Misserfolg als Chance

Manchmal geht’s einfach daneben…

Manchmal sind die Vorhaben so prima, so gut. Und dann klappt es irgendwie doch nicht so ganz. Also z.B. mein Vorhaben, regelmäßig morgens kurz noch das Geschirr spülen. Eigentlich dauert es eh nicht lange, ist in maximal 10 Minuten erledigt und ich bin sowieso Frühaufsteherin. Passt also  eigentlich prima. Aber es dauert leider ebenfalls nicht lange, bis sich das Geschirr dann doch wieder stapelt. Oder ich will Zuhause endlich mehr achtsames Yoga üben – und dann bekomme ich es nur in der MBSR-Gruppe oder an Achtsamkeitstagen hin – monatelang.

Jede/r hat da natürlich andere Themen. Manche Leute kommen an der neuesten Bekleidung oder Schuhhäusern nicht vorbei, kaufen vielleicht den x-ten Pullover, obwohl doch genügend im Schrank sind. Oder es muss unbedingt ein neues Handy sein, obwohl das alte Handy noch klaglos seinen Dienst versieht. Manchmal ist es auch das zuviele Geld, was bei häufigen Restaurantbesuchen drauf geht oder der Duft nach dem x-ten frischem Kaffee unterwegs oder die gebrannten Mandeln, die auf einem der vielen Weihnachtsmärkte verführerisch um die Nase wehen.

Irgendwann kommt dann der Gedanke: „Ach, dann ist es mir dann eben egal…“ oder es macht sich Frust, Enttäuschung, Ärger über sich und die Welt breit. Vielleicht ist auch die Finanzplanung über den Haufen geworfen und führt zu neuen Dramen. Der positive Schwung des Anfangs ist einem flauen, schalen Gefühl gewichen. Vielleicht machen sich Selbstzweifel breit oder wir suchen unser Heil in Verdrängung oder Aktivismus.

 

Es gibt immer einen Grund – und eine Lösung:

Weder müssen wir uns dauerhaft in Verdrängung oder Aktivismus, noch in Selbstzweifel vergraben. Es gibt die Möglichkeit, diese kleinen oder größeren Alltagstiefs, die Misserfolge als Chance zu nutzen. Denn sie bieten eine hervorragende Möglichkeit mal ein wenig nachzuforschen, was da eigentlich los war: Warum genau haben die eigenen Vorhaben eigentlich nicht geklappt? Warum ist der anfängliche Schwung versandet? Und bitte nicht an der Plattidüde „ich habe eben zuwenig Selbstdisziplin“ aufhalten. Es gibt nämlich immer einen Grund – und vielleicht ist dieser Grund wichtig, entscheidend, hilfreich und wird so zur Lösung für das Dilemma.

 

Wie können Misserfolge zu Chancen werden? Anregungen zur Alltags-Achtsamkeit:

  • Hinfühlen, hinschauen, hinhören: Insbesondere auf die eigene Befindlichkeit, die „innere Stimme“. Was passiert da eigentlich so ganz genau, wenn dann doch wieder etwas nicht funktioniert hat? Was geschieht oder geschah da um mich herum? Wie fühle ich mich jetzt? Was und wie habe ich mich vorher gefühlt?  Welche Sinne sind und waren angesprochen? Was war vielleicht so attraktiv, das ich das eigene Vorhaben, doch wieder fallen gelassen habe?
  • Sich Zeit nehmen und sich Zeit lassen. Wo steht geschrieben, dass alles sofort und zu 100% klappen muss? 10% sind mehr als 0%, ein Schritt besser als kein Schritt.
  • Trotzdem freundlich mit sich selbst sein: Ein Misserfolg ist kein Weltuntergang. Statt ständiger Selbstvorwürfe kann es hilfreicher sein, sich selbst gut zuzureden, sich selbst zu ermutigen. Auch die klitzekleinsten Versuche können gesehen und ausreichend würdigt werden.
  • Auf nicht-bewusste Gewohnheiten achten: Manchmal sind es Gewohnheiten, die sich langsam, allmählich und unbewusst eingeschlichen haben. Das kann der Zeitungskiosk oder der Bäcker sein, an dem ich morgens vorbei komme. Oder das Süßigkeitenregal an der Kasse, wo ich vielleicht nach Feierabend mal eben zugreife – einfach, weil ich das meistens so mache.
  • Mut zu kleinen Schritten: Tanja Heller nannte es mal so wunderbar: „Zerleg das Mammut.“ Manchmal sind die Vorhaben und Ziele einfach zu groß und zu weit gesteckt. Immer gibt es die Möglichkeit, sich kleinere Teilschritte und Teilziele zu überlegen und so Spaß an kleinen Erfolgen zu bekommen. Wenn es nicht für die große Joggingrunde 3 x pro Woche reicht, warum nicht einfach mal auf dem Nachhause-Weg eine Bushaltestelle früher aussteigen und den Rest gehen – vielleicht 1 x in der Woche, z.B. wenn eh das Wochenende vor der Tür steht?

 

Misserfolg als Chance – Meine Erfahrungen:

Ich konnte auf die zuvor beschriebene Weise eine ganze Menge für mich herausfinden. So ist mir z.B. irgendwann aufgefallen, dass der zur Gewohnheit gewordene tägliche Kaffee am Hauptbahnhof nichts anderes war, als der Frust über einen damals sehr langen Anfahrtsweg. Ich hatte mir den Kaffee weiter gegönnt, aber mal hingefühlt, was da eigentlich in und mit mir los war. Ich bemerkte, dass die vielen Kaffee’s, der Süßkrams hier und da, die Zeitschriften und was es sonst noch so unterwegs zu kaufen gab, Frustkäufe waren. Der Anfahrtsweg war zu weit, die Arbeitsstelle passte nicht mehr. Da half dann kein einfacher Kaffeeverzicht, sondern nur noch ein Stellenwechsel, um aus diesen Frustkäufen heraus zu kommen.

Oder mein oben beschriebenes Nicht-Yoga-Üben: Dadurch, dass ich mir keinen Druck gemacht habe, unbedingt Yoga Zuhause üben zu wollen, aber innerlich am Thema dran geblieben bin, fiel mir irgendwann auf, wieviel Druck ich mir bei solchen Dingen immer mache. Jahre- und jahrzehntelang bin ich über eigene körperliche Einschränkungen einfach hinweg gegangen. Auch das wurde mir letztlich durch meinen vermeintlichen Misserfolg des Nicht-Übens klar. Nach und nach gelang und gelingt es mir, genau dies nicht als Misserfolg, sondern als Chance zu sehen. So habe ich mir dann erstmal zugestanden, eben nur im Rahmen der MBSR-Gruppe zu üben. Dort habe ich mir dann schrittweise und mühsam erarbeitet, einfach mal sehr viel behutsamer, langsamer, kleinschrittiger vorzugehen. Einige Übungen lasse ich inzwischen weg oder passe sie an und finde dadurch allmählich zu einer viel besseren und insbesondere stressfreieren Körperwahrnehmung. Inzwischen komme ich dann tatsächlich auch mal zu dem Erlebnis, das Zuhause ein paar klitzekleine Yoga-Übungen zu machen, durchaus hilfreich und wohltuend sein kann. Zeit meines Lebens waren nahezu alle Sportarten für mich blanker Stress, nie wohltuend und fast immer unpassend. Nun kann ich die Chance meines Misserfolges endlich konstruktiv und wohltuend für mich nutzen – in vielen kleinen Schritten, mit Erfolgen und auch immer noch mal mit Misserfolgen, die ich auch weiterhin als Chance nutzen werde.

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4 Kommentare

  1. Hallo Gabi!

    Was für ein wunderschöner Beitrag! Ich sehe das ganz genau so, habe irgendwann einmal denke ich sogar in die Richtung etwas geschrieben in meiner Serie „einfach organisiert leben“.

    Nicht alles passt zum eigenen Leben und manchmal hat es einen Grund, warum etwas nicht klappt. Es lohnt sich immer genauer hinzuschauen, man erfährt viel über sich selbst.

    Liebevoll mit sich selbst umgehen ist da natürlich der Schlüssel dazu, so wie Du schreibst im Zusammenhang mit den Yoga-Übungen (die ich in Miniaturform immer wieder einmal mache, einfach so, beim Zähneputzen oder mal einfach nur eine kurze Pose, den Krieger mag ich total gerne, wenn es mir nicht so gut geht. Lange Yoga-Sitzungen mache ich allerdings auch keine obwohl ich das unbedingt wollte).

    Danke für den tollen Beitrag! Der hat mir gerade heute SEHR gut getan! (war gestern wieder einmal mit einem Misserfolg konfrontiert und nage noch immer daran)

    lg
    Maria

  2. Hallo Gabi,

    oh, jetzt bin ich wach. Der eigene Name hat wirklich Signalwirkung. Danke für die Erwähnung. Ein Mitschüler von mir fühlte sich – genau wie ich – als Kind in der Grundschule unsportlich und fehl am Platz. Da wäre ich nie drauf gekommen. Finde ihn heute sehr sportlich als Schauspieler. Für deinen Mut Kurse zu machen und ein gutes Körpergefühl zu entwickeln, bewundere ich dich.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Ich nehme – trotz der gelegentlichen Mühen – immer wieder an solchen Kursen teil, weil ich dadurch die Rolle wechseln kann. Ich bin jetzt so lange als Sozialpädagogin beruflich in der Beratung unterwegs, dass die Gefahr besteht, in der Freizeit nicht mehr so gut aus dieser Rolle rauszukommen. Da ist es immer gut, die Rolle zu wechseln und gewöhnliche Teilnehmerin zu sein.

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