Vorweihnachtszeit, Schwerhörigkeit und minimalistische Stille

Es ist jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit in etwa gleich: Je näher es auf Weihnachten zu geht, desto voller, hektischer, unruhiger, gereizter und gestresster scheint es zu werden. Die City meide ich um diese Jahreszeit nach Möglichkeit. Ich möchte mich nicht durch die Menschenmassen des riesengroßen Weihnachtsmarktes schieben, kein Weihnachtsklingeling-Musik hören, mich nicht mit Glühwein besäuseln. Als Minimalistin erspare ich mir den vorweihnachtlichen Konsumrausch und ich muss hier auch nicht irgendwelche größten Weihnachtsbäume bestaunen. Es ist mir einfach viel zu laut und viel zu voll.

Wenn dann auch noch auf Dienstbesprechungen plötzlich alle durcheinander sprechen, während dies im Rest des Jahres durchaus auch anders möglich ist, komme ich an Grenzen. Die Normalhörer diskutieren angeregt und vergessen einfach immer wieder, dass da eine Schwerhörige sitzt, die sich gerade kurz vor dem akustischen Supergau befindet. Wörter, Geräusche, Geklapper und Geplapper fliegt durch den Raum. Mein Gehör trifft es wie spitze, messerscharfe Pfeile.

Hörgeräte sind heute wirklich kleine und wunderbare Hightech-Computer, aber sie ersetzen kein normales Hören und die Hörverarbeitung ist anders. Für mich sind solche Lärmkulissen irgendwann nur noch Krach. Es ist laut, aber ich verstehe nicht mehr viel und bei all dem Nicht- und Halb-Verstehen ist es dann auch noch unglaublich anstrengend.

Normalerweise macht es Sinn, Hörgeräte wirklich regelmäßig und mindestens ca. 8 Stunden am Tag zu tragen, damit das Hörzentrum im Gehirn überhaupt die Chance hat, die noch hörbaren Geräusche angemessen zu verarbeiten. Ansonsten kann man es mit den Hörgeräten eigentlich auch lassen. Aber einen großen Vorteil habe ich:

Ich kann die Hörgeräte in besonders belastenden Situationen einfach auch mal runter regeln. Inzwischen stelle ich sie bei akustischer Reizüberflutung schlichtweg komplett aus. Das ist prima beim Bahnfahren und selbst im Supermarkt wunderbar. Ich brauche da keine säuselnde Musik und wenn das Einkaufswagengeklapper plötzlich gedämpfter klingt, ist das so wohltuend. An der Kasse stelle ich die Hörgeräte kurz an, danach sofort wieder aus. Muss ich im Büro nur etwas schreiben, ist es nicht erforderlich, dass ich die mich umgebende Geräuschkulisse komplett mitbekomme. Das lenkt ohnehin nur ab. Besonders in den oft so lauten und hektischen Vorweihnachtstagen ist das wirklich nervenschonend.

Komme ich an manchen vorweihnachtlichen Tagen nach Hause, dann genieße ich meine reizreduzierten und minimalistischen Wohnräume besonders. Es ist diese wunderbare minimalistische Stille, die ich dann besonders zu schätzen weiß. Eine weiße Wand ist da manchmal wie mein ganz persönliches Paradies. Am besten steht einfach mal nichts herum. Ich muss keine Musik hören, mir keine Filme anschauen. Tannenzweige, Kerzenduft, Sternchenglitzer mögen andere Menschen erfreuen. Bei mir bleiben sie draußen. Denn mich interessiert ein ganz anderer Genuss: Ich kann dann endlich in den wunderbaren Klang der Stille hinein lauschen und diese Stille ganz besonders achtsam in mich hinein atmen. Das ist er dann: mein persönlicher, achtsam-minimalistischer Vorweihnachtsgenuss.

Eine Frau, die als Stille-Symbol den Zeigefinger vor den Mund hält
Photo by Kristina Flour on Unsplash

12 thoughts on “Vorweihnachtszeit, Schwerhörigkeit und minimalistische Stille

  1. Mein ganz persönlicher Stillegenuß genau jetzt: ich gehe im Wald spazieren. Speziell in dieser Jahreszeit ein wunderbarer Ausgleich gegen die Hektik. Danach aber auf keinen Fall wieder zurück in die Hektik.

  2. Liebe Gabi,
    dein Text ist wunderbar geschrieben! Das Problem der Überreizung und eines zu hohen Lärmpegels bei vielen Menschen kenne ich auch (bin nicht schwerhörig, aber sensibel was u. a. Lärm angeht). Bei erstem mache ich oft die Augen zu, um wenigstens einen Sinn herauszunehmen und ruhiger zu werden. Bei zweitem nutze ich im ÖPNV (warum müssen Busfahrer*innen Radio anhaben und den Bus beschallen?!…) Ohrstöpsel, die zumindest die Lautstärke senken. Dahingehend ist so ein Hörgerät ja echt praktisch in die nicht vorgesehene Richtung ;o)
    Am Ende deines Textes kann man richtig die Entspannung spüren, die eine ruhige, „leerere“ (als normal) Umgebung vermittelt. Weihnachtsgedöns gibt’s bei mir auch nicht, warme Lichter, die ich zur dunklen Jahreszeit liebe, erfreuen mich sehr an Fenstern oder Bäumen anderer Menschen!
    Liebe Grüße,
    Aeris

  3. Liebe Gabi, Du liegst richtig. Diese Zwänge vom Adventkranz bis zur Weihnachstgans sind schrecklich. Ich denke da an Loriots Weihnachten. Mit dem ganzen Geschenkpapier, das dann in die Wohnung fällt. Und dem Stress.
    Menschenmassen, Lärm, volle Räume mit schlechter Luft und Werbemusik. Es ist Folter. Ich bin dann fehl am Platz und vermeide es.
    Etwas Weihnachtsdeko haben wird jedoch, aber wir kaufen nichts mehr dazu. Die dicken Kerzen auf dem Metalladventskranz (der mit frischem Grün bestückt wurde) sind schon Jahre alt und es macht uns nichts aus, dass zum ersten Advent schon alle Kerzen vom letzten Jahr angebrannt sind.

    1. Loriot hat weihnachtliche „Heckmeck“ mit der erwähnten Story wirkliich gut auf den Punkt gebracht. Es ist einfach oft so komplett überzogen und übertrieben und Kindern reicht es eigentlich völlig aus, wenn man es so wie ihr, einfach ein wenig zurückhaltender angeht.

  4. Liebe Gabi,
    als Hochsensible, die insbesondere ganz empfindlich auf Geräusche reagiert, kann ich Dich so gut verstehen. Ich wünsche mir tatsächlich auch manchmal, einfach die Geräuschkulisse runterregeln zu können, auch wenn ich natürlich sehr gut nachvollziehen kann, das Schwerhörigkeit oftmals schwer zu tragen ist.
    Ich habe dieses Jahr dem Weihnachtswahnsinn auch so gut wie möglich entsagt, es wird mit meiner Familie kein Weihnachten geben und ich hätte nicht erwartet, wie entspannt das ist. Keine Geschenke, keine Feier, keine Verpflichtungen – geradezu himmlische Zustände. Ich werde zwar einen Feiertag bei der Familie meines Partners mit verbringen, aber der Rest der Feiertage gehört uns und wir werden diese entspannt und ruhig verbringen.
    Auch Dir wünsche ich schon jetzt eine ruhige und entspannte Vorweihnachtszeit!

    1. Hallo Steffi, was wunderbar ist: Es gibt einen vergleichsweise einfachen Gehörschutz, der eigentlich für Musiker gedacht ist, aber auch einfach im normalen Alltag als Reizreduzierung genutzt werden kann. Ich habe mir den mal irgendwann Anfang bis Mitte der 90er-Jahre gekauft für rund 25DM. Dieser kleine Gehörschutz verstopft das Gehör nicht wie Ohropax, ist lange nicht so unangenehm, sondern regelt die Lautstärke einfach gleichmäßig runter, so wie ein Lautstärkeknopf am Radio. D.h, du hörst noch alles, aber leiser. Z.B. sowas hier: https://www.alpine-gehoerschutz.de/ohrstoepsel/musicsafe-pro/ – Kann man sich vom Akustiker auch maßanfertigen lassen, ist dann natürlich auch teurer. Man muss natürlich nicht jeden Kram kaufen, aber solche Dinger sind schon eine große Entlastung.

      1. Liebe Gabi,
        ganz lieben Dank für Deinen Tipp. Ich versuche seit 15 Jahren den für mich passenden Gehörschutz zu finden – ich habe bereits mehrmals maßangefertigte Ohrstöpsel machen lassen und die ganze restliche Palette durchprobiert. Mein Problem: mein Gehörgang ist so empfindlich, dass er sich bei regelmäßigem Tragen entzündet durch die Reibung, die selbst der weichste Gehörschutz unweigerlich verursacht. Ein-zwei Mal tragen geht, danach muss ich mindestens 1 Woche Pause machen.

        1. Hallo Steffi, Hast du auch schon diese amerikanischen Ohrstöpsel aus Silikon probiert, die eben keine Stöpsel sind? Es sind kleine knetbare Kissen, man drückt sie in die Ohrmuschel, nicht in den Gehörgang. Sind die einzigen, die ich vertrage, im Ohr drin kann ich auch nichts gebrauchen.

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