Wohnen mit Nicht-Minimalisten

Gemeinsam Wohnen von Minimalisten mit Nicht-Minimalisten – geht das überhaupt?

Ich bin inzwischen des öfteren angesprochen worden, wie der persönliche Minimalismus in einer Beziehung/Familie/WG gelebt werden kann. Ist es schon mitunter schwierig, für sich selbst heraus zu finden, welche Dinge nun wirklich wesentlich sind, wieviel schwieriger ist es dann, mit Nicht-Minimalisten einen gemeinsamen Weg zu finden. Daher einige Tipps:

Minimalisiere deinen persönlichen Kram zuerst

Es lässt sich natürlich immer gut über den überflüssigen Kram anderer Menschen aufregen, aber viel effektiver ist es, bei sich selbst zu beginnen:

  • Welche Dinge gehören nur mir persönlich?
  • Was davon verwende nur ich?
  • Was steht eigentlich nur herum und ist überflüssig?

Meine Erfahrung ist: Es findet sich (fast) immer auch vieles vom ganz persönlichen, eigenen Kram, der eben auch in der Wohnung herum liegt, nicht genutzt wird, überflüssig ist.

Entrümple nicht den Besitz der Anderen ohne deren Zustimmung

Minimalismus ist freiwillig. Niemand kann zu einem solchen Lebensstil gezwungen werden. Auch in der engsten und liebevollsten Beziehung geht es überhaupt nicht, eigenmächtig, die Dinge des bzw. der Partner_in zu entsorgen.

Persönliche Minimalismus-Oasen schaffen

Um nicht irgendwann das Gefühl zu haben, als Minimalist/-in eigentlich nur noch in und mit den Dingen der Anderen zu leben, schaffe dir eine Art Oase: Dies kann bei ausreichend Platz ein eigenes Zimmer sein, indem dann wirklich nichts steht, was nicht wirklich dort hinein sollte. Es kann aber auch der Teil eines Raumes sein, wie der persönliche Arbeitsplatz, die Hobby- oder Leseecke und vieles mehr.

Vorleben statt missionieren

Gerade auch im Zusammenleben mit Kindern wirkt vorrangig das persönliche Beispiel. Lebe vor, was dir wichtig ist, statt dein Umfeld ständig missionieren zu wollen. Redest du nur über dein minimalistisches Wohlbefinden oder ist es auch ohne Worte, alleine durch dein praktisches Tun und deine innere Haltung, zu erkennen?

Gemeinsamkeit und Individualität

Schafft Klarheiten miteinander. Gemeinsam Wohnen bedeutet immer auch, gemeinsame Regeln und auch Kompromisse zu finden. Mach dir bewusst, dass Minimalismus erstmal etwas ist, was dich ganz persönlich interessiert – nicht zwangsläufig auch die Menschen in deinem Umfeld. Setzt euch zusammen und versucht, gemeinsame Lösungen zu finden:

  • Welche Dinge, Räume werden gemeinsam genutzt?
  • Wieviele gemeinsam genutzte Gegenstände sind nötig?
  • Welche Dinge können, dürfen und sollten sich in den gemeinsam genutzten Bereichen befinden und welche nicht?

Gemeinsamer Besitz

Über die Dinge, die von allen genutzt werden, sollte grundsätzlich gemeinsam entschieden werden. Kinder sollten dem Alter und Entwicklungsstand entsprechend beteiligt werden.

Interessens-Balance

Stellt euch vor, alle Mitbewohner (also Familie, Partner, WG-Mitglieder,…) stehen auf einem schwankenden Untergrund. Dieser schwankende Untergrund wird dann stabil, wenn eine (Interessens-)Balance hergestellt wird. Jede/r sollte die Möglichkeit haben, seine Individualität auszuleben und zwar so, dass auch die Anderen diese Möglichkeit haben. Ist der Partner beispielsweise Sammler, wieviel Raum darf und sollte die Sammlung haben, ohne dass die Bedürfnisse der anderen Mitbewohner davon zu sehr eingeschränkt werden? Besteht eine Balance oder Disbalance von Interessen?

Persönliche Dinge-Räume schaffen

Je mehr Personen zusammen wohnen, um so wichtiger ist es, dass persönliche Dinge-Räume geschaffen werden. D.h., die persönlichen Dinge haben einen Ort, auf den man sich gemeinsam geeinigt hat. So kann verhindert werden, dass sich z.B. die persönlichen Dinge einer einzelnen Person in der ganzen Wohnung verteilen, während kaum noch Raum für die Dinge von Partner/-in, Kinder oder WG-Mitglieder bleibt.

Kinder und Minimalismus

Wie bereits erwähnt: Kinder lernen am besten durch das Vorbild der Erwachsenen. Man kann z.B. kaum erwarten, dass Kinder irgendwann aufräumen lernen, wenn die Eltern selbst alles mögliche herum liegen lassen.

Werfe Kinder nicht mit Dingen und Geschenken zu. Meistens sind wir Erwachsenen es, die so gerne die strahlenden Kinderaugen sehen, wenn die Geschenke ausgepackt werden. Aber: der EINE Lieblingsteddy ist letztlich für das Kind wichtiger, als das 30. Stofftier im Regal. Gemeinsame Zeit ist wichtiger, als viel Zeug. Vielleicht können Oma und Opa ja auch einen gemeinsamen Ausflug oder Urlaub verschenken, statt des 30. Puzzles? Oder die Verwandten können ein Sparbuch bzw. Tagesgeldkonto anlegen, welches immer ein wenig aufgefüllt werden kann. Mit zunehmendem Alter entwickeln die Kinder von ganz alleine Wünsche, die einfach auch teurer sind.

Grundsätzlich ist es völlig normal für die meisten Kinder, dass sie gerne Dinge sammeln. Diese persönlichen Besitztümer sollten dann aber im eigenen Zimmer aufbewahrt werden und sich nicht in der gesamten Wohnung verteilen.

Je kleiner die Kinder, desto eher suchen und benötigen sie die Nähe der Erwachsenen. Daher wollen die Kinder auch lieber in Küche oder Wohnzimmer, als im eigenen Kinderzimmer spielen. Damit sich das Spielzeug aber nicht dauerhaft in der gesamten Wohnung verteilt, ist es eine einfache Möglichkeit, die Mengen zu begrenzen. Das kann eine Spielecke im Wohnzimmer sein, z.B. mit einem extra Teppich oder Kisten/Regalen begrenzt. Es ist aber auch möglich, eine Art mobile Spielekiste zu nutzen. Das Kind wählt aus seinem Kinderzimmer Dinge aus, mit denen es z.B. im Wohnzimmer spielen will. Die Menge begrenzt sich durch die Größe der Kiste. Möchte das Kind etwas anderes spielen, kann es das Spielzeug in der Spielekiste ausgetauschen. Hat diese Kiste dann auch noch Rollen, kann das Kind die Kiste auch alleine bewegen und irgendwann auch selbständig die Spielzeuge austauschen.

Konstruktive Lösungen – eine Frage der Balance

Letztlich ist es immer eine Frage, die richtige Balance von Interessen zu finden und gleichzeitig die gemeinsamen Bedarfe im Blick zu behalten. Gelingt dies, dann ist es auch keine unüberwindbare Hürde, wenn Minimalisten und Nicht-Minimalisten zusammen wohnen und leben.

Wer sich intensiver mit einigen hilfreichen theoretischen Grundlagen dieser Balance befassen möchte, findet hierzu interessante Informationen in der TZI, der themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn. Dort gibt es die Balance des TZI-Dreieck und das Vierfaktorenmodell. Im gemeinsamen Wohnen kann dieses Hintergrundwissen hilfreich sein, um die unterschiedlichen Bedarfe und deren Ausgewogenheit wirklich im Blick zu behalten. Interessant sind ergänzend auch die sog. Hilfsregeln der TZI. Sie sind eine gute Grundlage, wenn es darum geht, durch eine verbesserte Kommunikation, sinnvolle und konstruktivere Lösungen zu finden. Hier einige Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/Themenzentrierte_Interaktion#Vierfaktorenmodell.

 

11 Gedanken zu „Wohnen mit Nicht-Minimalisten“

  1. Hallo Gabi,
    ich wohne mit meinem erwachsenen Neffen, den ich aufgezogen habe, in einer 3-Zimmer-WG, wobei ich aber lediglich Untermieterin bin, die nur gerade eine verschließbare 2qm-Abstellkammer plus Nutzung der gemeinsamen Räume und Infrastruktur braucht. Meine Sachen hab ich in einem rund um die Uhr zugänglichen 5 qm- Lagerraum. Mehr brauche und will ich nicht. Später will ich vielleicht noch andernorts ein Zimmer mieten. LG Evelyne

  2. Missionierende Minimalisten, die erst ihren Kram abschaffen und dann immer bei mir klingeln und sich alles ausleihen wollen. Das mag ich gar nicht! Hatten wir auch schon im Freundeskreis. Ging eine Woche gut. Dann hat es nur noch genervt wenn da keine Gegenleistung kommt inform des Sicheinbringens.

    Evelyne, ich lese dich gerade an so vielen Stellen . Magst du uns nicht mal irgendwo mehr schreiben, was dich bewegt hat zum digitalen Nomadentum und wie du es umsetzt? Würde mich sehr freuen. Rutscht gut rüber. Lg Tanja

    1. Hallo Tanja, die Sorte Minimalisten, die du beschreibst kenne ich auch – gabs früher schon (nannte sich nur nicht so) und auch früher fand ich es schon daneben. Solche Einseitigkeiten sind wohl eher Egoismus als Minimalismus.

      @Evelyne – ich finde die Idee von Tanja klasse. Hast du einen Blog oder könntest du dir vorstellen, einen Blog ins Leben zu rufen? Wäre schade, wenn deine ganzen Gedanken, Anregungen und Ideen unter gehen würden. Bei http://www.medium.com geht das sogar ohne große Kenntnisse und Aufwand – einfach registrieren, schreiben, fertig.

  3. Hallo Gabi,
    nachdem ich nun schon lange und gerne deinen Blog lese,
    möchte ich mich heute endlich einmal dafür bedanken!

    Meine „Minimalismus-Reise“ hat Anfang 2017 begonnen und auch deine Sichtweise hat mir schon oft weitergeholfen.

    Ich habe Familie, Haus und Hof…und das macht es doch manchmal schwierig….wirklich dranzubleiben.
    Aber ich weiß, dass es sich lohnt!

    lieben Gruß
    Resi

    1. Hallo Resi, danke für dein Feedback und weiter viel Erfolg bei deiner Minimalismus-Reise. Das ist ja wirklich eine Herausforderung, mit Familie, Haus und Hof. Aber ich denke, auch dort lohnt es. Minimalismus ist vielfältig – und das ist auch sehr schön und gut so.

  4. @Gabi und @Tanja
    Ich erhielt teilweise sehr viel Unverständnis, sodass ich mich im Moment nicht mit einem eigenen Blog exponieren mag. Aber wenn ihr ein Minimalismus-Forum eröffnen würdet, wäre ich ein begeistertes aktives Mitglied. 🙂 Guten Rutsch! Evelyne

  5. Danke, Gabi Ja, könnte vielleicht wirklich das Richtige sein, wobei ich schon in einer Facebook-Gruppe für Digitale Nomaden Schweiz schreibe. Ich vernetze mich gern. Guten Rutsch! 🙂 LG Evelyne

  6. Liebe Gaby!

    Ich habe das Glück, dass Herr Widerstand noch ein viel größerer Minimalist ist als ich (nicht nur von den Körpermaßen). Für mich ist er dadurch auch immer wieder eine große Stütze, denn er lebt mir vor, wie es auch anders geht.

    Und hinterfragt auch immer, wenn ich einmal was Neues (Gebrauchtes) nach Hause bringe. Es reicht schon so ein „brauchst Du das wirklich?“ mit erstauntem Blick und ich erkenne, wenn ich mich wieder einmal selbst ausgetrickst habe. Bin ja auch nur ein Mensch 😉

    Jedenfalls ist es super, wenn man sich gegenseitig inspirieren kann. Für mich ist er da wirklich immer ein Vorbild.

    Also das wollte ich mal aus der umgekehrten Sicht schreiben, wobei es natürlich nicht so ganz stimmt, weil ich ja selbst einen minimalistischen Ansatz habe. Aber eben eher von der ökologischen Seite her, daher ist es für mich auch nicht immer so einfach, mich beispielsweise von Kleidung zu trennen. Weil ok, ich habe sicher zu viele Shirts, aber es geht sicher in nächster Zeit wieder einmal eines kaputt. Warum soll ich dann jetzt eines aussortieren, wenn ich danach wieder eines organisieren soll?

    Toller Beitrag!

    lg
    Maria

    1. Hallo Maria, ich finde es auch völlig unsinnig irgendwas zu reduzieren, was ich mir dann später wieder neu kaufen muss. Bei Kleidung bin ich inzwischen sogar ein einem Punkt, wo ich durchaus ein paar Teile zuviel habe – ganz bewusst. Es gibt so selten passendes und so selten Farben, die mir gefallen, dass ich inzwischen einen gewissen Vorrat anlege. Auf die Weise bin ich tatsächlich auf 18 T-Shirts gekommen. So viele T-Shirts gleichzeitig hatte ich mein ganzes Leben noch nicht.

  7. Hallo ihr im neuen Jahr!
    Ich persönlich finde das Thema Minimalismus wichtig, aber eher Mittel zum Zweck zu einer verbesserten funktionalen Selbstregulation und Selbstentlastung. Ich möchte dem Minimalismus nicht zu viel Raum geben, sondern nur so viel, wie es eben sinnvoll ist im Kontext meines Lebens. Es sollte meiner Ansicht nach nicht zum Selbstläufer werden. Es mag qualitativ und philosophisch noch mehr Potenzial haben, aber dafür braucht es keine exponierte Position in meinem Leben. Das fände ich wieder übertrieben und würde mich nur von den eigentlichen Themen meines Lebens ablenken, wohin ich mit dem Minimalismus hin will. Manches lässt sich auch nicht durch Denken über den Minimalismus lösen, sondern nur durch individuelles Ausprobieren. Das Leben bringt die Antworten. Der Minimalismus funktioniert in meinem Leben, ich hab begriffen, worum es geht, und setze ihn in logischer Konsequenz durch. Was also sollte ich mich sonst noch damit aufhalten, wo es doch eigentlich schon in meinem Leben installiert und kompatibel integriert wurde? Wenn es nicht so wäre, würde es bei mir sowieso nicht lange halten, denn ich bin eigentlich ein Genussmensch, der nur ungern die Komfortzone verlässt. Doch blockiert mich das auch in meinem Handeln, deshalb brauche ich die Mobilität und den Minimalismus zur Selbstorganisation. Es funktioniert und fertig. Ich werde es niemals aufgeben, weil ich ohne nicht funktioniere aufgrund meiner Schmerzkrankheit, die mich lethargisch macht in der Komfortzone. Guten Start ins 2018! LG Evelyne

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