Ist Minimalismus Unsinn?

Nah dran am Leben

Es war kürzlich bei einem MBSR Übungsabend und einem längeren Bodyscan, als sehr hartnäckig innere Bilder vor meinem Auge vorbei zogen, die zunächst mal nichts mit Minimalismus zu tun hatten. Während ich beim Bodyscan versuchte, immer wieder zur Wahrnehmung meines Körpers zurück zu kehren, tauchten dann doch immer wieder die Erinnerungsbilder an die viele Menschen auf, die ich im Laufe der Jahre beruflich begleitet habe.

Als Sozialpädagogin bin ich in der Regel nah dran am Leben. Immer geht es darum, Lösungen und Lebensqualität zu finden. Vielfältigste Themen und Probleme gab und gibt es immer. In den zurückliegenden Jahren habe ich mitbekommen, wie in etlichen Berufen, die immer niedriger werdenden Löhne, zu immer mehr sog. Hartz IV-Aufstockern führten. Ich erlebte die qualitativen Unterschiede zwischen der früheren Sozialhilfe und dem späteren Antragsdschungel von Hartz IV, bekam die schleichende personelle Verschlechterung in der sozialen Arbeit mit. Hautnah erlebte ich aber auch, dass eine gute finanzielle Ausstattung nicht zwangsläufig zu einem entspannten Lebensalltag, schon gar nicht zu persönlicher Zufriedenheit führt. Ich sah, wie sich die Krankheiten von Menschen auf deren Alltag auswirkten. Ich musste einen Umgang damit finden, wenn deutlich wurde, dass ein Kind eine schwerwiegende Behinderung hat oder es sogar zu Todesfällen in Familien kam. Ich habe auf vielen Sofas gesessen, überfüllte und kärglich ausgestattete Wohnungen kennengelernt.

 

Minimalismus – nur oberflächlicher Unsinn?

Eigentlich befand ich mich aber immer noch beim Bodyscan in der MBSR-Übungsgruppe, als all diese zuvor beschriebenen Erinnerungen an meinem inneren Auge vorbei zogen. Und während ich diese auftauchenden Bilder auch immer wieder loslassen konnte, wurde eine Frage immer drängender für mich: Angesichts dieser vielen existentiellen und z.T. sehr dramatischen Lebenssituationen: Wie unwichtig ist da so etwas wie Minimalismus als Lebensstil? Ist das nicht völliger Unsinn? Letztlich nur oberflächliches Zeugs angesichts der menschlichen Dramen, die ich so oft erlebt habe? Warum befasse ich mich überhaupt damit? Achtsamkeit mag da ja noch sinnvoll erscheinen, aber Minimalismus? Ist das vielleicht nur ein nettes Hobby? Ein Ablenkungsmanöver vom wirklich Wichtigen? Eine schräge Zeiterscheinung einer materiell übersättigten Gesellschaft?

 

Minimalismus – es geht letztlich nicht um Dinge

Ganz klar und schnell fand ich die Antwort: Minimalismus macht Sinn, es geht auch nicht um die Anzahl von Dingen. Wer kennt das nicht: Nach all der Anstrengung sich endlich etwas gönnen. All die vermeintlich schönen Dinge, weil der Arbeitstag vielleicht stressig war, weil man sich belohnen will oder irgendwie unzufrieden ist, also all die kleinen und großen Frust- und Belohnungskäufe. Diese führen aber nur kurzfristig zu Ablenkung, nicht zu wirklicher Verbesserung. Eine volle Wohnung sollte nicht mit einem erfüllten Leben verwechselt werden.  
Minimalismus ist eine Möglichkeit, sich auf den Weg zu machen, die eigenen materiellen Besitztümer auf Sinn und Unsinn zu durchforsten, Überflüssiges loszulassen und sich der entscheidenden Frage zuzuwenden:

 

Was will und brauche ich wirklich?

Diese Frage bezieht sich auf Dinge, aber auch darüber hinaus: Von was lenke ich mich durch diesen ganzen Über-Konsum eigentlich ab? Von Ärger? Stress? Existenzängsten? Will ich „nur“ dazugehören, mithalten? Mit wem? Mit was? Was brauche ich denn darüber hinaus?

Auch mir geht es nicht um viel oder wenig Dinge. Eher ist es so, dass ich nach all den vielen täglichen Eindrücken ein eher ruhiges und anregungsarmes Umfeld brauche. Die genaue Anzahl von Dingen ist mir völlig egal. Aber freie Flächen empfinde ich als wohltuend. Die Kombination von weiß und warmen Holztönen entspannt mich. Es gelingt mir dann sehr viel besser, wieder „runter zu kommen.“  In einem einfachen, minimalistischen Umfeld bin ich direkter mit mir und weniger mit der Ablenkbarkeit der Dinge um mich herum beschäftigt. Das ist natürlich mitunter nicht einfach. Aber ich erinnere mich dann u.a. sehr viel schneller, dass ich – zum Glück – nicht der Mittelpunkt der Welt bin, das Wohlergehen der vielen Menschen und ihrer Schicksale, nicht allein von meinem Tun abhängen. Zu meinen, „ohne mich geht nix“, ist anmaßend, überheblich und auch eine Form der Selbstbeweihräucherung, vielleicht auch so etwas wie ein „sozialer Höhenkoller“. Genau deshalb liebe ich mein Bild mit den Gräsern so. Es erdet mich und erinnert mich daran, dass wir Menschen letzlich nur ein Stück Natur sind, genauso wichtig und unwichtig wie diese Gräser.  Diese Erkenntnis entlastet und befreit mich.

Foto von Nordsee-Gräsern

Achtsamer mit Menschen und Dingen umgehen

Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als meine praktische Konsequenz der formalen Achtsamkeitspraxis. Achtsamer werden mit mir selbst, mit den mit den mich umgebenden Menschen, mit unserer Lebenswelt – aber eben auch ganz konkret mit den Dingen, mit denen ich mich umgebe. Indem ich mich immer wieder innerlich und äußerlich auf das Wesentliche konzentriere, bin ich ich ruhiger, entspannter, aber auch sehr viel aufmerksamer und präsenter in meiner beruflichen Arbeit geworden. In einer Überfülle an angesammelten Dingen würde mir dies sehr viel schwerer fallen.

 

Minimalismus und der Austausch über Generationsgrenzen

Noch ein Aspekt fasziniert mich am Minimalismus: Der Austausch über diese Lebensweise überspringt die Generationsgrenzen. So unterschiedlich wie Lebenserfahrungen, Lebensläufe, Entwicklungen sind, erlebe ich es als nahezu komplett unwichtig, ob ich mich mit mit einem jungen Erwachsenen Anfang 20 austausche oder einem Menschen, der noch deutlich älter ist als ich. Die Vielfalt der persönlichen Ausformungen minimalistischer Lebensweisen und Prozesse ist immer wieder interessant, anregend und inspirierend. Daher: Herzlichen Dank, liebe Mit-Minimalisten!

 

 


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6 Kommentare

  1. Liebe Gabi was für ein schöner Beitrag, mir geht es ähnlich in meiner Arbeit in der Psychiatrie. Die Armut vergrößert sich und auch wenn wir im Team denken, das wäre ganz wichtig oder notwendig für den Patienten, dann erinnern wir uns daran: Oh ja die Krankenversicherung wird da wahrscheinlich wieder nicht zustimmen. Das ist oftmals erschütternd, aber wir können es nicht ändern. Im der Behandlung sehe ich es als essentiell an zu merken, das ich zB nichts ändern kann solange der Patient sich weigert mit zu arbeiten und wenn sich die KK quer stellt, ich muss das akzeptieren. Dann heisst es loslassen und durch atmen. Minimalistisch zu leben bedeutet für mich mehr Ruhe und Raum im Kopf. Ich bin total glücklich wie viel oder wie wenig wir haben. Es ist gut so und ganz selbstverständlich geht einfach öfters Mal was weg. Wie viel Stück wir haben, ich habe keine Ahnung und habe auch Null Bock, irgendwann meine Energie daran zu verschwenden zu zählen!!! Viele liebe Grüße, Maren

  2. Hallo, Gabi,
    provokante Frage. „ Immer ging und geht es darum, […] Lebensqualität zu finden.“ Genau darum geht es meiner Meinung nach beim Minimalismus. Was muss ich reduzieren, um für mich Lebensqualität zu finden?
    Ich denke, nicht nur beruflich überforderte Menschen „gönnen sich etwas, um sich zu belohnen“, sondern auch frustrierte Beschäftigte z. B. in prekären Arbeitsverhältnissen oder auch Hartz IV-ler*innen. Nur vielleicht andere Dinge oder in einer anderen Menge. Trotzdem füllen sie ihr Leben mit etwas, das sie nicht glücklich macht. Daher ist Minimalismus als Suche nach dem, was einen glücklich macht. sicher ein guter Weg.
    Gleich am Anfang der Entrümpel- und Einfacher-leben-„Bewegung“ kam es einem schon so vor, als handele es sich um „[e]ine […] Zeiterscheinung einer materiell übersättigten Gesellschaft“ (und das sind wir doch!…) und Minimalismus ist es teilweise heute noch. Aber es geht halt um mehr.
    Für mich persönlich geht es auch zu einem sehr großen Teil darum, zu schauen, welche Aktivitäten oder Aufgaben mir zu viel sind oder nicht gut tun. Was kann ich da wegkürzen?

  3. Liebe Gabi,
    ein sehr guter Text 🙂
    Ich weiß was es bedeutet von Hartz4 oder sehr wenig Einkommen zu leben, wir hatten solche Zeiten auch immer mal wieder. Ich empfinde es rückblickend gesehen als sehr hilfreich schon immer minimalistisch eingestellt gewesen zu sein. Denn die minimalistische Lebenseinstellung veringert die Fallhöhe enorm. Sicher ist es kacke, wenn man die Pfennige dreimal umdrehen muss nur um das nötigste zum Leben zu haben. Aber man kommt nicht so gravierend in dieses Existensbedrohende Gefühl, denn man weiß, dass man mit sehr wenig auch klar kommt.

    Lg Aurelia

  4. hallo gabi,

    das badputzen und das badputzenaufschieben besonders wurde mir in letzter zeit zu viel. ich hab eine ablage reduziert. meine sachen passen wieder in ein kästchen wie als studentin. putze das bad jetzt alle 2 wochen ohne aufschub für 30 minuten. gerade passiert. so ist der lebensbereich wieder strukturiert. ohne das regal wirkt das bad grösser. 3 haken hab ich neu angebracht. ich kaufe seit 2 jahren nur noch, was ich direkt wieder brauche wenn es leer ist. das spart viel geld im bad. wo ist jetzt der unsinn? übersichtlich. das wort gefällt mir. darum geht es mir. zu ändern, was mich nervt und mir das leben vereinfachen. eine struktur für mich zu finden.

    lg tanja

  5. Minimalismus ist ein sehr wichtiges Thema. Ich glaube alledings, dass auch „Fülle“ ein wichtiges Thema ist. Vielleicht erfahren wir ja erst durch Minimalismus, was „Fülle“ eigentlich wirklich ist und dass „Fülle“ nicht bedeutet, „Zeug zu haben“.

    LG Julia

  6. Hallo Gabi!

    Dein Satz „Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als eine praktische Ausformung und Variante meiner formalen Achtsamkeitspraxis. “ gefällt mir ausgesprochen gut, ich denke das bringt es gut auf den Punkt.

    Ich hatte letzten Herbst bis Mitte Frühjahr eine sehr schwierige Zeit und habe gemerkt, dass ich mich selbst und meine Bedürfnisse oft nicht mehr so gut spüren konnte. Trotz Meditation und Achtsamkeitspraxis. Es war da einfach die psychische Belastung zu stark.

    Jetzt ist das vorüber und ich merke, wie alles wieder zu fließen beginnt und ich los lasse. Und so lasse ich auch wieder ein Teil der Dinge los, die ich davor als Halt benötigt habe.

    Ein Weg zu mir selbst zurück. Zu schauen, was brauche ich gerade.

    Danke für Deine immer wieder sehr anregenden Beiträge!

    lg
    Maria

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