Lied „Dear Mr. President“ von P!nk? Daran hat mich dein Brief sofort erinnert.
    Liebe Grüße M@ria

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