Schwerhörigkeit – mit allen Farben hören

„Du hast doch ein Hörgerät, da kannst du das doch alles hören…“ , „Sie hören mit ihrer Schwerhörigkeit doch noch recht viel…“ – Es passiert nicht oft, aber gelegentlich erhalte ich schonmal Rückmeldungen in dieser oder ähnlicher Art. Ganz falsch ist es nicht. Aber so einfach leider auch nicht. Susanne vom Blog rehagroenenbach.wordpress.com brachte es in dem folgenden Zitat wirklich treffend auf den Punkt:

„Für jemanden mit einem 1A Hörvermögen ist sehr schwer nachzuvollziehen, dass das Hören für schwerhörige Menschen ein bewusster Prozess ist, dem alle oder zumindest ein Großteil der Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.“

Für Menschen mit einer Schwerhörigkeit ist das Hören ein bewusster Prozess, der viel mehr Konzentration und Aufmerksamkeit benötigt, als dies bei Menschen mit normalem Hörvermögen der Fall ist. Neulich fiel mir ein vergleichendes Bild ein, dass diesen Hörprozess für Normalhörende vielleicht etwas deutlich macht:

Mit allen Regenbogenfarben hören

Es ist wie bei einem Regenbogen, der in allen Farben leuchtet. Normalhörende „sehen“ dies ohne Probleme und ganz nebenbei. Schwerhörige dagegen „sehen“ manche Farben deutlicher, andere undeutlicher, manche gar nicht.

Hörgeräte versuchen, dieses unterschiedliche „Sehen“ auszugleichen, indem Sie die blassen Farben verstärken. Die heutige Technik leistet da wirklich phantastisches, aber sie ersetzt natürlich nicht ein gesundes Ohr. Es ist immer eine Art Krücke. Fehlt eine Farbe ganz, kann das Hörgerät dies nicht ausgleichen. Diese Farbe ist dann nicht mehr da. Sind die Umgebungsgeräusche groß, ist man müde oder mal kurz abgelenkt, vermischen sich die noch sichtbaren Farben dann zu einer Art grau-braunen Einheitsmatsche. In all dem chaotisch wirkenden Stimmengewirr und Nebengeräuschen muss dann versucht werden, doch noch irgendwas herauszufiltern. Ist man dann müde oder kurz abgelenkt, gelingt das Verstehen dann kaum noch.

Meine Schwerhörigkeit liegt im unteren Bereich einer mittelgradigen Schwerhörigkeit. Je höher die Tonfrequenz, desto schwieriger wird das Hören für mich. Es stimmt: Viele Schwerhörige haben noch sehr viel mehr Probleme als ich. Ist es ruhig und ein kleiner Raum, so verstehe ich ganz ohne Hörgeräte zwar nicht alles, aber doch eine ganze Menge.

Wenn Technik nur unzureichend funktioniert

Was mich aber ärgert und  sehr belastet ist, dass seit inzwischen über 5 Jahren die Zusatztechnik meiner Hörgeräte nicht wirklich gut funktioniert. Ich habe ein 2. Programm im Hörgerät, mit dem ich beispielsweise auf der Arbeit mit einer FM-Anlage hören kann. Wer in einer Besprechung etwas sagt, spricht dies in ein Mikrofon. Von dort wird das Gesagte direkt an mein Hörgerät weitergeleitet. Allen Bemühungen des Akustikers zum Trotz, ist dieses Verstehen aber immer noch sehr eingeschränkt und unkomfortabel. Ein Telefonat des Akustikers mit dem Hörgerätehersteller Phonak brachte auch nur ansatzweise Verbesserungen. Manchmal war das Verstehen über die FM-Anlage viel zu leise, jetzt ist es zwar etwas lauter, aber nicht laut genug und gleichzeitig übersteuert, sobald ich den Lauter-Knopf an der FM-Anlage höher drehe. Mit anderen FM-Anlagen ist es auch nicht besser, eher schlechter. Mit meinem Audiostreamer ist es ähnlich: Ich muss ihn lauter stellen, dann ist es übersteuert und ich habe Nebengeräusche.  Während Normalhörende Nebengeräusche recht gut ausblenden können, ist dies mit Schwerhörigkeit mitunter sehr belastend und gelingt weniger gut.

Hörgeräte und ein kleiner Audiostreamer auf einem Tisch liegend

Im nächsten Jahr habe ich wieder Anspruch auf die Verordnung eines neuen Hörgerätes. Dann hoffe ich, ist die Technik nochmal etwas weiter, als sie 2013 war, als ich mein jetziges Hörgerät erhielt. Ich werde dann im Bedarfsfall endlos testen, mindestens aber so lange, bis ich eine Lösung habe, mit der das oben beschriebene Problem dann hoffentlich Vergangenheit ist.

 

4 Gedanken zu „Schwerhörigkeit – mit allen Farben hören“

  1. Wenn Schwerhörigkeit ein Milliardenunterhaltungsmarkt wäre, dann gäbe es schon längst wirksame Standards, normierte Schnittstellen, die Geräte wären preiswerter und überall kompatibel 😮 Übersteuerung gäbe es nicht und man könnte sich überall problemlos und diskret einklinken ohne dass es jemand merkt.

    1. Oh, du bringst es auf den Punkt. Wobei das Thema Schwerhörigkeit sicher mehr wird, zu mindestens die Lärmschwerhörigkeit – bei all den Leuten mit den Musikstöpseln in den Ohren. Gut, dass das früher noch kein Thema war. Da wär nämlich mein Gehör heute völlig vermurkst. So geht es ja noch.

  2. Hallo liebe Gabi,
    danke fürs Zitieren.
    Den Vergleich mit dem Regenbogen finde ich schön :)!
    Ich bin mit den Phonak-Geräten auch nicht zurecht gekommen, obwohl das bei der Reha damals bestens funktioniert hat. Sie liegen ungenützt herum – welch‘ eine Ressourcenverschwendung.
    Ich möchte dir empfehlen, dass du dich an eine/n HörgeräteakustikerIn wendest, die oder der auch GN-Resound Hörgeräte und Zubehör hat. Damit bin ich sehr zufrieden, weil hier ein sehr stabiler Frequenzbereich verwendet wird.
    Das Übersteuuerungstehma ist mir unbekannt.
    Einen lieben Gruß
    Susanne

    1. Hallo Susanne. Danke für den Tipp! Solche Erfahrungswerte sind wirklich gold wert, insbesondere, da du wirklich sehr differenziert auf deiner Webseite über deine Hörschädigung berichtest. Ich habe im Laufe des nächsten Jahres Anspruch auf ein neues Hörgerät und bin heilfroh, wenn es soweit ist. 🙂

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