Achtsamkeitsübungen bei körperlichen Einschränkungen und Handicaps

Achtsamkeit bei körperlichen Einschränkungen und Handicaps – das ist ein sehr persönliches und wichtiges Thema für mich. Wieviel mehr oder weniger wohl meinende Tipps habe ich mir im Laufe des Lebens schon angehört? Es waren unzählige. Ich habe offensichtlich auf mein Umfeld immer so gewirkt, als reiche es, wenn ich mich mal körperlich anstrenge, ins Fitness-Studio gehe, usw.. Äußerlich wirkte ja alles – fast – normal. Das war und ist es aber nicht.

Als Erwachsene war ich jahrelang damit beschäftigt, die zahlreich verkürzten Muskeln wieder „normaler“ zu bekommen, was durchaus auch in gewissem Rahmen funktionierte. Aber alles ging nur sehr begrenzt. Irgendwas ist mit meiner Hüfte anders. Ich bin es derzeit leid, dem x.ten Orthopäden zu erklären, dass ich mit einer Hüftdysplasie zur Welt gekommen bin, immer noch nicht alles geklärt ist und ich nunmal mit einer gewöhnlichen Röntgenaufnahme bereits mehrfach nicht weiter gekommen bin. Hinzu kommt ein gebrochener bzw. nicht normal gewachsener 5. Lendenwirbel, überdehnbare Gelenke, Fehlstellungen von Füßen und Beinen. All diese körperlichen Einschränkungen wurden mir letztlich und vollständig erst durch MBSR deutlich. Vorher habe ich abwechselnd verdrängt, geübt, gehofft, resigniert. Dann bin ich auch noch seit mehreren Jahren schwerhörig und insbesondere in Gruppen ist das genaue Verstehen für mich viel belastender, als für Normalhörende. Auch die eher sanften Übungen des MBSR bringen und brachten mich an viele Grenzen:

Achtsames Yoga

Yogaübungen im Stehen sind eine Tortour. Egal, was ich unternehme, es geht nicht bzw. nur sehr schlecht und nie lange. Irgendwann die Erkenntnis: Ok, langes Stehen funktioniert nicht, funktioniert nie, auch nicht im Alltag.

Dann die anderen Yogaübungen des MBSR: Bei manchen Übungen machen mir meine dünnen und überdehnbaren Handgelenke einen Strich durch die Rechnung. Manche Dehn- und Drehbewegungen könnten das endgültige k.o für die bereits sehr dünne Bandscheibe an meinem falsch gewachsenen 5. Lendenwirbel sein.

Gehmeditation

Bei der Gehmeditation bemerke ich insbesondere dann, wenn wir uns im Uhrzeigersinn im Kreis bewegen, dass mich die Hüftfehlstellung in Kombination mit Fußfehlstellungen fast ständig aus dem Gleichgewicht bringt. Auch langsameres Geradeaus-Gehen erlebe ich aufgrund leichter Sichelfüße, immer wieder als eine größere Herausforderung.

Sitzmeditation

In der Sitzmeditation probierte ich vieles aus: Sitzbänkchen, Sitzkissen, Stuhl, höher, niedriger, länger, kürzer sitzend. Schneidersitz geht auch mit viel Dehnungsübungen nicht. Außerdem gerate ich immer wieder an Einschränkungen wegen des Lendenwirbels.

Achtsamkeitsübungen – was hilft mir?

Hilfreich war für mich die Empfehlung, individuell für mich zu schauen, was geht oder eben auch nicht. Denn: MBSR, Achtsamkeit, Meditation – das geht auch mit körperlichen Einschränkungen – aber es ist wichtig, Alternativen suchen, Übungen zu variieren und ggf. auch manches wegzulassen:

Yogaübungen im Stehen kann ich oft auch im Sitzen durchführen. Ich stelle mir vor, meine Sitzbeinhöcker sind meine Beine und Füße. Im Stehen führe ich Übungen nur so lange durch, wie sie annähend beschwerdefrei möglich sind. Für mich ungünstige Dreh- und Dehnbewegungen lasse ich weg.

Wenn ich Gehmeditation alleine übe, dann grundsätzlich nur auf geraden Strecken. Ich sehe die Gehmeditation immer auch als eine Möglichkeit auszuprobieren, welche und wieviel Stabilität in dieser Bewegungsform möglich ist. Auch achte ich darauf, dass ich ein für mich passendes Tempo finde.

Sitzmeditation übe ich für mehr Stabilität im Lendenwirbelbereich nur noch auf einem Stuhl mit Rückenlehne. Meditationskissen und Meditationsbänkchen sind für meine Hüfte unpassend. Auch achte ich darauf, meine Haltung öfter ein klein wenig zu wechseln und zu variieren. War es nicht Buddha selbst, von dem berichtet wird, dass er sich beim Meditieren an einen Baum lehnte? Wie symphatisch mir das ist! Leider finde ich diese Textstelle nicht mehr, aber interessanterweise jede Menge Bilder (siehe: https://www.google.de/search?q=Buddha+lehnte+sich+an+einen+Baum&client=ubuntu&hs=1A0&channel=fs&dcr=0&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwiu0uSa2M3YAhVFGsAKHQmAADUQsAQIJg&biw=1366&bih=591)

Ich variiere auch beim Bodyscan, um nicht in für mich einseitige und für mich ungesunde Haltungen zu geraten und um unsinnige Schmerzen und Verkrampfungen zu vermeiden.

Hilfreich ist es für mich auch, zeitlich andere Intervalle zu wählen. MBSR ist mit den vielen, unterschiedlichen Übungen sehr abwechslungsreich. Daher bietet es sich an, dies auch passend zu nutzen. Passend heißt für mich, dass ich oft kürzere Übungseinheiten nutze und diese aneinander reihe. Also beispielsweise folgen 5 Minuten Yoga, eine 10-minütige Meditation, die von 5-minütiger Gehmeditation abgewechselt wird, usw.. In einer Gruppe übend, wandle ich bei Bedarf ab, pausiere zwischenzeitlich und steige dann wieder in die Übung ein.

Meine Wünsche an MBSR-, Achtsamkeits- und Meditationslehrer

Gerade MBSR ist von Jon Kabat-Zinn in seinen Anfängen nicht vorrangig für die gesunden und körperlich normal belastbaren Menschen entwickelt worden. Ich finde, im MBSR macht es Sinn, sich dieser Besonderheit bewusst zu sein und daher auch in besonderem Maße Angebote für die Menschen bereit halten, die nicht „normal“ physisch belastbar sind. Wenn nicht die MBSR-Lehrenden, wer sollte es dann tun?

Klangschale auf Dielenfußboden

Achtsamer Umgang mit dem eigenen Körper

Was ich mir für mich und auch für andere Menschen mit körperlichen Einschränkungen wünsche, ist, dass Lehrende regelmäßig auf die notwendige und erforderliche Achtsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper hinweisen. MBSR ist kein Leistungssport. Nicht jede körperliche Einschränkung ist von außen her erkennbar und nicht jede/r Übende weiß überhaupt davon!

Achtsame Kreativität entwickeln

Wichtig finde ich gerade für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, dass sie zu kreativem und achtsamen Umgang mit Einschränkungen angeleitet, unterstützt und ermutigt werden. Welche Bewegungs- oder Übungsvarianten gibt es? Es geht immer vorrangig um Achtsamkeit, nicht darum, dass „Alle“ dass so machen und dass dies oder das ja schon immer so gemacht wurde.

MBSR – Weiterentwicklung spezieller Angebote

Welche Übungsvarianten könnten seitens des MBSR‘s noch entwickelt werden? Ist es möglich, spezielle Angebote zu entwickeln, z.B. von MBSR-Lehrern mit einer Berufsausbildung in Physiotherapie? Sie hätten wertvolles Grundwissen, welches in die MBSR-Übungen einfließen könnte.

Könnten idealerweise sogar MBSR-Übungen in Zusammenarbeit mit Orthopäden und Physiotherapeuten entwickelt werden? Vielleicht geht es hierbei als Ziel nicht so sehr, den Übenden in einer bestimmten Zeit, bestimmte Übungen und Übungsreihen in einer festgelegten Abfolge zu vermitteln, sondern die Übenden in die Lage zu versetzen, besser und gezielter auf den eigenen Körper zu achten, Warnsignale frühzeitig wahrzunehmen und ihnen zu vermitteln, welche Übungen einfach eine Sache der (mühsamen) Übung sind und wo es wichtig ist, Übungen auch wegzulassen oder Alternativen zu finden.

Einfach üben können

Äußerlich wirke ich „fast normal“. Aber so normal ist es nun mal nicht. Trotzdem möchte ich nicht von Achtsamkeit und Meditation ausgeschlossen sein. Ich möchte Achtsamkeitsübungen einfach üben können und zwar ohne, dass ich in Dauerstress gerate, weil mich vieles überfordert. Nicht zuletzt ist mir Achtsamkeit und Meditation wichtig, weil ein gutes Körpergefühl  gerade auch bei körperlichen Einschränkungen besonders hilfreich ist. Phantastisch wäre es für mich, wenn es für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Handicaps, noch mehr Weiterentwicklungen, spezielle Anleitungen, Hilfen, Tipps und Angebote gäbe.

Achtsamkeit und Minimalismus als Trend

Der gelegentliche Hype um Achtsamkeit und Minimalismus

Manchmal empfinde ich unsere Gesellschaft als sehr laut. Es dröhnt, es tönt, es flimmert. Und nun ist Achtsamkeit und Minimalismus auch noch zum Trend geworden – ausgerechnet. Mich interessieren beide Bereiche und sie gehören für mich zusammen. Ich bin grundsätzlich durchaus ein neugieriger Mensch, vernetze mich gerne, genieße es, mich gedanklich auszutauschen. Aber der gelegentliche Hype, der um Achtsamkeit und Minimalismus entsteht, ich betrachte ihn – bei aller Sympathie für diese Themen –  durchaus auch kritisch.

Nun entdecken beispielsweise plötzlich auch die großen Unternehmen die Achtsamkeit.
Aha…

Und Zuhause ist aus dem ehemals gewöhnlichen Ausmisten und Entrümpeln, eine Challange geworden und nennt sich nun Minimalismus.
So, so…

Achtsamkeit und Minimalismus – was mir wichtig ist

Wer denkt, dass er durch Meditation erfolgreicher wird, beim Meditieren den inneren, entleerten Akku mal so eben aufladen kann, um dann idealerweise noch Gewinne einzufahren, besser, perfekter und erfolgreicher zu sein, hat noch nicht allzu viel verstanden von Meditation und Achtsamkeit. Und Entrümpeln ist erst mal das, was es ist: Entrümpeln. Es ist maximal der Anfang des Weges, hin, zu einem minimalistischeren, einfacheren Lebensstil.

Gibt es überhaupt Minimalismus?

Manchmal frage ich mich dann auch noch, ob es so etwas wie Minimalismus überhaupt gibt? Wenn ich mich in meinen eigenen vier Wänden umschaue, dann ist das im Vergleich, in unserem gesellschaftlichen Umfeld, tatsächlich recht wenig. Das fällt sogar mir selbst auf. Aber mir fehlt nichts und manche Dinge habe ich sogar in großen Mengen. Spaßeshalber habe ich neulich mal meine T-Shirts gezählt. Ich wusste vorher, dass es der Teil meiner Kleidung ist, von dem ich am meisten besitze: Es waren 18 T-Shirts. 18!! So viel hatte ich in früheren Zeiten nie und ich hätte selbst als Teenager jeden für komplett bekloppt erklärt, der soviel Zeugs besitzt. Ich kaufe inzwischen manche Dinge mehrfach – der Bequemlichkeit halber und weil ich es leid bin, auf modische Einseitigkeiten angewiesen zu sein. Da habe ich mir halt ein kleines Warenlager angeschafft und jetzt lange Ruhe mit der T-Shirt-Shopperei.

Bildausschnitt von 3 Stapeln T-Shirts

Mein Kleiderschrank ist auch mit diesen 18 T-Shirts immer noch sehr viel kleiner, als bei vielen anderen Menschen. Das ist schon ziemlich verrückt. Was wir als viel und was als wenig bezeichnen, ist doch sehr relativ. Letztlich ist es mir persönlich egal, ob dies, das oder jenes Trend ist. Ich werde dieses Jahr 57 Jahre alt – nicht 17, nicht 27, nicht einmal 37 Jahre. Mich interessieren andere Dinge –  eine lebenswerte Welt beispielsweise. Mir ist es wichtig, dass wir uns und unsere Natur nicht kaputt konsumieren.

Achtsamkeit hat mir zu mehr Souveränität verholfen

Die Konsequenz der Achtsamkeitspraxis ist mein Lebensstil, so wie er jetzt ist und so, wie auch immer er sich weiter entwickeln wird. Was ich durch Achtsamkeit gelernt habe ist, die eigene Befindlichkeit ernst, aber nicht allzu wichtig zu nehmen. Mich selbst fühlen, spüren, aber mich deshalb nicht zum Zentrum des Universums machen. Dazu gehört eben auch, dass ich mich nicht über möglichst viele, aber auch nicht über möglichst wenige Dinge definiere. Ich benutze sie lediglich.

Achtsamkeit bringt ebenso Realität und Bodenhaftung ins eigene Leben, wie Minimalismus. In einer Meditation immer wieder die eigenen, umher irrenden Gedanken- und Gefühlswelten zur Wahrnehmung des Atems zurück zu bringen, ist ein ähnlich intensiver Prozess, wie die ganz praktische und sich ebenfalls wiederholende Minimalismus-Frage, welche Dinge nun wirklich in das eigene Leben gehören, welche nicht und wo ich mich nur in oberflächlichen Konsumablenkungen verliere.

In der Meditation geht es darum, immer immer wieder zur Wahrnehmung des eigenen Atems zurück zu finden. Im Minimalismus geht es darum, sich immer wieder nach den wirklich wesentlichen Dingen im eigenen Leben zu fragen. Dies ist sicherlich manchmal ein mühsamer, aber auch ein sehr befreiender Prozess. Mir hat dies viel Lebensfreude und Lebensqualität ermöglicht.

 

Filmtipp: Nur die Ruhe! Die Neuentdeckung der Langsamkeit

In der Sendereihe „Plan b“ ist in der Onlinemediathek des ZDF noch bis zum 23.12.2018 der Film Nur die Ruhe! Die Neuentdeckung der Langsamkeit zu sehen.

Im Film wird u.a. Meditation zur Verbesserung von Leistung, aber auch der kritische Blick darauf, vorgestellt. Wohlergehen als neues Statusdenken, Langsamkeit als Reaktion auf eine Gesellschaft im Hochgeschwindigkeitsmodus und als Burnout-Vorsorge. Auf den Punkt bringt es Judith Holofernes, in dem sie sagt: „Aufgeschobenes Lebensglück finde ich eins der größten Dramen unserer Gesellschaft.“

https://www.zdf.de/gesellschaft/plan-b/plan-b-nur-die-ruhe-100.html

 

Filmtipp: Zeit für Stille

Zeit für Stille

Es ist der Samstag vor dem 1. Advent, als ich losziehe, um mir im Kino den Film „Zeit für Stille“ anzuschauen. Ich verlasse meine ruhige Wohngegend. Als ich mich der vielbefahrenen Straße nähere, dringt Autolärm an mein Ohr. An der U-Bahn-Haltestelle wird es wieder ruhiger, nur die Geräusche der Rolltreppe sind zu hören. Einige Menschen unterhalten sich, dann quietschen die Bremsen der heran fahrenden U-Bahn. Der Großteil der Menschen hier ist auf dem Weg in die Einkaufszone der Innenstadt. Das alljähliche Vorweihnachtsshopping hat längst begonnen. Die ehemals stille Adventszeit ist längst zu einem Weihnachtsjahrmarkt geworden – bunt, laut, voll. 

Frau von hinten fotografiert. Wehende Haare. Im Hintergrund verschwommen ein vorbeifahrender Zug.
Foto: © www.zeit-fuer-stille.de

Eine Handvoll Menschen hat schließlich trotzdem den Weg ins Kino gefunden. Es ist still, selbst die üblichen Popcorn-Raschelgeräusche fehlen.

 

Zeit für Stille – der Film

Grünes Feld. An der Grenze zum Horizont ein mittig stehender Baum
Foto: www.zeit-fuer-stille.de

Patrick Shen gelingt es in dem Dokumentarfilm, nicht nur Bilder zu zeigen und interessante Interviews zu führen, sondern die Inhalte für den Zuschauer erlebbar werden zu lassen. Ich bin im ersten Moment überrascht, über die heute so selten gewordenen, langen Bildeinstellungen, genieße sie dann aber um so mehr. Sie lassen tatsächlich meine Augen und Ohren zur Ruhe kommen und mich intensiver in den Film eintauchen. Plötzlich wird der im Wind wehende Grashalm interessant. Ob es der schweigende Wanderer ist, die Mönche im Kloster oder die Menschen bei der japanischen Teezeremonie, überall ist die Weite und das Aufatmen dieser Stille spürbar. Die Zeit scheint zu stehen und die vermeintlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur verwischen.

Die Wirkungen des Lärms werden ebenfalls eindrucksvoll dokumentiert. Mir wird deutlich, was für eine mitunter verrückte Welt wir selbst produzieren. Die Auswirkungen des Lärms ist für mich bis in den Kinosessel hinein spürbar. Ich empfinde manche Geräusche so unangenehm, dass sich meine Muskulatur unwillkürlich zusammen zieht. Ich bin froh, als sich die Zeit für Stille wieder im Film und auch in mir ausweitet. 

Zeit für Stille: Ein sehens-, hörens- und spürenswerter Dokumentarfilm.

 

Daten zum Film:

Titel: Zeit für Stille
Regie: Patrick Shen
Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln
FSK: o. Altersbeschränkung
Laufzeit: 81 Min.
Kinostart: 30. November 2017
Verleih: Mindjazz-Pictures

Kinotermine

http://mindjazz-pictures.de/kinotermine

 

Webseite: www.zeit-fuer-stille.de

Trailer 1:

 

Trailer2 (ohne Worte):

 


 

Grenzen von Normalitäts-Schablonen überwinden

Manchmal ist das, was wir so üblicherweise als „normal“ bezeichnen, so gar nicht normal. Und wenn es gar zu einer Art „Normalitäts-Schablone“ gerät, wird es Zeit, diese Begrenzungen zu überwinden. Ich lasse mal all die Normalitäts-Definitionen und  -diskussionen beiseite, konzentriere mich auf den ganz gewöhnlichen Alltag und greife mal eins meiner ebenfalls ganz gewöhnlichen Erlebnisse heraus:

„… Dann ist es auch egal…“

Ich war auf dem Weg zu einer MBSR-Übungsgruppe, als ich die Treppe vom Bahnsteig zur U-Bahn hinunter ging und mir ganz spontan und wohlgelaunt durch den Kopf ging: „Ok, dann bin ich jetzt eben alt. Dann ist es auch egal.“

Verdutztes Innehalten.

Mooooment!

So alt bin ich doch noch gar nicht. Ok, 56 Jahre. Aber nicht 65, nicht 76 und nicht 82. Aber irgendwas fühlte sich plötzlich anders an. Doch was überhaupt? Und was bedeutet denn für mich „egal?“ Und warum fühlt sich das dann auch noch gut an?

 

„Normalitäts-Schablonen“ überwinden

Ich nutzte die anschließenden Übungen der MBSR-Achtsamkeitsgruppe um hinzuspüren, wie es mir geht, hier und jetzt und von Moment zu Moment. Diese einzelnen Momente sind häufig besondere Herausforderungen, aber sie sind auch der Schlüssel zur Lösung.

Aufgrund einiger körperlicher (orthopädischer) Einschränkungen habe ich deutlich mehr Schwierigkeiten zu bewältigen, als die meisten anderen TeilnehmerInnen, manches geht gar nicht. Die rechte Hüfte ist deutlich unbeweglicher als die linke. Fußfehlstellungen machen etwas längeres beschwerdefreies Stehen nahezu unmöglich, ein deformierter Lendenwirbel und überdehnbare Gelenke machen Vorsichtsmaßnahmen nötig. Jahre und Jahrzehnte habe ich mich damit gestresst, mich damit herum gequält und bis zum Umfallen geübt. Ich wollte doch irgendwie nur mal dahin kommen, „normal“ mitmachen zu können. Es ging aber nicht, zumindestens nie annähernd so gut, wie die meisten anderen TeilnehmerInnen und dies nicht nur in MBSR-Gruppen, sondern auch in den diversen Gymnastik-, Fitness-, Physiotherapie- und weiß-ich-was-Gruppen.

Die letzten Wochen hat mich dies sehr beschäftigt. Und natürlich: Mit 20 oder 30 Jahren hatte ich auch diese Probleme, aber da konnte ich sie noch besser „wegstecken“ und  mich mit der Illusion aufrecht halten, dass ich einfach nur fleißig üben muss, damit es dann besser wird. Und klar, spüre ich nun mit 56 Jahren, dass darüber hinwegsehen oder üben, üben, üben eben auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Aber genau da liegt auch die Chance.

 

Grenzen erkennen

Was nicht „normal“ ist, muss auch nicht „normal“ sein. Genau das ist dann auch dieses „Dann-ist-es-auch-egal-Gefühl“, welches mich so wohltuend auf dem Weg zur U-Bahn durchströmte. Grenzen als Grenzen erkennen und  auch einfach mal zu akzeptieren, befreit. Es befreit von all dem Druck des „Normal-sein-Wollens.“

 

Grenzen überwinden

Es befreit auch, Grenzen an den richtigen Stellen einfach auch mal zu überwinden. Bei mir sind es beispielsweise die Grenzen der üblichen Meditations- und MBSR-Übungen. Mir reichen sie so nicht. Deshalb erweitere ich sie inzwischen, variiere, probiere und fühle hin, wie es mir geht, was ich brauche, was ich evtl. auch anders brauche, als die Menschen um mich herum.

All die vielen unpassenden „Normalitäts-Schablonen“ benötigen viel zu viel Energie. Nicht nur in MBSR und Meditation, sondern auch in so vielen anderen Bereichen: So scheint es heute fast „normal“, bis zum Umfallen zu konsumieren. Shoppen, bis der Arzt kommt. Ich will es aber nicht. Deshalb begrenze ich sowas und bin da gerne „unnormal“ . Ich gönne jedem seine und ihre Wohnungsdeko wirklich, ehrlich und von ganzem Herzen. Ich kann mich sogar daran erfreuen – bei Anderen! Bei mir will ich diese Deko nicht. Tannen gehören für mich in die Natur und nicht in den Christbaumständer. Den Kleiderschrank zu entrümpeln ist für mich auch kein Minimalismus, das ist nur das notwendige Übel auf dem Weg dahin.

Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn ich die Begrenztheiten des Zuviels überwinde und genau hinspüre, was ich wirklich brauche. Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn Raum zum Atmen da ist: Begegnung statt Begrenzung, Miteinander statt Gegeneinander, fürsorglich statt missgünstig. Es gibt lebenswerteres, als sich mit „Normalitäts-Schablonen“ und deren Begrenzungen aufzuhalten – genau das ist für mich Achsamkeit und genau das ist für mich auch Minimalismus.

 

 

#Konsumauszeit – das Leben achtsamer gestalten

Als ich las, dass Svenja und Marc (Twitter: @apfel_maedchen & @sadfsh) ihre jährliche #Konsumauszeit für November angekündigt haben, kam mir spontan der Gedanke: Das ist es. Eine prima Aktion, um das eigene Leben achtsamer zu gestalten.

Meine Gedanken dazu:

Wir leben in einer hochkomplexen Gesellschaft. Unser Alltag ist oft rastlos. Wir sind konfrontiert mit Arbeitsverdichtung, Sorge um Arbeitsplätze und nicht wenige Menschen mit einer grottenschlechten Bezahlung. Wir konsumieren in der Regel viel zu viel, deutlich über unseren wirklichen Bedarf hinaus, manchmal auch komplett an unserem Bedarf vorbei. Damit schaden wir der Natur, anderen Menschen und letztlich sogar uns selbst. Unsere Meere vermüllen mit Plastik, die Vielfalt in der Natur geht bedenklich und dramatisch zurück, der Klimawandel ist bereits deutlich zu spüren – und wir beschäftigen uns noch immer mit dem neuesten Smartphone, der nächsten Flugreise in den Urlaub und quälen uns an Wochenenden durch die Shoppingcenter der Städte. Wie verrückt ist sowas? Manchmal kommt es mir vor, als laufen wir ständig irgendwelchen „Konsum-Schnullern“ hinterher und wollen einfach nicht wahr haben, dass uns diese Konsum-Schnuller immer hungrig zurücklassen werden.

Natürlich bin auch ich Teil dieser Gesellschaft. Seit einiger Zeit bemerke ich, dass ich zwar nicht ständig irgend etwas kaufe, schon gar nicht unnötige Dinge. Aber ich habe ständig Ideen für Käufe im Kopf. Es ist ein ständiges ideenreiches Gedankenkreisen, aber ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Wer sich aber ständig im Kreis dreht, muss sich nicht wundern, wenn es ihm oder ihr schwindelig wird. Vermutlich sind es einfach Ablenkungen vom eigentlichen Thema, welches mich parallel beschäftigt:

 

Weniger ist mehr – beim Konsumieren, aber auch beim Meditieren

Zumindestens bei mir ist das so. Mit einigen körperlichen Einschränkungen, die ich nunmal habe, kann ich im Alltag inzwischen ganz gut leben, aber gerade bei den formalen MBSR-Achtsamkeitsübungen gelange ich durch diese Einschränkungen ständig an Grenzen und in Überlastungssituationen. Auch wenn ich einige Yogaübungen inzwischen weglasse oder verändere und sehr auf mich achte, bleibt es schwierig. Ein von Geburt an unzureichend ausgebildeter Lendenwirbelbogen wächst nunmal auch mit intensiver Meditationspraxis nicht zusammen, erschwert aber das Üben ebenso, wie meine Schwerhörigkeit, wenn ich an einer Meditationsgruppe teilnehme.

Ich möchte dieses Jahr die #Konsumauszeit nutzen, um Alternativen für unsinniges Gedankenkreisen ums Konsumieren, aber auch neue Wege für Achtsamkeit und Meditation zu finden – integriert in meine ganz normalen Alltagsabläufe. Und genau hier passen dann auch vielfältige Ideen hin. Mal schauen, ob und was mir hierzu einfällt.

Über meine Erfahrungen und Erlebnisse werde ich im Verlauf des Novembers hier auf der Webseite dann noch berichten. Wer informiert werden möchten, kann sich unten für den Newsletter anmelden.

Informationen zur #Konsumauszeit hier: https://t.co/vQzW9G1uOR?amp=1

 

 

 

Achtsamkeit und Minimalismus als Lebensfülle

Minimalisiert: der Sessel ist weg…

Ich hatte ihn schon längere Zeit nicht genutzt: meinen Sessel und den dazugehörige Hocker. Dabei war er doch bequem, zumindestens dachte ich das. Denn meinen Körper achtsam erspürt, habe ich im Laufe der Zeit bemerkt, dass dieser Sessel für längeres Sitzen unbequem ist, zumindestens für mich. Also ist dieser Sessel jetzt weg und erfreut nun einen anderen Menschen. Denn Dinge sollten Freude bereiten und nicht Ursache für Mißgefühl sein – für mich ein wichtiger Minimalismus-Grundgedanke.

weißer Pöang-Sessel mit Fußteil

Meditierend den Wohnraum erspüren

Die meisten Menschen mit regelmäßiger Meditationspraxis haben einen festen Ort für ihre Meditation. Oft ist dieser Ort besonders gestaltet. Es gibt natürlich viele Gründe, warum das genau richtig und sinnvoll ist.
Ich habe dies anfangs auch so probiert und kam damit aber sehr schnell an meine Grenzen, genau gesagt, an meine körperlichen Grenzen. U.a. habe ich recht lange Beine, sowie einige angeborene Einschränkungen in der Beweglichkeit von Hüfte und Lendenwirbelsäule. Da passt immer irgendwas nicht. Meditationshocker, Meditationskissen, diverse Stühle, auf dem Futon liegend – es waren viele Varianten, die ich ausprobiert habe und dies an vielen, unterschiedlichen Stellen meiner Wohnung. Dies ist sicher etwas unüblich, aber meine begrenzten Möglichkeiten bei Meditationshaltungen, führen interessanterweise auch dazu, dass ich mich und meine Umgebung trotzdem differenzierter wahrnehme:

Das Wohnen fühlen

Achtsamkeitsübungen finden bei mir nicht an einer ganz bestimmten Stelle eines bestimmten Raums meiner Wohnung statt, während an den anderen Stellen der Wohnung der normale Alltag geschieht. Beides geht ineinander über und ist nicht getrennt voneinander. Dadurch erspüre ich im Laufe der Zeit viel mehr von dem, wie ich die einzelnen Zimmer, die Tages- oder Jahreszeiten wahrnehme und erlebe. Ich empfinde differenzierter, mit welchen Dingen und Möbeln ich mich wohlfühle oder auch nicht.

Optisch schön, aber …

Eine wichtige Entdeckung ist etwas sehr typisches für mich: Es gibt Dinge, die finde ich optisch einfach schön. Ich fühle mich aber trotzdem nicht wohl damit.

Jetzt, wo mein Sessel weg ist, kommt mir mal wieder der Gedanke, dass es optisch doch vielleicht schöner wäre, ich würde etwas mehr in meine Wohnung stellen. Irgendeine Deko, vielleicht ein Teppich, Vorhänge, noch irgendein Möbelstück. Es muss ja nicht gleich ein Stehrümchen sein… Zu früheren Zeiten wäre ich vermutlich gleich losgelaufen, um irgendwas zu kaufen, was ich mir dann irgendwo in die Wohnung gestellt hätte, damit es irgendwie schöner und letztlich auch gesellschaftskonformer aussieht – bis ich es dann leid geworden wäre und wieder entsorgt hätte. Doch genau so möchte ich das heute nicht mehr und deshalb lasse ich mir Zeit.

Eher wenige Dinge zu besitzen, mag eine Wohnung auf den ersten Eindruck optisch nicht so attraktiv erscheinen lassen, aber mir geht es damit besser. Ich fühle mich viel leichter, befreiter – einfach, weil ich genauso bin, weil es zu mir passt und ich es genau so haben möchte. Mir fällt dadurch ein riesiger Ballast von den Schultern. All der Kram-Ballast, mit dem ich mir die Wohnung nicht vollstellen muss und all der Ballast des Unwohlseins, den ich mit diesem Kram gehabt hätte.

Ständiger Konsum von Dingen, die uns überflutenden Angebote von irgendwas, der Reiz des Neuen, die Moden und Trends – all das mag vordergründig attraktiv erscheinen, ist aber vorrangig fremdbestimmt und lässt unser Gespür abstumpfen, für das, was wirklich wesentlich in unserem Leben ist. Die Leere, die in Achtsamkeit und Minimalismus deutlich werden kann, mag vordergründig unangenehm erscheinen, sie ist aber nicht wirklich leer, sondern Quelle der Lebensfülle, die nun endlich nicht mehr behindert wird.

Minimalismus – wen interessieren schon Sockenzählereien

Minimalismus – das Klischee

Immer wieder wird Minimalismus in Verbindung damit gebracht, dass Menschen in ihren leeren Wohnungen auf dem Fußboden sitzen, ihre Socken, T-Shirts und Tassen zählen und möglichst auch noch peinlich darauf achten, ob sie nun bloß nicht über die Summe von 100 Teilen kommen. Dabei war diese 100-Teile-Geschichte nur mal eine Aktion von Dave Bruno und er bezog sich nur auf seine persönlichen Dinge. All die von seiner Familien gemeinsam genutzten Dinge standen nicht auf seiner Liste und meines Wissens hat er sein Bücherregal dabei auch nicht mitgezählt…

Zählereien mag interessieren, wen es will. Mich nicht. Und die minimalistisch lebenden Menschen, die ich kenne, interessiert es meistens auch nicht. Die finden das eher lustig und manchmal sind sie auch genervt, weil dieses Minimalismus-Zähl-Klischee immer wieder sehr hartnäckig durch die Medien getrieben wird.

 

Minimalismus jenseits der Zählerei

Beim Minimalismus als Lebensstil geht es genau genommen um ganz andere Themen. Beispielsweise darum, nicht mehr im Teufelskreis von Arbeit und Konsum bis zur Atemlosigkeit zu rotieren, Lebensqualität jenseits der Shoppingmeilen zu finden, mehr Zeit für die Kinder zu haben, zur Ruhe zu kommen und vieles mehr. Unser Planet ächzt unter den Ausbeutungen und Belastungen, die wir ihm täglich zumuten. Wozu? Für wen? Für was?

 

Wie kurzsichtig ist unser Lebensstil geworden?

Kommen auf dem neuesten Hightech-Fernsehgerät qualitativ bessere Sendungen? Was hat ein annähernd normalsichtiger Mensch davon, wenn der TV-Bildschirm und damit auch die zu sehenden Figuren, etwas größer oder kleiner sind? Welchen Einfluss hat es ganz ernsthaft auf mein Wohlergehen, ob das T-Shirt nun gestreift oder unifarbenen ist? Warum um alles in der Welt ist es nötig, Unmengen an allen möglichen Krempel Zuhause zu lagern, ohne ihn überhaupt zu benutzen? Schaue ich mir wirklich die riesige DVD-Sammlung an? Lese ich all die Bücher noch? Und was ist eigentlich so spannend daran, sich morgens vor einem komplett überfüllten Kleiderschrank mit der Auswahl der passenden Kleidungsstücke herum zu quälen? Ich liege genau diese Zeit viel lieber länger im Bett.

 

Es gibt nichts, was ich tue, WEIL es minimalistisch ist

Mein Ausgangspunkt für einen minimalistischen Lebensstil war die Reduzierung von Stress. Ich habe mir lange Zeit keinerlei Gedanken um Minimalismus gemacht. Als Meditation und Achtsamkeit in meinen Alltag kamen, habe ich deutlicher gespürt, womit ich mich wohl fühle und habe erst dadurch entdeckt, dass es für meine bevorzugte Art zu leben, tatsächlich ein Wort gibt: Minimalismus. Dieser so vielfältige Lebensstil passt zu mir. Damit geht es mir gut. Mit weniger Dingen fühle ich mich freier. Wenn nicht viel rumsteht, bin ich mit dem Haushalt schneller fertig. Das, was ich nicht besitze, muss ich nicht aufräumen. Klimbim und Stehrümchen mochte ich darüber hinaus wirklich noch nie. 

 

Ich habe Spaß an Dingen

Minimalismus hat mich sehr viel pingeliger gemacht. Ich finde, Kaffee aus Pappbechern ist nicht nur ein Umweltdesaster, sondern schmeckt einfach nicht. Ich genieße es sehr, wenn ich den Proviant, den ich mit zur Arbeit nehme, nicht in irgendwelche Plastikboxen packen muss. Ich genieße meine wunderschönen und haltbaren Edelstahlboxen.

 

 

Ich habe nämlich Spaß an Dingen. Dazu muss ich diese Dinge aber nicht alle zählen. Es reicht mir, wenn ich sie einfach genießen kann. Ich brauche nicht Werbung, Meinungen, Trends, Lifestyle und was auch immer, um mir einsuggerieren lassen, was ich konsumieren und schön finden soll. Es ist mein minimalistischer Luxus, dies an meinen tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten. Ich will nicht allen möglichen Krempel in die Wohnung lassen, nur weil dies in unserer Konsumgesellschaft so üblich ist. Dass meine Wohnung eher leer ist, empfinden andere Menschen vielleicht so, ich nicht. Meine Wohnung ist lediglich auf meinen ganz persönlichen Bedarf ausgerichtet. Es fühlt sich nämlich sehr gut an, immer besser differenzieren zu können, was Spontanwunsch, Kauflaune, Frustkauf und was wirkliches Bedürfnis ist. 

Wen interessieren schon langweilige Sockenzählereien. Es geht nicht um viele Dinge. Es geht auch nicht um wenig Dinge. Es geht ums Leben. Mein, dein und unser Leben und wie wir dieses Leben gestalten wollen.

 

 


 

Abschalten – Zeichen setzen

Multimediale Ablenkungen runter fahren

Was genau beschäftigt mich eigentlich, wenn ich mich mal nicht dem Aktionismus hingebe und mich nicht in den vielen multimedialen Ablenkungen verliere? Diese Frage beschäftigt mich schon länger, bin ich doch auch selbst manchmal gerne und lange irgendwo in den digitalen Welten unterwegs.

Multimediale Ablenkungen runter zu fahren, hat auch damit zutun, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Sich selbst wahrnehmen und ernstnehmen, die eigenen Gedanken, Gefühle, die eigene Befindlichkeit. Wir leben zwar im digitalen Zeitalter – unser Gehirn, unsere Psyche ist aber nach wie vor analog und können nur in begrenztem Umfang Informationen aufnehmen und verarbeiten.

Wenn mir etwas zu viel wird, dieses Zuviel einfach mal ganz bewusst und aktiv abzuschalten, möglichst rechtzeitig, möglichst regelmäßig. Ich muss nicht jede politische und gesellschaftliche Nachricht, jede noch so kleine Wasserstandsmeldung verfolgen. Insbesondere dann nicht, wenn die Gefahr besteht, dass ich in einen überdrehten Aktionismus gerate und mir dadurch absehbar irgendwann „die Puste ausgeht“.

 

Einen langen Atem haben

Wenn es irgendetwas gibt, was ich als Sozialpädagogin in rd. 35 Jahren sozialer Arbeit und Beratung gelernt habe, dann, dass Entwicklungen und Veränderungen einen langen Atem brauchen, manchmal einen sehr langen Atem. Und liebe Leser_Innen, glaubt es mir, ich weiß wirklich sehr genau, von was ich hier gerade schreibe. Ich kenne viele Lebenswege, die einem verflochtenem und verworrenem Dschungel gleichen. In diesem Dschungel sind nicht nur die Betroffenen, sondern zeitweise auch ich – fachlich begleitend – unterwegs. Nicht selten versagen da alle Landkarten und Navigationsgeräte. Diskutieren, taktieren, perfekte ToDo-Listen helfen da nicht. Selbst ein noch so großes pädagogisches Handlungsrepertoire erscheint mitunter, wie ein lahmer Witz. Es geht nur mit fachlich und menschlich authentischer Präsenz. Es braucht Sensibilität, Klarheit, Wachheit und viel Ausdauer. All dies kommt eher einem gemeinsamen Marathonlauf „über Stock und Stein“ gleich, als einem kurzen, kraftvollen 100-Meter-Sprint.

Bewusstes Abschalten ist da keine Flucht ins Private – im Gegenteil. Es dient dazu, Überdrehtheit und Erschöpfung zu verhindern und selbst handlungsfähig zu bleiben. Das eigene Tempo, den eigenen Lebensrhythmus in sich zu spüren, ist wichtig, lebenswichtig. Miteinander statt Gegeneinander zählt. Es geht darum, sich wirklich zu begegnen und Lösungen suchen, anstatt sich im Konkurrenzkampf zu verlieren und sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen.

 

Achtsamkeit und Minimalismus als gesellschaftliche Notwendigkeit

Minimalismus und Achtsamkeit sind für mich nicht einfach irgendein Trend. Sie sind eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Insbesondere, weil immer größere Bevölkerungsgruppen in unserem Land sich abgehängt, von der Gesellschaft vernachlässigt fühlen, weil sie nur noch um’s tägliche Überleben kämpfen, zwischen Jobcentern, Wohngeldstelle, Bildungs- und Teilhabe-Anträgen zermalmt werden. Dass auch diese Menschen versuchen, das persönliche Wohlbefinden durch Digitalkonsum zu steigern, ist nachvollziehbar. Irgendwie doch noch dazu zugehören wollen, das ist so menschlich  – auch wenn genau dadurch die Gefahr besteht, sich selbst darin zu verlieren.

 

Zeichen setzen

Es ist Zeit, Zeichen zu setzen. Wohin gesellschaftliche Fehlentwicklungen führen, zeigen nicht nur aktuelle Bundestagswahl-Ergebnisse. Ich erlebe dies – wie oben beschrieben – gerade in meinem beruflichen Umfeld tagtäglich, hautnah und sehr existentiell. 

Zeichen setzen kann und darf auch klein und ganz alltäglich sein. Es kann beispielsweise darin bestehen, einfach mal zu schauen, wie der eigene Alltag ein wenig achtsamer und minimalistischer gestaltet werden kann, um so wieder zu sich, zu anderen und zu wirklicher Lebensqualität zu finden:

  • Statt der nächsten Shoppingtour einfach mal ein längerer Spaziergang im Wald
  • Das neueste Smartphone liegen lassen und das alte Gerät weiter nutzen
  • Die ständig aufploppenden Nachrichten im Smartphone deaktivieren
  • In Gesprächen mit anderen Menschen (insbesondere Kindern!), das Handy in der Tasche lassen.
  • Öfter mal den Flugzeugmodus des Handy’s benutzen.
  • Das Handy mal Zuhause lassen.
  • Die meisten Smartphones haben eine Einstellmöglichkeit, dass nur bestimmte Anrufer zugelassen werden. Ideal z.B. für Eltern, die für ihre Kinder erreichbar bleiben wollen, aber ansonsten einfach auch mal offline unterwegs sein möchten.
  • Das Internet auch Zuhause öfter einfach mal ausschalten.
  • Insbesondere in Familien: Obergrenzen für Internet-Zeiten festlegen, an die sich dann neben den Kindern, auch die Eltern halten.
  • Welche sozialen Netzwerke müssen nicht sein?
  • Eigene Konsumgewohnheiten überprüfen: Welche Dinge in meiner Wohnung liegen seit langem ungenutzt herum? Wozu habe ich sie noch?
  • Sich in Freigiebigkeit üben: Brauche ich all das, was ich besitze? Wem könnte mein Besitz sehr viel besser dienen als mir?
  • ….

 

Den wirklichen Reichtum entdecken

Natürlich gelingt das nicht immer und schon gar nicht sofort. Aber es lohnt sich, den eigenen Reichtum zu entdecken. Nicht den Reichtum irgendwelcher Zahlen auf dem Girokonto, nicht irgendwelche überflüssigen Besitztümer, sondern den wirklichen Reichtum des eigenen SoSeins, den Reichtum eines wirklichen, zwischenmenschlicher Miteinanders und all der Reichtum, der sich sonst noch, fernab vom Besitztums-Anhäufungen und digitaler Überflutung, entdecken lässt.

 

 

 

 

Filmtipp: „Die heilsame Kraft der Meditation“

Klinische Studien und wissenschaftliche Experimente befassen sich bereits seit langem mit der heilsamen Kraft der Meditation. Die Dokumentation bei Arte erläutert die komplexen physiologischen Zusammenhänge zwischen dem meditierenden Geist und dem Organismus.

„Meditation und Medizin sind in zunehmenden Maße zwei Seiten ein und derselben Medaille“ – Jon Kabat-Zinn

Die heilsame Kraft der Meditation – Arte.de auf Youtube