Business Lifestyle und Alltagshelden

Der Business-Lifestyle scheint den Minimalismus entdeckt zu haben. Minimalismus soll Erfolg bringen, bessere Positionierungen und solche Dinge. Im schweizerischen Fernsehen wird in einem Beitrag über Minimalismus ein Business-Mann gezeigt, der mit einer minimalen Anzahl von Dingen, maximale Kilometer durch die Welt fliegt und seinen CO2-Fußabdruck in schwindelerregende Höhen treibt. An anderen Stellen lese ich von digitalen Nomaden, die nur mit minimalistischem Gepäck ausgerüstet, irgendwo auf der Welt bei niedrigen Lebenshaltungskosten preisgünstig leben. Von dort aus verdienen sie mit den vergleichsweise reichen Kunden in Europa ihr Geld. Irgendwelche Tipps und Tricks, wie man als sog. Staatenloser keine Steuern und Sozialabgaben zahlt, aber trotzdem von der mit Steuergeldern finanzierten Infrastruktur profitiert, sind schnell zu finden. Mit dem eingesparten Geld können dann u.a. die Flüge bezahlt werden, die erneut endlose Mengen an Schadstoffen in die Luft pusten. Mit minimalem Konsum, maximal sparen, um irgendwie automatisch zum Millionär zu werden – auch sowas gibts.

Tja und da stellt sich die Frage: Sind so gewöhnliche Leute wie ich dann komplett bescheuert? Für einen mäßigen Verdienst gehe ich zur Arbeit, um dort immer wieder auch mit den Menschen zutun zu haben, die an schwieriger werdenden Bedingungen und am immer löchriger werdenden sozialen Netz fast verzweifeln.

Ich muss unwillkürlich an die vielen anderen Normal- und Kleinverdiener denken. Familienväter mit Handwerksberufen gehen mir durch den Sinn, die ich im Laufe meines Berufslebens kennen gelernt habe. Früher habe ich für nahezu keine solcher Familien irgendwelche sozialen Leistungen beantragt. Heute fast immer: Wohngeld, ALG2-Aufstocker-Gelder, Kinderzuschlag usw. – auch dann, wenn beide Elternteile arbeiten! Ich erinnere mich an die Arbeiter, die unmittelbar vor Weihnachten, am frühen Morgen per Notdienst, den Wasserrohrbruch in unserer Straße repariert haben. Im Idealfall haben sie dafür einen kleinen Gehaltsbonus bekommen, von dem der größte Teil dann an das Finanzamt wandert. Oder die beiden Männer, die mir die schwere Waschmaschine in die Wohnung geschleppt haben, dann die Leute vom Paketdienst, die mir im Akkordtempo, schon das ein oder andere Mal, Pakete in die Wohnung gebracht haben. Wöchentlich kommen die Menschen von der Müllabführ, sie haben stundenlang den Müllgestank in der Nase und transportieren täglich den Dreck weg, den wir produzieren. Ich denke – nach Jahren immer noch beeindruckt – an die Klofrau, die fröhlich singend kleine Blümchen an die Waschbecken stellte und so versuchte, den unwirtlichen Ort an einer U-Bahn-Station, ein wenig freundlicher zu gestalten. Vermutlich hat sie die Blumen auch noch selbst gekauft. Ich muss auch an die vielen ErzieherInnen und AltenpflegerInnen denken , die unter immer belastenderen Bedingungen, doch immer wieder ein freundliches Wort hier und eine liebevolle Geste dort haben.

All diese Menschen haben vermutlich deutlich mehr als 64 Teile in ihrem Besitz. Sie werden keine Millionen erwirtschaften können – egal wie sparsam sie leben. Sie werden auch nicht durch die Welt jetten, um irgendeinem Business-Lifestyle nachzugehen. Aber diese Menschen sind meine ganz persönlichen Helden – Alltagshelden. Sie sind vielleicht nicht im Sinne des Business-Lifestyles erfolgreich, aber sie sind wertvoll für uns alle. Denn diese Menschen haben nicht nur sich selbst und den persönlichen Erfolg im Kopf, sondern sie tun auch etwas für die Allgemeinheit, anstatt nur einen persönlichen Profit daraus zu ziehen. Dafür meinen herzlichen Dank, liebe Alltagshelden!

In dem oben erwähnten TV-Beitrag des Schweizer Fernsehens wird übrigens nicht nur der minimalistische Business-Vielflieger gezeigt, sondern auch eine Seniorin, die ihre persönlichen Besitztümer minimalisiert, ganz einfach, weil es zuviel geworden war. Das zaubert mir in diesem TV-Beitrag doch wieder ein Lächeln ins Gesicht, denn ich sehe, wie schwer ihr das Entrümpeln stellenweise fiel und wie froh und erleichtert sie am Ende ist. Für mich war dies wirklicher Minimalismus und nicht die pervertierte Form davon.

10 Gedanken zu „Business Lifestyle und Alltagshelden“

  1. Hallo Gabi, auch ich habe den Film gesehen und gestaunt über den Business-Typen mit dem Selbstoptimierungswahn. Gut zu wissen, dass man den Begriff „minimalistischer Lebensstil“ manchmal doch ausführlich erläutern sollte. Danke für die Würdigung der Alltagshelden.

    1. Ich überlege seit einiger Zeit, was mich am meisten gestört hat. Na klar ist der Co2-Fußabdruck bei einer solchen Flugquote erstmal ein Desaster und nicht mit einem ansonsten minimalistischen Lebensstil zu kompensieren. Aber die Kombination aus Business- und Selbstoptimierung ist dann auch irgendwie schräg für mich. Tja, diese Sozialleute, so wie ich dann eine bin. Wahrscheinlich ist das für die klassischen Businessleute auch eine mehr als fremde und seltsame Welt. 😂

  2. Ich fahre in Gedanken gerade Achterbahn. Minimalismus und heftige Flugfrequenz, nein das passt nicht. Minimalismus hat auch etwas mit Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein zu tun, für mich jedenfalls.

  3. Hallo Gabi,
    ich habe den Beitrag auch gesehen. Minimalismus hat wie alles andere verschiedene Gesichter. Natürlich sollte es nicht dort hinführen, dass Minimalisten auf Kosten anderer leben. Keine Frage!
    Manchmal stößt es mir auch auf, wenn im Fernsehen über Minimalistmus und/oder Leben ohne Geld o.ä. berichtet wird, und die Protagonisten stolz erzählen, was sie alles geschenkt bekommen(, damit sie dieses Leben führen können). Ist das dann im Sinne des Erfinders? Ich habe da so meine Zweifel.
    Auf der anderen Seite, sind das oft solche Individualisten, die sich schwertun sich in „normale“ Gesellschaft einzugliedern. Sollte man sie dazu zwingen? Muss man sie dazu zwingen? Kann man sie dazu zwingen??
    Ich habe in einer Diktatur gelebt und weiß wie es sich anfühlt, gegen seine Natur leben zu müssen.
    Lass diesen Menschen ihren Freiraum. Würde man sie verbiegen wäre das ein größerer Schaden für sie und für die Gesellschaft.

    Du schreibst von den Handwerkern und ihrem geringen Einkommen. Ja, es ist eine Schande, wenn rechtschaffende Menschen nicht mehr von ihrem Einkommen leben können und Unterstützung von Staat bekommen müssen!!
    Woher kommt denn das Geld, was der Staat auszahlt? Es sind Steuergelder! Gelder, die die breite Masse der Bevölkerung verdient und am Monatsende abführt. Gleichzeitig werden aber diejenigen, die dieses Lohndumping immer weiter vorantreiben, immer reicher. Das heißt doch, die breite Masse der Bevölkerung ermöglicht gezungenermaßen, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht. Da ist Sand im Getriebe!!

    1. Hallo Sybille, den manchmal sehr individuellen Persönlichkeiten ihren Freiraum lassen: Ja! Ich bin unbedingt dafür, solche Freiräume zu leben und zu gestalten. So gesellschaftskonform bin ich ja u.a. mit meiner minimalistischen Lebensweise (zumindestens hier bei uns in Europa) selbst nicht. Ich arbeite u.a. Teilzeit, konsumiere viel zu wenig und meine Möblierung dürfte den Möbelherstellern ein wenig die Tränen in die Augen treiben. Aber mir geht es sehr gut damit 😉 . Individualist sein und trotzdem sozial denken und handeln, die Umwelt zumindestens ein wenig im Blick behalten – das geht trotzdem und schließt sich nicht aus. Da gibts ja zum Glück auch viele positive Beispiele.
      Mich ärgert es, dass die soziale Schere immer weiter auseinander geht. Während einige Leute zunehmend mehr verdienen, bleiben andere auf der Strecke. Ich kenne beruflich bedingt u.a. auch die Gehaltsabrechnungen vieler Leute und weiß, dass manche Berufszweige Anfang bis Mitte des letzten Jahrzehnts höhere Einkommen hatten, als heute. Da stimme ich dir wirklich zu, dass da Sand im Getriebe ist.

  4. Hallo Gabi,

    genau diese Dokumentation vom Schweizer Fernsehen habe ich vor kurzem auch gesehen und hatte meine Mühen den starken Dialekt zu verstehen ^_^. Ich fand die verschiedenen Wege im Minimalismus sehr interessant und inspirierend. Der Jetsetter hatte seinen ganzen Besitz in einer schwarzen Reisetasche die sorgfältig mit schwarzen Kleidungsstücken gespickt war. Dazu fällt mir gerade das andere extrem ein, der Mann in einem deutschen Beitrag, der alles in weiß hatte und minimalistisch in einer kleinen leeren Wohnung ohne Küche und Möbelstücke lebt. Aber zurück zu den Schweizern. Ich fand es toll, dass der Jetsetter am Ende seine große Liebe gefunden hat, die eben eine Wohnung hat.^^ Ich glaube nicht, dass Minimalismus ein Modell ist, viel zu reisen mit wenig Gepäck und in Steueroasen zu leben. Ich denke das ist einfach denen ihr Ding, dieser andere Lebenstil statt Büroalltag, Straßen flicken und wie du oben benannt hast. Für diese Menschen wäre es einfach nichts sich an ein System anzupassen und der Minimalismus hilft ihnen bei der Umsetzung. Wenn der Jetsetter viele Hobbys hätte und an seinen Dingen hängen würde, könnte er gar nicht zu den Co-working spaces auf der ganzen Welt, weil er seine Hobbys und sein festes Umfeld usw. vermissen würde. Es ist einfach eine andere Lebensphilosophie die dahinter steckt. Diesem Minimalismus Typ geht es nicht um den Umweltgedanken oder die Einsparung von Ressourcen. So unterschiedlich wie Menschen sind wird auch der Begriff Minimalismus ausgedehnt und auch ausgelebt.
    Ich persönlich finde Minimalismus ist eine Art der Optimierung. Der Schweizer kann so besser seine Meilen zurück legen. Man hat nur noch die Dinge, die man auch wirklich benötigt und bei jedem sieht das anders aus, jeder Lifestyle ist anders. Bei vielen bedeutet das Thema auch Achtsamkeit, Zero Waste
    und der Umweltgedanken oder ein besseres Sozialleben aber nicht für alle.

    1. Hallo Linda, der Mann ganz in weiß, dass war vermutlich Joachim Klöckner. Der hat das Motto win-win-win. Also tue Gutes für dich, deine Mitmenschen und die Welt als Ganzes. D.h. wie immer er seinen persönlichen Minimalismus lebt, hat er einen ganzheitlicheren Ansatz. Das macht für mein Empfinden einen sehr großen Unterschied aus.
      Es geht halt nicht nur um wenig Dinge, sondern auch darum, wie wir unser Leben mit unseren ganz unterschiedlichen Varianten von Minimalismus, dann auch verantwortlich gestalten. Für mich ist das mehr als Optimierung. Da wir als Menschen nunmal soziale Wesen sind und grundsätzlich die Fähigkeit zur Mitfühlsamkeit haben, geht es auch darum, wir wir mit uns selbst, MIT anderen Menschen UND unserer Welt umgehen. Aber das ist dann letztlich auch nur meine Sicht der Dinge. Mir geht es da eher um Vereinfachung und wirkliche Lebensqualität – nicht nur für Einzelne, sondern für möglichst viele lebende Wesen.

  5. Hallo Gabi und danke für diesen tollen Beitrag!
    Wie du im letzten Abschnitt richtig erwähnst, genau so lebe ich Minimalismus mit meinen Kunden jeden Tag. Nicht so und so viele Gegenstände, sondern einfach eine schrittweise Reduktion. Ein Prozess und kein Ziel mit 100 oder weniger Sachen. Herzlich, Selim

    1. Hallo Tolga, ich freue mich einfach über alles, was nicht nur mit Minimalismus, sondern zugleich auch mit Mitmenschlichkeit zutun hat. Es zeigt Lösungswege und Perspektiven für eine wie aus dem Takt geratenen Welt.

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