Der aktuelle Achtsamkeits-Hype – einige kritische Gedanken

Achtsamkeit in aller Munde… Vorhin las ich mal ein wenig, was zum Begriff Achtsamkeit so bei den sog. News in Internet-Suchmaschinen so auftaucht. Drei Themen sind mir besonders ins Auge gefallen – oder sollte ich sagen: ins Auge missfallen…?

Neben Achtsamkeit im Leistungssport (siehe z.B. hier: Welt.de – Achtsamkeit bei Hochleistungssport), fiel mir Achtsamkeit als Burn-Out-Strategie mit positivem Denken für Banker auf (siehe hier:  http://www.der-bank-blog.de/) , und dann noch „Achtsamkeits-Quickies“ bei Initiative Mittelstand (siehe hier: Achtsamkeits-Quickies)

 

Achtsamkeit im Leistungssport

Ok, Achtsamkeit im Sport: warum nicht? In dem Artikel der Welt wird beschrieben, dass es darum geht, dass die Sportler schneller den sog. Flow-Zustand erreichen. Der Sportler soll so auf seine Aufgaben konzentriert sein, dass die Dinge um ihn herum an Bedeutung verlieren, Selbstzweifel schwinden.

Dazu kann ich nur sagen: Nimmt der Sportler Achtsamkeit wirklich ernst und integriert sie in sein Leben, dann KANN es sein, er bzw. sie ist wirklich konzentriert und weniger abgelenkt bei der Sache. Ebenso gut kann es aber auch sein, dass die Selbstzweifel nicht ab-, sondern zunehmen. Oder die Zweifel, an dem, was er bzw. sie da tut. Vielleicht sind es auch Zweifel an dem, was die Trainer verlangen oder die Sponsoren erwarten. Achtsamkeit ist keine Flow-Medizin, keine Wunderpille. Und wohin Achtsamkeit führt? Wer weiß es? Ich denke im besten Fall immer zu der ganz eigenen Realität, zur Wahrnehmung von dem, was gerade ist.

 

Achtsamkeit und positives Denken bzw. positive Psychologie

Beides halte ich für sinnvoll, wenn der Kontext stimmt, d.h., zu den jeweiligen Personen in ihren jeweiligen Lebenssituationen passt. Aber in dem Beitrag von www.der-bank-blog.de stößt mir der Begriff „Strategie“ und „positives Denken“ auf. Beides gehört nicht zwangläufig zusammen. Und mir stellt sich unwillkürlich die Frage: Geht es da wirklich um Lebensqualität für den Einzelnen? Auf einem Blog für Banker?? Wäre schön, aber gehts vielleicht doch um besseres Funktionieren, um bessere Abschlüsse und Provisionen oder darum, im Finanzbetrieb weiter als perfektes Rädchen im Getriebe funktionieren zu können?

 

Achtsamkeit-Quickes

In dem Beitrag der Initiative Mittelstand geht’s um Gelassenheit im hektischen Alltag. Das finde ich erstmal gut, sinnvoll und hilfreich. Auch kann ich mit der Aufklärung über Achtsamkeits-Mythen durchaus etwas anfangen. Allerdings stößt mir dann der Begriff „Achtsamkeits-Quickes“ sehr auf. Das klingt sowas von schräg für mich. Ok, ich habe schon verstanden, dort geht’s um Alltagsachtsamkeit. Aber „Quickies“…???
Das suggeriert: Mal so eben schnell, zwischen durch, zeitsparend, effektiv, mit wenig Aufwand.  Na, dass passt ja prima zu unserer Leistungsgesellschaft und dazu, dass Ganze dann auch noch möglichst positiv zu sehen, weil man dann ja auch jünger aussieht…. Ok, vielleicht bin ich dann tatsächlich entspannter, wacher, ausgeglichener – aber: Wozu? Und für wen? Für mich? Für andere? Und für was? Um als perfektes Rädchen im Getriebe funktionieren zu können?

Aus meiner Sicht ist Achtsamkeit natürlich geeignet, um sich in belastenden Situationen, besser zurecht zu finden und Stress reduzieren zu können. Aber:

 

Wer Achtsamkeit wirklich in seinen Alltag integriert, wird vor allem eins:

Wacher! Das kann angenehm für sich selbst und das Umfeld sein, muss es aber nicht zwangsläufig. Es kann auch bedeuten, als Rädchen im Getriebe nicht weiter mitmachen zu wollen. Wacher werden bedeutet, dass beispielweise auch Fragen in den Vordergrund drängen können, die die aktuelle Situation hinterfragen, z.B.:

  • „Was mache ich hier eigentlich“?
  • Will ich überhaupt noch besser „funktionieren“?
  • „Muss ich wirklich noch erfolgreicher, noch besser, noch schneller sein?“
  • „Wie geht es mir eigentlich so, als vermeintlich perfektes Rädchen im Getriebe?“
  • „Will ich mich wirklich für das schicke Auto, Smartphone oder sonstigem Schnickschnack stressen?“
  • „Will ich mich von all den medialen Ablenkungen betäuben lassen?“
  • „Schmeckt mit überhaupt der Döner, die Pommes oder Currywurst, die ich gerade so nebenbei in mich hinein schiebe?“
  • Tanze ich aus Freude – oder vielleicht doch nur ums „goldene Kalb“?
  • Was bereichert mein Leben wirklich?

 

Wer Achtsamkeit ernst nimmt und praktiziert, dabei Achtsamkeit nicht nur vor den Karren einer Leistungsgesellschaft spannt, muss in der Konsequenz nicht unbedingt nach Erleuchtung suchen. Aber es werden definitiv doch diverse kleinere und größere Lichter sein, die im Alltag aufgehen werden. Und ich finde: Genau für diese Lichter lohnt es sich!

4 Kommentare

  1. Eine Form der Achtsamkeit um zu….
    Achtsamkeit als Leistungssteigerung, um systemkonform zu funktionieren. Nein, dafür gibt es genügend andere Methoden.
    Achtsamkeit funktioniert nicht mit dieser Denke. Es eröffnet sich ein neuer Raum der Wahrnehmung, für sich und für andere. Verbundenheit wird erfahrbar und da ist es nicht berechenbar wie das den eigenen Alltag verändert.
    Es freut mich, wenn Achtsamkeitsübungen in den Alltag vieler Menschen Platz finden. Wer weiß was dann passiert? Ich freue mich auf viele Begegnungen.

    • ???. Ja, genau. Ich finde es grundsätzlich schön, dass Achtsamkeit mehr in unserem Alltag ankommt, aber es gibt inzwischen was unter dem Begriff Achtsamkeit läuft, aber nicht wirklich etwas damit zutun hat.

  2. Hallo Gabi!

    Lustige Beispiele hast Du herausgesucht. Man muss natürlich sehen, dass in den Medien immer wieder kräftige Schlagworte verwendet werden um Leser anzuziehen.

    Gerade „Achtsamkeits-Quickie“ ist natürlich an sich schon ein Widerspruch – auf der anderen Seite denke ich mir, wenn ich immer wieder so kleine Achtsamkeitsmomente in den Alltag einbaue ist das eine gute Sache. Vielleicht ist ja eigentlich auch mehr das gemeint und der Chefredakteur brauchte noch einen „knackigen Title“.

    lg
    Maria

    • Beispiele solcher Art, sind mir schon des öfteren über den Weg gelaufen. Insbesondere im Zusammenhang mit irgendeiner Form von Erfolg. Deshalb musste ich einfach mal was dazu schreiben. Vielleicht wissen auch manche Chefredakteure einfach nicht, wie sie sonst mit Buchstaben die leeren Papiere bzw. Dateien gefüllt bekommen – wer weiß … 😉

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