Achtsamkeit und Minimalismus als Trend

Der gelegentliche Hype um Achtsamkeit und Minimalismus

Manchmal empfinde ich unsere Gesellschaft als sehr laut. Es dröhnt, es tönt, es flimmert. Und nun ist Achtsamkeit und Minimalismus auch noch zum Trend geworden – ausgerechnet. Mich interessieren beide Bereiche und sie gehören für mich zusammen. Ich bin grundsätzlich durchaus ein neugieriger Mensch, vernetze mich gerne, genieße es, mich gedanklich auszutauschen. Aber der gelegentliche Hype, der um Achtsamkeit und Minimalismus entsteht, ich betrachte ihn – bei aller Sympathie für diese Themen –  durchaus auch kritisch.

Nun entdecken beispielsweise plötzlich auch die großen Unternehmen die Achtsamkeit.
Aha…

Und Zuhause ist aus dem ehemals gewöhnlichen Ausmisten und Entrümpeln, eine Challange geworden und nennt sich nun Minimalismus.
So, so…

Achtsamkeit und Minimalismus – was mir wichtig ist

Wer denkt, dass er durch Meditation erfolgreicher wird, beim Meditieren den inneren, entleerten Akku mal so eben aufladen kann, um dann idealerweise noch Gewinne einzufahren, besser, perfekter und erfolgreicher zu sein, hat noch nicht allzu viel verstanden von Meditation und Achtsamkeit. Und Entrümpeln ist erst mal das, was es ist: Entrümpeln. Es ist maximal der Anfang des Weges, hin, zu einem minimalistischeren, einfacheren Lebensstil.

Gibt es überhaupt Minimalismus?

Manchmal frage ich mich dann auch noch, ob es so etwas wie Minimalismus überhaupt gibt? Wenn ich mich in meinen eigenen vier Wänden umschaue, dann ist das im Vergleich, in unserem gesellschaftlichen Umfeld, tatsächlich recht wenig. Das fällt sogar mir selbst auf. Aber mir fehlt nichts und manche Dinge habe ich sogar in großen Mengen. Spaßeshalber habe ich neulich mal meine T-Shirts gezählt. Ich wusste vorher, dass es der Teil meiner Kleidung ist, von dem ich am meisten besitze: Es waren 18 T-Shirts. 18!! So viel hatte ich in früheren Zeiten nie und ich hätte selbst als Teenager jeden für komplett bekloppt erklärt, der soviel Zeugs besitzt. Ich kaufe inzwischen manche Dinge mehrfach – der Bequemlichkeit halber und weil ich es leid bin, auf modische Einseitigkeiten angewiesen zu sein. Da habe ich mir halt ein kleines Warenlager angeschafft und jetzt lange Ruhe mit der T-Shirt-Shopperei.

Bildausschnitt von 3 Stapeln T-Shirts

Mein Kleiderschrank ist auch mit diesen 18 T-Shirts immer noch sehr viel kleiner, als bei vielen anderen Menschen. Das ist schon ziemlich verrückt. Was wir als viel und was als wenig bezeichnen, ist doch sehr relativ. Letztlich ist es mir persönlich egal, ob dies, das oder jenes Trend ist. Ich werde dieses Jahr 57 Jahre alt – nicht 17, nicht 27, nicht einmal 37 Jahre. Mich interessieren andere Dinge –  eine lebenswerte Welt beispielsweise. Mir ist es wichtig, dass wir uns und unsere Natur nicht kaputt konsumieren.

Achtsamkeit hat mir zu mehr Souveränität verholfen

Die Konsequenz der Achtsamkeitspraxis ist mein Lebensstil, so wie er jetzt ist und so, wie auch immer er sich weiter entwickeln wird. Was ich durch Achtsamkeit gelernt habe ist, die eigene Befindlichkeit ernst, aber nicht allzu wichtig zu nehmen. Mich selbst fühlen, spüren, aber mich deshalb nicht zum Zentrum des Universums machen. Dazu gehört eben auch, dass ich mich nicht über möglichst viele, aber auch nicht über möglichst wenige Dinge definiere. Ich benutze sie lediglich.

Achtsamkeit bringt ebenso Realität und Bodenhaftung ins eigene Leben, wie Minimalismus. In einer Meditation immer wieder die eigenen, umher irrenden Gedanken- und Gefühlswelten zur Wahrnehmung des Atems zurück zu bringen, ist ein ähnlich intensiver Prozess, wie die ganz praktische und sich ebenfalls wiederholende Minimalismus-Frage, welche Dinge nun wirklich in das eigene Leben gehören, welche nicht und wo ich mich nur in oberflächlichen Konsumablenkungen verliere.

In der Meditation geht es darum, immer immer wieder zur Wahrnehmung des eigenen Atems zurück zu finden. Im Minimalismus geht es darum, sich immer wieder nach den wirklich wesentlichen Dingen im eigenen Leben zu fragen. Dies ist sicherlich manchmal ein mühsamer, aber auch ein sehr befreiender Prozess. Mir hat dies viel Lebensfreude und Lebensqualität ermöglicht.

 

14 Gedanken zu „Achtsamkeit und Minimalismus als Trend“

  1. Hi Gabi,
    auch wenn das Streben nach Minimalismus ausarten kann, so bin ich froh über den Trend. Ein bisschen hilft es hoffentlich, dass ungenutzte Dinge in andere Hände gegeben werden und man weniger Unnützes gekauft. Entrümpeln sorgt bei mir für Erfolgserlebnisse und ich fühle mich freier. Ich miste vor allem verjährte Dokumente regelmäßig aus. Ansonsten habe ich viel Krempel in kleinen Kisten (Kabel, Stifte und was man nicht alles hat). Deine Bilder inspirieren sehr, weil man die meisten Besitztümer tatsächlich nicht braucht.

    1. Hallo Ex-Studentin, das hatte ich noch gar nicht so wirklich im Blick, dass ein Trend natürlich auch helfen kann, erstmal selbst die Kurve zu bekommen. Was dann jede/r daraus macht, wird sich zeigen.

  2. Ich will mit dem Begriff „Minimalismus“ gar nichts mehr zu tun haben. Ich will für mich ein Leben in Einfachheit führen und nicht in einem Schwarm von gestylten YT-Minimalismus- Experten mitschwimmen, die mir sagen wollen, was das ist und wie ich meine Einfachheit zu leben habe.

    1. Hallo Christian, mir gehts auch so, dass ich sehr sehr vieles, was bei Youtube zum Begriff „Minimalismus“ läuft, nicht ernst nehmen kann. Mir ist es zu viel Selbstinszenierung, zu viel grottenschlechte technische Qualität (Wackeln, Ton) und inhaltl. gehört es für mich in die Abteilung „Minimalismus-Kindergarten“. Nur Wenige erstellen Videos, die ich inhaltlich ansprechend finde.

  3. Hallo Gabi!

    Ich mag Deine nachdenklichen und auch nachdenklich machenden Texte sehr gerne. Zum Thema „laut“ fallen mir auch gleich diese Unmengen von Beiträgen ein, die in „5 Schritten zu einem besseren Leben“ verhelfen. In Beiträgen dieser Art finde ich nur leere Worthülsen.

    Achtsam zu leben ist nicht laut und schon gar nicht in 5 Schritten erledigt. Es ist ein langsamer Prozess mit ganz viel in sich selbst hinein hören.

    lg
    Maria

  4. Hallo Gabi,

    Achtsamkeit mit seinen Gefühlen. Will ich mich über jede Feuerwerksleiche da draußen aufregen, die jetzt das Grundwasser verseucht? Oder atme ich das weg? Ich lächel das weg. Ist nicht mein Dreck!

    Minimalismuswelpengruppe. Will die Kinder nicht beleidigen. Kennste Aufbrauchvideos? Die sind auch geil. Man setzt sich vor die Kamera mit Nylontüte voll leerer Kosmetikprodukte und stellt sie als aufgebraucht vor. Und sagt, ob man sie wieder beschafft. Völlig sinnfrei! Wie sie T-Shirts stapeln kann. Ich bin neidisch.

    Lg Tanja

      1. Danke für den Link. Nachdem du letztens geschrieben hast, dass du die Falttechnik übernommen hast, habe ich zum ersten Mal gedacht, ich muss mir das auch noch mal anschauen.

        Es wäre schön, wenn es ein passenderen Begriff geben würde, als Minimalismus. Aber mir ist auch schon nach Monaten des immer mal wieder überlegens nicht eingefallen. Wir leben nicht minimalistisch, und trotzdem ist es mir wichtig, möglichst nur so wenig wie nötig zu haben. Nötig sind aber auch ausreichend Tassen und Teller für Besuch, oder genug Unterwäsche und Socken, damit wir nicht auf einmal ohne Wäsche dastehen, wenn durch Krankheit der normale Ablauf hier nicht mehr funktioniert. Es ist dann schön, nicht sofort waschen zu müssen.
        Mir hat die Beschäftigung mit Minimalismus das Leben erleichtert, und darüber bin ich froh.
        LG Nadine

        1. Hallo Nanne, ich bevorzuge ebf. die pragmatischen Lösungen. Und eine Lösung davon ist, dass es ggf. auch mal ausreichen muss, nur alle 2 Wochen die Waschmaschine anzuwerfen.
          Vielleicht geht es auch gar nicht darum, einen neuen Begriff statt „Minimalismus“ zu finden, sondern zu schauen, wie der Begriff „Minimalismus“ sinnvoll mit Leben gefüllt werden kann. In der gewöhnlichen Alltagsrealität ist der ohnehin ganz anders mit Leben gefüllt, als das, was davon in Medien so gerne auftaucht. 100-Teile-Minimalismus finde ich so was von überholt und von vorgestern…

          1. Ich bin schon so haarspalterisch, dass ich finde – wo minimal drauf/drin steht, sollte auch minimal drin sein. Genauso wie ich mir wünscht, dass ein Unternehmen, dass sich nachhaltig nennt, auch nachhaltig ist.

  5. Liebe Gabi, guter Denkanstoß: Gibt es Minimalismus überhaupt – nach defnierbaren Maßstäben, die sich auf alle übertragen lassen? Ich merke es an mir selbst, dass ich mit der Frage hadere, weil ich mich zwar sehr für Minimalismus interessiere (als in: Weniger, aber besser; nur so viel zu besitzen, wie ich brauche und auch wirklich wertschätze statt geistlos zu konsumieren). Andererseits habe ich gemessen an vielen Minimalisten noch viele Dinge – erstens weil ich vielleicht andere Dinge als sie wertschätze und zweitens weil ich vielleicht auch noch nicht so weit bin auf meinem minimalistischen Weg. Ich tue mich schwer, mich als Minimalisten zu bezeichnen und habe das Gefühl, mich damit sofort angreifbar zu machen – wie es mit Labels (Minimalist, Veganer, etc.) oft der Fall ist: Wie, du Minimalist? So wenig Zeug hast du doch gar nicht. Dabei zählt eben nicht unbedingt das Äußere (wie viel/wenig Zeug hast du?), sondern die Intention: Der Erde weniger mit unserem Konsum an den Kragen gehen. Und dazu gehört für mich alles andere mit: Achtsamkeit, nachhaltige Lebensweise, Respekt vor Ressourcen. Das sind nur so ein paar Gedanken, die ich loswerden wollte 🙂

    1. Hallo Silke, ich kann mir kaum vorstellen, dass es so etwas wie einen Maßstab, der sich auf alle übertragen lässt, überhaupt geben kann. Wenn jemand beispielsweise mehrere Kinder hat, einen Garten bewirtschaftet oder sogar Landwirtschaft hat, hat er oder sie natürlich ganz andere und viel mehr Dinge zu Hause, als der Single in der Stadt, der mittags dann in der Kantine essen kann, dann vielleicht noch in einer WG wohnt und die WG-Küche samt Inhalt nutzen kann.
      Was aber möglich ist, sich selbst einfach mal ehrlich zu befragen: Wie fühle ich mich denn? Fühle ich mich als Minimalistin? Nicht im Vergleich zu anderen, sondern einfach, welches Gefühl habe ich denn so ganz für mich habe, wenn ich mir meine Besitztümer anschaue? Ist es für mich selbst so stimmig? Und wenn ich feststelle: Ok, ist nicht minimalistisch. Ist das so schlimm oder vielleicht einfach auch egal?

      Mal ganz davon abgesehen: Ich finde es vergleichsweise egal, wieviel Teile nun in meinem Besitz sind oder eben auch nicht. Es geht für mich nicht um maximal oder minimal, sondern einfach nur um optimal.
      Optimal ist es für mich, wenn ich mich mit dem Kram einfach nicht so viel beschäftigen muss. Ich möchte auch so etwas Nerviges minimalisieren, wie: auswählen, kaufen, pflegen, putzen, aufräumen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.