Minimalismus: Lebensabschnitte beenden

Lebensabschnitte beenden

Manchmal macht es Sinn, Dinge auch deshalb zu verabschieden, um Lebensabschnitte beenden zu können. Sehr häufig ist es eine Beziehung, die zu Ende gegangen ist. Man lebt nun getrennt und gewisse Dinge müssen einfach raus und verändert werden: Für viele ist es das Bett, manchmal sind es auch Möbel aus dem Wohnzimmer, Küchengeräte oder vieles andere mehr. Jede/r hat andere Schwerpunkte und andere Dinge, die er oder sie nun auch loswerden möchte.

Mein wichtigster und erster Lebensabschnitt, den ich mit dem Loswerden von Dingen beendet habe, war meine Schulzeit. Das ist lange her. Im Sommer 1978 hatte ich meine „Mittlere Reife“ und habe mit größtem Vergnügen meine ganzen Schulunterlagen einzeln in kleinste Schnipsel zerrissen und dann zusätzlich im Werkstattofen meines Vaters verbrannt. Ich kannte damals den Begriff Minimalismus nicht, es gab kein Internet, keine sozialen Netzwerke, keine Webseite. Aber: Es hat so gut getan! Beim Durchsehen alter Fotos habe ich vor einigen Monaten bis auf ein Foto, alle Digital-Fotos aus der letzten Wohnung gelöscht, zu unangenehm war das Wohnen zuletzt dort. Oder es war ein einzelnes Foto, welches ich an meine musikalisch aktive Zeit behalten habe, als wirklich schöne Erinnerung. Es war eine schöne Zeit, aber sie ist zu Ende. Das ist jetzt ok und es geht mir damit gut.

Das „10-Dinge-Spiel“

Neulich habe ich mal das „10-Dinge-Spiel“ konsequent zu Ende gedacht. Gemeint ist damit die Überlegung, welche 10 wichtigsten Dinge ich im Bedarfsfall, wie Wohnungsbrand, retten würde. Erstmal hoffe ich, dass es nie zu einer solchen Situation kommt. Ich kenne Menschen, denen es so gegangen ist: Es war gruselig! Als ich mich der 10-Dinge-Frage trotzdem gestellt habe, wurde mir zu meinem eigenen Erstaunen klar, dass eigentlich fast alles ersetzbar ist. Trage ich Kleidung, habe Brille, Hörgeräte, Geldbörse mit einigen Ausweiskarten etc. dabei, dazu einen USB-Stick mit den wichtigsten Daten, sowie im Idealfall sogar das Handy, ist der Rest letztlich ersetzbar bzw. rekonstruierbar.

Die Sinne zur Ruhe kommen lassen

Schöne Erinnerungen trage ich in mir, dafür brauche ich keine voll gestellten Räume. Ich genieße es, wenn mein Blick nicht durch tausenderlei Dinge abgelenkt wird. Es ist so wohltuend, wenn meine Sinne zur Ruhe kommen können. Wenige Dinge haben für mich viel mit Achtsamkeit mir selbst gegenüber zutun. Irgendwelche Wohnstandards sind mir egal. Die Lebensabschnitte, wo ich mit mit solchen Themen befasst habe, sind zum Glück lange vorbei. Die Vorstellung, mich irgendwann als alter Mensch, zum Ende des Lebens hin, daran aufrecht erhalten zu müssen, dass ich doch so einen schönen 4-Meter-Kleiderschrank vollgestopft mit Zeugs habe, wäre gruselig für mich. Das ist kein Leben, sondern ein Horten von Dingen aus Zeiten, die längst vergangen sind. Am Ende des Lebens bleibt einmal das, was ich bin, nicht das, was ich besitze. Dinge müssen sich gut anfühlen. Sie müssen mit mir, mit meinem Leben im Hier-und-Jetzt zutun haben. Was die Zukunft bringt, weiß niemand ganz genau, aber ich weiß, was die Gegenwart ist: Es ist genau dieser eine Moment.

Minimalismus – der Weg zu mir und meinen Bedürfnissen

Minimalismus, das ist der Weg zu mir, zu meinen Bedürfnissen – ganz unabhängig davon, was „normal“ „Trend“ „üblich“ „durchschnittlich“ ist. Diese Freiheit von Zeug ist genau das, was ich mag. Es entspannt mich und lässt mich ruhiger werden. Es hat immer Menschen gegeben, die all die vielen Dinge nicht mehr wollten. Dazu muss ich nicht erst Diogenes in der Tonne bemühen. Es wird immer Menschen geben, die mit weniger Dingen und einem einfachen Lebensstil, mehr Lebenszufriedenheit empfinden werden. Ich empfinde es als unglaublichen Luxus, bewusst und achtsam auf meinen wirklichen Bedarf im Hier und Jetzt zu achten und in genau diesem Lebensabschnitt  die Dinge nutzen zu können, die ich hier und jetzt wirklich mag und brauche.

Blick ins Wohnzimmer: Kleine Kommode mit Wlan-Router und Steckerleiste. Daneben Stehlampe. Dann ein Tisch. Darauf ein Laptop, ein Glas, eine Glaskaraffe. Über dem Tisch an der Wand ein Bild mit Gräsern. Rechts vom Tisch ein zum Sofa zusammengefaltetes Futon. Rechts vom Futon: ein Hocker mit Bild, Klangschale, Lampe.

 

5 Gedanken zu „Minimalismus: Lebensabschnitte beenden“

  1. Danke für den schönen Artikel. Der Stick ist sogar ersetzbar wenn alles in der Cloud ist. Ich reise gerade mit 42 Gegenständen in der Weltgeschichte umher und es fühlt sich so gut an. Freiheit in jedem Atemzug.

    1. Stimmt, Cloud geht auch, spart den USB-Stick. Ich schwanke gelegentlich ein wenig hin und her, habe mich derzeit aber für USB-Stick entschieden. Da passt so bequem alles an Daten drauf, was ich habe, geht schnell und ist unabhängig von funktionierender Internetleitung. Aber eben ein Ding mehr. Genau gesagt sogar 2, ich habe 2 USB-Sticks und sichere doppelt. Der Aufwand hält sich bei 1,3 GB Daten in Grenzen. Da ich nicht in der Welt rumreise, auch vernachlässigenswert, ob ein Ding mehr oder weniger.

  2. Ich habe letzte Woche von einer Frau gelesen, die auf die Frage „Welche Sachen rettest du wenn es brennt“ geantwortet hat, dass sie das schon erlebt hat und man in dem Augenblick wirklich nur daran denkt, die Familie und sich zu retten. Alles andere sei egal.

    Für mich war essenziell, dass ich beim Lesen der Steve Jobs Biografie wirklich innerlich begriffen habe, dass man nichts mitnehmen kann, wenn man stirbt. Und auch ein Steve Jobs den Tod nicht aufhalten kann. Seitdem habe ich einen anderen Bezug zu Dingen. Ich besitze sie sowieso nur auf Zeit.

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