Achtsames Reduzieren von Dingen – Minimalismus befreit innerlich

Mein ehemaliges Hobby, Verdrängungskünste und Achtsamkeit

Lange Jahre habe ich aktiv Musik gemacht, viele Jahre aktiv im Chor, auch Gesangs-Solistin, Jazz, Swing, Brazilian Music – Musik finde ich klasse, bis heute. Aber ich mache nur noch wenig aktiv Musik – und wenn, dann eigentlich vorrangig für mich. Ich spiele dann eher Klavier. Dass ich hier meilenweit von irgend so etwas wie Können entfernt bin, stört mich zum Glück wenig.  Ich genieße die Musik – es tut einfach gut.

Mit meiner Schwerhörigkeit ist mir das häufige Singen im Laufe der Zeit einfach zu belastend und anstrengend geworden. Schon während meiner aktiven Zeit war dies belastend und auch anstrengend, es war mir jedoch nicht bewusst. Mir war nicht klar, dass ich einige Töne und Frequenzen nicht oder nur schlecht gehört habe. Dass mir ein HNO-Arzt bereits vor langen Jahren mal gesagt hatte, dass ich einige höhere Töne nicht so gut höre – verdrängt. Ich kannte noch nichts von Achtsamkeit – und bin einfach über meine Anstrengung hinweg gegangen, auch über die Anstrengung, dass ich eigentlich nicht über längere Zeit gut stehen kann.

All dies wurde mir letztlich erst nach und nach durch Achtsamkeit auf meinen Körper klar und dass es mir nicht gut tut, mich mit einem „ich-will-das-aber-trotzdem“ herum zu quälen, sondern einfach mal die vorhandenen Einschränkungen zu sehen, zu akzeptieren und einen behutsameren Umgang damit zu erlernen.

Ungenutzte Dinge belasten

Was für mich immer ein wenig ein Stachel im Fleisch ist bzw. war, sind einige Dinge, die ich noch aus der aktiven Zeit hier habe. Konkret: Gesangsmikrofon, Mikrofon-Ständer, ein Mischpult. Immer mal wieder ging mir durch den Kopf, dass ich diese Dinge seit Jahren nicht benutzt habe und auch absehbar nicht nutzen werde. Auf die Idee, diese loszuwerden, bin ich lange nicht gekommen. Denn: Oh, diese Anschaffungen waren ja teuer, ob ich sie doch noch mal nutze??? Eigentlich war aber klar, dass ich sie nicht mehr benutze. Und so hatte ich immer dann, wenn ich diese Dinge gesehen habe, ein mulmiges Gefühl, manchmal auch Ärger, weil sie nun nur herum lagen: die ungenutzten, ehemals teuren Dinge. Auch dachte ich immer wieder an all die Zeit, Energie und Geld, welches ich in die Musik insgesamt gesteckt hatte und dadurch nun mit eher negativen Gefühlen verbunden waren.

 

Entscheidung zur Reduzierung:

Vorgestern dann endlich meine Entscheidung: Ich gebe diese Dinge ab: der Mikrofonständer ist bereits verschenkt, mein Mikrofon und Mischpult wird verkauft. Und nun merke ich eine Befreiung in mir:

Endlich mal eine Lebensphase verabschieden und damit verbunden merke ich nun auch, dass mir früher die Achtsamkeit für meine wirklichen Bedürfnisse gefehlt hat: Ich habe nämlich eigentlich lieber im Chor oder Vocalensemble als Solo gesungen. Solo war eine Art Notlösung, da ich eine zeitlang mit meinem Stimmumfang nicht so gut in den typischen Chor-Stimmen klar kam. Genau aus diesem Grund hatte ich auch Gesangsunterricht genommen, mich dann aber eigentlich mehr in das Solo-Sängerinnen-Dasein geflüchtet, als dass ich mich wirklich dafür entschieden hatte. Dies klappte dann auch noch gut. Begabungen ohne Achtsamkeit können halt schnell aufs Glatteis führen. Ich bekam wirklich sehr positive Feedbacks,  kaufte mir die Gesangsanlage – und hatte eins übersehen: Singen mit mehreren Menschen macht einfach mehr Spaß. Ich hatte dies – ohne meine jetzige Achtsamkeitspraxis – einfach verdrängt. Es machte mir nicht einmal viel aus, vor einem Publikum Solo zu singen, hatte nur minimal Lampenfieber. Es bedeutete mir aber auch positiv nicht wirklich etwas. Der Kick, den viele andere haben, hatte ich einfach nicht, bekam ihn auch nie. Die Gesangsanlage habe ich kaum benutzt. Die paar Male hätte ich mir locker auch etwas ausleihen können, der Kauf war rückblickend betrachtet unnötig, ein klassischer Fehlkauf.

Reduzieren von Dingen – Minimalismus befreit innerlich

Jetzt merke ich, dass ich mich befreiter fühle, wo ich mich genau von diesem Fehlkauf verabschiede, verabschiede ich mich auch von den damit verbundenen Gefühlen und Gedanken an „war teuer, deshalb MUSS ich es doch vielleicht noch nutzen – aber es passt ja nicht mehr“. Mit dem Abgeben dieser Dinge, kann ich auch innerlich besser loslassen und mich von diesem Lebensabschnitt besser verabschieden.

Und nun tauchen auch wieder die ganzen positiven Gefühle auf: Es war – trotz allem, was ich in dieser aktiven Musikzeit nicht wahrgenommen habe – eine wunderschöne Zeit. Nun kann ich dies auch wieder sehen und genießen. Darüber freue ich mich wirklich. Musik ist heute nicht mehr so dominant, aber es gibt sie noch, aber weniger und an meine Schwerhörigkeit angepasst. Ich fühle sehr genau hin, was und wieviel mir gut tut, womit ich mich und mein Gehör wirklich erfreue und nicht überfordere.

Die Dinge abzugeben ist befreiend, denn ich lasse jetzt endlich auch die damit verbundenen negativen Stimmungen und Gedanken los. Genau dies ist ein wesentlicher Aspekt an Achtsamkeit und Minimalismus für mich, weil inneres und äußeres Loslassen miteinander verbunden ist.

Was bleibt ist die schöne Erinnerung, meine immer noch vorhandene Liebe zur Musik  – aber jetzt entspannt, angepasst an meine jetzige Lebenssituation, angepasst an meine körperliche Befindlichkeit und orientiert an dem, was mir gut tut.

8 Kommentare

  1. Super !!!
    Das nenn ich Selbstliebe, da hast Du ja einen großen Schritt gemacht, kannst auf Dich stolz sein.

    Ich freue mich für Dich

    Herzliche Grüße
    Hope

  2. Ich kenne das auch von Hobbys und Equipment wie Musikinstrumenten und Kunsthandwerk, Künstlerbedarf. An- und Wiederabschaffung. Deshalb bin ich mittlerweile auch sehr kritisch und kaufe mir keine Musikinstrumente mehr weil mir das Üben wieder keinen Spaß machen würde. Dann lieber nur meine Kopfhörer. Die Freiheit sich gegen die Dinge zu entscheiden und für sich selbst, finde ich auch immer wieder schön zu beobachten. Oder die Menschen und die Räume teilen und gemeinsam Musik machen, Kunstkurse. Das finde ich dann wieder toll. Das scheitert noch an der Umsetzung.

    • Es ist ja auch nicht nötig, aus jedem Hobby gleich eine Profession zu machen. Hobby ist Hobby, macht Spaß, sorgt für Ausgleich. Ich finde es sehr entlastend, dass ich damit jetzt viel entspannter umgehen kann. Und sich Räume, Material teilen: das ist auch eine gute Idee.

  3. Hallo Gabi!

    Dieses Zögern, wenn etwas viel gekostet hat, kenne ich auch sehr gut. Und natürlich auch den Druck, etwas nutzen zu „müssen“ weil es viel gekostet hat.

    Mich hat mein Konsumverzicht befreit. Seitdem ich nichts mehr kaufe und wenn ich doch etwas ausprobieren will, es ausborge oder oftmals im Kostnixladen geschenkt bekomme, habe ich diesen Druck verloren. Ich probiere etwas spielerisch aus und wenn es doch nicht passt, dann gebe ich es einfach wieder zurück. Ich hätte nie gedacht, dass sich das einmal so verändern würde, ich habe immer so geklammert!

    Deshalb bewundere ich Deinen Schritt sehr, es ist wirklich nicht einfach. Und schon gar nicht einfach, wenn man sich damit gleich von einem ganzen Lebensabschnitt los löst. Ich freue mich für Dich, dass Du das alles so positiv nehmen kannst und scheinbar auch einen neuen Zugang gefunden hast.

    lg
    Maria

    • Genau genommen habe ich mich ja bei der Verabschiedung von einem Lebensabschnitt ja vorrangig von dem Druck verabschiedet, den ich mir selbst gemacht habe. Was schwierig war, sich selbst einzugestehen, wo einfach natürliche, körperliche Grenzen da sind. Diese dann mal zu berücksichtigen, ist jetzt aber wirklich sehr befreiend, weil ich nun meine Energien und Lebendigkeiten wieder besser und letztlich auch passender leben kann. Und du hast Recht: für das Zeugs, was ich nicht kaufe, habe ich nichts bezahlt, das steht hinter auch nicht herum und lähmt dann auch nicht die eigenen Lebensenergien.

  4. Hallo Gabi,
    das geht mir mit meinem Fotografiesachen auch so. Da lagen zwei Objektive jetzt seit zwei Jhren ungenutzt im Schrank weil zwei andere Objektive die Funktionen ersetzt haben. Und dann auch bei mir die Gedanken, och nee die must du aber behalten die waren so teuer und vielleicht brauchst du die doch mal, falls die beiden die ich jetzt immer benutze kaputt gehen, puh endlose Gedankenschleife.
    Aber ich habe mich jetzt ebtschieden das ich die zwei ungenutzten verkaufe, sie bringen noch gutes Geld und da freu ich mich drauf 🙂 und das Gefühl der Befreiung ist wieder super.
    Was ich immer noch etwas lustig finde sind meine Gedanken das ich etwas doppeltes nur aufhebe falls was kaputt geht. Bei Objektiven kann ich das nun wirklich ausschließen, ich bin ein sehr sorgfälltiger Mensch und behandele meine Fotosachen sehr pfleglich.

    LG Aurelia

    • Oh ja, das kommt mir sehr bekannt vor. Es geht ja vielleicht auch nicht nur um irgendwelche Dinge, die noch in der Ecke herum liegen, sondern darum, dass manche Dinge eher blockieren, z.B. in dem sie Gedankenschleifen hervor bringen und wir uns in einem Gefühl von „Hilfe, es könnte ja zu wenig sein“ festkrallen, statt einfach das Leben zu genießen.

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