Der wirkliche Luxus – wieviel Dinge brauchen wir?

Wieviel Dinge brauchen wir?

Diese Frage habe ich mir kürzlich mal wieder gestellt. Und wo machen wir uns vielleicht wirklich ordentlich was vor? Mit was für Standards laufen da einige Menschen eigentlich durch ihr Leben? Kürzlich war eine Sendung im TV über ganz legale Steuergeschenke für Gutverdiener, sogenannte Job-Benefits. (Der Link zur Sendung ist inzwischen leider nicht mehr verfügbar).

Manche bekommen zusätzlich zu ihrem normalen Gehalt noch jede Menge Vorteile oben drauf. Das kann den Wert von rund 2000€ im Monat haben und alleine diese Zulagen sind bereits deutlich mehr als das, wovon ich den ganzen Monat lebe. Ein großer und komfortabler Dienstwagen. eine Bahnkarte im Wert von ca. 4000€ pro Jahr oder es wird der Kindergartenbeitrag, Fitnessclub und weiß ich was alles bezahlt. Und nur, damit diese hoch bezahlten Angestellten dann einfach nur ihren Job machen. Vor einigen Tagen wurden dann auch noch mal ein Film über das Arbeiten bei Google gezeigt. Mitarbeiter müssen natürlich (jede Menge) arbeiten, aber da gibts den kostenlosen Wäscheservice, Friseur, angenehmes Interieur und und und. Ich bekam den Eindruck, als müsse sich ein Mitarbeiter bei Google dann wirklich nur noch ums Arbeiten kümmern und um sonst nichts. Das gesamte sonstige private Leben scheint über Google geregelt zu werden.

Tja, mir kommt dann erstmal der Gedanke der Ungerechtigkeit, die darin steckt und wie deutlich es ist, dass einige wenige Gutverdiener, steuersparend auf Kosten aller anderen Menschen leben – und die richtig reichen Leute haben sich in diesen Filmen dann ja auch nicht portraitieren lassen. Ich denke an so vieles, was nicht mehr läuft – manches ist direkt vor der Tür erkennbar, wie unsere maroden Strassen, die nicht vorhandenen oder schlecht ausgebauten Radwege, der Wunsch nach besseren ÖPNV-Verbindungen – da würden einige Steuergelder sicher gut tun. Dann gibts da auch die vielen runter gekommenen Schulgebäude und die Kindergärten, die zwar knapp mit Geld, aber dafür immer mehr leisten sollen. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen.

 

Geld macht nicht glücklich

Mir kommt dann noch ein anderer Gedanke. Als ich in die Gesichter der Gutverdiener sah, wurde auch eins deutlich: Nämlich dass das persönlich empfundene Glück tatsächlich nicht zwangsläufig mit dem Gehalt steigt. Dann hätte ich da deutlich entspanntere und gelöstere Gesichter sehen müssen. Denn: Was sind das für Abhängigkeiten? Definiert sich das vermeintliche Wohlergehen nur über das, was die Firma an Job-Benefits-Zückerchen bietet und ich dann damit vor anderen glänzen und mich zur Schau stellen kann? Und was bricht da alles zusammen, wenn der Job verloren geht? Ich denke dabei nicht nur daran, dass sich der ehemalige Google-Mitarbeiter plötzlich selbst um seine Wäsche kümmern muss, sondern auch an das Gefühl von vermeintlichem Wohlergehen, welches dann erstmal zusammen brechen kann. Wie geht es jemanden, der seinen Wohlstand, seine Zufriedenheit und irgendwie den großen Teil seines Alltagslebens von einer Firma und deren „Benefits-Zückerchen“ so abhängig macht? Ich musste bei dem WDR-Film immer wieder daran denken, wie manche Erwachsene mit Kindern umgehen. Die Kinder werden mittels Bonbons, Spielzeugen und sonstigen Dingen ruhig gestellt : Wenn du lieb bist, bekommst du ein Bonbon, eine Playstation, einen Computer, ein Smartphone, etc. etc. – Aber soll dem Kind damit was gutes getan werden oder soll es einfach nur ruhig sein? Ist es nicht auch ein Freikaufen (… jetzt hast du so viel Zeugs, dann sei mal schön ruhig, verhalte dich gut und lass mich in Ruhe…).

Der Gedanke, dass es solche unglaublichen Ungerechtigkeiten gibt, die Gutverdiener einseitig bevorteilt bleibt – auch, dass so etwas ein Skandal ist.

Aber:
Neid habe ich definitiv keinen.

Denn:

Der wirkliche Luxus: Zeit, Freiheit, Unabhängigkeit

Ich genieße meine Freizeit, meine Freiheit und Unabhängigkeit. Mit keiner der Protagonisten hätte ich auch nur einen Tag tauschen wollen. Ich weiß ganz gut, wie ich mit Bus und Bahn von A nach B komme und wie ich dies durchaus selbst bezahlen  und ein Ticketautomat bedienen kann. Dann muss ich auch keinen Parkplatz suchen, mir keine Sorgen um Kratzer oder Dellen machen, die ins Auto kommen könnten. Ich muss mir keine riesige Wohnung anmieten, damit meine endlos langen und überfüllten Kleiderschränke rein passen. So etwas interessiert mich ohnehin nicht die Bohne.

Und was ich noch genieße: Ich arbeite nicht nur wegen irgendwelcher Konsum-Zückerchen, sondern weil ich einen inhaltlichen Sinn darin sehe und ich es schön finde, wenn sich andere Menschen dann tatsächlich besser fühlen. Ich kann mir zudem sicher sein, dass Leute nicht nur deshalb mit mir Kontakt haben, weil ich viel Geld habe und diese sich vielleicht irgendwelche Vorteile dadurch erhoffen könnten.

 

 

 „Echte Freude findet man nur im Genuss der einfachen Dingen“.
Hong Yingming

 

2 Kommentare

  1. Ueber die Feiertage habe ich „Der Circle“ gelesen, einen Roman von Dave Eggers. Es geht um eine Frau, die für einen Konzern arbeitet, der Google, Facebook und andere vereinnahmt hat. Genau wie Du es beschreibst ist die Arbeit dort mit allerlei Annehmlichkeiten verbunden. Deutlich wird aber zwischen den Zeilen auch der Preis, den man immer wieder dafür zahlt. Unabhängigkeit und Privatsphäre sind dahin.
    Ruhigstellen – das klingt ganz schön drastisch, aber ich glaube, Du hast Recht. Es gibt ja diesen Begriff der „hedonistischen Adaption“ – man gewöhnt sich schnell an Annehmlichkeiten, wenn man sie erst einmal hat; deswegen werde Leute mit steigendem Gehalt auch nicht langfristig glücklicher. Es ist aber auch schwer wieder auszusteigen – um bei Deinem Beispiel mit Kindern zu bleiben: wenn sich das Kleinkind erstmal daran gewöhnt hat, jedes Mal Gummibärchen zu bekommen, wenn es auf Töpfchen geht, folgt Rebellion, wenn die Gummibärchen ausbleiben.

    • Wow – das sind ja Formulierungen: „hedonistische Adaption“, sowie rebellierende Kinder, wenn die Gummibärchen ausbleiben. Gefällt mir 🙂

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