Selbstfürsorge – Metta-Meditation beim Yoga

Achtsames Yoga – das ist ein Bestandteil im MBSR, der achtsamkeitsbasierten Stressreduzierung. Das ein oder andere Mal hatte ich es ja schon erwähnt: Bewegung, genauer: Sport – das war immer schon ein schwieriges Kapitel für mich. (Siehe z.B. hier: http://www.achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeit-koerperbeeintraechtigung/ oder hier http://www.achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeitstag/ ).

Wie erlebt nun jemand wie ich, mit einigen motorischen Schwächen, achtsames Yoga und worin unterscheidet es sich von anderen Bewegungsübungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe?

Die Ausgangssituation: Körperliche Einschränkungen und „mithalten wollen“

Es begann damit, dass ich mit den Anleitungen schlichtweg nicht mit kam. Beim Üben in einer Gruppe geht es ja noch. Da war ich halt blöderweise nur fast immer die, die es am schlechtesten hin bekam. Wenn ich die gehörten Anleitungen nicht verstand, habe ich einfach zugeschaut, was die anderen gemacht haben und das dann auch probiert. Irgendwie wollte ich dann „normal“ erscheinen und nicht auffallen. Dabei sein wollen war wichtiger, als das, was persönlich für mich ging oder eben auch nicht.

Beim Üben Zuhause hatte ich eine Audio-CD plus einige Bilder. Aber Bilder bewegen sich nicht, daher geriet ich in eine einzige Folge von Stressreaktion, Anspannung, Anstrengung – Was hat sie gesagt? Wie geht das? Stimmt das jetzt, was ich hier mache? Beim Yoga im Stehen fand ich insbesondere das vergleichsweise lange Stehen am Anfang sehr mühsam. Warum dauerte das so lange? Da war nichts von „Stehen wie ein Berg“ zu spüren. Die Beine schmerzten, ich war unruhig, angestrengt. Das eine ausgeprägte Fußfehlstellung u.a. Ursache dafür ist, war mir anfangs nicht bewusst. Ich versuchte das, was ich immer gemacht habe: Irgendwie mitkommen, mitmachen, auch mal ein bisschen sportlich sein wollen…

Was ändern – und wie?

Mit der Idee der MBSR-Lehrerin, einfach jeweils eine Woche lang nur EINE Übung zu machen und dann in der nächsten Woche eine zweite dazu zu fügen, ging es schon mal deutlich besser. Aber der Stress mit dem langen Stehen blieb. Es folgte ein langes auf und ab, achtsames Yoga üben, vergessen, verdrängen, bewusst nicht machen und weg lassen, dann doch wieder probieren.

Yoga und Selbstfürsorge – Metta-für-mich

Ergänzt durch Gehmeditation wurde mir dann allmählich bewusst, wieviel Unsicherheit ich noch heute beim Gehen habe. Ich habe ganze vier Jahre gebraucht, um den Druck, den ich mir immer gemacht habe, „normale“ Bewegungen durchführen zu können, einfach mal schrittweise los zu lassen und nur im Rahmen MEINER Bewegungsmöglichkeiten achtsam zu sein.

In einer Gruppenstunde in der letzten Woche gelang es mir dann erstmals, wirklich achtsam und gleichzeitig mit der nötigen Selbstfürsorge in der Bewegung zu sein: Wenn ich bemerkte, dass das Stehen zuviel wurde: hinsetzen. Wenn beim Vierfüßer-Stand die Handgelenke stark schmerzten, auch diese Übung einfach mal beenden, wenn es nicht mehr geht. Das war’s! Weniger ist mehr – auch im achtsamen Yoga des MBSR. Endlich ohne den Stress irgendwie mithalten zu wollen, spürte ich mich, meinen Körper, meine Bewegungsabläufe sehr viel deutlicher.

Bewegung auch mal genießen, in dem Maß und Tempo, wie es mir möglich ist. Behutsamkeit und Selbstfürsorge – auch und gerade in der Bewegung. Es endlich mal egal sein lassen, was andere sagen, denken, für richtig halten, sondern das eigene Maß, das eigene Tempo in einer – wie ich es nenne – Metta-für-mich-Yoga-Achtsamkeit“.

Achtsamkeit beim Essen

Lecker, aber ungesund … aber welche Ernährung ist denn gesund?

Wer von uns kennt das nicht: Mal beim Warten auf den Bus eine kleine Süßigkeit, die Kollegin hat Geburtstag und bringt Kuchen, die Pizza beim Italiener war größer als geplant. Aber auch: Endlich ernähre ich mich besser und dann: Unverständnis von Mitmenschen für die eigene Ernährungsform. Ich selbst habe immer mal wieder Phasen, in denen Allergien und Unverträglichkeiten stärker werden, kann mich auch noch gut an Essen als Stressausgleich erinnern. Und Theorien, wie eine gesunde Ernährung auszusehen hat, gibt es wie Sand am Meer. Was passt denn da zu mir und wie finde ich das heraus?

Achtsamkeit beim Essen als Weg

Eine Antwort darauf – ganz ohne jede Dogmatik, Philosophie oder Ernährungsvorschrift habe ich im achtsamen Essen gefunden. Nachfolgend dazu einige Gedanken von Jon Kabat-Zinn zu Achtsamkeit beim Essen. Am Ende dieses Textes dann noch ein Download der sog. „Rosinenübung“. Darin geht es darum, eine Rosine achtsam zu essen. Diese Übung finde ich sehr gut geeignet, um durch achtsames Essen, einen ganz eigenen Zugang zum Essen, zur Ernährung, zum eigenen Körpergefühl zu finden.

 

Jon Kabat-Zinn schreibt unter der Überschrift: Stressfaktor Ernährung:

„Anstatt auf das eigene Körpererleben zu achten, gut mit uns selbst umzugehen und uns so zu akzeptieren, wie wir sind, neigen wir dazu, uns selbst abzulehnen, wenn unser Körper nicht die herrschenden Normen erfüllt. Animiert vom Ideal ewiger Jugend und Schönheit, haben wir uns von der Realität des Körpers entfremdet und zu einer Gesellschaft entwickelt, in der gescheiterte Diäten und kalorienreduzierte Limonaden die üblichen Begleiterscheinungen der Suche nach dem »perfekten Körper« sind. Sehr sinnvoll ist dieser ganze Körper- und Diätenkult nicht. Warum trinken wir nicht einfach Wasser statt Diätlimonade? Warum folgen wir ausgeklügelten Programmen zur Gewichtsreduzierung, um anschließend in uns hineinzuschlingen, was wir uns zuvor versagt haben? Vielleicht ist es an der Zeit zu erkennen, dass wir unsere Energien in falsche Kanäle leiten. Anstatt uns um wahres Wohlbefinden, wirkliche Heilung und echtes Glück zu bemühen, sind wir übermäßig mit unserem Gewicht und unserem äußeren Erscheinungsbild beschäftigt. Wir täten aber sehr viel mehr für unsere Gesundheit, wenn wir, anstatt auf der neurotischen Jagd nach einem Phantom unsere Energie zu verschwenden, uns gewissen Grundfragen zuwenden würden, wie derjenigen, was gerade jetzt in unserem Geist vorgeht, während wir auch schon als Reaktion darauf nach etwas Essbarem greifen. Das Gefühl des Heißhungers oder das impulsive Verlangen nach etwas ganz Bestimmtem würde uns auf diese Weise bewusst, und wir könnten die auslösenden Stimmungen, Gefühle und Gedanken wahrnehmen und weiterziehen lassen, bevor wir uns automatisch etwas in den Mund stecken. Die Veränderung beginnt damit, einen inneren Prozess in Gang zu setzen, bei dem Sie versuchen, während des ganzen Tages (oder sooft Sie es eben schaffen) im Körper zu sein, sich in ihm zu spüren und im liebevollen und akzeptierenden Kontakt mit sich selbst zu bleiben. In Bezug auf das Essen bedeutet das konkret, der Entscheidung, etwas zu essen, in jedem Augenblick innerlich beizuwohnen. Es bedeutet, bei jedem Bissen mit allen Sinnen dabei zu sein und wirklich zu sehen, zu empfinden, zu schmecken und zu riechen, was Sie da verspeisen. Und es bedeutet, genau in sich hineinzuspüren, wie Sie sich vor, während und nach einer Mahlzeit fühlen. Beim achtsamen Essen geht es nicht um das starre Einhalten von Regeln, sondern um das sensible Gespür für eine natürliche Balance. Je mehr es Ihnen gelingt, bei der Erfahrung dieses Prozesses selbst zu bleiben und dabei alle hochkommenden Gefühle zu akzeptieren, auch die unangenehmen, umso klarer werden Ihnen Ihr Geist und Ihr Körper signalisieren, was Sie über Ihr Verhältnis zum Essen wissen müssen. Eine gesündere Ernährungsweise ist dann das natürliche Ergebnis einer in diesem Prozess neu gewonnenen Präsenz, Sensibilität und Stabilität.“

(Quelle: Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation, OW-Barth-Verlag, E-Book, Kapitel: Stressfaktor Ernährung)

Die Rosinenübung des MBSR:

Selbstverständlich kann man auch etwas anderes als eine Rosine für diese Übung benutzen. Für Kinder können das durchaus auch mal Gummibärchen sein 😉

Download Rosinenübung Text – PDF

Download Rosinenübung Text als RTF-Datei für Sehbehinderte

Die Links zum Download dieser Dateien sind auch hier zu finden: Achtsamkeitsübungen

Achtsamkeit und körperliche Beeinträchtigung – Meine Erlebnisse

Endlich nicht mehr perfekt…

Wahrnehmen und insbesondere wohlwollend wahrnehmen, was da ist, aber endlich nicht mehr perfekt ticken müssen – Das ist es, was ich mit Achtsamkeit und körperlicher Beeinträchtigungen verbinde. Wobei ich den Begriff körperliche Beeinträchtigung mal als eine Art Oberbegriff verwende. Ich könnte es auch nennen: motorische Einschränkungen, Körperbehinderung, vielleicht ‚Fehlkonstruktion‘ oder: ‚Einfach etwas anders‘.

„Mach doch mal mehr Sport…“

Schon als Kind bis ins heutige Erwachsenenalter hörte ich immer wieder: „Mach doch mal mehr Sport!“ Irgendwie muss ich auf meine Umgebung sportlich wirken, andererseits scheint meistens aber auch aufgefallen zu sein, dass da irgendwas nicht stimmt. Ich könnte auch endlos scheinende Dinge aufzählen, die nicht „normal“ sind, z.B. Fußfehlstellung, Hüftdysplasie als Neugeborene, überstreckbare Gelenke, leichte X-Beine, jahrzehntelang Wirbelsäulenverkrümmung aufgrund von diversen Muskelverkürzungen…. Das ein oder andere ist früher auch mal medizinisch behandelt worden, aber in den 60er-Jahren war da nicht so viel, kaum Krankengymnastik, Schuheinlagen viel zu spät und nicht durchgängig, etc. – Manches wusste ich auch einfach nicht. Einer Gymastiklehrerin fielen mal meine überstreckten Gelenke auf (da war ich bereits Erwachsen) und eine Schuhorthopädiemeisterin wies mich vor nicht all zu langer Zeit darauf hin, dass ich neben dem üblichen Spreiz-Senkfuß auch noch zusätzlich einen leichten Sichelfuß habe. Tja, dann kommt noch dazu, dass mein Fuß extrem schmal ist und mir eigentlich nie ein Schuh passt – Da ist das nett gesagt mit „Mach doch mal Sport…!“

Meine Versuche mit dem „mehr Sport machen…“

Natürlich habe ich das immer und immer wieder versucht. Ich hätte auch so gerne mal eine bessere Koordination gehabt, habe als Erwachsene jahrelang endlose Kurse besucht. Ich wollte auch mal einfach annähernd mit machen können. Mein größter Wunsch war, einmal nicht hinten dran hängen, einmal nicht diejenige sein, die sich am meisten mit den Übungen herum quält. Außerdem sah manches auch so super schön aus, Thai-Chi-Bewegungen beispielsweise. Aber ich kam einfach nie mit, hing immer hinten dran, egal wie ich mich bemühte und anstrengte. Vieles habe ich dann jahrelang einfach verdrängt, weg geschoben, versucht zu übersehen und immer wieder versucht, probiert, aufgegeben, neu angefangen usw..  Was ich geschafft habe: Mit meinem Rücken habe ich heute keine Beschwerden mehr – einer engagierten Physiotherapeutin mit Eutonieausbildung sei dank. Ansonsten hat sich – egal, was ich angestellt habe – aber nichts wesentliches geändert. Eine Rückenverkrümmung kann man mit viel Arbeit wieder ins Lot bringen, aber andere Füße anschrauben geht nun mal nicht. Was hängen geblieben ist: ein mega Stress, ein immer wieder Kämpfen ums „Normal-sein-Wollen“. Aber es ging nicht.

Einfach etwas anders sein dürfen – Achtsamkeit

Wirkliche Veränderungen brachten für mich dann erst die Achtsamkeitsübungen des MBSR. Endlich schrittweise aus dem körperlichen Leistungsstress der letzten Jahrzehnte herauszukommen, ist mitunter nicht so einfach, aber sehr wohltuend.  Beim achtsamen Yoga tauchten die ersten auffälligeren Probleme auf. Ich konnte den Anweisungen nicht folgen, geriet wieder in die alten Stress-Muster. Bei der Geh-Meditation fiel mir dann erstmals auf, wieviel Unsicherheit ich letztlich immer noch beim Gehen habe – auch wenn es andere kaum bemerken. Selbst bei der Sitzmeditation wurde mir irgendwann bewusst, dass ich das Sitzen meinte „machen“ zu müssen, weil ich es einfach so gewohnt war, mich da mega anstrengen zu müssen. Manchmal geriet ich dabei in einen solchen Stress, dass ich mich nur noch hinlegen konnte. Erst jetzt so langsam dämmert mir: Ok, es darf dann auch einfach mal so sein, wie es ist. Ich muss nicht ständig gegen das eigene körperliche So-Sein ankämpfen und kann behutsamer, langsamer, fürsorglicher damit umgehen. Dadurch spüre ich jetzt sehr viel differenzierter, was ich brauche – und genau dadurch ändert sich etwas. So nehme ich jetzt beispielsweise sehr viel genauer und bewusster wahr, wo ich noch eine Veränderung bei den Schuheinlagen benötige. Auch lasse ich mir die Schuhe auf meine Bedürfnisse meistens noch etwas abändern und anpassen. Wenn ich merke, ich kann nicht gut stehen, laufe ich ein wenig auf und ab (funktioniert prima an einer Haltestelle). Allen Fußproblemen zum Trotz genieße ich es überhaupt sehr, gehen zu können. Und genau dort wird mir der größte Unterschied zu früher bewusst: Bewegung einfach mal genießen können, in genau dem Maß, wie ich es kann – nicht mehr, nicht weniger und maximal „einfach etwas anders“.

Was mich noch interessieren würde: Wie geht es Euch?  Sportskanone? Meine ungeteilte Bewunderung! Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht, wenn Ihr mal nicht mitgekommen seid? Hat sich da inzwischen etwas verändert? Bei uns hieß das früher in der Schule „Leibeserziehung“ und nicht Sport und erinnerte an „Turnvater Jahn“, Einschränkungen waren da nicht vorgesehen…

 

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Wie ich mich  an einem Achtsamkeitstag mit meinem körperlichen Erleben auseinander gesetzt habe, steht hier: http://www.achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeitstag/

Lebensstil vereinfachen – Loslassen von Zeit

Zeitfresser loslassen

Meinen Lebensstil vereinfachen bedeutet für mich, dass ich nicht nur auf die Dinge im Sinne von Gegenständen verzichte, sondern einmal die ganzen „Zeitfresserchen“ unter die Lupe nehmen. Solche Zeitfresserchen können z.B. die digitalen Errungenschaften wie Smartphone, Computer, Internet sein, aber auch das Fernsehen, manchmal sogar ein Hobby, welches vielleicht ausgeufert ist. Aber auch die viele Termine, Verabredungen, Pläne, also die ganze Geschäftigkeiten des Lebens, sowie meine Vorstellungen davon, wie ich die Zeit nutzen möchte, loszulassen.

Nichts verpassen – in Hochgeschwindigkeit und Aktionismus durch den Tag

Es gab Zeiten, wo mir dies überhaupt nicht gelang. Ich hatte Sorge, bei all der zeitaufwändigen beruflichen Tätigkeit, mein eigenes Leben zu verpassen. Also habe ich versucht, die Zeit gut zu nutzen: Die Zugfahrt, die Wartezeit an der Haltestelle – lesen, im Internet surfen, Musik hören. Damit es Zuhause möglichst schön ist, dann auch eben schnell putzen, aufräumen, rödeln. Ach ja, das Musikhobby: Mal wieder singen, Klavier spielen und fast unbemerkt, mir den nächsten Stress aufhalsen: das will ich dann jetzt auch noch gut können….  Trotzdem war da so ein nagendes Gefühl von Unzufriedenheit, welches aber nur kurzfristig verschwand, als ich ablenkte: Ob ich vielleicht doch dieses oder jenes besseres digitales Teil für das Internetsurfen unterwegs benötige oder neue Musikstücke runterladen oder welche neuen Bücher ich lesen will. Solche Überlegungen brauchen dann ja auch wieder Zeit.

Unzufriedenheit und Ablenkung entrümpeln und loslassen

Meine Unzufriedenheit wurde durch diese Ablenkungen nicht weniger, die eigene innere Unruhe und der erlebte Stress dafür aber immer größer. Erst als ich neben der Arbeitszeitreduzierung auch mal meine ganzen Ansprüche an Freizeit, Hobbys, Beschäftigungen überprüft, reduziert und gründlicher entrümpelt hatte, konnte ich in vielen kleinen Schritten innerlich loslassen und den Augenblick einfach mal nur genießen.

Lebensstil vereinfachen – inneren Raum schaffen

Meinen Lebensstil zu vereinfachen bedeutet heute für mich, nicht nur auf vollgestopfte Räume meiner Wohnung zu verzichte. Es bedeutet für mich auch, inneren Raum zu schaffen, indem ich meine Ansprüche, Aktivismus, Perfektionismus, Erlebnishunger und weiß ich was alles einfach mal sein lasse und einfach nur da bin: Nicht gleich agieren, planen, tun, sondern den Augenblick wahrnehmen – auch das  was um mich herum und in mir los ist. Und all dies dann wieder loslassen, an mir vorbei ziehen lassen. Oft bin ich dann erleichtert, weil ich das Gefühl habe, die Welt dreht sich wieder langsamer und ich kann aufatmen, durchatmen.

Jon Karat Zinn: Kleine Vereinfachungen können große Wirkung haben:

„Schon kleine Vereinfachungen in unserem Lebensstil können große Wirkung haben. Wenn man seine ganze Zeit mit Tun anfüllt, bleibt natürlich nichts von ihr übrig, und vermutlich weiß man nicht einmal, warum das so ist. Das  Leben zu vereinfachen bedeutet, Prioritäten zu setzen, sich zu überlegen, was man tun muss, was man tun möchte, und auf gewisse Dinge bewusst zu verzichten.  .…. Dazu kann gehören, zu Hause nicht die ganze Zeit den Fernseher oder das Radio laufen zu lassen. Sie müssen wahrscheinlich nicht alle Wege mit dem Auto erledigen. Es ist vielleicht auch nicht nötig, so oft das Handy einzusetzen. Und möglicherweise brauchen Sie auch gar nicht so viel Geld. Wenn Sie anfangen, über Möglichkeiten nachzudenken, sich das Leben zu vereinfachen, kommen Sie wahrscheinlich auch immer mehr dahin, sich Ihre Zeit wirklich zu eigen zu machen, das heißt ganz in Besitz zu nehmen, was Ihnen ohnehin gehört, um es mit Leben zu erfüllen, jeden Ihrer Augenblicke. Sie haben nicht unendlich viele davon.
….
Echtes Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und innerer Friede existieren außerhalb der Zeit. Wenn Sie sich dazu entschließen, täglich eine gewisse Zeit damit zu verbringen, innerlich still zu werden, und seien es nur zwei, fünf oder zehn Minuten, treten Sie in diesem Moment aus dem Fluss der Zeit heraus. Die Erfahrung von Gelassenheit, Entspannung und Zentriertheit, die aus dem bewussten Loslassen der Zeit entsteht, verwandelt das Erleben der Zeit. Es wird möglich, mit dem Strom der Zeit durch den Tag zu gehen, anstatt gegen ihn anzukämpfen, sich von ihm getragen statt getrieben zu fühlen, einfach dadurch, dass man dem gegenwärtigen Augenblick bewusst begegnet.“
(Quelle: Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation, E-Book, Teil IV, Kapitel 26: Zeit und Zeitstress)

Kein K(r)ampf mit der Sitzmeditation

Probleme mit der Sitzmeditation – wenn nichts mehr geht …

Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich andere Meditierende nahezu bewundert habe. Gefühlte ewig und drei Tage ruhig und aufrecht sitzend im Schneidersitz, Lotussitz auf irgendwelchen niedrigen Kissen. Wahnsinn. Ging bei mir überhaupt nicht. Ich hatte immer wieder Probleme mit der Sitzmeditation. Insbesondere in Phasen, in denen ich mich gestresst fühlte, ohnehin „unter Dampf“ stand, hatte ich oft das Gefühl, mir bricht der Rücken durch, so verspannt war ich manchmal. In diese Verspannung reinatmen, freundlich sich selbst gegenüber – ja das hat dann manchmal ein bisschen geholfen, aber auch nicht immer und eigentlich auch nicht so wirklich. Lange Zeit ging das so – und in mir der Wunsch:

Ich möchte das auch mal so gut hinbekommen.

Neid, Ärger, Ehrgeiz – all das kam und ging. Irgendwann bemerkte ich, ich steckte regelrecht fest. Immer wieder die gleichen Reaktionen, Verspannungen, egal was ich machte.

Was tun? Ansprüche runter schrauben!

Irgendwann konnte ich mich dann endlich dazu entschließen, mal meine starre Vorstellung von dem, wie „man“ richtig sitzt bei der Meditation und insbesondere meine Ansprüche an mich runter zu schrauben. Und so habe ich es irgendwann dann einfach mal anders versucht und mich entweder hingelegt oder Sitz- und Gehmeditation in kürzeren Abständen miteinander abgewechselt.

Achtsamkeit und Fürsorglichkeit für mich selbst

Inzwischen spüre ich schon bevor ich überhaupt meditiere, ob und was dran ist. Und wenn ich bemerke, dass die Gefahr droht, dass ich vor lauter Sitzmeditations-Stress und überhöhten Ansprüche an mich selbst, in irgendeinen Meditationskrampf komme oder auch einfach nur einen sehr anstrengenden Tag hatte, dann kann ich inzwischen (nach gefühlt endlosem Üben) auch meinen falschen Ehrgeiz loslassen und meditiere halt mal nicht im Sitzen. Ich finde mich dabei in wunderbarer Weise durch die Aussagen von Bob Stahl und Elisha Goldstein bestätigt:

 

„Auf vielen Bildern von meditierenden Menschen sitzen sie in Furcht einflößenden Haltungen mit geschlossenen Augen, was die Übung für Anfänger unzugänglich oder fremd erscheinen lassen kann. Wir möchten jetzt klarstellen, dass keine Notwendigkeit besteht, bestimmte oder ungewöhnliche Körperhaltungen einzunehmen, wenn Sie meditieren. Die einzige Anleitung lautet, dass Sie eine Haltung einnehmen sollten, in der Sie wach und aufmerksam auf Ihre Übung sein können. Bei Achtsamkeit geht es nicht darum, eine bestimmte Sitzhaltung oder auch nur einen bestimmten inneren Zustand einzunehmen. Es geht darum, zu dem gegenwärtigen Moment aufzuwachen, gleich in welcher Haltung Sie sich befinden – körperlich oder innerlich.“
(Quelle: Bob Stahl & Elisha Goldstein, Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Das MBSR-Praxisbuch, Arbor-Verlag, S.46)

Der Zusammenhang Multitasking, Stress und Konsum

Multitasking in einer schnellen, unruhigen Welt

Manchmal kommt es mir vor, als sei die Welt irgendwie schneller, unruhiger und die Zeit weniger geworden. So komme ich morgens ins Büro und alles ist irgendwie gleichzeitig: das Telefon klingelt, auf dem Diensthandy gehen einige SMS ein, Anfragen per Email, auf dem Schreibtisch noch abzuheftende Unterlagen, der Blick auf den Terminkalender verrät mir: Es wird Zeit, ich muss los zum nächsten Termin, aber – halt – der Dienstwagen ist ja noch nicht reserviert. Dann Termine und nachher noch mehr Papierstapel auf dem Schreibtisch …

Konsum als Reaktion auf Überlastung durch Multitasking und Stress

Interessanterweise habe ich ausgerechnet nach solchen Tagen sehr viel häufiger das Bedürfnis, mir nach Feierabend irgendeinen Nahrungs-Unsinn zu kaufen. Eisdielen scheinen mich dann magisch anzuziehen, Schokoladen lachen mich aus jeder Regalecke an, am Brötchenstand riecht es verführerisch gut und dann laufen da so viele Leute mit Kaffeebechern rum  – Kaffee! Lecker! Gedanken schießen mir durch den Kopf, ob ich nicht doch noch ein komfortableres Handy oder sonst was brauche, mit dem ich mir die Freizeit erleichtern kann – aber brauche ich das wirklich?? Ich bemerke, dass ich einfach nur überdreht bin und ich diese Überdrehtheit mit Essens- und Konsum-Unsinn abzubauen versuche.
Sich einfach vorzunehmen: ok, jetzt machst du Morgen auf der Arbeit mal langsamer und kaufen tue ich die nächsten 30 Tage auch nichts, ist gut, hilft mir dann aber auch nicht dauerhaft. Ich bemerke, dass ich irgendwann dann doch schwach werde, sich alte Verhaltensmuster einschleichen … Was also tun?

Alltagsachtsamkeit: Monotasking statt Multitasking

Eigentlich ist es simpel: Erstmal möglichst genau beobachten, was vor sich geht, also nichts anderes als Alltagsachtsamkeit. Was passiert da denn ganz genau? Denn: Die Stunde besteht immer noch aus 60 Minuten, Arbeitsverdichtung, Multitasking, Shopping-Fieber bin ich nicht hilflos ausgeliefert. Nicht an jedem Tag kommt alles gleichzeitig.
Muss ich alles gleichzeitig überprüfen? Muss das Emailprogramm ständig an sein? Muss das Handy permanent auf Empfang geschaltet sein? Arbeite ich dadurch besser oder schneller? Mein Eindruck: Nein! Weder werde ich mir, noch anderen gegenüber dadurch gerechter, noch arbeite ich besser – im Gegenteil.

Ich habe festgestellt, dass sich vieles entzerrt, wenn ich einige Arbeitsabläufe ritualisiere und morgens bis zum ersten anstehenden Außentermin mehr Zeit einplane. Da ich beruflich mit hörgeschädigten Menschen zutun habe, sind Email, SMS, Chat, Fax  zwingend erforderlich.  Gehörlose können mich nunmal nicht anrufen. Für mich sehr hilfreich: mehr Zeit zwischen Eintreffen im Büro und erstem Termin einplanen. Zunächst erstmal die eingegangenen Mitteilungen nacheinander sammeln. Anschließend sortieren nach zeitlicher und inhaltlicher Dringlichkeit und einen ungefähren Tagesplan erstellen. Notizen nicht auf alle möglichen Einzelzettel verteilen, dafür habe ich inzwischen ein stabiles und ausreichend großes Notizbuch. Den Schreibtisch halte ich soweit wie möglich frei, räume häufiger zwischendurch oder am Tagesende auf. Und: müssen es 5 Kugelschreiber sein, reicht nicht einer? Auch solche Kleinigkeiten entzerren, entstressen. Auch im Tagesverlauf achte ich immer wieder darauf: Wie geht’s mir gerade, runter kommen, durchatmen.

Manche Tage sind noch immer turbulent, aber: Ruhiger und strukturierter gehe ich ganz anders damit um. Abläufe zu ritualisieren, vereinfachen, den Schreibtisch und die Utensilien möglichst minimalistisch halten – und einfach auch einplanen, dass alles seine Zeit braucht: auch solche Dinge wie Nachrichten abrufen, Unterlagen abheften, aufräumen, usw.. Nichts wird schneller fertig, wenn ich alles gleichzeitig erledigen will oder ich dafür keinerlei Zeit einplane.

Ich komme dadurch inzwischen viel ruhiger durch den Tag, bin insgesamt aufmerksamer und entspannter geworden – und auch nach Feierabend haben die Konsum-Einkauf-Stress-Symptome deutlich nachgelassen. Da braucht es keinen Kaffeestand, Eisdiele, Schokoriegel oder weiß ich was. Wenn ich mir dann doch was gönne, dann ist es der ganz bewusste Genuß, nicht Stressabbau. Ein kleiner, aber sehr entscheidender Unterschied!
Andere Dinge werden wichtiger: die Sonne, Vögelgezwitscher, Rascheln der Blätter an den Bäumen. Spüren, wie der ‚innere Motor‘ nach einem erlebnis- und arbeitsreichen Tag langsam wieder runter fährt, die Atmung ruhig und gleichmäßig fließt. Vorfreude stellt sich ein: auf Balkonien, Füße hochlegen, Feierabendgespräche, Ruhe.