Abschalten – Zeichen setzen

Multimediale Ablenkungen runter fahren

Was genau beschäftigt mich eigentlich, wenn ich mich mal nicht dem Aktionismus hingebe und mich nicht in den vielen multimedialen Ablenkungen verliere? Diese Frage beschäftigt mich schon länger, bin ich doch auch selbst manchmal gerne und lange irgendwo in den digitalen Welten unterwegs.

Multimediale Ablenkungen runter zu fahren, hat auch damit zutun, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Sich selbst wahrnehmen und ernstnehmen, die eigenen Gedanken, Gefühle, die eigene Befindlichkeit. Wir leben zwar im digitalen Zeitalter – unser Gehirn, unsere Psyche ist aber nach wie vor analog und können nur in begrenztem Umfang Informationen aufnehmen und verarbeiten.

Wenn mir etwas zu viel wird, dieses Zuviel einfach mal ganz bewusst und aktiv abzuschalten, möglichst rechtzeitig, möglichst regelmäßig. Ich muss nicht jede politische und gesellschaftliche Nachricht, jede noch so kleine Wasserstandsmeldung verfolgen. Insbesondere dann nicht, wenn die Gefahr besteht, dass ich in einen überdrehten Aktionismus gerate und mir dadurch absehbar irgendwann „die Puste ausgeht“.

 

Einen langen Atem haben

Wenn es irgendetwas gibt, was ich als Sozialpädagogin in rd. 35 Jahren sozialer Arbeit und Beratung gelernt habe, dann, dass Entwicklungen und Veränderungen einen langen Atem brauchen, manchmal einen sehr langen Atem. Und liebe Leser_Innen, glaubt es mir, ich weiß wirklich sehr genau, von was ich hier gerade schreibe. Ich kenne viele Lebenswege, die einem verflochtenem und verworrenem Dschungel gleichen. In diesem Dschungel sind nicht nur die Betroffenen, sondern zeitweise auch ich – fachlich begleitend – unterwegs. Nicht selten versagen da alle Landkarten und Navigationsgeräte. Diskutieren, taktieren, perfekte ToDo-Listen helfen da nicht. Selbst ein noch so großes pädagogisches Handlungsrepertoire erscheint mitunter, wie ein lahmer Witz. Es geht nur mit fachlich und menschlich authentischer Präsenz. Es braucht Sensibilität, Klarheit, Wachheit und viel Ausdauer. All dies kommt eher einem gemeinsamen Marathonlauf „über Stock und Stein“ gleich, als einem kurzen, kraftvollen 100-Meter-Sprint.

Bewusstes Abschalten ist da keine Flucht ins Private – im Gegenteil. Es dient dazu, Überdrehtheit und Erschöpfung zu verhindern und selbst handlungsfähig zu bleiben. Das eigene Tempo, den eigenen Lebensrhythmus in sich zu spüren, ist wichtig, lebenswichtig. Miteinander statt Gegeneinander zählt. Es geht darum, sich wirklich zu begegnen und Lösungen suchen, anstatt sich im Konkurrenzkampf zu verlieren und sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen.

 

Achtsamkeit und Minimalismus als gesellschaftliche Notwendigkeit

Minimalismus und Achtsamkeit sind für mich nicht einfach irgendein Trend. Sie sind eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Insbesondere, weil immer größere Bevölkerungsgruppen in unserem Land sich abgehängt, von der Gesellschaft vernachlässigt fühlen, weil sie nur noch um’s tägliche Überleben kämpfen, zwischen Jobcentern, Wohngeldstelle, Bildungs- und Teilhabe-Anträgen zermalmt werden. Dass auch diese Menschen versuchen, das persönliche Wohlbefinden durch Digitalkonsum zu steigern, ist nachvollziehbar. Irgendwie doch noch dazu zugehören wollen, das ist so menschlich  – auch wenn genau dadurch die Gefahr besteht, sich selbst darin zu verlieren.

 

Zeichen setzen

Es ist Zeit, Zeichen zu setzen. Wohin gesellschaftliche Fehlentwicklungen führen, zeigen nicht nur aktuelle Bundestagswahl-Ergebnisse. Ich erlebe dies – wie oben beschrieben – gerade in meinem beruflichen Umfeld tagtäglich, hautnah und sehr existentiell. 

Zeichen setzen kann und darf auch klein und ganz alltäglich sein. Es kann beispielsweise darin bestehen, einfach mal zu schauen, wie der eigene Alltag ein wenig achtsamer und minimalistischer gestaltet werden kann, um so wieder zu sich, zu anderen und zu wirklicher Lebensqualität zu finden:

  • Statt der nächsten Shoppingtour einfach mal ein längerer Spaziergang im Wald
  • Das neueste Smartphone liegen lassen und das alte Gerät weiter nutzen
  • Die ständig aufploppenden Nachrichten im Smartphone deaktivieren
  • In Gesprächen mit anderen Menschen (insbesondere Kindern!), das Handy in der Tasche lassen.
  • Öfter mal den Flugzeugmodus des Handy’s benutzen.
  • Das Handy mal Zuhause lassen.
  • Die meisten Smartphones haben eine Einstellmöglichkeit, dass nur bestimmte Anrufer zugelassen werden. Ideal z.B. für Eltern, die für ihre Kinder erreichbar bleiben wollen, aber ansonsten einfach auch mal offline unterwegs sein möchten.
  • Das Internet auch Zuhause öfter einfach mal ausschalten.
  • Insbesondere in Familien: Obergrenzen für Internet-Zeiten festlegen, an die sich dann neben den Kindern, auch die Eltern halten.
  • Welche sozialen Netzwerke müssen nicht sein?
  • Eigene Konsumgewohnheiten überprüfen: Welche Dinge in meiner Wohnung liegen seit langem ungenutzt herum? Wozu habe ich sie noch?
  • Sich in Freigiebigkeit üben: Brauche ich all das, was ich besitze? Wem könnte mein Besitz sehr viel besser dienen als mir?
  • ….

 

Den wirklichen Reichtum entdecken

Natürlich gelingt das nicht immer und schon gar nicht sofort. Aber es lohnt sich, den eigenen Reichtum zu entdecken. Nicht den Reichtum irgendwelcher Zahlen auf dem Girokonto, nicht irgendwelche überflüssigen Besitztümer, sondern den wirklichen Reichtum des eigenen SoSeins, den Reichtum eines wirklichen, zwischenmenschlicher Miteinanders und all der Reichtum, der sich sonst noch, fernab vom Besitztums-Anhäufungen und digitaler Überflutung, entdecken lässt.

 

Foto von 3 Bäumen, darüber blauer Himmel mit einigen Wolken. Im Hintergrund einige rotfarbene Dachfirste

 

 

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4 Kommentare

  1. Hallo Gabi,

    ein wichtiger Beitrag! Danke dafür!

    Auch ich musste erst auf die harte Tour lernen, wie wichtig abschalten digital wie analog für mich ist.

    In diesem Sinne! Ich bin dann mal draußen. 🙂

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp, bei mir ist das Thema dann auch nicht „vom Himmel gefallen“, diese ganzen digitalen Zauberkisten sind ja auch sehr interessant. Die Kunst wird sein, wie wir das richtige Maß und den richtigen Ausgleich finden.

  2. Liebe Gabi,
    das hast du sehr gut geschrieben und ich stimme dir da voll zu.
    Heute klagen so viele das sie sich überfordert fühlen, ändern aber die einfachsten Dinge wie z.B. die ständige Erreicharkeit nicht, weil sie dann wieder Angst haben sie könnten ja was verpassen.

    Liebe Grüße
    Aurelia

    • Hallo Aurelia, das ist vermutlich auch genau die komplizierte Sache, dass man erstmal von dem Trip „ich könnte ja was verpassen“ wieder runter kommen muss. Mein klarer Vorteil ist beispielsweise, dass ich ja den überwiegenden Teil meines Lebens ohne ständige digitale Verfügbarkeit verbracht habe und mich gut dran erinnern kann, dass sowas funktioniert. Bis zu meinem 25. Lebensjahr hatte ich nicht mal ein eigenes Telefon 🤣

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