Achtsamkeit (er-)leben – Eindrücke von einem MBSR-Achtsamkeitstag

Achtsamkeit in einer Gruppe und mit Anleitung zu üben, erlebe ich jedes Mal ganz anders, als das Üben alleine Zuhause (wobei ich dies auch sehr wichtig und wertvoll finde). Daher sind solche Tage immer sehr wertvoll für mich. Nachfolgend ein kleiner Einblick und Ausschnitt aus einem solchen Tag:

 

Der äußere Rahmen des Achtsamkeitstages:

Ein ehemaliges evangelisches Gemeindezentrum in Bochum, jetzt genutzt für Yoga, Achtsamkeit, Meditation. Von dem eher kühlen Charme eines Gemeindezentrums ist nichts mehr zu spüren. Der mit Teppich ausgelegte Raum wirkt wohnlich. Wir sind eine angenehm kleine Gruppe mit 7 Teilnehmer/-innen und die Kursleiterin Sabine Olier. Der Tagesablauf wird vorgestellt. Es folgen einige Achtsamkeitsübungen im Stehen, danach eine kurze Vorstellungsrunde. Der Tag verläuft – abgesehen von den Anleitungen der Kursleiterin schweigend. Yoga im Stehen, Geh-Meditation, Sitzmeditation, achtsames Mittagessen, Yoga im Liegen, Bodyscan sind die einzelnen Achtsamkeitsübungen mit denen wir uns an diesem Tag beschäftigen. Die Übungen werden sehr langsam durchgeführt. Für jedes Stehen, jede Bewegung ist ausreichend Zeit, um wahrzunehmen, zu spüren, sich selbst zu spüren.

Die Anleitung der Übungen

Ein Hinweis bleibt an diesem Tag besonders in meiner Aufmerksamkeit: Die Fürsorglichkeit und das Mitfühlen gegenüber sich selbst: Auch wenn es gerade eigentlich gar nicht zu den Anleitungen passen sollte: Wenn der eigene Körper ein anderes Bedürfnis hat, sollen wir darauf eingehen. Also nicht krampfhaft das Durstgefühl, den Harndrang unterdrücken, unbedingt die Yogaübung perfekt machen wollen, sondern immer wieder hinspüren, ob es wirklich passt.

Mein Erleben

In der Vergangenheit war dies in der Regel bei mir ganz anders. Rückblende:
Obwohl ich äußerlich oftmals einen eher sportlichen Eindruck auf mein Umfeld mache: Es fing bereits damit an, dass direkt nach meiner Geburt eine sehr ausgeprägte Hüftdysplasie festgestellt wurde. Die Hüfte hatte sich dann doch noch normalisiert, aber Fußfehlstellungen, Neigung zu X-Beinen, sowie einige Probleme in der Körperkoordination sind geblieben. Irgendwie habe ich trotzdem, wenn auch verspätet, noch laufen gelernt.
Irgendwann hatte ich als Kind dann auch mal Krankengymnastik. Ein fensterloser, kühl wirkender Kellerraum eines Krankenhauses, und eine Krankengymnastin, die vermutlich üblicherweise Erwachsene behandelte. Ich fühlte mich sehr unwohl dort, verstand insbesondere den Sinn nicht und spürte nur eins: da wird etwas verlangt, was ich nicht kann. Ich war alt genug, um alleine dorthin zu gehen. Das nutze ich, indem ich die meisten Termine nicht wahrgenommen habe – interessant, dass es nie wirklich auffiel. Der Sport in der Schule: ein einziger Krampf. Den örtlichen Turnverein besuchte ich nur einmal. Ich begriff überhaupt nicht, was dort erwartet wurde.
Als Erwachsene habe ich endlose Versuche unternommen, um irgendwie fitter zu werden: Rückenschulungen, jahrelange Fitnessgymnastik, Tai Chi, Eutonie, Schwimmen gehen, Fahrradtouren, Walking, etc. – Dank Eutonie konnte ich die Rückenprobleme los werden, aber ansonsten war es vor allem eins: Stress und Frust. Ich war in der Regel immer diejenige, die am wenigsten mit kam, obwohl ich Zuhause immer extra übte.
Und nun bin ich in diesem Achtsamkeitskurs und jede Bewegung ist langsam, jede Wahrnehmung bewusst. Bewegung mit Selbstfürsorge: Wie setze ich überhaupt einen Fuß vor den anderen? Ich stelle fest: die Unsicherheiten in den Bewegungsabläufen sind immer noch da, trotz allem, was ich jahrelang bereits versucht habe. Aber ich muss nicht dagegen ankämpfen, ich muss nicht sportlich „normal“ sein.  Und so dauert es, bis ich wirklich eine Stabilität in den Füßen erreiche. Ähnlich ergeht es mir beim Stehen, beim Sitzen. Aber ich kann mir Zeit nehmen und probieren, selbstfürsorglich. Und das ist der entscheidende Unterschied. Für mich ist dies sehr wohltuend, aber auch innerlich zeitweise sehr schmerzhaft: Wieviele Jahre habe ich mich rumgequält: irgendwie Mithalten wollen mit anderen, Streng-dich-mehr-an-Vorwürfe, Druck,  Stress, überhöhte Anforderungen an mich selbst.

 

Achtsamkeit macht den Unterschied

Hier ist eine Gruppe von Menschen, die achtsam übt und es ist völlig egal, ob die einzelnen Teilnehmer sportlich oder völlig unsportlich sind. Es geht nicht um Leistung, sondern um  Achtsamkeit. Sie macht den Unterschied. Jede/r erlebt sich in der ganz eigenen Weise mit dem, was da gerade dran ist: der abfallende Stress einer arbeitsreichen Woche, die muskulären Verspannungen, bewusster werdende emotionale oder zwischenmenschliche Konflikte, Bewegungsunsicherheiten oder was auch immer. Die Themen sind so breit, wie das Leben selbst. Und alles kann und darf da sein, wie es ist.

Der Tag mit all seiner Achtsamkeit verläuft ruhig, langsam, intensiv. So ungewohnt es anfangs ist, nicht miteinander zu sprechen, so angenehm ist es dann letztlich. Und jede/r ist so sehr bei sich selbst, dass es ein bisschen Zeit braucht, bis beim Gesprächsaustausch am Ende, der Antrieb da ist, auch ein wenig zu erzählen, wie der Tag erlebt worden ist.

 

Der Achtsamkeitstag endet mit Metta-Meditation für sich selbst: „Möge ich glücklich sein – möge ich mich sicher und geborgen fühlen – möge ich gesund sein – möge ich unbeschwert durch meinen Alltag gehen“.

Und ich füge an dieser Stelle hinzu: Liebe Leser/-innen ich wünsche euch ebf.: Möget ihr glücklich sein, möget ihr euch sicher und geborgen fühlen – möget ihr gesund sein, möget ihr unbeschwert durch euren Alltag gehen.

Möge es so sein, muss aber nicht 😉

6 Kommentare

  1. Danke Gabi für diese Offenheit: Ich habe gerade den Text aufgrund der Verlinkungen bei Maria nochmal gelesen. Obwohl ich immer viel Sport gemacht habe (u.a. Jahrelang Handball) war ich trotzdem eher unfit. Kondition schwach, Bauchmuskulatur schwach und bei vielen Übungen war ich immer eine der schwächsten. Erst jetzt, wo ich schwangerschaftsbedingt und zusätzlich mit eine akuten Rückenbeschwerde körperlich sehr eingeschränkt war und noch bin, kann ich akzeptieren, dass ich eben von dort aus starte wo ich jetzt bin. Dass es eben so ist, wie es ist. Jetzt, wo das Kind da ist, arbeite ich zwar an Verbesserungen, aber ich werde wahrscheinlich nie so fit (und schlank) wie ich gerne wäre.
    LG Nanne

      • Hallo Nanne, Eutonie ist so in etwa vergleichbar mit Feldenkrais, aber deutlich weniger bekannt. Erstmal zu akzeptieren, dass die körperliche Befindlichkeit im Moment dann mal so ist, wie sie ist, finde ich wirklich sehr hilfreich, ich habe recht lange dafür gebraucht. Denn nur von da ausgehend, kann ich schauen, was an Verbesserungen möglich ist und auch, wann es hilfreicher ist, einfach mal etwas auch so zu akzeptieren, wie es ist (das nimmt nämlich jede Menge Druck raus). Ich finde, es bringt überhaupt nicht, den sog. unfitten Leuten ständig Druck zu machen, dass sie mehr üben sollen und müssen. Den eigenen Körper erstmal entspannt wahrnehmen und dann mal zu schauen, ob, wo und wie sich so etwas wie Bewegungsfreude entwickeln lässt, ist viel hilfreicher. Wenn ich wieder anfange, Spaß an der Bewegung zu haben (und sei sie noch so unperfekt), dann bewege ich mich logischerweise auch mehr. Wenn die Brasilianer z.B. ihren Samba tanzen, machen sie das ja auch nicht, weil es gesund ist, sondern weil sie Spaß daran haben und auch Ausdruck ihres Lebens ist. Ich finde, dieser Punkt kommt mir hier bei uns immer ein wenig zu kurz.

        • Es gibt in Bremen auch regelmäßige Kurse dazu, mal gucken, ob das zeitlich für mich passt. Sonst ist die Erinnerung an Feldenkrais auch nochmal gut.
          Die Physiotherapeuten, die mich begleitet haben, waren aber hilfreich, die sind wirklich von mir ausgegangen und mir auch gesagt, dass es wichtig ist auf meine Grenzen zu achten. E5

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