Arbeit in einer veränderten Wirklichkeit – 3 Schritte für mehr Lebensqualität

Höher werdender Arbeitsdruck einerseits, überhaupt eine Arbeitsstelle zu bekommen, drohende Arbeitslosigkeit, viele befristete Arbeitsstellen, flexibles Arbeiten, evtl. häufiger wechselnde Arbeitsorte. All das ist in der Regel heute Realität. Und auch wer selbständig ist, weiß letztlich nie, wann der nächste Auftrag kommt, ob das Geld zum Leben reichen wird.

Bei mir sind es jetzt über 33 Jahre, die ich berufstätig bin. Auch wenn ich zwischenzeitlich den Arbeitsplatz gewechselt habe, habe ich sogar den Luxus einer unbefristeten Stelle. Aber so luxeriös ist das auch nicht: Auch eine Angestellte weiß nie, wie lange der Betrieb existieren wird, Garantien gibts nicht.

 

Arbeits- und Existenzdruck: Verhaltens- und Reaktionsmuster 

Ich habe im KollegInnenkreis in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten viele unterschiedliche Reaktionen auf die zuvor beschriebene Unsicherheit erlebt. U.a. sah ich, wie sich einige Kolleginnen selbst stressten bis zur Stehkante, selbst als der zeitweilig in der finanziellen Krise befindliche Betrieb längst wieder stabil war. Überstunden bis zum Umfallen, soziale Akkord-Arbeit (sowas gibts) – aber keinesfalls auch nur ein bisschen Arbeitszeit reduzieren. Denn: Das Auto, der Urlaub, die große Wohnung, die luxeriösen Möbel – all das wollte schließlich finanziert sein. Ich habe etliche kollegiale Burn-Outs miterlebt, stand vor einigen Jahren selbst irgendwann zumindestens am Rand davon. Ich wurde zunehmend kraftloser, war irgendwann mehr mit dem Abhaken von abrechenbaren Zeiten, als mit der inhaltlichen Arbeit selbst beschäftigt. Und als Ausgleich konsumierte ich mehr: Ich hörte einige Monate lang auf dem Weg zur Arbeit fast immer Musik, kaufte Smartphone und Tablet, um mich auf der recht langen Fahrt zu beschäftigen – und mich auch auf diese Weise letztlich zuzudröhnen.

 

Wenn Arbeitsbedingungen nicht mehr passen

Wenn mir eins in den letzten 33 Jahren Berufstätigkeit deutlich geworden ist: So zu tun, als belastet mich Dauerstress und Sorge um Arbeitsplatz nicht, ist naiv.  Passen Arbeitsbedingungen nicht mehr, ist die Gefahr groß, dass sie krank machen  – egal wie stabil, engagiert und motiviert wir uns fühlen. Und oft kommt oft noch der unreflektierte Umgang mit Konsum und die Ansprüche an den eigenen materiellen Lebensstandard hinzu. Damit meine ich das, was genau genommen noch deutlich über unsere normale existenzielle Sicherung hinaus geht.  Erst als ich bei mir selbst bemerkte, dass Konsum als Ersatzhandlungen mir nicht mehr half, zu entspannen und „runter zu kommen“, suchte ich nach anderen Lösungen, reduzierte schrittweise meine Arbeitszeit und begann, mein Konsumverhalten der zurück liegenden Jahre nochmal zu hinterfragen. Was ich fand und noch immer finde, war vor allem eins: mehr Lebensqualität und mehr Lebenszufriedenheit.

 

Was tun? Drei Schritte für mehr Lebensqualität

Sich von Berufsstress und den Belastungen des eigenen Lebensstils zu befreien, dabei haben mir die folgenden drei Schritte geholfen:

1) Mehr Unabhängigkeit durch Übersicht über die eigenen Finanzen

  • Welche Lebenshaltungskosten habe ich eigentlich? Mir hat – wie früher schon beschrieben – das Haushaltsbuch sehr geholfen. Dies ist super, um den Überblick zu behalten, wo das Geld eigentlich landet und um zu schauen, ob das wirklich immer so nötig ist. Ich habe vieles entdeckt, was nicht nötig war – und habe keinerlei wirkliche Einschränkungen dadurch!

 

2) Achtsamkeit: Genau hinspüren, hinschauen, was in mir und um mich herum passiert:

  • Wie ergeht es mir genau mit dieser Arbeit, mit dieser Arbeitsstelle, mit der Art, wie ich mit meiner Arbeit umgehe und meinen Arbeitsalltag gestalte?
  • Welche „Ersatzhandlungen“ habe ich um meinen Arbeitsstress auszugleichen und was kann mit statt dessen wirklich helfen?
  • Regelmäßige Zeiten für formale Meditations- und Achtsamkeitsübungen sind eine wichtige Unterstützung und Strukturierungshilfe, um wirklich dran zu bleiben, einen passenderen Lebensrhythmus zu finden und nicht wieder in den alten Verhaltens- und Reaktions- und Konsum-Muster zu verfallen.

 

3) Bewusstes Konsumieren:

Ob ich es als Minimalismus bezeichne oder reduziertes, bewusstes oder achtsames Konsumieren nenne: Es geht letztlich immer ums Gleiche:

  • Brauche ich dieses Dings wirklich – oder will ich es nur haben?
  • Welche Dinge sind wirklich von guter Qualität, so dass sie auch lange halten?
  • Belastet mich dieses Ding oder befreit es mich?
  • Welchen Anteil am Kauf haben Status, Trend, Mode…?
  • Will ich mich wegen größerer Anschaffungen und Investitionen wirklich mit jahrelangen Rückzahlungsverpflichtungen an Kreditinstitute belasten?
  • Gibt es eine Alternative zu dem, was ich anzuschaffen plane?

 

 

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„Es klingt paradox, aber die Chance, eine positive Veränderung im persönlichen Arbeits- und Lebensstil herbeizuführen, liegt eben in der sich wandelnden Arbeitswelt, die Downshifting und damit einen anderen, vom Berufsstress befreiten Lebensstil für viele Menschen zu einer echten Alternative werden lässt. …  Erwarten Sie also besser keine bruchlose, strikt geradeaus gerichtete Karriere mehr, an deren Ende Ihnen Ihr Chef einen goldenen Füller überreicht und Sie in den wohlverdienten Ruhestand schickt. Stellen Sie sich stattdessen auf den Wandel und die neuen Bedingungen ein. Wenn Sie vorbereitet sind, kann Sie nichts überraschen. … Und wer den Wandel begriffen und sich auf mögliche Veränderungen eingestellt hat, kann von der neuen Arbeitswelt profitieren und wählt den günstigsten Zeitpunkt zum Downshifting selbst.“
Quelle: Hajo Neu, Weniger arbeiten, mehr leben, Campus-Verlag, E-Book, Kap.: Der arbeitende Mensch vor seiner größten Herausforderung

 

 

10 Kommentare

  1. Wundervoller Artikel. Nicht, dass ich mich darin wiederfinde. ;-)))
    Vielen lieben Dank und das Zitat am Ende trifft es obendrein im Kern.
    Danke.
    Viele Grüße aus Berlin
    Astrid

    • Hallo Astrid, vielen Dank für deine Rückmeldung. Manchmal denke ich: „Ach, hättest du das schon früher mal begriffen“, aber letztlich kann ich sagen: „Juchuh, jetzt begreife ich es.“ Das ist wunderbar.

      • Du hast recht. Letztendlich hat uns auch alles, was „geschehen“ ist, bis hier her geführt. Dann ist es ja wieder gut.

        Würde ich irgendwas in meinem Leben anders machen? Ja, meine „Fehler“ früher.

  2. Hallo Gabi!

    Für mich ist es Lebensqualität weniger Ansprüche zu haben und daher weniger arbeiten zu müssen.

    Das war nicht immer so, ich war auch gefangen in einer Spirale von Vorabkonsum und dem Abbezahlen desselben (sprich Kreditraten)

    Ich will heute nicht mehr ständig zur Verfügung stehen, mir sind andere Dinge viel wichtiger.

    lg
    Maria

    • Früher habe ich die Spirale: „Ich arbeite viel – deshalb will ich mir was kaufen – deshalb muss ich viel arbeiten“ nicht wirklich begriffen. Ich habe halt nur zufällig weniger konsumiert, weil ich 1. eh nicht so ein großes Gehalt hatte und ich mich 2. auch von viel Zeug schnell reizüberflutet fühle. Die Arbeits-Konsum-Spirale gabs trotzdem und es ist herrlich da ausgestiegen zu sein.

  3. Liebe Gabi,
    ja, was Du schreibst, ist so wahr. Ehrlich gesagt, wundere ich mich, dass immer noch so viele an Konsum glauben und bereit sind, dafür im Hamsterrad zu rennen.
    „Reichtum ist, wenn Du über Deine eigene Zeit herrscht.“
    Lieben Gruß von Regine aus Köln

    • Hallo Regine, so langsam wird mir klar, dass viele Menschen noch überhaupt nicht bemerkt haben, in welchen Konsum-Hamsterrädern sie sich befinden. Sie stecken einfach mitten drin und meinen es sei Fortschritt, obwohl sie sich eigentlich auf der Stelle bewegen.

  4. Die Leute denken und planen zu groß, haben zu viele Autos, Herdplatten und Kinder mit zu vielen Beziehungen. In der Natur wächst nicht alles unbegrenzt in die Höhe, sondern ab einem Zeitpunkt in die Breite, um sich zu stabilisieren. Deshalb ist es gut, sich zwischenzeitlich immer wieder zu fragen, was man an Mehr wieder abgeben kann. Weil es keinen Mehrwert hat.

    Liebe Grüße – Tanja

    • Hallo Tanja, hach – da schreibe ich so viele Buchstaben vor mich hin und du triffst es mit ein paar wenigen Worten wieder so wunderbar auf den Punkt. Einfach phantastisch. Wir brauchen uns nur fragen: „Wann hat das Mehr keinen Mehrwert?“

  5. Hallo Gabi,

    ich lese mich gerade in deinen Blog-Artikeln fest 🙂 In vielen deiner Gedanken finde ich mich wieder. 90 geboren bin ich im materiellen Überfluss groß geworden, wenn man das mal so salopp formulieren will. Vor sieben Jahren dann ist mein Vater gestorben und mir ist sehr abrupt bewusst geworden, dass wir einmal nichts mitnehmen können bis auf die Gefühle und Erinnerungen, die wir verschenkt und bekommen haben. Unser materielles Haben oder nicht Haben ändert daran nichts. Für mich eine Schlüsselsituation, um mich materiell zu befreien.
    Angefangen beim Haushaltsbuch über Meditationstechniken bis hin zum reflektierten Konsum bin ich absolut bei Dir. Dies sind alles essentielle Schritte im Umdenken. Danke Dir für den wunderbaren Artikel

    Liebe Grüße

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