Minimalismus: den Teufelskreis beenden

Die falschen Heilsversprechen unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft

Etwas, was mir immer wichtiger wird: Mich nicht mehr einwickeln lassen in die diversen falschen Heilsversprechen, die unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft zu bieten hat. Mit dem nächsten Smartphone, Laptop etc. wird’s nämlich nichts automatisch besser. Auch die Erholung hängt nicht alleine davon ab, ob die Anfahrt zum Urlaubsort möglichst weit und der Urlaubsort selbst dann möglichst exklusiv ist.

Und warum ist die Erholung so dringend nötig? Warum die vielen großen und kleinen Erleichterungen im Alltag, wie z.B.:

  • das Auto, um schnell und komfortabel zur Arbeit zu kommen
  • mittags regelmäßig ins Restaurant, damit wir nicht abends die knappe Zeit mit Kochen verbringen müssen
  • den exklusiven Urlaub, den wir ja so dringend nach dem Arbeitsstress brauchen
  • Und in der Freizeit dann endlich leben: ins Kino, ins Shoppingcenter, Party, Theater. Neues Auto aussuchen, neue Smartphones testen, neue schicke Kleidung kaufen, damit wir gut aussehen und gut da stehen: Damit wir dann in jedem Fall wiederum das Geld verdienen können, dass wir brauchen, um anschließend wieder die Kleidung, das Smartphone, das Auto etc. kaufen zu können, die wir für unsere Arbeit brauchen – usw. usw. usw. eine Endlosschleife, ein Teufelskreis.

Das bedeutet nichts anderes, als das wir möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld brauchen, damit wir mit genau diesem Geld die Erholung von dieser Arbeit kaufen können. Diese Erholung brauchen wir dann aber auch deshalb, weil wir vielleicht auch das richtige Maß verloren haben: das richtige Arbeitsmaß und das richtige Maß an Konsum.

 

Mein Arbeits- und Konsum-Teufelskreis

Und es ist nicht so, als würde ich diesen Teufelskreis nicht auch selbst kennen:
Es war im letzten Jahr vor der Euro-Einführung: In der Mittagspause kauften wir uns regelmäßig einen Salat (sehr lecker), den gab es ganz in der Nähe für 4,90DM. Ich aß ihn an 4 Tagen pro Woche, ergab bereits über 80 DM im Monat. Nicht gerechnet, hier und da einen Kaffee unterwegs, die Eisdiele im Sommer, das Brötchen vom Bäcker, usw..

 

Veränderungen

Das ist lange her und es hat sich vieles positiv verändert. Zum Glück. Aber neulich habe ich mal wieder einen Monat ganz pingelig aufgeschrieben, welche Essenskosten ich während meiner Arbeitszeit habe. Vorausgehend gesagt: Ich nehme mir in der Regel alles erdenkliche an Essen und Trinken mit. Trotzdem reichte es manchmal nicht. Manchmal hatte ich mich einfach verkalkuliert und zu wenig mitgenommen, manchmal kam es kurzfristig zu Überstunden – und so kam ich auf fast 40€ im Monat an zusätzlichen Essenskosten während der Arbeitszeit. Das löst kein Finanzdrama bei mir aus, aber erstaunt war ich dann schon, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Es gibt auch andere Beispiele: Meine frühere Arbeitsstelle hatte einen recht weiten Anfahrtsweg. Die Bahnfahrt verschönerte ich mir, indem ich mir irgendwann ein Tablet mit mobilem Internet besorgte. So konnte ich im Internet surfen, lesen, Musik hören. Eigentlich war ich nach der Arbeit aber viel zu müde und noch zu überdreht dazu, so dass es irgendwann nur noch ein Zudröhnen war. Ich war mitten drin im Konsum-Arbeit-Teufelskreis: Ich kaufte etwas, damit ich mich von der Arbeit erholen konnte und damit ich mir das Kaufen überhaupt leisten konnte, muss ich arbeiten. Und ich brauchte lange Zeit, bis ich bemerkte, dass es so nicht mehr weiter ging.

Um es klar zu stellen: Ich habe nichts gegen Arbeiten, im Sinne eines gestaltenden Tätigsein, auch nicht zum Geld verdienen. Ich habe auch nicht grundsätzlich etwas gegen Kaufen, wenn es dann etwas ist, was ich auch wirklich brauche. Aber wenn Arbeiten und Konsumieren nicht nur zum Hamsterrad, sondern zum Teufelskreis geraten, zu einem Strudel, der mich unbemerkt abwärts zieht, dann schadet dies – dann ist das einfach Unsinn und es gibt kein Haus, kein Auto, keine Segeljacht und kein Smartphone, die dies rechtfertigen würden.

 

Ein einfacherer Lebensstil – minimalistischer und achtsamer Leben

Ein einfacherer Lebensstil, der minimalistischer und achtsamer ausgerichtet ist, ist dagegen eine Erholung, ein Aufatmen und immer wieder aufmerksam werden: Wo stehe ich denn gerade? Wie geht es mir? Brauche ich dies, das oder jenes wirklich? Muss ich mithalten im Konsumwettlauf, Freizeitaktionismus, dem tollsten Urlaub, den neuesten elektronischen Spielzeugen? Minimalistischer und achtsamer Leben bedeutet, dass Zeit, Lebensfreude, Kreativität und Energie freigesetzt werden können. Und um insbesondere auch die vielen schönen kostenlosen Dinge genießen zu können: Wohltuende zwischenmenschliche Begegnungen, der Sonnenstrahl am Morgen, ein vorbei springendes Eichhörnchen, das Rascheln der Blätter am Baum, den Boden unter meinen Füßen bewusst erleben. Sogar das Prasseln des Regens kann Musik sein, wenn ich meine Sinne dafür öffne. Und endlich wieder spüren: Ich atme, ich lebe!

 

 

2 Kommentare

  1. Wow! Schöner Text, liebe Gabi. Sehe ich schon viele Jahre genauso. Viele müssen extra erst In Urlaub fliegen um überhaupt mal einen Sonnenuntergang wahrzunehmen. Der ist hier manchmal sogar mintfarben. Jeden Tag hab ich ihn am Küchenfenster. Wenn ich an dich denke, stelle ich mir immer einen Mensch vor, der genießen kann. Auch die Extraausgabe. Deswegen finde ich das bei dir alles nicht so schlimm. 🙂
    Lg Tanja

  2. Liebe Gabi,
    eigentlich schon seit ich denken kann war Besitz für mich nicht massgebend. Ich habe mich noch nie darüber definiert. Deshalb arbeite ich bereits seit kurz nach der Ausbildung nur in Teilzeitpensen, denn ich habe nie eingesehen, wieso ich den grössten Teil meines Lebens in Arbeit investieren soll. „Ich arbeite für’s Leben, ich lebe nicht, um zu arbeiten“ ist einer meiner gern zitierten Sätze. Diesem wahnsinnigen Hamsterrad, das vom Wunsch nach viel Besitz und dem damit Hand in Hand gehenden Zwang, immer noch mehr arbeiten zu müssen angetrieben wird, verweigere ich mich standhaft.
    Ich bin schönen Dingen nicht abgeneigt, lege dabei aber viel Wert auf gute Qualität und benutze sie so lange wie irgend möglich. Das haben wir schon als Kinder vermittelt bekommen. Wegwerfen wiedersteht mir regelrecht! Je älter ich werde, umso mehr verzichte ich auf Konsum, investiere mein Geld nur in wirklich nötige Dinge. Mein Handy ist sehr simpel, es kostete ganze 30 Franken und begleitet mich schon seit Jahren. Ich habe wohl einen Computer (sonst wäre ich ja jetzt nicht hier!), aber der wird so lange benutzt werden, bis er sich verabschiedet. Mein Auto brauche ich dringend für den Arbeitsweg, denn es sorgt dafür, dass meine Freizeit mehr wird. Früher habe ich in den Arbeitsweg täglich 2 Stunden investiert- unsinnig, wie ich finde!
    Uns wurde schon in der Kindheit immer die Natur mit all ihren Tieren und Pflanzen nahegebracht, sie ist für mich etwas vom Wertvollsten. Und deshalb gehören heute zu meiner „Familie“ 3 Pferde, 1 Esel und 14 Katzen. Sie erden mich, beruhigen mich, machen mein Leben unter anderem wertvoll. Und auch wenn sie wiederum viel Arbeit bereiten (weil ich die ganze Stallarbeit praktisch alleine mache), so würde ich niemals auf sie verzichten wollen. Wer jemals mit einem Pferd durch den stillen Wald geritten ist wird verstehen, was ich meine. Die Sinne für all das Wunderschöne werden geschärft, man nimmt Gerüche, Geräusche, den Lichteinfall und die Jahreszeiten viel intensiver wahr. Bevor ich hier aber allzu philosophisch werde:
    Ich gebe dir voll und ganz recht. Und kann deine Zeilen einfach nur unterschreiben.
    Herzliche Grüsse!
    ANDREA

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