Minimalismus – und was dann? Von Muße und neuen Ideen

Was kommt nach dem Aussortieren? Gerade erst hat sich der Blog apfelmaedchen.de mit dieser Frage befasst. Dazu gibts dort bereits eine Reihe interessanter Antworten. (Siehe: Was kommt nach dem Aussortieren – Wir fragen, 5 Minimalist_Innen antworten ). Dies war anregend für mich, mir auch nochmal einige Gedanken dazu zu machen, warum da so oft ein „inneres Loch“ entsteht und wie wir damit umgehen können.

 

Endlich geschafft – und dann das „innere Loch“ statt Euphorie und Energie

Manchmal ist es einfach so, dass nach der ersten Euphorie, endlich etwas geschafft zu haben, erstmal so etwas wie ein „inneres Loch“ entsteht. Wer kennt das nicht, wenn endlich das Gerümpel entfernt ist, die Abschlussprüfung geschafft, der Umzug erledigt und alle Kisten ausgepackt oder auch nur die Steuererklärung abgegeben ist. ENDLICH fertig – tja und ich kenne das auch: Eigentlich müsste ich doch tanzend durch die Wohnung hüpfen, eine Party veranstalten oder sonst was. Und was tue ich statt dessen: Ich fühle mich dann oft entweder leer oder geschafft oder beides und hänge erstmal vorrangig auf dem Sofa herum. Irgendwie ist das manchmal sogar schön, aber wie oft war ich auch verwundert, warum ich jetzt nicht endlich aktiv bin, irgendwas unternehme, meine Hobbys pflege oder oder…

 

Warum eigentlich – bzw. warum eigentlich nicht?

Nicht jede/r hängt erstmal durch. Aber es kommt vor und ehrlich gesagt: So selten ist das ja auch nicht.
Bei der Überlegung, warum das so ist, lande ich dann gleich bei der Gegenfrage: „Warum eigentlich nicht?“ Denn: Was spricht eigentlich dagegen?
Wer hat festgelegt, dass wir immer aktiv und „gut drauf“ sein müssen?
Ist dies nicht auch ein Zeichen von Rastlosigkeit, von Leistungsdenken, welches sich sogar bis in unsere Freizeit zieht? Wir leben in einer sog. schnelllebigen Welt, sind mit ständigen Informationen, Bildern, Geräuschen umgeben. Innerhalb von kürzester Zeit können wir von A nach B fliegen, immerzu rastlos, ruhelos. Wir leben zwar im sog. digitalen Zeitalter, aber Körper, Psyche und auch unser Denken hat ja letztlich noch immer eine analoge Struktur, wir sind schließlich keine Maschinen.

 

Muße statt Muss

Wer auch immer sich mal mit dem Thema Kreativität befasst hat, wird wissen, dass neue Ideen in der Regel nicht aus einem Hochgeschwindigkeitsmodus heraus entstehen.

Muße, sich Zeit lassen, die Gedanken schweifen lassen, lesen, Musik hören oder auch einfach „Löcher in die Luft gucken“ – all das dient dazu, den „inneren Akku“ wieder aufzuladen. Hirnforscher sprechen davon, dass sich dadurch wieder neuronale Verknüpfungen im Gehirn neu bilden können.

Wir müssen also gar nicht immer aktiv und „oben auf“ sein. Nicht umsonst, sprechen wir ja z.B. davon, eine Entscheidung mal ein paar Nächte zu überschlafen. Und ich finde es nicht einmal tragisch, wenn auch erstmal so etwas wie ein „inneres Loch“ entsteht. Denn das Gefühl innerer Leere oder „schlecht drauf“ sein, ist erst dann ein Problem, wenn ich dauerhaft darin stecke und ich das Gefühl habe, nicht wieder heraus zu kommen (Und dann sollte ich auch unbedingt etwas dagegen tun und mir auch dabei helfen lassen).

Übrigens: Auch wer meditiert, macht vereintlich „nichts“ und trotzdem ist es etwas sehr aktives, nämlich aktives Nicht-Tun aus dem heraus sich viel Neues entwickeln kann.

 

Eine Frage der Zeit – neue Ideen, neue Aktivitäten

In der Achtsamkeit gibt es den genialen Tipp, wie man eigenen negativen Gedanken und Gefühlen auch anders begegnen kann: Statt z.B. zu sagen „Ich bin traurig“, kann ich sagen „Traurigkeit zieht durch mich durch.“ Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied in der Formulierung. Denn ich kann dadurch einen inneren Abstand gewinnen. Mir ist dadurch klar geworden, dass nichts ein ewiger Dauerzustand ist, ich dies aber durchaus in der betreffenden Situation so empfinden kann.

Oftmals entsteht genau aus solchen Mußephasen (die durchaus auch mal als Langeweile oder „schlechte Laune“ empfunden werden können) dann letztlich doch etwas Neues. So haben z.B. nicht wenige Minimalisten alte oder neue Hobbys entdeckt, sei es Musik, Handwerk, Gesundheit, Ernährung, Sport oder was auch immer. Oder mit dem Minimalismus geht zunehmend eine bewusstere, nachhaltigere Lebensführung einher. Nicht selten geht es irgendwann nicht mehr einfach nur um weniger Dinge, sondern einen generell bewussteren Umgang mit Konsum und sozialer Gerechtigkeit.
Mich erstaunt und erfreut es auch immer wieder, dass Minimalisten untereinander in der Regel sehr viel Toleranz und Akzeptanz für die durchaus sehr unterschiedlichen Lebensstile und Ausprägungsgrade von materiellem Besitz haben. Dinge loszulassen scheint sich förderlich auf das soziale Miteinander auszuwirken. Dass Minimalismus vorrangig aus den berühmten 100 Teilen besteht, scheint Medien mehr zu interessieren, als minimalistisch lebende Menschen selbst. Diese sind meistens längst einen Schritt weiter 😉

 

Vom geistreichen Nichtstun – Artikel bei Zeit-Online

Wer noch mehr wissen möchte: Interessante und lesenswerte Informationen aus der Gehirnforschung zum Nichtstun fand ich bei Zeit-online:  http://www.zeit.de/2010/49/Geistreiches-Nichtstun

 

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4 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben.
    Zum Leben im Gleichgewicht gehört auch manchmal das Gleichgewicht zu verlieren.
    Unser von außen anerzogener „Tatendrang“ versperrt uns den Blick auf das Wesentliche.

    • Hallo Astrid, oh ein wunderbarer Satz: „unser von außen anerzogene „Tatendrang“ versperrt uns den Blick auf das Wesentliche – und so wahr!

  2. Hallo Gabi!

    Dieses Loch kenne ich nicht, denn ich habe einfach sehr viele Hobbys. Und mir fällt auch ständig etwas ein, was ich noch tun könnte. Jetzt nicht krampfhaft gesucht, sondern es interessiert mich einfach vieles.

    Und weil ich so gerne in die Natur gehe, habe ich auch ein gutes Gegengewicht dazu. Hier habe ich freie Zeit einfach nur für mich und das genieße ich sehr.

    Ich denke das Geheimnis ist, sich nicht 100%ig nur auf die eine Sache – in dem Fall das Entrümpeln – zu konzentrieren und sonst nichts mehr tun. Ich kann mir vorstellen, dass das schon so eine Lücke hinterlässt, weil man lange Zeit nur das eine gemacht hat.

    Bei mir war es ein bisschen so, als die Kinder ausgezogen sind. Also nachvollziehen kann ich es schon. Sehr lange Zeit hatte ich wenig Freiraum für meine eigenen Interessen, die musste ich erst wieder entdecken. Aber genau das Loch hilft uns dabei, wenn man es nicht zuschüttet (womit auch immer) sondern daraus die Kreativität (im weiteren Sinne, ich meine damit das Wiederentdecken der eigenen Interessen) entstehen lässt.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria, du hast auch so vielfältige Interessen, dass auch kaum vorstellbar ist, dass dir mal die Ideen ausgehen. Zumal du bei all deinen Interessen nicht gestresst wirkst. Alles was im weitesten Sinn Richtung Upcycling geht, passt dann ja auch noch prima zum Minimalismus – zumindestens so, wie ich Minimalismus verstehe.

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