Mein digitaler Minimalismus

Digitale Welten – Faszination und Nachdenklichkeit

Digitaler Minimalismus in einer Zeit, in der ständig neue Smartphones, Computer und sonstige digitale Geräte auf den Markt kommen und Ablenkungen rund um die Uhr zur Verfügung stehen, scheint mir zunehmend wichtig. Auch wenn mich die vielen elektronischen Geräte durchaus sehr faszinieren. Was man damit so alles machen kann: Mal eben im Internet stöbern, einen Film schauen, mich informieren, Texte schreiben ohne ständiges Tipp-Ex oder Korrekturband. Auch online einkaufen oder Emails verschicken ist so einfach und unkompliziert. Was war das früher ein umständliches Gemurkse. Wenn man noch mit Festnetztelefon, fest installiert im Flur, Schwarzweiß-Fernseher mit drei Programmen, Röhrenradio und mechanischer Schreibmaschine aufgewachsen ist, ist das digitale Leben einfach wunderbar.

Trotzdem hat mich in den zurückliegenden Monaten die bessere Nutzung und der Abbau dieser ganzen digitalen Geräte beschäftigt. Erstmals nachdenklicher wurde ich, als ich beruflich häufiger mit suchtartigem Medienkonsum zutun hatte. Das Ausmaß ist manchmal erschreckend. Gleichzeitig fiel mir auch bei mir selbst auf, wie häufig ich mal eben das Handy zückte und die Zeit am Computer wie im Flug vorüber war und ich kaum etwas anderes gemacht hatte. Daher habe ich geschaut, wo und was ich minimalisieren kann. Inzwischen habe ich zwei digitale Geräte, die ich nutze:

Mein erstes digitales Gerät – das Smartphone

Mich störte es zunehmend, dass ich ständig mit der Suche nach irgendeinem besseren digitalen Gerät war. Aufgrund meiner Schwerhörigkeit wars9y die Frage, welches Handy bzw. Smartphone sinnvoll ist, eine Art besonderer Dauerbrenner und entscheidender Grund für die viel zu vielen ausprobierten Smartphones. Einfach nur ohne Stress telefonieren, mehr wollte und will ich eigentlich nicht.  Letztlich habe ich nur eins mit all den Versuchen herausgefunden: Entscheidend ist eine bessere Sprachübertragung, dank sog. EVS-Codec. HD Voice, HD Voice-plus oder VoLTE sind hier einige Schlagwörter. Statt nur 3400 Hertz können inzwischen bis zu 20000 Hertz übertragen werden. Die Anbieter im D1 und D2-Netz haben hier nur sehr teuere Geräte und Tarife, lediglich einige wenige sog. Open-Market-Smartphones können seit einiger Zeit zumindestens im O2/E-PLus-Netz eine bessere Sprachübertragung in bezahlbarer Form anbieten. Ein solches Gerät habe ich jetzt. Nun teste ich mit einer zweiten Simkarte, ob das O2/E-Plus-Netz seit Neuestem wirklich eine bessere Sprachübertragung ermöglicht und ich nun tatsächlich irgendetwas besser verstehe. Dies müsste zumindestens dann der Fall sein, wenn die Gesprächspartner ebf. ein solches Gerät und eine bessere Sprachübertragung haben. Dass im Jahr 2018 noch immer nicht alle Smartphones und Netze für diese bessere Sprachübertragung freigeschaltet sind, ist ein Armutszeugnis.

Mein zweites digitales Gerät – der Laptop

Ansonsten verwende ich noch einen gebrauchten und überarbeiteten Laptop von 2012.  Ich habe mich vom Tablet getrennt, die üblichen Geräte wie Fernseher, Stereoanlage etc. besitze ich sowieso nicht. Playstation und solche Dinge sind nicht meine Welt. Das mag daran liegen, dass ich in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen bin, wo es solche Spielzeuge noch nicht gab.

Soziale Netzwerke

Aus den Sozialen Netzwerken habe ich mich vor einigen Monaten verabschiedet. Das hat mir jede Menge freie Zeit verschafft. U.a. profitiert mein Blog hier deutlich davon 😉 . Derzeit habe ich noch kein Netzwerk entdeckt, was mich ernsthaft motivieren würde, wieder einzusteigen, auch wenn ich die Möglichkeit des Austausches grundsätzlich immer sehr schön gefunden habe.

Digitale Daten minimalisieren

Digitaler Minimalismus heißt für mich auch, dass ich regelmäßig die angesammelten digitalen Daten durchforste. Da ich sehr gerne schreibe, aber nur wenig fotografiere und in der Regel auch keine Filme drehe, hält sich mein digitaler Datenbestand in Grenzen. Meine aktuell 1,62 GB Daten lassen sich einfach und komplikationslos sichern, sind aber für meine Verhältnisse fast schon ein wenig viel. Da werde ich wohl nochmal entrümpeln…

Das mobile Internet reduzieren

Eine einfache Möglichkeit digital zu minimalisieren finde ich auch, das mobile Internet unterwegs nur dann zu nutzen, wenn ich es wirklich benötige. Ansonsten ist es aus. Ich muss nicht ständig und immer für alle Menschen verfügbar sein, ich brauche keine ständig bimmelnden Nachrichten und muss auch nicht 5 x in der Stunde meine Emails abrufen. Die üblichen Einkäufe im Umfeld, lassen sich durchaus auch mal ohne Handy erledigen. Auch der sog. Flugzeugmodus ist eine prima Möglichkeit, wenn man ungestört und unabgelenkt das Smartphone für anderes nutzen will, als für Telefon und Internet.

Langfristige Verträge und hohe Kosten minimalisieren

Meine beiden Digitalgeräte haben mich zusammen rd. 330€ in der Anschaffung gekostet. Da kommen nun noch die laufenden Kosten dazu. Wieviel Internet brauche ich überhaupt und was bin ich bereit dafür finanziell zu investieren? Auch das ist für mich digitaler Minimalismus. Mein Vertrag läuft nächstes Jahr im Juni aus. Weder will ich Unsummen investieren, noch möchte ich erneut einen langfristigen 2-Jahres-Vertrag. Viel mehr als die aktuellen rund 20€ möchte ich für das Internet Zuhause nicht bezahlen. Für das Smartphone keinesfalls mehr und eher weniger, als 10€ Prepaidkosten im Monat. Kürzlich entdeckte ich, wo ich bei Windows 10 ganz einfach den Datenverbrauch der letzten 30 Tage abrufen kann.  (zu finden unter: Einstellungen – Netzwerk und Internet – Datennutzung). Dort ist eine bequeme Möglichkeit, um überhaupt einmal einen Eindruck meiner aktuellen Datennutzung zu bekommen. Welche Entscheidung ich treffen werde, weiß ich noch nicht, es ist aber auch noch ausreichend Zeit.

Screenshot Windows 10 mit Angabe: 15,49 GB in 30 Tagen

Digitaler Minimalismus = die Vorteile nutzen, aber sich nicht vereinnahmen lassen

Digitaler Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als das ich die digitalen Welten nutze, deren Vorteile zu schätzen weiß, aber ich mich davon auch nicht vereinnahmen lassen möchte. Ich muss nicht jeden Sack Reis kennen, der in China umfällt und anschließend – hübsch digital aufbereitet – online zu bewundern ist. Ich muss im Internet nicht auf 1000 Hochzeiten tanzen und auch digitales Gerümpel ist einfach nur Gerümpel. Insbesondere brauche ich nicht alle erdenklichen digitalen Unterhaltungsgeräte, schon gar nicht in neuester Form.

Internetanbieter – was mich ärgert…

Fragwürdige Anrufe

Ich lasse mich ungerne an der Nase herumführen. Auch nicht von meinem derzeitigen Internetanbieter Unitymedia. Mein gekündigter Vertrag für das Internet läuft in einem Jahr aus. Heute dann ein Anruf mit dem Angebot, man mache mir ein Angebot, dass ich statt 19,99€ dann nur noch 14,99€ bezahlen müsse. Im Gesprächsverlauf auch noch das Angebot dieses Internetanbieters, dass ich ein neues WLAN-Modem bekäme. Mich überzeugte dies nicht, da der Anbieter Eazy einen Internetanschluss von Unitymedia vertreibt, bei dem ich nur 11,99€ bezahlen müsste. Der Unitymedia-Anrufer meinte, mit Eazy arbeite man nicht mehr zusammen. Ich habe mal bei Eazy angefragt, ob das stimmt. Eazy informierte mich per Email, dass sie nachwievor mit Unitymedia arbeiten und kostengünstige Internettarife anbieten. Die Aussage des Unitymedia-Anrufers war also falsch.

Dann wurde im Laufe des Telefonates noch deutlich, dass dieser Anrufer mit mir einen neuen Internetvertrag am Telefon abschließen wollte, dies aber nicht eindeutig so benannte. Ich wurde hellhörig, nachdem mir der Anrufer wiederholt sagte, er würde mir das schriftlich zuschicken und die 14,99€ für 2 Jahre zusichern und ich könnte dann ja 2 Wochen lang einen Widerruf schicken, wenn ich das nicht wolle. Mich ärgert so etwas. Denn widerrufen muss ich ja nur das, was ich auch vertraglich abgeschlossen habe. Spätestens an dieser Stelle begriff ich endgültig, dass dieser Mann gerade dabei war, mir einen neuen Vertrag aufzuschwatzen, ohne dies gezielt auch so zu benennen. Ich wies daher klar und deutlich daraufhin, dass ich am Telefon keinen Vertrag abschließe und nichts zusage, was ich nicht zuvor schriftlich in den Händen halte und überprüfen kann. Der Anrufer meinte, dann müsse ich halt noch ein Jahr die 19,99€ bezahlen. Er legte auf, noch bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen konnte.

Meine Konsequenz:

Der Vertrag mit diesem Internetanbieter ist gekündigt und bleibt es. Solche fragwürdigen Verkaufsgespräche interessieren mich nicht. Es geht mir nicht um 5€ oder 10€. Es geht mir an dieser Stelle überhaupt nicht ums Geld, sondern um Klarheit. Ich möchte als Kunde ernst genommen werden. Weder lasse ich mir auf der Nase herum tanzen, noch akzeptiere ich es, wenn man versucht, mich über den Tisch zu ziehen. Wenn Vertrag, dann möchte ich diesen mit Ruhe abschließen und erst nachdem ich alle Details zum Vertrag schriftlich vorliegen habe.

Statt dessen werde ich in Ruhe überprüfen, wieviel Internet ich überhaupt haben möchte und ob ich mit einem monatlich kündbaren mobilen Internet nicht genauso gut klar komme. Da ich hier Texte schreibe, aber üblicherweise keine Videos drehe, hält sich der Datenumfang, den ich benötige, in Grenzen. Für einen mobilen Anschluss bräuchte ich zudem nicht einmal einen Telekomtechniker, der hier die Leitung freischaltet. Telekomtechniker lassen bekanntlich oft gerne und manchmal sehr lange auf sich warten. Das ist auch so ein Heckmeck, auf den ich überhaupt keine Lust habe. Minimalismus ist eben auch die Freiheit, für meinen Internetkonsum nicht alles akzeptieren zu müssen, erst Recht nicht schlechtes Benehmen, auch nicht schlechten Service, schon gar nicht unklare Bedingungen.

Alles ist miteinander verbunden – Earth Overshoot Day

Dieses Jahr war er bereits am 2.5. – der Earth Overshoot Day, auch Welterschöpfungstag“, „Weltüberlastungstag“, „Ökoschuldentag“ oder „Erdüberlastungstag genannt. Es ist das Datum, an dem wir hier in Deutschland bereits unseren Anteil an den Ressourcen unseres Planeten für dieses Jahr verbraucht haben. Drei Planeten würden wir benötigen, wenn alle Menschen so konsumieren würden, wie wir hier in Deutschland. Und immer noch sind da Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass wir mit unserem ausuferndem Konsumverhalten unsere eigene Lebensgrundlage und die zukünftiger Generationen zerstören.

Achtsamkeit – Wir sind keine getrennt voneinander existierenden Wesen

Wie verrückt unser Lebensstil ist, wird mir nicht zuletzt durch meine Achtsamkeitspraxis deutlich. Mit jedem bewusstem Atemzug spüre ich, dass wir uns nicht als voneinander getrennte Wesen sehen können. Letztlich ist alles miteinander verbunden. Mit jedem Einatmen lassen wir ein Stück dieser Welt in Form von Luft in uns hinein, mit jedem Ausatmen geben wir wieder etwas ab. Tun wir dies nicht, sterben wir. Ohne Verbundenheit kein Leben. Die Zellen unseres Körpers, unsere Haut, unsere Knochen, unsere Organe erneuern sich und ständig sterben Körperzellen ab. Alle paar Jahre sind wir also so etwas wie runderneuert.

Auch dann, wenn einige Dramen noch nicht direkt für uns spürbar sind, auch dann, wenn die Verdrängungsmechanismen gut funktionieren, ist klar, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir einfach fröhlich vor uns hin konsumieren konnten, ohne diese Verbundenheit und die Notwendigkeit eines bewussteren Umgangs mit unseren Resscourcen in den Blick zu nehmen.

Veränderungen – Die Chance der kleinen Schritte

Veränderungen sind aber auch nicht mal so eben umgesetzt. Ich kenne das von mir selbst und würde mich nie als auch nur annähernd gutes Beispiel nachhaltiger Lebensführung bezeichnen. Trotzdem ist einiges möglich und ich habe festgestellt, dass die besten und nachhaltigsten Veränderungen durch eine „Chance der kleinen Schritte“ gelingen. An irgendeiner Stelle anfangen und sei es noch so wenig und noch so klein. Und dann das, was man angefangen hat, fortführen. Das macht selbst dann Sinn, wenn alle anderen persönlichen Bereiche noch weit entfernt von jeder umwelt- und ressourcenschonenden Lebensweise sind.

Kleine Anfänge waren für mich beispielsweise, dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich eine neue Getränkeflasche über unterwegs benötigt habe, dann keine Plastikflasche mehr gekauft habe. Ich habe mich für eine teurere, aber dafür auch sehr langlebige Edelstahlflasche entschieden. Gleiches setzte ich mit meiner Brotbox um.

Edelstahlflasche mit 2 Edelstahlbrotbehältern

Das war auch nur ein kleiner Anfang, aber es war ein Anfang. Andere Bereiche folgten schrittweise. Als Kaffeeliebhaberin rühre ich die Kapselkaffeemaschine auf der Arbeit nicht an und halte mich auch nicht mit Äußerungen darüber zurück, was ich von solchen Geräten halte: Nichts. Brauche ich neue Kleidung, schaue ich zuerst und vorrangig, ob ich auch in Deutschland produzierte Kleidung kaufen kann. Die ist in der Regel viel haltbarer, die Transportwege kürzer und damit der ökologische Fußabdruck auch sehr viel geringer. Da ich insgesamt deutlich weniger Kleidung habe und kaufe, als die meisten anderen Menschen um mich herum, kann ich es mir auch leisten, wenn diese Kleidung etwas teurer ist. Als die Plastikgefrierdosen nacheinander den Geist aufgaben, habe ich angefangen, die einfachen Schraubgläser von Gurken und Co. zu sammeln und diese zum Einfrieren zu benutzen. Es funktioniert phantastisch. Auch Lebensmittelvorräte wie Müsli, Nudeln, Reis, etc. lassen sich damit hervorragend aufbewahren. Dass ich seit längerem kein Auto mehr habe, war die beste Entscheidung meines Lebens. Dies freut nicht nur unsere Umwelt, sondern ich habe auch sehr viel weniger Stress, spare viel Geld und ich bewege mich einfach mehr. Natürlich: Mit vielen Bereichen bin ich noch sehr unzufrieden, oft macht mir die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Ich brauche beispielsweise Batterien für meine Hörgeräte, da die existierenden Akkus immer noch indiskutabel sind. Dann habe ich einige Allergien und Unverträglichkeiten, was die Lebensmittelauswahl einschränkt. Manches habe ich auch einfach noch nicht umgesetzt. Trotzdem: Selbst wenn die kleinsten Minischrittchen noch so winzig sein mögen, sind diese immer noch besser, als Stillstand, Verdrängung und den Kopf in den Sand zu stecken.

Nachhaltigkeit als praktische Metta-Meditation

Jede und jeder von uns kann sich überlegen, irgendeinen ganz kleinen Schritt hin zu einem umweltverträglicheren Verhalten zu gehen. Auf diese Weise können wir dazu beitragen, den Earth-Overshoot Day als ersten Schritt zumindestens wieder ein Stück weiter nach hinten zuverlegen. Und sage niemand irgendwann, er oder sie habe nicht gewusst, dass wir so wenig fürsorglich mit den Resscourcen unserer Erde umgehen.

Jeder kleine Schritt hin zu einer nachhaltigeren Lebensweise ist für mich praktische Metta-Meditation, gelebte Achtsamkeit. Achtsamkeit auf mich, auf uns, auf unsere Welt und darauf, dass wir nun mal nicht als voneinander getrennte Wesen existieren, sondern alle miteinander verbunden sind – täglich und mit jedem Atemzug.

Filmtipp: Kaufen für die Müllhalde

Der Film „Kaufen für die Müllhalde“ ist aktuell bis zum 1.5.2018 auf Arte.de zu sehen. Die Filmemacherin Cosima Dannoritzer hinterfragt unsere moderne Wegwerfgesellschaft und den bei vielen Produkten einprogrammierten Verschleiß (geplante Obsoleszenz). Er zeigt aber auch Lösungsansätze und alternative Produktionsweisen auf.

Ich finde es hilfreich, sich immer mal wieder daran zu erinnern, wie wichtig es ist, achtsamer mit uns und den Resscourcen unseres Planeten umzugehen. Minimalismus ist für mich auf diesem Hintergrund auch eine Form praktisch gelebter Achtsamkeit im Umgang mit den Dingen.

Weitere Filmtipps gibt es hier:  Filmtipps Achtsamkeit

 

Vom Schmerz, unnötige Dinge zu behalten

Von Besitz trennen schmerzt?

Es heißt immer wieder, dass persönlichen Besitz abzugeben, die gleichen Hirnareale aktiviert, wie physischer Schmerz. Ich kenne mich nicht mit Neurowissenschaften aus, behaupte aber mal ganz einfach, dass es umgekehrt genauso sein kann. Anders ist die befreiende Wirkung von Minimalismus wohl auch kaum zu erklären.

Wie schmerzhaft ist es, Dinge zu behalten?

Wie schmerzhaft ist es eigentlich, Dinge zu behalten, obwohl ich sie nicht (mehr) mag oder sie mir nicht gut tun? Das können die Utensilien für Hobbys sein, die seit Jahren brach liegen oder das edle Sportzeug, welches für ein Halbmarathon-Training gedacht war, aber als überzeugter Couch-Potato, nur für eine zweimalige, mühsame Quälerei durch den Stadtpark gereicht hat. Natürlich könnten wir uns genau an der Stelle mit neuem Konsum betäuben, um genau diesen Schmerz der unsinnigen Dinge nicht zu spüren.

Dann gibt es auch die Dinge, die wir aus einer spontanen Konsumlaune heraus gekauft haben, um dann später festzustellen, dass sie komplett unsinnig und überflüssig sind. Nun steht das Zeugs also rum. Es hat ja schließlich Geld gekostet. Also trösten wir uns damit, dass die Dinge doch mal nützlich sein könnten. Irgendwann mal…vielleicht… Oder doch verkaufen? Aber man bekommt einfach nichts mehr dafür. Also steht das Zeug immer noch rum.

Manchmal ist es der ganze Kleinkram, der unsere Wohnung verstopft. Auch Kleinkram in größerer Menge kann unzufrieden machen, weil er immer irgendwo rum liegt, endlich irgendwo untergebracht, abgestaubt und aufgeräumt werden müsste. Und wie belastend ist es eigentlich, Stauraum für Dinge zu finden, die man nicht (mehr) mag, die nicht gut tun oder überflüssig sind? Manchmal ist es auch einfach „nur“ der banale physische Schmerz, wenn man z.B. nachts beim Gang zum WC, über die herum liegenden Dinge stolpert, für die in Regalen und Schränken kein Platz mehr ist.

Und so belasten diese Dinge unser Leben und unser Wohlbefinden. Wenn der unnötige Kram Zuhause herum steht, dann ist es auch schmerzhaft, sich ständig an Fehlkäufe oder Hobbys zu erinnern, die doch nicht so richtig passend waren. Es kostet zudem einiges an Lebensenergie, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass man dieses oder jenes Teil nochmal verwenden kann. Meistens spüren wir längst im tiefsten Innern, dass es nie so sein wird. Trotzdem halten wir an Dingen und den damit verbundenen Illusionen fest. Genau dann kann es ein schmerzbefreiender Prozess sein, solche Dinge endlich zu verabschieden, um neue Lebensenergien gewinnen zu können.

Die einfachste Regel, sich von Dingen zu trennen

Überlege vor dem Kauf, was das Ding kostet und dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, wo genau dieses Teil überflüssig sein wird. Wenn, dann rege dich vor einem Kauf auf, wie teuer etwas ist und verabschiede diese „Teuer-Aufregungen“ endgültig und für immer, sobald du an der Kasse bezahlt hast! Ob du dich dann 1 Tag, 1 Woche oder 1 Jahr später von genau diesem Ding wieder verabschiedest, ist letztlich egal. Das Geld ist futsch und genau dieses ausgegebene Geld kann nun mal nicht gleichzeitig für etwas anderes genutzt werden.

Schadensbegrenzung: Befreie dich!

Manchmal geht es beim Reduzieren von persönlichem Besitz auch um Schadensbegrenzung. Auch dies gehört zum achtsamen und fürsorglichen Umgang mit sich selbst. Das kann der Schmerz der Erinnerung an einen Fehlkauf sein, das Missgefühl, es mit diesem Hobby oder jener Sportart doch nicht so hinbekommen zu haben. Vielleicht sind es negative Empfindungen und Erinnerungen an Zeiten, Menschen, Lebenssituationen, die mit bestimmten Dingen verbunden sind. Mag sein, dass es beim Reduzieren dieser Dinge, dann immer noch ein Trennungsschmerz gibt. Aber gerade die negativen Erinnerungen und Empfindungen, die mit diesen Dingen verbunden waren, haben nun endlich eine Chance, auch innerlich verabschiedet zu werden.

Die Minimalismus-Falle

Wie das Leben so manchmal ist:  #Konsumauszeit – und prompt sind einige Dinge einfach kaputt. Ich greife mal das banalste Beispiel überhaupt heraus: Socken sind hinüber. Einer nach dem anderen. Gestopft, wieder getragen, wieder kaputt. Irgendwann reicht eben auch die Kunst des Stopfens nicht mehr. Dieses Thema habe ich häufiger und das schon sehr lange. Und so entdecke ich sie wieder: die Minimalismus-Falle.

Ich entdecke, dass ich Konsumauszeit deshalb spannend finde, weil ich dann nichts einkaufen muss und nicht, weil ich zu häufig losziehe. Das, was nach Minimalismus aussieht, ist in Wirklichkeit einfach nur Einkäufe vor mir herzuschieben – bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Einkauf sein MUSS, aber zeitlich und inhaltlich eigentlich überhaupt nicht passt.

Konsumkritikzeit

Ein Grund für diese Einkaufsunlust ist die Qualität der Dinge. Die Konsumauszeit ist in den letzten beiden Wochen für mich eher zu einer Konsumkritikzeit geworden. Viele Dinge, insbesondere elektrische Geräte, haben einfach eine deutliche kürzere Haltbarkeit. Ich spüre immer mehr, wie sehr mich das stört. Schon aus diesem Grund alleine habe ich oft keine Lust daran, mir überhaupt irgendwas zu kaufen. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an allem möglichen Krams. Die Auswahl ist endlos. Einkaufen wird schnell zum arbeitsaufwändigen Hürdenlauf, bei dem ich mich durch Testberichte, Onlineshops und Geschäfte vor Ort quälen muss und so gerate ich in die Minimalismus-Falle:

Minimalismus-Falle 1 – Überfülle

Wenn ich etwas einkaufen will bzw. muss und habe dann Pech, ist die Stadt voll mit Menschen. Ich quäle mich durch die überfüllte Einkaufszone, wühle mich durch das mit Menschen und Dingen überfüllte Kaufhaus, stehe gefühlt ewig an einer Kasse. Kaufe ich online, habe ich zwar mehr Ruhe, aber das zu kaufende Ding auch nicht selbst in der Hand. Dann die Überlegung, welchen Shop ich jetzt nehmen soll, diesen oder jenen? Manchmal geht bei der Bestellung, manchmal beim Versand etwas schief. Irgendwas ist ja immer. – Also lasse ich es gerne mit dem Einkaufen, bis es wirklich nicht mehr anders geht und ziehe entsprechend schlecht gelaunt los…

Minimalismus-Falle 2: Perfektionismus

Perfektionismus im Zeitalter geplanter Obsoleszenz – das ist auch eine Hausnummer…
Ich hätte gerne immer DAS perfekte Produkt. Elektrische Geräte sollen ewig halten, keinen Platz weg nehmen, wenig Strom verbrauchen. Kleidung am liebsten bio und fair gehandelt, genau nach meinem Geschmack und in meiner Lieblingsfarbe, genau passend, preislich angemessen und direkt bei mir um die Ecke zu kaufen. Natürlich gerne all diese Vorteile gleichzeitig. Klappt natürlich nie. – Also lasse ich es dann mit dem Einkaufen. Meistens hänge ich tage-, wochen- oder monatelang in irgendwelchen Entscheidungsschleifen fest ohne jedes Ergebnis. Nach meinem Geschmack ist dies aber viel zu viel Aufmerksamkeit auf Dinge, die ich noch gar nicht habe.

Raus aus der Minimalismus-Falle

Mir geht es darum, mich mit der Anschaffung von notwendigen Dingen, möglichst nicht so lange und möglichst stressfrei zu beschäftigen. Auch das ist für mich Minimalismus: Wie minimalisiere ich Aufwand und Stress:

Raus aus der Minimalismus-Falle – 6 Tipps:

  1. den eigenen Bedarf regelmäßig überprüfen: Wieviele und welche Dinge brauche ich tatsächlich?
  2. Geht es auch ohne dieses oder jene einzelne Teil?
  3. Zeitdruck vermeiden
  4. Typische Zeiten überfüllter Kaufhäuser meiden (z.B. samstags, Brückentage, …)
  5. Prioritätenliste – welche Aspekte meiner perfektionistischen Ansprüche sind am wichtigsten, wo sind ggf. Kompromisse möglich?
  6. Einkaufsliste erstellen – was wird in den nächsten Wochen oder Monaten vermutlich notwendig?

Notizbuch mit Füller als Ausweg aus der Minimalismus-Falle

 

Minimalismus – zuwenig Auswahl in der Überflussgesellschaft

#Konsumauszeit und Minimalismus ist nichts Neues für mich. Das gab es bei mir genau genommen immer schon. Allerdings meistens eher unfreiwillig, auch in unserer Überflussgesellschaft. Zwei Beispiele:

Vorweihnachtszeit:

Ich finde es schon seit Jahrzehnten höchst unangenehm und stressig, zwischen Mitte November und Weihnachten in die Stadt zu gehen, um noch irgendwelche Einkäufe zu tätigen. Es ist dort einfach sehr voll, die Menschen wirken hektischer als sonst, überall irgendein Weihnachtsgedudel, Lichterketten, Weihnachtsmänner. In den 80er-Jahren habe ich einfach gewartet, bis Weihnachten vorbei war, zwischen den Jahren war es dann ruhiger. Mit dieser Ruhe war es dann irgendwann aber auch vorbei, denn die Weihnachtsgeschenke-Umtauscher und die Gutschein-Einlöser wurden immer mehr. Na, dann bin ich da eben auch nicht Einkaufen gegangen.

-> #Konsumauszeit, weil es mir im vorweihnachtlichen Konsumwahn einfach zu laut, zu hektisch und zu voll ist.

 

Bekleidung

Bekleidung zu kaufen, war für mich immer schon ein mittleres Desaster. Hosen waren früher fast immer rund 10cm zu kurz. Bis heute habe ich dieses Problem. Allerdings habe ich inzwischen das „Glück“, dass die Hosen, dann „nur noch“ nach unmöglicher „Hochwasser-Hose“ aussehen. Warum gibt es für Männer eigentlich alle möglichen Größen, Weiten und Längen und für Frauen nicht?

Immer wieder hatte ich jahrelang auch Probleme mit Pullovern und T-Shirts. Ewige Modephasen hindurch gabs regelmäßig und immer wieder nur pastell oder pink, rosa, rot, orange. Ich mag diese Farben nicht als Bekleidungsfarben, sie stehen mir auch nicht, genauso wie schwarz und weiß einfach nicht passt. Irgendwelche Blümchenmuster waren auch noch nie mein Ding. Ich hatte in den letzten Monaten beispielsweise definitiv zu wenig Langarmshirts. Bei meinem Lieblingshersteller Trigema wird zwar in Deutschland produziert, aber seit ewigen Zeiten finde ich vorrangig schwarz, weiß, dunkelblau, pink, manchmal rot, manchmal irgendwelche anderen Blautöne oder mit blinkenden Svarovskisteinchen (mag ich ebenso wenig, wie das ganze Blümchen- und Rüschenzeugs!). Blau kann ich nicht mehr sehen, jahrzehntelang habe ich notgedrungen nichts anderes als blau getragen. Erd- und Naturtöne stehen mir besser, gefallen mir besser, diese finde ich aber nicht – auch nicht woanders. Aus der Not heraus, bin ich auf einen anderen Anbieter ausgewichen, der sogar fair produzierte Kleidung verkauft und habe – weil nichts anderes gefunden – dann 4 graue Langarmshirts gekauft, damit ich nicht weiterhin abends per Hand waschen muss.

-> #Konsumauszeit, weil Mode oft einseitig und Bekleidung nicht in passenden Größen vorhanden ist.

 

Unfreiwilliger Minimalismus

Unfreiwillig ist Minimalismus u.a. dann für mich, wenn ich trotz all des vielen angebotenen Zeugs, nicht das Passende finde. Freiwillig an dieser Entscheidung ist, auf weitere unsinnige, nervenaufreibende Suchen zu verzichten. Dieses Thema ist nicht neu. Damit habe ich seit Jahrzehnten zutun. Schon in den 80er- und 90er-Jahren gab es Zeiten, wo ich ernsthaft mit 1000 DM losgezogen bin, im festen Entschluss dieses Geld auch auszugeben. Aber ich bin unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück gekehrt, weil ich nichts passendes gefunden habe – frustriert und enttäuscht. So etwas finde ich höchst unangenehm. Unter anderem führt  es dazu, dass ich mir inzwischen vorher einfach endlos lange überlege, ob ich mir nun dies, das oder jenes kaufe oder nicht. Denn ich weiß nie:

  • Finde ich überhaupt etwas passendes?
  • Wie lange hält dieses Teil?
  • Ist es evtl. eine Fehlinvestition?

Es ist oft ein ewiger Gedankenkreislauf ohne wirkliches Ergebnis und dieses im-Kreis-drehen will ich einfach nicht mehr.

 

 

#Konsumauszeit – das Leben achtsamer gestalten

Als ich las, dass Svenja und Marc (Twitter: @apfel_maedchen & @sadfsh) ihre jährliche #Konsumauszeit für November angekündigt haben, kam mir spontan der Gedanke: Das ist es. Eine prima Aktion, um das eigene Leben achtsamer zu gestalten.

Meine Gedanken dazu:

Wir leben in einer hochkomplexen Gesellschaft. Unser Alltag ist oft rastlos. Wir sind konfrontiert mit Arbeitsverdichtung, Sorge um Arbeitsplätze und nicht wenige Menschen mit einer grottenschlechten Bezahlung. Wir konsumieren in der Regel viel zu viel, deutlich über unseren wirklichen Bedarf hinaus, manchmal auch komplett an unserem Bedarf vorbei. Damit schaden wir der Natur, anderen Menschen und letztlich sogar uns selbst. Unsere Meere vermüllen mit Plastik, die Vielfalt in der Natur geht bedenklich und dramatisch zurück, der Klimawandel ist bereits deutlich zu spüren – und wir beschäftigen uns noch immer mit dem neuesten Smartphone, der nächsten Flugreise in den Urlaub und quälen uns an Wochenenden durch die Shoppingcenter der Städte. Wie verrückt ist sowas? Manchmal kommt es mir vor, als laufen wir ständig irgendwelchen „Konsum-Schnullern“ hinterher und wollen einfach nicht wahr haben, dass uns diese Konsum-Schnuller immer hungrig zurücklassen werden.

Natürlich bin auch ich Teil dieser Gesellschaft. Seit einiger Zeit bemerke ich, dass ich zwar nicht ständig irgend etwas kaufe, schon gar nicht unnötige Dinge. Aber ich habe ständig Ideen für Käufe im Kopf. Es ist ein ständiges ideenreiches Gedankenkreisen, aber ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Wer sich aber ständig im Kreis dreht, muss sich nicht wundern, wenn es ihm oder ihr schwindelig wird. Vermutlich sind es einfach Ablenkungen vom eigentlichen Thema, welches mich parallel beschäftigt:

 

Weniger ist mehr – beim Konsumieren, aber auch beim Meditieren

Zumindestens bei mir ist das so. Mit einigen körperlichen Einschränkungen, die ich nunmal habe, kann ich im Alltag inzwischen ganz gut leben, aber gerade bei den formalen MBSR-Achtsamkeitsübungen gelange ich durch diese Einschränkungen ständig an Grenzen und in Überlastungssituationen. Auch wenn ich einige Yogaübungen inzwischen weglasse oder verändere und sehr auf mich achte, bleibt es schwierig. Ein von Geburt an unzureichend ausgebildeter Lendenwirbelbogen wächst nunmal auch mit intensiver Meditationspraxis nicht zusammen, erschwert aber das Üben ebenso, wie meine Schwerhörigkeit, wenn ich an einer Meditationsgruppe teilnehme.

Ich möchte dieses Jahr die #Konsumauszeit nutzen, um Alternativen für unsinniges Gedankenkreisen ums Konsumieren, aber auch neue Wege für Achtsamkeit und Meditation zu finden – integriert in meine ganz normalen Alltagsabläufe. Und genau hier passen dann auch vielfältige Ideen hin. Mal schauen, ob und was mir hierzu einfällt.

Über meine Erfahrungen und Erlebnisse werde ich im Verlauf des Novembers hier auf der Webseite dann noch berichten. Wer informiert werden möchten, kann sich unten für den Newsletter anmelden.

Informationen zur #Konsumauszeit hier: https://t.co/vQzW9G1uOR?amp=1

 

 

 

7 Jahre Achtsamkeit: 2. wirkliche Bedürfnisse

Vor 7 Jahren entdeckte ich Achtsamkeit und Meditation für mich. Vieles hat sich dadurch geändert und verändert. Da dies nicht alles in einen einzigen Text hineinpasst, heute Teil 2:

Wirkliche Bedürfnisse

Als Sozialpädagogin (und im Erstberuf Erzieherin) bin ich schon aus beruflichen Gründen vorrangig fokussiert auf die Bedarfe anderer Menschen. Das ist seit Jahrzehnten mein Beruf und ich mache diesen Beruf tatsächlich immer noch sehr gerne. Aber natürlich ist so ein Beruf auch anstrengend und belastend. Ich spürte diese Belastung irgendwann immer deutlicher, die Stressymptome nahmen zu – was mich letztlich auch zu Meditation und Achtsamkeit brachte.

Im Rahmen der unterschiedlichen Achtsamkeitsübungen, gelangte eine Frage im Laufe der Zeit immer mehr für mich in den Mittelpunkt: Wo bleibe ICH eigentlich? Was ist MEIN Bedarf? Was sind meine wirklichen Bedürfnisse? Alle möglichen Wünsche hatte ich durchaus. Aber Wünsche sind einfach das, was sie sind: Wünsche. Sind sie deshalb auch meine wirklichen Bedürfnisse?

Wünsche konsumieren, statt Bedürfnisse erfüllen

Monatelang übte ich überwiegend ‚Metta für mich selbst.‘ Ich bemerkte, dass die jahrzehntelange überwiegende Konzentration auf das Wohlergehen Anderer dazu geführt hatte, dass ich innerlich blind geworden war für meine persönlichen Bedürfnisse. Es fühlte sich an, als seien diese irgendwo im Nebel unsichtbar geworden oder in irgendeinem Dickicht verloren gegangen. Achtsamkeit brachte mich dazu, zu erkennen, dass das, was ich für meine Bedürfnisse gehalten habe, keine wirklichen Bedürfnisse waren. Irgendwelche technischen Gadgets, der neue PC oder zumindestens ein paar neue Zusatzteile für den Computer: das waren lediglich Wünsche. Es war die Faszination des Neuen, mit der uns die Konsumindustrie eine heile Welt vorgaukeln möchte und die ich zeitweise gerne übernahm. Es war für mich die wunderbare Ablenkbarkeit von den Belastungen des Alltages und der Wunsch, mir etwas Gutes zutun. Aber genau das gelang mir damit nicht. Mit der Erfüllung von Konsumwünschen kam nur kurzfristige Zufriedenheit. Das gute Gefühl hielt nur kurz und wich neuer Unzufriedenheit.

Wirkliche Bedürfnisse entdecken

Ich entdeckte im Laufe der Zeit ganz andere Bedürfnisse. Mein Bedürfnis nach Information und dem Stillen meiner Neugier, kann ich beispielsweise mit einem internetfähigen Gerät sehr einfach und bequem nachkommen. Ich brauche dazu aber nicht ständig ein neues Gerät – erst Recht nicht, wenn dieses dann lediglich für ein kurzfristiges Gute-Laune-Gefühl sorgt. Mein Bedürfnis mich über das Schreiben auszudrücken, kann ich beim Tippen auf einer Computertastatur natürlich sehr viel besser nachkommen, als auf einer handelsüblichen Schreibmaschine früherer Tage. Insbesondere ist es für mich sehr viel einfacher, als alles mit der Hand zu schreiben. Aber auch zum Schreiben brauche ich nicht ständig ein neues Gerät oder neue, aufwändige Software. Im Gegenteil: Nutze ich früher eine umfangreiche Textverarbeitung, reicht mir heute meistens ein kleiner Editor. 

Ein weiteres Beispiel: Jahrelang hatte ich den Wunsch, sportlich mit anderen Menschen so einigermaßen mithalten zu wollen. Es gelang mir nie. Es war halt ein Wunsch, der nicht zu meinen wirklichem Bedarf passte. Einige meiner von Geburt an vorhandenen körperliche Einschränkungen fielen zwar nie sonderlich auf – sie waren und sind aber da. Gerade durch Gehmeditation und achtsames Yoga spürte ich sie dann deutlich wie nie. Es war ein langer und schwieriger Prozess, mein ganz persönliches Sosein zu akzeptieren und mich – endlich – meinen Möglichkeiten entsprechend, bewegen zu können oder eben auch nicht. Die langsam ausgeführten Bewegungen in der Gehmeditation und in den Yogaübungen des MBSR’s haben mir zu mehr Körpergefühl verholfen, als all die vielen Fitness- und Gymnastikstunden mit denen ich mich jahrelang zuvor beschäftigt hatte.

Die Faszination mich in einer Atemmeditation wirklich nur auf eine Sache, nämlich das Atmen, beschränken zu können, führte mich zu einem weiteren wesentlichen Bedürfnis: Dem intensiven Wunsch nach „Weniger ist mehr.“ Reizüberflutungen im Alltag, aber auch den eigenen vier Wänden abzubauen war und ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von Lebensqualität. Achtsamkeit führte dazu, dass mir mein teilweise hohes Maß an Sensibilität deutlich geworden ist. Dies brachte mich im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, wie wichtig es ist, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Minimalismus ist insbesondere auf diesem Hintergrund einfach ein ganz persönliches und wichtiges Bedürfnis von mir, um nicht im Dschungel der tausend Wahrnehmungen und Ablenkbarkeiten kirre zu werden.

 

Aufmerksamer mit mir und aufmerksamer mit Anderen

7 Jahre Achtsamkeit haben übrigens nicht dazu geführt, dass ich nun zu irgendeinem Egoisten mutiert wäre. Im Gegenteil. Je deutlicher mir meine wirklichen Bedürfnisse geworden sind, desto entspannter und klarer war und bin ich im Kontakt mit anderen Menschen – auch im beruflichen Kontext. Es gab Zeiten, in denen ich dank meines großen beruflichen Erfahrungsschatzes eigentlich nur noch funktioniert habe. Doch das hilft letztlich Niemandem und ließ mich zunehmend unzufrieden werden. Heute bin ich zum Glück wieder sehr viel zufriedener, entspannter und in meiner beruflichen Arbeit fokussierter und klarer geworden.

 

Zum Weiterlesen:

7 Jahre Achtsamkeit: 1. Minimalismus

 

 

 

Achtsames Gehen – Minimalismus in Bewegung

Minimalisiert – und plötzlich ist doch wieder Kram da…?

Manchmal ist es einfach so: Endlich sieht man was vom Minimalismus in den eigenen vier Wänden. Mühsam Platz geschafft, entrümpelt, Freiräume geschaffen. Doch irgendwann dann, wie durch Geisterhand und auf ganz geheimnisvolle Weise haben doch wieder zahlreiche T-Shirts, Hosen und Schuhe auf verschlungenen Pfaden ein Plätzchen im eigentlich entrümpelten Kleiderschrank gefunden. Oder der Kleiderschrank war ohnehin eigentlich voll und nun stehen da die Einkaufstüten mit all den neuen Sachen drin und die Frage drängt sich auf: Wohin mit dem Kram? Beim neuen Smartphone ist die zumindestens die Frage der Unterbringung leichter, es ist ja recht klein… Wären da nicht die diversen älteren Smartphones und Handyknochen, die sich da noch munter in der Schublade tummeln, zusammen mit den diversen Ladenkabeln, Adaptern und was der moderne Mensch halt noch so in seiner Schublade hortet.

Da kann die Freude über ein neues Produkt dann doch wieder schnell verblassen und vielleicht macht sich ein Gefühl der Unzufriedenheit breit oder aber es bleibt der schale Nachgeschmack nach einer – eigentlich unsinnigen – Shoppingtour. Die Gedanken kreisen plötzlich um die Frage, ob das neue Handy nun wirklich so viel besser ist, als das alte. Oder warum nun doch wieder der Kaffee, die Pizza, Fastfood unterwegs, obwohl ich das doch eigentlich nicht mehr wollte. Was soll das? Warum passiert das immer wieder? Was brauche ich wirklich?

Mitten im Getümmel, mitten im Geschäft, im Shoppingcenter, in den vielen visuellen und akustischen Ablenkungen, Angeboten, Verführungen: Es gibt Situationen, da ist es einfach schwierig und manchmal scheint es, fast unmöglich, sich noch nach guten Vorsätzen und Vernunftsentscheidungen zu orientieren. Ehe wir uns versehen, landet irgendein Kram im Einkaufswagen, ist die vielleicht gerade entrümpelte Wohnung doch wieder mit diesen oder jenen Dingen voll gestellt.

 

Woran liegt es, wenn ich mich doch wieder zugerümpelt habe und was kann ich tun?

Vernunftsentscheidungen sind ja so eine Sache… Sie funktionieren meist prima, wenn es uns gut geht, wir konzentriert bei der Sache und insgesamt ausgeglichen sind. Aber was ist, wenn all das gerade nicht der Fall ist? Also beispielsweise dann, wenn die Ablenkung hoch oder die Stimmung besonders gut oder schlecht ist? Der prima Stimmung im Urlaub sind Vernunftsentscheidungen manchmal eben völlig egal, ebenso, wie der schlechten Stimmung nach einem vielleicht besonders anstrengenden Arbeitstag. Der Wunsch sich etwas Gutes zu tun, ist zudem ja auch nachvollziehbar und eigentlich sinnvoll. Aber:

 

Was brauche ich hier und jetzt?

Was ist denn wirklich gut für mich? Wie geht es mir jetzt, hier in diesem Moment? Wie fühlt sich mein Körper an? Wie fühle ich mich? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?
Wie bewege ich mich gerade durch all das hindurch, was um mich herum geschieht? Beispielsweise in einem Geschäft: Welche Angebote sprechen mich an? Und warum? Wovon lasse ich mich ablenken? Was wollte ich ursprünglich hier? Wollte ich hier überhaupt irgendwas? Wie angespannt, entspannt, gestresst, gereizt oder erholt bin ich jetzt? Was ist vielleicht vorher passiert?
Solche Fragen lassen sich gerade auch unterwegs beim Einkaufen, nach dem anstrengenden Arbeitstag, beim Warten auf den verspäteten Zug stellen. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und zu schauen, wie gerade die eigene Befindlichkeit ist.

 

Achtsames Gehen als gelebter Minimalismus in Bewegung

Ich bemerke immer wieder, dass ich dann, wenn ich unterwegs bin, mir meiner eigenen aktuellen Befindlichkeit bewusster werde, wenn ich achtsames Gehen insbesondere auch beim Gang durch Geschäfte, Straßen, Bahnhöfe und wo auch immer übe. Nichts kaufen, sondern gehen. Gehen macht den Kopf frei, baut Spannungen ab. Geschieht dieses Gehen dann bewusst und achtsam, dann bietet es die Möglichkeit, deutlicher in sich hinein zu spüren und wahrzunehmen, was gerade alles um mich herum geschieht: Die säuselnde Musik, die bunten Lichter, attraktive Auslagen in den Geschäften, Stimmengewirr, das Geklapper von Einkaufswagen,…

 

Abstand / Raum schaffen – den Kopf klar bekommen

Sich selbst in der gerade aktuellen Verfassung und Situation deutlicher zu spüren, schafft Abstand: Abstand zur eigenen aktuellen Befindlichkeit, Abstand zu all den Kaufanreizen und was sonst passiert. Die eigene Stimmungslage mag gerade sein, wie sie ist, ebenso all die Dinge um mich herum, aber indem ich all dies erstmal wahrnehme und nicht gleich reagiere, habe ich mehr Möglichkeiten wirklich nach dem eigenen Bedarf auszuwählen: Brauche ich dieses Handy oder jenes T-Shirt tatsächlich? Oder brauche ich etwas ganz anderes? Brauche ich vielleicht einfach Erholung, ein gemütliches Beisammensein mit Freunden oder Familie? Eine Joggingrunde durch den Park? Oder einfach mal etwas Ruhe?

Ich habe auf diese Weise beispielsweise festgestellt, dass ich mich gerne von dem Duft frischer Backwaren aus einer Bäckerei angesprochen fühle. Spüre ich dann aber erstmal bewusster in mich hinein, gehe einige Schritte auf und ab, stelle ich oft fest, dass ich oftmals überhaupt keinen Appetit darauf habe. Es riecht halt nur gut. Und wenn, dann möchte ich höchst selten und nur bei großem Hunger irgendwas unterwegs auf dem Weg von A nach B essen. Wenn essen, dann lieber gemütlich hinsetzen und genießen, statt unterwegs irgendwas in mich rein zu stopfen.

 

Die formale Gehmeditation

Die formale Gehmeditation ist eine ideale Übung, um mit einiger Übung auch unterwegs achtsam gehen sein zu können.
Als Ausgangsübung ist es hilfreich, zunächst einmal unabgelenkt erste Erfahrungen mit dieser Form der Meditation zu machen und idealerweise öfter zu wiederholen. Gehmeditation ist auch dann hilfreich, wenn der Zugang zur Sitzmeditation schwierig oder unmöglich erscheint. Die Gehmeditation hilft, um Laufe der Zeit, ein besseres Gespür für sich selbst und die eigene aktuelle Befindlichkeit zu entwickeln, aber auch das aktuelle Umfeld bewusster wahrzunehmen. Nachfolgend daher eine Anleitung für eine Gehmeditation, die als PDF-Datei, sowie als RTF-Datei (für Sehbehinderte) kostenlos herunter geladen werden kann:

Download: 

Link Achtsamkeit und Meditationskurse: MBSR-Verband, Adressenliste