Achtsame Schritte aus der Erschöpfung

Es gibt sie Tage, wie diesen hier:

Die Müdigkeit in den Knochen, sie scheint einfach nicht verschwinden zu wollen. Gleichzeitig bin ich aufgedreht. Die Befindlichkeit gleicht einem heiß gelaufenen Motor. Innerlich rotiert es, Gedanken und Gefühle laufen auf Hochtouren, während ich erschöpft im Sessel sitze. Zum Schlafen zu wach und zu aufgedreht, zum Wachsein viel zu müde. Eindrücke, Erlebnisse kreisen ebenso in mir, wie irgendein Ärger oder die vielen Ideen, Projekte, Pläne, die mir noch im Kopf herum geistern. Gleichzeitig merke ich aber: Es ist genug. Es ist hier und jetzt genug.
Es ist wie bei einem Handyakku: Der leere Akku wird nicht automatisch durch meinen Wunsch, telefonieren zu wollen wieder voller. Ich muss das Gerät einfach mal aus der Hand legen und an die Steckdose hängen.

Und während ich erschöpft da sitze und noch keinerlei Ahnung davon habe, wie ich meinen inneren Akku je wieder aufladen kann, spüre ich irgendwo zwischen all meinem inneren Gedanken- und Gefühlszirkus, zwischen all der Müdigkeit und Erschöpfung, dass es ihn doch noch gibt: den Wunsch nach Ruhe, die Sehnsucht nach Unabgelenktheit – ganz unabhängig davon, was meine immer noch tobenden Gedanken und Empfindungen mir gerade sonst noch so erzählen wollen.

 

Achtsame Schritte für mehr Lebensenergie

Ich habe entdeckt, dass es im Wesentlichen die folgenden vier Bereiche sind, die mir helfen, aus einer solchen Erschöpfung wieder heraus zu finden – insbesondere dann, wenn es sich um eine Kombination aus Erschöpfung und starker innerer Anspannung handelt:

1. Zeit

Es gibt Situationen, da braucht es vor allem eins: Zeit.
Zeit zum „runter kommen“, Zeit zum Atem holen. Zeit zum Ausatmen, Zeit zum Aufatmen. Manchmal geht es nicht anders, als sich diese Zeit  zu nehmen, Termine zu streichen, ein Wochenende einfach mal zu vergammeln und sich ggf. freie Zeiten im Terminkalender gezielt einzuplanen. 

 

2. Gehen – Gehmeditation

Sich Zeit nehmen ist mitunter aber nicht so einfach und zur Ruhe kommen auch nicht. Gerade dann, wenn selbst eine Sitzmeditation zu mühsam und unerträglich erscheint, hilft dann besonders die Gehmeditation. Gehen löst Spannungen. Ideal ist es, wenn man ganz ziellos auf- und abgehen kann und nicht von A nach B kommen muss.

Ich habe beispielsweise diese wunderbar gerade Strecke, die ich in meiner Wohnung vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und wieder zurück laufen kann – immer wieder. Zum Glück steht dort kein Mobiliar im Weg. Und so kann ich einfach gehen, immer auf und ab, auf und ab. Ich spüre das Abrollen meiner Füße, die unterschiedlichen Lichtverhältnisse, entdecke die leichten Unebenheiten des Bodens, registriere die Wendung am Ende, nehme das Zurücklaufen, die erneute Wendung wahr. Die Gedanken wandern immer noch, aber ich kann sie jetzt immer wieder freundlich zurückleiten: Zum Spüren der Fußbewegungen, zum Einatmen, zum Ausatmen, zum Wahrnehmen des Raums um mich herum. Ich muss nirgendwo hin, ich muss nirgendwo ankommen – außer bei mir selbst. Und so kann ich gehen, gehen, gehen, auf und ab, ab und auf. Irgendwann, nach und nach, spüre ich dann tatsächlich, wie die „innere Betriebstemperatur“ wieder in normalere Temperaturbereiche kommt. 

Manchmal hilft auch eine längere Wanderung – aber ohne Musik auf den Ohren, ohne Kilometer runter zu rasseln oder Rekorde aufzustellen. Hilfreich ist es, wenn die Wegstrecke bekannt ist und Wanderkarte oder Navigationsgerät in der Tasche bleiben kann. Einfach gehen, auch mal längere Zeiten schweigend gehen, Schritt für Schritt und immer wieder versuchen, sich selbst und die Natur um sich herum mit allen Sinnen wahrzunehmen. 

Foto eines Waldweges. Rechts und links Bäume

3. Zeit des vermeintlichen Nichts-Tuns

Solche Gehmeditations-Zeiten sind wertvoll. Zeiten, in denen scheinbar nichts passiert. Zeiten, in denen ich nicht dies, das oder jenes tue. Zeiten, in denen ich versuche, all die Wichtigkeiten, Ablenkungsmöglichkeiten und muskulären Spannungen einfach mal loszulassen und diese mit jedem Schritt an den Boden abzugeben.

 

4. „Nichts-Zeiten“ – „Being, not doing“

Hilfreich ist es auch, sich wirklich bewusst „Nichts-Zeiten“ zu gönnen – keine Termine, keine Ziele. Einfach da sein, nichts tun – „Being, not doing“. Gehmeditation ist eine wunderbare Möglichkeit, allmählich wieder einen Zugang zu solchen Nichts-Zeiten zu finden.

Bei mir ist es so, dass dann, wenn ich mich wieder besser fühle, zu einer solchen „Nichts-Zeit“ auch gehört, dass ich bei einer morgendlichen Tasse Kaffee, das Aufgehen der Sonne betrachte. Manchmal sitze ich einfach da und beobachte das Ein- und Ausströmen meines Atem oder lausche den Vögeln bei ihrem Gesang.  Gelegentlich schaue ich mich einfach um. Dann entdecke ich sie wieder, diese freie Flächen in meiner Wohnung, die ich dank eines minimalistischen Lebensstils sehr genieße. Genau in solchen Situationen erhole mich in meiner wunderbaren Nichts-Zeit. Denn dieses Nichts ist in Wirklichkeit kein Nichts, sondern eine große Fülle an Ruhe, Klarheit und Erholung.

 

Wirklicher Luxus

Solche beschriebenen Zeiten sind für mich ein besonderer Luxus – gerade auch in unserer oft so hektischen und schnelllebigen Welt. Diese Form des Luxus kann ich aber nicht machen, schon gar nicht kaufen oder erzwingen. Es geht darum, diese Nichts-Zeit nach und nach zuzulassen und akzeptieren zu können. Je nach persönlicher eigener Verfassung kann dies mitunter dauern, manchmal sehr lange. Aber es lohnt sich.

 

Link-Tipp: Anleitungen zu Gehmeditation:

Gehmeditation – Text, PDF von Gabi Raeggel, Achtsame Lebenskunst
Gehmeditation – Text, PDF von Dt. Fachzentrum für Stressbewältigung, Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung
Gehmeditation im Alltag – eine Anleitung  von ich-will-meditieren.de 

 

Weitere Links hier: Achtsamkeitsübungen

 

 

7 Kommentare

  1. Gerade jetzt im Frühling, den Vögeln zu lauschen und den Wolken beim vorbei ziehen zu zu schauen. Zu bemerken das die ersten Blättchen an den Bäumen wachsen und die ersten Blüten ihre Pracht zeigen… dann sitze ich mit einer schönen Tasse Kaffee im Schauckelstuhl und versuche meine rasenden Gedanken zur Ruhe zu bringen. Die Konzentration auf alle Sinne hillft mir am Besten, die Wärme der Tasse, der Duft des Kaffees, der Geschmack und die Farben der Natur … und eben tief durch atmen…

  2. Liebe Gabi,
    ja wenn das Akku leer ist.

    Komme gerade von einem kleinen Spaziergang aus dem Wald zurück.
    Die Nadelbäume haben schöne hellgrüne neue Triebe. Die Luft ist frisch und sauerstoffreich. Ich gehe so meines Weges da treffe ich auf eine Schnecke mit Ihrem Häuschen, durch die Erschütterung des Bodens zieht sie sich ein wenig zurück ,ich habe mich niedergekniet und abgewartet ,sie kam recht schnell wieder heraus und ging Ihres Weges…..
    Herzliche Grüße
    Hope

  3. Liebe Gabi! Danke für den schönen Text, werde ihn später nochmal in angemessener Ruhe lesen (die Männer im Haushalt spielen hier gerade mit dem Ball im Wohnzimmer).
    LG Nanne

  4. Hallo Gabi!

    Diesen Zustand kenne ich auch. Wenn ich innerlich so angespannt bin, dass ich trotz Müdigkeit nicht zur Ruhe komme hilft bei mir nur Bewegung. Egal was, Hauptsache weg von allen Anforderungen und Adrenalin durch Bewegung abbauen.

    Danke für Deinen ganz tollen und hilfreichen Beitrag, ich habe ihn auch gleich zu meinem Achtsamkeitsprojekt dazu verlinkt, weil er mir so gut gefällt.

    lg
    Maria

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