Die Leere von Achtsamkeit und Minimalismus als Lebensfülle

Der Sessel ist weg…

Ich hatte ihn schon längere Zeit nicht genutzt: meinen Sessel und den dazugehörige Hocker. Dabei war er doch bequem, zumindestens dachte ich das. Denn meinen Körper achtsam erspürt, habe ich im Laufe der Zeit bemerkt, dass dieser Sessel für längeres Sitzen unbequem ist, zumindestens für mich. Also ist dieser Sessel jetzt weg und erfreut nun einen anderen Menschen. Denn Dinge sollten Freude bereiten und nicht Ursache für Mißgefühl sein.

Weißer Pöang-Sessel mit weißem Hocker und 2. schwarzer Auflage

 

Meditierend den Wohnraum erspüren

Die meisten Menschen mit regelmäßiger Meditationspraxis haben einen festen Ort für ihre Meditation. Oft ist dieser Ort besonders gestaltet. Es gibt natürlich viele Gründe, warum das genau richtig und sinnvoll ist.
Ich habe dies anfangs auch so probiert und kam damit aber sehr schnell an meine Grenzen, genau gesagt, an meine körperlichen Grenzen. U.a. habe ich recht lange Beine, sowie einige angeborene Einschränkungen in der Beweglichkeit von Hüfte und Lendenwirbelsäule. Da passt immer irgendwas nicht. Meditationshocker, Meditationskissen, diverse Stühle, auf dem Futon liegend – es waren viele Varianten, die ich ausprobiert habe und dies an vielen, unterschiedlichen Stellen meiner Wohnung. Dies ist sicher etwas unüblich, aber meine begrenzten Möglichkeiten bei Meditationshaltungen, führen interessanterweise auch dazu, dass ich mich und meine Umgebung trotzdem differenzierter wahrnehme:

 

Das Wohnen erfühlen

Achtsamkeitsübungen finden bei mir nicht an einer ganz bestimmten Stelle eines bestimmten Raums meiner Wohnung statt, während an den anderen Stellen der Wohnung der normale Alltag geschieht. Beides geht ineinander über und ist nicht getrennt voneinander. Dadurch erspüre ich im Laufe der Zeit viel mehr von dem, wie ich die einzelnen Zimmer, die Tages- oder Jahreszeiten wahrnehme und erlebe. Ich empfinde differenzierter, mit welchen Dingen und Möbeln ich mich wohlfühle oder auch nicht.

 

Optisch schön, aber …

Eine wichtige Entdeckung ist etwas sehr typisches für mich: Es gibt Dinge, die finde ich optisch einfach schön. Ich fühle mich aber trotzdem nicht wohl damit.

Jetzt, wo mein Sessel weg ist, kommt mir mal wieder der Gedanke, dass es optisch doch vielleicht schöner wäre, ich würde etwas mehr in meine Wohnung stellen. Irgendeine Deko, vielleicht ein Teppich, Vorhänge, noch irgendein Möbelstück. Es muss ja nicht gleich ein Stehrümchen sein… Zu früheren Zeiten wäre ich vermutlich gleich losgelaufen, um irgendwas zu kaufen, was ich mir dann irgendwo in die Wohnung gestellt hätte, damit es irgendwie schöner und letztlich auch gesellschaftskonformer aussieht – bis ich es dann leid geworden wäre und wieder entsorgt hätte. Doch genau so möchte ich das heute nicht mehr und deshalb lasse ich mir Zeit.

Eher wenige Dinge zu besitzen, mag eine Wohnung auf den ersten Eindruck optisch nicht so attraktiv erscheinen lassen, aber mir geht es damit besser. Ich fühle mich viel leichter, befreiter – einfach, weil ich genauso bin, weil es zu mir passt und ich es genau so haben möchte. Mir fällt dadurch ein riesiger Ballast von den Schultern. All der Kram-Ballast, mit dem ich mir die Wohnung nicht vollstellen muss und all der Ballast des Unwohlseins, den ich mit diesem Kram gehabt hätte.

Ständiger Konsum von Dingen, die uns überflutenden Angebote von irgendwas, der Reiz des Neuen, die Moden und Trends – all das mag vordergründig attraktiv erscheinen, ist aber vorrangig fremdbestimmt und lässt unser Gespür abstumpfen, für das, was wirklich wesentlich in unserem Leben ist. Die Leere, die in Achtsamkeit und Minimalismus deutlich werden kann, mag vordergründig unangenehm erscheinen, sie ist aber nicht wirklich leer, sondern Quelle der Lebensfülle, die nun endlich nicht mehr behindert wird.

 


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6 Kommentare

  1. Christian Roth

    Herrlich!
    Die gleiche Kombination habe ich mir (plus Leselampe) auch einmal gekauft. Ich hab mich darin sitzend, in Büchern versunken gesehen und das Bild gefiel mir sehr gut.
    Ich hab die Kombi nie benutzt, beim letzten Umzug hab ich die Gruppe verschenkt.
    Manchmal greifen bei mir die Werbebilder und locken mich doch 🙂

    • Ich hatte die beiden Teile glücklicherweise gebraucht gekauft, aber aus ähnlichen Motiven. Also eigentlich haben wir da wohl eher den Wunsch nach Entspannung und Lesen gekauft und nicht den Sessel. 😄

  2. Hallo Gabi,

    mir ging es lange so mit Tischen. Ich sitze nicht am Tisch. Ich esse nicht am Tisch. Ich arbeite nicht am Tisch. Jetzt hab ich nur noch für Gäste einen Küchentisch. 30×70 cm und einen um mein Handy und Tablet abzulegen und aufzuladen. Den Rest mache ich lieber stehend an den leeren Fensterbänken mit Blick auf die Gärten. So bin ich mehr in Bewegung, räume alles gleich weg und brauche keine Tische, die zustauben und ich nicht nutze.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Hallo Tanja,
      das ist ja spannend. Tische finde ich dann wieder total praktisch. So verschieden und trotzdem so ähnlich. Aber entscheidend ist doch, so etwas überhaupt zu spüren: Passt dieser Sessel, der Tisch, der Stuhl, das Bettgestell in mein Leben? Ich finde es sehr spannend.

  3. Hallo Gabi,
    mir liegt eine Sesselempfehlung auf der Zunge. Den von dir aussortierten haben wir auch, und ich mag ihn überhaupt nicht (er gehört aber meinem Mann). Wir haben uns aber mal vor Jahren in einen Sessel spontan verliebt und“streiten“ uns jetzt drum, wer drin sitzen darf.
    Ja, das Wohngefühl erspüren ist etwas, wobei mir Achtsamkeit auch sehr hilft. Bei uns bleiben jetzt die Wände leer, weil ich merke wie gut das tut, wenn der Blick auch in der Wohnung schweifen kann und nicht hier und dort hängen bleibt. Gerade im Schlafzimmer finde ich das sehr entspannend.
    LG Nadine

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