Wie (un-)perfekt darf’s sein? Vom Minimalismus der Ansprüche an sich selbst

Nicht nur Gegenstände und Dinge lassen sich minimalisieren, auch Erwartungen und Ansprüche lassen sich reduzieren, erst Recht, wenn es die Erwartungen an sich selbst sind. Und es ist wirklich sehr befreiend:

Ich hatte schon einige Male was zu meiner körperlichen Fitness bzw. Nicht-Fitness geschrieben, z.B.:
http://achtsame-lebenskunst.de/2015/06/07/achtsamkeit-koerperbeeintraechtigung und
http://achtsame-lebenskunst.de/2014/10/26/achtsamkeitstag/ und hier auch:
http://achtsame-lebenskunst.de/2015/06/27/metta-yoga-achtsamkeit.
Dieser Bereich ist einfach eine große Baustelle bei mir. Jahrelanges Üben und Trainieren, mein großer Wunsch und Ehrgeiz mehr zu können, hat mich da auch nur begrenzt weiter gebracht.

Durch Achtsamkeit, insbesondere durch achtsames Yoga und Gehmeditation haben sich meine Erwartungen und Ansprüche in kleinen Schritten minimalisiert und ich entdecke nun, dass „weniger ist mehr“ auch für diesen Bereich gilt und ich nun endlich ganz persönliche kleine Erfolgserlebnisse habe:

 

Meine 4 Schritte zu einem „Weniger ist mehr“ der eigenen Ansprüche:

1. Wahrnehmen, was da ist

Durch achtsames Yoga ist mir erstmals wirklich bewusst geworden, dass längeres Stehen bei mir nicht beschwerdefrei möglich ist. Eine Fehlstellung von Beinen und Füßen ist dafür verantwortlich. Meine Beine verkrampfen sich dann irgendwann völlig. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich dies nicht einmal bemerkt und da es nach außen hin nicht so deutlich auffällt, anderen auch nicht – letztlich auch nicht Krankengymnasten, Physiotherapeuten, Orthopäden und weiß ich wem.

 

2. Akzeptieren, was da ist

Die meiste Zeit habe ich gegen meine körperlichen und motorischen Möglichkeiten angekämpft, viel geübt, alles mögliche unternommen. Letztlich ist es mir die meiste Zeit ja auch so „vorgebetet“ worden. Ich bräuchte bloß mal richtig üben…
Schrittweise bin ich durch achtsames Yoga und Gehmeditation gekommen, einfach mal auf das Rücksicht zu nehmen, was nicht beschwerdefrei möglich ist. Also habe ich darauf geachtet, wirklich nur so lange zu stehen, wie mir dies dann tatsächlich ohne Krampf und Schmerzen möglich ist.

 

3. Es darf auch unperfekt sein – die eigenen Möglichkeiten, der eigene Rhythmus, das eigene Tempo

Ich habe mich nach und nach darauf konzentriert, wirklich danach zu schauen, was geht oder eben auch nicht. D.h., ich habe mich einfach hingesetzt, wenn ich bemerkte, dass meine Beine anfingen zu krampfen oder habe mich etwas bewegt, indem ich z.B. einige Schritte auf und ab gelaufen bin. Eigentlich so ganz einfache und simple Dinge, aber vorher nie umgesetzt, da ich zu sehr in meinen eigenen Ansprüchen an mich gefangen war. Diese Entlastung schien irgendwie auch den Kopf freier zu machen. Denn endlich habe ich auch eine gute Schuhorthopädiemeisterin gefunden, die mir mit viel Engagement meine Schuhe verändert (Standardschuhe passen meistens nicht) und endlich die Einlagen so hergestellt hat, das sie mir auch wirklich helfen.

 

4. Weniger ist tatsächlich mehr

In meinem Fall, ganz konkret: Als ich vor 2 Tagen nach längerer Fahrradpause zum 3km entfernten Fahrradladen geradelt bin, hatte ich mein „Aha-Erlebnis“: Üblicherweise spüre ich insbesondere nach längeren Pausen auch auf so einer kurzen Distanz die Verkrampfungen so stark, dass ich spätestens bei Anstiegen eine Pause einlegen muss. Das Trainieren der Kondition ändert da maximal etwas an der Zeitdauer, bis ich Pause machen muss, nichts an der Verkrampfung an sich.
Doch diesmal war es anders: Durch meine minimalisierten Ansprüche an mich, meine Rücksichtnahme auf die Grenzen, die ich habe, hat sich meine Beinmuskulatur insgesamt gelockert und daher ging es mit dem Radfahren – trotz der langen Pause – erstmals deutlich besser. Keine Verkrampfung beim Anstieg, am Ende lediglich einige Sekunden lang ein wenig weiche Beine, was dann tatsächlich einfach nur an der noch fehlenden Kondition lag. Vielleicht eine Kleinigkeit für andere, für mich wars großartig!

Was mir wirklich geholfen hat

Ganz konkret geholfen hat mir die achtsame Wahrnehmung und Akzeptanz dessen, was geht oder auch nicht. Insbesondere war und ist für mich das Üben in einer MBSR-Vertiefungsgruppe und an Achtsamkeitstagen hilfreich. Zuhause habe ich monatelang einen großen Bogen um jede Yogaübung gemacht. Ich habe es einfach nicht hinbekommen. In der Gruppe war endlich mal kein Druck da, irgendwas können zu müssen. Statt dessen immer wieder der Hinweis der Kursleiterin, auf die nötige Selbstfürsorge zu achten und zu schauen, was geht, wie es geht oder was eben auch nicht. Ich konnte dadurch einfach mal probieren, was geht oder eben auch nicht und dies endlich auch mal mit all den Grenzen, die sich zeigten.

In der letzten Übungsstunde habe ich dazu dann auch noch einen wunderbaren Metta-Satz für mich gefunden:
„Möge mein Körper so schief und krumm sein, wie er will.“

Es hat sich soooo gut angefühlt!

 

 

10 Gedanken zu „Wie (un-)perfekt darf’s sein? Vom Minimalismus der Ansprüche an sich selbst“

  1. Es fällt mir wie Schuppen vor den Augen.
    Ich hab in den letzten 2 Jahren viele kontraproduktive Antreiber und Ego-Fallen ausfindig machen können. Das Abstellen ist ja ein langwieriger Prozess… und beschäftigt mich immer noch.
    Durch Deinen Artikel hab ich verstanden warum es aktuell mit dem Walken / Laufen bei mir nicht so klappt… Ich mach mir einfach zu viel Druck. 🙁

    Liebe Grüße
    Eugenia (von den Zeitgenossen)

  2. Danke für die Erinnerung. Das war die beste Arbeitsverweigerung meines Lebens. Haare schneide ich seitdem immer noch. 🙂 Die Lehre hab ich also gar nicht gebraucht. Ich kann nur nicht auf der Stelle stehen. Krieg ich Aggressionen. Gerade auch beim Pfannkuchen machen wieder rumgewippt. Meistens spül ich beim Kochen aus dem Grund. Das ist auch mein Problem an der Kasse. Darauf bin ich bisher noch gar nicht gekommen. Ich mag einfach keinen Stau. Auch wenn mich Leute abbremsen.

    Du machst das super mit dem Minimalismus der Ansprüche. Hochsensible leben wenig im Körper. Das hat nix mit Willen zu tun. Sondern ist bei einigen in der Entwicklung so. Atemübungen sind super um in den Körper zu finden. Auch in „negative Gefühle“, statt sie wegzudrücken einfach mal aushalten. Sie lösen sich dann auf. Mache ich schon eine ganze Weile. Könnte dir Rumwippen auch helfen, das Gewicht verteilen oder ein bisschen in die Knie gehen wie beim Thai Chi? Im Liegen kannst du dir auch vorstellen, dass die Sonne die Blockade auflöst und sie davon schmilzt. Du motivierst mich, die Zilgreiübungen doch mal zu machen. Wenn’s dunkel ist. Dann sieht mich keiner.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    1. Hallo Tanja, stimmt. Ich habe mir es auch angewöhnt, immer mal ein wenig hin und her zu wippen, halt von einem Fuß auf den anderen. Das hilft mir auch sehr! Ja, wie heißt es noch so schön: Probieren geht übers Studieren.

  3. Hallo Gabi!

    Ich habe diesbezüglich sehr viel von meiner Yogalehrerin gelernt. Sie sagt immer, dass jeder die Übung nur dann richtig macht, wenn er sie so macht, wie er sie am besten kann und sich weder unter- noch überfordert.

    Wenn man zu viel will und zu viel macht, macht man die Übung falsch, weil man die Figur so nicht halten kann und man hat davon dann auch keinen Lern- und Fortschrittseffekt. Am meisten lernt der Körper, wenn man sie genau so macht, wie man das gerade in dem Moment in der Lage ist. Das ist auch nicht jeden Tag gleich!

    Und es stimmt total! Ich dachte immer, ich müsse mehr geben, damit ich einen Trainingseffekt habe, das ist aber gar nicht nötig. Ich habe so viel dazu gelernt indem ich immer nur auf meine Tagesverfassung geachtet habe und alles so gemacht habe, dass ich nie überfordert war.

    Die Freude an der Bewegung stand automatisch im Vordergrund und ohne mich wirklich anzustrengen, kann ich heute viel mehr als zu Beginn.

    Das versuche ich nun auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen.

    lg
    Maria

  4. Das kommt meiner Bewegungsphilosphie auch schon näher 🙂 Es ist schön zu lesen, dass es auch andere gibt, die einfach nur Freude an der Bewegung haben wollen und denen bewusst ist, dass jeder Körper sich anders bewegt. Mein Fernziel: Mich aus Freude an der Bewegung bewegen, völlig ohne Leistungsziel. Irgendwann werde ich das wohl in Angriff nehmen, wenn die Zeit dafür reif ist.

  5. Schöner Satz!!! Möge mein Körper so schief und krumm sein, wie er will!
    Überhaupt: schöne Gedanken. Weg mit allem, was uns unter Druck setzt, was uns unnötig Energie kostet.

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