Telefonieren mit Schwerhörigkeit

Wie hören Schwerhörige?

Leider ist es in den seltensten Fällen so, dass man beispielsweise so hört, wie bei einem leise gedrehten Radio. Dort sind alle Töne gleichmäßig leiser. Schwerhörige haben in der Regel ganz unterschiedliche Probleme. Mal fehlen die hohen, mal die mittleren, mal die hohen Töne. Stellen Sie mal an der Stereoanlage den Equalizer anders ein und nehmen Sie mal z.B. die hohen Töne heraus. Dann wird ein wenig eher deutlich, wie Schwerhörige hören.

Hörbeispiele:

 

 

„Du nuschelst so…“ Der schleichende Prozess der Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit ist ein oft schleichender Prozess. Typisch für sog. Innenohrschwerhörigkeit ist, dass man das schlechter werdende Gehör kaum bemerkt, aber irgendwann das Gefühl hat, dass viele Leute nuscheln. Mir fiel es auf, dass das Hören auf einem schnurloses Festnetztelefon für meine Kollegin völlig problemlos war, für mich aber das komplette Desaster. Ich habe es mir dann erstmal so erklärt, dass dieses Telefon meiner Kollegin nichts taugt… Typisch ist auch, dass das Hören in einer geräuschvollen Umgebung, wie z.B. einem Restaurant, deutlich schwieriger und insbesondere auch anstrengender wird.

 

Hier ein Beispiel einer Hörkurve von mir, die zeigt, dass es bei mir insbesondere die hohen Töne sind, die ich nur noch schlecht höre. (ergänzend: die oberen Kreuze sind ist das sog. Knochenleitungshören, diese ist etwas besser, was gerade beim Telefonieren aber nicht viel nützt). Als „normales Hören“ gilt 0-20db, Hörgeräte finanziert die gesetzliche Krankenkasse, wenn in einem Hauptbereich (zwischen 0,5 und 3kHz) mindestens 30% Hörverlust besteht.

Beispiel einer Hörkurve bis 2 kHz ca. -30%, danach abfallend bis -80%

 

Telefonieren – mein persönliches Desaster

Telefonieren gehört für mich zu dem Bereich, der wirklich schwierig für mich ist. Ein Drama in nicht enden wollenden Akten. Handys bzw. Smartphones habe ich in den letzten Jahren in allen mögliche Varianten probiert. Und: je lauter desto besser – nein, funktioniert nicht. Dienstlich hatte ich mal ein altes Nokia-Handy: sehr laut, verstanden habe ich trotzdem nichts.

 

Meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Handys bzw. Smartphones

  • Samsung-Handys: Ich habe nahezu nichts verstanden
  • Windowsphones: Es ging es deutlich besser, aber die Akkus waren eine Katastrophe.
  • iPhones (der älteren Generation): Die Sprache war verständlicher, als bei vielen anderen Handys, aber für mich doch insgesamt noch zu leise.
  • Senioren- bzw. Schwerhörigenhandys: Manche waren einfach nur laut, manche rauschten fürchterlich. Die Klangqualität der Handys und Smartphones der Firma Doro waren deutlich besser. Meine anfängliche Begeisterung legte sich aber irgendwann wieder. Denn bei Hintergrundgeräuschen telefonieren (z.B. unterwegs), konnte ich damit auch nicht. Außerdem hatte ich gleich bei 2 Geräten nach einigen Monaten Probleme mit Lautsprecher und Mikrofon – das mag Zufall sein, störte mich aber natürlich trotzdem.

 

Lösungswege:

Testen, ausprobierenEs ist sinnvoll, einfach mal andere Handybesitzer zu fragen, ob man einmal testweise mit dem Gerät telefonieren kann, um sich einen ersten Höreindruck zu verschaffen. Die gröbsten Hörkatastrophen und Fehlkäufe kann man so gut ausschließen.

Hörgerätekompatibel? Nicht jedes Handy funktioniert mit jedem Hörgerät. Hier hilft nur ausprobieren. Manche Handys haben einen Hinweis, dass sie hörgerätekompatibel sind. Dies ist aber keine Garantie, dass es wirklich mit jedem Hörgerät funktioniert. Es gibt für hörgerätekompatibles Telefonieren die sog. M- und T-Standards. M3 bzw. M4 bedeutet beispielsweise hörgerätekompatibles Telefonieren mit Hörgeräten ohne T-Spule. T3 bzw. T4 bedeutet, dass das Hörgerät mit der T-Spule kompatibel ist. 

 

Headsets für Hörgeräteträger

Es gibt inzwischen diverse Headsets für Hörgeräteträger. In der Regel sind diese für Hörgeräteträger interessant, die ein Hörgerät mit sog. T-Spule haben.

Kleiner Tipp für Hörgeräte-Neulinge: Ich empfehle, unbedingt ein Hörgerät mit T-Spule zu verwenden und dann darauf zu achten, dass diese dann vom Akustiker auch aktiviert wird. Anschließend ggf. so lange vom Akustiker neu einstellen lassen, bis es am besten passt.
Vorteil: Mit einem induktiven Headset und der T-Spule des Hörgerätes wird der Ton direkt und deutlich klarer auf die Hörgeräte übertragen.

 

Sog. induktive Headsets gibt es mit Bluetooth-Übertragung vom Handy auf das Headset und vom Headset zum Hörgerät. Oder aber ein kabelgebundenes Headset, welches in den Kopfhöreranschluss des Handys gesteckt wird.

Ich persönlich komme mit dem kabelgebundenen Headset deutlich besser klar. Der Ton ist deutlicher. Außerdem leert sich der Handyakku im Bluetooth-Modus deutlich schneller, auch hat Bluetooth immer eine gewisse Zeitverzögerung, die mich gestört hat.
Mein Headset sieht eigentlich fast genauso aus, wie ein „normales“ Headset, nur statt Kopfhörer habe ich 2 sog. Induktionsbügel. Diese übertragen den Ton an meine Hörgeräte. Damit habe ich mit einem alten iPhone 3GS (normalerweise ist mir das viel zu leise), sogar problemlos im Restaurant und am Hauptbahnhof in Dortmund telefonieren können – das geht normalerweise überhaupt nicht.

 

Neue technische Standards –  Handys/Smartphones mit besserer Tonqualität

Entscheidender, als der Hinweis „Schwerhörigentelefon“ scheint mir die Tonqualität des Handys bzw. Smartphones als solches zu sein. Hier gibt es inzwischen interessante Entwicklungen. Da ich nicht unbedingt so den Hardcore-Technikfreak bin, ist mir dies erst vor einigen Tagen aufgefallen:

Unter den Begriffen: HD-Voice, HD-Voice plus, Crystal Clear und EVS-Codec gibt es inzwischen Handys, die bei der Tonübertragung mehr Ton-Frequenzen nutzen, so dass die Sprache verständlicher wird:

Das „normale“ Telefon nutzt Frequenzen zw. 0,5 und 3,4 kHz.
HD-Voice nutzt bereits die Frequenzen zwischen 0,05 – 7 kHz.
Der sog. EVS-Codec verwendet den gesamten Tonumfang der menschlichen Stimme: 0,02 – 20 KHZ.

Diese Technik scheint derzeit z.T. noch in der Entwicklung bzw. im Aufbau zu sein, so dass ich an dieser Stelle nicht genau sagen kann, wo was im Einzelfall wirklich funktioniert.

 

Meine persönliche Erfahrung und aktuelle Lösung:

Vor einigen Tagen gab mein Einfach-Schwerhörigenhandy den Geist auf. Irgendwas mit Mikrofon und Lautsprecher funktionierte nicht mehr.

Foto eines roten Einfachhandys

 

Ich habe entdeckt, dass iPhones der neueren Generation (ab dem iPhone 5 und aufwärts) ebf. eine bessere Ton-Frequenznutzung haben (bis 7 kHz) – somit einen Hörbereich abdecken, mit dem ich besondere Probleme habe (bei mir: ab 3 kHz aufwärts).

Ich habe mir nach langem Überlegen ein iPhone 5 (Gebrauchtgerät mit Garantie) gekauft. Zwar älter, aber dafür auch deutlich günstiger, als die neuen Geräte. Diese iPhones sind auch hörgerätekompatibel. Meine Erfahrungen mit älteren iPhones ist auch, dass sie einfach besser und länger halten. Das oben erwähnte iPhone 3GS ist von 2009, also 8 Jahre alt und läuft immer noch mit dem ersten Akku. Kein Lautsprecher, kein Mikro ist defekt.

In den ersten Alltagstests war das iPhone 5 tatsächlich deutlich besser, als alle Varianten, die ich in den letzten Jahren ausprobiert habe. Und – hinzugefügt – ich habe kein „Made for iPhone“- Hörgerät, sondern ein ganz „normales“ Hörgerät. Ich kann sogar weitestgehend ohne Headset telefonieren, was mich sehr überraschte. Mit Headset geht dies auch problemlos unterwegs.

 

Smartphone mit Headset für Schwerhörige

 

 

Kleiner Hinweis für schlecht hörende Menschen ohne Hörgerät:

Die Technik der heutigen digitalen Hörgerät ist deutlich besser geworden. Hörgeräte sind nicht einfach nur eine Verstärkung der Lautstärke, sondern können individuell an die eigene Hörschädigung angepasst werden.

Auch die sog. HdO (Hinter dem Ohr) – Hörgeräte sind recht klein und fallen optisch kaum auf. Ich musste bei meiner Kurzhaarfrisur schon eine Nahaufnahme machen und meine Haare etwas zurück kämmen, damit sie auf dem Foto überhaupt auffallen:

Foto - seitlich fotografierter Kopf mit Ohr und Hörgerät

Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, sich an die Hörgeräte zu gewöhnen. Das Gehirn vergisst die nicht mehr gehörten Töne nach ca. 6 Jahren und es ist entsprechend aufwändig, dieses Hören wieder zu erlernen und sich an die Hörgerätetechnik zu gewöhnen.

 

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