Handy für Schwerhörige – 12 Forderungen

In der Praxis werden Handys für Schwerhörige und Handys für Senioren in einem Atemzug genannt. Dabei sind nicht alle Senioren schwerhörig und nicht alle Schwerhörigen im Seniorenalter. Es gibt auch schwerhörige Kinder, Jugendliche und Erwachsene in allen Altersstufen.  Auch sind Schwerhörige durchaus in der Lage, ein ganz normales Handy zu bedienen – sei es ein Smartphone oder Einfachhandy. Was Schwerhörige nicht so gut können: Beim Telefonieren ausreichend verstehen.

Ich habe als mittelgradig Schwerhörige auch so meine Probleme, insbesondere beim Telefonieren. Meine Geschichte mit dem Telefonieren scheint endlos, da kann der Akustiker die Hörgeräte einstellen, wie er will. Ich habe schon alles mögliche ausprobiert, auch schon diverse Schwerhörigen-Handys. Immer wenn ich dachte, eine Lösung gefunden zu haben, tauchten irgendwelche Probleme auf – nahezu immer mit irgendwas. Nachfolgend meine Auflistung, was ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen an Verbesserungen, Neuentwicklungen und Standards für Schwerhörigen-Handys und -Smartphones sinnvoll finde:

 

12 Forderungen/Wünsche an ein Handy/Smartphone für Schwerhörige:

 

1: Besserer Sprachklang durch größeren Umfang an Tonfrequenzen

Eine gewisse Lautstärke ist gut und notwendig, reicht aber nicht. Ich hatte schon sehr laute Handys und habe trotzdem nichts verstanden. Insbesondere für Menschen mit einer Innenohr-Schwerhörigkeit ist zusätzlich wichtig, dass eine bessere Klangqualität und ein sehr breites Spektrum an Tonfrequenzen mit mind. 7 kHz, besser bis zu 20 kHz verfügbar ist. Derzeit finde ich dies unter den Begriffen „HD-Voice“ und „Crystal Clear“ (EVS-Codec – Enhanced Voice Services) vereinzelt bereits auf dem Markt.

2. Hörgerätekompatiblität

Handys für Schwerhörige sollten durchgängig hörgerätekompatibel sein (T4/M4). Ideal wäre, wenn sich das Handy an die besondere Höreinschränkung des Nutzers anpassen ließe. Mehr und noch bessere Zusammenarbeit zwischen Hörgeräte- und Handyherstellern wäre hier sinnvoll.

3. Induktives Telefonieren

Beim Umschalten auf die T-Spule des Hörgerätes sollte induktives Telefonieren möglich sein. Dadurch wird der Ton direkt auf die Hörgeräte übertragen und so ein viel besseres Sprachverständnis ermöglicht.

4. Audioanschluss und Bluetooth

Für Schwerhörige ist es eine große Erleichterung, wenn Sie einen Audioanschluss für ein spezielles Headset für Hörgeräteträger nutzen können.

5. Telefonieren über Bluetooth

Bei Telefonieren über Bluetooth kam es bei mir immer wieder zu kurzen Zeitverzögerungen. Verbesserungen wären hier dringend erforderlich, da oft wichtige Anfangsinhalte eines Gespräches, z.B. der Name des Gegenübers, verloren gehen. Ein einfaches an- und ausschalten der Bluetooth-Funktion ist ebenfalls sinnvoll. Diese sollte nicht in den tiefsten Menüeinstellungen versteckt sein. Bluetooth verbraucht sonst zuviel Akkuleistung.

6. Freisprech-Modus

Auch ein Freispruch-Modus ist sinnvoll, um auch auf diese Weise ein besseres Sprachverständnis zu ermöglichen.

7. Textfunktionen

Komfortable Textfunktionen, wie ein insb. Tippen beim Schreiben von SMS- oder Chatnachrichten sollte selbstverständlich sein.

8. Bessere Unterstützung für Notfälle

Teilweise ist es schon früher möglich gewesen, eine SMS als Fax zu versenden. Dies sollte gerade für hochgradig Schwerhörige und Gehörlose ausgebaut werden – insbesondere für Notfälle. Viele Notfalldienste haben für Schwerhörige und Gehörlose eine Faxnummer für Notfälle, aber wer unterwegs ist, hat nunmal üblicherweise sein Faxgerät nicht dabei. Ein App oder eine erweiterte SMS-Funktion, bei der persönliche Daten, sowie Notfall-Faxnummer eingespeichert werden können, wären ideal – ebenso die Möglichkeit einer Standort-Mitteilung für Notfall-Situationen und Textbausteine, sowie die Möglichkeit, dass Feuerwehr oder Polizei den Schwerhörigen/Gehörlosen auch über diese Fax-Funktion antworten können.

9. Stabiler und langlebiger Akku – einfache Austauschbarkeit des Akkus

Gerade als Schwerhörige sind wir auf ein problemlos funktionierendes Handy/Smartphone angewiesen. Daher sollte die Akkuleistung auch einen Tag mit evtl. häufiger Nutzung des Handys gut überstehen und im Bedarfsfall einfach austauschbar sein.

10. Vermeidung von Sollbruch-Stellen

Im Notfall können wir als Schwerhörige nicht selbst mal eben auf ein Handy eines Freundes, Bekannten oder Fremden zurück greifen, weil wir nichts damit verstehen würden. Ist ein stabiles und gut funktionierendes Handy immer sinnvoll und schon aus Gründen der Nachhaltigkeit zu empfehlen, ist dies für Schwerhörige besonders wichtig. Wir brauchen einfach ein Gerät, welches verlässlich funktioniert.

11. Reparierbarkeit, Aufrüstmöglichkeit

Wir sind technisch längst so weit, dass Handys/Smartphones auch so hergestellt werden, dass sie im Bedarfsfall aufgerüstet werden können und insbesondere auch reparierbar sind. Hier könnten durchaus auch besondere Serviceangebote entwickelt werden.

12. Noch ein Wunsch…

Wenn ich schon dabei bin, dass scheinbar Unmögliche zu fordern und zu wünschen: Geht es irgendwie doch ein wenig fairer als bisher? Mit besserem Lohn und weniger Ausbeutung in den Betrieben insb. für die Billiglöhner in den Fabriken? Dann würde mir ganz nebenbei auch nicht mehr übel, wenn ich an solche untragbaren und unfairen Arbeitsbedingungen denke. Ich brauche auch nicht ständig ein neues Handy, sondern möchte ein Gerät, welches für mich funktioniert und es wäre eine tolle Sache, wenn es so etwas wie ein Fair-Label für elektronische Geräte gäbe.

 

 

Smartphone mit Headset für Schwerhörige Foto eines roten Einfachhandys Dorophone Smartphone Startseite ohne Widgets Windowsphone Startseite

Foto eines Einfachhandys, Klapphandys in Silber mit schwarzen Tasten.

7 Kommentare

  1. Schwerhörige Freunde von mir weigern sich zu telefonieren, weil es einfach nicht geht. Wir schreiben sms. Smartphones sind natürlich fantastisch für meine Gehörlosen Bekannten, da sie sich zb über skype unterhalten können und natürlich auch Lippen lesen können bei Bekannten, die keine Gebärden beherrschen. Viel Glück bei deiner Odyssee! Hoffentlich findest du ein Gerät das für dich wirklich richtig ist!

    • Hallo Maren, danke! Irgendwann weigert man sich wirklich zu telefonieren. Da ich mal gerade mittelgradig schwerhörig bin, finde ich das schon fast ein Desaster. Ich probiere immer wieder, aber irgendwas ist immer. Insbesondere bei der Klangqualität der Handys fehlt es einfach.
      L.G. Gabi

  2. Hallo Gabi,

    ich bin sehr froh, dass ich über dich immer mal wieder mitbekomme, welche Hürden es teilweise im Alltagsleben gibt, wenn die Sinneswahrnehmung beeinträchtigt ist. Sonst würde ich darüber wahrscheinlich oft gar nicht mal nachdenken. Und ich kann mir vorstellen, dass es Herstellern von Mobiltelefonen da ähnlich geht.

    Vielen Dank dafür!

    Was das Telefonieren anbelangt, habe ich darauf oft auch so schon keine Lust – auch ohne Schwerhörigkeit. Ich finde die Störungen bei der Übertragung und die indirekte Kommunikation unnötig schwierig im Vergleich zu Angesicht. Dabei ist Kommunikation doch ohnehin schon mit ausreichend Fallstricken versehen!

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp, da sagst du was: Es ist auch so schon kompliziert. Und anstatt an der Größe des Handys und an irgendwelchen Geschwindigkeiten, Designs usw. zu basteln, ist pures Verstehen und ein rauschfreies Telefonieren doch viel wichtiger.

  3. Unsere Sinne sind Wunderwerke, und meist wird uns das erst bewusst, wenn sie unzureichend funktionieren… Danke für den Beitrag. Man hofft immer, dass in unserer Gesellschaft mal ein Umdenken einsetzt, aber irgendwie mahlen die Mühlen entsetzlich langsam….

  4. Hallo Gabi,

    da ich, abgesehen von meinem verdorbenen Opa, keine Erfahrungen mit Schwerhörigkeit habe, war der Bericht für mich sehr interessant. Danke für den Einblick in die Schwierigkeiten bei beeinträchtigten Gehör!

    Liebe Grüße,

    Linda
    (Wir sind auf Facebook „befreundet“. 😉 )

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