Blog

Achtsamkeitsübungen bei körperlichen Einschränkungen und Handicaps

Achtsamkeit bei körperlichen Einschränkungen und Handicaps – das ist ein sehr persönliches und wichtiges Thema für mich. Wieviel mehr oder weniger wohl meinende Tipps habe ich mir im Laufe des Lebens schon angehört? Es waren unzählige. Ich habe offensichtlich auf mein Umfeld immer so gewirkt, als reiche es, wenn ich mich mal körperlich anstrenge, ins Fitness-Studio gehe, usw.. Äußerlich wirkte ja alles – fast – normal. Das war und ist es aber nicht.

Als Erwachsene war ich jahrelang damit beschäftigt, die zahlreich verkürzten Muskeln wieder „normaler“ zu bekommen, was durchaus auch in gewissem Rahmen funktionierte. Aber alles ging nur sehr begrenzt. Irgendwas ist mit meiner Hüfte anders. Ich bin es derzeit leid, dem x.ten Orthopäden zu erklären, dass ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin, immer noch nicht alles geklärt ist und ich nunmal mit einer gewöhnlichen Röntgenaufnahme bereits mehrfach nicht weiter gekommen bin. Hinzu kommt ein gebrochener bzw. nicht normal gewachsener 5. Lendenwirbel, überdehnbare Gelenke, Fehlstellungen von Füßen und Beinen. All diese körperlichen Einschränkungen wurden mir letztlich und vollständig erst durch MBSR deutlich. Vorher habe ich abwechselnd verdrängt, geübt, gehofft, resigniert. Dann bin ich auch noch seit mehreren Jahren schwerhörig und insbesondere in Gruppen ist das genaue Verstehen für mich viel belastender, als für Normalhörende. Auch die eher sanften Übungen des MBSR bringen und brachten mich an viele Grenzen:

Achtsames Yoga

Yogaübungen im Stehen sind eine Tortour. Egal, was ich unternehme, es geht nicht bzw. nur sehr schlecht und nie lange. Irgendwann die Erkenntnis: Ok, langes Stehen funktioniert nicht, funktioniert nie, auch nicht im Alltag.

Dann die anderen Yogaübungen des MBSR: Bei manchen Übungen machen mir meine dünnen und überdehnbaren Handgelenke einen Strich durch die Rechnung. Manche Dehn- und Drehbewegungen könnten das endgültige k.o für die bereits sehr dünne Bandscheibe an meinem falsch gewachsenen 5. Lendenwirbel sein.

Gehmeditation

Bei der Gehmeditation bemerke ich insbesondere dann, wenn wir uns im Uhrzeigersinn im Kreis bewegen, dass mich die Hüftfehlstellung in Kombination mit Fußfehlstellungen fast ständig aus dem Gleichgewicht bringt. Auch langsameres Geradeaus-Gehen erlebe ich aufgrund leichter Sichelfüße, immer wieder als eine größere Herausforderung.

Sitzmeditation

In der Sitzmeditation probierte ich vieles aus: Sitzbänkchen, Sitzkissen, Stuhl, höher, niedriger, länger, kürzer sitzend. Schneidersitz geht auch mit viel Dehnungsübungen nicht. Außerdem gerate ich immer wieder an Einschränkungen wegen des Lendenwirbels.

Achtsamkeitsübungen – was hilft mir?

Hilfreich war für mich die Empfehlung, individuell für mich zu schauen, was geht oder eben auch nicht. Denn: MBSR, Achtsamkeit, Meditation – das geht auch mit körperlichen Einschränkungen – aber es ist wichtig, Alternativen suchen, Übungen zu variieren und ggf. auch manches wegzulassen:

Yogaübungen im Stehen kann ich oft auch im Sitzen durchführen. Ich stelle mir vor, meine Sitzbeinhöcker sind meine Beine und Füße. Im Stehen führe ich Übungen nur so lange durch, wie sie annähend beschwerdefrei möglich sind. Für mich ungünstige Dreh- und Dehnbewegungen lasse ich weg.

Wenn ich Gehmeditation alleine übe, dann grundsätzlich nur auf geraden Strecken. Ich sehe die Gehmeditation immer auch als eine Möglichkeit auszuprobieren, welche und wieviel Stabilität in dieser Bewegungsform möglich ist. Auch achte ich darauf, dass ich ein für mich passendes Tempo finde.

Sitzmeditation übe ich für mehr Stabilität im Lendenwirbelbereich nur noch auf einem Stuhl mit Rückenlehne. Meditationskissen und Meditationsbänkchen sind für meine Hüfte unpassend. Auch achte ich darauf, meine Haltung öfter ein klein wenig zu wechseln und zu variieren. War es nicht Buddha selbst, von dem berichtet wird, dass er sich beim Meditieren an einen Baum lehnte? Wie symphatisch mir das ist! Leider finde ich diese Textstelle nicht mehr, aber interessanterweise jede Menge Bilder (siehe: https://www.google.de/search?q=Buddha+lehnte+sich+an+einen+Baum&client=ubuntu&hs=1A0&channel=fs&dcr=0&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiu0uSa2M3YAhVFGsAKHQmAADUQsAQIJg&biw=1366&bih=591)

Ich variiere auch beim Bodyscan, um nicht in für mich einseitige und für mich ungesunde Haltungen zu geraten und um unsinnige Schmerzen und Verkrampfungen zu vermeiden.

Hilfreich ist es für mich auch, zeitlich andere Intervalle zu wählen. MBSR ist mit den vielen, unterschiedlichen Übungen sehr abwechslungsreich. Daher bietet es sich an, dies auch passend zu nutzen. Passend heißt für mich, dass ich oft kürzere Übungseinheiten nutze und diese aneinander reihe. Also beispielsweise folgen 5 Minuten Yoga, eine 10-minütige Meditation, die von 5-minütiger Gehmeditation abgewechselt wird, usw.. In einer Gruppe übend, wandle ich bei Bedarf ab, pausiere zwischenzeitlich und steige dann wieder in die Übung ein.

Meine Wünsche an MBSR-, Achtsamkeits- und Meditationslehrer

Gerade MBSR ist von Jon Kabat-Zinn in seinen Anfängen nicht vorrangig für die gesunden und körperlich normal belastbaren Menschen entwickelt worden. Ich finde, im MBSR macht es Sinn, sich dieser Besonderheit bewusst zu sein und daher auch in besonderem Maße Angebote für die Menschen bereit halten, die nicht „normal“ physisch belastbar sind. Wenn nicht die MBSR-Lehrenden, wer sollte es dann tun?

Klangschale auf Dielenfußboden

Achtsamer Umgang mit dem eigenen Körper

Was ich mir für mich und auch für andere Menschen mit körperlichen Einschränkungen wünsche, ist, dass Lehrende regelmäßig auf die notwendige und erforderliche Achtsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper hinweisen. MBSR ist kein Leistungssport. Nicht jede körperliche Einschränkung ist von außen her erkennbar und nicht jede/r Übende weiß überhaupt davon!

Achtsame Kreativität entwickeln

Wichtig finde ich gerade für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, dass sie zu kreativem und achtsamen Umgang mit Einschränkungen angeleitet, unterstützt und ermutigt werden. Welche Bewegungs- oder Übungsvarianten gibt es? Es geht immer vorrangig um Achtsamkeit, nicht darum, dass „Alle“ dass so machen und dass dies oder das ja schon immer so gemacht wurde.

MBSR – Weiterentwicklung spezieller Angebote

Welche Übungsvarianten könnten seitens des MBSR‘s noch entwickelt werden? Ist es möglich, spezielle Angebote zu entwickeln, z.B. von MBSR-Lehrern mit einer Berufsausbildung in Physiotherapie? Sie hätten wertvolles Grundwissen, welches in die MBSR-Übungen einfließen könnte.

Könnten idealerweise sogar MBSR-Übungen in Zusammenarbeit mit Orthopäden und Physiotherapeuten entwickelt werden? Vielleicht geht es hierbei als Ziel nicht so sehr, den Übenden in einer bestimmten Zeit, bestimmte Übungen und Übungsreihen in einer festgelegten Abfolge zu vermitteln, sondern die Übenden in die Lage zu versetzen, besser und gezielter auf den eigenen Körper zu achten, Warnsignale frühzeitig wahrzunehmen und ihnen zu vermitteln, welche Übungen einfach eine Sache der (mühsamen) Übung sind und wo es wichtig ist, Übungen auch wegzulassen oder Alternativen zu finden.

Einfach üben können

Äußerlich wirke ich „fast normal“. Aber so normal ist es nun mal nicht. Trotzdem möchte ich nicht von Achtsamkeit und Meditation ausgeschlossen sein. Ich möchte Achtsamkeitsübungen einfach üben können und zwar ohne, dass ich in Dauerstress gerate, weil mich vieles überfordert. Nicht zuletzt ist mir Achtsamkeit und Meditation wichtig, weil ein gutes Körpergefühl  gerade auch bei körperlichen Einschränkungen besonders hilfreich ist. Phantastisch wäre es für mich, wenn es für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Handicaps, noch mehr Weiterentwicklungen, spezielle Anleitungen, Hilfen, Tipps und Angebote gäbe.

Achtsamkeit und Minimalismus als Trend

Der gelegentliche Hype um Achtsamkeit und Minimalismus

Manchmal empfinde ich unsere Gesellschaft als sehr laut. Es dröhnt, es tönt, es flimmert. Und nun ist Achtsamkeit und Minimalismus auch noch zum Trend geworden – ausgerechnet. Mich interessieren beide Bereiche und sie gehören für mich zusammen. Ich bin grundsätzlich durchaus ein neugieriger Mensch, vernetze mich gerne, genieße es, mich gedanklich auszutauschen. Aber der gelegentliche Hype, der um Achtsamkeit und Minimalismus entsteht, ich betrachte ihn – bei aller Sympathie für diese Themen –  durchaus auch kritisch.

Nun entdecken beispielsweise plötzlich auch die großen Unternehmen die Achtsamkeit.
Aha…

Und Zuhause ist aus dem ehemals gewöhnlichen Ausmisten und Entrümpeln, eine Challange geworden und nennt sich nun Minimalismus.
So, so…

Achtsamkeit und Minimalismus – was mir wichtig ist

Wer denkt, dass er durch Meditation erfolgreicher wird, beim Meditieren den inneren, entleerten Akku mal so eben aufladen kann, um dann idealerweise noch Gewinne einzufahren, besser, perfekter und erfolgreicher zu sein, hat noch nicht allzu viel verstanden von Meditation und Achtsamkeit. Und Entrümpeln ist erst mal das, was es ist: Entrümpeln. Es ist maximal der Anfang des Weges, hin, zu einem minimalistischeren, einfacheren Lebensstil.

Gibt es überhaupt Minimalismus?

Manchmal frage ich mich dann auch noch, ob es so etwas wie Minimalismus überhaupt gibt? Wenn ich mich in meinen eigenen vier Wänden umschaue, dann ist das im Vergleich, in unserem gesellschaftlichen Umfeld, tatsächlich recht wenig. Das fällt sogar mir selbst auf. Aber mir fehlt nichts und manche Dinge habe ich sogar in großen Mengen. Spaßeshalber habe ich neulich mal meine T-Shirts gezählt. Ich wusste vorher, dass es der Teil meiner Kleidung ist, von dem ich am meisten besitze: Es waren 18 T-Shirts. 18!! So viel hatte ich in früheren Zeiten nie und ich hätte selbst als Teenager jeden für komplett bekloppt erklärt, der soviel Zeugs besitzt. Ich kaufe inzwischen manche Dinge mehrfach – der Bequemlichkeit halber und weil ich es leid bin, auf modische Einseitigkeiten angewiesen zu sein. Da habe ich mir halt ein kleines Warenlager angeschafft und jetzt lange Ruhe mit der T-Shirt-Shopperei.

Bildausschnitt von 3 Stapeln T-Shirts

Mein Kleiderschrank ist auch mit diesen 18 T-Shirts immer noch sehr viel kleiner, als bei vielen anderen Menschen. Das ist schon ziemlich verrückt. Was wir als viel und was als wenig bezeichnen, ist doch sehr relativ. Letztlich ist es mir persönlich egal, ob dies, das oder jenes Trend ist. Ich werde dieses Jahr 57 Jahre alt – nicht 17, nicht 27, nicht einmal 37 Jahre. Mich interessieren andere Dinge –  eine lebenswerte Welt beispielsweise. Mir ist es wichtig, dass wir uns und unsere Natur nicht kaputt konsumieren.

Achtsamkeit hat mir zu mehr Souveränität verholfen

Die Konsequenz der Achtsamkeitspraxis ist mein Lebensstil, so wie er jetzt ist und so, wie auch immer er sich weiter entwickeln wird. Was ich durch Achtsamkeit gelernt habe ist, die eigene Befindlichkeit ernst, aber nicht allzu wichtig zu nehmen. Mich selbst fühlen, spüren, aber mich deshalb nicht zum Zentrum des Universums machen. Dazu gehört eben auch, dass ich mich nicht über möglichst viele, aber auch nicht über möglichst wenige Dinge definiere. Ich benutze sie lediglich.

Achtsamkeit bringt ebenso Realität und Bodenhaftung ins eigene Leben, wie Minimalismus. In einer Meditation immer wieder die eigenen, umher irrenden Gedanken- und Gefühlswelten zur Wahrnehmung des Atems zurück zu bringen, ist ein ähnlich intensiver Prozess, wie die ganz praktische und sich ebenfalls wiederholende Minimalismus-Frage, welche Dinge nun wirklich in das eigene Leben gehören, welche nicht und wo ich mich nur in oberflächlichen Konsumablenkungen verliere.

In der Meditation geht es darum, immer immer wieder zur Wahrnehmung des eigenen Atems zurück zu finden. Im Minimalismus geht es darum, sich immer wieder nach den wirklich wesentlichen Dingen im eigenen Leben zu fragen. Dies ist sicherlich manchmal ein mühsamer, aber auch ein sehr befreiender Prozess. Mir hat dies viel Lebensfreude und Lebensqualität ermöglicht.

 

Wohnen mit Nicht-Minimalisten

Gemeinsam Wohnen von Minimalisten mit Nicht-Minimalisten – geht das überhaupt?

Ich bin inzwischen des öfteren angesprochen worden, wie der persönliche Minimalismus in einer Beziehung/Familie/WG gelebt werden kann. Ist es schon mitunter schwierig, für sich selbst heraus zu finden, welche Dinge nun wirklich wesentlich sind, wieviel schwieriger ist es dann, mit Nicht-Minimalisten einen gemeinsamen Weg zu finden. Daher einige Tipps:

Minimalisiere deinen persönlichen Kram zuerst

Es lässt sich natürlich immer gut über den überflüssigen Kram anderer Menschen aufregen, aber viel effektiver ist es, bei sich selbst zu beginnen:

  • Welche Dinge gehören nur mir persönlich?
  • Was davon verwende nur ich?
  • Was steht eigentlich nur herum und ist überflüssig?

Meine Erfahrung ist: Es findet sich (fast) immer auch vieles vom ganz persönlichen, eigenen Kram, der eben auch in der Wohnung herum liegt, nicht genutzt wird, überflüssig ist.

Entrümple nicht den Besitz der Anderen ohne deren Zustimmung

Minimalismus ist freiwillig. Niemand kann zu einem solchen Lebensstil gezwungen werden. Auch in der engsten und liebevollsten Beziehung geht es überhaupt nicht, eigenmächtig, die Dinge des bzw. der Partner_in zu entsorgen.

Persönliche Minimalismus-Oasen schaffen

Um nicht irgendwann das Gefühl zu haben, als Minimalist/-in eigentlich nur noch in und mit den Dingen der Anderen zu leben, schaffe dir eine Art Oase: Dies kann bei ausreichend Platz ein eigenes Zimmer sein, indem dann wirklich nichts steht, was nicht wirklich dort hinein sollte. Es kann aber auch der Teil eines Raumes sein, wie der persönliche Arbeitsplatz, die Hobby- oder Leseecke und vieles mehr.

Vorleben statt missionieren

Gerade auch im Zusammenleben mit Kindern wirkt vorrangig das persönliche Beispiel. Lebe vor, was dir wichtig ist, statt dein Umfeld ständig missionieren zu wollen. Redest du nur über dein minimalistisches Wohlbefinden oder ist es auch ohne Worte, alleine durch dein praktisches Tun und deine innere Haltung, zu erkennen?

Gemeinsamkeit und Individualität

Schafft Klarheiten miteinander. Gemeinsam Wohnen bedeutet immer auch, gemeinsame Regeln und auch Kompromisse zu finden. Mach dir bewusst, dass Minimalismus erstmal etwas ist, was dich ganz persönlich interessiert – nicht zwangsläufig auch die Menschen in deinem Umfeld. Setzt euch zusammen und versucht, gemeinsame Lösungen zu finden:

  • Welche Dinge, Räume werden gemeinsam genutzt?
  • Wieviele gemeinsam genutzte Gegenstände sind nötig?
  • Welche Dinge können, dürfen und sollten sich in den gemeinsam genutzten Bereichen befinden und welche nicht?

Gemeinsamer Besitz

Über die Dinge, die von allen genutzt werden, sollte grundsätzlich gemeinsam entschieden werden. Kinder sollten dem Alter und Entwicklungsstand entsprechend beteiligt werden.

Interessens-Balance

Stellt euch vor, alle Mitbewohner (also Familie, Partner, WG-Mitglieder,…) stehen auf einem schwankenden Untergrund. Dieser schwankende Untergrund wird dann stabil, wenn eine (Interessens-)Balance hergestellt wird. Jede/r sollte die Möglichkeit haben, seine Individualität auszuleben und zwar so, dass auch die Anderen diese Möglichkeit haben. Ist der Partner beispielsweise Sammler, wieviel Raum darf und sollte die Sammlung haben, ohne dass die Bedürfnisse der anderen Mitbewohner davon zu sehr eingeschränkt werden? Besteht eine Balance oder Disbalance von Interessen?

Persönliche Dinge-Räume schaffen

Je mehr Personen zusammen wohnen, um so wichtiger ist es, dass persönliche Dinge-Räume geschaffen werden. D.h., die persönlichen Dinge haben einen Ort, auf den man sich gemeinsam geeinigt hat. So kann verhindert werden, dass sich z.B. die persönlichen Dinge einer einzelnen Person in der ganzen Wohnung verteilen, während kaum noch Raum für die Dinge von Partner/-in, Kinder oder WG-Mitglieder bleibt.

Kinder und Minimalismus

Wie bereits erwähnt: Kinder lernen am besten durch das Vorbild der Erwachsenen. Man kann z.B. kaum erwarten, dass Kinder irgendwann aufräumen lernen, wenn die Eltern selbst alles mögliche herum liegen lassen.

Werfe Kinder nicht mit Dingen und Geschenken zu. Meistens sind wir Erwachsenen es, die so gerne die strahlenden Kinderaugen sehen, wenn die Geschenke ausgepackt werden. Aber: der EINE Lieblingsteddy ist letztlich für das Kind wichtiger, als das 30. Stofftier im Regal. Gemeinsame Zeit ist wichtiger, als viel Zeug. Vielleicht können Oma und Opa ja auch einen gemeinsamen Ausflug oder Urlaub verschenken, statt des 30. Puzzles? Oder die Verwandten können ein Sparbuch bzw. Tagesgeldkonto anlegen, welches immer ein wenig aufgefüllt werden kann. Mit zunehmendem Alter entwickeln die Kinder von ganz alleine Wünsche, die einfach auch teurer sind.

Grundsätzlich ist es völlig normal für die meisten Kinder, dass sie gerne Dinge sammeln. Diese persönlichen Besitztümer sollten dann aber im eigenen Zimmer aufbewahrt werden und sich nicht in der gesamten Wohnung verteilen.

Je kleiner die Kinder, desto eher suchen und benötigen sie die Nähe der Erwachsenen. Daher wollen die Kinder auch lieber in Küche oder Wohnzimmer, als im eigenen Kinderzimmer spielen. Damit sich das Spielzeug aber nicht dauerhaft in der gesamten Wohnung verteilt, ist es eine einfache Möglichkeit, die Mengen zu begrenzen. Das kann eine Spielecke im Wohnzimmer sein, z.B. mit einem extra Teppich oder Kisten/Regalen begrenzt. Es ist aber auch möglich, eine Art mobile Spielekiste zu nutzen. Das Kind wählt aus seinem Kinderzimmer Dinge aus, mit denen es z.B. im Wohnzimmer spielen will. Die Menge begrenzt sich durch die Größe der Kiste. Möchte das Kind etwas anderes spielen, kann es das Spielzeug in der Spielekiste ausgetauschen. Hat diese Kiste dann auch noch Rollen, kann das Kind die Kiste auch alleine bewegen und irgendwann auch selbständig die Spielzeuge austauschen.

Konstruktive Lösungen – eine Frage der Balance

Letztlich ist es immer eine Frage, die richtige Balance von Interessen zu finden und gleichzeitig die gemeinsamen Bedarfe im Blick zu behalten. Gelingt dies, dann ist es auch keine unüberwindbare Hürde, wenn Minimalisten und Nicht-Minimalisten zusammen wohnen und leben.

Wer sich intensiver mit einigen hilfreichen theoretischen Grundlagen dieser Balance befassen möchte, findet hierzu interessante Informationen in der TZI, der themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn. Dort gibt es die Balance des TZI-Dreieck und das Vierfaktorenmodell. Im gemeinsamen Wohnen kann dieses Hintergrundwissen hilfreich sein, um die unterschiedlichen Bedarfe und deren Ausgewogenheit wirklich im Blick zu behalten. Interessant sind ergänzend auch die sog. Hilfsregeln der TZI. Sie sind eine gute Grundlage, wenn es darum geht, durch eine verbesserte Kommunikation, sinnvolle und konstruktivere Lösungen zu finden. Hier einige Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/Themenzentrierte_Interaktion#Vierfaktorenmodell.

 

Filmtipp: Nur die Ruhe! Die Neuentdeckung der Langsamkeit

In der Sendereihe „Plan b“ ist in der Onlinemediathek des ZDF noch bis zum 23.12.2018 der Film Nur die Ruhe! Die Neuentdeckung der Langsamkeit zu sehen.

Im Film wird u.a. Meditation zur Verbesserung von Leistung, aber auch der kritische Blick darauf, vorgestellt. Wohlergehen als neues Statusdenken, Langsamkeit als Reaktion auf eine Gesellschaft im Hochgeschwindigkeitsmodus und als Burnout-Vorsorge. Auf den Punkt bringt es Judith Holofernes, in dem sie sagt: „Aufgeschobenes Lebensglück finde ich eins der größten Dramen unserer Gesellschaft.“

https://www.zdf.de/gesellschaft/plan-b/plan-b-nur-die-ruhe-100.html

 

Mehr Zeit, mehr Freiheit, weniger Ballast

Rückblende – richtige Entscheidungen?

Vor einigen Tagen bemerkte ich, dass ich immer wieder auf meine langjährige Arbeitszeit zurück blickte. Habe ich mich richtig entschieden? Immerhin gibts durchaus  Berufe, wo ich weniger Stress und mehr Geld hätte. Wäre es nicht besser gewesen, vielleicht doch irgend etwas anderes beruflich zu machen, als ausgerechnet Sozialpädagogin?

Nein! Allen Widrigkeiten und Schwierigkeiten zum Trotz. Ich kann nur hoffen, es scheitert nicht irgendwann daran, dass der gesamte Sozialbereich restlos kaputt gespart ist. Ich habe zwar einen mitunter schwierigen, aber auch sehr lebendigen Beruf. Es geht nicht ohne eigenverantwortliches und selbständiges Handeln. Das mag ich sehr. Ich habe mit konkreten, lebendigen Menschen zu tun. Nie käme ich damit klar, irgendwelche Dinge, Versicherungen und was auch immer zu verkaufen. Das würde gnadenlos scheitern, weil es mich einfach überhaupt nicht interessiert. Ich brauche mich auch nicht durch die Strukturen eines Lehr- und Stundenplans einer Schule quälen. Das wäre mir viel zu eng und ich wäre garantiert den ganzen Tag damit beschäftigt, all diese starren Regeln auf den Kopf zu stellen. Genau das wäre aber Sisyphusarbeit. Weder hätte das Schulsystem, noch ich etwas davon.

Zuviel Zeit investiert

Was mich an meinen zurückliegenden Arbeitswelten gestört hat: Ich habe viel zu viel Zeit investiert. Arbeiten bedeutete, eine Zeit lang auch an Wochenenden tätig zu sein, Bereitschaftsdienste und die „Normalität“, 12 Tage ohne Pause durchzuarbeiten. Es gab Wechelsdienste, Arbeitsverdichtungen sowieso. Dazu die lange Fahrzeiten, in denen ich entweder mit dem Auto im Stau stand, in vollen Zügen saß oder an kalten Bahnsteigen auf verspätete Züge wartete. Irgendwann bemerkte ich dann, dass sich der Wunsch breit gemacht hatte, mir durch Konsum, daß Leben ein wenig aufzuhübschen. Aber es entlastete mich nicht und meine Unzufriedenheit und der Wunsch, etwas zu verändern, nahm zu.

Mehr Zeit

Das, was mir inzwischen wirklich wichtig geworden ist: Zeit. Einfach das Leben und die Lebendigkeit in mir spüren. Den Kaffee beispielsweise nicht hektisch zu schlürfen, sondern ihn zu genießen. Beobachten, wie der Tag langsam heller wird. Stille einatmen. Dem Rhythmus des eigenen Lebens folgen. So viel Zeit und Energie haben, dass ich  meine Arbeitswelt noch immer gestalten kann und nicht nur ein Punkt nach dem anderen Punkt abhaken muss.

Weniger Ballast

Dinge, die unnötig sind, engen ein. Sie kosten nicht nur Geld, sondern auch die Zeit, die ich investiere, das Geld zu verdienen und auszugeben. So etwas empfinde ich wie einen riesigen Rucksack, der wie Blei auf meinen Schultern lastet. Jahrelang habe ich Wohnstandards viel zu wenig hinterfragt. „Man“ hat eben ein Bettgestell, ein Sofa, ein Kleiderschrank, usw.. Aber geht es mir überhaupt gut damit? Minimalismus war eine Befreiung für mich. Ich habe mich mit den meisten Möbeldingen nie richtig wohlgefühlt und so kamen und gingen diese Dinge immer wieder. Ich widmete ihnen viel zu viel Aufmerksamkeit. Wie verrückt ist das, viel Geld für einen Schrank auszugeben, damit ich darin u.a. das Zeug horten kann, welches ich eh nicht nutze und brauche?

Mehr Freiheit

Die meisten Menschen können nach wie vor kaum nachvollziehen, warum die relativ wenigen Dinge, die sich in meiner Wohnung befinden, für mich nicht wenig Dinge sind. Es ist mir eher immer noch zu viel. Ich folge damit nicht irgendwelchen modischen Entwicklungen. Wozu auch? Die ändern sich ja ohnehin immer wieder. Mit 56 Jahren gehöre ich definitiv nicht zur Generation Y, die so oft mit Minimalismus als Lebensstil in Verbindung gebracht wird. Erst recht muss ich nicht irgendwelchen Teenie-Träumen folgen. Ich gehöre auch nicht zu denen, die in Kindertagen mit Konsum überspült worden sind und nun die Nase davon voll haben. Ich muss mich aber auch nicht an die Gewohnheiten und Standards „meiner Generation“ anpassen. Ich wollte mich nie für ein Eigenheim quälen. Selbst von meinen derzeitig bewohnten 35qm, sind 10qm überflüssig. Ich muss nicht einmal die Welt retten. Ich bin außerdem so froh, dass ich mich nicht mehr um die Blechkiste auf 4 Rädern kümmern muss. All das ist für mich wirkliche Freiheit, wirklicher Luxus und purer Lebensgenuß.

Blick in ein fast leeres Zimmer: 3 Stühle - auf einem Stuhl steht ein Drucker. Rechts im Bildrand ein Schrank. Am linken Bildrand ein unnutzer großer Spiegel.
Blick auf die ca. 10 qm meiner Wohnung, die ich kaum nutze.

1 Jahr Minimalismus-Wohnung – ein Resumee

Vor etwas über einem Jahr zog ich in meine jetzige Wohnung. Nach 12 Jahren Wohnen in Beziehung und WG nun wieder eine Wohnung für mich alleine. Es war mir klar, dass Minimalismus als Lebensstil genau zu mir passt und  meine vier Wände entsprechend ausgerichtet sein sollten. Einige Teile musste ich mir aber trotzdem noch kaufen. Eine Rückblende nach etwas über einem Jahr, was sich bewährt hat und was nicht.

Was sich nicht bewährt hat:

Einbauküche
Ein großer Einrichtungsbereich war meine Küche. Ich wusste zwar, dass ich ohnehin nicht so viel koche, daher eine kleine Ausstattung reicht. Aber die Herausforderung war der extrem kleine Küchenraum. [Wie ich diese Herausforderung gelöst habe, steht hier: Minimalismus in der Küche]

Blick auf die Holzarbeitsplatte mit links Spüle, dann Utensilien für Kaffee kochen, dann Einzelkochplatte mit Wasserkessel

Was mir jetzt nach einem Jahr Nutzung auffällt: Die Kombination von Holz und der Farbe weiß gefällt mir. Die Küche ist praktisch und hat in dem kleinen Raum tatsächlich viel Arbeitsfläche. Die Küche gefällt mir trotzdem nicht so richtig. Sie war halt vorrangig eine pragmatische Entscheidung. Einbauküchen sind nicht mein Ding. Ich werde sie nie mögen – auch dann nicht, wenn sie schön aussehen und praktisch sind. Ich bin ein Fan von Modulküchen: Hier eine Spüle, dort ein Kühlschrank und irgendwo noch eine Arbeitsfläche mit der Kochplatte. Weil ich Einbauküchen nicht mag, ist die jetzige Küche auch immer noch keine wirklich eingebaute Einbauküche. Das hätte ich mir eigentlich denken können, habe ich aber nicht … Und so sind die Fußleisten sind immer noch nicht dran, die Abschlussleisten der Arbeitsplatte ebenfalls nicht. Den Einbaukühlschrank hätte ich auch nochmal etwas exakter einbauen können. Ich hatte aber bislang einfach keine Lust daran und konnte mich entsprechend nicht dazu aufraffen. Es stört mich aber auch nicht so wirklich.

Bedarf an Schränken überschätzt
Meinen Bedarf an Schränken, um Zeugs unterzubringen, habe ich überschätzt. 3 kleine gebrauchte Holzschränke hatte ich. Alle drei stehen inzwischen auseinander gebaut im Keller. Die in die Schränkchen ursprünglich hinein gestellten Dinge, passten problemlos woanders hin. Also wenn noch jemand Ivarschränke braucht…

Ein wenig ähnlich geht es mir derzeit mit 2 weiteren Schränken, beide insgesamt 1,50m breit und 35cm tief. Irgendwann entdeckte ich die geniale Falttechnik von Marie Kondo und seither ist mir klar, dass Kommoden nicht nur für T-Shirts, sondern für viele andere Dinge sehr viel praktischer sind. Bei den Schränken geht es mir ähnlich, wie mit der Küche: Sehr schön, irgendwie passen sie aber nicht richtig zu mir. Zum Glück waren die Schränke nicht neu, sie sind also kein Fehlkauf, sondern haben schon einige Lebenszeit hinter sich. Ganz nebenbei fällt eine weitere „kleine Marotte“ von mir auf: Die Schränke haben keine Türgriffe, seit 11 oder 12 Jahren nicht. Mir gefällt es ohne Griffe besser.

2 birkenfarbene Schränke, 100 und 50cm breit.

Was sich bewährt hat:

Mein Futon. Auf einem Futon zu schlafen, ist einfach klasse. Ich genieße es immer noch und möchte darauf nicht wieder verzichten. [Näheres dazu hier: Auf einem Futon schlafen]

Futon zu eine Art Sofa zusammengefaltet

Die flexiblen Tische. Ich habe einen rechteckigen und einen quadratischen Tisch. Darüber hinaus noch einen sehr alten schwedischen Klapptisch in der Küche. Alles ist wunderbar flexibel. Da ich ohnehin gerne mal die Wohnung umräume, geht das mit diesen Tischen einfach wunderbar und ich kann sie sehr multifunktional nutzen [Siehe: Multifunktionales Wohnen]

rechteckiger Esstisch für 2 - 4 Personen

Kein Auto. Bin ich froh, kein Auto mehr zu haben! Es ermöglicht mir u.a. in Teilzeit arbeiten zu können. In 5 Minuten erreiche ich Bus, S-Bahn und U-Bahn. In 20 Minuten bin ich zu Fuß bei meiner Arbeitsstelle, in der gleichen Zeit mitten in der Innenstadt von Dortmund. Das anfängliche Carsharing habe ich wieder gekündigt, da ich es kaum genutzt habe. Im Bedarfsfall ist es günstiger für mich, mir einfach einen Leihwagen zu mieten.

Keinen Fernseher, keine Stereoanlage. Beides brauche ich nicht, es fehlt mir nicht und ich bin froh, dass dieses Zeug nicht bei mir herum steht. Ich nutze den Computer, der sich problemlos multifunktional verwenden lässt.

Nicht zu früh und nicht zu schnell kaufen hat sich ebf. bewährt. Nicht alles, was ich zu brauchen meine, verwende ich dann im Alltag auch. Fehlt etwas, kann ich es dann immer noch kaufen. Das meiste Zeugs fehlt aber meistens gar nicht. Es hätte eh bloß herum gestanden. Wozu drei Kochlöffel, wenn ich mit einem Kochlöffel auch prima klar komme? Und sollte mir wirklich irgendwann doch noch ein weiterer Kochlöffel fehlen, kann ich mir den dann auch noch kaufen.

Wie es weiter geht:

Die Küche wird einfach erst mal so bleiben, wie sie ist. Derzeit wohne ich im Dachgeschoß, da passt es so am besten. Da ich nächstes Jahr 57 Jahre werde und sicherlich nicht mehr mit 70 Jahren die Einkäufe in die 4. Etage schleppen möchte, mache ich mir zur Küche erst Gedanken, wenn mal irgendwann eine Wohnung in Erdgeschoß oder 1. Etage ansteht. Die Wohnlage ist perfekt für mich, daran möchte ich nichts ändern, auch gefällt mir genossenschaftliches Wohnen besser, als private Vermieter oder Vermieter, die ihre Häuser vorangig als reines Investitions- oder Spekulationsobjekt sehen.

Die Schränke werden über kurz oder lang sicherlich durch Kommoden oder ähnliches ersetzt. Diese passen besser zu mir, ggf. werde ich sie mit ein paar Rollen ausstatten, um sie leichter verschieben zu können.

Minimalismus ist Luxus

Wieder einmal ist mir klar geworden: Minimalismus als Lebensstil ist Luxus. Natürlich nicht der Luxus, viele Dinge zu besitzen, sondern der Luxus der individuellen Lösungen. Es ist der Luxus, sich am eigenen, persönlichen Bedarf orientieren zu können. Es ist der Luxus, wenig Zeit mit Putzen und Aufräumen zu verbringen.  Es ist auch der Luxus, dass ich für Dinge, die ich nicht kaufe, nun mal auch nicht arbeiten gehen muss.

Minimalismus ist Burnout-Prävention

Letztlich ist Minimalismus sogar der Luxus, weiterhin erwerbstätig bleiben zu können. Ich kann meinen – manchmal sehr anstrengenden – Beruf als Sozialpädagogin weiter ausüben. Viel Konsum würde bedeuten, dass ich Vollzeit arbeiten müsste. Allerdings ist dies nach den vielen Jahrzehnten sozialer Berufstätigkeit genau das, was ich nicht mehr ohne weiteres schaffen würde und auch nicht mehr möchte. Minimalismus ist für mich daher auch eine perfekte Burnout-Prävention. Es geht mir so viel besser. Ich fühle mich wohler. Ich bin ausgeglichener und entspannter. Von diesem Luxus profitiere dann nicht nur ich selbst, sondern auch die Menschen, mit denen ich täglich beruflich zu tun habe.

Filmtipp: Zeit für Stille

Zeit für Stille

Es ist der Samstag vor dem 1. Advent, als ich losziehe, um mir im Kino den Film „Zeit für Stille“ anzuschauen. Ich verlasse meine ruhige Wohngegend. Als ich mich der vielbefahrenen Straße nähere, dringt Autolärm an mein Ohr. An der U-Bahn-Haltestelle wird es wieder ruhiger, nur die Geräusche der Rolltreppe sind zu hören. Einige Menschen unterhalten sich, dann quietschen die Bremsen der heran fahrenden U-Bahn. Der Großteil der Menschen hier ist auf dem Weg in die Einkaufszone der Innenstadt. Das alljähliche Vorweihnachtsshopping hat längst begonnen. Die ehemals stille Adventszeit ist längst zu einem Weihnachtsjahrmarkt geworden – bunt, laut, voll. 

Frau von hinten fotografiert. Wehende Haare. Im Hintergrund verschwommen ein vorbeifahrender Zug.
Foto: © www.zeit-fuer-stille.de

Eine Handvoll Menschen hat schließlich trotzdem den Weg ins Kino gefunden. Es ist still, selbst die üblichen Popcorn-Raschelgeräusche fehlen.

 

Zeit für Stille – der Film

Grünes Feld. An der Grenze zum Horizont ein mittig stehender Baum
Foto: www.zeit-fuer-stille.de

Patrick Shen gelingt es in dem Dokumentarfilm, nicht nur Bilder zu zeigen und interessante Interviews zu führen, sondern die Inhalte für den Zuschauer erlebbar werden zu lassen. Ich bin im ersten Moment überrascht, über die heute so selten gewordenen, langen Bildeinstellungen, genieße sie dann aber um so mehr. Sie lassen tatsächlich meine Augen und Ohren zur Ruhe kommen und mich intensiver in den Film eintauchen. Plötzlich wird der im Wind wehende Grashalm interessant. Ob es der schweigende Wanderer ist, die Mönche im Kloster oder die Menschen bei der japanischen Teezeremonie, überall ist die Weite und das Aufatmen dieser Stille spürbar. Die Zeit scheint zu stehen und die vermeintlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur verwischen.

Die Wirkungen des Lärms werden ebenfalls eindrucksvoll dokumentiert. Mir wird deutlich, was für eine mitunter verrückte Welt wir selbst produzieren. Die Auswirkungen des Lärms ist für mich bis in den Kinosessel hinein spürbar. Ich empfinde manche Geräusche so unangenehm, dass sich meine Muskulatur unwillkürlich zusammen zieht. Ich bin froh, als sich die Zeit für Stille wieder im Film und auch in mir ausweitet. 

Zeit für Stille: Ein sehens-, hörens- und spürenswerter Dokumentarfilm.

 

Daten zum Film:

Titel: Zeit für Stille
Regie: Patrick Shen
Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln
FSK: o. Altersbeschränkung
Laufzeit: 81 Min.
Kinostart: 30. November 2017
Verleih: Mindjazz-Pictures

Kinotermine

http://mindjazz-pictures.de/kinotermine

 

Webseite: www.zeit-fuer-stille.de

Trailer 1:

 

Trailer2 (ohne Worte):

 


 

Grenzen von Normalitäts-Schablonen überwinden

Manchmal ist das, was wir so üblicherweise als „normal“ bezeichnen, so gar nicht normal. Und wenn es gar zu einer Art „Normalitäts-Schablone“ gerät, wird es Zeit, diese Begrenzungen zu überwinden. Ich lasse mal all die Normalitäts-Definitionen und  -diskussionen beiseite, konzentriere mich auf den ganz gewöhnlichen Alltag und greife mal eins meiner ebenfalls ganz gewöhnlichen Erlebnisse heraus:

„… Dann ist es auch egal…“

Ich war auf dem Weg zu einer MBSR-Übungsgruppe, als ich die Treppe vom Bahnsteig zur U-Bahn hinunter ging und mir ganz spontan und wohlgelaunt durch den Kopf ging: „Ok, dann bin ich jetzt eben alt. Dann ist es auch egal.“

Verdutztes Innehalten.

Mooooment!

So alt bin ich doch noch gar nicht. Ok, 56 Jahre. Aber nicht 65, nicht 76 und nicht 82. Aber irgendwas fühlte sich plötzlich anders an. Doch was überhaupt? Und was bedeutet denn für mich „egal?“ Und warum fühlt sich das dann auch noch gut an?

 

„Normalitäts-Schablonen“ überwinden

Ich nutzte die anschließenden Übungen der MBSR-Achtsamkeitsgruppe um hinzuspüren, wie es mir geht, hier und jetzt und von Moment zu Moment. Diese einzelnen Momente sind häufig besondere Herausforderungen, aber sie sind auch der Schlüssel zur Lösung.

Aufgrund einiger körperlicher (orthopädischer) Einschränkungen habe ich deutlich mehr Schwierigkeiten zu bewältigen, als die meisten anderen TeilnehmerInnen, manches geht gar nicht. Die rechte Hüfte ist deutlich unbeweglicher als die linke. Fußfehlstellungen machen etwas längeres beschwerdefreies Stehen nahezu unmöglich, ein deformierter Lendenwirbel und überdehnbare Gelenke machen Vorsichtsmaßnahmen nötig. Jahre und Jahrzehnte habe ich mich damit gestresst, mich damit herum gequält und bis zum Umfallen geübt. Ich wollte doch irgendwie nur mal dahin kommen, „normal“ mitmachen zu können. Es ging aber nicht, zumindestens nie annähernd so gut, wie die meisten anderen TeilnehmerInnen und dies nicht nur in MBSR-Gruppen, sondern auch in den diversen Gymnastik-, Fitness-, Physiotherapie- und weiß-ich-was-Gruppen.

Die letzten Wochen hat mich dies sehr beschäftigt. Und natürlich: Mit 20 oder 30 Jahren hatte ich auch diese Probleme, aber da konnte ich sie noch besser „wegstecken“ und  mich mit der Illusion aufrecht halten, dass ich einfach nur fleißig üben muss, damit es dann besser wird. Und klar, spüre ich nun mit 56 Jahren, dass darüber hinwegsehen oder üben, üben, üben eben auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Aber genau da liegt auch die Chance.

 

Grenzen erkennen

Was nicht „normal“ ist, muss auch nicht „normal“ sein. Genau das ist dann auch dieses „Dann-ist-es-auch-egal-Gefühl“, welches mich so wohltuend auf dem Weg zur U-Bahn durchströmte. Grenzen als Grenzen erkennen und  auch einfach mal zu akzeptieren, befreit. Es befreit von all dem Druck des „Normal-sein-Wollens.“

 

Grenzen überwinden

Es befreit auch, Grenzen an den richtigen Stellen einfach auch mal zu überwinden. Bei mir sind es beispielsweise die Grenzen der üblichen Meditations- und MBSR-Übungen. Mir reichen sie so nicht. Deshalb erweitere ich sie inzwischen, variiere, probiere und fühle hin, wie es mir geht, was ich brauche, was ich evtl. auch anders brauche, als die Menschen um mich herum.

All die vielen unpassenden „Normalitäts-Schablonen“ benötigen viel zu viel Energie. Nicht nur in MBSR und Meditation, sondern auch in so vielen anderen Bereichen: So scheint es heute fast „normal“, bis zum Umfallen zu konsumieren. Shoppen, bis der Arzt kommt. Ich will es aber nicht. Deshalb begrenze ich sowas und bin da gerne „unnormal“ . Ich gönne jedem seine und ihre Wohnungsdeko wirklich, ehrlich und von ganzem Herzen. Ich kann mich sogar daran erfreuen – bei Anderen! Bei mir will ich diese Deko nicht. Tannen gehören für mich in die Natur und nicht in den Christbaumständer. Den Kleiderschrank zu entrümpeln ist für mich auch kein Minimalismus, das ist nur das notwendige Übel auf dem Weg dahin.

Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn ich die Begrenztheiten des Zuviels überwinde und genau hinspüre, was ich wirklich brauche. Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn Raum zum Atmen da ist: Begegnung statt Begrenzung, Miteinander statt Gegeneinander, fürsorglich statt missgünstig. Es gibt lebenswerteres, als sich mit „Normalitäts-Schablonen“ und deren Begrenzungen aufzuhalten – genau das ist für mich Achsamkeit und genau das ist für mich auch Minimalismus.

 

 

Die Minimalismus-Falle

Wie das Leben so manchmal ist:  #Konsumauszeit – und prompt sind einige Dinge einfach kaputt. Ich greife mal das banalste Beispiel überhaupt heraus: Socken sind hinüber. Einer nach dem anderen. Gestopft, wieder getragen, wieder kaputt. Irgendwann reicht eben auch die Kunst des Stopfens nicht mehr. Dieses Thema habe ich häufiger und das schon sehr lange. Und so entdecke ich sie wieder: die Minimalismus-Falle.

Ich entdecke, dass ich Konsumauszeit deshalb spannend finde, weil ich dann nichts einkaufen muss und nicht, weil ich zu häufig losziehe. Das, was nach Minimalismus aussieht, ist in Wirklichkeit einfach nur Einkäufe vor mir herzuschieben – bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Einkauf sein MUSS, aber zeitlich und inhaltlich eigentlich überhaupt nicht passt. 

Konsumkritikzeit

Ein Grund für diese Einkaufsunlust ist die Qualität der Dinge. Die Konsumauszeit ist in den letzten beiden Wochen für mich eher zu einer Konsumkritikzeit geworden. Viele Dinge, insbesondere elektrische Geräte, haben einfach eine deutliche kürzere Haltbarkeit. Ich spüre immer mehr, wie sehr mich das stört. Schon aus diesem Grund alleine habe ich oft keine Lust daran, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an allem möglichen Krams. Die Auswahl ist endlos. Einkaufen wird schnell zum arbeitsaufwändigen Hürdenlauf, bei dem ich mich durch Testberichte, Onlineshops und Geschäfte vor Ort quälen muss und so gerate ich in die Minimalismus-Falle:

 

Minimalismus-Falle 1 – Überfülle

Wenn ich etwas einkaufen will bzw. muss und habe dann Pech, ist die Stadt voll mit Menschen. Ich quäle mich durch die überfüllte Einkaufszone, wühle mich durch das mit Menschen und Dingen überfüllte Kaufhaus, stehe gefühlt ewig an einer Kasse. Kaufe ich online, habe ich zwar mehr Ruhe, aber das zu kaufende Ding auch nicht selbst in der Hand. Dann die Überlegung, welchen Shop ich jetzt nehmen soll, diesen oder jenen? Manchmal geht bei der Bestellung, manchmal beim Versand etwas schief. Irgendwas ist ja immer. – Also lasse ich es gerne mit dem Einkaufen, bis es wirklich nicht mehr anders geht und ziehe entsprechend schlecht gelaunt los…

 

Minimalismus-Falle 2: Perfektionismus

Perfektionismus im Zeitalter geplanter Obsoleszenz – das ist auch eine Hausnummer…
Ich hätte gerne immer DAS perfekte Produkt. Elektrische Geräte sollen ewig halten, keinen Platz weg nehmen, wenig Strom verbrauchen. Kleidung am liebsten bio und fair gehandelt, genau nach meinem Geschmack und in meiner Lieblingsfarbe, genau passend, preislich angemessen und direkt bei mir um die Ecke zu kaufen. Natürlich gerne all diese Vorteile gleichzeitig. Klappt natürlich nie. – Also lasse ich es dann mit dem Einkaufen. Meistens hänge ich tage-, wochen- oder monatelang in irgendwelchen Entscheidungsschleifen fest ohne jedes Ergebnis. Nach meinem Geschmack ist dies aber viel zu viel Aufmerksamkeit auf Dinge, die ich noch gar nicht habe.

 

Raus aus der Minimalismus-Falle

Mir geht es darum, mich mit der Anschaffung von notwendigen Dingen, möglichst nicht so lange und möglichst stressfrei zu beschäftigen. Auch das ist für mich Minimalismus: Wie minimalisiere ich Aufwand und Stress:

 

Meine Ideen dazu:

  • den eigenen Bedarf regelmäßig überprüfen: Wieviele und welche Dinge brauche ich tatsächlich?
  • Geht es auch ohne dieses oder jene einzelne Teil?
  • Zeitdruck vermeiden
  • Typische Zeiten überfüllter Kaufhäuser meiden (z.B. samstags, Vorweihnachtszeit, …)
  • Prioritätenliste – welche Aspekte meiner perfektionistischen Ansprüche sind am wichtigsten, wo sind ggf. Kompromisse möglich?
  • Frühzeitige Einkaufsliste erstellen – was wird in den nächsten Wochen oder Monaten vermutlich notwendig? 

Notizbuch mit Füller als Ausweg aus der Minimalismus-Falle