Die Minimalismus-Falle

Wie das Leben so manchmal ist:  #Konsumauszeit – und prompt sind einige Dinge einfach kaputt. Ich greife mal das banalste Beispiel überhaupt heraus: Socken sind hinüber. Einer nach dem anderen. Gestopft, wieder getragen, wieder kaputt. Irgendwann reicht eben auch die Kunst des Stopfens nicht mehr. Dieses Thema habe ich häufiger und das schon sehr lange. Und so entdecke ich sie wieder: die Minimalismus-Falle.

Ich entdecke, dass ich Konsumauszeit deshalb spannend finde, weil ich dann nichts einkaufen muss und nicht, weil ich zu häufig losziehe. Das, was nach Minimalismus aussieht, ist in Wirklichkeit einfach nur Einkäufe vor mir herzuschieben – bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Einkauf sein MUSS, aber zeitlich und inhaltlich eigentlich überhaupt nicht passt. 

Konsumkritikzeit

Ein Grund für diese Einkaufsunlust ist die Qualität der Dinge. Die Konsumauszeit ist in den letzten beiden Wochen für mich eher zu einer Konsumkritikzeit geworden. Viele Dinge, insbesondere elektrische Geräte, haben einfach eine deutliche kürzere Haltbarkeit. Ich spüre immer mehr, wie sehr mich das stört. Schon aus diesem Grund alleine habe ich oft keine Lust daran, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an allem möglichen Krams. Die Auswahl ist endlos. Einkaufen wird schnell zum arbeitsaufwändigen Hürdenlauf, bei dem ich mich durch Testberichte, Onlineshops und Geschäfte vor Ort quälen muss und so gerate ich in die Minimalismus-Falle:

 

Minimalismus-Falle 1 – Überfülle

Wenn ich etwas einkaufen will bzw. muss und habe dann Pech, ist die Stadt voll mit Menschen. Ich quäle mich durch die überfüllte Einkaufszone, wühle mich durch das mit Menschen und Dingen überfüllte Kaufhaus, stehe gefühlt ewig an einer Kasse. Kaufe ich online, habe ich zwar mehr Ruhe, aber das zu kaufende Ding auch nicht selbst in der Hand. Dann die Überlegung, welchen Shop ich jetzt nehmen soll, diesen oder jenen? Manchmal geht bei der Bestellung, manchmal beim Versand etwas schief. Irgendwas ist ja immer. – Also lasse ich es gerne mit dem Einkaufen, bis es wirklich nicht mehr anders geht und ziehe entsprechend schlecht gelaunt los…

 

Minimalismus-Falle 2: Perfektionismus

Perfektionismus im Zeitalter geplanter Obsoleszenz – das ist auch eine Hausnummer…
Ich hätte gerne immer DAS perfekte Produkt. Elektrische Geräte sollen ewig halten, keinen Platz weg nehmen, wenig Strom verbrauchen. Kleidung am liebsten bio und fair gehandelt, genau nach meinem Geschmack und in meiner Lieblingsfarbe, genau passend, preislich angemessen und direkt bei mir um die Ecke zu kaufen. Natürlich gerne all diese Vorteile gleichzeitig. Klappt natürlich nie. – Also lasse ich es dann mit dem Einkaufen. Meistens hänge ich tage-, wochen- oder monatelang in irgendwelchen Entscheidungsschleifen fest ohne jedes Ergebnis. Nach meinem Geschmack ist dies aber viel zu viel Aufmerksamkeit auf Dinge, die ich noch gar nicht habe.

 

Raus aus der Minimalismus-Falle

Mir geht es darum, mich mit der Anschaffung von notwendigen Dingen, möglichst nicht so lange und möglichst stressfrei zu beschäftigen. Auch das ist für mich Minimalismus: Wie minimalisiere ich Aufwand und Stress:

 

Meine Ideen dazu:

  • den eigenen Bedarf regelmäßig überprüfen: Wieviele und welche Dinge brauche ich tatsächlich?
  • Geht es auch ohne dieses oder jene einzelne Teil?
  • Zeitdruck vermeiden
  • Typische Zeiten überfüllter Kaufhäuser meiden (z.B. samstags, Vorweihnachtszeit, …)
  • Prioritätenliste – welche Aspekte meiner perfektionistischen Ansprüche sind am wichtigsten, wo sind ggf. Kompromisse möglich?
  • Frühzeitige Einkaufsliste erstellen – was wird in den nächsten Wochen oder Monaten vermutlich notwendig? 

Notizbuch mit Füller als Ausweg aus der Minimalismus-Falle

 

 

 

Zuwenig Auswahl in der Überflussgesellschaft

#Konsumauszeit und Minimalismus ist nichts Neues für mich. Das gab es bei mir genau genommen immer schon. Allerdings meistens eher unfreiwillig, auch in unserer Überflussgesellschaft. Zwei Beispiele:

Vorweihnachtszeit:

Ich finde es schon seit Jahrzehnten höchst unangenehm und stressig, zwischen Mitte November und Weihnachten in die Stadt zu gehen, um noch irgendwelche Einkäufe zu tätigen. Es ist dort einfach sehr voll, die Menschen wirken hektischer als sonst, überall irgendein Weihnachtsgedudel, Lichterketten, Weihnachtsmänner. In den 80er-Jahren habe ich einfach gewartet, bis Weihnachten vorbei war, zwischen den Jahren war es dann ruhiger. Mit dieser Ruhe war es dann irgendwann aber auch vorbei, denn die Weihnachtsgeschenke-Umtauscher und die Gutschein-Einlöser wurden immer mehr. Na, dann bin ich da eben auch nicht Einkaufen gegangen.

-> #Konsumauszeit, weil es mir im vorweihnachtlichen Konsumwahn einfach zu laut, zu hektisch und zu voll ist.

 

Bekleidung

Bekleidung zu kaufen, war für mich immer schon ein mittleres Desaster. Hosen waren früher fast immer rund 10cm zu kurz. Bis heute habe ich dieses Problem. Allerdings habe ich inzwischen das „Glück“, dass die Hosen, dann „nur noch“ nach unmöglicher „Hochwasser-Hose“ aussehen. Warum gibt es für Männer eigentlich alle möglichen Größen, Weiten und Längen und für Frauen nicht?

Immer wieder hatte ich jahrelang auch Probleme mit Pullovern und T-Shirts. Ewige Modephasen hindurch gabs regelmäßig und immer wieder nur pastell oder pink, rosa, rot, orange. Ich mag diese Farben nicht als Bekleidungsfarben, sie stehen mir auch nicht, genauso wie schwarz und weiß einfach nicht passt. Irgendwelche Blümchenmuster waren auch noch nie mein Ding. Ich hatte in den letzten Monaten beispielsweise definitiv zu wenig Langarmshirts. Bei meinem Lieblingshersteller Trigema wird zwar in Deutschland produziert, aber seit ewigen Zeiten finde ich vorrangig schwarz, weiß, dunkelblau, pink, manchmal rot, manchmal irgendwelche anderen Blautöne oder mit blinkenden Svarovskisteinchen (mag ich ebenso wenig, wie das ganze Blümchen- und Rüschenzeugs!). Blau kann ich nicht mehr sehen, jahrzehntelang habe ich notgedrungen nichts anderes als blau getragen. Erd- und Naturtöne stehen mir besser, gefallen mir besser, diese finde ich aber nicht – auch nicht woanders. Aus der Not heraus, bin ich auf einen anderen Anbieter ausgewichen, der sogar fair produzierte Kleidung verkauft und habe – weil nichts anderes gefunden – dann 4 graue Langarmshirts gekauft, damit ich nicht weiterhin abends per Hand waschen muss.

-> #Konsumauszeit, weil Mode oft einseitig und Bekleidung nicht in passenden Größen vorhanden ist.

 

Unfreiwilliger Minimalismus

Unfreiwillig ist Minimalismus u.a. dann für mich, wenn ich trotz all des vielen angebotenen Zeugs, nicht das Passende finde. Freiwillig an dieser Entscheidung ist, auf weitere unsinnige, nervenaufreibende Suchen zu verzichten. Dieses Thema ist nicht neu. Damit habe ich seit Jahrzehnten zutun. Schon in den 80er- und 90er-Jahren gab es Zeiten, wo ich ernsthaft mit 1000 DM losgezogen bin, im festen Entschluss dieses Geld auch auszugeben. Aber ich bin unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück gekehrt, weil ich nichts passendes gefunden habe – frustriert und enttäuscht. So etwas finde ich höchst unangenehm. Unter anderem führt  es dazu, dass ich mir inzwischen vorher einfach endlos lange überlege, ob ich mir nun dies, das oder jenes kaufe oder nicht. Denn ich weiß nie:

  • Finde ich überhaupt etwas passendes?
  • Wie lange hält dieses Teil?
  • Ist es evtl. eine Fehlinvestition?

Es ist oft ein ewiger Gedankenkreislauf ohne wirkliches Ergebnis und dieses im-Kreis-drehen will ich einfach nicht mehr.

 

 

#Konsumauszeit – das Leben achtsamer gestalten

Als ich las, dass Svenja und Marc (Twitter: @apfel_maedchen & @sadfsh) ihre jährliche #Konsumauszeit für November angekündigt haben, kam mir spontan der Gedanke: Das ist es. Eine prima Aktion, um das eigene Leben achtsamer zu gestalten.

Meine Gedanken dazu:

Wir leben in einer hochkomplexen Gesellschaft. Unser Alltag ist oft rastlos. Wir sind konfrontiert mit Arbeitsverdichtung, Sorge um Arbeitsplätze und nicht wenige Menschen mit einer grottenschlechten Bezahlung. Wir konsumieren in der Regel viel zu viel, deutlich über unseren wirklichen Bedarf hinaus, manchmal auch komplett an unserem Bedarf vorbei. Damit schaden wir der Natur, anderen Menschen und letztlich sogar uns selbst. Unsere Meere vermüllen mit Plastik, die Vielfalt in der Natur geht bedenklich und dramatisch zurück, der Klimawandel ist bereits deutlich zu spüren – und wir beschäftigen uns noch immer mit dem neuesten Smartphone, der nächsten Flugreise in den Urlaub und quälen uns an Wochenenden durch die Shoppingcenter der Städte. Wie verrückt ist sowas? Manchmal kommt es mir vor, als laufen wir ständig irgendwelchen „Konsum-Schnullern“ hinterher und wollen einfach nicht wahr haben, dass uns diese Konsum-Schnuller immer hungrig zurücklassen werden.

Natürlich bin auch ich Teil dieser Gesellschaft. Seit einiger Zeit bemerke ich, dass ich zwar nicht ständig irgend etwas kaufe, schon gar nicht unnötige Dinge. Aber ich habe ständig Ideen für Käufe im Kopf. Es ist ein ständiges ideenreiches Gedankenkreisen, aber ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Wer sich aber ständig im Kreis dreht, muss sich nicht wundern, wenn es ihm oder ihr schwindelig wird. Vermutlich sind es einfach Ablenkungen vom eigentlichen Thema, welches mich parallel beschäftigt:

 

Weniger ist mehr – beim Konsumieren, aber auch beim Meditieren

Zumindestens bei mir ist das so. Mit einigen körperlichen Einschränkungen, die ich nunmal habe, kann ich im Alltag inzwischen ganz gut leben, aber gerade bei den formalen MBSR-Achtsamkeitsübungen gelange ich durch diese Einschränkungen ständig an Grenzen und in Überlastungssituationen. Auch wenn ich einige Yogaübungen inzwischen weglasse oder verändere und sehr auf mich achte, bleibt es schwierig. Ein von Geburt an unzureichend ausgebildeter Lendenwirbelbogen wächst nunmal auch mit intensiver Meditationspraxis nicht zusammen, erschwert aber das Üben ebenso, wie meine Schwerhörigkeit, wenn ich an einer Meditationsgruppe teilnehme.

Ich möchte dieses Jahr die #Konsumauszeit nutzen, um Alternativen für unsinniges Gedankenkreisen ums Konsumieren, aber auch neue Wege für Achtsamkeit und Meditation zu finden – integriert in meine ganz normalen Alltagsabläufe. Und genau hier passen dann auch vielfältige Ideen hin. Mal schauen, ob und was mir hierzu einfällt.

Über meine Erfahrungen und Erlebnisse werde ich im Verlauf des Novembers hier auf der Webseite dann noch berichten. Wer informiert werden möchten, kann sich unten für den Newsletter anmelden.

Informationen zur #Konsumauszeit hier: https://t.co/vQzW9G1uOR?amp=1

 

 

 

7 Jahre Achtsamkeit: 2. wirkliche Bedürfnisse

Vor 7 Jahren entdeckte ich Achtsamkeit und Meditation für mich. Vieles hat sich dadurch geändert und verändert. Da dies nicht alles in einen einzigen Text hineinpasst, heute Teil 2:

Wirkliche Bedürfnisse

Als Sozialpädagogin (und im Erstberuf Erzieherin) bin ich schon aus beruflichen Gründen vorrangig fokussiert auf die Bedarfe anderer Menschen. Das ist seit Jahrzehnten mein Beruf und ich mache diesen Beruf tatsächlich immer noch sehr gerne. Aber natürlich ist so ein Beruf auch anstrengend und belastend. Ich spürte diese Belastung irgendwann immer deutlicher, die Stressymptome nahmen zu – was mich letztlich auch zu Meditation und Achtsamkeit brachte.

Im Rahmen der unterschiedlichen Achtsamkeitsübungen, gelangte eine Frage im Laufe der Zeit immer mehr für mich in den Mittelpunkt: Wo bleibe ICH eigentlich? Was ist MEIN Bedarf? Was sind meine wirklichen Bedürfnisse? Alle möglichen Wünsche hatte ich durchaus. Aber Wünsche sind einfach das, was sie sind: Wünsche. Sind sie deshalb auch meine wirklichen Bedürfnisse?

Wünsche konsumieren, statt Bedürfnisse erfüllen

Monatelang übte ich überwiegend ‚Metta für mich selbst.‘ Ich bemerkte, dass die jahrzehntelange überwiegende Konzentration auf das Wohlergehen Anderer dazu geführt hatte, dass ich innerlich blind geworden war für meine persönlichen Bedürfnisse. Es fühlte sich an, als seien diese irgendwo im Nebel unsichtbar geworden oder in irgendeinem Dickicht verloren gegangen. Achtsamkeit brachte mich dazu, zu erkennen, dass das, was ich für meine Bedürfnisse gehalten habe, keine wirklichen Bedürfnisse waren. Irgendwelche technischen Gadgets, der neue PC oder zumindestens ein paar neue Zusatzteile für den Computer: das waren lediglich Wünsche. Es war die Faszination des Neuen, mit der uns die Konsumindustrie eine heile Welt vorgaukeln möchte und die ich zeitweise gerne übernahm. Es war für mich die wunderbare Ablenkbarkeit von den Belastungen des Alltages und der Wunsch, mir etwas Gutes zutun. Aber genau das gelang mir damit nicht. Mit der Erfüllung von Konsumwünschen kam nur kurzfristige Zufriedenheit. Das gute Gefühl hielt nur kurz und wich neuer Unzufriedenheit.

Wirkliche Bedürfnisse entdecken

Ich entdeckte im Laufe der Zeit ganz andere Bedürfnisse. Mein Bedürfnis nach Information und dem Stillen meiner Neugier, kann ich beispielsweise mit einem internetfähigen Gerät sehr einfach und bequem nachkommen. Ich brauche dazu aber nicht ständig ein neues Gerät – erst Recht nicht, wenn dieses dann lediglich für ein kurzfristiges Gute-Laune-Gefühl sorgt. Mein Bedürfnis mich über das Schreiben auszudrücken, kann ich beim Tippen auf einer Computertastatur natürlich sehr viel besser nachkommen, als auf einer handelsüblichen Schreibmaschine früherer Tage. Insbesondere ist es für mich sehr viel einfacher, als alles mit der Hand zu schreiben. Aber auch zum Schreiben brauche ich nicht ständig ein neues Gerät oder neue, aufwändige Software. Im Gegenteil: Nutze ich früher eine umfangreiche Textverarbeitung, reicht mir heute meistens ein kleiner Editor. 

Ein weiteres Beispiel: Jahrelang hatte ich den Wunsch, sportlich mit anderen Menschen so einigermaßen mithalten zu wollen. Es gelang mir nie. Es war halt ein Wunsch, der nicht zu meinen wirklichem Bedarf passte. Einige meiner von Geburt an vorhandenen körperliche Einschränkungen fielen zwar nie sonderlich auf – sie waren und sind aber da. Gerade durch Gehmeditation und achtsames Yoga spürte ich sie dann deutlich wie nie. Es war ein langer und schwieriger Prozess, mein ganz persönliches Sosein zu akzeptieren und mich – endlich – meinen Möglichkeiten entsprechend, bewegen zu können oder eben auch nicht. Die langsam ausgeführten Bewegungen in der Gehmeditation und in den Yogaübungen des MBSR’s haben mir zu mehr Körpergefühl verholfen, als all die vielen Fitness- und Gymnastikstunden mit denen ich mich jahrelang zuvor beschäftigt hatte.

Die Faszination mich in einer Atemmeditation wirklich nur auf eine Sache, nämlich das Atmen, beschränken zu können, führte mich zu einem weiteren wesentlichen Bedürfnis: Dem intensiven Wunsch nach „Weniger ist mehr.“ Reizüberflutungen im Alltag, aber auch den eigenen vier Wänden abzubauen war und ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von Lebensqualität. Achtsamkeit führte dazu, dass mir mein teilweise hohes Maß an Sensibilität deutlich geworden ist. Dies brachte mich im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, wie wichtig es ist, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Minimalismus ist insbesondere auf diesem Hintergrund einfach ein ganz persönliches und wichtiges Bedürfnis von mir, um nicht im Dschungel der tausend Wahrnehmungen und Ablenkbarkeiten kirre zu werden.

 

Aufmerksamer mit mir und aufmerksamer mit Anderen

7 Jahre Achtsamkeit haben übrigens nicht dazu geführt, dass ich nun zu irgendeinem Egoisten mutiert wäre. Im Gegenteil. Je deutlicher mir meine wirklichen Bedürfnisse geworden sind, desto entspannter und klarer war und bin ich im Kontakt mit anderen Menschen – auch im beruflichen Kontext. Es gab Zeiten, in denen ich dank meines großen beruflichen Erfahrungsschatzes eigentlich nur noch funktioniert habe. Doch das hilft letztlich Niemandem und ließ mich zunehmend unzufrieden werden. Heute bin ich zum Glück wieder sehr viel zufriedener, entspannter und in meiner beruflichen Arbeit fokussierter und klarer geworden.

 

Zum Weiterlesen:

7 Jahre Achtsamkeit: 1. Minimalismus

 

 

 

Achtsames Gehen – Minimalismus in Bewegung

Minimalisiert – und plötzlich ist doch wieder Kram da…?

Manchmal ist es einfach so: Endlich sieht man was vom Minimalismus in den eigenen vier Wänden. Mühsam Platz geschafft, entrümpelt, Freiräume geschaffen. Doch irgendwann dann, wie durch Geisterhand und auf ganz geheimnisvolle Weise haben doch wieder zahlreiche T-Shirts, Hosen und Schuhe auf verschlungenen Pfaden ein Plätzchen im eigentlich entrümpelten Kleiderschrank gefunden. Oder der Kleiderschrank war ohnehin eigentlich voll und nun stehen da die Einkaufstüten mit all den neuen Sachen drin und die Frage drängt sich auf: Wohin mit dem Kram? Beim neuen Smartphone ist die zumindestens die Frage der Unterbringung leichter, es ist ja recht klein… Wären da nicht die diversen älteren Smartphones und Handyknochen, die sich da noch munter in der Schublade tummeln, zusammen mit den diversen Ladenkabeln, Adaptern und was der moderne Mensch halt noch so in seiner Schublade hortet.

Da kann die Freude über ein neues Produkt dann doch wieder schnell verblassen und vielleicht macht sich ein Gefühl der Unzufriedenheit breit oder aber es bleibt der schale Nachgeschmack nach einer – eigentlich unsinnigen – Shoppingtour. Die Gedanken kreisen plötzlich um die Frage, ob das neue Handy nun wirklich so viel besser ist, als das alte. Oder warum nun doch wieder der Kaffee, die Pizza, Fastfood unterwegs, obwohl ich das doch eigentlich nicht mehr wollte. Was soll das? Warum passiert das immer wieder? Was brauche ich wirklich?

Mitten im Getümmel, mitten im Geschäft, im Shoppingcenter, in den vielen visuellen und akustischen Ablenkungen, Angeboten, Verführungen: Es gibt Situationen, da ist es einfach schwierig und manchmal scheint es, fast unmöglich, sich noch nach guten Vorsätzen und Vernunftsentscheidungen zu orientieren. Ehe wir uns versehen, landet irgendein Kram im Einkaufswagen, ist die vielleicht gerade entrümpelte Wohnung doch wieder mit diesen oder jenen Dingen voll gestellt.

 

Woran liegt es, wenn ich mich doch wieder zugerümpelt habe und was kann ich tun?

Vernunftsentscheidungen sind ja so eine Sache… Sie funktionieren meist prima, wenn es uns gut geht, wir konzentriert bei der Sache und insgesamt ausgeglichen sind. Aber was ist, wenn all das gerade nicht der Fall ist? Also beispielsweise dann, wenn die Ablenkung hoch oder die Stimmung besonders gut oder schlecht ist? Der prima Stimmung im Urlaub sind Vernunftsentscheidungen manchmal eben völlig egal, ebenso, wie der schlechten Stimmung nach einem vielleicht besonders anstrengenden Arbeitstag. Der Wunsch sich etwas Gutes zu tun, ist zudem ja auch nachvollziehbar und eigentlich sinnvoll. Aber:

 

Was brauche ich hier und jetzt?

Was ist denn wirklich gut für mich? Wie geht es mir jetzt, hier in diesem Moment? Wie fühlt sich mein Körper an? Wie fühle ich mich? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?
Wie bewege ich mich gerade durch all das hindurch, was um mich herum geschieht? Beispielsweise in einem Geschäft: Welche Angebote sprechen mich an? Und warum? Wovon lasse ich mich ablenken? Was wollte ich ursprünglich hier? Wollte ich hier überhaupt irgendwas? Wie angespannt, entspannt, gestresst, gereizt oder erholt bin ich jetzt? Was ist vielleicht vorher passiert?
Solche Fragen lassen sich gerade auch unterwegs beim Einkaufen, nach dem anstrengenden Arbeitstag, beim Warten auf den verspäteten Zug stellen. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und zu schauen, wie gerade die eigene Befindlichkeit ist.

 

Achtsames Gehen als gelebter Minimalismus in Bewegung

Ich bemerke immer wieder, dass ich dann, wenn ich unterwegs bin, mir meiner eigenen aktuellen Befindlichkeit bewusster werde, wenn ich mich achtsam gehend insbesondere auch durch Geschäfte, Straßen, Bahnhöfe und wo auch immer bewege. Nichts kaufen, sondern gehen. Gehen macht den Kopf frei, baut Spannungen ab. Geschieht dieses Gehen dann bewusst und achtsam, dann bietet es die Möglichkeit, deutlicher in sich hinein zu spüren und wahrzunehmen, was gerade alles um mich herum geschieht: Die säuselnde Musik, die bunten Lichter, attraktive Auslagen in den Geschäften, Stimmengewirr, das Geklapper von Einkaufswagen,…

 

Abstand / Raum schaffen – den Kopf klar bekommen

Sich selbst in der gerade aktuellen Verfassung und Situation deutlicher zu spüren, schafft Abstand: Abstand zur eigenen aktuellen Befindlichkeit, Abstand zu all den Kaufanreizen und was sonst passiert. Die eigene Stimmungslage mag gerade sein, wie sie ist, ebenso all die Dinge um mich herum, aber indem ich all dies erstmal wahrnehme und nicht gleich reagiere, habe ich mehr Möglichkeiten wirklich nach dem eigenen Bedarf auszuwählen: Brauche ich dieses Handy oder jenes T-Shirt tatsächlich? Oder brauche ich etwas ganz anderes? Brauche ich vielleicht einfach Erholung, ein gemütliches Beisammensein mit Freunden oder Familie? Eine Joggingrunde durch den Park? Oder einfach mal etwas Ruhe?

Ich habe auf diese Weise beispielsweise festgestellt, dass ich mich gerne von dem Duft frischer Backwaren aus einer Bäckerei angesprochen fühle. Spüre ich dann aber erstmal bewusster in mich hinein, gehe einige Schritte auf und ab, stelle ich oft fest, dass ich oftmals überhaupt keinen Appetit darauf habe. Es riecht halt nur gut. Und wenn, dann möchte ich höchst selten und nur bei großem Hunger irgendwas unterwegs auf dem Weg von A nach B essen. Wenn essen, dann lieber gemütlich hinsetzen und genießen, statt unterwegs irgendwas in mich rein zu stopfen.

 

Die formale Gehmeditation

Die formale Gehmeditation ist eine ideale Übung, um mit einiger Übung auch unterwegs achtsam gehen sein zu können.
Als Ausgangsübung ist es hilfreich, zunächst einmal unabgelenkt erste Erfahrungen mit dieser Form der Meditation zu machen und idealerweise öfter zu wiederholen. Gehmeditation ist auch dann hilfreich, wenn der Zugang zur Sitzmeditation schwierig oder unmöglich erscheint. Die Gehmeditation hilft, um Laufe der Zeit, ein besseres Gespür für sich selbst und die eigene aktuelle Befindlichkeit zu entwickeln, aber auch das aktuelle Umfeld bewusster wahrzunehmen. Nachfolgend daher eine Anleitung für eine Gehmeditation, die als PDF-Datei, sowie als RTF-Datei (für Sehbehinderte) kostenlos herunter geladen werden kann:

Download: 

Link Achtsamkeit und Meditationskurse: MBSR-Verband, Adressenliste

 

Achtsamkeit, Minimalismus und schlechte Laune…

Wenn alles quer zu laufen scheint…

Dauerregen am Morgen. Eigentlich wollte ich längst unterwegs sein, da ich noch ein paar Lebensmittel besorgen muss. Die zurück liegende Arbeitswoche war anstrengend und teilweise sehr unbefriedigend. Es gab Komplikationen, die völlig unnötig waren. Sowas mag ich gar nicht. Dann meinten einige Mitmenschen heute Nacht gegen 3.30 Uhr, irgendwo in der Nähe – und für mich nicht sichtbar – lautstark Gespräche führen zu müssen. Mein Ruf nach Ruhe verhallte im Nichts. Als wäre das nicht genug, bemerkte ich dann auch noch, dass sich irgendeine allergische Reaktion auf irgendwas in mir austobte. Und so lag ich da, spürte, wie bleiern müde ich war, aber Anspannung und Ärger in mir hoch kochten und mich wach hielten.

 

Es gibt sie, solche Stunden, Tage, Situationen, in denen irgendwie alles quer zu laufen scheint. Irgendwas passt nicht, irgendwas stört, Planungen sind über den Haufen geworfen. Unzufriedenheit scheint sich ihren Weg durch jede einzelne Nervenzelle zu bahnen.

 

Ich shoppe mir die Welt schön

Was mache ich mit dieser Unzufriedenheit? Außer, dass ich immer unzufriedener werde? Blicke ich zurück, war es meine frühere Strategie, mir irgendwas Kaufbares zu gönnen. Gerne habe ich in solchen Situationen plötzlich tausend Ideen gehabt, was ich unbedingt mal einkaufen könnte – und sei es nur irgendein Computerkabel. Die Welt ist gerade blöd, also shoppe ich sie mir mal schön. Heute könnte ich sogar nachts aufstehen, den Computer anstellen und mich durch die Online-Shops wühlen – ich könnte dies sogar im Bett liegend mit dem Smartphone erledigen. Und in den Internetshops würde ich dann neben dem Computerkabel noch tausend andere schöne ablenkende Dinge entdecken. Praktischerweise und ratzfatz schießt dann kurzfristig das Glückshormon Dopamin in die Höhe und ich kann mir einbilden, die Welt ist wieder schön – zumindestens kurzfristig.

 

Shopping ist keine Lösung – schon gar nicht für Minimalisten

Der Haken an Shopping-Problemlöse-Strategien: Sie kosten Geld und – noch schlimmer – man hat das Zeugs hinterher in der Wohnung herum liegen. Das passt vielleicht noch, wenn Minimalismus vorrangig so etwas wie Modeerscheinung oder Trend ist und der Aspekt der Nachhaltigkeit keine so große Rolle spielt. Irgendwas kaufen, was anderes fliegt raus, fertig. Ginge ja auch. Aber wenn Minimalismus ein wirkliches tiefergehendes Bedürfnis ist, passt auch das nicht und ruft Unbehagen hervor. Es gibt tausend viele schöne Sachen, aber wenn ich mir bildlich vorstelle, dieses Zeugs befindet sich nach dem Kauf dann ganz konkret und dauerhaft in meinen eigenen vier Wänden? Um Himmels Willen – bloß nicht. Schon gar nicht diese elendigen Kabel. Da stehen mir alle Haare zu Berge. Früher oder später würde ich das meiste Zeugs sowieso wieder entsorgen. Aber was statt dessen tun?

 

Loslassen

Es erfordert ein wenig Übung, gelingt nicht immer sofort, aber es ist ein Weg – nicht nur für Minimalisten: Loslassen – nicht nur die falschen Kaufwünsche, sondern auch Ärger, Unbehagen, die innere Anspannung. Dazu muss ich erstmal registrieren, wie es mir geht und dass ich eben gerade auch ärgerlich bin. Das funktioniert nicht mit Verdrängungskünsten. Ich helfe mir dann oft mit dem MBSR-Bodyscan. Immer wieder geübt, hilft er mir in solchen angespannten Situationen, mich erstmal wieder auf die ganz gewöhnliche körperliche Verfassung zu konzentrieren. Den schnellen Atem ruhiger werden lassen, einatmen, ausatmen, runter kommen. Und inzwischen gelingt es mir zunehmend besser, dann auch den eigenen Ärger bewusst loszulassen. Mich und meinen Ärger mal nicht so wichtig nehmen. Weder bin ich, noch ist der Ärger der Nabel der Welt – zum Glück. Das fühlt sich so gut an! Irgendwann wird dann auch der Weg für wirkliche Lösungen frei. Ich kann mich beispielsweise fragen, was mir hier und jetzt wirklich gut tut. Beispielsweise einfach das Fenster schließen, ein wenig Antiallergie-Salbe auf die juckende Hautstelle. Und dann fällt mir plötzlich auch wieder ein, dass ich am nächsten Morgen frei habe und ausschlafen kann. Es ist also alles nicht so tragisch.

 

Achtsamkeit ist keine Schmerztablette

Tatsächlich ist ein Aspekt für unser westliches Verständnis mitunter schwierig: Achtsamkeit funktioniert nicht wie eine Schmerztablette oder eine juckreizstillende Salbe. Achtsamkeit braucht Zeit. Achtsamkeit braucht Übung. Achtsamkeit braucht Beständigkeit. Perfektionismus braucht Achtsamkeit zum Glück nicht. Manchmal ist es schon ein Erfolg, überhaupt mal ein paar wenige Sekunden aus dem eigenen Ärgerstrudel heraus zu kommen. Ich brauche für Achtsamkeit nicht einmal besondere Rituale. Ich weiß, vielen Menschen ist dies wichtig, mir nicht. Ich habe keine besondere Meditationsecke in der Wohnung. Mal sitze ich auf einem Meditationskissen, mal auf dem Stuhl, mal auf dem Sessel oder ich liege – wie letzte Nacht – einfach in meinem Bett. Das Einzige, was ich brauche, ist die Entscheidung zum Tun – und seien es nur einige wenige, einzelne Atemzüge lang.

 

Ich bin übrigens dann gut wieder eingeschlafen, der Dauerregen ist mir gerade völlig egal. Der Einkauf ist verschoben, irgendwas ist gleich schon noch da. Ich werde am Wochenende definitiv nicht verhungern, improvisieren kann ich im Bedarfsfall auch gut. Statt dessen habe ich vorhin meinen morgendlichen Kaffee sehr genossen und diesen Text geschrieben.  Ich genieße es, dass sich meine Anspannung und mein Ärger verflüchtigt hat. Ich spüre noch die Müdigkeit der letzten Woche in den Knochen – aber die darf dann einfach auch mal da sein. Sie bleibt ja kein Dauergast und verschwindet auch wieder.

 

 

Achtsamkeitsübungen

Meine Tipps zu Achtsamkeit und Achtsamkeitsübungen

 

Achtsamkeit und Minimalismus – Ideal und Alltag

Achtsamkeit – Glückseligkeit oder Alltag?

Angenehme Gefühle während einer Meditation sind etwas sehr schönes. Auch für mich. Und ich genieße es. Das ist auch in Ordnung. Aber deshalb sind solchen angenehmen Gefühlszustände keine seichte Wolke, keine ewige Glückseligkeit.  Wer sagt, diese schönen Seiten seien ewig, auf Knopfdruck abrufbar, konstruierbar, macht sich selbst und anderen etwas vor. In der Achtsamkeitspraxis sind nicht einmal die unangenehmen Gefühle dazu geeignet, es sich darin dauerhaft (un-)gemütlich zu machen.

Achtsamkeit ist die Begegnung im Jetzt und dem, was ich in diesem Jetzt wahrnehme: von mir und der Welt um mich herum. Schon beim nächsten Atemzug ist das zuvor wahrgenommene Jetzt bereits Vergangenheit und ich befinde mich in einer anderen Realität. Leben ist immer Veränderung. Selbst formelle Achtsamkeitsübungen sind vor allem eins: Übungen. Achtsamkeit lebt vom Tun und all die Übungen brauchen insbesondere eine Resonanz im Alltag und die Erkenntnis, dass das einzig Dauerhafte die Veränderung ist.

 

Minimalismus – Wer oder was bin ich wirklich?

Im nächsten Einkaufszentrum kann ich nicht nur Dinge kaufen, sondern mir wird suggeriert, dass ich mir auch den dazugehörigen Lifestyle shoppen und die vermeintlich schönen Gefühle gleich dazu einkaufen kann. Damit kann ich mir Zufriedenheit und Glück vorgaukeln, mich damit gegenüber anderen Menschen präsentieren und mir vielleicht sogar einreden, dass ich mir die Anerkennung oder ein Dazugehörigkeitsgefühl kaufen kann.

Kann ich vergleichbares nicht auch mit dem Minimalismus? Also vergleichbare Gefühle mit umgekehrten Vorzeichen? Ich befreie mich z.B. von den Dingen um mich herum und genieße nicht nur die Freiheit, sondern auch den dazu gehörigen Lifestyle-Minimalismus. Dagegen spricht erstmal nichts, ich sollte mir nur klar darüber sein. Vielleicht genieße ich damit auch die Dazugehörigkeit zu einer größeren werdenden Gruppe von Menschen. Ich kann mich gleichzeitig von einer anderen Gruppe Menschen, den Viel-Shoppern absetzen. Auch darin sehe ich kein Drama, wenn ich einfach weiß, dass es so ist. Dann ist zusätzlich das Internet und insbesondere die Sozialen Medien eine ideale Plattform, um mich damit zu präsentieren, repräsentieren und mich vielleicht sogar ein bisschen idealer darzustellen, als ich in Wirklichkeit bin. Auch da könnte ich sagen: Ok, was soll’s?

Problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo ich eigene Ideale und Illusionen, nicht mehr von den jeweiligen, persönlichen Realitäten unterscheiden kann.  Und die Beziehung zu meinen Mitmenschen wird in der Regel nicht besser, wenn ich mich genau von diesen Menschen abheben will. Denn damit schaffe ich erstmal Distanz und im Idealfall maximal Bewunderung. Aber Bewunderung kann ebenso schnell platzen, wie eine Seifenblase. 

 

Das eigene Leben und den Alltag gestalten

Sowohl Achtsamkeit, als auch Minimalismus sind für mich ganz wesentlich auch dort wertvoll, wo sie mich zu der Frage führen, wie ich mein Leben und meinen Alltag gestalten will – auch abseits von Internet, Sozialen Netzwerken, abseits all der Videos, Fotos, Kommentare und Likes. Was ist, wenn die erste Meditations- oder Minimalismus-Euphorie verflogen ist und der Alltag einkehrt? Was ist, wenn statt eitel Sonnenschein, der Himmel einfach nur noch grau verhangen ist?

Achtsamkeit und Minimalismus sind für mich dort wichtig, wo ich mir die ehrliche Frage erlauben kann, was ich eigentlich von diesem Leben will. Was ist wesentlich? Was ist relevant? Wie gehe ich mit mir und meiner Umwelt um? Was ist, wenn mir statt Schenkel- und Schulterklopfern, plötzlich Unverständnis und Kopfschütteln begegnen? Was tun mit Selbstzweifeln, Unsicherheit, dem Gefühl von Überlastung oder innerer Leere? Was ist, wenn dann doch nicht immer alles so bunt und schön ist, wie ich mir es anfangs dachte? 

In der Achtsamkeitspraxis ist die Übung des Mitgefühls (Metta) ein zentraler Bestandteil. Freundlichkeit und Mitgefühl mit mir, den Menschen und der Welt um mich herum. Auch das ist natürlich nicht mal eben so einfach – aber sehr hilfreich. Mir persönlich ist so etwas wie Erleuchtung durch Meditation ehrlich gesagt völlig egal. Mir ist Wachheit und Aufmerksamkeit viel wichtiger. Die Wachheit und den Mut, zu sehen, was da ist und mit weniger verzerrtem Blick zu überlegen, welche nächsten Schritte ich konkret gehen will.

Wir brauchen sie eigentlich nicht, diese verzerrten Selbstdarstellungen. Wir brauchen keine Illusionen, kein Verirren in irgendeinem gerade aktuellen Lifestyle. Vielleicht können wir uns stattdessen darum bemühen, uns aufmerksamer zu begegnen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, miteinander diskutieren, austauschen, anregen, ermutigen oder gemeinsam konkret und praktisch aktiv werden. Anstatt sich selbst und anderen etwas vorzumachen, können wir ganz kleine, alltägliche Schritte gehen, vielleicht einfach etwas freundlicher zu sein: Zu uns selbst, unseren Mitmenschen, unserer Umwelt. Und vielleicht fällt es uns dann einfacher, dem mitunter grauen Alltag wieder mit Leben und Farbe zu füllen und ihm vielleicht sogar ein paar schöne Seiten abzugewinnen.

 

Minimalismus – achtsamer Umgang mit den Dingen

Es war gestern bei einem Achtsamkeitstag, als mir die Bedeutung und die Wertschätzung von Dingen nochmal besonders deutlich geworden ist. Von 10 bis 16 Uhr haben wir formelle Achtsamkeitspraxis geübt: Sitz- und Gehmeditation, Bodyscan, Yoga im Stehen, Yoga im Liegen. Der Tag wurde im Schweigen verbracht, auch die Mittagspause, in der wir achtsam gegessen haben. Dies war ein idealer Rahmen, um vieles bewusster zu erleben.

 

Achtsamkeit beim Essen – Achtsamkeit auf Dinge

Für mich gestaltete sich dann insbesondere die Mittagspause mit dem achtsamen Essen etwas anders, als ich es zunächst erwartet hatte. Ausgangspunkt war, dass es keine Verpflegung und kein Geschirr/Besteck vor Ort gab, so dass wir alle unser Essen und unser Geschirr/Besteck selbst mitgebracht haben.

Als ich so da saß, fiel mein Blick auf diese Gegenstände. Ich erinnerte mich daran, dass ich diese Dinge sehr bewusst und gezielt vor einigen Jahren nach und nach gekauft habe. Irgendwann waren die bis dahin genutzten Plastikbehälter nicht mehr für Lebensmittel benutzbar. Sie lösten sich teilweise auf oder gingen ganz zu Bruch.

Mir wurde im Betrachten meiner jetzigen Gegenstände bewusst, dass es praktische Gründe waren, weshalb ich mich für diese und nicht für andere Gegenstände entschieden habe. Und nun war im achtsamen Umgang mit genau diesen Dingen beschäftigt. Mir wurde bewusst, dass ich diese Aufbewahrungsbehälter einfach auch schön finde. Sie sind nicht nur praktisch, sondern etwas besonderes für mich und insbesondere ein Aspekt hat sich deutlich verändert:

 

Wertschätzung durch Minimalismus

Während des achtsamen Essens wurde mir bewusst, dass sich durch meinen minimalistischen Lebensstil, insbesondere die Wertschätzung für die Dinge verändert hat. Ich dachte daran, welche zahllosen Arbeitsschritte vieler Menschen nötig waren, bis nicht nur das Essen zu mir kam, sondern wieviel Aufwand auch die Produktion dieser Behälter gewesen ist. Ich habe sie lange betrachtet und mich sehr daran erfreut, dass diese Behälter den Plastikmüllberg nicht vergrößern werden und wie schön es ist, diese langlebigen und ausgewählten Dinge benutzen zu können.

Von allem Möglichen viel und im Überfluss zu haben, bedeutet letztlich auch, dass die einzelnen Dinge schneller ihre Bedeutung verlieren. Hätte ich den ganzen Schrank voll mit solchen Behältern, wäre meine Freude daran definitiv nicht so groß. Vermutlich würde ich mir dann schnell überlegen, ob es nicht noch etwas Besseres oder Schöneres gibt. Eine ähnliche, besondere Bedeutung haben auch andere, bewusst ausgewählten Gegenstände. So ist mein Futon etwas besonderes für mich und es ist tatsächlich ein schön gestaltetes Ritual für mich geworden, diesen Futon abends als Bett herzurichten. Da ich keine Kaffeemaschine haben, ist es bei den Gegenständen, die ich zum Kaffee kochen benötige, ähnlich – schon das Kaffee kochen alleine ist bereits ein besonderes Erlebnis. Das Geld, das ich nicht für die Anschaffung einer Kaffeemaschine aufwenden musste, investiere ich lieber in fair gehandelten Bio-Kaffeebohnen und achte darauf, dass der Kaffeekonsum nicht ausufert. Der morgendliche Kaffeegenuss ist dadurch wirklich immer etwas ganz besonderes und ich genieße es sehr.

 

Minimalismus – die Freiheit der Entscheidung

Minimalismus ist die Konzentration auf das Wesentliche. Minimalismus gibt mir die Freiheit, mich bewusst nur für ganz bestimmte, ausgewählte Dinge zu entscheiden. Denn Minimalismus bedeutet nicht, dass ich nun gar nichts kaufen will. Aber ich kann mich besser entscheiden und gezielter auswählen. Dadurch, dass ich insgesamt weniger konsumiere, habe ich auch mehr finanzielle Möglichkeiten, wenn ich mich für bessere Qualität, fairere und nachhaltigere Produkte entscheiden möchte.

 

Achtsamkeit – die Dinge erlebbar und greifbar machen

Durch Achtsamkeit wird mir die Wertschätzung der Dinge, diese Freiheit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, erlebbarer und greifbarer. Achtsamkeit hilft, dieses Wesentliche und die Wirkung auf mich und meine Umwelt klarer und ganzheitlicher zu erfassen.

 

Fülle und Wertschätzung statt vollgestopfter Räume

Achtsamkeit und Minimalismus führen dazu, den Dingen wieder mehr Wertschätzung entgegen zu bringen. Wertschätzung für die Dinge als solches, aber auch für die Menschen, die diese Dinge hergestellt haben. Wertschätzung für einzelne Dinge ist auch der Grund, warum ich überhaupt nicht das Gefühl habe, nur wenig Dinge zu besitzen – im Gegenteil. Weder wohne ich karg, noch ist das irgendwie extrem. Über-Konsum ist ähnlich wie zu viel Essen: Es kann noch so lecker sein, esse ich zu viel, wird mir schlecht. Sehe ich all den Müll, den wir in unserer Konsumgesellschaft produzieren, fällt mir dazu der Begriff „Konsum-Bulimie“ ein. Wir konsumieren so lange und so viel, bis es der Umwelt und irgendwann uns selbst „kotz-schlecht“ davon wird. Das ist weder Genuss, noch Fülle. 

Eine minimalistische Lebensgestaltung empfinde ich dagegen sehr viel mehr als Fülle – und es ist etwas ganz anderes als Völlerei, vollgestopfte Räume oder ein verstopftes Leben. Diese Fülle spüre ich in dem Genuss, den ich an und mit einzelnen Dingen habe. Die Freude, die Dankbarkeit und das intensive Erleben ist um ein vielfaches größer geworden und ich bin sehr glücklich darüber.

 

Lesetipp: Achtsamkeit erleben

 

 

Achtsamkeit und Minimalismus – Raum zum Loslassen

Für mich gehören Achtsamkeit und Minimalismus zusammen. Aber warum eigentlich? Und worin liegt die Chance, beide Bereiche miteinander zu verbinden? Dazu einige Gedanken:

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion – aus dem „Autopilot“ aussteigen

Es ist ein spannender Prozess, nicht wie üblich spontan und automatisch zu reagieren, sondern erstmal einen Moment lang inne zu halten. Jon Kabat-Zinn nennt dies „aus dem Autopilot aussteigen“ (vgl.: Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation, O.W. Barth-Verlag, E-Book, Teil 1: Die Übung der Achtsamkeit).
So können wir z.B. einen Arbeitstag bewusst und achtsam beenden. Den Computer z.B. ohne Ablenkung herunter fahren, das Diensthandy ausschalten, Gegenstände wegräumen.

Auf dem Weg nach Hause können wir dann wahrnehmen, wie die eigenen Reaktionen z.B. auf Zugausfälle, Staus, rote Ampeln sind. Gerade in Situationen, in denen wir müde, angestrengt, verärgert sind, ist es sinnvoll, sich etwas Gutes tun zu. Aber warum versuchen wir genau in solchen Situationen so oft, uns dass Leben durch irgendwelche Konsumwünsche angenehmer zu gestalten? Gibt es dazu Alternativen? Eine Chance der Achtsamkeit im Alltag liegt darin, inne zu halten und den Raum zwischen Reiz und Reaktionen zu nutzen. Viktor Frankl formuliert dies so:

 

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ (Alex Pattakos, Gefangene unserer Gedanken: Viktor Franks 7 Prinzipien, die Leben und Sinn geben, Verlag Linde International, 2. Auflage, S. 8).

Es geht um diesen Raum der Freiheit. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob ich beispielsweise wirklich meinen spontanen Wünschen folge und welche dieser Wünsche ich auch wieder loslasse.

 

Loslassen

Ich bin mir bewusst, dass es sehr vereinfacht ist, wenn ich bei Achtsamkeit von „Loslassen im Innen“ und bei Minimalismus von „Loslassen im Außen“ spreche. In diesem Fall habe ich diese Vereinfachung einmal bewusst gewählt, um Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu beschreiben:

Achtsamkeit – Loslassen im Innen

Den Menschen, die Achtsamkeit und Meditation in ihren Alltag integriert haben, wird früher oder später das Thema „Loslassen“ bewusst. So geht es z.B. in einer Atemmeditation darum, den Atem zu beobachten. Aber dann bemerken wir, dass die Gedanken doch wieder wandern. Wird uns dies bewusst, ist der nächste Schritt, freundlich, aber konsequent, diese Gedanken loszulassen und zur Wahrnehmung des Atems zurück kehren: 1x, 10x, 100x, 1000x, 10000x, immer wieder…

Minimalismus – Loslassen im Außen

Der oben beschriebene Raum zwischen Reiz und Reaktion lässt sich aber nicht nur in einem inneren Prozess, sondern auch ganz konkret im Außen und auf die Besitztümer um ums herum übertragen. Der minimalistische Lebensstil befasst sich u.a. mit der Frage, welche Dinge wir um mich herum angesammelt haben und ob diese ins eigene Leben passen oder nicht. Welche Dinge sind evtl. nicht förderlich, welche belasten mich, was kann, will und sollte ich loslassen?
Wenn wir in Urlaub fahren, haben wir ja auch nicht den gesamten Kleiderschrank, die Bibliothek oder die ganze Küchenausstattung dabei. Geht es uns deshalb schlechter?

 

„Probieren geht übers Studieren“

Was passiert eigentlich in und mit mir, wenn ich auf den ein oder anderen Neukauf verzichte oder einige Gegenstände mal vorübergehend in Kisten packe, auf Keller oder Dachboden parke? Auch mit dieser Frage kann ich achtsam umgehen.

  • Vermisse ich was?
  • Bin ich bedrückt?
  • Bin ich erleichtert?
  • Wie fühle ich mich in der nun etwas leereren Wohnung?
  • Welche Empfindungen, Gedanken, Sorgen, Ängste steigen in mir hoch? Sind sie begründet?
  • Welche der Dinge möchte ich nun wieder zurück holen und warum?
  • Wenn ich sie dann zurück geholt habe, wie fühle ich mich jetzt?
  • Sind meine Erwartungen, die ich vor dem Zurückholen hatte, jetzt erfüllt?

 

Nicht jede/r muss Minimalist_In werden, nicht jeder muss Meditieren.

Aber vielleicht macht es eben doch einen Unterschied, ob ich in einer Meditation loslasse und dies dann auch ganz praktisch mit den ein oder anderen Gegenständen tue. Welche Qualität bekommt dadurch mein Alltag, meine Achtsamkeits- und Meditationspraxis? Und wenn ich als Minimalist_In Dinge, Gegenstände losgelassen habe, wie geht es mir, wenn ich darüber hinaus dann auch mal nach Innen schaue und was es dort loszulassen gibt?

Sich seiner eigenen Bedürfnisse, Gewohnheiten, Automatismen, Reaktionen bewusster zu werden, kann einen besseren Zugang zu sich selbst, aber auch zu seiner Umwelt schaffen. Und vielleicht gelingt es uns dann ein kleines Stückchen besser, nicht mehr nur im Autopilot-Modus durchs Leben zu stolpern, in ungesunden Gewohnheiten zu verharren, uns permanent selbst zu überfordern oder den falschen Konsumversprechungen zu erliegen.

Innen und Außen, Ich und Andere: Lässt sich das trennen, wo es eigentlich doch auch zusammen gehört oder zumindestens miteinander in Verbindung steht?

 


Tipps zum Weiterlesen:

  • Achtsamkeitsübungen: Eine Linkliste mit zahlreichen Übungen, auch für Anfänger und Übungen zur Alltagsachtsamkeit.
  • Minimalismus-Tipps: Webseite mit einer Liste von Minimalismus-Bloggern, sowie nach Themen sortierte Linksliste.

 

Minimalismus ist mehr, als eine entrümpelte Wohnung

Unsere Zeit der Superlativen…

Minimalismus ist in aller Munde. Trotzdem scheinen wir in einer Zeit der Superlativen zu leben: Reichte zu früheren Zeitpunkten ein normaler Kleiderschrank, darf es heute gleich die begehbare Kleiderkammer sein. Aus dem Badezimmer wird ein Wellnesstempel und im Wohnzimmer gibt es statt des üblichen Fernsehgerätes am besten gleich eine kleine Heimkino-Anlage mit großem TV-Bildschirm, x-fachen Stereoboxen, ggf. dann auch noch Beamer, Leinwand etc..

Spannend wird es auch in der Küche: Hightech-Küchen mit allen erdenklichen technischen Geräten. Kaffee wird nicht gekocht, Kaffee wird zelebriert, Suppe und Nachtisch wird in irgendeinem elektronisch gesteuerten Superzauber-Gerät hergestellt. Backöfen, Kochfelder, Abzugshauben sind ausladend groß, zumindestens sehr schick und meistens auch super teuer.

 

Teure Küchen – billiges Essen?

Bei den vielen selbsterklärten Hobbyköchen, die diese schicken Küchen unbedingt benötigen, frage ich mich, wer eigentlich die ganzen Fertiggerichte kauft, die allerorten im Supermarkt zu finden sind? Maximal viele Geräte und dann nur minimal kochen, sowie mit den billigsten Nahrungsmitteln, ist es das, was heute „in“ und üblich ist?

 

Es geht nicht um Askese – das richtige Maß finden

  • Bringen mir all die schicken Geräte wirklich Arbeitserleichterung und Freude?
  • Wieviel Aufwand musste ich denn betreiben, um dies oder das Gerät erstmal kaufen zu können: Arbeiten gehen, Geld verdienen, Produkte recherchieren, auswählen, kaufen, nach Hause tragen, Gerät kennenlernen, Bedienungsanleitung lesen…
  • Wohin räume ich denn dann all die Geräte?
  • Reicht die Größe der Küche für meinen Küchentechnik-Fuhrpark?
  • Ist es mir diese vollgestellte Fläche wert? Immerhin zahle ich ja auch diese Art der Wohnfläche: Entweder als Miete oder im Falle eines Eigenheims, an Kosten für Anschaffung und Unterhalt.
  • Wieviele dieser ganzen Küchen-Zaubermaschinen liegen eigentlich irgendwo in der hintersten Ecke des Schrankes oder im Keller? Und wie lange schon?
  • Sind die Dinge, die wir besitzen, der ganze zeitliche und finanzielle Aufwand, den wir für diesen Besitz betreiben, wirklich noch förderlich für das eigene Wohlbefinden?
  • Geht es manchmal nicht doch sehr viel einfacher?

 

Wir kaufen oft nur Illusionen und ein Lebensgefühl

Wenn wir einmal ganz genau und ehrlich hinschauen und uns beobachten, fällt auf, dass wir eigentlich nicht die Dinge, sondern die damit verbundenen Illusionen und vorgegaukelte Lebensgefühle kaufen. Erst denken wir: “Juchuh, dieses eine tolle Gerät, das ist es…”. Vorfreude, Zufriedenheit, Neugier breitet sich wohlig in uns aus. Aber ist dieses oder jenes Gerät erstmal einige Tage und Wochen alt, hat sich das Glücksgefühl verflüchtigt und wir wollen schon wieder etwas Neues. Aber dieses Neue ist dann auch nicht lange neu und dann schon wieder was kaufen? Wenn ja, was? Und wohin damit?

 

Minimalismus ist mehr: Was brauchen wir wirklich?

Minimalismus ist mehr als ein leergeräumter Schrank und mehr, als eine entrümpelte Wohnung. Minimalismus ist ein Prozess, sich von falschen Illusionen und kurzfristigen Einkaufs-Glücksgefühlen zu verabschieden. Minimalismus ist auch eine Auseinandersetzung mit uns selbst und ob wir all das überflüssige Zeugs, die Illusionen und kurzfristigen Kauf-Glücksgefühle überhaupt benötigen. Was brauchen wir denn wirklich? Und was fällt dir und mir und uns als erstes spontan dazu ein?