Telefonieren mit Schwerhörigkeit

Wie hören Schwerhörige?

Leider ist es in den seltensten Fällen so, dass man beispielsweise so hört, wie bei einem leise gedrehten Radio. Dort sind alle Töne gleichmäßig leiser. Schwerhörige haben in der Regel ganz unterschiedliche Probleme. Mal fehlen die hohen, mal die mittleren, mal die hohen Töne. Stellen Sie mal an der Stereoanlage den Equalizer anders ein und nehmen Sie mal z.B. die hohen Töne heraus. Dann wird ein wenig eher deutlich, wie Schwerhörige hören:

Hörbeispiele:

„Du nuschelst so…“ Der schleichende Prozess der Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit ist ein oft schleichender Prozess. Typisch für sog. Innenohrschwerhörigkeit ist, dass man das schlechter werdende Gehör kaum bemerkt, aber irgendwann das Gefühl hat, dass viele Leute nuscheln. Mir fiel es auf, dass das Hören auf einem schnurloses Festnetztelefon für meine Kollegin völlig problemlos war, für mich aber das komplette Desaster. Ich habe es mir dann erstmal so erklärt, dass dieses Telefon meiner Kollegin nichts taugt… Typisch ist auch, dass das Hören in einer geräuschvollen Umgebung, wie z.B. einem Restaurant, deutlich schwieriger und insbesondere auch anstrengender wird.

Telefonieren – mein persönliches Desaster

Telefonieren gehört für mich zu dem Bereich, der wirklich schwierig für mich ist. Ein Drama in nicht enden wollenden Akten. Handys bzw. Smartphones habe ich in den letzten Jahren in allen mögliche Varianten probiert. Und: je lauter desto besser – nein, funktioniert nicht. Dienstlich hatte ich mal ein altes Nokia-Handy: sehr laut, verstanden habe ich trotzdem nichts.

Meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Handys bzw. Smartphones

  • Samsung-Handys: Ich habe früher nahezu nichts verstanden. Bei den neueren Geräten scheint es nun besser zu sein.
  • Windowsphones: Telefonieren ging deutlich besser, aber die Akkus waren eine Katastrophe.
  • iPhones (der älteren Generation): Die Sprache war verständlicher, als bei vielen anderen Handys, aber für mich doch insgesamt noch zu leise.
  • Senioren- bzw. Schwerhörigenhandys: Manche waren einfach nur laut, manche rauschten fürchterlich. Die Klangqualität der Handys und Smartphones der Firma Doro waren deutlich besser. Meine anfängliche Begeisterung legte sich aber irgendwann wieder. Denn bei Hintergrundgeräuschen telefonieren (z.B. unterwegs), konnte ich damit auch nicht. Außerdem hatte ich gleich bei 2 Geräten nach einigen Monaten Probleme mit Lautsprecher und Mikrofon – das mag Zufall sein, störte mich aber natürlich trotzdem.

Lösungswege:

Testen, ausprobieren: Es ist sinnvoll, einfach mal andere Handybesitzer zu fragen, ob man einmal testweise mit dem Gerät telefonieren kann, um sich einen ersten Höreindruck zu verschaffen. Die gröbsten Hörkatastrophen und Fehlkäufe kann man so gut ausschließen.

Hörgerätekompatibel? Nicht jedes Handy funktioniert mit jedem Hörgerät. Hier hilft nur ausprobieren. Manche Handys haben einen Hinweis, dass sie hörgerätekompatibel sind. Dies ist aber keine Garantie, dass es wirklich mit jedem Hörgerät funktioniert. Es gibt für hörgerätekompatibles Telefonieren die sog. M- und T-Standards. M3 bzw. M4 bedeutet beispielsweise hörgerätekompatibles Telefonieren mit Hörgeräten ohne T-Spule. T3 bzw. T4 bedeutet, dass das Hörgerät mit der T-Spule kompatibel ist.

Qualitätsunterschiede bei unterschiedlichen Netzen:  Meine Erfahrung zeigt, dass es Qualitätsunterschiede durch unterschiedliche Netze und Anbieter gibt. Bei einem Einsteigersmartphone mit Dual-Sim, verstehe ich über die Prepaidkarte von Alditalk (E-Plus/O2) nur sehr schlecht und undeutlich, über die Prepaidkarte von Vodafone dagegen recht gut. Es ist also auch hier immer eine Sache des Ausprobierens.

Headsets für Hörgeräteträger
Es gibt inzwischen diverse Headsets für Hörgeräteträger. In der Regel sind diese für Hörgeräteträger interessant, die ein Hörgerät mit sog. T-Spule haben.

Kleiner Tipp für Hörgeräte-Neulinge: Ich empfehle, unbedingt ein Hörgerät mit T-Spule zu verwenden und dann darauf zu achten, dass diese dann vom Akustiker auch aktiviert wird. Anschließend ggf. so lange vom Akustiker neu einstellen lassen, bis es am besten passt.
Vorteil: Mit einem induktiven Headset und der T-Spule des Hörgerätes wird der Ton direkt und deutlich klarer auf die Hörgeräte übertragen.

Headsets: Sog. induktive Headsets gibt es mit Bluetooth-Übertragung vom Handy auf das Headset und vom Headset zum Hörgerät. Oder aber ein kabelgebundenes Headset, welches in den Kopfhöreranschluss des Handys gesteckt wird.

Ich persönlich komme mit dem kabelgebundenen Headset deutlich besser klar. Der Ton ist deutlicher. Außerdem leert sich der Handyakku im Bluetooth-Modus deutlich schneller, auch hat Bluetooth immer eine gewisse Zeitverzögerung, die mich gestört hat.
Mein Headset sieht eigentlich fast genauso aus, wie ein „normales“ Headset, nur statt Kopfhörer habe ich 2 sog. Induktionsbügel. Diese übertragen den Ton an meine Hörgeräte. Damit habe ich mit einem alten iPhone 3GS (normalerweise ist mir das viel zu leise), sogar problemlos im Restaurant und am Hauptbahnhof in Dortmund telefonieren können – das geht normalerweise überhaupt nicht.

Neue technische Standards – Handys/Smartphones mit besserer Tonqualität

Entscheidender, als der Hinweis „Schwerhörigentelefon“ scheint mir die Tonqualität des Handys bzw. Smartphones als solches zu sein. Hier gibt es inzwischen interessante Entwicklungen. Da ich nicht unbedingt so den Hardcore-Technikfreak bin, ist mir dies erst vor einigen Tagen aufgefallen:

Unter den Begriffen: HD-Voice, HD-Voice plus, Crystal Clear und EVS-Codec gibt es inzwischen Handys, die bei der Tonübertragung mehr Ton-Frequenzen nutzen, so dass die Sprache verständlicher wird:

Das „normale“ Telefon nutzt Frequenzen zw. 0,5 und 3,4 kHz.
HD-Voice nutzt bereits die Frequenzen zwischen 0,05 – 7 kHz.
Der sog. EVS-Codec verwendet den gesamten Tonumfang der menschlichen Stimme: 0,02 – 20 KHZ.

Diese Technik scheint derzeit z.T. noch in der Entwicklung bzw. im Aufbau zu sein, so dass ich an dieser Stelle nur ansatzweise etwas sagen, wo was im Einzelfall wirklich funktioniert. Mit neueren Smartphones scheint das Telefonieren wirklich angenehmer zu sein. Ich vermute, dass dies tatsächlich an HD-Voice liegt. Wie weiter oben beschrieben, scheint aber auch das Handynetz eine gewisse Rolle zu spielen. Erfahrungen mit HD Voice plus bzw. Crystal Clear habe ich noch gar nicht. Da gibt es erst wenige kompatible Smartphones (teuer) und meistens auch teurere Tarife. Da ich höhere Töne über 7 Ghz  kaum oder gar nicht höre, der Preis noch recht hoch ist, ist fraglich, welchen Vorteil ich davon hätte.

Kleiner Hinweis für schlecht hörende Menschen ohne Hörgerät:

Die Technik der heutigen digitalen Hörgerät ist deutlich besser geworden. Hörgeräte sind nicht einfach nur eine Verstärkung der Lautstärke, sondern können individuell an die eigene Hörschädigung angepasst werden. Auch die sog. HdO (Hinter dem Ohr) – Hörgeräte sind recht klein und fallen optisch kaum auf.

Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, sich an die Hörgeräte zu gewöhnen. Das Gehirn vergisst die nicht mehr gehörten Töne nach ca. 6 Jahren und es ist entsprechend aufwändig, dieses Hören wieder zu erlernen und sich an die Hörgerätetechnik zu gewöhnen.

 

Zum Weiterlesen: Informationen zu Schwerhörigkeit – Linktipp: 

Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?  https://rehagroenenbach.wordpress.com/schwerhorigkeit-verstehen/

Kommunikation mit Schwerhörigen:  https://rehagroenenbach.wordpress.com/kommsu/ 

Ein Gedanke zu „Telefonieren mit Schwerhörigkeit“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.