Achtsamkeit, Schulmedizin und Fitness

Ausgerechnet ich schreibe etwas zu Körper-Achtsamkeit, Fitness und Schulmedizin. Ich war und bin natürlich von Achtsamkeit sehr überzeugt, aber die Achtsamkeit auf den Körper war für mich von Beginn an stressig. Darüber habe ich ja bereits das ein oder andere Mal schon berichtet, siehe z.B. hier

Ich entdecke aber trotz dieser Schwierigkeiten immer wieder viel Neues und Befreiendes – gerade auch mit all den körperlichen Problemen, die ich hatte und habe:

Schulmedizin und Sport – Erfahrungen früher und heute

Bei aller berechtigten Kritik über unser Gesundheitssystem: Unsere heutige Schulmedizin hat Möglichkeiten, die es in meiner Säuglings- und Kinderzeit nicht gab. Unsere aktuelle Medizin kann durchaus eine ganze Menge, aber dies ist nicht alles und ersetzt insbesondere nicht das eigene Körpergefühl. In Ergänzung miteinander kann es aber durchaus eine Hilfe und Entlastung sein.

 

Motorische Schwierigkeiten in meiner Kinderzeit
Bei mir ist es so, dass auch schon Anfang der 60er-Jahre und direkt nach meiner Geburt aufgefallen ist, dass bei mir irgendwas anders ist. Hüftdysplasie hieß es. Zum Glück konnte dies auch damals schon soweit korrigiert werden, dass ich laufen lernte und mich nicht –  wie die Menschen Jahre und Jahrzehnte davor – nur humpelnd bewegen konnte. Ich war dann halt nie sonderlich sportlich. Ich lernte etwas später laufen als üblich, hatte nie großes Interesse, wild durch die Gegend zu rennen. All die Sportlehrer in der Schule vermittelten mir dann das Gefühl, dass ich einfach zu faul bin und nicht richtig übe. Wie sehr ich mich quälte, dass manches einfach nicht ging: Es wurde übersehen, ignoriert, maximal bagatellisiert. Spaß an der Bewegung hat mir definitiv niemand dieser Sportlehrer vermitteln können.

 

Aktuelle Diagnostik
Wegen einiger länger andauernder Beschwerden beim Gehen, habe ich jetzt nochmal eine Diagnostik vornehmen lassen. Diesmal hatte ich mit der Auswahl des Orthopäden Glück. Der Orthopäde wies mich diesmal nochmals auf meine hypermobilen Gelenke hin. Stimmt, die habe ich. Strecke ich Arme oder Beine sieht man, dass diese überstreckt sind. Außerdem zeigte ein MRT verschobene Wirbel im Bereich des 5. Lendenwirbels (siehe Foto):

 

Bildschirmfoto 2016-04-09 um 10.45.10

Grund hierfür ist ein auf diesem Bild nicht zu sehender gebrochener Wirbelbogen. Ob dieser Wirbelbogen wirklich gebrochen ist oder – wie ich vermute – nie zusammen gewachsen gewesen ist: Kein Mensch weiß es.  Aber ich lebe damit, vermutlich schon sehr lange, ebenso wie mit meinen anderen Einschränkungen – und ich habe mich in elendigen Sport- und Fitness-Stunden damit herum gequält.

Heute braucht es lediglich einen guten Arzt, damit bereits bei Säuglingen Auffälligkeiten deutlich werden. Man muss dazu nicht wie ich, erst 55 Jahre werden. Eine Hüftsonographie ist heute selbstverständlich. Zusätzliche Probleme, wie z.B. an der Lendenwirbelsäule, fallen eher und früher auf, ebenso wie all die anderen Einschränkungen, mit denen ich so zutun habe. Ich habe mir stattdessen die überwiegende Zeit meines Lebens anhören müssen, ich solle mehr üben, trainieren, ins Fitnesstudio gehen, mich nicht so anstellen. Einfach diese und jene Übung, mal richtig trainieren, dann würde das schon. Heute weiß ich: Welch ein Unsinn!

 

Achtsamkeit auf den Körper als entscheidende, positive Veränderung

Achtsamkeit hat mir geholfen, dass mir meine Defizite und Einschränkungen überhaupt erstmal deutlich geworden sind. Beim achtsamen Yoga war längeres Stehen kaum erträglich, bei Übungen, bei denen ich die Hände abstützte, bekam ich heftige Schmerzen in den Handgelenken, bei der Gehmeditation fiel mir auf, welch unsicheren Gang ich hatte. Im Gegensatz dazu stand früher das fehlerlose Funktionieren im Vordergrund. Ich habe es jahrlang auch immer wieder versucht. Irgendwann hatte ich dann einfach auch „die Nase voll“ von dem ganzen Sportkrams und habe nichts mehr unternommen. Lediglich 3 Jahre Einzel- und Gruppenunterricht bei einer Eutoniepädagogin (Erstausbildung Physiotherapeutin) brachten mir eine bessere Körperwahrnehmung und Entlastung, indem ich insbesondere die verkürzte Rückenmuskulatur wieder auf „Normalmaß“ bringen konnte – worüber ich auch heute noch sehr froh bin!

 

Einschränkungen dürfen auch einfach mal da sein
Positiv verändert hat sich für mich nichts, indem ich sportlich geübt und trainiert habe. Veränderung entstand dadurch, dass sich durch Achtsamkeit ein Raum für mich geöffnet hat. Es ist der Raum, dass Einschränkungen einfach auch mal da sein dürfen. Einschränkungen müssen nicht „wegtrainiert“, ignoriert, bagatellisiert oder übersehen werden. Sie dürfen einfach so da sein, wie sie nun mal sind.

Wichtig war dabei insbesondere die Langsamkeit und Behutsamkeit. Es waren letztlich immer wieder die gleichen Übungen. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass dies auch eine sehr minimalistische Art von Bewegung und Sport ist. „Weniger ist mehr“ dieser Satz aus dem Minimalismus stimmt für mich auch für die Achtsamkeit sehr genau. Insbesondere besserte sich dadurch meine körperliche Wahrnehmung, sowie meine Freundlichkeit und Behutsamkeit im Umgang mit den bestehenden Schwierigkeiten. Dies führt u.a. zu einer großen Erleichterung. Außerdem werden nun auch Energien frei, die zuvor durch die falschen Anstregungen blockiert waren. So kann ich jetzt beispielsweise Schulmedizinern sehr viel genauer beschreiben, welches Problem ich habe. Und es fallen mir viel mehr Dinge auf und ein, die ich im Alltag verändern und mir dadurch Entlastung und viel mehr Lebensqualität verschaffen kann.

 

Körpergefühl und Fitness-Apps

Glücklicherweise hat ja nicht jeder körperliche Einschränkungen, aber letztlich ist es für jeden wichtig, ein gutes Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Si können die aktuell sehr beliebte Fitness-Apps zwar durchaus motivierend sein, aber ich sehe diesen Trend durchaus auch als kritisch: Sind in diesen Apps irgendwelche sportlichen Normwerte angegeben (z.B. in diesem Alter muss ich dies, das und jenes schaffen), dann sind das halt – im maximal günstigsten Fall – irgendwelche recherchierten statistische Daten.  Für den eigenen Körper kann aber etwas ganz anderes gut und sinnvoll sein! Wir sind nun mal Menschen und keine einheitlich normierten Körpermaschinen.

 

Wir sind unterschiedlich – und wir dürfen das auch sein!

Mir wird zunehmend deutlich, dass ich mich viel lieber bewege, wenn ich meine eigenen Möglichkeiten und Grenzen sehe, akzeptiere und das, was mir nicht gut tut, einfach weglasse. Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Denn dazu gehört es, sich selbst sehr viel besser und differenzierter wahrzunehmen – und zwar unabhängig, was Fitness-Apps und Sport-Gurus für richtig halten. Wir müssen zum Glück nicht alle gleich „gut drauf sein“, sollten auch irgendwelche unsinnige Gleichschaltung und Normierungszwänge vermeiden. Mit Gerechtigkeit hat das nämlich überhaupt nichts zu tun. Jeder Mensch ist anders, hat andere Fähigkeiten, Bedürfnisse, Möglichkeiten. Denn: Wir sind unterschiedlich – und wir dürfen das auch sein!

 

6 Kommentare

  1. Hallo Gabi!

    Ich habe auch festgestellt, dass es sehr schwierig ist, wenn man sich immer mit anderen vergleicht. Nur dann, wenn ich das genau auf meinen Körper und mein Können rechte Maß finde, tut es mir gut und bringt mich weiter. Das zu erkennen, ist gar nicht so einfach.

    Dazu lese ich gerade ein spannendes Buch, es geht um die Grenzen, nicht auf den Sport bezogen sondern allgemein – lässt sich aber natürlich auch darauf umlegen. Und das habe ich auch so wahrgenommen für mich. Wenn ich mich weder unter- noch überfordere, dann macht es Spaß und ich werde langsam besser ohne es darauf anzulegen.

    Dieses Jahr bin ich im Winter auch schon viel mit dem Rad unterwegs gewesen und merke, dass ich mir schon recht leicht tue, wenn ich in den Graben hinein fahre, wo es immer ein wenig bergauf geht.

    lg
    Maria

  2. Bärbel Menzenbach

    Hallo Gabi,
    Finde ich ganz toll, was du da schreibst, kann ich unheimlich gut nachvollziehen. Als leidenschaftliche Läuferin habe ich sehr feine Antennen, was das Körpergefühl betrifft, in unserem Alter (ich bin 56)muss man akzeptieren was die innere Stimme meldet. Unerreichbaren Zielen hinterher zu laufen frustriert doch nur.
    Mir fällt noch ein : ist Deine Schlafmatte optimal? Oder gibt es für die Entlastung der Wirbelsäule noch bessere Alternativen?
    LG Bärbel

    • Hallo Bärbel, die Matte ist bislang besser, als alles, was ich vorher hatte. Ich probiere da schon ewig dran herum. Diese Probleme im Rücken habe ich ja schon seit Jahrzehnten, sie sind nur jetzt mal diagnostiziert. Ich pflege immer zu scherzen, dass ich zu den Leuten gehöre, die unter den 23 Matratzen diese eine Erbse spüren. Ich bekomme wirklich jede Unebenheit mit, selbst die leicht gebogenen (neuen!) Lattenroste unter den (ebf. neuen) 1A-Bioroßkernmatratze – ich verspanne mich dann total. Ist ungewöhnlich, aber bei mir ist es so. Dabei waren gar keine Prinzessinnen unter meinen Vorfahren 😉 .Eine direkt auf dem Boden liegende harte Unterlagen ist für mich Lichtjahre besser, weil ich mich dann deutlich besser entspannen kann.

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