7 Jahre Achtsamkeit: Wirkliche Bedürfnisse

Vor 7 Jahren entdeckte ich Achtsamkeit und Meditation für mich. Vieles hat sich dadurch geändert und verändert. Da dies nicht alles in einen einzigen Text hineinpasst, heute Teil 2:

Wirkliche Bedürfnisse

Als Sozialpädagogin (und im Erstberuf Erzieherin) bin ich schon aus beruflichen Gründen vorrangig fokussiert auf die Bedarfe anderer Menschen. Das ist seit Jahrzehnten mein Beruf und ich mache diesen Beruf tatsächlich immer noch sehr gerne. Aber natürlich ist so ein Beruf auch anstrengend und belastend. Ich spürte diese Belastung irgendwann immer deutlicher, die Stressymptome nahmen zu – was mich letztlich auch zu Meditation und Achtsamkeit brachte.

Im Rahmen der unterschiedlichen Achtsamkeitsübungen, gelangte eine Frage im Laufe der Zeit immer mehr für mich in den Mittelpunkt: Wo bleibe ICH eigentlich? Was ist MEIN Bedarf? Was sind meine wirklichen Bedürfnisse? Alle möglichen Wünsche hatte ich durchaus. Aber Wünsche sind einfach das, was sie sind: Wünsche. Sind sie deshalb auch meine wirklichen Bedürfnisse?

Wünsche konsumieren, statt Bedürfnisse erfüllen

Monatelang übte ich überwiegend ‚Metta für mich selbst.‘ Ich bemerkte, dass die jahrzehntelange überwiegende Konzentration auf das Wohlergehen Anderer dazu geführt hatte, dass ich innerlich blind geworden war für meine persönlichen Bedürfnisse. Es fühlte sich an, als seien diese irgendwo im Nebel unsichtbar geworden oder in irgendeinem Dickicht verloren gegangen. Achtsamkeit brachte mich dazu, zu erkennen, dass das, was ich für meine Bedürfnisse gehalten habe, keine wirklichen Bedürfnisse waren. Irgendwelche technischen Gadgets, der neue PC oder zumindestens ein paar neue Zusatzteile für den Computer: das waren lediglich Wünsche. Es war die Faszination des Neuen, mit der uns die Konsumindustrie eine heile Welt vorgaukeln möchte und die ich zeitweise gerne übernahm. Es war für mich die wunderbare Ablenkbarkeit von den Belastungen des Alltages und der Wunsch, mir etwas Gutes zutun. Aber genau das gelang mir damit nicht. Mit der Erfüllung von Konsumwünschen kam nur kurzfristige Zufriedenheit. Das gute Gefühl hielt nur kurz und wich neuer Unzufriedenheit.

Wirkliche Bedürfnisse entdecken

Ich entdeckte im Laufe der Zeit ganz andere Bedürfnisse. Mein Bedürfnis nach Information und dem Stillen meiner Neugier, kann ich beispielsweise mit einem internetfähigen Gerät sehr einfach und bequem nachkommen. Ich brauche dazu aber nicht ständig ein neues Gerät – erst Recht nicht, wenn dieses dann lediglich für ein kurzfristiges Gute-Laune-Gefühl sorgt. Mein Bedürfnis mich über das Schreiben auszudrücken, kann ich beim Tippen auf einer Computertastatur natürlich sehr viel besser nachkommen, als auf einer handelsüblichen Schreibmaschine früherer Tage. Insbesondere ist es für mich sehr viel einfacher, als alles mit der Hand zu schreiben. Aber auch zum Schreiben brauche ich nicht ständig ein neues Gerät oder neue, aufwändige Software. Im Gegenteil: Nutze ich früher eine umfangreiche Textverarbeitung, reicht mir heute meistens ein kleiner Editor.

Ein weiteres Beispiel: Jahrelang hatte ich den Wunsch, sportlich mit anderen Menschen so einigermaßen mithalten zu wollen. Es gelang mir nie. Es war halt ein Wunsch, der nicht zu meinen wirklichem Bedarf passte. Einige meiner von Geburt an vorhandenen körperliche Einschränkungen fielen zwar nie sonderlich auf – sie waren und sind aber da. Gerade durch Gehmeditation und achtsames Yoga spürte ich sie dann deutlich wie nie. Es war ein langer und schwieriger Prozess, mein ganz persönliches Sosein zu akzeptieren und mich – endlich – meinen Möglichkeiten entsprechend, bewegen zu können oder eben auch nicht. Die langsam ausgeführten Bewegungen in der Gehmeditation und in den Yogaübungen des MBSR’s haben mir zu mehr Körpergefühl verholfen, als all die vielen Fitness- und Gymnastikstunden mit denen ich mich jahrelang zuvor beschäftigt hatte.

Die Faszination mich in einer Atemmeditation wirklich nur auf eine Sache, nämlich das Atmen, beschränken zu können, führte mich zu einem weiteren wesentlichen Bedürfnis: Dem intensiven Wunsch nach „Weniger ist mehr.“ Reizüberflutungen im Alltag, aber auch den eigenen vier Wänden abzubauen war und ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von Lebensqualität. Achtsamkeit führte dazu, dass mir mein teilweise hohes Maß an Sensibilität deutlich geworden ist. Dies brachte mich im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, wie wichtig es ist, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Minimalismus ist insbesondere auf diesem Hintergrund einfach ein ganz persönliches und wichtiges Bedürfnis von mir, um nicht im Dschungel der tausend Wahrnehmungen und Ablenkbarkeiten kirre zu werden.

 

Aufmerksamer mit mir und aufmerksamer mit Anderen

7 Jahre Achtsamkeit haben übrigens nicht dazu geführt, dass ich nun zu irgendeinem Egoisten mutiert wäre. Im Gegenteil. Je deutlicher mir meine wirklichen Bedürfnisse geworden sind, desto entspannter und klarer war und bin ich im Kontakt mit anderen Menschen – auch im beruflichen Kontext. Es gab Zeiten, in denen ich dank meines großen beruflichen Erfahrungsschatzes eigentlich nur noch funktioniert habe. Doch das hilft letztlich Niemandem und ließ mich zunehmend unzufrieden werden. Heute bin ich zum Glück wieder sehr viel zufriedener, entspannter und in meiner beruflichen Arbeit fokussierter und klarer geworden.
>Zum Weiterlesen:

7 Jahre Achtsamkeit: 1. Minimalismus

 

 

 

Achtsames Gehen – Minimalismus in Bewegung

Minimalisiert – und plötzlich ist doch wieder Kram da…?

Manchmal ist es einfach so: Endlich sieht man was vom Minimalismus in den eigenen vier Wänden. Mühsam Platz geschafft, entrümpelt, Freiräume geschaffen. Doch irgendwann dann, wie durch Geisterhand und auf ganz geheimnisvolle Weise haben doch wieder zahlreiche T-Shirts, Hosen und Schuhe auf verschlungenen Pfaden ein Plätzchen im eigentlich entrümpelten Kleiderschrank gefunden. Oder der Kleiderschrank war ohnehin eigentlich voll und nun stehen da die Einkaufstüten mit all den neuen Sachen drin und die Frage drängt sich auf: Wohin mit dem Kram? Beim neuen Smartphone ist die zumindestens die Frage der Unterbringung leichter, es ist ja recht klein… Wären da nicht die diversen älteren Smartphones und Handyknochen, die sich da noch munter in der Schublade tummeln, zusammen mit den diversen Ladenkabeln, Adaptern und was der moderne Mensch halt noch so in seiner Schublade hortet.

Da kann die Freude über ein neues Produkt dann doch wieder schnell verblassen und vielleicht macht sich ein Gefühl der Unzufriedenheit breit oder aber es bleibt der schale Nachgeschmack nach einer – eigentlich unsinnigen – Shoppingtour. Die Gedanken kreisen plötzlich um die Frage, ob das neue Handy nun wirklich so viel besser ist, als das alte. Oder warum nun doch wieder der Kaffee, die Pizza, Fastfood unterwegs, obwohl ich das doch eigentlich nicht mehr wollte. Was soll das? Warum passiert das immer wieder? Was brauche ich wirklich?

Mitten im Getümmel, mitten im Geschäft, im Shoppingcenter, in den vielen visuellen und akustischen Ablenkungen, Angeboten, Verführungen: Es gibt Situationen, da ist es einfach schwierig und manchmal scheint es, fast unmöglich, sich noch nach guten Vorsätzen und Vernunftsentscheidungen zu orientieren. Ehe wir uns versehen, landet irgendein Kram im Einkaufswagen, ist die vielleicht gerade entrümpelte Wohnung doch wieder mit diesen oder jenen Dingen voll gestellt.

 

Woran liegt es, wenn ich mich doch wieder zugerümpelt habe und was kann ich tun?

Vernunftsentscheidungen sind ja so eine Sache… Sie funktionieren meist prima, wenn es uns gut geht, wir konzentriert bei der Sache und insgesamt ausgeglichen sind. Aber was ist, wenn all das gerade nicht der Fall ist? Also beispielsweise dann, wenn die Ablenkung hoch oder die Stimmung besonders gut oder schlecht ist? Der prima Stimmung im Urlaub sind Vernunftsentscheidungen manchmal eben völlig egal, ebenso, wie der schlechten Stimmung nach einem vielleicht besonders anstrengenden Arbeitstag. Der Wunsch sich etwas Gutes zu tun, ist zudem ja auch nachvollziehbar und eigentlich sinnvoll. Aber:

 

Was brauche ich hier und jetzt?

Was ist denn wirklich gut für mich? Wie geht es mir jetzt, hier in diesem Moment? Wie fühlt sich mein Körper an? Wie fühle ich mich? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?
Wie bewege ich mich gerade durch all das hindurch, was um mich herum geschieht? Beispielsweise in einem Geschäft: Welche Angebote sprechen mich an? Und warum? Wovon lasse ich mich ablenken? Was wollte ich ursprünglich hier? Wollte ich hier überhaupt irgendwas? Wie angespannt, entspannt, gestresst, gereizt oder erholt bin ich jetzt? Was ist vielleicht vorher passiert?
Solche Fragen lassen sich gerade auch unterwegs beim Einkaufen, nach dem anstrengenden Arbeitstag, beim Warten auf den verspäteten Zug stellen. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und zu schauen, wie gerade die eigene Befindlichkeit ist.

 

Achtsames Gehen als gelebter Minimalismus in Bewegung

Ich bemerke immer wieder, dass ich dann, wenn ich unterwegs bin, mir meiner eigenen aktuellen Befindlichkeit bewusster werde, wenn ich achtsames Gehen insbesondere auch beim Gang durch Geschäfte, Straßen, Bahnhöfe und wo auch immer übe. Nichts kaufen, sondern gehen. Gehen macht den Kopf frei, baut Spannungen ab. Geschieht dieses Gehen dann bewusst und achtsam, dann bietet es die Möglichkeit, deutlicher in sich hinein zu spüren und wahrzunehmen, was gerade alles um mich herum geschieht: Die säuselnde Musik, die bunten Lichter, attraktive Auslagen in den Geschäften, Stimmengewirr, das Geklapper von Einkaufswagen,…

 

Abstand / Raum schaffen – den Kopf klar bekommen

Sich selbst in der gerade aktuellen Verfassung und Situation deutlicher zu spüren, schafft Abstand: Abstand zur eigenen aktuellen Befindlichkeit, Abstand zu all den Kaufanreizen und was sonst passiert. Die eigene Stimmungslage mag gerade sein, wie sie ist, ebenso all die Dinge um mich herum, aber indem ich all dies erstmal wahrnehme und nicht gleich reagiere, habe ich mehr Möglichkeiten wirklich nach dem eigenen Bedarf auszuwählen: Brauche ich dieses Handy oder jenes T-Shirt tatsächlich? Oder brauche ich etwas ganz anderes? Brauche ich vielleicht einfach Erholung, ein gemütliches Beisammensein mit Freunden oder Familie? Eine Joggingrunde durch den Park? Oder einfach mal etwas Ruhe?

Ich habe auf diese Weise beispielsweise festgestellt, dass ich mich gerne von dem Duft frischer Backwaren aus einer Bäckerei angesprochen fühle. Spüre ich dann aber erstmal bewusster in mich hinein, gehe einige Schritte auf und ab, stelle ich oft fest, dass ich oftmals überhaupt keinen Appetit darauf habe. Es riecht halt nur gut. Und wenn, dann möchte ich höchst selten und nur bei großem Hunger irgendwas unterwegs auf dem Weg von A nach B essen. Wenn essen, dann lieber gemütlich hinsetzen und genießen, statt unterwegs irgendwas in mich rein zu stopfen.

 

Die formale Gehmeditation

Die formale Gehmeditation ist eine ideale Übung, um mit einiger Übung auch unterwegs achtsam gehen sein zu können.
Als Ausgangsübung ist es hilfreich, zunächst einmal unabgelenkt erste Erfahrungen mit dieser Form der Meditation zu machen und idealerweise öfter zu wiederholen. Gehmeditation ist auch dann hilfreich, wenn der Zugang zur Sitzmeditation schwierig oder unmöglich erscheint. Die Gehmeditation hilft, um Laufe der Zeit, ein besseres Gespür für sich selbst und die eigene aktuelle Befindlichkeit zu entwickeln, aber auch das aktuelle Umfeld bewusster wahrzunehmen. Nachfolgend daher eine Anleitung für eine Gehmeditation, die als PDF-Datei, sowie als RTF-Datei (für Sehbehinderte) kostenlos herunter geladen werden kann:

Download: 

Link Achtsamkeit und Meditationskurse: MBSR-Verband, Adressenliste

 

Achtsamkeit, Minimalismus und schlechte Laune…

Wenn alles quer zu laufen scheint…

Dauerregen am Morgen. Eigentlich wollte ich längst unterwegs sein, da ich noch ein paar Lebensmittel besorgen muss. Die zurück liegende Arbeitswoche war anstrengend und teilweise sehr unbefriedigend. Es gab Komplikationen, die völlig unnötig waren. Sowas mag ich gar nicht. Dann meinten einige Mitmenschen heute Nacht gegen 3.30 Uhr, irgendwo in der Nähe – und für mich nicht sichtbar – lautstark Gespräche führen zu müssen. Mein Ruf nach Ruhe verhallte im Nichts. Als wäre das nicht genug, bemerkte ich dann auch noch, dass sich irgendeine allergische Reaktion auf irgendwas in mir austobte. Und so lag ich da, spürte, wie bleiern müde ich war, aber Anspannung und Ärger in mir hoch kochten und mich wach hielten.

Es gibt sie, solche Stunden, Tage, Situationen, in denen irgendwie alles quer zu laufen scheint. Irgendwas passt nicht, irgendwas stört, Planungen sind über den Haufen geworfen. Unzufriedenheit scheint sich ihren Weg durch jede einzelne Nervenzelle zu bahnen.

Ich shoppe mir die Welt schön

Was mache ich mit dieser Unzufriedenheit? Außer, dass ich immer unzufriedener werde? Blicke ich zurück, war es meine frühere Strategie, mir irgendwas Kaufbares zu gönnen. Gerne habe ich in solchen Situationen plötzlich tausend Ideen gehabt, was ich unbedingt mal einkaufen könnte – und sei es nur irgendein Computerkabel. Die Welt ist gerade blöd, also shoppe ich sie mir mal schön. Heute könnte ich sogar nachts aufstehen, den Computer anstellen und mich durch die Online-Shops wühlen – ich könnte dies sogar im Bett liegend mit dem Smartphone erledigen. Und in den Internetshops würde ich dann neben dem Computerkabel noch tausend andere schöne ablenkende Dinge entdecken. Praktischerweise und ratzfatz schießt dann kurzfristig das Glückshormon Dopamin in die Höhe und ich kann mir einbilden, die Welt ist wieder schön – zumindestens kurzfristig.

Shopping ist keine Lösung – schon gar nicht für Minimalisten

Der Haken an Shopping-Problemlöse-Strategien: Sie kosten Geld und – noch schlimmer – man hat das Zeugs hinterher in der Wohnung herum liegen. Das passt vielleicht noch, wenn Minimalismus vorrangig so etwas wie Modeerscheinung oder Trend ist und der Aspekt der Nachhaltigkeit keine so große Rolle spielt. Irgendwas kaufen, was anderes fliegt raus, fertig. Ginge ja auch. Aber wenn Minimalismus ein wirkliches tiefergehendes Bedürfnis ist, passt auch das nicht und ruft Unbehagen hervor. Es gibt tausend viele schöne Sachen, aber wenn ich mir bildlich vorstelle, dieses Zeugs befindet sich nach dem Kauf dann ganz konkret und dauerhaft in meinen eigenen vier Wänden? Um Himmels Willen – bloß nicht. Schon gar nicht diese elendigen Kabel. Da stehen mir alle Haare zu Berge. Früher oder später würde ich das meiste Zeugs sowieso wieder entsorgen. Aber was statt dessen tun?

Loslassen

Es erfordert ein wenig Übung, gelingt nicht immer sofort, aber es ist ein Weg – nicht nur für Minimalisten: Loslassen – nicht nur die falschen Kaufwünsche, sondern auch Ärger, Unbehagen, die innere Anspannung. Dazu muss ich erstmal registrieren, wie es mir geht und dass ich eben gerade auch ärgerlich bin. Das funktioniert nicht mit Verdrängungskünsten. Ich helfe mir dann oft mit dem MBSR-Bodyscan. Immer wieder geübt, hilft er mir in solchen angespannten Situationen, mich erstmal wieder auf die ganz gewöhnliche körperliche Verfassung zu konzentrieren. Den schnellen Atem ruhiger werden lassen, einatmen, ausatmen, runter kommen. Und inzwischen gelingt es mir zunehmend besser, dann auch den eigenen Ärger bewusst loszulassen. Mich und meinen Ärger mal nicht so wichtig nehmen. Weder bin ich, noch ist der Ärger der Nabel der Welt – zum Glück. Das fühlt sich so gut an! Irgendwann wird dann auch der Weg für wirkliche Lösungen frei. Ich kann mich beispielsweise fragen, was mir hier und jetzt wirklich gut tut. Beispielsweise einfach das Fenster schließen, ein wenig Antiallergie-Salbe auf die juckende Hautstelle. Und dann fällt mir plötzlich auch wieder ein, dass ich am nächsten Morgen frei habe und ausschlafen kann. Es ist also alles nicht so tragisch.

Achtsamkeit ist keine Schmerztablette

Tatsächlich ist ein Aspekt für unser westliches Verständnis mitunter schwierig: Achtsamkeit funktioniert nicht wie eine Schmerztablette oder eine juckreizstillende Salbe. Achtsamkeit braucht Zeit. Achtsamkeit braucht Übung. Achtsamkeit braucht Beständigkeit. Perfektionismus braucht Achtsamkeit zum Glück nicht. Manchmal ist es schon ein Erfolg, überhaupt mal ein paar wenige Sekunden aus dem eigenen Ärgerstrudel heraus zu kommen. Ich brauche für Achtsamkeit nicht einmal besondere Rituale. Ich weiß, vielen Menschen ist dies wichtig, mir nicht. Ich habe keine besondere Meditationsecke in der Wohnung. Mal sitze ich auf einem Meditationskissen, mal auf dem Stuhl, mal auf dem Sessel oder ich liege – wie letzte Nacht – einfach in meinem Bett. Das Einzige, was ich brauche, ist die Entscheidung zum Tun – und seien es nur einige wenige, einzelne Atemzüge lang.

Ich bin übrigens dann gut wieder eingeschlafen, der Dauerregen ist mir gerade völlig egal. Der Einkauf ist verschoben, irgendwas ist gleich schon noch da. Ich werde am Wochenende definitiv nicht verhungern, improvisieren kann ich im Bedarfsfall auch gut. Statt dessen habe ich vorhin meinen morgendlichen Kaffee sehr genossen und diesen Text geschrieben.  Ich genieße es, dass sich meine Anspannung und mein Ärger verflüchtigt hat. Ich spüre noch die Müdigkeit der letzten Woche in den Knochen – aber die darf dann einfach auch mal da sein. Sie bleibt ja kein Dauergast und verschwindet auch wieder.

 

 

Achtsamkeitsübungen

Meine Tipps zu Achtsamkeit und Achtsamkeitsübungen

 

Achtsamkeit und Minimalismus – Ideal und Alltag

Achtsamkeit – Glückseligkeit oder Alltag?

Angenehme Gefühle während einer Meditation sind etwas sehr schönes. Auch für mich. Und ich genieße es. Das ist auch in Ordnung. Aber deshalb sind solchen angenehmen Gefühlszustände keine seichte Wolke, keine ewige Glückseligkeit.  Wer sagt, diese schönen Seiten seien ewig, auf Knopfdruck abrufbar, konstruierbar, macht sich selbst und anderen etwas vor. In der Achtsamkeitspraxis sind nicht einmal die unangenehmen Gefühle dazu geeignet, es sich darin dauerhaft (un-)gemütlich zu machen.
Achtsamkeit ist die Begegnung im Jetzt und dem, was ich in diesem Jetzt wahrnehme: von mir und der Welt um mich herum. Schon beim nächsten Atemzug ist das zuvor wahrgenommene Jetzt bereits Vergangenheit und ich befinde mich in einer anderen Realität. Leben ist immer Veränderung. Selbst formelle Achtsamkeitsübungen sind vor allem eins: Übungen. Achtsamkeit lebt vom Tun und all die Übungen brauchen insbesondere eine Resonanz im Alltag und die Erkenntnis, dass das einzig Dauerhafte die Veränderung ist.

 

Minimalismus – Wer oder was bin ich wirklich?

Im nächsten Einkaufszentrum kann ich nicht nur Dinge kaufen, sondern mir wird suggeriert, dass ich mir auch den dazugehörigen Lifestyle shoppen und die vermeintlich schönen Gefühle gleich dazu einkaufen kann. Damit kann ich mir Zufriedenheit und Glück vorgaukeln, mich damit gegenüber anderen Menschen präsentieren und mir vielleicht sogar einreden, dass ich mir die Anerkennung oder ein Dazugehörigkeitsgefühl kaufen kann.

Kann ich vergleichbares nicht auch mit dem Minimalismus? Also vergleichbare Gefühle mit umgekehrten Vorzeichen? Ich befreie mich z.B. von den Dingen um mich herum und genieße nicht nur die Freiheit, sondern auch den dazu gehörigen Lifestyle-Minimalismus. Dagegen spricht erstmal nichts, ich sollte mir nur klar darüber sein. Vielleicht genieße ich damit auch die Dazugehörigkeit zu einer größeren werdenden Gruppe von Menschen. Ich kann mich gleichzeitig von einer anderen Gruppe Menschen, den Viel-Shoppern absetzen. Auch darin sehe ich kein Drama, wenn ich einfach weiß, dass es so ist. Dann ist zusätzlich das Internet und insbesondere die Sozialen Medien eine ideale Plattform, um mich damit zu präsentieren, repräsentieren und mich vielleicht sogar ein bisschen idealer darzustellen, als ich in Wirklichkeit bin. Auch da könnte ich sagen: Ok, was soll’s?

Problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo ich eigene Ideale und Illusionen, nicht mehr von den jeweiligen, persönlichen Realitäten unterscheiden kann.  Und die Beziehung zu meinen Mitmenschen wird in der Regel nicht besser, wenn ich mich genau von diesen Menschen abheben will. Denn damit schaffe ich erstmal Distanz und im Idealfall maximal Bewunderung. Aber Bewunderung kann ebenso schnell platzen, wie eine Seifenblase.

 

Das eigene Leben und den Alltag gestalten

Sowohl Achtsamkeit, als auch Minimalismus sind für mich ganz wesentlich auch dort wertvoll, wo sie mich zu der Frage führen, wie ich mein Leben und meinen Alltag gestalten will – auch abseits von Internet, Sozialen Netzwerken, abseits all der Videos, Fotos, Kommentare und Likes. Was ist, wenn die erste Meditations- oder Minimalismus-Euphorie verflogen ist und der Alltag einkehrt? Was ist, wenn statt eitel Sonnenschein, der Himmel einfach nur noch grau verhangen ist?

Achtsamkeit und Minimalismus sind für mich dort wichtig, wo ich mir die ehrliche Frage erlauben kann, was ich eigentlich von diesem Leben will. Was ist wesentlich? Was ist relevant? Wie gehe ich mit mir und meiner Umwelt um? Was ist, wenn mir statt Schenkel- und Schulterklopfern, plötzlich Unverständnis und Kopfschütteln begegnen? Was tun mit Selbstzweifeln, Unsicherheit, dem Gefühl von Überlastung oder innerer Leere? Was ist, wenn dann doch nicht immer alles so bunt und schön ist, wie ich mir es anfangs dachte?

In der Achtsamkeitspraxis ist die Übung des Mitgefühls (Metta) ein zentraler Bestandteil. Freundlichkeit und Mitgefühl mit mir, den Menschen und der Welt um mich herum. Auch das ist natürlich nicht mal eben so einfach – aber sehr hilfreich. Mir persönlich ist so etwas wie Erleuchtung durch Meditation ehrlich gesagt völlig egal. Mir ist Wachheit und Aufmerksamkeit viel wichtiger. Die Wachheit und den Mut, zu sehen, was da ist und mit weniger verzerrtem Blick zu überlegen, welche nächsten Schritte ich konkret gehen will.

Wir brauchen sie eigentlich nicht, diese verzerrten Selbstdarstellungen. Wir brauchen keine Illusionen, kein Verirren in irgendeinem gerade aktuellen Lifestyle. Vielleicht können wir uns stattdessen darum bemühen, uns aufmerksamer zu begegnen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, miteinander diskutieren, austauschen, anregen, ermutigen oder gemeinsam konkret und praktisch aktiv werden. Anstatt sich selbst und anderen etwas vorzumachen, können wir ganz kleine, alltägliche Schritte gehen, vielleicht einfach etwas freundlicher zu sein: Zu uns selbst, unseren Mitmenschen, unserer Umwelt. Und vielleicht fällt es uns dann einfacher, dem mitunter grauen Alltag wieder mit Leben und Farbe zu füllen und ihm vielleicht sogar ein paar schöne Seiten abzugewinnen.

 

Minimalismus – achtsamer Umgang mit den Dingen

Es war gestern bei einem Achtsamkeitstag, als mir die Bedeutung und die Wertschätzung von Dingen nochmal besonders deutlich geworden ist. Von 10 bis 16 Uhr haben wir formelle Achtsamkeitspraxis geübt: Sitz- und Gehmeditation, Bodyscan, Yoga im Stehen, Yoga im Liegen. Der Tag wurde im Schweigen verbracht, auch die Mittagspause, in der wir achtsam gegessen haben. Dies war ein idealer Rahmen, um vieles bewusster zu erleben.

 

Achtsamkeit beim Essen – Achtsamkeit auf Dinge

Für mich gestaltete sich dann insbesondere die Mittagspause mit dem achtsamen Essen etwas anders, als ich es zunächst erwartet hatte. Ausgangspunkt war, dass es keine Verpflegung und kein Geschirr/Besteck vor Ort gab, so dass wir alle unser Essen und unser Geschirr/Besteck selbst mitgebracht haben.

Als ich so da saß, fiel mein Blick auf diese Gegenstände. Ich erinnerte mich daran, dass ich diese Dinge sehr bewusst und gezielt vor einigen Jahren nach und nach gekauft habe. Irgendwann waren die bis dahin genutzten Plastikbehälter nicht mehr für Lebensmittel benutzbar. Sie lösten sich teilweise auf oder gingen ganz zu Bruch.

Mir wurde im Betrachten meiner jetzigen Gegenstände bewusst, dass es praktische Gründe waren, weshalb ich mich für diese und nicht für andere Gegenstände entschieden habe. Und nun war im achtsamen Umgang mit genau diesen Dingen beschäftigt. Mir wurde bewusst, dass ich diese Aufbewahrungsbehälter einfach auch schön finde. Sie sind nicht nur praktisch, sondern etwas besonderes für mich und insbesondere ein Aspekt hat sich deutlich verändert:

 

Wertschätzung durch Minimalismus

Während des achtsamen Essens wurde mir bewusst, dass sich durch meinen minimalistischen Lebensstil, insbesondere die Wertschätzung für die Dinge verändert hat. Ich dachte daran, welche zahllosen Arbeitsschritte vieler Menschen nötig waren, bis nicht nur das Essen zu mir kam, sondern wieviel Aufwand auch die Produktion dieser Behälter gewesen ist. Ich habe sie lange betrachtet und mich sehr daran erfreut, dass diese Behälter den Plastikmüllberg nicht vergrößern werden und wie schön es ist, diese langlebigen und ausgewählten Dinge benutzen zu können.

Von allem Möglichen viel und im Überfluss zu haben, bedeutet letztlich auch, dass die einzelnen Dinge schneller ihre Bedeutung verlieren. Hätte ich den ganzen Schrank voll mit solchen Behältern, wäre meine Freude daran definitiv nicht so groß. Vermutlich würde ich mir dann schnell überlegen, ob es nicht noch etwas Besseres oder Schöneres gibt. Eine ähnliche, besondere Bedeutung haben auch andere, bewusst ausgewählten Gegenstände. So ist mein Futon etwas besonderes für mich und es ist tatsächlich ein schön gestaltetes Ritual für mich geworden, diesen Futon abends als Bett herzurichten. Da ich keine Kaffeemaschine haben, ist es bei den Gegenständen, die ich zum Kaffee kochen benötige, ähnlich – schon das Kaffee kochen alleine ist bereits ein besonderes Erlebnis. Das Geld, das ich nicht für die Anschaffung einer Kaffeemaschine aufwenden musste, investiere ich lieber in fair gehandelten Bio-Kaffeebohnen und achte darauf, dass der Kaffeekonsum nicht ausufert. Der morgendliche Kaffeegenuss ist dadurch wirklich immer etwas ganz besonderes und ich genieße es sehr.

 

Minimalismus – die Freiheit der Entscheidung

Minimalismus ist die Konzentration auf das Wesentliche. Minimalismus gibt mir die Freiheit, mich bewusst nur für ganz bestimmte, ausgewählte Dinge zu entscheiden. Denn Minimalismus bedeutet nicht, dass ich nun gar nichts kaufen will. Aber ich kann mich besser entscheiden und gezielter auswählen. Dadurch, dass ich insgesamt weniger konsumiere, habe ich auch mehr finanzielle Möglichkeiten, wenn ich mich für bessere Qualität, fairere und nachhaltigere Produkte entscheiden möchte.

 

Achtsamkeit – die Dinge erlebbar und greifbar machen

Durch Achtsamkeit wird mir die Wertschätzung der Dinge, diese Freiheit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, erlebbarer und greifbarer. Achtsamkeit hilft, dieses Wesentliche und die Wirkung auf mich und meine Umwelt klarer und ganzheitlicher zu erfassen.

 

Fülle und Wertschätzung statt vollgestopfter Räume

Achtsamkeit und Minimalismus führen dazu, den Dingen wieder mehr Wertschätzung entgegen zu bringen. Wertschätzung für die Dinge als solches, aber auch für die Menschen, die diese Dinge hergestellt haben. Wertschätzung für einzelne Dinge ist auch der Grund, warum ich überhaupt nicht das Gefühl habe, nur wenig Dinge zu besitzen – im Gegenteil. Weder wohne ich karg, noch ist das irgendwie extrem. Über-Konsum ist ähnlich wie zu viel Essen: Es kann noch so lecker sein, esse ich zu viel, wird mir schlecht. Sehe ich all den Müll, den wir in unserer Konsumgesellschaft produzieren, fällt mir dazu der Begriff „Konsum-Bulimie“ ein. Wir konsumieren so lange und so viel, bis es der Umwelt und irgendwann uns selbst „kotz-schlecht“ davon wird. Das ist weder Genuss, noch Fülle. 

Eine minimalistische Lebensgestaltung empfinde ich dagegen sehr viel mehr als Fülle – und es ist etwas ganz anderes als Völlerei, vollgestopfte Räume oder ein verstopftes Leben. Diese Fülle spüre ich in dem Genuss, den ich an und mit einzelnen Dingen habe. Die Freude, die Dankbarkeit und das intensive Erleben ist um ein vielfaches größer geworden und ich bin sehr glücklich darüber.

 

Lesetipp: Achtsamkeit erleben

 

 

Achtsamkeit und Minimalismus – Raum zum Loslassen

Für mich gehören Achtsamkeit und Minimalismus zusammen. Aber warum eigentlich? Und worin liegt die Chance, beide Bereiche miteinander zu verbinden? Dazu einige Gedanken:

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion – aus dem „Autopilot“ aussteigen

Es ist ein spannender Prozess, nicht wie üblich spontan und automatisch zu reagieren, sondern erstmal einen Moment lang inne zu halten. Jon Kabat-Zinn nennt dies „aus dem Autopilot aussteigen“ (vgl.: Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation, O.W. Barth-Verlag, E-Book, Teil 1: Die Übung der Achtsamkeit).
So können wir z.B. einen Arbeitstag bewusst und achtsam beenden. Den Computer z.B. ohne Ablenkung herunter fahren, das Diensthandy ausschalten, Gegenstände wegräumen.

Auf dem Weg nach Hause können wir dann wahrnehmen, wie die eigenen Reaktionen z.B. auf Zugausfälle, Staus, rote Ampeln sind. Gerade in Situationen, in denen wir müde, angestrengt, verärgert sind, ist es sinnvoll, sich etwas Gutes tun zu. Aber warum versuchen wir genau in solchen Situationen so oft, uns dass Leben durch irgendwelche Konsumwünsche angenehmer zu gestalten? Gibt es dazu Alternativen? Eine Chance der Achtsamkeit im Alltag liegt darin, inne zu halten und den Raum zwischen Reiz und Reaktionen zu nutzen. Viktor Frankl formuliert dies so:

 

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ (Alex Pattakos, Gefangene unserer Gedanken: Viktor Franks 7 Prinzipien, die Leben und Sinn geben, Verlag Linde International, 2. Auflage, S. 8).

Es geht um diesen Raum der Freiheit. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob ich beispielsweise wirklich meinen spontanen Wünschen folge und welche dieser Wünsche ich auch wieder loslasse.

 

Loslassen

Ich bin mir bewusst, dass es sehr vereinfacht ist, wenn ich bei Achtsamkeit von „Loslassen im Innen“ und bei Minimalismus von „Loslassen im Außen“ spreche. In diesem Fall habe ich diese Vereinfachung einmal bewusst gewählt, um Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zu beschreiben:

Achtsamkeit – Loslassen im Innen

Den Menschen, die Achtsamkeit und Meditation in ihren Alltag integriert haben, wird früher oder später das Thema „Loslassen“ bewusst. So geht es z.B. in einer Atemmeditation darum, den Atem zu beobachten. Aber dann bemerken wir, dass die Gedanken doch wieder wandern. Wird uns dies bewusst, ist der nächste Schritt, freundlich, aber konsequent, diese Gedanken loszulassen und zur Wahrnehmung des Atems zurück kehren: 1x, 10x, 100x, 1000x, 10000x, immer wieder…

Minimalismus – Loslassen im Außen

Der oben beschriebene Raum zwischen Reiz und Reaktion lässt sich aber nicht nur in einem inneren Prozess, sondern auch ganz konkret im Außen und auf die Besitztümer um ums herum übertragen. Der minimalistische Lebensstil befasst sich u.a. mit der Frage, welche Dinge wir um mich herum angesammelt haben und ob diese ins eigene Leben passen oder nicht. Welche Dinge sind evtl. nicht förderlich, welche belasten mich, was kann, will und sollte ich loslassen?
Wenn wir in Urlaub fahren, haben wir ja auch nicht den gesamten Kleiderschrank, die Bibliothek oder die ganze Küchenausstattung dabei. Geht es uns deshalb schlechter?

 

„Probieren geht übers Studieren“

Was passiert eigentlich in und mit mir, wenn ich auf den ein oder anderen Neukauf verzichte oder einige Gegenstände mal vorübergehend in Kisten packe, auf Keller oder Dachboden parke? Auch mit dieser Frage kann ich achtsam umgehen.

  • Vermisse ich was?
  • Bin ich bedrückt?
  • Bin ich erleichtert?
  • Wie fühle ich mich in der nun etwas leereren Wohnung?
  • Welche Empfindungen, Gedanken, Sorgen, Ängste steigen in mir hoch? Sind sie begründet?
  • Welche der Dinge möchte ich nun wieder zurück holen und warum?
  • Wenn ich sie dann zurück geholt habe, wie fühle ich mich jetzt?
  • Sind meine Erwartungen, die ich vor dem Zurückholen hatte, jetzt erfüllt?

 

Nicht jede/r muss Minimalist_In werden, nicht jeder muss Meditieren.

Aber vielleicht macht es eben doch einen Unterschied, ob ich in einer Meditation loslasse und dies dann auch ganz praktisch mit den ein oder anderen Gegenständen tue. Welche Qualität bekommt dadurch mein Alltag, meine Achtsamkeits- und Meditationspraxis? Und wenn ich als Minimalist_In Dinge, Gegenstände losgelassen habe, wie geht es mir, wenn ich darüber hinaus dann auch mal nach Innen schaue und was es dort loszulassen gibt?

Sich seiner eigenen Bedürfnisse, Gewohnheiten, Automatismen, Reaktionen bewusster zu werden, kann einen besseren Zugang zu sich selbst, aber auch zu seiner Umwelt schaffen. Und vielleicht gelingt es uns dann ein kleines Stückchen besser, nicht mehr nur im Autopilot-Modus durchs Leben zu stolpern, in ungesunden Gewohnheiten zu verharren, uns permanent selbst zu überfordern oder den falschen Konsumversprechungen zu erliegen.

Innen und Außen, Ich und Andere: Lässt sich das trennen, wo es eigentlich doch auch zusammen gehört oder zumindestens miteinander in Verbindung steht?

 


Tipps zum Weiterlesen:

  • Achtsamkeitsübungen: Eine Linkliste mit zahlreichen Übungen, auch für Anfänger und Übungen zur Alltagsachtsamkeit.
  • Minimalismus-Tipps: Webseite mit einer Liste von Minimalismus-Bloggern, sowie nach Themen sortierte Linksliste.

 

Minimalismus ist mehr, als eine entrümpelte Wohnung

Unsere Zeit der Superlativen…

Minimalismus ist in aller Munde. Trotzdem scheinen wir in einer Zeit der Superlativen zu leben: Reichte zu früheren Zeitpunkten ein normaler Kleiderschrank, darf es heute gleich die begehbare Kleiderkammer sein. Aus dem Badezimmer wird ein Wellnesstempel und im Wohnzimmer gibt es statt des üblichen Fernsehgerätes am besten gleich eine kleine Heimkino-Anlage mit großem TV-Bildschirm, x-fachen Stereoboxen, ggf. dann auch noch Beamer, Leinwand etc..

Spannend wird es auch in der Küche: Hightech-Küchen mit allen erdenklichen technischen Geräten. Kaffee wird nicht gekocht, Kaffee wird zelebriert, Suppe und Nachtisch wird in irgendeinem elektronisch gesteuerten Superzauber-Gerät hergestellt. Backöfen, Kochfelder, Abzugshauben sind ausladend groß, zumindestens sehr schick und meistens auch super teuer.

 

Teure Küchen – billiges Essen?

Bei den vielen selbsterklärten Hobbyköchen, die diese schicken Küchen unbedingt benötigen, frage ich mich, wer eigentlich die ganzen Fertiggerichte kauft, die allerorten im Supermarkt zu finden sind? Maximal viele Geräte und dann nur minimal kochen, sowie mit den billigsten Nahrungsmitteln, ist es das, was heute „in“ und üblich ist?

 

Es geht nicht um Askese – das richtige Maß finden

  • Bringen mir all die schicken Geräte wirklich Arbeitserleichterung und Freude?
  • Wieviel Aufwand musste ich denn betreiben, um dies oder das Gerät erstmal kaufen zu können: Arbeiten gehen, Geld verdienen, Produkte recherchieren, auswählen, kaufen, nach Hause tragen, Gerät kennenlernen, Bedienungsanleitung lesen…
  • Wohin räume ich denn dann all die Geräte?
  • Reicht die Größe der Küche für meinen Küchentechnik-Fuhrpark?
  • Ist es mir diese vollgestellte Fläche wert? Immerhin zahle ich ja auch diese Art der Wohnfläche: Entweder als Miete oder im Falle eines Eigenheims, an Kosten für Anschaffung und Unterhalt.
  • Wieviele dieser ganzen Küchen-Zaubermaschinen liegen eigentlich irgendwo in der hintersten Ecke des Schrankes oder im Keller? Und wie lange schon?
  • Sind die Dinge, die wir besitzen, der ganze zeitliche und finanzielle Aufwand, den wir für diesen Besitz betreiben, wirklich noch förderlich für das eigene Wohlbefinden?
  • Geht es manchmal nicht doch sehr viel einfacher?

 

Wir kaufen oft nur Illusionen und ein Lebensgefühl

Wenn wir einmal ganz genau und ehrlich hinschauen und uns beobachten, fällt auf, dass wir eigentlich nicht die Dinge, sondern die damit verbundenen Illusionen und vorgegaukelte Lebensgefühle kaufen. Erst denken wir: “Juchuh, dieses eine tolle Gerät, das ist es…”. Vorfreude, Zufriedenheit, Neugier breitet sich wohlig in uns aus. Aber ist dieses oder jenes Gerät erstmal einige Tage und Wochen alt, hat sich das Glücksgefühl verflüchtigt und wir wollen schon wieder etwas Neues. Aber dieses Neue ist dann auch nicht lange neu und dann schon wieder was kaufen? Wenn ja, was? Und wohin damit?

 

Minimalismus ist mehr: Was brauchen wir wirklich?

Minimalismus ist mehr als ein leergeräumter Schrank und mehr, als eine entrümpelte Wohnung. Minimalismus ist ein Prozess, sich von falschen Illusionen und kurzfristigen Einkaufs-Glücksgefühlen zu verabschieden. Minimalismus ist auch eine Auseinandersetzung mit uns selbst und ob wir all das überflüssige Zeugs, die Illusionen und kurzfristigen Kauf-Glücksgefühle überhaupt benötigen. Was brauchen wir denn wirklich? Und was fällt dir und mir und uns als erstes spontan dazu ein?

 

 

Mein Kleiderschrank – Minimalismus

Männer, Frauen und die Kleiderschränke

Noch immer scheint es eher ungewöhnlich zu sein, wenn es Frauen gibt, die keine ausladend großen Kleiderschränke mit zig Varianten von unterschiedlichster Kleidung haben.
In Ordnung scheint es dagegen zu sein, wenn solch berühmte Leute wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Barack Obama immer wieder das gleiche (nicht das selbe 😉 ) Outfit tragen.
Ansonsten scheint die Welt so aufgeteilt zu sein, dass es weitestgehend selbstverständlich ist, wenn Männer mit gleichförmigen Anzügen und Hemden daher kommen und maximal den Schlips variieren. Aber Frauen sollen sich abwechslungsreich kleiden, zumindestens fällt es auf, wenn sie es nicht tun. Doch: für wen und warum eigentlich?

Und Frauen? Warum erlebe ich es immer wieder so, dass es nicht selten sogar die Frauen selbst sind, die andere Frauen wegen ihrer Kleidung kritisieren: Farbe, Form, Stil, Mode?
Das erste Mal bewusst erlebte ich dies in den 80er und 90er Jahren in meinem Erstberuf als Erzieherin in Kindergärten bzw. Kindertagesstätten. Dort brachten natürlich auch modebewusste Mütter ihre Kinder hin. Und über die Kinder drangen dann auch die offensichtlich wichtigen Themen dieser Mütter an mein Ohr: Die Erzieherin der Gruppe (also ich) hätte ja immer die gleiche Kleidung an. Damals war ich nur verblüfft und reagierte lediglich, indem ich erklärte, dass sowohl die jeweiligen Jeans, als auch T-Shirts durchaus sehr unterschiedlich seien und auch variierten.

Heute würde ich anders reagieren. Beispielsweise mal fragen, ob erwartet wird, dass ich mich in Kostüm, Seidenstrumpfhose und Pumps mit den lieben Kleinen in den Sandkasten setze, über den Bauteppich rutsche, die Überschwemmung im Bad verhindere, die gefühlt 100. Kindernase putze, dem umfallenden Kakao ausweiche oder die Wasserfarb-Kunstwerke zum Trocknen in Sicherheit bringe?

Auch heute noch finde ich als Sozialpädagogin in der aufsuchenden Vor-Ort-Beratung, sehr unterschiedliche Bedingungen vor. Dort wo gerade bin, ist es manchmal sehr warm, mal rattenkalt, unterschiedliche Menschen, Situationen, Gewohnheiten, Regionen. Letztlich möchte ich dort nichts anderes, als mich auf meine Arbeit konzentrieren. Ich will mich nicht lange daran aufhalten, ob meine evtl. empfindliche Bekleidung verschmutzen könnte. Ich möchte auch nicht mit unnötigem Frieren oder Schwitzen beschäftigt sein. Ich gehe daher auch dort nach ganz praktischen Gesichtspunkten vor. Fühle ich mich wohl, gelingt die Arbeit besser.

Aber es sind eben nicht nur praktische Gesichtspunkte. Gewisse Vorstellungen und Vorlieben habe auch ich und keineswegs ist mir dieser Bereich gleichgültig. Aber genau dadurch finde ich oft nicht die passende Kleidung. Mich interessiert es zudem immer mehr, unter welchen Bedingungen die Bekleidung hergestellt wurde, ob Menschen oder Umwelt ausgebeutet wurde und von welcher Qualität das Kleidungsstück ist. Es gibt so endlose Mengen an Bekleidung, die im Müll landen, nie getragen wurden, von minderwertiger Qualität sind, dass ich keinen Sinn darin sehe, diesem Berg an Bekleidungsmüll noch etwas von mir hinzuzufügen.

 

Einengende Bedingungen durch die Vorgaben der Modeindustrie:

Kleidergrößen:
Es gibt viel Bekleidung. Gibt es diese für Männer offensichtlich in allen möglichen Varianten, Größen und Breiten, wird es abenteuerlich, wenn ich als Frau nicht in die Durchschnittsnorm passe. Ich habe z.B. recht lange Beine. Gehe ich in ein normales Geschäft, finde ich dort zwar jede Menge Hosen, aber auch die sogenannten langen Hosen (schon sehr viel seltener zu finden), sind in der Regel immer noch zu kurz. Es gab (internetlose) Jahre, wo ich aus Verzweiflung in der Männerabteilung fündig geworden bin. Da ich aber nunmal kein Mann bin, passten die Hosen dort zwar in der Länge, aber der Schnitt war mitunter grauselig.

Farben:
Ein weiteres Beispiel: Als Pippi Langstrumpf-Fan gefallen mir meine naturroten Haaren natürlich besonders gut. Aber manchmal ist es schon ein Drama dann auch was halbwegs passendes an Bekleidungsfarben zu finden – zumal auch meine Haut sehr hell ist und schwarze und weiße T-Shirts damit nicht so prickelnd aussehen und mir deshalb auch nicht gefallen. Noch weniger kann ich mich für rosa, pink und pastellfarbene Kleidung begeistern. Diese Bekleidungsfarben gefallen mir überhaupt nicht. Sie sehen auch meistens gruselig bei mir aus. Ich mag eher die natürlichen Farbtöne wie z.B. die Herbstfarben. Seit längerem hätte ich am liebsten alles in Grüntönen, aber die sind selten modern und so muss ich gezwungenermaßen oft auf irgendein langweiliges Allerweltsblau ausweichen.

 

Ohne minimalistische Garderobe hätte ich nur Frust

Selbst wenn ich mir einen megagroßen Kleiderschrank kaufen würde, wie sollte ich den überhaupt voll bekommen? Es gab viele Jahre, wo ich immer wieder mit 500DM oder 1000DM in die Stadt gegangen bin, mit dem festen Plan dieses Geld für Kleidung auszugeben. Ich bin fast immer unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück gekehrt: zu klein, zu kurz, modisches Farbdesaster, Blümchen, Rüschchen, Glitzersteinchen – alles nicht meins, alles unpassend. Nix, null, niente, nothing. Leere Taschen, leere Schränke, immer noch volle Geldbörse. Nur 1 x ist es mir gelungen, wirklich meinen Kleiderschrank wieder halbwegs vernünftig voll zu bekommen. Davon habe ich Jahre gezehrt.

 

Meine persönlichen Bekleidungsperspektiven

Die oben beschriebenen Beispiele machen sicher deutlich, warum ich gerne eine minimalistischen Kleiderschrank habe. Alles andere ist gleichermaßen unpraktisch, wie stressig und letztlich unrealistisch. Es klappt ohnehin nicht.

Seit einigen Jahren habe ich immerhin einen deutschen Bekleidungshersteller gefunden, wo mir zumindestens die Oberteile (T-Shirts, Pullover) gut passen, die Qualität stimmt, es keine ausbeutenden Arbeitsbedingungen gibt. Leider gibts zurzeit auch dort nur begrenzt meine Lieblingsfarbe. Aber noch habe ich genügend Bekleidung im Schrank.

 

Meine minimalistische Garderoben-Zukunft wird darin liegen, dass ich auf Dauer ausschließlich auf T-Shirt, Langarmshirt und Jacke (z.B. Strickjacke, Sweatjacke), sowie Hosen (Jeans) umsteigen werde. Diese Kombination lässt sich je nach Temperatur leicht variieren, gefällt mir und ist praktisch. Und sobald bei den Oberteilen die richtige und passende Lieblingsfarbe dabei ist, werde ich dann mal – ganz unminimalistisch – in größeren Mengen shoppen gehen – endlich mal 🙂

 

Praktische Anregungen für mehr Minimalismus im Kleiderschrank:

Was wir nicht vergessen sollten: 
Jedes überflüssige Kleidungsstück lässt zwar zunächst das Glückshormon Dopamin kurzfristig in die Höhe schnellen, dies hält aber nicht lange an und langfristig verstopft es den Zugang zu unseren wirklichen Bedürfnissen.

 

Nachfolgend eine unvollständige Liste mit Anregungen, wie es auch weniger, fairer und nachhaltiger gehen kann:

Weniger – bewusster- reparieren – upcyceln:

 

Gebrauchte Kleidung:

  • Momox Fashion
  • Kleiderkorb
  • Kleiderkreisel
  • Außerdem gibts die Möglichkeit, die üblichen Auktions- und Verkaufsportale im Internet zu durchstöbern.
  • Einfach mal auf die Suche in der eigenen persönlichen Umgebung begeben: 2nd Hand-Kaufhäuser, Flohmärkte, schwarzen Bretter, Giveboxen, Umsonstläden.
  • Kleidertauschpartys mit Freunde, Bekannten, Nachbarn veranstalten.

 

Neue, aber faire Kleidung

Diese Liste ist auch als PDF zum Download erhältlich: Minimalismus im Kleiderschrank – weniger, fairer, nachhaltiger

Barrierefreie RTF-Texte für Sehbehinderte: Download

 

Momente genießen, statt Dinge horten

Die Jagd nach Glück und Zufriedenheit

Immer wieder scheinen wir zu meinen, die Zufriedenheit wartet hinter der nächsten Straßenbiegung oder wird mit dem Kauf des nächsten schicken Pullover oder technischen Gadget automatisch hergestellt. Dabei ändert sich dann, wenn wir schon ausreichend dieser Dinge besitzen, genau genommen nichts – außer, dass wir einer Illusion hinterher laufen. Was uns dabei eigentlich in Bewegung hält, ist die Vorfreude auf das eine Ding, von dem wir uns mehr Glück und Zufriedenheit erhoffen. Die Hoffnung, dass dann endlich Zufriedenheit und Glücksgefühl entsteht.

Aber wenn nun schon 20 Pullover im Schrank sind, was soll da der 21. Pullover bewirken? Wenn das aktuelle Smartphone noch klaglos seinen Dienst versieht, was soll da ein neues? Irgendwelche kleinen Funktionen, Geschwindigkeiten, etwas größer oder kleiner? Was ändert sich wirklich, außer, dass wir mit einer gewissen Vorfreude, die Hoffnung auf ein persönliches Glücksgefühl anheizen, dem irgendwann dann doch das schale Gefühl des grauen Einerlei weicht?

Und was bedeutet es für mich, wenn „alle das so machen“? Wird das unnötige Konsumieren dadurch sinnvoller, werde ich wirklich zufriedener? Wieviel Energie, wieviel Lebenszeit wird der Jagd nach dem Glück, der rastlosen Suche nach Harmonie und Zufriedenheit geopfert, statt einfach den jeweiligen Moment zu genießen?

 

Wirkliche Begegnung benötigt keinen unnötigen Plunder

Wirkliche Begegnung benötigt keinen unnötigen Plunder. Wir können die Jagd nach all dem unnötigen Zeugs aufgeben, auch gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit. Statt dessen können wir endlich wieder Platz, Zeit und Raum schaffen. Wirkliche Begegnung benötigt keine falschen Illusionen, erst Recht keine unnötigen Dinge. Wirkliche Begegnung braucht Menschen, braucht uns. Und es braucht Achtsamkeit, um auch den leisen Klang des Lebens, die kleinen Momente von Zufriedenheit und Glück immer wieder neu zu spüren. Das kann die aufgehende Sonne und der stille Moment des beginnenden Tages sein. Vielleicht ist es diese eine Tasse Tee, ein Lachen, welches vom Kinderspielplatz herüber schallt, das Erleben der Natur und die vielen weiteren, manchmal winzig kleinen Momente des Tages.

 

Inneren und äußeren Raum schaffen

In der Achtsamkeit geht es nicht einmal um möglichst perfekte und „gute“ Meditation. Im Minimalismus als Lebensstil geht es nicht darum, möglichst wenig Dinge zu besitzen. Denn beides gerät schnell wieder zu einer Jagd nach Illusionen. Wichtig ist, den äußeren und inneren Raum zu schaffen, um Begegnungen und Dinge auch wirklich achtsam genießen und würdigen zu können. Es geht darum, wirklich zu fühlen, was und wieviel ich brauche oder eben auch nicht. Glück und Zufriedenheit entsteht nicht durch die Dinge selbst (seien es möglichst viel oder wenig), sondern durch meine wertschätzende Haltung und durch meine Achtsamkeit und Offenheit, wirklich auch sehen, hören und fühlen zu wollen.

 

Konsumfallen erkennen – Was zieht mir das Geld aus der Tasche?

Doch wieder unnötig einkauft?

Wer von uns kennt das nicht? Irgendwie doch wieder etwas gekauft, was eigentlich nicht hätte sein müssen. Doch wieder in die Konsumfalle getappt. Auch wer seinen Alltag achtsam gestaltet und einen minimalistischen Lebensstil hat, kann in diese Falle geraten.

Neulich hat nicht viel gefehlt, da wäre ich mitten hinein getappt in die Konsumfalle und hätte ich mir fast ein neues (gebrauchtes) Laptop gekauft. Wären nicht meine Umzugsvorbereitungen gewesen und damit wenig Zeit und auch nicht unbedingt das Geld, mich jetzt auch noch um ein anderes Laptop zu kümmern, hätte ich mir wohl tatsächlich ein neues Gerät gekauft. Aus jetziger Sicht wäre es schade gewesen, denn inzwischen läuft mein alter Laptop dank neuem Netzkabel und ersetzter fehlender Taste wieder gut. Meine Konsumfalle war meine Ungeduld mit dem zwischenzeitlich „zickenden“ alten Gerät, mein Ärger darüber, dass der Laptop nicht mehr perfekt lief und ich überhaupt Geld investieren musste. Letztlich war es aber auch meine digitale und technische Neugier, wie ich mit einem anderen Gerät und anderen Betriebssystem so klar komme. Eine Konsumfalle wäre der Neukauf eines Gerätes deshalb gewesen, weil ich nicht wirklichen Druck hatte, ein sehr gutes und perfekt laufendes Gerät zu besitzen. Meine komplette Datensicherung passt locker auf einen USB-Stick. Ich nutze den Laptop überwiegend nur zum Schreiben, ab und an Tabellen, manchmal einige Fotos, selten Musik, dann kommen noch Internet und Emails hinzu. So viel ist das nicht, kein Multimedia, keine aufwändigen Dateien oder Prozesse, schon gar nicht programmiere ich irgendwas. Eine komfortable digitale Schreibmaschine mit Internetanschluss und gelegentlich in kleinerem Umfang Fotos oder Musik – das reicht eigentlich.

Natürlich hat jede/r andere Bereiche, in denen er oder sie schwach wird. Einige können kaum an einem Schuhgeschäft vorbei gehen, andere liebäugeln mit dem neuesten Smartphone, denken über das neue Sportgerät nach und vieles mehr. Auch die ganz persönlichen Gründe, weshalb die Konsumfalle zuschnappt, sind sehr unterschiedlich. Es gibt die berühmten Stress- und Frustkäufe, den Belohnungskauf, Gewohnheiten, soziale Zugehörigkeiten, usw. usw. – Die EC-Karte ist schnell gezückt, das Geld mindestens ebenso schnell vom Konto gebucht und irgendwann taucht es auf, dieses flaue Gefühl, dass dieser oder jener Kauf doch eigentlich nicht hätte sein müssen, das neue Teil doch nicht die erwarteten Verbesserungen bietet oder der Kontostand ins Wanken geraten ist. Aber sich nur darüber ärgern bringt nicht viel.

Konsumfallen konstruktiv nutzen

Wenn schon in die Konsumfalle gelaufen, dann lässt sich dieser Umstand auch konstruktiv nutzen. Wir können genau hinschauen, was da eigentlich genau passiert ist, in welcher Situation wir uns befunden haben, wie wir uns gefühlt haben und was vielleicht vorher gewesen ist. Nachfolgend einige Fragen, die helfen können, einen persönlich konstruktiven Umgang mit den großen und kleinen Konsumfallen zu finden:

 

  1. Gibt es vergleichbare Dinge, die mich immer wieder besonders ansprechen?
  2. Gibt es vergleichbare Situationen, in denen ich immer wieder „schwach“ werde?
  3. Welche Sinne waren vor dem Kauf besonders aktiv? (z.B. besondere Gerüche, Sehen von schönen Dingen)
  4. Was ist vor dem Kauf passiert?
  5. Welche Hoffnungen, Träume, Wünsche verbinde ich mit dem Produkt?
  6. Möchte ich mit dem Produkt „dazu gehören“? Wenn ja zum wem? Suche ich Anerkennung, Bewunderung, Aufmerksamkeit?
  7. In welcher Stimmung habe ich mich vor und beim Kauf befunden? Wollte ich mich mit dem Kauf trösten, Frust abbauen, belohnen, unangenehme Gefühle verdrängen, Langweile übertünchen?
  8. Erkenne ich Konsum-Ersatzhandlungen bei mir? (z.B. Ausgleich für stressigen Tag, Ärger mit Familie,…)
  9. Was könnte mir statt dessen wirklich helfen? 
  10. Was hätte ich wirklich gebraucht? Dieses Ding oder vielleicht etwas ganz anderes?

Diese Tipps sind auch als PDF-Datei zum Download erhältlich: Konsumfallen konstruktiv nutzen – Download