Achtsamkeit, Minimalismus und die Kunst, das richtige Maß zu finden

„Like a sandcastle, all ist temporary.
Build it, tend it, enjoy it.
And when the time comes, let it go.“
(Jack Kornfield)
Wie eine Sandburg ist alles vorübergehend.
Baue es auf, pflege es, genieße es.
Und wenn die Zeit gekommen ist, lass es los.“
(Jack Kornfield)

 

Es gibt nur wenige Sätze, die ich irgendwo mal gelesen habe und an die ich mich im Laufe der Zeit immer wieder erinnere. Das obige Zitat von Jack Kornfield  ist ein solcher Satz. Ich finde darin viel von dem, was Achtsamkeit und Minimalismus als Lebensstil ausmacht und hilft, das richtige Maß zu finden:

„Like a sandcastle all ist temporary“

Die eigenen Besitztümer einfach mal mit der Stabilität einer Sandburg zu vergleichen, macht deutlich, wie relativ die eigenen Besitztümer sind. Als physische Wesen benötigen wir natürlich Dinge. Es fängt schon beim Frühstück an. Einen Kaffee oder Tee kochen und anschließend genießen ohne, dass ich zumindestens einen Wasserkocher und eine Tasse, sowie Tee bzw. Kaffee zur Verfügung habe, ist schwierig. In der kalten Jahreszeit benötige ich ausreichend warme Kleidung und ohne irgendein Gerät, welches mir die aktuelle Zeit mitteilt, würde ich es kaum pünktlich irgendwo hinschaffen.

Aber muss es fürs morgendliche Kaffeekochen wirklich der Hightech-Kaffee-Vollautomat sein – und wenn ja, warum eigentlich? Hier trifft sich Achtsamkeit und Minimalismus: Ist es wirklich der damit verbundene Komfort oder doch eher das Hightech-Gerät als Statussymbol? Und wozu dient der übergroße Kleiderschrank? Um mich im Winter vor Kälte zu schützen, braucht es nicht 5 oder 10 Winterjacken, wenn ich ohnehin immer nur eine Jacke gleichzeitig anziehen kann. Was treibt an, wenn ich mir den Kleiderschrank trotzdem vollstopfe? Wann geht im eigenen Leben das richtige Maß verloren und wird zur unsinnigen Masse? Und warum?

Sich an solchen oder ähnlichen Stellen bewusst zu werden, dass die persönlichen Besitztümer der Dauerhaftigkeit einer Sandburg ähnlich sind, lässt diese in einem relativeren Licht erscheinen. Wir benötigen Dinge, aber sind sie soooo wichtig? Und wenn sie trotzdem so wichtig erscheinen, warum eigentlich genau?

„Build it, tend it, enjoy it“

Es ist es sehr entspannend und entlastend, Dinge wirklich genießen zu können. Es ist völlig in Ordnung, sich etwas aufzubauen. Das, was ich aufgebaut habe, kann und sollte ich pflegen und natürlich auch genießen.

Minimalismus bedeutet nicht, Dinge zu verdammen und schlecht zu reden. Im Gegenteil. Gerade in unserer „Ex-und-Hopp“-Gesellschaft sehe ich viel eher die Gefahr, dass wirkliche Pflege und Genuss von Dingen verloren geht. Kaum ist das neue Handy gekauft, ist es veraltet und wir wollen ein neues Gerät. Die Heimkinoanlage ist irgendwie immer noch nicht perfekt genug, die neue Bekleidung schnell unmodern und überholt.

Stattdessen achtsamer mit den eigenen Dingen umzugehen, sie zu pflegen und zu genießen, ist gleichermaßen Lebensgenuss, Dankbarkeit und wirkliche Freude.

„And when the time comes, let it go“

Loslassen ist mehr, als die so oft anzutreffende „Ex- und Hopp“-Mentalität unserer Tage. Loslassen ist immer auch die innere Auseinandersetzung mit dem, was ich loslasse. Wenn ich z.B. viel zu viel Zeit mit der Pflege von Dingen verbringe, ohne dass ich sie genießen kann, ist es Zeit, sich zu fragen, warum ich sie festhalte und was davon ich nun endlich loslassen sollte. Eltern kennen den Schmerz, die eigenen Kinder zunehmend auch wieder loszulassen, um ihnen ein eigenes selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Es gibt viele Bereiche, auch weit über die Dinge hinaus, in denen Loslassen bedeutsam ist.

 

Älter werden als Prozess des Loslassens

Zunehmend entdecke ich selbst auch das eigene Älterwerden als einen Prozess des Loslassens. Im 5. Lebensjahrzehnt muss ich mich nicht als „Berufs-Jugendliche“ stressen, sondern kann solche Ambitionen loslassen. Dadurch ist mir bewusster geworden, was im Laufe der Jahre einfacher geworden ist und wo ich heute viel entspannter, souveräner und sicherer durch meinen Alltag gehe als früher. Weder muss ich irgendwelchen Erfolgen, noch dem neuesten Schnickschnack hinterher rennen. Denn auch solche Bereiche sind lediglich Sandburgen, die ich eine zeitlang aufbauen, pflegen und genießen, aber irgendwann einfach auch wieder loslassen kann. Das befreit.

Die Kunst, das richtige Maß zu finden

Die Kunst, das richtige Maß zu finden, ist letztlich eng damit verbunden, dass nichts ewig und in Zement gemeißelt ist. Alles ist vorrübergehend und jede Lebensphase, jede Entscheidung, etwas Aufzubauen oder Loszulassen, ist eine Chance, damit das eigene Leben lebendig bleibt.

Es gibt in jeder Lebensphase Neues zu entdecken, wenn wir den Mut haben, wirklich im gegenwärtigen Moment zu leben, statt nur in der Vergangenheit zu verharren oder auf die Zukunft zu warten.

 

Eine Sandburg mit der Aufschrift: "Stop waiting"
Photo by James & Carol Lee on Unsplash

15 Gedanken zu „Achtsamkeit, Minimalismus und die Kunst, das richtige Maß zu finden“

  1. Der Teil mit dem „tend it, enjoy it“ gefällt mir auch in diesem Beitrag, das fehlt mir manchmal beim Thema Minimalismus, und die Fähigkeit scheint echt heute nicht so verbreitet zu sein. Ich kann das ganz gut zum Glück – also, ich koche z.B. total gerne und kann mich immer noch an meiner Kitchen Aid freuen, die ich seit 25 Jahren habe, und an meinem Geschirr, bei dem Teile dabei sind, die schon meiner Großmutter gehörten.
    Aber bei den ganzen modernen digitalen Sachen ist das tatsächlich irgendwie schwieriger. Ich brauch bestimmt nicht dauernd ein neues Telefon, sondern benutz es, solange es geht – aber ich benutz es dann halt, weil es ja noch tut, aber ich kann da nicht mehr die Freude empfinden, die ich bei gut gemachten „altmodischeren“ Gegenständen noch nach Jahren habe.

    1. Mir geht es so, dass mir Minimalismus sehr viel mehr den Wert der Dinge bewusst gemacht hat. Wenn ein digitales Gerät das nächste jagt, es Unmengen davon auf dem Markt gibt und man die vorher durch die Werbemaschinerie angepriesenen Neuerungen mit der Lupe suchen muss, werden solche Digitalgeräte halt beliebig.

  2. Wir haben gestern Abend beschlossen eine größere Bambusschüssel auszusortieren. Seit langem ist sie nicht mehr benutzt worden. Und ist auch nicht eingefallen wozu wir sie noch bräuchten, zumal wir noch eins Steingutschüssel haben , die Wasser und Säure verträgt. Also habe ich sie heute morgen rausgeholt und dann fiel mein Blick auf die Kartoffeln, die in einem Brotkorb gelagert werden. Na ja , jetzt sind die Kartoffeln in der Schüssel und der Brotkorb war zu klein. Noch mal Glück gehabt. Bisher habe ich nichts weggeworfen, was ich nicht dann doch gebraucht hätte. Aber es ist halt auch nicht einfach an einem bestimmten Punkt Dinge gehen zulassen, weil man an die Grenzen stößt, wo man sich einschränken würde. Wir kochen deutlich mehr Gemüse als früher, uns gefällt es und es wird gelagert und verbraucht.

    1. Ich finde, die Anzahl der Dinge sagt letztlich wenig aus und es ist in jedem Fall auch nachhaltiger, Dinge möglichst noch weiter zu verwenden – wenn sie dann auch wirklich irgendwann genutzt werden und nicht jahrelang wirklich nur gesammelt und gehortet.

  3. Hallo Gabi,

    was für ein schönes Bild mit der Sandburg und wie passend dein Beitrag für meine Reihe „Wo ist all die Zeit nur hin?“ ist. Ich würde ihn gern dort verlinken, wenn du nichts dagegen hast.

    Ich frage mich ja zunehmend häufiger, wofür wir eigentlich meinen, all diese Dinge zu tun, die wir uns selbst auferlegen. Wozu all der Stress und die Anstrengungen, wenn es letztlich eh wieder vergeht? Warum meinen wir, etwas in dieser Welt hinterlassen zu müssen? Weshalb interessiert es uns, wie beeindruckt andere Menschen von uns nach unserem Tod sind und was sie von uns denken?

    In einiger Hinsicht habe ich ja selbst Ambitionen und davon wahrscheinlich auch mehr als mir gut tut. Aber gerade in Hinblick auf Aufträge und Arbeitsplätze stelle ich oft fest, dass mir etliche Tätigkeiten zu sinnfrei erscheinen, als dass ich mein Arbeitsleben damit verbringen möchte.

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!

    Lieber Gruß
    Philipp

  4. Bei Kaffee geh ich nicht mit. Die Milch am Boden des Tetrapacks hin und her bewegen, gibt super Milchschaum. Dazu eine kleine Krupps, die ich früher schon mal hatte nur damals ohne Pads. So schmeckt jeder Kaffee wie im Café. Spart jedes Mal 3,50 Euro. Diese Drückdinger zur Zubereitung, da schmeckt mir der Kaffee nicht.

    Wann ist der richtige Zeitpunkt? Das ist mein Problem an dem Zitat. Bzgl. Wohnungssuche. Oder bleiben. Wenn man eine gute Wohnung hat ist das echt ein Problem.

    lg
    Tanja

    1. @Aeris, @Tanja – Ein Paradebeispiele, dass Minimalismus wirklich individuell sehr unterschiedlich aussehen kann.

      @Tanja: Der richtige Zeitpunkt: Ja, ist schwierig. Z.B. Umziehen. Frage: Warum denn? Wozu umziehen, wenn die Wohnung gut ist? Zu groß: Na, ist doch ein prima Gästezimmer oder Tanzen oder einfach leer lassen. Unter dem Dach wohnen: So lange du dich jung und fit genug fühlst und die Treppe gut hoch kommst und du im Sommer nicht verschmurgelst, ist das doch kein Problem. Kleinere Wohnung wäre ähnlich teuer: So lange die Gesamtkosten nicht höher werden und alles finanzierbar ist, ist das zu vernachlässigen. Und: Sich nicht entscheiden, ist letztlich auch eine Entscheidung – nämlich die, es so zu lassen, wie es ist.

      Ergänzend: Ein K.O.-Kriterium es so zu lassen, wie es ist, wäre für mich dann, wenn ich mich irgendwann Richtung Rentenalter bewegen würde, (also ab ca. Mitte 60) immer noch in einer Wohnung zu bleiben, die fürs Älter werden ungünstig ist. Irgendwann zieht man halt nicht mehr um, bleibt dort und geht dann kaum noch vor die Tür, weil die „Bergbesteigung“ zu mühsam geworden ist. Wäre für mich der persönliche Horror.

  5. Hallo, Gabi,
    wie du andeutest, ist es das Wichtigste, das Bedürfnis (ich möchte zum Frühstück Kaffee trinken), was hinter einem Wunsch (ich möchte einen Kaffee-Vollautomaten haben) steckt, zu erkennen. Langfristig glücklich macht, das Bedürnis zu erfüllen, nicht den Wunsch. Und ein Latte Macchiato schmeckt besser, wenn ich ihn mir ab und an gemütlich in einem Café sitzend gönne als wenn ich jeden Morgen einen zum Frühstück aus dem Vollautomaten trinke. Da tut es auch ein Kaffee aus der normalen Maschine oder handgebrüht.
    Viele Grüße,
    Aeris

  6. Liebe Gabi,
    ich finde das Älterwerden auch entspannend. Früher habe ich eine riiiiiesige Erinnerungskiste gehabt, in der ich alles gehortet habe, was mich an schöne Situationen und Begegnungen erinnern sollte. Ich habe versucht, mit diesen Gegenständen die Vergangenheit krampfhaft festzuhalten. Der Schlüsselmoment war, als ich mir einmal all diese Gegenstände angeschaut hab und teilweise gar nicht mehr wusste, woran sie mich erinnern sollten… Da hab ich diese Kiste konsequent weggeräumt. Heute brauche ich keine Erinnerungsstücke mehr. Dass, woran ich mich erinnern soll und will, habe ich in meinem Herzen – und den Rest kann ich getrost loslassen.

    1. Hallo Sanne, ein wirklich schönes Beispiel für den richtigen Zeitpunkt. So lange die Erinnerungsstücke wirklich an etwas erinnern, sind sie ok, aber wenn nicht mal mehr klar ist, an was sie überhaupt erinnern, kann man sie auch loslassen.

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