Achtsamkeit – zwischen Trend und Chipstüte

Achtsamkeit als Trend, Erfolgsrezept und Wundermittel

Es ist schon erstaunlich. Plötzlich scheint es aus allen Ecken zu schallen: Achtsamkeit! Achtsamkeit ist angesagt. Die Verkäufer von Meditationskissen wird es freuen. Achtsamkeit soll das Gehirn positiv verändern, soll erfolgreicher machen, wir würden gelassener, irgendwie gut drauf.
So so…

Eine erste prägende Erfahrung für mich war, wieviel ich durch das Meditieren plötzlich von mir selbst und meiner Umgebung spürte und welch ein unglaublicher Luxus es ist, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um wirklich nichts anderes zu tun, als den eigenen Atem zu beobachten. Einfach nur atmen, sonst nichts – aber so einfach ist das dann auch wieder nicht.

Irgendein Patentrezept gibt es nicht – zumindestens keins, welches ich kenne. Auch wenn ich mir die schönsten Budda-Statuen aufbaue, Kerzen anzünde und edle Meditationskissen kaufe: Meditation ist kein Zaubertrank, keine Happy-Pille keine Glücksdroge. Achtsamkeit ist nichts anderes, als präsent sein im Moment.

 

Die Begegnung mit der Meditationsrealität

Spannend wird es eigentlich erst dann, wenn die anfängliche Euphorie und Enthusiasmus, dem gewöhnlichen Alltag weicht. Und spätestens dann dämmert irgendwann die Erkenntnis, dass man nicht mal so eben ruhig, erfolgreich, happy oder weiß ich was, ist. Das Kopfkino ist eben sehr sehr ausdauernd und kreativ. Es spult immer noch ein Film nach dem anderen ab, erfindet ständig neue Geschichten. Und dann gibt es die Tage, wo man einfach müde, lustlos, unmotiviert ist, sich fragt, warum man das alles eigentlich macht, ob man vielleicht untalentiert fürs Meditieren ist und die Tüte Chips, das Sofa und ein netter Film nicht vielleicht doch die attraktivere Variante sind.

Zimmerecke mit Holzdielen-Fußboden, einem grünen Meditationskissen und blauem Zabuton

Dran bleiben

Dran bleiben ist eine Kunst, achtsame Kunst, achtsame Lebenskunst. Dran bleiben, ohne Ausflüchte, aber auch ohne sich selbst krampfhaft zu zwingen. Gleichermaßen freundlich und entschlossen auch dann dran bleiben, wenn sich die anfänglichen, vielleicht etwas naiven Träume, in Luft aufgelöst haben.

Meine Erfahrung ist: Dran bleiben lohnt sich, denn wirklich nie beendete ich eine Meditation in genau der gleichen Verfassung, in der ich sie begonnen habe. Und selbst dann, wenn während einer ganzen Meditation nur ein klitzekleiner einzelner Atemzug dabei war, bei dem ich wirklich präsent beim Atmen war, dann war die Meditation wertvoll. Und auch dann, wenn selbst das nicht gelingt, ist es eine wertvolle Zeit, denn:

 

Meditation schafft Raum

Raum zwischen mir und all dem täglichen Tun, den ToDo-Listen, Terminkalendern, irgendwelchen smarten Zielen, Ablenkungen, den ständigen Reizen, denen ich und wir alle ausgesetzt sind. Und manchmal gibt es Tage, da lässt sich nichts anderes entdecken, als dass man selbst völlig unter Hochspannung ist, es innerlich rotiert und man weit weg von jeder Gelassenheit, Entspannung und all den wunderbaren Idealvorstellungen vom Meditieren ist.

Aber auch dieser Raum ist wertvoll. Denn er bietet die Möglichkeit, ein wenig Abstand zum gerade stattfindenden persönlichen „inneren Zirkus“ zu gewinnen. Genau diesen „inneren Zirkus“, aber auch all das Leben um uns herum, zunächst einmal wertfrei betrachten zu können, eröffnet irgendwann Räume, Lösungen, Möglichkeiten. Oftmals genau die, über die wir vorher noch gar nicht nachgedacht haben.

Und sei es nur, dass wir dann einfach mal die Chips nicht wahllos in uns hinein stopfen, sondern die Chipstüte achtsam leeren: Jedes einzelne Stückchen fühlen, riechen, schmecken – und schauen, wie sich das anfühlt, wie es schmeckt und ob es überhaupt schmeckt. Das Abhängen auf dem Sofa lässt sich ähnlich gestalten: Wie liege ich da eigentlich herum? Ist das bequem? Ist mir warm? Bin ich entspannt? Piksen die auf dem Sofa verteilten Chipskrümel? Denke ich beim Blick auf Sofa und Fußboden bereits über das erforderliche Staubsaugen am nächste Morgen nach? Habe ich Durst? Esse ich, obwohl ich gar keinen Hunger habe und so lange, bis die Tüte ratzeleer ist? Gefällt mir der Film, der da nebenbei läuft? Was genau spricht mich dort an? Wie reagiere ich darauf? Ist er so aufregend, dass jetzt auch noch die im Schrank verstaute Schokolade dran glauben muss? Auch die kann ich achtsam essen (siehe: Buddhas Kaffeepause oder: die Schokoladenmeditation). Ich könnte sogar achtsam wahrnehmen, wie mir langsam, aber sicher schlecht wird…

 

Formelle Achtsamkeitsübungen

Um diese ganz gewöhnlichen und ungewöhnlichen Situationen im Alltag auch wirklich achtsam wahrzunehmen, dazu ist die formelle Übungspraxis mit Bodyscan, Sitz- und Gehmeditation und achtsamen Yoga hilfreich und wertvoll. Zu dieser formellen Achtsamkeitspraxis gehört das regelmässige Üben Zuhause, aber sinnvollerweise auch mit Anleitung und in einer Gruppe. Dann ist Meditation und Achtsamkeit zwar immer noch kein Zaubermittelchen, aber das ist dann auch nicht mehr nötig.  Mein Leben ist beispielsweise ruhiger, aber auch bunter geworden. Meditation ist für mich so etwas wie der stabile Boden unter meinen Füßen, ein innerer Freiraum, ein Ruheraum im Lärm und ein inneres Zuhause – ganz egal, wie es mir gerade geht und wie ich mich momentan fühle.

 

Zum Weiterlesen:

 

 

2 Kommentare

  1. Kerstin Zimmermann

    Liebe Gabi,

    möchte Dir hiermit einfach einmal ein herzliches Dankeschön für Deine tollen Beiträge aussprechen. Freue mich stets auf Deine Mails und finde sie sehr bereichernd für mein Leben 🙂
    Auch ich finde es wichtig bei der Meditation dran zu bleiben und liebevoll mit sich zu sein, wie mit einem guten Freund, wenn es Tage gibt, in denen die Aufmerksamkeit nicht gelingt …wünsche uns allen ein achtsamdurchdringtes Leben…
    LG Kerstin

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