Minimalismus – Reichtum – Armut

Sieben 10-Euro-Scheine auf einem HolztischMinimalismus wird gelegentlich als ein Ausdruck einer übersättigten Gesellschaft beschrieben, aber auch, dass finanziell und beruflich unsichere Lebensbedingungen dabei eine Rolle spielen.

 

Aber was ist Minimalismus denn jetzt: Armut? Reichtum? Luxus?

 

Minimalismus und Freiwilligkeit

Ich möchte mich jetzt nicht mit Definitionen, Durchschnittseinkommen, Armutsgrenze etc. beschäftigen. Dies würde an dieser Stelle zu weit führen. Aber ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Minimalismus und Armut sehe ich in der Freiwilligkeit.

Dazu ein Beispiel: Als ich Mitte der 90er-Jahre nach rd. 12 Jahren Vollzeittätigkeit nochmal studiert und von Bafög gelebt habe, hatte ich wenig Geld, aber Armut war dies für mich nicht. Es war ein freiwilliger und zeitlich befristeter Zeitraum, in dem ich mich neu beruflich orientiert habe. Das war mitunter schwierig, aber ich hatte keinen Zwang, ich befand mich auch nicht in einer ausweglosen Situation.

 

Finanzielle Armut als ein absolutes und relatives Erlebnis

Erlebe ich Kinder, die in finanzieller Armut aufwachsen, dann wird deutlich, dass diese nicht das Bewusstsein für einen vorübergehenden Zeitrahmen haben können. Sie wachsen damit auf, dass es immer an allen Ecken fehlt, sie immer wieder auf alles Mögliche verzichten müssen. Armut kann dann zu einem existenziellen, absoluten und bedrückendem Erlebnis werden. Aber auch solche Armut ist gelegentlich relativ. Denn bereits in den 80er-Jahren erlebte ich Fälle, wo Kinder 2 Wochen immer die gleiche kaputte und ungewaschene Kleidung trugen, weil uns die Eltern sagten, es sei kein Geld dafür da. Als wir dann die Familie einmal Zuhause besuchten, war klar WARUM kein Geld da war. Denn direkt beim Betreten der Wohnung fiel der erste Blick u.a. auf den zentral positionierten und damals noch sündhaft teuren VHS-Videorekorder von über 2000 DM. Umgekehrt kenne ich aber auch sehr viele Eltern und Großeltern, die für ihre Kinder bzw. Enkel auf viele finanzielle Annehmlichkeiten und eigenem Komfort verzichten, so dass ich diese durchaus schonmal daran erinnert habe, sich doch auch ab und an selbst mal etwas zu gönnen.

 

Finanzieller Reichtum – und trotzdem arm

Armut erlebte ich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aber auch in den sogenannten gut ausgestatteten Verhältnissen – nur es war dann eine ganz andere Armut: Finanziell war alles da und der vorhandene Luxus durchaus manchmal beeindruckend. Die Kinder hatten alle erdenkliche Ausstattung, aber eins fehlte ihnen: die Zeit der Eltern, die für diese finanzielle Ausstattung oft sehr viel arbeiteten. Oder den Kindern fehlte die freie Zeit für sich, weil sie gut gefördert, aber z.T. auch unter erheblichem Leistungsdruck stehend, täglich von einem Kurs zum nächsten gefahren wurden. Diese Kinder waren arm an Gelegenheiten für freies Spielen, arm an ungezwungenen Treffen mit Freunden, arm daran, dem Alter entsprechend, auch mal ohne Aufsicht von irgendeinem Erwachsenen zu sein.

 

Der wirkliche Reichtum des Minimalismus

Wieviele finanzielle Möglichkeiten und Reserven bei minimalistisch lebenden Menschen da sind, ist sehr unterschiedlich. So lange diese Menschen sich nicht in einer ausweglosen Situation befinden und nicht zu einem minimalistischen Lebensstil gezwungen sind, scheint dies nach meinen bisherigem Eindruck nicht wirklich relevant und vorrangig zu sein. Minimalismus ist eher durch die damit verbundene Freiheit der Entscheidung gekennzeichnet. Die freiwillige Entscheidung dazu, dem Druck des Konsumierens nicht mehr unreflektiert nachgeben zu wollen und die Erkenntnis, dass es  noch sehr viel mehr gibt, als der endlosen Konsumspirale hinterher zu hecheln.

Der Reichtum des Minimalismus ist ein anderer. Zeit ist der neue Luxus. Zeit für zwischenmenschliche Begegnungen und Austausch, Zeit und Raum für Kreativität, Phantasie. Zeit für Lebensentwürfe und Zeit dafür, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Gesellschaft aussehen kann, die mit ihrem „schneller-weiter-höher“ an Grenzen gekommen ist und lebenswerte Alternativen benötigt.

 

 

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3 Kommentare

  1. Hallo Gabi!

    Dein Prüfsystem nervt. Schon wieder ist mein Text weg, weil ich zu lange gebraucht habe für mein Kommentar.

    Jedenfalls was ich sagen wollte – Dein letzter Absatz trifft es ganz genau auf den Punkt. Unterschreibe ich! Genau so ist es.

    Gestern viele Gespräche geführt. Alle haben mich groß angesehen, weil ich meine Arbeitszeit reduziert habe. Wie geht sich das aus? Jetzt wissen alle, warum ich so entspannt aussehe 😉

    lg
    Maria

    • Hallo Maria, ich habe das Captcha jetzt mal heraus genommen, da ich vermute, dass dies der Grund für die „Rumzickerei“ bei der Kommentarfunktion ist. Die einzelnen Kommentare muss ich dann jetzt aber jeweils erst freischalten. Ist kein großer Aufwand, dauert dann nur ein wenig.

    • Hallo, Maria,
      ich habe es mir angewöhnt, gerade bei längeren Kommentaren meinen Text erst in ein z. B. Textdokument zu schreiben, ggf. zwischenzuspeichern und später erst in das Kommentarfeld zu kopieren. Dann kann, egal warum, nichts verlorengehen.

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