Loslassen von Dingen als emotionale Befreiung

Kürzlich las ich einen interessanten Beitrag von June Saruwatari mit dem Titel
The Psychology behind all that clutter you can’t get rid of. Wie treffend! Mich brachte es auf den Gedanken, nicht nach dem „Warum kann ich nicht loslassen?“ zu fragen, sondern:

In welchen Situationen kann das Loslassen von Dingen eine emotionale Befreiung sein?

 

Die eigene persönliche emotionale Beziehung zu den Dingen

Gegenstände können mit positiven, wie negativen emotionalen Befindlichkeiten verhaftet sein. Es gibt Situationen, wo es gut ist, nochmal genau in sich hinein zu spüren, ob und wann es Sinn macht, einige dieser Gegenstände bewusst loszulassen. Nicht generell, nicht grundsätzlich, sondern nach ganz individueller und ganz persönlicher Entscheidung:

 

Negativ-Erlebnisse loslassen

Manchmal hilft es, Dinge, die eng mit einer negativ erlebten Phase verbunden sind, loszulassen. Dazu ein Beispiel:
Es war 1978: Nach dem Abschluss einer zweijährigen Zeit an einer kleinen konfessionellen Schule mit wenig Entfaltungsmöglichkeiten, habe ich anschließend die gesamten Schulhefte mit großem Vergnügen und jeder Menge körperlicher Anstrengung in feinste, kleinste Schnipsel zerrissen. Alles schön per Hand. Einen Schredder gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, er hätte es auch nicht gebracht. Per Hand zu zerreißen war für mich effektvoller und wohltuender. Endlich war diese Zeit zu Ende und dass musste ich mit jedem ritsch und ratsch genießen. Schule adé – war das herrlich!

 

Sind Gegenstände emotional negativ behaftet?

Insbesondere negative Lebensphasen, Erinnerungen, eine beendete Beziehung und vieles mehr, können ein Grund sein, einmal genauer hinschauen und hinfühlen:

  • Sind Ereignisse, Erlebnisse und Personen noch emotional mit ganz bestimmten Dingen um mich herum verbunden?
  • Wie ist meine ganz eigene, persönliche Beziehung zu diesen Dingen?
  • Kann ich Dinge und Ereignisse/Erlebnisse wieder voneinander trennen?
  • Ist es wirklich gut und wohltuend für mich, diese Gegenstände zu behalten?
  • Werde ich bei jedem Aufräumen, Staubwischen, Schrank öffnen, an die mit den Dingen verbundenen Ereignisse erinnert?
  • Von was sollte ich mich endlich innerlich und äußerlich befreien? 

 

Positive Lebensphasen wertschätzend beenden

So schön wie manche Erinnerungen, Lebensphasen sind oder waren: Irgendwann kann eine solche Phase einmal beendet sein und wenn wir nicht aufpassen, geraten diese eigentlich schönen Erinnerungen zu aktuell negativem Erleben. Auch hierzu ein kleines Beispiel:
Wie ab und an schon mal erwähnt, habe ich früher gerne Musik gemacht. Ich liebe auch heute noch Musik, aber vor einigen Jahren wurde mein Hobby ganz schleichend zu einem Ballast. Ich benötigte einige Zeit, bis ich mir dies eingestehen konnte. Meine Schwerhörigkeit ließ sich irgendwann nicht mehr verdrängen. Musizieren wurde anstrengender, weil ich insbesondere die hohen Töne nicht mehr richtig hören konnte. Klavier, Mikrofon, Mikroständer und all diese schönen Dinge nutzte ich irgendwann nicht mehr. Sie waren zum Schluss nur noch Mahner, weil sie doch mal teuer gewesen sind, Freude bereiteten mir nicht mehr. Ich hielt nicht nur an den Dingen, sondern auch an falschen Illusionen fest. Ich brauchte lange, bis ich mich davon getrennt habe, aber dann war es sehr wohltuend und befreiend. – Das Klavier nutzt jetzt übrigens ein musikalisch sehr interessiertes Kind, das vorher ein nahezu unbrauchbares Instrument hatte. Ist das nicht wunderbar?

Auch bei den eigentlich mit schönen Erinnerungen verbundenen Dingen macht es Sinn, sich zu fragen, ob und wann diese losgelassen werden sollten – spätestens dann, wenn sich zu den schönen Erinnerungen, aktuell ganz schleichend unangenehme Empfindungen hinzugesellen. Und keine Sorge: Schöne Erinnerungen bleiben auch dann noch schön, wenn wir Wohnung und Leben nicht mit einem persönlichen Erinnerungs-Kram-Antiquariat vollstopfen. Denn:

Schöne Erinnerungen bewahren wir im Herzen und nicht auf Dachboden, Fensterbank oder im Kleiderschrank.

 

Loslassen und Selbstverantwortung als Schritt ins Erwachsenenleben

Mitunter geht es auch um die Dinge, die die – inzwischen erwachsenen Kinder –  immer noch im elterlichen Keller oder sogar noch im ehemaligen Kinderzimmer aufbewahren. Dann wird es Zeit, dass sich die nun erwachsenen Kinder auf den Weg in diese Sphären der Vergangenheit begeben und sich entweder von diesen Erinnerungsstücken trennen oder sie endlich mit zu sich in die eigene Wohnung nehmen. Auch das ist Selbstverantwortung und ein Schritt ins Erwachsenenleben, der sehr befreiend sein kann.

 

Leben fließt und ist Veränderung

Selbst die Luft, die ich einatme, kann ich nicht festhalten. Warum sollte ich dann die Dinge festhalten, die mir nicht gut tun und die ich nicht mehr benötige? Jack Kornfield fasst den Umgang mit den Dingen, wie ich finde, in folgendem Zitat wunderbar zusammen:

„Like a sandcastle all is temporary.
Build it, tend it, enjoy it.
And when the times comes let it go.“
Jack Kornfield

Bildausschnitt: Sand am Strand. Am unteren Bildrand ragen einige Gräser hervor

 

 

 

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9 Kommentare

  1. Liebe Gabi,

    wichtige Gedanken wertvoll zusammengefasst!

    Für mich persönlich beschreiben sie gleichermaßen eine Entwicklung, die ich im Laufe der Zeit ebenso gemacht habe.

    Zu Beginn ging es ganz „klassisch“ lediglich darum, Unnötiges und Überflüssiges loszulassen. Das waren primär aber keine Dinge, die negativ besetzt waren. Erst nach sehr lange Zeit habe ich verstanden, dass man in Sachen Minimalismus auch ganz bewusst Negatives loslassen kann – die genannten Schulunterlagen sind ein gutes Beispiel dafür. Ich habe selbige sukzessive erst in den letzten Jahren weggeworfen. Obwohl die Zeit als Pennäler schon etwas zurückliegt. Jedes Heft, das ich explizit und voller Genuss manuell geschrettert habe, hat innerlich Platz und Luft zum Atmen gemacht. Ein befreiendes Gefühl!

    Ich kenne einige Menschen, die erstaunlicher Weise nach wie vor einen großen Bestand an persönlichem Besitz bei ihren Eltern lagern, manche sogar noch in einem eigenen Kinderzimmer. Dann zu behaupten, die eigene Wohnung sei doch leer, ist natürlich auf den ersten Blick „einfach“. Und verschiebt den Moment, in dem man aktiv Verantwortung übernehmen muss, am Ende nur auf unbestimmte Zeit.

    Herzliche Grüße
    M21

    • Hallo M21, deinen Beitrag über die Schulunterlagen passt ja sehr gut ins Thema. Ich habe ihn mit viel Interesse gelesen! Erzählen mir doch gerade Lehrer sehr häufig, dass es ohne die Unmengen an endlosen Büchern und Unterlagen keinesfalls geht und die Wohnung deshalb endlos groß sein muss. Offensichtlich geht es durchaus mit weniger Schulunterlagen, wenn bewusst und gezielt ausgewählt wird, was wirklich notwendig ist und was nicht.

      Der bei den Eltern jahrelang gelagerte Besitz, da liegt’s vielleicht an beiden Seiten: Die Eltern, die dies akzeptieren und die erwachsenen Kinder, die sich und anderen damit selbst etwas vormachen. Minimalismus im persönlichen Alltag ist natürlich auch sehr viel schwerer zu leben, wenn ich wirklich mal vollständig alle meine persönlichen Dinge durchforste und Verantwortung für meinen Kram übernehme.

  2. Hallo Gabi,

    unverschämt finde ich – das gibt es auch – wenn eltern sagen, „ich heb die sachen auf im keller ohne dass sie noch jemals genutzt werden. die kinder können das zeug von mir ja nach mir entsorgen.“ das hab ich jetzt schon mehrmals gehört. so als müsste man anderen menschen noch zur last fallen. die emotionale belastung ist doch gross genug wenn man jemanden verliert. kann man nicht aufgeräumt leben? den sperrmüll bestellen? kostet ein anruf. und die ehrlichkeit, dies und das bin ich nicht mehr und kann weg. kann ich nicht mehr ausführen. bin jetzt zu alt. so lebt es sich doch viel besser. oder sagen, dass man hilfe beim sperrmüll braucht. dann muss man das vorbereiten. und gemeinsam aussortieren.
    lg tanja

    • Hallo Tanja,
      ich finde sowas einfach nur egoistisch. Gerade mit zunehmenden Jahren finde ich, sollte das Leben leichter werden: Weniger Kram = weniger Ballast, kleinere Wohnung = weniger Putzerei, ebenerdig oder mit Aufzug, damit man noch vor die Tür kommt. Und: rechtzeitig kümmern, nicht erst wenn man 80+ ist und sagen kann: „Ach, ich bin ja zu alt. Regelt ihr das mal alles nach meinem Tod.“ Mir gehts genau anders herum: Mit jedem zunehmenden Jahr finde ich es unglaublich erleichternd, mich um wenig eigenen Kram kümmern zu müssen. Der ganze Alltagskram ist schneller und einfacher erledigt. Ich finde das so erleichternd, dass ich nicht darauf verzichten möchte.

  3. Maximiliane

    ich bin auch so ein Kind dass noch Sachen bei der Mutter hatte, dann wurde die Mutter pflegebedürftig und musste in ein Pflegeheim, ich selber bin eher minimalistisch veranlagt, aber meine Mutter war eine Sammlerin „das könnte man noch gebrauchen“, also 2 unterschiedliche Charaktere, ich musste so viel verschenken oder entsorgen, nun ist meine Mutter gestorben und ich habe nun schon einen Grossteil ihrer letzten persönlichen Dinge nun sortiert, teilweise fällt es mir echt schwer den unnützen Kram auszumisten, aber es muss sein,
    man sollte nicht zu hart über die Kriegsgeneration urteilen finde ich.

    • Hallo Maximiliane,
      Kriegsgeneration ist tatsächlich ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Ich bin sog. Kriegsenkel, d.h., Kind von Kriegskindern und habe dadurch natürlich so einiges mitbekommen. Das sind natürlich noch mal ganz andere existenzielle Erfahrungen, die zum Sammeln der Dinge geführt haben. Aber auch dort gibts erhebliche Unterschiede. Einige Menschen haben aufgrund ihrer Erfahrungen einfach viel gesammelt, weil sie es einfach nicht übers Herz bringen, etwas wegzuwerfen. Vermutlich gehörte deine Mutter auch dazu. Egoismen habe ich andererseits aber auch schon erlebt (Motto: nach mir die Sinnflut) und das finde ich wirklich schlimm. – Es zeigt aber auch, wie weit und wie schwierig dieses ganze Thema letztlich ist.

  4. Wie machst du es mit solchen Fragen, liebe Gabi. Eine emotionale Befreiung wäre auch, wenn ich mir nach 4 Jahen Überlegung einen Toploader kaufen würde. Dagegen sprach, dass die alte Waschmaschine ja noch top läuft und ein Kurzprogramm hat. Im 8. Jahr. Allerdings muss ich mich immer 3 mal draufsetzen pro Waschgang weil der Boden so schief ist. Rutschfeste Unterlage ignoriert sie. Ich müsste an der Wand was installieren lassen für den neuen Platz, bevor sie angeschlossen wird. Im Keller darf ich die nicht aufstellen. Ich weiss nicht, wie lange ich noch hier wohne. Hab ich vor 4 Jahren auch schon gesagt. Genauso ist es mit Wohnung streichen nach 6 Jahren. Lohnt sich das noch? Bisher lasse ich es. Verschenke die Waschmaschine bei Auszug und lasse mir eine neue installieren in dem dann kleineren Appartment das hoffentlich schon gestrichen ist. Lg Tanja

    • Hallo Tanja. In solchen Fragen bin ich sehr pragmatisch und würde zusehen, möglichst bald eine andere, kleinere Wohnung zu finden. Allerdings ist das ja vermutlich auch deine Familienwohnung … das ist natürlich so eine Sache, auch dann, wenn das Kind längst erwachsen und ausgezogen ist. Denn dann ist es eben mehr als Dinge loszulassen, eher sowas wie der Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächsten. Aufwändige Waschmaschinen-Installationen, sowie Renovierungen lohnen aber letztlich nur, wenn man noch länger wohnen bleibt und sich in der Wohnung wirklich noch zu 100% wohl fühlt. Ist das nicht der Fall und den Zustand so zu belassen und dann dauert ein evtl Umzug noch ein paar Jahre – das ist megaanstrengend, habe ich hinter mir. Würde ich nicht nochmal machen, sondern dann eher die Notbremse ziehen und lieber irgendeinen Kompromiss eingehen. Meine jetzige Wohnung ist z.B. auch ein Kompromiss: Dachgeschoß und ohne Balkon. Aber was soll ich sagen: Ich fühle mich sehr wohl und bin froh, diesen Schritt gegangen zu sein.

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