Achtsamkeit: Die einfachen Dingen genießen

Ein sonniger Neujahrstag. Gleich heute Mittag beschloss ich einen kleinen Spaziergang in der Nähe zu unternehmen. Dieses Mal ganz alleine für mich:

 

Ich spüre den Boden unter meinen Füßen. Bei jedem Schritt, die sich ändernde Bodenbeschaffenheit. Auch ein Spaziergang kann recht einfach zu einer Geh-Meditation werden: Einfach, weil ich mich deutlicher spüre und ohne dass ich mir dies erst vornehmen muss. Ich bemerke, dass ich etwas verkrampft und flach atmete – trotz Sonne, und gutem Wetter. Also versuche ich erstmal lockerer zu werden, indem ich nicht nur die frische Luft geniesse, sondern auch die wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Schritt, jeden Atemzug genießen, hier, jetzt. – Mit jedem Schritt lockerer und entspannter werdend, erinnere ich mich einige Jahre zurück:

Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging und wo es mir kaum noch gelang, mich zu entspannen. Die beruflichen Belastungen waren damals stetig gestiegen. Schwierigere Fälle mussten in immer weniger Zeit bearbeitet werden, hinzu kam das auch im Sozialbereich vermehrte Qualitätsmanagement, welches nicht gerade zu weniger, sondern eher zu mehr Arbeitsdichte führt. Dann zwischenzeitlich auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten im Betrieb und monatliche Unklarheit, ob das Gehalt nun kommt oder nicht. Es war eine Zeit, in der es mir kaum gelang, am Wochenende oder im Urlaub „runter“ zu kommen. Natürlich hatte ich schon alle möglichen Varianten an Entspannungstrainings etc. ausprobiert, aber die halfen nicht mehr, auch nicht stundenlanges Musikhören, vor-mich-hindösen oder was auch immer. Ich hatte viel zu lange einfach nur ausgehalten, durchgehalten und lange Zeit vergessen, mir meine Bedürfnisse klarer zu machen. Erst nachdem ich beschloss, dass ich bei einer etwas veränderten Konsumhaltung auch mit einer Teilzeitstelle zurecht komme und ich mich der MBSR-Achtsamkeitspraxis zuwandte, ging es schrittweise wieder mit mir bergauf.

Und nun gehe ich am Neujahrstag 2015 im Sonnenschein spazieren und bemerke, wie ich locker geworden bin. Jetzt kann ich Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen und die einfachen Dingen wieder genieße: Den Wind, die Sonne, den Boden unter mir, den ein- und ausfließenden Atem, die Ruhe um mich herum und die zunehmende Ruhe in mir selbst. Einfach da sein, präsent sein, lebendig sein. So etwas muss es wohl sein, wenn von SEIN, statt HABEN oder MACHEN die Rede ist. Und was soll ich sagen: Es ist schön, einfach schön.

Teile diesen Beitrag

6 Kommentare

  1. Ich finde es total super, dass Du das Problem so gut lösen konntest und einen guten Weg für Dich gefunden hast!

    Vielleicht schaffe ich das auch 2015…

    lg
    Maria

    • so mal eben mit „links“ geht zwar nix, Wundermethoden schon gar nicht (jedenfalls nicht bei mir). Aber klar, es gehts doch ziemlich vieles. In jedem Fall drücke ich dir die Daumen.

  2. „Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen “

    Ja,das übe ich auch und es klappt immer besser, je, nach Tagesform.
    Schön, das ich Deine Seite gefunden habe.

    Herzliche Grüße
    Hope

  3. Margarita

    Danke, dass du deine Gedanken und Erfahrungen teilst. Du sprichst mir einfach aus der Seele.

    „Jetzt kann ich Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen“

    Diese Erkenntnis war für mich das größte Geschenk meines Lebens. Es hilft einem in so vielen Lebensbereichen (beim Musikmachen, beim Sport, im Beruf usw.). Überall steht uns unbewusste Anspannung im Weg und blockiert uns physisch wie auch psychisch.
    Wenn man achtsam ist und lernt Anspannungen frühzeitig zu registrieren, dann ist es als hätte man einen An/Aus-Knopf gefunden. In einer bestimmten Situation, in die man sich sonst reinziehen lassen würde, um am Ende völlig ausgelaugt zuwerden, hält man inne, atmet einmal tief durch, richtet sich auf – und schon hat man ein Stück seines Selbstvertrauens wieder und ist nicht länger Opfer der Umstände, sondern Herr der Lage. Ist jedenfalls bei mir so.

    • An/Aus-Knopf – eine schöne Formulierung. Ein bisschen ist es so wirklich. Oder auch: selbstbewusst – sich selbst bewusst sein, dadurch lässt sich einfach anders und besser reagieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.