Minimalismus – zwischen Lifestyle, Gewöhnlichkeit und Luxus

Minimalismus als Lifestyle

Minimalismus als Lebensstil ist auch so etwas wie Lifestyle geworden. Inzwischen häufen sich zu diesem Thema Reportagen, Nachrichten, Meldungen, Youtube-Videos und vieles mehr. Neulich entdeckte ich, dass selbst eine gewöhnliche Bank damit Werbung machte, dass bei ihr alles einfach sei. So so…

Oft geht es in den diversen Meldungen um diesen erstaunlichen Wandel von viel zu wenig Krams und den Prozess des Minimalisierens. Früher nannte man sowas schlicht „ausmisten“. Was ist daran eigentlich so aufregend? Wie verrückt ist diese, unsere Konsumwelt eigentlich, dass es auffällt, wenn Menschen diesen Sammel- und Konsumwahn nicht mehr so mitmachen?

 

Minimalismus und Gewöhnlichkeit, Alltäglichkeit

In direktem Austausch, wie auf den Minimalismus-Stammtischen, ist das erwähnte Ausmisten vor allem auch eins: ein zwar befreiender, aber auch mitunter mühsamer Prozess und letztlich das, was es eben auch ist: alltäglich, gewöhnlich. Manche Menschen haben Partner, Familie, die sich so gar nicht für einen minimalistischen Lebensstil interessieren. Sie leben mit den Menschen, die sie lieben, aber auch zwischen jeder Menge Dinge und müssen vorrangig ihre eigenen Ansprüche an einen minimalistischen Lebensstil reduzieren, Kompromisse und Lösungen finden. Ich denke, das ist eine viel größere minimalistischere Herausforderung, als wenn ich alles für mich alleine entscheiden kann.

Egal, wie minimalistisch jemand lebt oder auch nicht, braucht es dann mitunter einfach gewöhnliche Dinge, wie Staubsauger oder zumindestens einen Besen oder Schrubber, samt dazu gehörigen Wischlappen. Die sind in den ominösen 100-Teile-Listen selten verzeichnet. Müssen solche Leute nie putzen? Und natürlich kann ich meine Kaffeetassen auf eine Tasse pro Mitglied im Haushalt beschränken, aber wie wenig gast- und umweltfreundlich ist das, wenn Besucher dann mit Pappbechern vorlieb nehmen müssen? Natürlich kann ich mir was ausleihen, aber sollte sich dies einseitig entwickeln  (die Anderen besitzen – ich leihe mir deren Besitz) fühlt es sich schräg für mich an.

 

Minimalismus und der digitale Besitz

Einige Dinge haben sich auch einfach nur verlagert, z.B. vom früheren Bücherregal auf den E-Book-Reader. Manchmal frage ich mich schon, wo da eigentlich der Unterschied ist, ob ich 100 Bücher im Regal oder auf dem E-Book-Reader habe? Statt den etlichen Metern Schallplatten und CD’s im Regal, ist die Musik auf dem Handy oder Laptop. Das ist äußerst bequem. E-Books zu lesen gefällt mir beispielsweise sehr. Dabei wäre es viel vernünftiger, die Bücher in der Bücherei auszuleihen. Mache ich aber nicht. Bei E-Books kann kann ich die Größe der Buchstaben anpassen, das Display ist beleuchtet. Das ist sehr komfortabel und ich mag es wirklich. Aber auch digitaler Besitz ist Besitz und letztlich Kram. Nur ist es halt digitaler Kram. Es lässt sich natürlich sehr viel leichter mit diesem digitalen Besitz umziehen und E-Books müssen nicht abgestaubt werden. Besitz ist es trotzdem und ich kann meine E-Books nicht einmal weiter verkaufen – im Gegensatz zu den früheren „normalen“ Büchern.

 

Ich habe keine aufregende Minimalismus-Geschichten

Dann gibts oft diese Aufsehen erregende Storys und Bilder von früheren riesigen Besitztümern. Da kann ich ja so überhaupt nicht mithalten. Soviel Kram hatte ich nie. Ich kann darüber keine aufregenden Geschichten erzählen. Ich hatte zwar mehr Dinge, wie die oben erwähnten Bücher und CD’s, die Küchenschubladen waren auch voller als heute, aber so richtig viel war das bei mir nie. Die meisten Dinge kamen und gingen. Volle Schuhregale kenne ich nur aus Erzählungen. Ich habe so schmale Füße, dass ich froh bin, wenn ich überhaupt mal passende Schuhe finde. Schuhe kaufen war immer schon ein Horror für mich, dem ich mich nicht freiwillig aussetze. Mein 50cm breiter Kleiderschrank sieht auch minimalistischer aus, als er ist. Ich habe z.B. derzeit 12 T-Shirts, kann also täglich ein anderes T-Shirt anziehen und trotzdem mehr als 1 1/2 Wochen mit dem Waschen warten. Soviel T-Shirts hatte ich früher definitiv nicht.

 

Die Freiheit, konsequenter leben zu können

Den Wunsch, nicht so viele Dinge um mich herum anzusammeln, hatte ich immer schon. Was sich geändert hat, ist die Konsequenz mit der ich jetzt so lebe, wie ich lebe. Meinen Wunsch nach weniger Dingen, erfülle ich mir jetzt konsequenter. Während ich früher dachte, doch irgendwie „unnormal“ zu sein und überlegte, dass ich mir doch mal dieses oder jenes Möbel- oder sonstiges Teil in die Wohnung zu stellen, ist mir dies jetzt völlig egal. Ich laufe auch nicht mehr verzweifelt durch die Geschäfte, um irgendein farblich passendes T-Shirt zu bekommen. Passende Teile kaufe ich gleich in größerer Menge von einem Hersteller, der in Deutschland zu fairen Preisen und Bedingungen produziert – dann habe ich halt mehrfach das gleiche T-Shirt, was soll’s. Da ich noch nie zu den begeisterten Hobby-Köchinnen gehört habe, gönne ich mir, dass in der Küche auch nicht so viel rumstehen muss.

 

Minimalismus ist Freiheit und Luxus

Was sich verändert hat, ist das Gefühl der inneren Freiheit, die ich durch meinen minimalistisch orientierten Lebensstil jetzt habe. Ich genieße den Luxus, mich wirklich nur an meinen tatsächlichen Bedürfnissen orientieren zu können. Wer kann das schon? Dazu muss ich ja erstmal erspüren können, was mein Bedürfnis überhaupt ist oder wo mir nur etwas einsuggeriert wurde. Ohne meine regelmäßige Achtsamkeitspraxis stände ich definitiv heute noch wo ganz anders und würde meine wirklichen Bedürfnisse sehr viel unklarer wahrnehmen.

Ich habe festgestellt, dass ich beispielsweise freie Flächen liebe. Sie sind einfach schön. Ich genieße es auch sehr, wenn ich mit der Putzerei schnell fertig bin. Ein Futon statt Bett zu nutzen, war die beste Entscheidung meines Lebens. Das ist nicht für jede/n etwas, aber ich fühle mich damit einfach wohler. Ich gönne es mir, dass ich immer noch kein Sofa habe. Wer lebt schon ohne Sofa? Na beispielsweise ich. Das hat nicht mal einen besonderen Grund. Ich konnte mich einfach noch nicht dazu entschließen. Mir war einfach nicht danach. Vielleicht kommt dieser Entschluss ja noch, wer weiß. Bislang fehlt mir das Sofa auch nicht. Ich nutze meine Stühle oder mein Futon und es ist mir so herrlich egal, dass manches halt bei mir ein wenig anders ist.

Weißes Futon, als Sofa zusammengeklappt

 

Bewusster Konsumieren können

Statt vieler Dinge, wähle ich lieber gezielt aus. Es macht mir Spaß, mich für langlebigere und nachhaltigere Produkte zu entscheiden. Es fühlt sich gut an, wenn die NäherInnen meiner Kleidung angemessen bezahlt worden sind. Auch ist es für mich ein Zuwachs von enormer Lebensqualität, wenn ich hin und wieder irgendein Teil, wie beispielsweise ein induktives Headset kaufen kann, welches mir das Telefonieren mit Schwerhörigkeit erleichtert.

Minimalismus bedeutet nicht, dass ich nicht mehr konsumiere. Erst recht interessiert es mich nicht, damit einen Wettbewerb der wenigsten Dinge zu veranstalten. Minimalismus ist keine Bühnenshow.

Minimalismus ist für mich einfach der pure Lebens-Luxus. Es ist der Luxus und die innere Freiheit, wirklich auswählen zu können und mich immer mehr und immer klarer für das zu entscheiden, was ich wirklich mag, was ich brauche und was mir – und im Idealfall auch anderen Menschen und der Umwelt – gut tut. Und manchmal ist sogar so etwas ganz gewöhnliches und eher unstylisches, wie Staubsauger, Wischeimer oder Spülbürste gut. Ohne dem, wäre es nämlich irgendwann in meiner Wohnung höchst ungemütlich 😉 

 

 

 

13 Kommentare

  1. Liebe Gabi,
    vielen Dank dafür, dass du wieder einmal genau das ausdrückst, worüber ich so oft beim Minimalismus stolpere! Wie putzen diese Super-Minimalist*innen ohne Staubsauger oder ähnliches, denn die werden nirgendwo genannt oder gezeigt (Room Tours)? Was tut man als Minimalist*in, wenn der Rest der Familie nicht mitzieht? etc.
    Wir haben ein Sofa, haben es aber so gut wie nie benutzt! Es wird eines der ersten Dinge, die beim Umzug die Besitzer wechseln!
    Schönes Wochenende noch und liebe Grüße,
    Aeris

  2. Liebe Gabi,

    vielen Dank für diesen – wieder einmal – so tollen Post. Lustigerweise ist mir nicht mal aufgefallen, dass Du kein Sofa hast – einfach weil Deine Wohnung – soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – so gut Dich widerspiegelt, dass ich gar nicht nach Gegenständen „suche, die man/frau so hat“.

    Zum Staubsauger: ich habe eine wunderschöne Handfeger-Schaufel-Kombination von Redecker aus Holz, Metall und Rosshaar. Leider komme ich nicht an den großen Besen der Firma so ohne weiteres heran. Ganz ehrlich: hätte ich den, würde ich meinen nervigen Staubsauger weggeben, weil der Besen so viel gründlicher ist und das Kehren etwas Meditatives hat 😀

    • Hallo Steffi, danke für die Rückmeldung. Einen gewöhnlichen Besen, sowie Kehrblech habe ich inzwischen auch wieder und genieße es auch. Plastikfrei halten sie auch wirklich besser. Mein Staubsauger ist so ca. 15 bis 20 Jahre alt, ich hoffe, er hält noch ein wenig. Denn z.B. für einen Holzdielenboden mit den Fugen, die dort so sind, ist so ein Teil dann manchmal schon praktisch. Ansonsten käme ich auch gut ohne dem aus.

  3. Digitaler Minimalismus: Seit ich angefangen habe, mich mit einfacherem Leben und später Minimalismus zu beschäftigen, ist es mir sauer aufgestoßen, wie digitaler Besitz geradezu verherrlicht wird. „Ich als Minimalist brauche ja so wenige Dinge, weil ich alles digital besitze!…“ Aber es ist eben auch Besitz! Beim Minimalismus soll es doch darum gehen, dass ich gerade so viel besitze, wie ich brauche und gut für mich ist, damit ich mich nicht damit, sondern mit dem beschäftigen kann, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Wie geht das einher mit Tausenden Dateien, die ich digital habe (z. B. Lieder, die gehört und Bücher, die gelesen werden wollen)?! Mich belasten auch diese Dinge sehr, denn ich weiß ja, dass sie da sind und „wollen“, dass ich mich um sie kümmere.
    A propos Beschäftigung: Von Anfang an ging es mir beim Vereinfachen um das Reduzieren von Aktivitäten, da ich mehr zu tun habe als ich gerne hätte. Und da schließt sich der Kreis, denn auch bei mir bedeuten viele Besitztümer viele Aufgaben, also Aktivitäten. Hat man vom Einen weniger, hat man auch vom Anderen weniger.

    • Hallo Aeris, ich finde, die Kunst ist, das jeweils Passende für sich zu finden. Wenn jemand für sein Leben gerne liest, aber auch gerne und oft umzieht, für den sind E-Books, sowie generell die ganzen digitalen Besitztümer schon sehr praktisch. Ich denke, beim Minimalismus sind Dinge zu reduzieren zwar ein wichtiger, aber eben auch nicht der einzige Schritt – zumindestens überwiegend für Diejenigen, die sich dafür interessieren und länger dran bleiben. Ich bin erst über das Reduzieren von Aktivität und Stress überhaupt erst auf die Idee gekommen, dass das bewusstere Reduzieren von Dingen dafür auch sehr hilfreich ist. Ob dann der Minimalismus mehr ist als z.B. ein Trend, eine Modewelle, eine evtl. übersteigerte Selbstinszenierung, zeigt die Zeit und die Beständigkeit, mit der Einzelne dabei bleiben oder nicht.

      • Hallo, Gabi,
        ich gebe dir absolut recht. Generell können digitale Besitztümer wie E-Books sicher eine gute Sache sein. Was mich stört, ist dieses Darstellen als das Nonplusultra. Und man merkt evtl. gar nicht, dass man sich wieder vollmüllt, nur woanders. Aber richtig: das Passende für Jede*n. Für mich ist es nix, u. a. auch, weil ich es schätze, Dinge tatsächlich in der Hand halten zu können. Zum Glück machen beim Lesen meine Augen da noch mit.
        In 10 Jahren werden wir sehen, für wen Vereinfachen wirklich etwas war…

  4. Mir gefällt der Text sehr gut – da sind viele Gedanken drin, die mich auch in der letzten Zeit beschäftigen. Für die Frage Minimalismus und danach? halten diese vielen Youtubevideos z.B. auch wenig Anregungen, weil das oft Leute sind, die im letzten halben Jahr oder Jahr reduziert haben. Da bin ich viel weiter und das interessiert mich nicht mehr. Es geht für mich überhaupt nicht mehr um Besitz, sondern um mein Leben und den Raum und die Freiheit die es jetzt hat. Ja, Minimalismus ist Luxus. Luxus frei entscheiden zu dürfen und zu können. Minimalismus hat mich von verschiedenen Dingen unabhängiger gemacht, so und gleichzeitig ist nicht alles bei mir bilderbuchmäßig. Im Gegenteil. Wir haben jetzt ein Haus gekauft und eine sinnvolle Entscheidung getroffen, weil uns das unabhängig von dem in unserer Stadt verrückten Wohnmarkt macht, und unser Haus auch nicht überteuert gewesen ist. Auch nicht perfekt, aber eben auch bewusst kein Neubau (aus ökologischen Gründen), so und nun machen wir aber aus finanziellen Gründen (und mittlerweile aus gewachsenem handwerklichen Ehrgeiz meinerseits) sehr vieles selbt, und brauchen dafür nunmal Malervlies, Rollen, Griffe und Pinsel, und Eimer und und und… Und weil die auch nicht immer in 24 Stunden trocken sind, brauchen wir davon auch mehr. Ja, dann ist das so. Das ist auch meine Freiheit das so zu entscheiden. Wenn wir später nicht mehr ins so kurzer Zeit so viel schaffen können, kann man eine Art Capsule Wardrobe für dieses Handwerkzeug schaffen, aber jetzt ist es sinnvoll. Und es ist doch auch ein tolles Gefühl selbst tapezieren zu können, selbst die eigenen Wände gestrichen zu haben. Ja, auch die erste eigene gestrichende Decke nicht so richtig sinnvoll hinbekommen zu haben, aber das sind doch Lernerfahrungen.
    Mich hat jahrelang das Reduzieren bewegt, mittlerweile ist mir wichtig, dass ich einfach max. so viel besitze, dass ich weiß, was ich besitze und den überblick und die Kontrolle darüber habe. Aber ich habe auch Mann und Kind, und die haben manchmal anderen Meinungen, und Wünsche. Das ist auch okay. Dieses immer immer weniger, das reizt mich so gar nicht mehr. Bewusst leben ist mein Motto geworden.

    Kurze Anmerkung zum Ebookreader – ich habe einen ebookreader mit dem ich sehr, sehr bequem die Onleihe meiner Bibliothek nutzen kann. Ich habe über diesen noch kein einziges ebook gekauft.

    • Hallo Nanne, da sprichst du wichtige Bereiche an:
      – Maß statt Masse
      – Überblick und persönliche Entscheidung statt Konsumrausch
      – Menschen sind wichtiger, als Dinge.
      – Die Kunst zu entdecken, in welcher Lebensphase und Lebenssituation man selbst gerade ist und wann sich dort wieder etwas ändert (z.B. Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, abgeschlossene Renovierarbeiten, usw.)

      Und ich finde, Kinder brauchen Dinge. Es reicht, wenn wir Erwachsene sie nicht bis zur Decke zurümpeln.

      • Zu deinem letzten Satz möchte ich noch anmerken: Dieses Kinder brauchen Dinge, trifft es gut. Sie brauchen nicht zu viel und sie brauchen nicht alles. Aber mich gruselt es immer noch, wenn ich an ein Praktikum im Bereich der SPFH denke und an die Kinderzimmer mit Bett und Schrank und Fernsehen. (Es gab auch andere (!), aber es gab auch das. Das kennst du bestimmt auch aus deiner Arbeit).
        LG Nanne

  5. Pingback: ᐅ Wie grün bin ich eigentlich? – Die persönliche Ökobilanz unter der Lupe

  6. Hi Gabi, schöner Artikel. Ich bezeichne mich nicht als Minimalistin, weil man dann schnell unter Beschuss gerät, was man alles „falsch“ machen würde. Ich miste seit Längerem aus, weil es mich entspannt. Auf den Kindle-Reader bin ich auch umgestiegen, schont als Vielleser die Ressoucen (ich nutze zudem den von meinem Freund). Man sollte sich bewusst werden, warum man minimaliatisch Leben will. Man kann Geld, Nerven und Ressourcen damit sparen.

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