MINIMALISMUS und dann?

Es liegt schon einige Jahre zurück, ich hatte den kleinen Kommentar-Austausch mit Nadine schon fast vergessen. Die Webseite malmini.de gibts leider auch nicht mehr. Die Frage stand im Raum, was nach dem Ausmisten, nach der Reduktion der Dinge kommt? Nadine wohnt mit ihrer Familie in Norddeutschland und hat auf die Frage „Minimalismus und was dann?“ inzwischen eine Antwort für sich gefunden. Nadine war so nett, mir zu erlauben, ihren Brief an mich mit ihrer Antwort zu veröffentlichen. Vielen Dank, Nadine!

 

Liebe Gabi,
vor einigen Jahren hast du diese Frage in einem Kommentar unter einen Beitrag von Pia Mester (damals auf malmini.de) geschrieben. Dass die spannende Frage doch wäre, was kommt nach dem Ausmisten, was kommt nach der Reduktion?

Damals habe ich dir geschrieben, dass ich dazu gerne antworten würde. Eine Antwort mit der ich richtig zufrieden war, konnte ich lange noch nicht formulieren, weil ich noch im Prozess steckte. Jahre später kommt meine Antwort endlich:

Nachdem ich 2008 das erste Mal von Konsumverweigerung gelesen hatte, über Nieves Palmer, die Frau von Raphael Fellmer und über Judith Levine, die das Buch „No Shopping“ geschrieben hat. Das hat in mir was ausgelöst, ohne dass ich das genau benennen kann und es hat sich erstmal nichts verändert. Ein Umzug führte dazu, dass ich das erste Mal so richtig bewusst meinen Besitz hinterherfragt habe und ausgemistet habe, nur für mich alleine. Ich bin einfach nach meinem Wohlbefinden gegangen. Später habe ich in der Brand Eins 05/2013 das erste Mal vom Begriff Minimalismus und von Leo Babauta gelesen. Ich habe dann deutsche und amerikanische Blogs gelesen, und selbst grundlegend ausgemistet und das hat mir einfach gut getan.

Wobei: ich orientiere mich am Minimalismus. Aktuell lebe ich mit meiner Familie sesshaft und zufrieden in einem Reihenhaus. Wir besitzen mehr als minimal, weil dies einfach zu unserer Lebenssituation passt.

Was uns von einer anderen Familie unterscheidet: Bei uns ist alles bewusst ausgesucht. Wir besitzen so viel wie nötig und so wenig wie möglich, und gleichzeitig sind wir nicht dogmatisch. Wir sind eine Familie, und das darf man auch sehen.

Der grundlegende Unterschied für mich: Ich fühle mich frei im Kopf. Wenn es unser Wunsch wäre, würde ich hier jederzeit sofort ausziehen. Ich hätte kein Problem damit all unsere Sachen zu verkaufen, und nach Skandinavien auszuwandern. Oder innerhalb von Deutschland umzuziehen. Ich habe mich speziell für dieses Leben jetzt entschieden und zwar ganz bewusst, und ich tue es jeden Tag wieder.

Mir ist klar, dass mir nicht die materiellen Dinge wichtig sind. Ich brauche Material, um unser Essen zu kochen, um Besuch zu bewirten, ich benötige immer einen Stift und einen Block oder ein Heft, um Tagebuch zu schreiben. Ich lese gerne. Aber ich lasse alles wieder los. Normale Bücher gebe ich direkt weiter. Fachliteratur behalte ich manchmal, weil ich vor einiger Zeit den Bereich gewechselt habe und mich in gewisse Themen noch einlese oder diese längerfristig benötige. Das ist für mich okay.

Ich könnte heute auch wieder auf 12 qm leben, und mit anderen Menschen eine Gemeinschaftsküche teilen, wäre ich Single. Ich wäre sogar glücklicher als damals, als ich studierte. Heute würde ich auf diesen 12 qm wirklich nur das besitzen, was für mich wertvoll ist, und ich würde diese 12 qm viel ordentlicher und sauberer halten, als ich das damals getan habe. Ich würde viel besser mit meinem eigenen Geld auskommen, und hätte eine grundlegendere Zufriedenheit.

Was sich für mich verändert hat und meine Antwort ist, die hervorragend zu deinem Blog passt, liebe Gabi: Nach dem Minimalismus kommt für mich Achtsamkeit.

Heute interessiere ich mich nicht mehr spezifisch fürs Ausmisten. Es ist für mich zu einer Gewohnheit geworden, in regelmäßigen, sinnvollen Abständen unsere Vorräte durchzugucken, unsere Kleidung, und auch das Spielzeug von unserem Sohn. Ich kaufe mir manchmal wie früher zu viel Schreibblöcke oder Notizhefte und brauche diese Sachen auf, oder nehme sie mit auf die Arbeit und verwende dies dort.

Aktuell baue ich mir meine eigene Achtsamkeitsübungspraxis. Seit einiger Zeit mache ich eine Einzelbegleitung bei einer Achtsamkeitslehrerin, und meditiere mittlerweile regelmäßig. Ja, früher hatte ich dafür auch keine Zeit, heute nehme ich sie mir in meinem Alltag als berufstätige Mutter. Oder gerade deswegen. Die Auswirkungen, die das auf mein Leben hat, finde ich schwierig in Worte zu fassen. Einerseits geht es mir sehr gut, gleichzeitig und darüber wird, finde ich, oft geschwiegen, bringt einen die eigene Achtsamkeitspraxis auch an Themen, die man dann nicht mit Konsum oder sinnloser Beschäftigung überdecken kann.

Das was mir wirklich wichtig sind: Meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit, unser Garten, und danach kommt mein Fahrrad, Fotos (wobei ich meine digitalen Bilder massiv reduziert habe), mein aktuelles Tagebuch, und einige Bücher über Achtsamkeit oder Fachliteratur. Mittlerweile habe ich einen festen Übungsplatz in unserem Zuhause mit verschiedenen Hilfsmitteln. Der Unterschied zu früher: Die Meditation wurde zur Gewohnheit und erst danach habe ich mir das passende Zubehör gekauft. Am Anfang hatte ich nur ein einzelnes Meditationskissen.

Vor Jahren war ich als Erasmusstudentin im Ausland, und bin mit dem Zug dorthin gereist. Möbel besaß ich damals nicht, weil ich möbliert gewohnt habe. Ich habe in den Monaten nichts von meinen eingelagerten Sachen vermisst. Nichts. Tatsächlich fühle ich mich heute genauso frei wie als Studentin, die damals völlig ungebunden gewesen ist. Nur, dass ich dank der Achtsamkeit heute mein Leben noch bewusster lebe.

Liebe Gabi, diesen Brief als Danke schön für all die Impulse, die ich durch deinen Blog bekommen habe,

liebe Grüße
Nadine

 

Herzlichen Dank Nadine. Mich erinnern deine Zeilen an zwei Zitate, die ich hier gerne nochmal anfügen möchte:

“Love people, use things. The opposite never works.“ (The Minimalists)

„Like a sandcastle, all ist temporary. Build it, tend it, enjoy it. And when the time comes, let it go.“
(Jack Kornfield)

Eine Sandburg mit der Aufschrift: "Stop waiting"
Photo by James & Carol Lee

 

Zum Weiterlesen:

Achtsamkeit, Minimalismus und die Kunst, das richtige Maß zu finden

Achtsamkeit und Meditation – Tipps für Anfänger

Achtsamkeit – vom Umgang mit schwierigen Gefühlen

Black Friday und umfallende Reissäcke

 

6 thoughts on “MINIMALISMUS und dann?

  1. Danke!

    Ich bin gestern über Helen und Stefan Nearing gestolpert. Es ging um ein gutes Leben zu leben, ihre Werte leben. Darum gehts eigentlich auch hier.

    Andererseits micht macht das Angst. Unser Leben basiert auf Konsum. Wenn wir nichts kaufen würden, bricht alles zusammen. Jetzt werden die Umsätze durch „black friday“ angeheizt. Aber wenn ich jetzt einen Fernseher oder anderes kaufe, ich brauch nächstes Jahr keinen und werde beim nächsten „black friday“ auch keinen kaufen. Ja, ich überlege gerade, wenn ich was brauche, ob ich ein Schnäppchen mache, schließlich muss ich gucken, wo ich bleibe. btw. Audi baut die nächsten 5 Jahre 9500 Stellen ab. Was wird aus den Leuten?

    Konsumverzicht. Ich lebe! Schau den Kaffeeröster an. Sie verkaufen und machen nebenher noch Kaffee. Click & collect, ich bestelle und lasse an die Filiale liefern, das machen sie zusätzlich! Samstag abend zusätzlich auf die neue Wochenwelten umräumen. Es sind nicht mehr Leute. Verzichte, das doch ihr Arbeitsplatz! Dann wird ggf. noch weniger oder gar die Filiale geschlossen. Wir wollen doch u. a. faire Arbeitsbedingungen. Schwieriges Thema. Eigentlich hat der Kunde Macht, genauso wie der Handel und die Wirtschaft. Dachte ich.

    Wir brauchen dringend eine Idee, wie unser Leben aussehen könnte, um eine Alternative zu entwickeln. Minimalismus und wie die Richtungen alle heißen, darum gehts es grunde doch! Alles ist im Fluß.

    1. Dazu fällt mir einmal dieser Beitrag ein https://www.zeit.de/amp/wirtschaft/2019-11/klimapaket-massnahmen-bundesregierung-wirtschaftspolitik-wohlstand-nachhaltigkeit?

      Dann liegt der vorrangige Gewinn unseres aktuellen Konsum-Systems aus meiner Sicht auch nur bei einigen wenigen, sehr reichen bzw. gut verdienenden Menschen. Es ist ein Verteilungsproblem bzw. fehlende Verteilungsgerechtigkeit. Die Gehaltsschere geht immer weiter auseinander. Ganz praktisch erkennbar daran, dass ich als Sozialpädagogin noch 2001 nie für eine Familie, wo die Eltern im handwerklichen Bereich arbeiten, auch nur einmal irgendwelche Sozialleistungen wie Wohngeld, aufstockende Sozialhilfe beantragt habe. Heute mache ich das in der Regel durchgehend und immer: Entweder Wohngeld oder aufstockend Hartz IV. Das sind Menschen, die könnten auch bei extrem sparsamer Lebensweise nie im Leben über sowas wie Frugalismus und Rente mit 40 Jahren nachdenken. Die haben keinerlei Vorteil vom aktuellen System. Im Gegenteil. Ganz pragmatisch ist es auch so, dass mir ein gut verdienender Akademiker einfach nicht das defekte WC im Bad reparieren kann, auch nicht die defekte Wasserleitung in der Nachbarstraße. Das ist auch mit irgendeinem Handy-App nicht mal eben in den Griff zu bekommen. D.h., wir brauchen solche Berufe. – Ich behaupte mal, dass der durchschnittlich gut verdienende Informatiker bei minimalistischer oder gar frugalistischer Lebensweise noch sehr viel mehr Geld zur Verfügung hat. – Wir haben uns einfach dran gewöhnt, dass es so ist – auch, dass Unternehmen und Personen nur deshalb ins steuervergünstigte Ausland abwandern, um auch noch den letzten Cent an Steuern zu sparen, damit der Gewinn noch maximaler ist, während andere in die Röhre gucken. Ich bleibe dabei, dass sowas ein Skandal ist.

      Dann ist es auch einfach so, dass uns irgendeine florierende Wirtschaft in einer kaputten Umwelt wenig nutzt. Wenn wir das, was da ist, besser und gerechter verteilen, sorgsamer damit umgehen – damit wäre allen geholfen. Vielleicht hätte allerdings der ein oder andere Zeitgenosse ein oder zwei Häuser oder einige Aktienpakete weniger…

      1. Was jemand verdient ist einerseits Ergebnis von Angebot und Nachfrage andererseits der Politik. Verteilungsgerechtigkeit ist ein rotes Kampfwort , das niemandem hilft , sondern auf Neid beruht. Es muss nichts verteilt werden, wir sind nicht im Sozialismus , hoffe ich wenigstens. Deutschland hat die dritthöchsten Einkommenssteuern in den OSZE-Staaten. Für die, die lange gelernt und spät mit dem Arbeiten begonnen haben ist längst keine Gerechtigkeit mehr vorhanden. Das muss man von den Fragen Mindestlohn und ob gewisse Berufe unterbezahlt sind trennen. Es sollte unten aufgestockt werden ohne oben zu stehlen, sonst verlassen die Bestohlen irgendwann dieses Land.

        1. Hallo Thorsten, es geht mir nicht um irgendwelche politischen Schlagwörter. Das halte ich hier komplett raus. Es ist nur einfach das, was ich seit inzwischen Jahrzehnten direkt vor Ort von zahlreichen Fällen mitbekomme. Ich kenne inzwischen die Gehaltsabrechnungen sehr vieler in Vollzeit arbeitender Leute und weiß, was diese jeweils dafür leisten. Und ich weiß, das heute oftmals etliche hunderte Euros weniger auf den Gehaltszetteln stehen (netto!), als noch Anfang des Jahrtausends. Der Mindestlohn hat ein wenig Entlastung gebracht, ändert aber im Wesentlichen auch nichts. So etwas belastet auch die Sozialsysteme. Niedriger Lohn = weniger Steuern, weniger Krankenkassenbeiträge, weniger Einzahlung in die Rentenkassen, etc.. Dann die finanziellen Belastung für die Allgemeinheit durch die Finanzierung dieser ganzen ergänzenden Wohngeld- oder Aufstocker-ALG2-Leistungen. Ich habe in meinem Beruf zusammen gerechnet schon endlose hunderte Stunden damit verbracht, entsprechende Anträge zu stellen – auch auch solche Arbeitszeit kostet natürlich… Meine Ausbildungen mitgerechnet war mein Einstieg in die soziale Arbeit 1978 – vor 41 Jahren. Da bekomme ich natürlich einiges mit, auch was sich im Laufe der Jahre verändert hat.

          Im nachfolgenden Link gehts zwar vorrangig um die Rente, aber die OECD äußert sich auch zum überdurchschnittlichen Lohngefälle hier in Deutschland: (Über den Titel der FAZ kann man sich streiten, aber bei tagesschau und zdf fand ich den Hinweis auf das Lohngefälle nicht…hm…) https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/altersarmut-in-deutschland-oecd-verreisst-deutsches-rentensystem-16506296.html

          Dann gäbe es noch das: https://wirtschaft.com/deutschland-lohnschere-vergroessert-sich-massiv/ oder

          https://www.deutschlandfunk.de/armutsforscher-niedriglohnsektor-ist-haupteinfallstor-fuer.769.de.html?dram:article_id=221440 oder

          https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-03/armutsbericht-2017-deutschland-paritaetischer-wohlfahrtsverband-faq

          Man kann sich auch den offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung anschauen. Auf Seite 11 u.a. die Erhöhung der Armutsrisikoquote seit 1995 https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Pressemitteilungen/2017/5-arb-kurzfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=2 – einige Seiten später, wie sich die hohen Einkommen entwickelt haben.

          usw usw usw…

          1. Ja schon gut. Alles akzeptiert. Nur las es sich für mich so , dass gegen Informatiker/hohes Gehalt/Vermögen/Immobilien/Aktien geschossen wurde. Das hat mich persönlich getroffen. Wir müssen aufpassen, dass sich jegliche Leistung im Land lohnt, ehrlich erworbenes Vermögen geschützt bleibt. Wer nicht arbeiten kann, soll zu freiwilligen Diensten verpflichtet werden, sofern arbeitsfähig. Wer etwas bekommen möchte , sollte etwas leisten für die Gemeinschaft. Und dann davon leben können ohne Gängelung oder Armut.
            Das Lohngefälle ist da, aber die Gehälter sind insgesamt zu niedrig. Seit 20 Jahren Stillstand, auch für die Akademiker. Ein Truckerfahrer in den USA verdient 80.000 €, jede Sekretätin in der Schweiz verdient mehr als ein Deutscher Ingenieur als Einstiegsgehalt hat. Die Mieten sind nicht zu hoch, die Gehälter sind zu niedrig.

          2. Nein, geht nicht gegen Gutverdiener. Es ist halt so eine Hausnummer, wenn man ständig mitbekommt, dass auch die Vielarbeiter mit Vollzeit und Überstunden kaum aus den Sozialleistungen rauskommen.

            Vielleicht sollte ich die letzten Jahre Truckerfahrerin den den USA werden oder noch besser Sekretärin in der Schweiz? Dann spare ich mir den Co2-Flugballast. Ich kann im 10-Finger-Blindsystem tippen und Dialekte nachahmen habe ich schnell drauf 😂

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