Achtsamkeit und körperlicher Beeinträchtigung – Meine Erlebnisse

Endlich nicht mehr perfekt…

Wahrnehmen und insbesondere wohlwollend wahrnehmen, was da ist, aber endlich nicht mehr perfekt ticken müssen – Das ist es, was ich mit Achtsamkeit und körperlicher Beeinträchtigungen verbinde. Wobei ich den Begriff körperliche Beeinträchtigung mal als eine Art Oberbegriff verwende. Ich könnte es auch nennen: motorische Einschränkungen, Körperbehinderung, vielleicht ‚Fehlkonstruktion‘ oder: ‚Einfach etwas anders‘.

 

„Mach doch mal mehr Sport…“

Schon als Kind bis ins heutige Erwachsenenalter hörte ich immer wieder: „Mach doch mal mehr Sport!“ Irgendwie muss ich auf meine Umgebung sportlich wirken, andererseits scheint meistens aber auch aufgefallen zu sein, dass da irgendwas nicht stimmt. Ich könnte auch endlos scheinende Dinge aufzählen, die nicht „normal“ sind, z.B. Fußfehlstellung, Hüftdysplasie als Neugeborene, überstreckbare Gelenke, leichte X-Beine, jahrzehntelang Wirbelsäulenverkrümmung aufgrund von diversen Muskelverkürzungen…. Das ein oder andere ist früher auch mal medizinisch behandelt worden, aber in den 60er-Jahren war da nicht so viel, kaum Krankengymnastik, Schuheinlagen viel zu spät und nicht durchgängig, etc. – Manches wusste ich auch einfach nicht. Einer Gymastiklehrerin fielen mal meine überstreckten Gelenke auf (da war ich bereits Erwachsen) und eine Schuhorthopädiemeisterin wies mich vor nicht all zu langer Zeit darauf hin, dass ich neben dem üblichen Spreiz-Senkfuß auch noch zusätzlich einen leichten Sichelfuß habe. Tja, dann kommt noch dazu, dass mein Fuß extrem schmal ist und mir eigentlich nie ein Schuh passt – Da ist das nett gesagt mit „Mach doch mal Sport…!“

 

Meine Versuche mit dem „mehr Sport machen…“

Natürlich habe ich das immer und immer wieder versucht. Ich hätte auch so gerne mal eine bessere Koordination gehabt, habe als Erwachsene jahrelang endlose Kurse besucht. Ich wollte auch mal einfach annähernd mit machen können. Mein größter Wunsch war, einmal nicht hinten dran hängen, einmal nicht diejenige sein, die sich am meisten mit den Übungen herum quält. Außerdem sah manches auch so super schön aus, Thai-Chi-Bewegungen beispielsweise. Aber ich kam einfach nie mit, hing immer hinten dran, egal wie ich mich bemühte und anstrengte. Vieles habe ich dann jahrelang einfach verdrängt, weg geschoben, versucht zu übersehen und immer wieder versucht, probiert, aufgegeben, neu angefangen usw..  Was ich geschafft habe: Mit meinem Rücken habe ich heute keine Beschwerden mehr – einer engagierten Physiotherapeutin mit Eutonieausbildung sei dank. Ansonsten hat sich – egal, was ich angestellt habe – aber nichts wesentliches geändert. Eine Rückenverkrümmung kann man mit viel Arbeit wieder ins Lot bringen, aber andere Füße anschrauben geht nun mal nicht. Was hängen geblieben ist: ein mega Stress, ein immer wieder Kämpfen ums „Normal-sein-Wollen“. Aber es ging nicht.

 

Einfach etwas anders sein dürfen – Achtsamkeit

Wirkliche Veränderungen brachten für mich dann erst die Achtsamkeitsübungen des MBSR. Endlich schrittweise aus dem körperlichen Leistungsstress der letzten Jahrzehnte herauszukommen, ist mitunter nicht so einfach, aber sehr wohltuend.  Beim achtsamen Yoga tauchten die ersten auffälligeren Probleme auf. Ich konnte den Anweisungen nicht folgen, geriet wieder in die alten Stress-Muster. Bei der Geh-Meditation fiel mir dann erstmals auf, wieviel Unsicherheit ich letztlich immer noch beim Gehen habe – auch wenn es andere kaum bemerken. Selbst bei der Sitzmeditation wurde mir irgendwann bewusst, dass ich das Sitzen meinte „machen“ zu müssen, weil ich es einfach so gewohnt war, mich da mega anstrengen zu müssen. Manchmal geriet ich dabei in einen solchen Stress, dass ich mich nur noch hinlegen konnte. Erst jetzt so langsam dämmert mir: Ok, es darf dann auch einfach mal so sein, wie es ist. Ich muss nicht ständig gegen das eigene körperliche So-Sein ankämpfen und kann behutsamer, langsamer, fürsorglicher damit umgehen. Dadurch spüre ich jetzt sehr viel differenzierter, was ich brauche – und genau dadurch ändert sich etwas. So nehme ich jetzt beispielsweise sehr viel genauer und bewusster wahr, wo ich noch eine Veränderung bei den Schuheinlagen benötige. Auch lasse ich mir die Schuhe auf meine Bedürfnisse meistens noch etwas abändern und anpassen. Wenn ich merke, ich kann nicht gut stehen, laufe ich ein wenig auf und ab (funktioniert prima an einer Haltestelle). Allen Fußproblemen zum Trotz genieße ich es überhaupt sehr, gehen zu können. Und genau dort wird mir der größte Unterschied zu früher bewusst: Bewegung einfach mal genießen können, in genau dem Maß, wie ich es kann – nicht mehr, nicht weniger und maximal „einfach etwas anders“.

Was mich noch interessieren würde: Wie geht es Euch?  Sportskanone? Meine ungeteilte Bewunderung! Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht, wenn Ihr mal nicht mitgekommen seid? Hat sich da inzwischen etwas verändert? Bei uns hieß das früher in der Schule „Leibeserziehung“ und nicht Sport und erinnerte an „Turnvater Jahn“, Einschränkungen waren da nicht vorgesehen…

 

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Wie ich mich  an einem Achtsamkeitstag mit meinem körperlichen Erleben auseinander gesetzt habe, steht hier: http://www.achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeitstag/

4 Kommentare

  1. Hallo Gabi!

    Da hat mich das Thema Achtsamkeit bei Dir noch einmal eingeholt und ganz kräftig durcheinander gebeutelt. Ich bin nämlich auch diejenige, die in der Gymnastikstunde nicht mitkommt und in der Gruppe als letzte ankeucht und ankommt, wenn die anderen schon wieder weiter gehen.

    Ich habe mich total gefreut, Deinen Beitrag heute zu lesen, weil er so positiv bei mir rüberkommt und mir das Gefühl vermittelt, man kann es ja doch irgendwie schaffen, sich mit sich selbst zu versöhnen.

    lg
    Maria

  2. Hi Gabi,

    ein sehr schöner Artikel, wie ich finde. Ich habe von Geburt an leicht deformierte Kniescheiben, was dazu führt, dass sie ab und zu aus dem Gelenk springen.

    Seit einer Operation im Februar des letzten Jahres versuche ich, mich wieder an den Sport heranzutasten, und bisher war es immer ein Übung in Frustration. Egal, was ich versuche, es verursacht mehr Schmerzen im Knie, und ich kann es trotzdem nicht sein lassen, es immer wieder zu versuchen.

    Das einzige, was mir bisher half, war Achtsamkeit: in meinem Fall die Einsicht, dass die meisten Leute nach einer solchen OP zwar nach einem Jahr wieder völlig fit sind, ich aber eben nicht (vielleicht durch den Schaden am anderen Knie, wer weiß). Das Leid, das ich dadurch empfinde, kommt allerdings dadurch, dass ich an einer Welt festhalte, die nur in meinem Kopf existiert. Wenn ich meine Phantasiewelt loslassen und die Realität annehmen kann, so wie sie ist, ist mein Knie auch nichts schlimmes, sondern halt nur eine Einschränkung, die ich akzeptieren kann.

    Wenn ich wütend auf meinen Körper werde, gewinne ich dadurch nichts. Wenn ich meinem Körper mit Liebe und Verständnis gegenübertrete, wird mein Weg einfacher.

    • Freundlich, fürsorglich, liebevoll ist ohnehin sehr wichtig. Selbst zu eigener Ungeduld und Aggressivität kann man achtsam-freundlich sein. Ist allerdings nicht mal so eben erledigt. Das braucht Zeit…

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