Minimalismus anno 1982

Wo um alles in der Welt kommt denn das Zeug jetzt noch her?

Es war 1982, meine erste Anstellung. Es folgte der Auszug von Zuhause und meine erste eigene Wohnung – ausgestattet  ausschließlich mit Gebrauchtmöbeln (siehe auch mein Artikel hier: Minimalistische Spurensuche – mein Wohnen früher und heute).

Eigentlich war’s nicht wirklich viel, aber als ich dann nach gerade mal 1 Jahr aus dieser Wohnung wieder auszog, traf mich fast der Schlag: Am letzten Tag bekam ich die restlichen Habseligkeiten nur noch knapp ins Auto. Das war doch ein Schock und mein Gedanke: „Wo um alles in der Welt kommt denn das Zeug jetzt noch her???“ Es war bereits Freitagnachmittag, ich musste noch die Wohnung übergeben und hatte rd. 200km Fahrt in einem kleinen, klapprigen Fiat vor mir. – Zum Glück habe ich damals doch noch alles auf die Reihe bekommen.

 

Endlich wenig – und dann doch wieder mehr…

Meine nächste Wohnung war eine möblierte Wohnung (Erleichterung, trotz der m.E. hässlichen Möblierung). In dieser Wohnung hatte ich u.a. nur minimalstes Geschirr. Viel später erfuhr ich, dass sich bereits einige liebe Menschen darüber Gedanken gemacht hatten, mir dann doch mal „vernünftiges“ Geschirr zum Geburtstag zu schenken. Ich war bereits Minimalistin, habe es auch gelebt, aber nicht begriffen. Es gab dieses Wort auch noch nicht. Eher war ich irgendwann in dem Gedanken gefangen, dass meine Art zu Wohnen irgendwie „nicht so ganz normal“ ist. Ein „normaler“  Mensch hat doch irgendwie  mehr Möbel und Küchenkram in der Wohnung… Also habe ich im Laufe der Zeit dann doch dies, das und jenes angeschafft, irgendwann auch eigene Möbel.

 

Es minimalisiert sich manchmal wie von selbst…

So richtig „normal“ habe ich es aber nie hinbekommen: Ich habe mein Leben noch nie eine Einbauküche gekauft, nicht mal eine gebrauchte. Das „vernünftige“ Geschirr kam, fiel runter und verschwand auf diese Weise wieder. Kleiderschränke mochte ich eh nie, Bettgestelle wurde ge- und wieder verkauft. Fernseher muss unbedingt sein und Fernseher ist überflüssig. Zwischen 1983 und 2001 hatte ich kein eigenes Auto, Kleidung zu kaufen, war für mich immer vorrangig ein Albtraum und kein Spaß. Das erste Festnetztelefon hatte ich mit 24 Jahren, 3 Jahre lang reichte Telefonhäuschen, Briefe und einfach rechtzeitige Verabredungen.

 

Ich bin, wie ich bin

Kleiderschrank und Büro heute

(Kleiderschrank + Büro heute)

Inzwischen bin ich 54 Jahre und es ist mir heute zum Glück egal, was „normal wohnen“ und irgendein Durchschnittsstandard ist oder auch nicht. Ich bin, wie ich bin und das ist völlig in Ordnung so. Allerdings gehöre ich auch nicht zu denen, die mit maximal 100 Teilen und Rucksack durch die Welt wandern. Das ist aufregend, aber nicht mein Ding. Ich bin einfach auch gerne Zuhause und genieße es. Natürlich ist es schön, dass es heute deutlich mehr Menschen gibt, die ebenfalls einen Leben ohne Krempelberge bevorzugen und zum Teil wirklich wunderbare und kreative Lösungen für sich entwickeln.

 

Minimalismus als befreiender Baustein für eine lebenswerte Welt

Eins möchte ich abschließend noch betonen: Minimalismus mag z.Z. Trend  sein, aber dies mit einer „bloßen Modewelle“ oder „irgendwelchen jugendlichen Spinnern“ abzuwinken, ist zu kurz gedacht („jugendlich“ bin ich ja jetzt wirklich nicht mehr – und was mehr Spinnerei ist: mit viel oder mit wenig Zeug wäre ja auch nochmal zu schauen…). Die Ressourcen unseres Planeten sind begrenzt und Konsum braucht Zeit, viel Zeit. Nico Paech bringt es sehr treffend auf den Punkt, wenn er schreibt:

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem gerade noch die Zeit aufgebracht wird, Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren, zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegenzunehmen, unterzubringen – und dann womöglich nicht zu nutzen, einfach weil die dafür notwendige Zeit bereits durch die Summe unzähliger Auswahl- und Kaufhandlungen aufgezehrt wurde. … Hilfe verspricht die Konzentration auf eine überschaubare Anzahl von Optionen, so dass Zeit und Aufmerksamkeit reichen, um diese Dinge lustvoll genießen zu können. Wer sich elegant eines ausufernden Konsum- und Mobilitätsballastes entledigt, ist davor geschützt, im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung orientierungslos zu werden. … Die Befähigung zum eleganten und Glück stiftenden Konsumieren bestünde also darin, sich von Wohlstandsschrott zu befreien, der nur unser Leben verstopft.
Nico Paech: Befreiung vom Überfluss, Oekom-Verlag, E-Book, Kapitel VI, Weniger ist mehr. Umrisse einer Postwachstumsökonomie

8 Kommentare

  1. Hallo Gabi,
    Bei Niko Paech kann man sich als langjähriger Minimalist ohnehin noch sehr viele Anregungen abholen. Seine Analyse ist treffend und seine Postwachstumsökonomie ist vor allem für all jene spannend, die selbst aktiv werden wollen und nicht nur darüber jammern wollen, dass die Welt so schlimm geworden ist. Ich empfehle ihn mal bei youtube zu suchen, dort gibt es fiele gute Vorträge von ihm zu hören. Jene, die mir bisher am besten gefallen, habe ich vor kurzem auch auf meinem blog verlinkt.
    Gruß, Marco

    • Niko Paech finde ich auch deshalb immer erwähnenswert, weil er die gesellschaftliche Dimension und im Blick hat. Was den persönlichen Konsum angeht, bringt er Dinge halt recht gut auf den Punkt.

  2. Hallo Gabi!

    Minimalismus mag zwar heute Trend sein, gegeben hat es ihn aber immer schon und das wurde auch so gelebt.

    Durch die Kinder hat sich das bei mir verändert, ich bin sesshaft geworden und es wurde mit der Zeit mehr. Heute versuche ich wieder zu meinen Wurzeln zu gelangen und mich wieder dort hin zu reduzieren, wo ich früher war.

    Übersiedlung in einem Auto war definitiv möglich. Heute reicht wohl ein LKW nicht aus.

    lg
    Maria

    • Mit Kindern bleibt es ja auch denke ich gar nicht aus, dass man einfach mehr Zeugs braucht. Mich beschäftigt ja schon auch immer mal wieder, dass einiges von dem, was heute Minimalismus ist, früher viel war (fällt mir immer bei Bekleidung besonders auf).

    • Hallo ihr Lieben,

      musste grad an meine erste Wohnung/Zimmer denken. Als ich dort ausgezogen bin, habe ich gemeinsam mit zwei Freundinnen alles in der Straßenbahn übersiedelt 😀 das wäre definitiv heute nicht mehr möglich. Und damals war ich noch gar keine Minimalistin, aber Studentin und konnte mir nichts leisten..

      Liebe Grüße,
      Birgit

  3. Liebe Gabi,
    mir ist gar nicht bewusst, dass ich anscheinend auch Minimalistin bin, was das Wohnen angeht.
    Ich lebe z.B. immer noch mit den Möbeln, die ich mir für meine erste Wohnung gekauft habe, weil ich sie immer noch schön finde. Nordische und andere Möbelhäuser vermitteln uns inzwischen, dass wohnen genauso modisch wechselhaft ist wie Kleidung. Mir gefällt ein Ausdruck von Heini Staudinger, der Möbel (neben guten Schuhe) herstellt, die er als enkeltauglich bezeichnet. Das sind für mich Möbel, die zeitlos, praktisch und unkaputtbar sind, und auch meinen Enkeln noch gefallen würden. Solche Eigenschaften waren früher normal. Heut würde man es als nachhaltig bezeichnen. Eigentlich fällt mir auf, dass vieles was früher normal war, heute wiedererfunden und dann ein ganz cooler Trend wird, wie öko, minimalistisch oder eben nachhaltig.

    • Ja, an der Stelle wird mir auch immer bewusst, dass Minimalismus durchaus auch etwas relatives ist. Es hat auch etwas damit zu tun, dass in den letzten Jahren sehr viel und z.T. sehr extrem konsumiert wurde. Ich denke z.B. öfter, dass es doch nicht sein kann, dass so viele Ex- und Hopp-Möbel produziert und gekauft werden, aber in die entsprechenden nordischen (schönes Wort!) und anderen Läden pilgern die Leute in Scharen hin. Wenn das Zeugs dann hin ist, pilgern sie erneut. Ich freue mich für jede/n, der bzw. die das nicht mehr mit macht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.