Digitale Kindheit: Brauchen Dreijährige eine Kamera?

Ich freue mich über einen Gastbeitrag von Tanja Heller:

Digitale Kindheit: Brauchen Dreijährige eine Kamera?

Liebe Kinder,

ich wünsche Euch, dass Ihr Euch selbst ein Bild machen dürft und Stifte in die Hand nehmen. Her mit den Kunstwerken! Die Phantasie macht die besten Filme. Ich wünsche Euch Eltern, die Geschichten erzählen und vorlesen, statt Plastikmonster zu schenken. Mit Ohren, die Euch zuhören und Augen, die genau erkennen, wie einzigartig und wunderbar Ihr seid! Und nicht das sehen, was sie in Euch sehen wollen.

Erwachsene, die Euch echte Abenteuer erleben lassen. Denn: Ihr braucht einen Raum zur ungestörten Entfaltung – ohne sie. Einen Ort mit Zauberwänden, der nur Euch gehört. Mit richtigen Freunden, die machen gute Laune, statt Euch vor Handy, Tablet und Spielekonsole sozial zu isolieren. Jede Stunde davor ist gestohlene Spielzeit, die sich nicht nachholen lässt. Ich hoffe, dass Ihr Banden bildet, wild und frei seid und Mangafiguren entkommt.

Malt einen Baum blau an und kämpft für Eure Rechte, wenn sie Eure Spielstraße zubauen wollen. Da war ich 5. Den Baum gibt es immer noch. Keine Sorge, er ist nicht mehr blau. Ich wünsche Euch, dass Ihr selbst Eure Welt gestalten könnt.

Wir spielten am liebsten „Alles ist alles“. Was wir dazu brauchten? Nichts. Streift durch Feld und Wiesen und springt durch jede Pfütze. Ich weiß heute noch, wie sich die Wege meiner Kindheit anfühlen, alle gründlich abgehopst und auf Rollschuhen. Einmal fanden wir im Wald einen alten Linienbus und flogen zum Mond.

Es braucht Erwachsene, die die Welt mit Kinderaugen sehen, Euch vor den Marketingstrategen schützen und nicht zu Konsumenten von Morgen machen. Dreijährige brauchen keine Kamera! Raubt ihnen bitte nicht die Kindheit! Und filmt nicht ungefragt ihr Leben.

 

Portrait Tanja Heller
Tanja Heller

Tanja Heller ist Freie Werbetexterin und Minimalistin aus Leidenschaft

 

20 thoughts on “Digitale Kindheit: Brauchen Dreijährige eine Kamera?

  1. Moin,

    mein kleiner Enkel ist jetzt 14 Monate alt und wächst mit dem digitalen Zeitalter und auch den Handys/Smartphones auf. Seine Eltern nutzen diese fleißig und binden auch das Kind mit ein in der Form, dass viele Fotos geschickt werden, auch an mich und mitunter auch Videotelefonate geführt werden. Ansonsten eine ganz normal Kindheit, auch mit Vorlesen, Spielplatz und viel engem Kontakt.
    Es lässt sich heute nicht vermeiden, dass die Kinder mit diesem Medium aufwachsen. Es gehört zum Alltag dazu und auch in der Schule werden Computer usw. genutzt. Daher ist es wichtig, dass die lieben Kleinen von Anfang an lernen, vernünftig damit umzugehen. Verbote helfen da nicht!! Die Eltern müssen hier die Regeln und Grenzen definieren und diese müssen überwacht werden. Jedes Verbot erhöht eher die Neugierde der Kinder, die sich dann später bei Freunden das holen, was sie Zuhause nicht dürfen. Spätestens, wenn die Kinder im Schulalter sind, können die Eltern so und so nicht mehr überwachen, was die lieben Kleinen bei den Freunden auf den Handys ansehen. Ein großes Problem, daher muss mit ihnen so früh wie möglich über die Gefahren geredet werden.
    Ich als Oma, mache mir natürlich auch meine Gedanken. Früher war es der TV Konsum und der Gameboy, heute sind es das Smartphone und das Internet.

    Ich wünsche frohe Weihnachtstage

    1. Sehe ich letztlich genauso. Smartphones sind praktische Geräte, wenn der Umgang damit stimmt und Kinder trotzdem noch unbeschwert und ohne Dauerkonsum aufwachsen können. Was sich im Vergleich zu früher jedoch verändert hat, das Ausmaß an Intensivnutzung. Das Problem der Mediensucht ist aus meiner Erfahrung heraus, heute nochmal sehr viel präsenter drängender, als früher. Gerade Onlinespiele haben mehr Suchtpotential, werden z.T. auch bewusst so programmiert, als das im Vergleich bei Fernsehsendungen und die Gameboys früherer Tage der Fall war.

  2. Radio aus. Nur US-Mist, ich ertrage keinen dieser Weihnachtssongs.
    Zum Artikel : Wie wäre es, wenn man den Müttern das Handy wegnehmen würde ? Dann hätten sie auch wieder einen Blick für den Straßenverkehr und könnten ihr Kind anlächeln, das sich ansonsten vergeblich bemüht die Augen der Mutter zu sehen und auf das Handy gedrillt wird, was wichtiger zu sein scheint als das Kind.

    1. Oh, da sagst du was. Ich glaube nicht, dass irgendwer dieser Smartphone-Eltern klar ist, welche Bindungs- und Beziehungsstörungen sie gerade bei Säuglings- und Kleinkindern damit anrichten können. Mal abgesehen von der Aufsichtspflicht, die Eltern nunmal haben. Das kann böse ins Auge gehen. Bin gespannt, wann da der erste Fall vor dem Familiengericht landet, weil irgendwas passiert ist, weil der Elternteil auf dem Smartphone rum gedaddelt hat, statt auf das Kind zu achten, dass dann mal eben auf die Straße lief…

  3. Oh ja, Banden bilden, da wird es mir ganz warm ums Herz, machte das doch einen großen Teil meiner Kindheit aus. Durch den Wald und übers Feld gestreift, Dämme gebaut, in Höhlen gekrochen und im Dunklen mit der Taschenlampe durchs Wohngebiet und an die Fenster und Türen geklopft und dann weggerannt. Man, hatten wir einen Spaß!
    Gibts jetzt sicher kaum noch so. Eigentlich ein Jammer, was unsere Kinder versäumen, das ist verlorene Kindheit, aber gewonnene Konsumenten.
    Und auch bedenklich, dass dieser Wandel innerhalb einer relativ kurzen Zeit stattgefunden hat. Die digitale Welt frisst die Kindheit auf. Und macht Kinder schon viel zeitiger zu Brillenträgern, als wir es geworden sind. Auch die Optiker sind die Gewinner.
    Trotzdem sollten wir versuchen, unseren Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein mitzugeben und ihnen klarmachen, dass sie nicht jeden digitalen Sch…. mitmachen müssen, um dazu zu gehören.
    Mein Kind ist 10 und hat nur ein „Not-Handy“, welches ich ihr mitgebe, wenn sie unterwegs ist. Mit ein paar eingespeicherten Nummern und sonst nichts. Mir ist aber klar, dass ihr das sicher bald nicht mehr reichen wird. Der Zeitgeist fordert halt seinen Tribut.
    Ist sicher von Kind zu Kind verschieden, aber unter 10–jährige sollten an die Luft oder mit Lego und Barbie spielen. Mit drei Jahren Kamera? Ja, aber dann so ein quietschbuntes Plastikteil ohne Funktion – wenns denn halt unbedingt sein muss. 🙂

    1. Deine Idee mit dem „Not-Handy“ finde ich klasse. Wenns dann irgendwann nicht mehr ohne Smartphone geht, würden ein paar Regeln, wie klare Zeitbegrenzung, nicht beim Essen, nicht abends mit ins Zimmer nehmen, etc. ja auch helfen. Zum Glück gibts ja auch noch Familien, die trotz der ganzen digitalen Überflutungen, ihren Kinder noch solche wunderbaren Spiel- und Naturerlebnisse ermöglichen.

  4. Oje, die wachsen schon damit auf. Als ich klein war, da war das Leben noch anders. Kann man nicht vergleichen.

    Ich hab selber ein Smartphone. Vor 6 Jahren eines geholt und brauchte ein halbes Jahr, um alles einzurichten. Das ist so kompliziert und nicht selbsterklärend. Um beispielsweise eine SMS zu löschen, muss ich erst „löschen“ tippen, dann alles markieren usw. Umständlicher geht’s nicht!

    Wozu brauche ich das? Um unterwegs zu telefonieren. Ärzte oder Handwerker erreiche ich zu den „Büro“-Zeiten. Wenn ich mich verspäte. Für den Notfall. Auch ist die moderne Elektronik geschickt, um in Kontakt zu bleiben.

    Als ich kleiner war, alles war Teufelszeug. Taschenrechner, Fernseher usw. Wir wurden mit Hausaufgaben überhäuft, damit wir nicht auf dumme Ideen kommen. Doch ein konstruktiver Umgang lernte ich nicht.

    In der Schule lernte ich noch selbständiges Denken, so ab dem Wirtschaftsgymnasium. Heute nicht mehr. Die seichte Dauerberieselung ist mir auch ein Graus. Wann will heute nur aufgedrehte Kinder, die sich selber nicht behelfen können, geschweige nachdenken und reflektieren können. Okay, ja. Schon traurig.

    Schwieriges Thema. Wenn das Kind nicht das „richtige“ Smartphone hat, wird es gemobbt und ausgegrenzt. Dann ist man nicht bei der Gruppe und nicht sozial, wie meine Lehrer ständig lauerten. Heute fängt es schon im Kindergarten an.

    1. Es gibt tolle Apps. Fahrplan oder Online-Banking. Sogar eine Fahrkarte kann man herauskurbeln. Nachts bequem das Navi aufrufen, statt unheimliche Gestalten nach dem Weg fragen. Es gibt auch das Heimwegtelefon.

      Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und bleibe ich liegen, kann ich den Abschleppdienst anrufen. Schnell Fotos machen.

      Aber braucht das ein 3-jähriger ???

  5. Im Wald einen alten Linienbus? Was war das denn für eine Umweltsünde? 😀

    Meine Halbgeschwister sind 3 und 5. Ihre Mutter ist Afrikanerin und lernt noch Deutsch. Um von Anfang an Deutsch zu lernen, waren die Kinder mit ein paar Monaten schon den ganzen Tag in der Kinderkrippe, heute im Kindergarten. Das hat ihnen nicht geschadet im Gegenteil, die beiden sind heute sehr selbstbewusst und soziale Menschen. Zuhause werden die Kinder von der Mutter nur vor dem Tablet oder Fernseher abgestellt, der Fernseher läuft den ganzen Tag (würde mich wahnsinnig machen). Ich finde es furchtbar, die Mutter kennt/kann es nicht anders aber dadurch, dass sie das sonst im Kindergarten nicht haben, zum Glück halb so schlimm.

    1. Ach ja, noch etwas, es hat mich schon beeindruckt, wie der 5-jährige auf meinem Laptop ganz ohne anderes zu tun Netflix und Kinderserien gefunden hatte. 😳
      Sie selbst haben nur Tablet daheim, eigentlich keinen Zugriff auf eine Windows Oberfläche.
      Die bedienen Elektronik schon intuitiv und er hilft seiner kleinen Schwester wenn sie mal mit dem Tablet nicht weiter kommt, weil sie auf einer anderen Seite gelandet ist und ihre Videos nicht findet. Sie bringt es direkt zu ihm. Es ist schon irre.

  6. Ich hatte mich gestern mit den Kollegen unterhalten. Einer hat schon Enkel von 6 bis 10 Jahre. In der Grundschule wird schon von den Lehrer mit den Eltern und Schüler per WhatsApp kommuniziert. Die ältere mit 10 will nun ein Smartphone. Der jüngste freut sich über Geo und Wissenschaftsspiel, weiß viel über Dinosaurier. Geht gerade zur Schule, ja wann ist Zeit für draußen?

    Die Kinder von Bekannten. Wissen alles über Autos. Im Schaubauernhof konnten die Eltern ihren Kinder nicht einfache Dinge über Kühe erklären! Meine Groß- und Eltern hätten es noch gewußt.

    Im Supermarkt gegen Frühling. Die Mutter schiebt ihr Kind durch Gemüse und Obstabteilung. Nein, das hat nicht Saison. Kind freut sich über die Erdbeeren. Ich hätte es gekauft, damit er wenigstens Obst ißt was er mag. Nein, nicht Saison!!!! Sie kauften einen … Kürbis! (Wächst im Herbst und ist Lagerware. )

    Ich frag mich manchmal wirklich. Kinder von sehr guten Bekannten schenkten wir eine Kamera, eine kleine Kompaktkamera, zur Kommunion mit 8 Jahren. Bei denen ist es mit 8 Jahre. So gut kenn ich damit auch nicht aus. Das macht Sinn. Es ist immer noch was „Besonderes“.

    Viele Kinder bekommen Puderzucker in den Hintern geblasen! Ihr Schätzchen, ihr Prinzchen, ihre Prinzessin, ihr Liebling. Sie lernen nicht, dass man anstrengend muss. Parkt der Sohn mit 30 die Garage zu, kommt die Helikoptermama angeschossen!

    Ja, auf der anderen Seite, in der Schule fängt es an. Du musst das und das haben, diesen Pulli, dieses Tuch, die Barbie-Puppe, dieses Smartphone, sonst wirst du ausgeschlossen. Ich erinnere mich an meine Abschlußklasse mit 14: Tanzschule und Italienisch. omG, wenn ich zuhause fragte! So war ich der Außenseiter. Wenn heute in der Grundschule die Lehrer per WhatsApp kommunizieren, tja. Die Kinder gucken auch viel von den Erwachsene ab.

    1. Die Phantasie und Kreavität, die legt man ab der Schulzeit ab. Nur wenige Erwachsene wissen das noch. Das finde ich so traurig. Gestalten, etwas schaffen, wer kann das noch?
      Teile von meinen Möbel, ich habe andere Haken und Griffe dran geschraubt. Ich habe Regalböden verstellt, damit ich Regale drunter schieben kann. Ich habe zwei Wände farbig gestrichen. Wenn ein Handwerker kommt, ich gucke interessiert zu und bin dabei! Hast du schon mal dein Auto von unten gesehen?
      Für mich alles normal! Für andere nicht. Bei Kinder aberzogen. Irgendwie traurig, gelle?

      1. Im Bus höre ich die Jugendliche unterhalten. Auf den Pizzaboden kommt noch so ein rotes Zeug. Hosen kürzen? Die Mutter hat so eine Maschine, weiß es auch nicht.

        Als ich Teeny war, noch ganz anders. Wir wußten uns zu helfen, fragen wir A oder B. Probieren wir es einfach aus! Heute??

        Das finde ich erschreckend!

    2. Wer über die im Smartphone daddelnden Teenies (sehr berechtigt!!) stöhnt, möge mal unterwegs auf die Erwachsenen achten (an der Haltestelle, in der Bahn, beim Arzt, im Restaurant, …) 🤦 Herrje…. Das ist wirklich manchmal ziemlich schräg.

    3. Das Problem heute ist, dass Phantasie oftmals nicht erst in der Schule abgelegt wird. Das beginnt nicht selten schon viel früher. Entweder durch den Hyper-Medienkonsum oder die Zeit der armen Kids wird total durchgetaktet mit tausenderlei Terminen. Letzteres ist allerdings auch kein neues Problem, leider.

      1. Da hast du schon recht.

        In den 70-iger Jahren lief Barbapapa. Schöne Serie, die auch Zeit liess. Ich hatte zufällig morgens um 5 Uhr (!) den Fernseher eingeschaltet. Es lief ein Comicsfilm für Kinder. Schnelle Schnitte, schnelles Tempo. Jesses! Für Kinder?

        Ich erinner mich an die 90-iger Jahre. Schöne französische Fime. Die 7. Saite beispielsweise. Die ließen Zeit, die Geschichte und die Personen zu entwickeln.

        Schau nur die Werbung an. Schrei brüll, kaufi! Schnelle Schnitte. Was war das? Die älteren Werbefilme, das macht richtig Spaß die zu gucken. Kunst, Musik, Theater usw. genauso! Die ersten Fernsehshow. Heiteres Ratespiel mit Robert Lemke. Gibt’s heute noch in Form „Ich trage einen großen Namen“, aber eher die Ausnahme.

        Sport. Brüll, schrei! Warum dieses Geschrei? JEden Samstag nachmittag, brüll schrei! Wegen gar nichts.

        Geh ich nur in den Supermarkt, Dauerberieselung. Überall der Krach und diese Hektik. Seh die Schüler montag morgens im Bus, völlig durchgedreht. Die Erwachsene auch nicht viel anders.

        Was läuft hier schief?

  7. Hallo liebe Gabi, liebe Tanja,

    der heutige Text spricht mir aus dem Herzen. Ich wünsche euch eine kreative und schöne besinnliche Weihnachtszeit ohne den ganzen unnötigen Konsum der restlichen Gesellschaft. Last uns Zeit schenken. Davon haben wir alle zu wenig.

      1. Viel Zeit und bloß kein Streß! 🙂

        Besonders die in den Dienstleistungen, Fahrer, Hausmeister, Putzmenschen, Müllmenschen, Services, Köche und Notdienstler wie Strom-Gas-Wasser, DRK oder Feuerwehr, IT, Teleknom, Handel. Wir sehen oft nur die Menschen, die vorne stehen wie Verkäufer, selten die im Hintergrund werkeln oder erreichbar sind.

        Letztes Jahr gab es eine Edeka-Werbung. „Ich muss nicht dies, ich muss nicht jenes …“ Sovieles ist nicht wichtig.

        Vieles schöne, anregende Momente und glückliche Weihnachen!

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