Mehr Zeit, mehr Freiheit, weniger Ballast

Rückblende – richtige Entscheidungen?

Vor einigen Tagen bemerkte ich, dass ich immer wieder auf meine langjährige Arbeitszeit zurück blickte. Habe ich mich richtig entschieden? Immerhin gibts durchaus  Berufe, wo ich weniger Stress und mehr Geld hätte. Wäre es nicht besser gewesen, vielleicht doch irgend etwas anderes beruflich zu machen, als ausgerechnet Sozialpädagogin?

Nein! Allen Widrigkeiten und Schwierigkeiten zum Trotz. Ich kann nur hoffen, es scheitert nicht irgendwann daran, dass der gesamte Sozialbereich restlos kaputt gespart ist. Ich habe zwar einen mitunter schwierigen, aber auch sehr lebendigen Beruf. Es geht nicht ohne eigenverantwortliches und selbständiges Handeln. Das mag ich sehr. Ich habe mit konkreten, lebendigen Menschen zu tun. Nie käme ich damit klar, irgendwelche Dinge, Versicherungen und was auch immer zu verkaufen. Das würde gnadenlos scheitern, weil es mich einfach überhaupt nicht interessiert. Ich brauche mich auch nicht durch die Strukturen eines Lehr- und Stundenplans einer Schule quälen. Das wäre mir viel zu eng und ich wäre garantiert den ganzen Tag damit beschäftigt, all diese starren Regeln auf den Kopf zu stellen. Genau das wäre aber Sisyphusarbeit. Weder hätte das Schulsystem, noch ich etwas davon.

Zuviel Zeit investiert

Was mich an meinen zurückliegenden Arbeitswelten gestört hat: Ich habe viel zu viel Zeit investiert. Arbeiten bedeutete, eine Zeit lang auch an Wochenenden tätig zu sein, Bereitschaftsdienste und die „Normalität“, 12 Tage ohne Pause durchzuarbeiten. Es gab Wechelsdienste, Arbeitsverdichtungen sowieso. Dazu die lange Fahrzeiten, in denen ich entweder mit dem Auto im Stau stand, in vollen Zügen saß oder an kalten Bahnsteigen auf verspätete Züge wartete. Irgendwann bemerkte ich dann, dass sich der Wunsch breit gemacht hatte, mir durch Konsum, daß Leben ein wenig aufzuhübschen. Aber es entlastete mich nicht und meine Unzufriedenheit und der Wunsch, etwas zu verändern, nahm zu.

Mehr Zeit

Das, was mir inzwischen wirklich wichtig geworden ist: Zeit. Einfach das Leben und die Lebendigkeit in mir spüren. Den Kaffee beispielsweise nicht hektisch zu schlürfen, sondern ihn zu genießen. Beobachten, wie der Tag langsam heller wird. Stille einatmen. Dem Rhythmus des eigenen Lebens folgen. So viel Zeit und Energie haben, dass ich  meine Arbeitswelt noch immer gestalten kann und nicht nur ein Punkt nach dem anderen Punkt abhaken muss.

Weniger Ballast

Dinge, die unnötig sind, engen ein. Sie kosten nicht nur Geld, sondern auch die Zeit, die ich investiere, das Geld zu verdienen und auszugeben. So etwas empfinde ich wie einen riesigen Rucksack, der wie Blei auf meinen Schultern lastet. Jahrelang habe ich Wohnstandards viel zu wenig hinterfragt. „Man“ hat eben ein Bettgestell, ein Sofa, ein Kleiderschrank, usw.. Aber geht es mir überhaupt gut damit? Minimalismus war eine Befreiung für mich. Ich habe mich mit den meisten Möbeldingen nie richtig wohlgefühlt und so kamen und gingen diese Dinge immer wieder. Ich widmete ihnen viel zu viel Aufmerksamkeit. Wie verrückt ist das, viel Geld für einen Schrank auszugeben, damit ich darin u.a. das Zeug horten kann, welches ich eh nicht nutze und brauche?

Mehr Freiheit

Die meisten Menschen können nach wie vor kaum nachvollziehen, warum die relativ wenigen Dinge, die sich in meiner Wohnung befinden, für mich nicht wenig Dinge sind. Es ist mir eher immer noch zu viel. Ich folge damit nicht irgendwelchen modischen Entwicklungen. Wozu auch? Die ändern sich ja ohnehin immer wieder. Mit 56 Jahren gehöre ich definitiv nicht zur Generation Y, die so oft mit Minimalismus als Lebensstil in Verbindung gebracht wird. Erst recht muss ich nicht irgendwelchen Teenie-Träumen folgen. Ich gehöre auch nicht zu denen, die in Kindertagen mit Konsum überspült worden sind und nun die Nase davon voll haben. Ich muss mich aber auch nicht an die Gewohnheiten und Standards „meiner Generation“ anpassen. Ich wollte mich nie für ein Eigenheim quälen. Selbst von meinen derzeitig bewohnten 35qm, sind 10qm überflüssig. Ich muss nicht einmal die Welt retten. Ich bin außerdem so froh, dass ich mich nicht mehr um die Blechkiste auf 4 Rädern kümmern muss. All das ist für mich wirkliche Freiheit, wirklicher Luxus und purer Lebensgenuß.

Blick in ein fast leeres Zimmer: 3 Stühle - auf einem Stuhl steht ein Drucker. Rechts im Bildrand ein Schrank. Am linken Bildrand ein unnutzer großer Spiegel.
Blick auf die ca. 10 qm meiner Wohnung, die ich kaum nutze.

Ist Minimalismus Unsinn?

Nah dran am Leben

Es war kürzlich bei einem MBSR Übungsabend und einem längeren Bodyscan, als sehr hartnäckig innere Bilder vor meinem Auge vorbei zogen, die zunächst mal nichts mit Minimalismus zu tun hatten. Während ich beim Bodyscan versuchte, immer wieder zur Wahrnehmung meines Körpers zurück zu kehren, tauchten dann doch immer wieder die Erinnerungsbilder an die viele Menschen auf, die ich im Laufe der Jahre beruflich begleitet habe.

Als Sozialpädagogin bin ich in der Regel nah dran am Leben. Immer geht es darum, Lösungen und Lebensqualität zu finden. Vielfältigste Themen und Probleme gab und gibt es immer. In den zurückliegenden Jahren habe ich mitbekommen, wie in etlichen Berufen, die immer niedriger werdenden Löhne, zu immer mehr sog. Hartz IV-Aufstockern führten. Ich erlebte die qualitativen Unterschiede zwischen der früheren Sozialhilfe und dem späteren Antragsdschungel von Hartz IV, bekam die schleichende personelle Verschlechterung in der sozialen Arbeit mit. Hautnah erlebte ich aber auch, dass eine gute finanzielle Ausstattung nicht zwangsläufig zu einem entspannten Lebensalltag, schon gar nicht zu persönlicher Zufriedenheit führt. Ich sah, wie sich die Krankheiten von Menschen auf deren Alltag auswirkten. Ich musste einen Umgang damit finden, wenn deutlich wurde, dass ein Kind eine schwerwiegende Behinderung hat oder es sogar zu Todesfällen in Familien kam. Ich habe auf vielen Sofas gesessen, überfüllte und kärglich ausgestattete Wohnungen kennengelernt.

 

Minimalismus – nur oberflächlicher Unsinn?

Eigentlich befand ich mich aber immer noch beim Bodyscan in der MBSR-Übungsgruppe, als all diese zuvor beschriebenen Erinnerungen an meinem inneren Auge vorbei zogen. Und während ich diese auftauchenden Bilder auch immer wieder loslassen konnte, wurde eine Frage immer drängender für mich: Angesichts dieser vielen existentiellen und z.T. sehr dramatischen Lebenssituationen: Wie unwichtig ist da so etwas wie Minimalismus als Lebensstil? Ist das nicht völliger Unsinn? Letztlich nur oberflächliches Zeugs angesichts der menschlichen Dramen, die ich so oft erlebt habe? Warum befasse ich mich überhaupt damit? Achtsamkeit mag da ja noch sinnvoll erscheinen, aber Minimalismus? Ist das vielleicht nur ein nettes Hobby? Ein Ablenkungsmanöver vom wirklich Wichtigen? Eine schräge Zeiterscheinung einer materiell übersättigten Gesellschaft?

 

Minimalismus – es geht letztlich nicht um Dinge

Ganz klar und schnell fand ich die Antwort: Minimalismus macht Sinn, es geht auch nicht um die Anzahl von Dingen. Wer kennt das nicht: Nach all der Anstrengung sich endlich etwas gönnen. All die vermeintlich schönen Dinge, weil der Arbeitstag vielleicht stressig war, weil man sich belohnen will oder irgendwie unzufrieden ist, also all die kleinen und großen Frust- und Belohnungskäufe. Diese führen aber nur kurzfristig zu Ablenkung, nicht zu wirklicher Verbesserung. Eine volle Wohnung sollte nicht mit einem erfüllten Leben verwechselt werden.  
Minimalismus ist eine Möglichkeit, sich auf den Weg zu machen, die eigenen materiellen Besitztümer auf Sinn und Unsinn zu durchforsten, Überflüssiges loszulassen und sich der entscheidenden Frage zuzuwenden:

 

Was will und brauche ich wirklich?

Diese Frage bezieht sich auf Dinge, aber auch darüber hinaus: Von was lenke ich mich durch diesen ganzen Über-Konsum eigentlich ab? Von Ärger? Stress? Existenzängsten? Will ich „nur“ dazugehören, mithalten? Mit wem? Mit was? Was brauche ich denn darüber hinaus?

Auch mir geht es nicht um viel oder wenig Dinge. Eher ist es so, dass ich nach all den vielen täglichen Eindrücken ein eher ruhiges und anregungsarmes Umfeld brauche. Die genaue Anzahl von Dingen ist mir völlig egal. Aber freie Flächen empfinde ich als wohltuend. Die Kombination von weiß und warmen Holztönen entspannt mich. Es gelingt mir dann sehr viel besser, wieder „runter zu kommen.“  In einem einfachen, minimalistischen Umfeld bin ich direkter mit mir und weniger mit der Ablenkbarkeit der Dinge um mich herum beschäftigt. Das ist natürlich mitunter nicht einfach. Aber ich erinnere mich dann u.a. sehr viel schneller, dass ich – zum Glück – nicht der Mittelpunkt der Welt bin, das Wohlergehen der vielen Menschen und ihrer Schicksale, nicht allein von meinem Tun abhängen. Zu meinen, „ohne mich geht nix“, ist anmaßend, überheblich und auch eine Form der Selbstbeweihräucherung, vielleicht auch so etwas wie ein „sozialer Höhenkoller“. Genau deshalb liebe ich mein Bild mit den Gräsern so. Es erdet mich und erinnert mich daran, dass wir Menschen letzlich nur ein Stück Natur sind, genauso wichtig und unwichtig wie diese Gräser.  Diese Erkenntnis entlastet und befreit mich.

 

Achtsamer mit Menschen und Dingen umgehen

Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als meine praktische Konsequenz der formalen Achtsamkeitspraxis. Achtsamer werden mit mir selbst, mit den mit den mich umgebenden Menschen, mit unserer Lebenswelt – aber eben auch ganz konkret mit den Dingen, mit denen ich mich umgebe. Indem ich mich immer wieder innerlich und äußerlich auf das Wesentliche konzentriere, bin ich ich ruhiger, entspannter, aber auch sehr viel aufmerksamer und präsenter in meiner beruflichen Arbeit geworden. In einer Überfülle an angesammelten Dingen würde mir dies sehr viel schwerer fallen.

 

Minimalismus und der Austausch über Generationsgrenzen

Noch ein Aspekt fasziniert mich am Minimalismus: Der Austausch über diese Lebensweise überspringt die Generationsgrenzen. So unterschiedlich wie Lebenserfahrungen, Lebensläufe, Entwicklungen sind, erlebe ich es als nahezu komplett unwichtig, ob ich mich mit mit einem jungen Erwachsenen Anfang 20 austausche oder einem Menschen, der noch deutlich älter ist als ich. Die Vielfalt der persönlichen Ausformungen minimalistischer Lebensweisen und Prozesse ist immer wieder interessant, anregend und inspirierend. Daher: Herzlichen Dank, liebe Mit-Minimalisten!

 

 


Filmtipp: „From Business to being“

„Wie wollen wir leben und arbeiten?“

mit dieser Frage beschäftigt sich der Dokumentarfilm „From Business to Being“, der am 2.2.2017 in die Kinos kommt und u.a. im Ruhrgebiet auch in Bochum im Endstation-Kino zu sehen sein wird. Die beiden Filmemacher Hanna Henigin und Julian Wildgruber schreiben zu diesem Film:

 

„Wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der wir uns von Mensch zu Mensch begegnen, in der wir uns geliebt fühlen, und in der wir mit Begeisterung tun, was uns interessiert. Wir glauben, dass das keine Utopie ist, und wir wissen, dass wir dafür bei uns selbst anfangen müssen. Auf der Suche nach Wegen, wie diese Vision Wirklichkeit werden kann, haben wir uns von Begegnungen mit spannenden Menschen leiten lassen. Aus diesen Begegnungen ist dieser Film entstanden. From Business To Being ist daher sozusagen ein Experiment, das dazu einlädt, sich die Frage zu stellen: Wer bin ich? Was begeistert mich? Und wie lebe und handle ich entsprechend? Und gleichzeitig unsere Antwort darauf.“ (Quelle: http://business2being.com/de/)

 

In unserer heutigen Arbeitskultur, wo sich Mitarbeiter_Innen vieler Unternehmen einem enormen Druck ausgesetzt fühlen, erzählt dieser Film die Geschichte von drei Führungskräften, die den Weg aus diesem „Hamsterrad“ gesucht haben. Es wird der Frage nach gegangen, welche Fähigkeiten Führungskräfte künftig haben müssen und ob Meditation und Bewusstseinstraining helfen können, sich von stresserzeugenden Denk- und Handlungsmustern zu befreien. In dem Film wird thematisiert, was heute so häufig fehlt: Die Fähigkeit zum Innehalten, zur Achtsamkeit für das Hier und Jetzt. Denn mit dem Dauerstress geht uns auch eine wichtige Fähigkeit verloren: die Fähigkeit zu Kreativität und Innovation – gerade auch für die sozialen Herausforderungen unserer Zeit.

 

Die offiziellen Trailer zum Film (deutsch & englisch):

 

 

Kinotermine:

Vorführungen (Orte, Zeiten) können hier nachgelesen werden: Business2being und Mindjazz-Pictures

Im Ruhrgebiet ist der Film in Bochum-Langendreer im Endstation-Kino zwischen dem 9. und 15.2.2017 zu sehen. Das offizielle Programmheft für Februar erscheint Ende Januar und kann dann auch auf der Webseite eingesehen werden: http://endstation-kino.de/

Auf Anfrage hin, hat mir das Kino Endstation bereits die genauen Vorführzeiten genannt:

Donnerstag 09.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Freitag 10.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Samstag 11.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Sonntag 12.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Montag 13.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Dienstag 14.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Mittwoch 15.02.17 17:15 From Bussiness to Being

 

DVD / Blue Ray:

Für Interessierte kann der Film auch als DVD / Blue Ray vorbestellt werden:

Vorbestellung

 

 


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Downshifting – 3 Schritte für mehr Lebensqualität

Höher werdender Arbeitsdruck einerseits, überhaupt eine Arbeitsstelle zu bekommen, drohende Arbeitslosigkeit, viele befristete Arbeitsstellen, flexibles Arbeiten, evtl. häufiger wechselnde Arbeitsorte. All das ist in der Regel heute Realität. Und auch wer selbständig ist, weiß letztlich nie, wann der nächste Auftrag kommt, ob das Geld zum Leben reichen wird.

Bei mir sind es jetzt über 33 Jahre, die ich berufstätig bin. Auch wenn ich zwischenzeitlich den Arbeitsplatz gewechselt habe, habe ich sogar den Luxus einer unbefristeten Stelle. Aber so luxeriös ist das auch nicht: Auch eine Angestellte weiß nie, wie lange der Betrieb existieren wird, Garantien gibts nicht.

Arbeits- und Existenzdruck: Verhaltens- und Reaktionsmuster 

Ich habe im KollegInnenkreis in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten viele unterschiedliche Reaktionen auf die zuvor beschriebene Unsicherheit erlebt. U.a. sah ich, wie sich einige Kolleginnen selbst stressten bis zur Stehkante, selbst als der zeitweilig in der finanziellen Krise befindliche Betrieb längst wieder stabil war. Überstunden bis zum Umfallen, soziale Akkord-Arbeit (sowas gibts) – aber keinesfalls auch nur ein bisschen Arbeitszeit reduzieren. Denn: Das Auto, der Urlaub, die große Wohnung, die luxeriösen Möbel – all das wollte schließlich finanziert sein. Ich habe etliche kollegiale Burn-Outs miterlebt, stand vor einigen Jahren selbst irgendwann zumindestens am Rand davon. Ich wurde zunehmend kraftloser, war irgendwann mehr mit dem Abhaken von abrechenbaren Zeiten, als mit der inhaltlichen Arbeit selbst beschäftigt. Und als Ausgleich konsumierte ich mehr: Ich hörte einige Monate lang auf dem Weg zur Arbeit fast immer Musik, kaufte Smartphone und Tablet, um mich auf der recht langen Fahrt zu beschäftigen – und mich auch auf diese Weise letztlich zuzudröhnen.

Wenn Arbeitsbedingungen nicht mehr passen

Wenn mir eins in den letzten 33 Jahren Berufstätigkeit deutlich geworden ist: So zu tun, als belastet mich Dauerstress und Sorge um Arbeitsplatz nicht, ist naiv.  Passen Arbeitsbedingungen nicht mehr, ist die Gefahr groß, dass sie krank machen  – egal wie stabil, engagiert und motiviert wir uns fühlen. Und oft kommt oft noch der unreflektierte Umgang mit Konsum und die Ansprüche an den eigenen materiellen Lebensstandard hinzu. Damit meine ich das, was genau genommen noch deutlich über unsere normale existenzielle Sicherung hinaus geht.  Erst als ich bei mir selbst bemerkte, dass Konsum als Ersatzhandlungen mir nicht mehr half, zu entspannen und „runter zu kommen“, suchte ich nach anderen Lösungen, reduzierte schrittweise meine Arbeitszeit und begann, mein Konsumverhalten der zurück liegenden Jahre nochmal zu hinterfragen. Was ich fand und noch immer finde, war vor allem eins: mehr Lebensqualität und mehr Lebenszufriedenheit.

 

Downshifting: Drei Schritte für mehr Lebensqualität

Sich von Berufsstress und den Belastungen des eigenen Lebensstils zu befreien, dabei haben mir die folgenden drei Schritte geholfen:

1) Mehr Unabhängigkeit durch Übersicht über die eigenen Finanzen

  • Welche Lebenshaltungskosten habe ich eigentlich? Mir hat – wie früher schon beschrieben – das Haushaltsbuch sehr geholfen. Dies ist super, um den Überblick zu behalten, wo das Geld eigentlich landet und um zu schauen, ob das wirklich immer so nötig ist. Ich habe vieles entdeckt, was nicht nötig war – und habe keinerlei wirkliche Einschränkungen dadurch!

 

2) Achtsamkeit: Genau hinspüren, hinschauen, was in mir und um mich herum passiert:

  • Wie ergeht es mir genau mit dieser Arbeit, mit dieser Arbeitsstelle, mit der Art, wie ich mit meiner Arbeit umgehe und meinen Arbeitsalltag gestalte?
  • Welche „Ersatzhandlungen“ habe ich um meinen Arbeitsstress auszugleichen und was kann mit statt dessen wirklich helfen?
  • Regelmäßige Zeiten für formale Meditations- und Achtsamkeitsübungen sind eine wichtige Unterstützung und Strukturierungshilfe, um wirklich dran zu bleiben, einen passenderen Lebensrhythmus zu finden und nicht wieder in den alten Verhaltens- und Reaktions- und Konsum-Muster zu verfallen.

 

3) Bewusstes Konsumieren:

Ob ich es als Minimalismus bezeichne oder reduziertes, bewusstes oder achtsames Konsumieren nenne: Es geht letztlich immer ums Gleiche:

  • Brauche ich dieses Dings wirklich – oder will ich es nur haben?
  • Welche Dinge sind wirklich von guter Qualität, so dass sie auch lange halten?
  • Belastet mich dieses Ding oder befreit es mich?
  • Welchen Anteil am Kauf haben Status, Trend, Mode…?
  • Will ich mich wegen größerer Anschaffungen und Investitionen wirklich mit jahrelangen Rückzahlungsverpflichtungen an Kreditinstitute belasten?
  • Gibt es eine Alternative zu dem, was ich anzuschaffen plane?

 

 

 

 

„Es klingt paradox, aber die Chance, eine positive Veränderung im persönlichen Arbeits- und Lebensstil herbeizuführen, liegt eben in der sich wandelnden Arbeitswelt, die Downshifting und damit einen anderen, vom Berufsstress befreiten Lebensstil für viele Menschen zu einer echten Alternative werden lässt. …  Erwarten Sie also besser keine bruchlose, strikt geradeaus gerichtete Karriere mehr, an deren Ende Ihnen Ihr Chef einen goldenen Füller überreicht und Sie in den wohlverdienten Ruhestand schickt. Stellen Sie sich stattdessen auf den Wandel und die neuen Bedingungen ein. Wenn Sie vorbereitet sind, kann Sie nichts überraschen. … Und wer den Wandel begriffen und sich auf mögliche Veränderungen eingestellt hat, kann von der neuen Arbeitswelt profitieren und wählt den günstigsten Zeitpunkt zum Downshifting selbst.“
Quelle: Hajo Neu, Weniger arbeiten, mehr leben, Campus-Verlag, E-Book, Kap.: Der arbeitende Mensch vor seiner größten Herausforderung

 

 

Schluss mit Stress und Multitasking

Stressbelastetes Multitasking im Alltag

Wer kennt das nicht: Manchmal scheint alles zusammen zu kommen: Ich sitze im Büro und telefoniere gerade, während mich gleichzeitig neue Emails erreichen, mehrere ungelesene Chat-Nachrichten auf meinem Handy sind – dabei wollte ich doch eigentlich einen Bericht schreiben und längst Feierabend haben. Ständig in Aktion, endlose Dinge, die fertig abgearbeitet werden müssten. Eine typisches stressbelastetes Alltags-Multitasking. Ich kenne solche Situationen – irgendwann bin ich dann nur noch müde und genervt. Dabei ist längst klar, dass Multitasking, also das gleichzeitige Tun von mehreren Dingen, zeitlich sogar uneffektiv ist und dann wird auch noch auch das Burn-Out-Risiko erhöhen.

Raus aus der Stress- und Multitasking-Falle:

Nachfolgend ein Paar Ideen und Anregungen zum ruhigeren und damit letztlich zufriedeneren Leben und Arbeiten, z.B. im das Handy einfach mal auszuschalten:

  • das Diensthandy nach Feierabend
  • bei einer Besprechung
  • in der Mittagspause
  • während der Autofahrt
  • beim Schreiben eines Berichtes
  • beim Spielen mit den Kindern
  • Die meisten Handys haben auch einen Nicht-Stören-Modus bzw. einen Flugzeugmodus. Sie können dann das Smartphone nutzen, werden aber nicht durch Anrufe gestört.
  • Push-Benachrichtigungen deaktivieren, d.h., sie bekommen nur dann Nachrichten, wenn Sie diese abrufen und nicht ständig zwischendurch.

Aktuelle Nachrichten abrufen (Emails, Chat, SMS):

  • Nutzen Sie insbesondere beruflich möglichst bestimmte Zeiten am Tag, wann Sie Nachrichten abrufen und beantworten. Vermeiden Sie ein ständiges „Stand-By“.
  • Wenn Sie oft erreichbar sein müssen: Planen Sie gezielte Zeiten im Tagesverlauf ein, wann Sie nicht nach ihrem Handy, PC, Tablet sehen können.
  • Überlegen Sie, ob Sie bestimmte Telefon- und Kommunikationszeiten für Kunden, Klienten, etc. festlegen. Weisen Sie daraufhin, wie lange es in etwa dauert, bis Sie eine Email, Chat-Nachricht beantworten.

Struktur schaffen, den Tag planen:

  • ToDo-Liste entrümpeln: Was muss nicht sein?
  • Was sind die 3 wichtigsten Dinge, die heute zu erledigen sind?
  • Planen Sie Pausen und Erholung bewusst in Ihren Terminkalender ein.

Entspannung/Erholung:

  • Selbst Routinetätigkeiten können Sie zum „Runterkommen“ nutzen. Eine gute Möglichkeit ist es hier, Alltags-Achtsamkeit einzuüben und zu pflegen. So kann der Gang über den Flur zum Kopierer, zum Besprechungsraum genutzt werden, um einfach mal nur den Kontakt der Füße zum Boden zu spüren. Oder beim Sitzen am Computer einmal bewusst darauf zu achten, wie ich eigentlich sitze, atme. Wenn Sie dann einige Atemzüge lang mal einfach nur atmen, sich etwas räkeln oder etwas bewegen, dauert dies wirklich nur ein paar kurze Momente – und anschließend sind Sie wieder fitter und aufnahmefähiger.
  • Vermeiden Sie übermäßigen Freizeittourismus und zu viele privaten Termine. Gönnen Sie sich auch Auszeiten, in denen Sie einfach mal nichts tun müssen, in den Tag hinein leben können.
  • Erlernen Sie eine Entspannungstechnik und wenden Sie diese regelmäßig an. Besser beispielsweise nur 2 Minuten Achtsamkeitsübungen am Tag, als gar nichts!
  • Schalten Sie Musikanlage, Fernseher, Computer regelmäßig aus. Vermeiden Sie Dauerbeschallung und Dauerberieselung.
  • Bewegen Sie sich. Insbesondere Wandern, Fahrradfahren und ähnliche Ausdauersportarten in der Natur sind hilfreich. Genießen Sie die Natur um sich herum, die Stille, die frische Luft, das Grün der Bäume …

Zusatzbelastungen vermeiden:

  • Werden Sie sich Ihrer Kaufimpulse bewusst und vermeiden Sie Spontankäufe und regelmäßige Shoppingtouren in Kaufhäuser oder Internet. Konsumieren kostet letztlich nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Fragen Sie sich daher: Ist das Ding, was ich kaufen will wirklich nötig oder einfach nur eine teure Ablenkung, ein Zudröhnen, eine Folge der eigenen Überdrehtheit?
  • Verschaffen Sie sich eine Übersicht über ihre Finanzen. Vielleicht geht es auch mit weniger Geld oder sogar einer Arbeitszeitreduzierung? Ein Haushaltsbuch leistet hier gute Dienste, um einschätzen zu können, welche finanziell realistischen Möglichkeiten es gibt.
  • Entrümpeln Sie – Zeug kaufen macht ebenso Arbeit, wie das Zeug pflegen, aufräumen, abstauben, suchen…  Es geht auch mit sehr viel weniger und meistens geht es sogar viel besser ;-).

Werden Sie kreativ, entwickeln Sie Ihre eigenen Ideen. Es gibt sicher noch eine Menge mehr Möglichkeiten in Ihrem Alltag, wie Sie vom überdrehten Multitasker wieder zum zufriedeneren ‚Monotasker‘ werden können.

Weiterführende Empfehlungen:

Minimalismus: den Konsum-Teufelskreis beenden

Die falschen Heilsversprechen unserer Konsumgesellschaft

Etwas, was mir immer wichtiger wird und für mich ein wesentliches Aspekt von Minimalismus ist: Mich nicht mehr einwickeln lassen in die diversen falschen Heilsversprechen, die unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft zu bieten hat. Mit dem nächsten Smartphone, Laptop etc. wird’s nämlich nichts automatisch besser. Auch die Erholung hängt nicht alleine davon ab, ob die Anfahrt zum Urlaubsort möglichst weit und der Urlaubsort selbst dann möglichst exklusiv ist.

Und warum ist die Erholung so dringend nötig? Warum die vielen großen und kleinen Erleichterungen im Alltag, wie z.B.:

  • das Auto, um schnell und komfortabel zur Arbeit zu kommen
  • mittags regelmäßig ins Restaurant, damit wir nicht abends die knappe Zeit mit Kochen verbringen müssen
  • den exklusiven Urlaub, den wir ja so dringend nach dem Arbeitsstress brauchen
  • Und in der Freizeit dann endlich leben: ins Kino, ins Shoppingcenter, Party, Theater. Neues Auto aussuchen, neue Smartphones testen, neue schicke Kleidung kaufen, damit wir gut aussehen und gut da stehen: Damit wir dann in jedem Fall wiederum das Geld verdienen können, dass wir brauchen, um anschließend wieder die Kleidung, das Smartphone, das Auto etc. kaufen zu können, die wir für unsere Arbeit brauchen – usw. usw. usw. eine Endlosschleife, ein Teufelskreis.

Das bedeutet nichts anderes, als das wir möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld brauchen, damit wir mit genau diesem Geld die Erholung von dieser Arbeit kaufen können. Diese Erholung brauchen wir dann aber auch deshalb, weil wir vielleicht auch das richtige Maß verloren haben: das richtige Arbeitsmaß und das richtige Maß an Konsum.

Mein Arbeits- und Konsum-Teufelskreis

Und es ist nicht so, als würde ich diesen Teufelskreis nicht auch selbst kennen:
Es war im letzten Jahr vor der Euro-Einführung: In der Mittagspause kauften wir uns regelmäßig einen Salat (sehr lecker), den gab es ganz in der Nähe für 4,90DM. Ich aß ihn an 4 Tagen pro Woche, ergab bereits über 80 DM im Monat. Nicht gerechnet, hier und da einen Kaffee unterwegs, die Eisdiele im Sommer, das Brötchen vom Bäcker, usw..

Veränderungen

Das ist lange her und es hat sich vieles positiv verändert. Zum Glück. Aber neulich habe ich mal wieder einen Monat ganz pingelig aufgeschrieben, welche Essenskosten ich während meiner Arbeitszeit habe. Vorausgehend gesagt: Ich nehme mir in der Regel alles erdenkliche an Essen und Trinken mit. Trotzdem reichte es manchmal nicht. Manchmal hatte ich mich einfach verkalkuliert und zu wenig mitgenommen, manchmal kam es kurzfristig zu Überstunden – und so kam ich auf fast 40€ im Monat an zusätzlichen Essenskosten während der Arbeitszeit. Das löst kein Finanzdrama bei mir aus, aber erstaunt war ich dann schon, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Es gibt auch andere Beispiele: Meine frühere Arbeitsstelle hatte einen recht weiten Anfahrtsweg. Die Bahnfahrt verschönerte ich mir, indem ich mir irgendwann ein Tablet mit mobilem Internet besorgte. So konnte ich im Internet surfen, lesen, Musik hören. Eigentlich war ich nach der Arbeit aber viel zu müde und noch zu überdreht dazu, so dass es irgendwann nur noch ein Zudröhnen war. Ich war mitten drin im Konsum-Arbeit-Teufelskreis: Ich kaufte etwas, damit ich mich von der Arbeit erholen konnte und damit ich mir das Kaufen überhaupt leisten konnte, muss ich arbeiten. Und ich brauchte lange Zeit, bis ich bemerkte, dass es so nicht mehr weiter ging.

Um es klar zu stellen: Ich habe nichts gegen Arbeiten, im Sinne eines gestaltenden Tätigsein, auch nicht zum Geld verdienen. Ich habe auch nicht grundsätzlich etwas gegen Kaufen, wenn es dann etwas ist, was ich auch wirklich brauche. Aber wenn Arbeiten und Konsumieren nicht nur zum Hamsterrad, sondern zum Teufelskreis geraten, zu einem Strudel, der mich unbemerkt abwärts zieht, dann schadet dies – dann ist das einfach Unsinn und es gibt kein Haus, kein Auto, keine Segeljacht und kein Smartphone, die dies rechtfertigen würden.

Ein einfacherer Lebensstil – minimalistischer und achtsamer Leben

Ein einfacherer Lebensstil, der minimalistischer und achtsamer ausgerichtet ist, ist dagegen eine Erholung, ein Aufatmen und immer wieder aufmerksam werden: Wo stehe ich denn gerade? Wie geht es mir? Brauche ich dies, das oder jenes wirklich? Muss ich mithalten im Konsumwettlauf, Freizeitaktionismus, dem tollsten Urlaub, den neuesten elektronischen Spielzeugen? Minimalistischer und achtsamer Leben bedeutet, dass Zeit, Lebensfreude, Kreativität und Energie freigesetzt werden können. Und um insbesondere auch die vielen schönen kostenlosen Dinge genießen zu können: Wohltuende zwischenmenschliche Begegnungen, der Sonnenstrahl am Morgen, ein vorbei springendes Eichhörnchen, das Rascheln der Blätter am Baum, den Boden unter meinen Füßen bewusst erleben. Sogar das Prasseln des Regens kann Musik sein, wenn ich meine Sinne dafür öffne. Und endlich wieder spüren: Ich atme, ich lebe!

 

 

20 Jahre Haushaltsbuch – ein Rückblick

Anregt durch die Bloggerinnen von www.nanamia.de und www.minimamuse.wordpress.com ist mir noch mal bewusst geworden, wie lange ich jetzt schon ein Haushaltsbuch führe und ich habe mich gefragt: Warum eigentlich?

Haushaltsbuch – der Anfang, 1995 

Angefangen hat es 1995. Ich hatte bereits 12 Jahre Vollzeit in meinem Erstberuf als Erzieherin gearbeitet, war Single und habe es dann gewagt: Studium. Ich war bereits 33 Jahre, erhielt aber zum Glück noch Bafög und hatte genau so viel Rücklagen zusammen gespart, wie ich als Bafög-Empfängerin haben durfte. Nach Abzug der auf das nötigste reduzierten Festkosten blieben noch 260 DM zum Leben – auch in den 90er Jahren zu wenig. Daher immer wieder Nebenjobs, dort kam das Geld aber unregelmäßig, mal viel, mal wenig, mal nichts. Das bedeutete: Ich musste genau überlegen, wieviel ich zum Leben brauchte. Wenn mehr Geld reinkam, dann bloß nicht einfach ausgeben, sondern aufteilen – dazu war Buchführung unerlässlich. Ich wäre sonst schlichtweg im Chaos gelandet.
Als das Studium zu Ende war, war es dann wieder eng: Ich brauchte einige Monate bis ich eine Festanstellung fand, hatte aber in dieser Zeit – aus welchen Gründen auch immer – noch Anspruch auf Arbeitslosenhilfe, plus meine Nebenjobs –  war also auch wieder eng. Und deshalb führte ich das Haushaltsbuch weiter.

1998 – die erste Vollzeitstelle 

Dann 1998: Stelle gefunden, aber Bezahlung trotz Vollzeit nicht so genial. Und: Ich wusste, die Bafög-Rückzahlung kommt irgendwann. Deshalb: Haushaltsbuch weiterführen und Geld zusammen gespart. Das Bafög konnte ich dann in einer Gesamtzahlung zurück bezahlen und war diese Belastung los.

Da die damalige Arbeitstelle absehbar keine Dauerstelle werden würde, musste ich weiter nach einem neuen Job suchen und ich ahnte bereits: In meinem Beruf als Sozialpädagogin werde ich vermutlich erstmal nicht um ein Auto drum rum kommen. So ein Auto muss aber erstmal gekauft werden – also weiter Haushaltsbuch, damit es mit den nötigen Rücklagen dafür klappt.
Als ich die Stelle gefunden hatte, brauchte ich tatsächlich ein Auto und hatte dann das Geld für einen kleinen Gebrauchtwagen zusammen. Mir war klar, dass diese kleine Gebrauchtkiste nicht ewig hält, also wieder Rücklagen bilden und deshalb weiter Haushaltsbuch.

2001 – Konsumverführungen …

Ich hatte nun ein Sozialpädagogen-angemessenes Gehalt (was ja so viel auch nicht ist…) und da fingen interessanterweise dann auch die Ausgaben an, mehr zu werden. Dank Haushaltsbuch hatte ich dann irgendwann die „Übeltäter“ erfasst: die technischen Schnickschnacks: Computer, Handy, Soundkarte für Computer etc. etc. – Als der Arbeitsstress deutlich zunahm, war mir klar: ok, soviel Arbeiten und Stressen für diesen Schnickschnack lohnt sich nicht. Dank meines Haushaltsbuchs wusste ich genau, wieviel Verbrauch ich hatte, was davon nötig war, was gekürzt oder optimiert werden kann und um wieviel Stunden ich meine Arbeitsstelle reduzieren konnte.

2015 – heute

Inzwischen ist es 2015, seit 20 Jahren gestalte ich mein Leben mit Haushaltsbuch. Ich glaube es selbst fast nicht. Anfangs auf Papier nach dem Muster vom Beratungsdienst der Sparkassen, jetzt seit langen Jahren mit einer Tabellenkalkulation. Insbesondere während des Studiums habe ich wirklich jede kleine Ausgabe erfasst. Jetzt sind es neben den Festkosten nur noch die wichtigsten beweglichen Ausgaben, mir reicht ansonsten ein ungefähres Budget und eine Zeile in der Tabelle, in der der jeweils aktuelle Kontostand steht (plus dem, was noch bis zum Monatsende an Ausgaben ansteht).

Blicke ich zurück, hat mir das Haushaltsbuch insbesondere bei folgenden Bereichen besonders geholfen:

  1. mir überhaupt noch mal den Luxus eines Studiums leisten zu können und beruflich umzusteigen
  2. Unabhängigkeit auch in finanziell engen Zeiten
  3. Ansparen statt Kredit aufnehmen oder lange Bafög zurück zu zahlen
  4. das eigene Konsumverhalten bewusster wahrzunehmen und zu überprüfen
  5. von Vollzeittätigkeit auf Teilzeitstelle umzusteigen
  6. beruflichen Stress zu reduzieren, indem ich wusste, wie ich von einem Teilzeitgehalt leben kann
  7. Und: Überblick und dadurch eine gewisse Gelassenheit und Sicherheit.

Zum Schluss noch einige Links zum Thema Haushaltsbuch:

 

Achtsamkeit: Die einfachen Dingen genießen

Ein sonniger Neujahrstag. Gleich heute Mittag beschloss ich einen kleinen Spaziergang in der Nähe zu unternehmen. Dieses Mal ganz alleine für mich:

Ich spüre den Boden unter meinen Füßen. Bei jedem Schritt, die sich ändernde Bodenbeschaffenheit. Auch ein Spaziergang kann recht einfach zu einer Geh-Meditation werden: Einfach, weil ich mich deutlicher spüre und ohne dass ich mir dies erst vornehmen muss. Ich bemerke, dass ich etwas verkrampft und flach atmete – trotz Sonne, und gutem Wetter. Also versuche ich erstmal lockerer zu werden, indem ich nicht nur die frische Luft geniesse, sondern auch die wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Schritt, jeden Atemzug genießen, hier, jetzt. – Mit jedem Schritt lockerer und entspannter werdend, erinnere ich mich einige Jahre zurück:

Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging und wo es mir kaum noch gelang, mich zu entspannen. Die beruflichen Belastungen waren damals stetig gestiegen. Schwierigere Fälle mussten in immer weniger Zeit bearbeitet werden, hinzu kam das auch im Sozialbereich vermehrte Qualitätsmanagement, welches nicht gerade zu weniger, sondern eher zu mehr Arbeitsdichte führt. Dann zwischenzeitlich auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten im Betrieb und monatliche Unklarheit, ob das Gehalt nun kommt oder nicht. Es war eine Zeit, in der es mir kaum gelang, am Wochenende oder im Urlaub „runter“ zu kommen. Natürlich hatte ich schon alle möglichen Varianten an Entspannungstrainings etc. ausprobiert, aber die halfen nicht mehr, auch nicht stundenlanges Musikhören, vor-mich-hindösen oder was auch immer. Ich hatte viel zu lange einfach nur ausgehalten, durchgehalten und lange Zeit vergessen, mir meine Bedürfnisse klarer zu machen. Erst nachdem ich beschloss, dass ich bei einer etwas veränderten Konsumhaltung auch mit einer Teilzeitstelle zurecht komme und ich mich der MBSR-Achtsamkeitspraxis zuwandte, ging es schrittweise wieder mit mir bergauf.

Und nun gehe ich am Neujahrstag 2015 im Sonnenschein spazieren und bemerke, wie ich locker geworden bin. Jetzt kann ich Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen und die einfachen Dingen wieder genieße: Den Wind, die Sonne, den Boden unter mir, den ein- und ausfließenden Atem, die Ruhe um mich herum und die zunehmende Ruhe in mir selbst. Einfach da sein, präsent sein, lebendig sein. So etwas muss es wohl sein, wenn von SEIN, statt HABEN oder MACHEN die Rede ist. Und was soll ich sagen: Es ist schön, einfach schön.

Achtsamkeit ist Minimalismus für die Seele

Achtsamkeit ist für mich eng verbunden mit Minimalismus. Achtsamkeit ist für mich Minimalismus pur. Über die Achtsamkeit bin ich erst zum Minimalismus gekommen.

Konsumieren als Stressreaktion

Bei mir fing es damit an, dass ich schlichtweg beruflich überlastet und gestresst war. Mit den MBSR-Achtsamkeitsübungen wollte ich erstmal runter kommen. Neben der formalen, täglichen Übungspraxis, kamen informelle Achtsamkeitübungen dazu.

Beispielsweise den Arbeitstag ganz bewusst beenden, ein immer wieder kurzes Innehalten zwischendrin, bewusst atmen, den Gang zum Kopierer nutzen, um bewusst die Bewegung der Füße spüren, usw.. Das war wohltuend, aber z.T. auch unangenehm, da ich sehr viel deutlicher spürte, wie aufgedreht ich oft war und welche Lösungen ich spontan ohne Achtsamkeit suchte: Immer, wenn ich mich gleichermaßen k.o. und überdreht fühlte, hatte ich beispielsweise das Bedürfnis, mir an der nächsten Ecke Eis, Schokolade und Co. zu kaufen – dann vielleicht schnell noch zwischendurch einen Coffee-to-go genießen, eine Zeitschrift kaufen oder mich in der Technikabteilung des Kaufhauses mit dem Anschauen der neuesten elektronischen Gadgets ablenken. Konsum war nichts anderes, als der hilflose Versuch eines vermeintlichen Stressausgleichs.

 

Konsum und Reizüberflutung

Allerdings kostete dieser Konsum dann ja auch Geld, für das ich wiederum arbeiten musste, was mich gedanklich und praktisch dann noch mehr stresste. Außerdem bemerkte ich nach und nach, dass ich völlig reizüberflutet war. Und ausgerechnet dann ging ich auch noch als Stressausgleich freiwillig ins Menschengedränge eines Geschäftes, wurde von Hintergrundmusik zugedudelt, stand ewig an der Kasse rum, rebelliert schließlich mein Magen gegen Süßkram und zuviel Kaffee. Schrittweise wurde mir deutlich: All das war nichts anderes, als zum Unsinn gewordene Gewohnheit. Ich war auf dem besten Weg, mein Leben in aller Hektik und Abgelenktheit zu verschlafen.

 

Achtsamkeit hat den Blick auf Konsumgewohnheiten geschärft

Achtsamkeit hat meinen Blick auf solche Gewohnheiten geschärft, hat diese sehr viel deutlich werden lassen – bot gleichzeitig aber auch ein Alternativmodell: Weniger aktiv tun, weniger Reize, weniger Ablenkung, mehr Gelassenheit, bewusstes Loslassen. Bei einer Sitzmeditation werde ich nun mal nicht mit Musik voll gedudelt, klappern keine Einkaufswagen, locken nicht die neuesten Einkaufsverführungen. Nicht mal mit Aufräumen, Spülen oder weiß ich was kann ich mich bei einer Sitzmeditation ablenken. Und letztlich kann Aktionismus in jeglicher Form mindestens genauso Kopf und Gefühl vernebeln, wie Konsum.

 

Loslassen, Klarheiten schaffen

Achtsamkeit ist für mich Minimalismus für die Seele: Ein bewusstes Üben, Loslassen, um raus zu kommen, aus diesem inneren  und äußeren Hamsterrad. Statt dessen ruhiger, bewusster und gezielter Handeln. Mehr Klarheit, Freiheit, Einfachheit – und vor allem viel mehr Lebensqualität und Lebensfreude.

Mut zur Veränderung – Downshifting

Schrittweise habe ich mich in den letzten Jahren entschlossen, meine Arbeitszeit und die damit verbundene Belastung zu reduzieren. Die sozialpädagogische Arbeit hatte sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich verändert und verdichtet. Mit meinem Spaß an der Arbeit ging es ebenso schleichend bergab, wie mit meiner gesundheitlichen Verfassung. Ich fühlte mich gestresster, benötigte länger zur Regeneration, war schlicht fast ständig k.o. – Aber was ändern? Was sollte ich denn beruflich noch ändern, wo ich inzwischen bereits das 5. Lebensjahrzehnt erreicht hatte?

Gerald Hüter hat in seinem Buch: „Was wir sind und was wir sein könnten“ (Fischer-Verlag, eBook) gut auf den Punkt gebracht, welche Erkenntnis zu diesem Zeitpunkt ganz besonders erforderlich war:

„Aus neurobiologischer Sicht haben wir unser komplexes und zeitlebens lernfähiges Gehirn ja nicht entwickelt, um uns zu optimal angepassten Sklaven der von uns selbst geschaffenen Verhältnisse zu machen, sondern um unsere Lebensbedingungen so zu gestalten, dass es uns möglich wird, die in uns angelegten Potentiale zu entfalten.“

Sklave meiner Lebensverhältnisse wollte ich nicht werden. Aber: weniger zu arbeiten, war anfangs trotzdem kaum eine Überlegung wert – wo Sozialpädagogen ja nun ohnehin nicht zu den Großverdienern gehören… Letztlich habe ich dies dann aber doch umgesetzt: Teilzeit statt Vollzeit, Arbeitsstelle gewechselt und dadurch deutlich weniger Anfahrt. Die Arbeitsbelastung ist dadurch gesunken, meine Arbeitsfreude wieder deutlich gestiegen, auch inhaltlich arbeite ich heute besser.

Eine Kehrseite des Ganzen ist, dass ich heute netto einige hundert Euro weniger verdiene. Aber wie funktioniert das?

Möglich ist die Teilzeittätigkeit ganz klar durch einen bewussten Umgang mit Konsum und dem Führen eines Haushaltbuches. Dies erlaubt mir eine Freiheit, die ich ohne dem nicht hätte. Es ermöglicht sogar, trotzdem immer wieder Lebensmittel in Bioqualität zu kaufen. So habe ich inzwischen einen recht guten Überblick, wie sich unser Stromverbrauch entwickelt, was uns die Wocheneinkäufe (Lebensmittel etc.) kosten, welche Handy- und Internettarife am günstigsten sind und wann, welche Zahlungen oder evtl. Neukäufe anstehen. Technische Geräte wie Spülmaschine, Kaffeemaschine sind entsorgt, da diese zu reparaturanfällig geworden waren. Als Fernseher dient ein alter Computer (iMac G5, Jahrgang 2005), den wir geschenkt bekommen haben, es war lediglich noch ein TV-Stick nötig. Das geht, es geht sogar gut. Eigentlich tauchen im Laufe der Zeit immer wieder Ideen auf, wie sich dies, das oder jenes noch vereinfachen lässt.

Die Lebensqualität hat nicht gelitten, im Gegenteil. Nicht allen möglichen Konsum- und Modetrends nachzugehen, das Leben einfacher zu gestalten hat sich gelohnt. Das, was ich an Zufriedenheit, Entspannung, Lebensfreude dazu gewonnen habe, hätte mir keine Gehaltserhöhung, kein Traumurlaub in Übersee, kein HD-Fernseher, kein Hightech-Smartphone oder sonst was bieten können. Das einzige, was es braucht ist Mut. Den Mut zur Veränderung, der Reduzierung von Konsumansprüchen, sowie einer zumindestens halbwegs sortierten Finanzplanung.