achtsam – minimalistisch – unperfekt

Manchmal bin ich doch sehr beeindruckt. All diese wunderbaren Tipps, die ich hier und da lese: Wie der Tag am besten geplant werden kann, welche Todo-Listen ich brauche, wie ich gesund bleibe, wie ich mich richtig entspanne, Sport mache, den Verkaufsverführungen widerstehe, meinen Tag achtsam und minimalistisch gestalten kann… Und dann taucht irgendwann auch noch das Fernsehen bei mir auf und man gewinnt den Eindruck, ich sei super perfekt asketisch: wenig Zeug, Futon, minimalistisch Küche, kaum Luxus – außer dem Computer (aber der ist von 2010, also auch nicht gerade neu).

Tja und so sind wir dann alle perfekt oder arbeiten zumindestens dran. Aber sind wir das wirklich und wollen wir es überhaupt sein?

Wie minimalistisch perfekt ist mein Minimalismus?

Was mich selbst angeht: Ich habe meinen Kleiderschrank einmal gründlicher durchgesehen und sogar mal durchgezählt:
Das vielleicht Auffälligste: 12(!) T-Shirts, plus nochmal 2 Shirts, die ich noch „fürs Grobe“ nutze, also wenn es was zu renovieren oder umfangreicher zu putzen gibt. Wenn ich künftig nochmal ein farblich passendes T-Shirt finde, werde ich es kaufen und auf Vorrat hinlegen. Passende Kleidung zu finden ist für mich schwierig, da minimalisiere ich lieber den Stress als die Menge meiner T-Shirts. – Wenig Kleidung ist was anderes für mich. Früher hatte ich deutlich weniger, maximal die Hälfte. Da war ich genau genommen minimalistischer als jetzt.

Dann die Technik:
Ich habe heute einen Computer, ein Smartphone, ein Mini-Laptop, ein Tablet. Ein kleines Einfachhandy liegt auch noch in der Schublade. Es sind nicht die neuesten Geräte, erst recht nicht die schnellsten, schon gar nicht die angesagtesten Geräte. Aber sie funktionieren und wenige Geräte sind es nun mal definitiv nicht – im Gegenteil. Früher hatte ich im Vergleich dazu ein Radio-Cassetten-Recorder und ein Schwarzweiß-TV. Fürs Telefonieren bin ich noch bis Mitte der 80er Jahre ins Telefonhäuschen gegangen. Klar haben sich die Zeiten geändert, ich genieße dies auch sehr! Aber es ist doch nicht so, dass ich heute weniger Dinge besitze und super minimalistisch, schon gar nicht minimalistisch perfekt bin.
Es ist also schon sehr relativ mit dem Minimalismus, meinem Minimalismus. Perfekt ist er nicht, asketisch bin ich auch nicht.

 

Unperfekt – Manchmal gelingt nichts

Es gibt sie, diese Tage: Das Wetter ist schön, ich habe Zeit, ich habe 1000 Dinge im Kopf, aber irgendwas umsetzen: Nichts! Ok, vielleicht bin ich erschöpft: Da muss ich muss mich unbedingt mal entspannen. Aber auch das gelingt an einigen Tagen überhaupt nicht. Locker werden müssen ist ja auch ein Gegensatz in sich und passt nicht. Und so verdaddle ich die Stunden, weiß irgendwann nicht mehr, wo sie geblieben sind. An solchen Tagen war ich des öfteren gleichermaßen verärgert, wie enttäuscht: Es ist doch schade, wenn die Stunden so dahin fließen. Erst recht, wenn in diesen Stunden dann nicht einmal wenigstens ein einzelner achtsamer Atemzug gelingt.

 

Adé Perfektionismus

Ich habe mich vom Perfektionismus schrittweise einfach mal verabschiedet. Es muss bei mir nicht perfekt sein. Ich muss nicht perfekt sein. Es ist mir einfach zu anstrengend und wirklich gesund ist Perfektionismus auch nicht.
Wenn ich irgendwas durch die jahrelangen Achtsamkeitsübungen gelernt habe, dann ist es, die Dinge gelassener anzugehen und auch entspannter mit mir selbst umzugehen. Ich kann und darf hier und jetzt einfach mal so sein, wie ich bin. Und das ist ok so. Auch, wenn ich es selbst völlig schräg finde. Ich kann auch einfach mal meinen Tag verträumen, mich in tausenderlei Ablenkungen verirren, einen Fehlkauf tätigen, die Todo-Listen in den Mülleimer werfen oder mal alles blöd finden.

 

Was tun? Die Sinne benutzen

Was ich tun kann in diesen Phasen voller Unperfektheit, Schrägheit, Ablenkbarkeit, Unachtsamkeit: Ich kann versuchen, mir mal wertfrei bei all meinem (Nicht-)Tun zuzuschauen: Was passiert mit mir? Was tue ich da gerade? Was tue ich nicht? Gelingt mir dies nicht in der Situation selbst, dann kann ich auch im Nachhinein einmal versuchen, einmal genauer hinzuschauen:

  • Wie geht/ging es mir?
  • Bin/war ich zufrieden, unzufrieden?
  • Bin/war ich müde, erschöpft, wach, überdreht?
  • Wie geht/ging es mir mit meiner Unperfektheit?
  • Wie geht/ging es mir mit all den liegen gebliebenen Dingen?
  • Mache ich mir Selbstvorwürfe?
  • Bin ich enttäuscht von mir?
  • Bin ich entspannt und zufrieden?
  • Finde ich Antworten? Wenn nicht, wie halte ich das aus?

 

Im Rhythmus der Natur, im Rhythmus des Lebens

Phasen sind Phasen – und keine Dauerzustände. Leben ist immer auch von gewissen Gegensätzen geprägt: Es gibt die sehr aktiven Phasen, die von inaktiver Zeit abgewechselt werden. Mal laufen die Tage gut, die Arbeit ist systematisch erledigt, dann sind wieder Zeiten, wo scheinbar nichts gelingt.

Wir sind einfach auch ein Stück Natur. Jedem Einatmen folgt ein Ausatmen. Es ist wie am Meer, wo die Flut von der Ebbe abgelöst wird. Dem Regen folgt irgendwann der Sonnenschein, dem Tag die Nacht. Problematisch wird es erst, wenn kein Ausgleich mehr da ist und dieser Rhythmus des Lebens völlig aus dem Takt gerät. Nicht nur die Natur kann durch unser Verhalten aus dem Takt geraten, auch wir selbst. Beispielsweise, wenn die emotionalen „Nacht-Zeiten“ sehr lange andauern und wir vielleicht nicht mehr alleine hinausfinden. Oder die verdaddelte und verträumte Zeit zu einem Dauerzustand wird – aber auch, wenn ich so aktiv bin, dass ich nicht mehr zur Ruhe komme.

Unperfekt sein zu dürfen ist eben auch Luxus. Und – solange wir uns im Rhythmus des Lebens befinden – ist dieser Luxus erschwinglich, schadet niemandem und er ist einfach erholsam. Wir sind nichts weiter als ein Stück Natur – genau deshalb habe ich auch die Gräser als mein Logo ausgesucht.

17 Kommentare

  1. Oh wie lustig, ich bin gerade beinahe fertig mit meinem neuen Beitrag über Perfektionismus für meinen Blog minimalismusentspannt.blog wir haben da sehr viele Gemeinsamkeiten… das Beste ist Durch atmen und akzeptieren das wir menschlich sind und da gehören miese Tage leider auch dazu…

  2. Hallo Gabi!

    Oh ja, Perfektionismus steht dem Leben in Wirklichkeit entgegen. Achtsam zu leben heißt auch in sich hinein spüren, was gerade wichtig ist. Und meist ist es nicht das, was auf der todo Liste steht. Mittlerweile kann ich auch mal 5 gerade sein lassen und das genieße ich sehr nach so vielen Jahren, wo ich aus verschiedenen Gründen – die durchaus ihre Berechtigung hatten – einfach funktionieren musste.

    Derzeit übe ich mich auch bei meinen Blogbeiträgen mit dem Abschied vom Perfektionismus und lasse sie auch schon mal los, ohne dass ich sie 10 x Korrektur gelesen habe 😉

    Danke für Deine vielen schönen Gedanken!

    lg
    Maria

    • Was gerade wichtig ist – genau das ist es. Und manchmal ist eben wichtig, einfach mal nichts zu machen bzw. „Fünf gerade sein zu lassen“ 🙂

  3. Ina lödden

    Auch für mich ist dieser Beitrag Gold wert und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt nach einem Kreislaufzusammenbruch. Danke

  4. Liebe Gabi,
    dein Beitrag spricht mir in mehreren Punkten aus der Seele.
    Schon seit Jahren bin ich dabei, mein Leben zu vereinfachen. Mittlerweile bin ich auf dem Weg etwas zu werden, das ich selbst als Minimalistin bezeichnen würde (was Dinge angeht: nur das besitzen, was ich wirklich brauche und nutze u./o. was mich glücklich macht).
    Dabei habe ich seit Beginn dieser Entwicklung das Problem, dass ich schwanke zwischen „möglichst wenig haben“ (da mich der Anblick und das Wissen um die vielen Gegenstände richtiggehend belastet) und „genug für eine bestimmte Zeit haben“ (z. B. Kleidung für 14 Tage) oder „eine bestimmte Menge“. Dann kann ich auch mal das Waschen vergessen oder nicht schaffen oder muss mir vor einem Urlaub nichts mehr dazu kaufen.
    Beides hat für mich seine Vorteile. Noch kann ich mich nicht entscheiden. Vielleicht, wenn ich in anderen Bereichen noch weniger Ballast habe.
    Grundsätzlich finde ich es jedenfalls wichtig, das mein Eigen zu nennen, was mich glücklich macht. Das sind bei mir z. B. auch kleine Täschchen für den Rucksack, um meinen Kleinkram darin zu verstauen, damit er nicht herumfliegt und leicht greifbar ist. Oder auch verschieden große Rucksäcke, je nachdem, was ich an dem Tag brauche. Das macht mich glücklich. Dadurch habe ich mehr, lebe aber besser.
    Perfekt ist eigentlich nur das, was in dem Moment am besten zu den Bedürfnissen der jeweiligen Person passt. Manchmal wahrscheinlich auch, an einem Tag nichts zu schaffen. (Ich sage dies als Perfektionistin, die sich auf dem Wege der „Heilung“ befindet! Mit Rückfällen und allem Drum und Dran.)

    • Hallo Aeris, manchmal finde ich es auch wirklich nicht einfach zu entscheiden, wieviel Dinge z.B. sinnvoll sind. Bei Kleidung habe ich z.B. eher das umgekehrte Problem. Ich habe ewig gebraucht bis ich mich jetzt doch mal langsam dazu entschließen konnte, mir im Bedarfsfall einfach etwas auf Vorrat in den Schrank zu legen. Aber es darf eben auch nicht so viel sein, dass es Arbeit macht oder der Schrank zu voll wird. Tatsächlich ist es wirklich auch immer ein wenig situationsabhängig. Bedürfnisse können sich verschieben. Ich lass mir da inzwischen einfach Zeit. Nichts muss sofort und für immer entschieden und erledigt werden.

  5. Ich erlebe das Nicht-Funktionieren-Müssen ähnlich. Die Tür geht ja nicht mehr auf, wo ich 14 Stunden am Stück ein Kleinkind versorgt habe. Heute kann ich Ikeasachen in meinem Tempo aufbauen. Gestern Abend spontan angefangen, nachdem mir das Nixtun über den ganzen Tag zu viel wurde. Heute morgen um 6 weitergemacht. Den Rest mache ich heute Abend spontan oder morgen um 6 Uhr. Bin immer so früh wach. Ist ein Luxusgefühl. Früher kannte ich nur die Dinge in einem abarbeiten. Egal wie es mir dabei ging. Heute ist mir wichtiger, auf meinen Körper zu hören, genug zu essen und zu trinken. Mir gesundes zu kochen während so einer Baustellenphase. Zu lesen. Eben bin ich auch wieder eingeschlafen. Muss ich halt mal 3 Tage über Werkzeug steigen. Stresst mich nicht. Lg Tanja

    • Da gibts doch diesen wunderbaren Spruch „Wohnst du schon oder schraubst du noch?“ Lässt sich dann in deinem Fall herrlich abwandeln: „Ich wohne, ich lebe, ab und an schraube ich“. Mache ich ähnlich, bin mir der Schrauberei auch noch nicht ganz fertig.

  6. Ich hab mittlerweile lieber 20% mehr Sachen, als ich bräuchte. Für besondere Gelegenheiten. Mit 4 Pullis käme ich klar. Dann ist der eine aber zu dick oder zu dünn für die Jahreszeit. Oder ich brauche ihn um mir aus einer 3. Jacke eine Regenjacke zu basteln weil es 2 Wochen durchregnet oder schneit. 5 Kleider klingt viel. Bei Saharawüste brauchte ich 3 am Tag. Mehr als ich waschen konnte. Da kommt man schnell an die Grenzen und fängt an zu stressen.

    • 20 % mehr, als man braucht als Reserve hört sich auch für mich gut an. Das mache ich bei anderen Sachen auch, da ich lieber auf Nummer sicher gehe. Warum ich da bei Kleidung eine besondere Hemmung habe, weiß ich auch nicht. Ich werde da nochmal in mich gehen…

    • Die Frage, wo und an welcher Stelle der Komfort aufhört und der Stress anfängt: Das ist wohl die entscheidende minimalistische Frage. Ich hätte einerseits keine Lust, mich durch Berge von Kleidung zu wühlen, andererseits: permanent die Waschmaschine anwerfen: Nein danke, maximal zuviel Arbeit. Die 20% klingen sinnvoll. Bei mir ist es so, dass es von der Menge her eigentlich ausreichen würde, wenn ich 1 Woche ohne Waschen klar komme, es reicht aber auch mal für 2 Wochen. Dann ist aber auch wirklich genug.

  7. O, da ging etwas schief mit dem Kommentar…

    Ich kann nicht mit, aber auch nicht ohne Perfektionismus. Mir hilft das Pareto-Prinzip ungemein. Und ich stelle fest: 80% genügen meist bereits! Manchmal sollen es natürlich trotzdem noch 100% sein, auch wenn ich die eh nicht erreiche.

    Einmal Wäsche waschen je Woche finde ich voll in Ordnung. Früher hatte ich mal mehr Kleidung und wenn ich mal eine Woche ausgesetzt habe, gab es plötzlich in der Folgewoche zwei Maschinen zu waschen.

    Lieber Gruß,
    Philipp

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