Wohnbedürfnisse erkennen

Wie wohne ich eigentlich und warum?

Mir wird rückblickend deutlich, dass ich mich früher immer wieder daran aufgehalten und mich letztlich behindert habe, indem ich dachte, ich müsse mal “normal” wohnen. D.h., vielleicht irgendwann doch mal eine ordentliche Einbauküche, Wohnzimmerschrank, Sofa, Kleiderschrank, Bett. Weil irgendwann wird “man” ja auch älter und irgendwann müsste „man“ ja eigentlich irgendwie mal “normal” sein. Lange hielt ich diese Vorstellung aber nie durch. Ich stellte mir zwar was in die Wohnung hinein, aber es dauerte nicht lange, da flog es auch wieder hinaus. Erst seit dem ich mich intensiver mit Achtsamkeit und Minimalismus beschäftige, werden mir meine eigentlichen Wohnbedürfnisse deutlicher und ich kann jetzt auch dazu stehen:

Wo steht eigentlich geschrieben, dass ein Wohnzimmer immer ein Wohnzimmer ist und ein Schlafzimmer ein Schlafzimmer? Wer hat festgelegt, dass ein Sofa ein Sofa ist, ein Bett ein Bett? Kann ich nicht auch ganz andere Lösungen finden?

Immer mal wieder bekam ich auch die Rückmeldung, ich hätte aber wenig in meiner Wohnung stehen und so dachte ich des öfteren, dass ich dann ja doch noch irgendwas in die Wohnung hineinstellen müsste, war aber nie so richtig zufrieden damit. Ich spüre heute zum Glück sehr viel deutlicher als je zuvor, dass ich manches noch nie wirklich mochte. Daher kamen und gingen die Sofas ebenso wie Kleiderschränke, Bettgestelle, Kommoden, Fernseher und Regale. Für dieses Mögen oder Nicht-Mögen gab es nicht wirklich logische und vernünftige Gründe, es war nur einfach nicht mein persönliches Wohlfühl-Wohnen.

Kleiderschränke sind beispielsweise eigentlich eine tolle Erfindung. Aber ich fand sie immer fürchterlich. Warum dies so ist, habe ich früher nie wirklich verstanden. Spüre ich heute in mich hinein, wird mir deutlich, dass der mit dem Kleiderschrank zuvor verbundene Einkauf von Kleidung ja in der Regel schon ein mittleres Desaster für mich war. Hosen waren generell nahezu immer zu kurz, es sei denn ich ging in Männerabteilungen, aber ich wollte keine Männerhosen kaufen und Internetkäufe gab es früher noch nicht. Dann Farben: Als Rothaarige steht mir kein pink und rosa und ich mag es auch nicht. Ebenso wie Pastellfarben. Tja, dann trug ich halt jahrelang blau, eher aus der Not als aus wirklichem Wunsch heraus. Schuhe passen fast nie, da ich sehr schmale Füße habe. Schuhe kaufen machte also auch keinen Spaß. Die meiste Zeit war shoppen für mich ein frustrierendes Erlebnis. Was soll ich dann mit einem großen und für mich fast monströsen Kleiderschrank? Und warum sollte ich diesen Kleiderschrank dann auch noch schön finden? Ich bin froh, dass ich jetzt endlich Kleidungsstücke von guter Qualität habe, die mir gut gefallen und diese möchte ich nicht in irgendeinem großen und überfüllten Schrank sehen. Ich möchte sie auf einen Blick sehen, genießen und entscheiden können, was ich anziehe.

Mit Bettgestellen und Matratzen war das auch immer so eine Sache. Es dauerte nicht lange, bis ich mich nachts ständig unruhig von rechts nach links drehte. Die Matratze – egal welche – hatte binnen kürzester Zeit irgendwelche durchgelegenen Stellen. Wieso war das eigentlich immer bei mir und nicht bei anderen? Erst nachdem ich durch die formellen Achtsamkeitsübungen ein sehr viel besseres und differenzierteres Körpergefühl habe, fällt mir auf, dass die “Prinzessin auf der Erbse” wohl irgendeine Vorfahrin von mir sein muss. Ich spüre beim Liegen wirklich so ziemlich jede Unebenheit, die (vermeintlich) durchgelegene Stellen der Matratze, selbst die Unebenheiten, die für andere Menschen überhaupt nicht spürbar zu sein scheinen. Flexible Lattenroste sind ebf. ein Horror für mich. Ich bemerke, ob der Fußboden etwas schief ist und wenn ich dies nicht ganz bewusst wahrnehme und registriere, verkrampfe ich mich unbewusst, schlafe schlecht und wache mit Rückenschmerzen auf. Erst seit ich mich für ein Futon entschieden habe, dieses auf die Erde gelegt habe, kehrt Ruhe ein. Ich liebe es, auf einem eher harten Untergrund zu schlafen. Das Futon verschiebe ich einfach wenige Zentimeter, wenn mich etwas stört und dann passt es endlich.

 

Gibt es das ideale Wohnen und ideale Möbel?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich finde es auch unwichtig. Viel wichtiger finde ich, dass Bedürfnisse und Wohlfühlen beim Wohnen sehr unterschiedlich sein können. Mir gehts z.B. wie beschrieben super gut mit dem Futon. Für einen anderen Menschen kann so ein Futon der blanke Horror sein und wäre somit völlig fehl am Platz.

 

Was ist Wohn-Luxus?

Wohn-Luxus ist für mich weder eine große Wohnung, noch eine üppige Ausstattung. Ich brauche keine riesigen Fernsehbildschirme, mich interessieren nicht die Hightech-Lautsprecherboxen. Wirklicher Wohn-Luxus ist für mich, wenn ich die eigenen wirklichen Bedürfnissen kennenlerne und von den spontanen Wünschen, Launen, aktuellen Stimmungslagen, von Gewohnheiten, modischen Trends und Beeinflussung durch Werbung unterscheiden kann.

 

Wohnqualität durch Achtsamkeit und Minimalismus

Mir hat meine Achtsamkeitspraxis sehr viel deutlicher klar gemacht, was wirkliche Wohnqualität ist, als alle Wohnmagazine und Wohntipps, von denen ich je irgendwo etwas gelesen oder gehört habe. Durch Achtsamkeit hat sich meine Wahrnehmung von mir und meiner Umwelt so verbessert, dass ich meinem Bedürfnis nach einem minimalistischen Lebensstil heute sehr viel mehr Raum gebe und dies sehr befreiend erleben und genießen kann.

 

Ergänzung: Futon statt Bett

Da ich mehrmals darauf angesprochen wurde, wie das so genau aussieht mit meinem Futon, unten noch 2 ergänzende Bilder davon. Wichtig ist, dass das Futon regelmäßig zum Lüften und Lockern aufgerollt wird. Mein Futon ist genau gesagt, eigentlich eine Shiatsumatte und hat einen abnehmbaren und waschbaren Bezug. Wer sich für Schlafen auf Futon interessiert: Am besten Mal in ein Möbelgeschäft gehen bzw. in ein spezielles Futongeschäft (falls es sowas erreichbar gibt) und ausprobieren, wie das Liegegefühl ist. Vielleicht gibts ja auch Jemanden in der Nähe, der bzw. die so etwas Zuhause hat und dort mal ausprobiert werden kann. Es passt für manche Menschen super, für andere überhaupt nicht.

Zu Minimalismus im Schlafzimmer habe ich auch hier einen Gastbeitrag geschrieben: http://www.schlichtheit.com/minimalistisches-schlafzimmer/.
Weitere ausführlichere Informationen zum Schlafen auf einem Futon sind auch hier nachzulesen: Auf einem Futon schlafen

blaue, gerollte und stehende Shiatsumatte

blaue, ausgerollte und auf einem Holzboden liegende Shiatsumatte

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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9 Kommentare

  1. Oh, der Absatz über das Herumquälen im Bett und die Rükenschmerzen kommt mir bekannt vor…
    Ich war mal 4 Wochen in Korea und habe dort unter anderem auch auf einem traditionellen Futon auf dem Boden (mit Fußbodenheizung, herrlich) geschlafen.. das war sooo toll… vielleicht probiere ich das demnächst mal in meiner Wohnung aus. Ich mag mein Bett zwar gerne, aber auf dem Boden fühle ich mich häufig noch wohler.

    • Hallo Marie,
      mir tut es wirklich sehr gut. Ich weiß aber auch, bei manchen Menschen geht sowas gar nicht. Es ist ja letztlich auch nur wichtig zu erkennen, mit was man selbst gut zurecht kommt und nicht einfach nur aus Gewohnheit, Tradition etc. immer die gleiche und ggf. unpassende Lösung zu nutzen.

  2. hallo gabi, ich kenne das von mir auch. kleiderschrank fand ich gruselig. zu viel platz verschenkt und zu wuchtig. kommoden schubladen zu schwer und nur beidhändig zu benutzen, hasse ich. helmer schubladencontainer und spintschränke sind es dann geworden. wo jeder platz drin genutzt ist. viele regale drin. schnell auseinander zu bauen und auf einem handtuch verschiebbar. am liebsten zu und staubfrei. es ist ein toller beitrag. nach seinen bedürfnissen schauen. mehr als 2 besucher habe ich nicht. also brauche ich nur 3 stühle. ich trinke nur aus tassen. falls mal jemand ein glas will? die falls-lösungen habe ich abgeschafft. ich richte mich nach mir. mit schlafzimmer kam ich nie klar. jetzt schlafe ich in meinem leberaum. hab im kopf mal umgeräumt. deine methode. das hat mir geld und arbeit gespart. lg – tanja

    • Hallo Tanja, die Idee die falls-Lösungen abzuschaffen, finde ich super. Da schaue ich auch nochmal genauer hin, ob sich da irgendwo noch welche bei mir eingenistet haben 😉 . Bei mir sind es ab und an dann doch mal bis ca. 6 Leute, die eintrudeln. Mehr Besucher macht mein Gehör nicht gut mit. Derzeit habe ich nur 4 Stühle, zwei davon recht unbequem. Das Thema ist noch nicht gelöst. Ich habe 1000 Ideen, angefangen von „Besucher bringen ihre Klappstühle selbst mit“ über „ich besorge ein paar Klappstühle oder normale Stühle oder eine bequeme Sitzbank“ bis hin zu „Podest statt Stuhl“ oder „zum Sitzen geeignetes Regal“ etc etc. reichen die Gedanken. Es kommen ständig gedankliche Varianten dazu. Aber ich habe noch nicht das richtige Gefühl dafür, welche dieser Ideen am besten für mich passt. Meine Lösung: Abwarten, bis sich das richtige Gefühl einstellt.

  3. Huhu Gabi,
    Camping-Stühle wären vielleicht noch eine Option oder Sitzpolster für die unbequemen Stühle.

    Ich lese deine Beiträge sehr gerne. Dein Leben klingt einfach logisch. Man braucht nicht viel zum Leben. Viele (mich teilweise eingeschlossen) vergessen das jedoch in Anbetracht der Konsummöglichkeiten. Leider eckt man in unserer Gesellschaft an, wenn man zu „anders“ ist. Meine Familie versteht meine Lebensweise nicht wirklich (kein Auto, günstiges 1,4m Bett zu zweit, Tshirts auch im Winter, Sachen so lange nutzen, bis sie nicht mehr funktionieren).

    Dabei könnten alle Menschen viel ressourcenschonender leben, ohne an Lebensqualität zu verlieren.

    Ich glaube aber daran, dass die Welt ein Stückchen besser wird, wenn man an seinen Überzeugungen festhält.

    Liebe Grüße
    Jenny

    • Hallo Jenny,
      Campingstühle hatte ich noch nicht auf dem Schirm – das ist auch nochmal eine Variante. Mal schauen …

      Das mit dem Anecken kenne ich durchaus auch, so lange ich niemandem schade, ist es mir aber ehrlich gesagt inzwischen egal. Selbst wenn deine Familie, deine Lebensweise nicht versteht, wird sie sich irgendwann dran gewöhnen – insbesondere, wenn du bei dem, was dir wichtig ist, einfach dran bleibst. Um es mit Harald Welzer zu zitieren: „…zunächst werden die sogenannten „first movers“ als Spinner betrachtet, dann als Avantgarde, dann als Vorbilder…“ Also wenn irgendwer mal behauptet „die spinnt“, weißt du, dass du auf dem richtigen Weg bist 😉

  4. Wirklich schöner Beitrag. Es ist oft so, dass wir uns mit mehr umgeben, als wir eigentlich brauchen und im Endeffekt belastet das uns. Ich finde den momentanen Trend, zum Minimalismus hin, wirklich sehr interessant. Ich finde es jedoch schwer das Thema umzusetzen, da man auch von den Menschen in seiner Umgebung immer wieder Sachen geschenkt bekommt, die man nicht wirklich braucht und es dann peinlich ist Geschenke nicht anzunehmen.

    LG!

  5. Liebe Gabi,
    ein sehr schöner Artikel, der wie ich finde unabhängig vom Wohnen dazu animiert selbst achtsam zu sein für die ganz individuellen und persönlichen Empfindungen.
    LG Nanne

  6. Sehr sehr schöner und inspirierender Artikel! Du hast vollkommen recht: Wer definiert eigentlich die Räume? Und warum nicht anders machen? Das mit dem Futon finde ich auch spannend, vor allem weil es überhaupt keinen Platz verstellt. Einfach zusammengerollt und fertig. 🙂

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