Gern ein wenig anders – Inhouse-Nomaden

Geht es um Wohnen, habe ich immer schon gerne umgeräumt und verändert. Tisch, Bett, Schrank – gerne hier, da und dort. Irgendwann fiel mir der Begriff Inhouse-Nomaden ein und ich dachte: Ja stimmt, so ein Begriff passt. Ich muss nicht mit dem Rucksack die Welt jetten, aber innerhalb der Wohnung finde ich es nur schwer erträglich, wenn die Dinge immer am gleichen Ort stehen.

Das Rein und Raus der Möbel

Immer mal wieder habe ich versucht, irgendwie so etwas wie eine eher „normale“ Möblierung auf die Reihe zu bekommen. Es gelang mir nur begrenzt und vorübergehend oder nur für die gemeinsamen Bereiche in Partnerschaft und WG. In meinen persönlichen Bereichen war es immer ein hin und her. Damit verbunden aber leider aber ein viel zu häufiges Rein und Raus an Möbeln. Endlose Varianten von Bettgestellen kamen und gingen. Kleiderschränke waren immer gruselig. Ich mag sie einfach nicht. Irgendwann habe ich die Türen der Kleiderschränke tapeziert, dann bemalt, dann entfernt und stattdessen mit bunten Vorhängen versehen. Aber es gefiel mir immer noch nicht. Es folgte die Variante, mir aus Regalen, Jalousien und Vorhängen einen begehbaren Kleiderschrank zu bauen. Diese Konstruktion hielt länger, aber spätestens, wenn man dann irgendwann zu zweit in einer kleinen Wohnung lebt, wird es doch zu eng. Also doch „normale Schränke“, irgendwann dann die 35cm-tiefen Schränke. Die sahen dann nicht mehr ganz so nach Kleiderschrank aus. Mit Sofas bin ich erst seit kurzem durch. Ich mag sie nicht, zumindestens nicht für mich. Auch hier gab es im Laufe der Jahre viel rein und raus. Sofas  kann ich woanders bestaunen und drauf sitzen, bei mir selbst will ich sie nicht.

Gern ein wenig anders

Den Hang, gerne dies und das anders als üblich zu gestalten, hatte ich rückblickend immer schon. Als Teenager ertrug ich irgendwann das Bettgestell nicht mehr und habe Lattenrost und Matratze direkt auf die Erde gelegt. Den Schreibtisch beklebte ich mit Folie, irgendwelche Bilder und Sprüche hingen abwechselnd mal hier und mal da an der Wand und ersetzten mir in dem engen Zimmer das Möbelrücken. In den 70er-Jahren reichte sowas noch locker aus, um sich als Teenie bequem von der Erwachsenenwelt abzugrenzen.  😉 Es dauerte nur etliche Zeit, bis ich verstand, dass dieser Hang zum Inhouse-Nomaden altersunabhängig ist und einfach grundlegend zu meiner Persönlichkeit gehört.

Bedarfsgerechte Möbel für Inhouse-Nomaden

Minimalismus passt wirklich bestens zu meiner Art des Nomadentums am gleichen Ort. Bei Neuanschaffungen lasse ich mir heute bewusst viel Zeit. Erst wenn ich mir wirklich zu 100% sicher bin, dass es dieses oder jenes Teil sein soll, kaufe ich es. Vorher denke ich dann auch lieber erst über irgendwelche Improvisationen nach. Die sind ohnehin viel interessanter. Ich mag es variabel und multifunktional. Meine beiden Holzpodeste mit Futon und Klappfuton kann ich beispielsweise als Sessel, Sofa, Couchtisch und Bett nutzen.

2 Holzpodeste 1x1m mit Futon und Klappfuton

Wie schon einmal berichtet, ist der eigentlich als Abstellkammer gedachte kleine Raum, jetzt mein begehbarer Schrank. Das ist DIE Schranklösung für mich, weil es kein Schrank ist. Hier bewahre ich – Minimalismus sei dank – außer den Küchenutensilien allen Kram auf, den ich besitze. Adé Kleider- und Wohnzimmerschränke – wunderbar!

Blick auf ein Ivarregal mit verschiedenen Kisten, einigen Büchern und Aktenordnern.

 

Mein Küchenblock ist bei kleinen Details immer noch nicht fertig. Will ich ihn überhaupt fertig stellen? Das wäre das Ende von Ideen und Varianten, die mir durch den Kopf wandern. Wenn ich schon die Küche nicht ständig durch die Wohnung schieben kann, dann wenigstens die Ideen dazu in meinem Kopf. Die mobile Küche von Tanja Heller finde ich z.B. faszinierend, aber Minimalismus heißt für mich heute, bloß keine voreiligen Neukäufe ins Auge zu fassen.

Inhouse-Nomaden und schwere, unbewegliche Möbel sind nicht kompatibel. Aber Inhouse-Nomaden und Minimalismus: das passt prima. Und so sitze ich mit dem Tisch mal am sonnigen Fenster, mal mitten im Raum, mal schlafe ich hier, mal da, mal dort. Platz genug habe ich, weil Schrankwände, Bettgestelle und Sofas der Vergangenheit angehören – und genau so fühle ich mich endlich wohl.

Meditation mit orthopädischen Handicaps

Meditation als körperliche Herausforderung

Regelmäßig zu meditieren, speziell die Sitzmeditation, stellt sicher immer eine gewisse köperliche Herausforderung dar. Wir sind es üblicherweise nicht gewohnt, regelmäßig eine längere Zeit ruhig in einer bestimmten Position zu sitzen. Auch körperlich gesunde Menschen ohne jede Einschränkung spüren dann schon mal die steifen Gelenke, mal zwickt es hier, mal dort. Im Laufe der Zeit lernt man dann, wie man mit solcherlei Einschränkungen oder Missempfindungen umgehen kann. Aber Meditation mit körperlichen Handicaps – geht das?

Mein persönlicher Weg

An anderer Stelle hatte ich schon einige Male von meinen körperlichen Einschränkungen berichtet. Siehe z.B. Achtsamkeitsübungen bei körperlichen Einschränkungen  oder Achtsamkeit und körperliche Beeinträchtigungen – meine Erlebnisse

Ich meditiere seit 8 Jahren trotzdem, aber anders. Einen geeigneten Weg zu finden, war und ist allerdings ein langer Weg. Ich lebe mit Fehlstellungen von Füßen, Beinen und Hüfte, hinzu kommt nicht zusammen gewachsener 5. Lendenwirbelbogen und überdehnbare Gelenke. Seit einigen Jahren bin ich zudem schwerhörig und benötige Hörgeräte. Die Folgen sind, dass ich schneller, als der „Durchschnitts-Meditierende“ an meine körperlichen Grenzen komme, muskulär verspanne, manches geht überhaupt nicht. Daher bin ich natürlich immer auf der Suche nach Tipps, Ideen und Anregungen.

Suche nach Anregungen und Hilfen

Vor längerer Zeit entdeckte ich, dass es spezielle Meditationskurse für Menschen mit chronischen Schmerzen gibt. Die Gründerin und Meditationslehrerin Vidamayala Burch litt nach einem Unfall an chronischen Schmerzen und hat diese besondere Form der Achtsamkeit entwickelt. Sie ist also eine Betroffene, was ich schon mal sehr überzeugend finde.

Da meine Einschränkungen aber anders gelagert sind, habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit dieser Meditationsform. Da ich auch ansonsten keine ganz speziell auf orthopädische Handicaps ausgerichtete Achtsamkeitspraxis gefunden habe, habe ich selbst ausprobiert und bin dabei zu folgenden Erkenntnissen gekommen. Vielleicht helfen diese ja den ein oder anderen LeserInnen, die selbst mit orthopädischen Problemen zu tun haben:

Meditations-Tipps für Menschen mit orthopädischen Handicaps

  • Es ist sehr hilfreich und wichtig, die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu verbessern. Das geht auch mit orthopädischen Einschränkungen. Der Bodyscan ist im Sitzen oder Liegen möglich und bietet eine ideale Ausgangsübung. Einige Anleitungen dazu sind hier zu finden: Achtsamkeitsübungen
  • Versuche nicht, „normal“ zu sein und unbedingt mithalten zu wollen. Überschreite nicht gewohnheitsmäßig deine eigenen Belastungsgrenzen. Auch dann nicht, wenn dir dies von anderen Menschen empfohlen werden sollte. Erfahrene und einfühlsame Meditations- und Achtsamkeitslehrer nehmen in der Regel Rücksicht, weisen idealerweise auf die nötige Selbstfürsorglichkeit hin. Trotzdem sind sie in der Regel körperlich deutlich fitter und gesünder und können nicht in deinen Körper hineinschauen. Warte daher nicht und verändere rechtzeitig deine Körperhaltung oder lege Pausen ein.
  • Nimm deinen Körper ernst, nimm deine Einschränkungen ernst, aber lass dich nicht davon allzu sehr begrenzen. Je nach persönlicher Einschränkung besteht die Gefahr, dass die Wahrnehmung des eigenen Körpers irgendwann so ins Zentrum der eigenen Wahrnehmung gerät, dass dies zu einer unnötigen Selbstbegrenzung wird.
  • Du hast einen Körper, aber du bist mehr als dein Körper. Übe dich daher immer auch in der Achtsamkeit der Gedanken und Gefühle.
  • Schaffe Ausgleiche, suche gezielt nach Meditationshaltungen und Formen, die dich entlasten. Meditationskissen, Lotussitz, Meditationsbänkchen – all das kann, muss aber nicht sein.
  • Gehe auf deine persönliche Entdeckungsreise, welche Haltung ganz persönlich für dich gut ist. Verschiedene Stühle, Sessel, Sofa, Balkonliege, ein kleines Kissen im Rücken, Erhöhung für die Beine, Abstützung für den Kopf oder in welcher Haltung auch immer: Was davon tut gut? Welche Haltung hilft und unterstützt dabei, besser in den Prozess des Meditierens hinein zu finden? Welche Haltung überlastet oder blockiert? Sieh diese persönliche Entdeckungsreise als eine deiner wichtigsten und zentralsten Meditationsübungen an, wenn du mit und trotz körperlicher Handicaps meditieren willst. Diese Entdeckungsreise ist gelebte Metta-Meditation, also eine wichtige Übung zur Selbstfürsorge für Menschen mit körperlichen Handicaps.
  • Finde deinen eigenen Meditationsablauf. Es kann hilfreich sein, Geh- und Sitzmeditation in kürzeren Abständen abzuwechseln oder durch einige, geeignete achtsame Yogaübungen zu ergänzen.

 

Nachteile ausgleichen statt mithalten

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Meditation mit körperlichen Handicaps natürlich möglich ist. Es geht jedoch nur, indem man sich keinerlei Druck und Stress macht, mit irgendwelchen „Durchschnitts-Standards“ und „allgemein gültigen Regeln“ mithalten zu wollen, denn diese sind auf die „normale“ und „übliche“ körperliche Belastbarkeit ausgerichtet.

Eine Orientierungshilfe ist, dass die körperlichen Begrenztheiten im Zusammenhang mit der körperlichen Meditationshaltung nicht dazu führen, dass die Meditation dauerhaft davon dominiert oder sogar blockiert wird. Die eigenen orthopädischen Einschränkungen durch Hilfsmittel oder Veränderungen in Haltung und Ablauf ein wenig auszugleichen, erscheint mir viel sinnvoller.

Die wichtigste Achtsamkeitsübungen für Menschen mit orthopädischen Handicaps

Die äußere Haltung sollte so sein, dass sie hilft, zu einer inneren Haltung zu finden. Bei Menschen mit orthopädischen Handicaps muss diese äußere Haltung individuell an die Einschränkungen angepasst und immer wieder überprüft werden. Die aus meiner Sicht wichtigste und zentralste Achtsamkeitübung für diesen Personenkreis ist daher die, immer wieder aufs Neue achtsam auszuprobieren und erspüren, was möglich ist und was hilft, besser in den Prozess des Meditierens hinein zu finden.

Die Meditationstipps für Menschen mit körperlichen Handicaps sind auch als kostenloser Download im PDF-Format, sowie zusätzlich in einer Version für Blinde erhältlich:

 

PDF-Download: Meditationstipps für Menschen mit orthopädischen Handicaps

barrierefreie Version für Blinde:  Meditationstipps für Menschen mit orthopädischen Handicaps

Nur ein Atemzug…

Mitunter ist es nur ein Atemzug lang, da sind dann plötzlich die Zweifel da. Wachliegend durchwandern vielerlei Gedanken Kopf und Herz: Wo sind die Tage, all die Jahre hin? So vieles erlebt all die Zeit. Hat sich das gelohnt, die ganzen Anstrengungen, die Mühen?

Manches ist einfach viel zu sehr Zufall: Die Zeit, in die man hinein geboren wurde, der Ort, die Familie, das gesellschaftliche Umfeld. Manchmal erscheint mir mein Leben sehr beliebig. Gibt es irgendetwas, was mich von der Fliege an der Wand, dem Kieselstein im Bach oder vom verwelkenden Blatt unterscheidet, welches bald zu Boden fällt?

See mit Bäumen im Hintergrund. Auf der rechten Bildseite im Vordergrund einige Blätter, die fast zu Boden zu fallen scheinen

Will ich nicht doch etwas Besonders erreichen oder darstellen? Was ist schon eine Fliege an der Wand? Vielleicht lieber Erfolg haben? Karriere machen? Häuschen bauen? Urlaub planen? Von der finanziellen Unabhängigkeit träumen? Oder wenigstens ein kleines bisschen die Welt retten?

Und so Leben wir unser Leben oder basteln wir uns nur irgendeine Vorstellung davon zusammen? Leben verläuft nämlich selten gradlinig. Irgendwas ist immer. Es ist ein auf und ab, ein hin und her. Gerade mal was geplant, schon läuft irgendetwas anders.

Und vielleicht darf das einfach auch so sein. Es ist überhaupt nicht notwendig, das ganze Leben zu verplanen. Leben ist letztlich immer nur ein Atemzug – genau der Atemzug, der jeweils gerade stattfindet.

Einatmen – ausatmen, so simpel und so wunderbar. Einatmen – ausatmen – das ist Leben. Es ist immer nur ein Atemzug, aber dieser Atemzug ist Leben und er bringt in stetiger, achtsamer Wiederholung, irgendwann Stabilität, Gelassenheit und die Freude zurück. Es ist völlig egal, ob jünger oder älter, ob Mensch oder Fliege, Kieselstein oder verwelkendes Blatt – all das ist Leben.

Was ist Minimalismus?

Landauf, landab scheint der Begriff Minimalismus populär geworden zu sein. Aber was ist Minimalismus? Und was ist Minimalismus nicht? Ich möchte an dieser Stelle nicht mit irgendwelchen Definitionen langweilen und erspare sie mir daher. Stattdessen einige Gedanken dazu, was ich unter Minimalismus verstehe.

Was ist Minimalismus nicht?

Wir leben in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der es zur Gewohnheit geworden ist, Unmengen von Krempeleien anzusammeln und ständig auf der Jagd nach neuen Dingen zu sein. Irgendwann ist kein Platz mehr und so räumen wir halt mal auf und entrümpeln das ein oder andere, um endlich wieder Platz zu haben.

Immer mal wieder stoße ich dann im Internet auf diverse Videos, in denen Menschen sich beim Aufräumen und Entrümpeln filmen und dies begeistert als Minimalismus bezeichnen. Manche Filmer/-innen finden es spannend und aufregend, so als sei das Aufräumen und Entrümpeln eine ganz neue Erfahrung. – Hmm…

Manchmal sind solche und ähnliche Formen des Minimalismus einfach nur das, was Daniel Siewert gerne einen „Konsum-Schluckauf“ nennt: Platz schaffen, um danach wieder neue Dinge kaufen zu können.

Für mich ist das Aufräumen und Entrümpeln von Dingen erst einmal nur, was es ist: Aufräumen und Entrümpeln.

Minimalismus ist keine Zahl, kein Wettbewerb, kein Heldentum. Im Rahmen meines Umzuges habe ich mir beim Einräumen der Schränke und des Regals dann sogar mal die Arbeit und den Spaß gemacht und gezählt. Ich bin – Lebensmittel, Wasch- und Putzmittel ausgenommen – auf rund 500 Dinge gekommen. Allerdings fehlte mir dann doch ein wenig der Ehrgeiz und so hatte ich dann keine Lust, jede Nähnadel und jede Nähgarnrolle einzeln zu zählen. Also habe ich einfach „1 Nähkasten“ gezählt. Ähnlich ging es mir bei der Werkzeugkiste. Jede Schraube, jeden Schraubenzieher zählen – nein, zu aufwändig, daher habe ich „1 Werkzeugkiste“ gezählt. Gleiches bei den Büroklammern. Aha, es sind also vielleicht gar nicht 500 Teile, die ich besitze, sondern 700 oder 1000? Und was sagt so eine Zahl – außer, dass ich bei einer Hausratversicherung im Bedarfsfall genauere Angaben machen könnte? Hätte ich geschickt gezählt, also nicht jeden Teller und jede Tasse einzeln, sondern sondern „1 Gedeck“, dann wären es noch weit weniger als 500 Teile geworden. Doch wozu sollte ich geschickt zählen? Irgendeine Zahl, die im Zusammenhang mit Minimalismus durch den Raum geistert, sagt letztlich nicht sonderlich viel aus – auch nicht bei mir.

Ein kleines Beispiel, wie relativ solche Minimalismus-Zahlen sind: Wieviel Besteck ist unten auf dem Bild? Entweder 7 Besteck-Sets oder 35 einzelne Teile? Macht einen Unterschied von 28. Und wenn ich solche Zahlenspiele dann auch bei den Tellern und Tassen vornehme, würde der Zahlenunterschied noch größer.

Besteck auf Holzplatte. Je 7 Messern, Gabeln, Esslöffel, Teelöffel, Kuchengabeln

Und was ist Minimalismus?

Minimalismus ist für mich, mit wenigen Dingen zufriedener zu leben. So wenig wie möglich, so viel wie nötig – immer mit dem Blick auf das Wesentliche. Wie wenig nun wenig und wieviel nun viel ist, ist ganz unterschiedlich. Lebensstile und Lebenssituationen unterscheiden sich nunmal z.T. sehr deutlich voneinander. Wer Kinder Zuhause hat, benötigt viel mehr Dinge, als der Student oder die Studentin im Studentenwohnheim. Es ist wie mit den Äpfeln und den Birnen – so mal eben vergleichen funktioniert da nicht.

Was haben die Dinge mit mir und meiner Art zu leben zutun?

Interessant wird es dann, wenn man länger an diesem Thema dran bleibt. Was haben die Dinge, mit denen ich mich umgebe, eigentlich mit mir zutun? Warum kaufe ich dies, das oder jenes? Warum hänge ich an irgendeinem Teil, obwohl ich es nicht verwende? Was will ich mit der riesigen Bücherwand, wenn ich die meisten Bücher ohnehin nicht mehr lese? Welche Interessen, Hobbys und Leidenschaften lebe ich wirklich und wo habe ich die dazu gehörigen Dingen nur ungenutzt in den Schränken liegen? Macht das Verhältnis von zwei Jeans, 5 Computern und 3 Smartphones in meinem Leben Sinn? Was sagt es über die persönliche Lebenshaltung aus, wenn ich zwar irgendeine eine schicke Smartwatch besitze, aber keine Tasse für einen Besucher? Welchen Wert haben Dinge und welchen Wert haben Menschen in meinem Leben? Dienen die Dinge meinem Leben oder hindern sie mich daran?

Jede/r kann solche und ähnliche Fragen nur für sich selbst beantworten und die Beantwortung kann bereits ein sehr spannender Prozess sein. Für mich ist Minimalismus letztlich immer auch eine Form, achtsamer mit mir und wertschätzender mit den Dingen und meiner Umwelt umzugehen.

 

Das Glück in und um uns

Ich sitze da, am geöffneten Fenster, spüre die warme Sonne und einen leisen Windhauch auf meiner Haut. Ich sehe den blauen Himmel, die sich langsam gold färbende Sonne im beginnenden Abendlicht. Ich atme ein, ich atme aus und spüre einfach nur, dass ich da bin und lebe. Die Anspannung des zurück liegenden Tages pulsiert noch in meinen Adern und ich fühle, dass es nicht wichtig ist: Hektik, Stress und der mitunter wilde Takt, den ich manchmal auch selbst an schlage. Zur Ruhe kommen und fühlen, wie unendlich schön selbst das kleine Stückchen Natur ist, welches ich gerade von meinem Wohnzimmerfenster beobachten kann.

Und so sitze ich sitze da und frage mich, wozu das alles gut sein soll: All der Ehrgeiz, die smarten Ziele, der Traum vom Erfolg? Über’s Ziel hinaus schießen geht so schnell und wird dann zum Albtraum für uns selbst, für unsere Mitmenschen, für unsere Umwelt. Die eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und in der Erschöpfung landen macht keinen Sinn. Unseren Planeten plündern, Menschen ausbeuten für irgendeinen Schnickschnack, den wir uns in die Wohnung stellen – obwohl wir diesen, vielleicht abgesehen von unserer Selbstpräsentation, überhaupt nicht brauchen – wozu?

Wir rennen der Illusion von Glück und Wohlergehen hinterher und übersehen das endlose Glück direkt in uns und um uns herum. Es ist, als wollten die Bäume vor meinem Fenster und die warme Abendsonne mir zu flüstern: „Hallo ihr Zweibeiner, was rennt ihr so besinnungslos durch die Gegend? Das Glück findet ihr nicht im nächsten Supermarkt, nicht im Aktienboom, nicht im schnellen Auto oder der nächsten Gehaltserhöhung. Das Glück ist direkt vor eurer Nase, es in in euch, es ist um euch herum. Rennt ihm um Himmels Willen nicht nach, haltet nicht krampfhaft fest, sondern öffnet die Augen eures Herzens. Ihr müsst es nur sehen, hören, fühlen.“

 

 

Achtsamkeit und Minimalismus – Ideal und Alltag

Achtsamkeit – Glückseligkeit oder Alltag?

Angenehme Gefühle während einer Meditation sind etwas sehr schönes. Auch für mich. Und ich genieße es. Das ist auch in Ordnung. Aber deshalb sind solchen angenehmen Gefühlszustände keine seichte Wolke, keine ewige Glückseligkeit.  Wer sagt, diese schönen Seiten seien ewig, auf Knopfdruck abrufbar, konstruierbar, macht sich selbst und anderen etwas vor. In der Achtsamkeitspraxis sind nicht einmal die unangenehmen Gefühle dazu geeignet, es sich darin dauerhaft (un-)gemütlich zu machen.
Achtsamkeit ist die Begegnung im Jetzt und dem, was ich in diesem Jetzt wahrnehme: von mir und der Welt um mich herum. Schon beim nächsten Atemzug ist das zuvor wahrgenommene Jetzt bereits Vergangenheit und ich befinde mich in einer anderen Realität. Leben ist immer Veränderung. Selbst formelle Achtsamkeitsübungen sind vor allem eins: Übungen. Achtsamkeit lebt vom Tun und all die Übungen brauchen insbesondere eine Resonanz im Alltag und die Erkenntnis, dass das einzig Dauerhafte die Veränderung ist.

 

Minimalismus – Wer oder was bin ich wirklich?

Im nächsten Einkaufszentrum kann ich nicht nur Dinge kaufen, sondern mir wird suggeriert, dass ich mir auch den dazugehörigen Lifestyle shoppen und die vermeintlich schönen Gefühle gleich dazu einkaufen kann. Damit kann ich mir Zufriedenheit und Glück vorgaukeln, mich damit gegenüber anderen Menschen präsentieren und mir vielleicht sogar einreden, dass ich mir die Anerkennung oder ein Dazugehörigkeitsgefühl kaufen kann.

Kann ich vergleichbares nicht auch mit dem Minimalismus? Also vergleichbare Gefühle mit umgekehrten Vorzeichen? Ich befreie mich z.B. von den Dingen um mich herum und genieße nicht nur die Freiheit, sondern auch den dazu gehörigen Lifestyle-Minimalismus. Dagegen spricht erstmal nichts, ich sollte mir nur klar darüber sein. Vielleicht genieße ich damit auch die Dazugehörigkeit zu einer größeren werdenden Gruppe von Menschen. Ich kann mich gleichzeitig von einer anderen Gruppe Menschen, den Viel-Shoppern absetzen. Auch darin sehe ich kein Drama, wenn ich einfach weiß, dass es so ist. Dann ist zusätzlich das Internet und insbesondere die Sozialen Medien eine ideale Plattform, um mich damit zu präsentieren, repräsentieren und mich vielleicht sogar ein bisschen idealer darzustellen, als ich in Wirklichkeit bin. Auch da könnte ich sagen: Ok, was soll’s?

Problematisch wird es aus meiner Sicht dort, wo ich eigene Ideale und Illusionen, nicht mehr von den jeweiligen, persönlichen Realitäten unterscheiden kann.  Und die Beziehung zu meinen Mitmenschen wird in der Regel nicht besser, wenn ich mich genau von diesen Menschen abheben will. Denn damit schaffe ich erstmal Distanz und im Idealfall maximal Bewunderung. Aber Bewunderung kann ebenso schnell platzen, wie eine Seifenblase.

 

Das eigene Leben und den Alltag gestalten

Sowohl Achtsamkeit, als auch Minimalismus sind für mich ganz wesentlich auch dort wertvoll, wo sie mich zu der Frage führen, wie ich mein Leben und meinen Alltag gestalten will – auch abseits von Internet, Sozialen Netzwerken, abseits all der Videos, Fotos, Kommentare und Likes. Was ist, wenn die erste Meditations- oder Minimalismus-Euphorie verflogen ist und der Alltag einkehrt? Was ist, wenn statt eitel Sonnenschein, der Himmel einfach nur noch grau verhangen ist?

Achtsamkeit und Minimalismus sind für mich dort wichtig, wo ich mir die ehrliche Frage erlauben kann, was ich eigentlich von diesem Leben will. Was ist wesentlich? Was ist relevant? Wie gehe ich mit mir und meiner Umwelt um? Was ist, wenn mir statt Schenkel- und Schulterklopfern, plötzlich Unverständnis und Kopfschütteln begegnen? Was tun mit Selbstzweifeln, Unsicherheit, dem Gefühl von Überlastung oder innerer Leere? Was ist, wenn dann doch nicht immer alles so bunt und schön ist, wie ich mir es anfangs dachte?

In der Achtsamkeitspraxis ist die Übung des Mitgefühls (Metta) ein zentraler Bestandteil. Freundlichkeit und Mitgefühl mit mir, den Menschen und der Welt um mich herum. Auch das ist natürlich nicht mal eben so einfach – aber sehr hilfreich. Mir persönlich ist so etwas wie Erleuchtung durch Meditation ehrlich gesagt völlig egal. Mir ist Wachheit und Aufmerksamkeit viel wichtiger. Die Wachheit und den Mut, zu sehen, was da ist und mit weniger verzerrtem Blick zu überlegen, welche nächsten Schritte ich konkret gehen will.

Wir brauchen sie eigentlich nicht, diese verzerrten Selbstdarstellungen. Wir brauchen keine Illusionen, kein Verirren in irgendeinem gerade aktuellen Lifestyle. Vielleicht können wir uns stattdessen darum bemühen, uns aufmerksamer zu begegnen. Wir können uns gegenseitig unterstützen, miteinander diskutieren, austauschen, anregen, ermutigen oder gemeinsam konkret und praktisch aktiv werden. Anstatt sich selbst und anderen etwas vorzumachen, können wir ganz kleine, alltägliche Schritte gehen, vielleicht einfach etwas freundlicher zu sein: Zu uns selbst, unseren Mitmenschen, unserer Umwelt. Und vielleicht fällt es uns dann einfacher, dem mitunter grauen Alltag wieder mit Leben und Farbe zu füllen und ihm vielleicht sogar ein paar schöne Seiten abzugewinnen.

 

achtsam – minimalistisch – unperfekt

Manchmal bin ich doch sehr beeindruckt. All diese wunderbaren Tipps, die ich hier und da lese: Wie der Tag am besten geplant werden kann, welche Todo-Listen ich brauche, wie ich gesund bleibe, wie ich mich richtig entspanne, Sport mache, den Verkaufsverführungen widerstehe, meinen Tag achtsam und minimalistisch gestalten kann… Und dann taucht irgendwann auch noch das Fernsehen bei mir auf und man gewinnt den Eindruck, ich sei super perfekt asketisch: wenig Zeug, Futon, minimalistisch Küche, kaum Luxus – außer dem Computer (aber der ist von 2010, also auch nicht gerade neu).

Tja und so sind wir dann alle perfekt oder arbeiten zumindestens dran. Aber sind wir das wirklich und wollen wir es überhaupt sein?

Wie minimalistisch perfekt ist mein Minimalismus?

Was mich selbst angeht: Ich habe meinen Kleiderschrank einmal gründlicher durchgesehen und sogar mal durchgezählt:
Das vielleicht Auffälligste: 12(!) T-Shirts, plus nochmal 2 Shirts, die ich noch „fürs Grobe“ nutze, also wenn es was zu renovieren oder umfangreicher zu putzen gibt. Wenn ich künftig nochmal ein farblich passendes T-Shirt finde, werde ich es kaufen und auf Vorrat hinlegen. Passende Kleidung zu finden ist für mich schwierig, da minimalisiere ich lieber den Stress als die Menge meiner T-Shirts. – Wenig Kleidung ist was anderes für mich. Früher hatte ich deutlich weniger, maximal die Hälfte. Da war ich genau genommen minimalistischer als jetzt.

Dann die Technik:
Ich habe heute einen Computer, ein Smartphone, ein Mini-Laptop, ein Tablet. Ein kleines Einfachhandy liegt auch noch in der Schublade. Es sind nicht die neuesten Geräte, erst recht nicht die schnellsten, schon gar nicht die angesagtesten Geräte. Aber sie funktionieren und wenige Geräte sind es nun mal definitiv nicht – im Gegenteil. Früher hatte ich im Vergleich dazu ein Radio-Cassetten-Recorder und ein Schwarzweiß-TV. Fürs Telefonieren bin ich noch bis Mitte der 80er Jahre ins Telefonhäuschen gegangen. Klar haben sich die Zeiten geändert, ich genieße dies auch sehr! Aber es ist doch nicht so, dass ich heute weniger Dinge besitze und super minimalistisch, schon gar nicht minimalistisch perfekt bin.
Es ist also schon sehr relativ mit dem Minimalismus, meinem Minimalismus. Perfekt ist er nicht, asketisch bin ich auch nicht.

 

Unperfekt – Manchmal gelingt nichts

Es gibt sie, diese Tage: Das Wetter ist schön, ich habe Zeit, ich habe 1000 Dinge im Kopf, aber irgendwas umsetzen: Nichts! Ok, vielleicht bin ich erschöpft: Da muss ich muss mich unbedingt mal entspannen. Aber auch das gelingt an einigen Tagen überhaupt nicht. Locker werden müssen ist ja auch ein Gegensatz in sich und passt nicht. Und so verdaddle ich die Stunden, weiß irgendwann nicht mehr, wo sie geblieben sind. An solchen Tagen war ich des öfteren gleichermaßen verärgert, wie enttäuscht: Es ist doch schade, wenn die Stunden so dahin fließen. Erst recht, wenn in diesen Stunden dann nicht einmal wenigstens ein einzelner achtsamer Atemzug gelingt.

 

Adé Perfektionismus

Ich habe mich vom Perfektionismus schrittweise einfach mal verabschiedet. Es muss bei mir nicht perfekt sein. Ich muss nicht perfekt sein. Es ist mir einfach zu anstrengend und wirklich gesund ist Perfektionismus auch nicht.
Wenn ich irgendwas durch die jahrelangen Achtsamkeitsübungen gelernt habe, dann ist es, die Dinge gelassener anzugehen und auch entspannter mit mir selbst umzugehen. Ich kann und darf hier und jetzt einfach mal so sein, wie ich bin. Und das ist ok so. Auch, wenn ich es selbst völlig schräg finde. Ich kann auch einfach mal meinen Tag verträumen, mich in tausenderlei Ablenkungen verirren, einen Fehlkauf tätigen, die Todo-Listen in den Mülleimer werfen oder mal alles blöd finden.

 

Was tun? Die Sinne benutzen

Was ich tun kann in diesen Phasen voller Unperfektheit, Schrägheit, Ablenkbarkeit, Unachtsamkeit: Ich kann versuchen, mir mal wertfrei bei all meinem (Nicht-)Tun zuzuschauen: Was passiert mit mir? Was tue ich da gerade? Was tue ich nicht? Gelingt mir dies nicht in der Situation selbst, dann kann ich auch im Nachhinein einmal versuchen, einmal genauer hinzuschauen:

  • Wie geht/ging es mir?
  • Bin/war ich zufrieden, unzufrieden?
  • Bin/war ich müde, erschöpft, wach, überdreht?
  • Wie geht/ging es mir mit meiner Unperfektheit?
  • Wie geht/ging es mir mit all den liegen gebliebenen Dingen?
  • Mache ich mir Selbstvorwürfe?
  • Bin ich enttäuscht von mir?
  • Bin ich entspannt und zufrieden?
  • Finde ich Antworten? Wenn nicht, wie halte ich das aus?

 

Im Rhythmus der Natur, im Rhythmus des Lebens

Phasen sind Phasen – und keine Dauerzustände. Leben ist immer auch von gewissen Gegensätzen geprägt: Es gibt die sehr aktiven Phasen, die von inaktiver Zeit abgewechselt werden. Mal laufen die Tage gut, die Arbeit ist systematisch erledigt, dann sind wieder Zeiten, wo scheinbar nichts gelingt.

Wir sind einfach auch ein Stück Natur. Jedem Einatmen folgt ein Ausatmen. Es ist wie am Meer, wo die Flut von der Ebbe abgelöst wird. Dem Regen folgt irgendwann der Sonnenschein, dem Tag die Nacht. Problematisch wird es erst, wenn kein Ausgleich mehr da ist und dieser Rhythmus des Lebens völlig aus dem Takt gerät. Nicht nur die Natur kann durch unser Verhalten aus dem Takt geraten, auch wir selbst. Beispielsweise, wenn die emotionalen „Nacht-Zeiten“ sehr lange andauern und wir vielleicht nicht mehr alleine hinausfinden. Oder die verdaddelte und verträumte Zeit zu einem Dauerzustand wird – aber auch, wenn ich so aktiv bin, dass ich nicht mehr zur Ruhe komme.

Unperfekt sein zu dürfen ist eben auch Luxus. Und – solange wir uns im Rhythmus des Lebens befinden – ist dieser Luxus erschwinglich, schadet niemandem und er ist einfach erholsam. Wir sind nichts weiter als ein Stück Natur – genau deshalb habe ich auch die Gräser als mein Logo ausgesucht.

Minimalismus – Loslassen als emotionale Befreiung

Kürzlich las ich einen interessanten Beitrag von June Saruwatari mit dem Titel
The Psychology behind all that clutter you can’t get rid of. Wie treffend! Mich brachte es auf den Gedanken, nicht nach dem „Warum kann ich nicht loslassen?“ zu fragen, sondern:

In welchen Situationen kann das für den Minimalismus typische Loslassen von Dingen, eine emotionale Befreiung sein?

Die eigene persönliche emotionale Beziehung zu den Dingen

Gegenstände können mit positiven, wie negativen emotionalen Befindlichkeiten verhaftet sein. Es gibt Situationen, wo es gut ist, nochmal genau in sich hinein zu spüren, ob und wann es Sinn macht, einige dieser Gegenstände bewusst loszulassen. Nicht generell, nicht grundsätzlich, sondern nach ganz individueller und ganz persönlicher Entscheidung:

Negativ-Erlebnisse loslassen

Manchmal hilft es, Dinge, die eng mit einer negativ erlebten Phase verbunden sind, loszulassen. Dazu ein Beispiel:
Es war 1978: Nach dem Abschluss einer zweijährigen Zeit an einer kleinen konfessionellen Schule mit wenig Entfaltungsmöglichkeiten, habe ich anschließend die gesamten Schulhefte mit großem Vergnügen und jeder Menge körperlicher Anstrengung in feinste, kleinste Schnipsel zerrissen. Alles schön per Hand. Einen Schredder gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, er hätte es auch nicht gebracht. Per Hand zu zerreißen war für mich effektvoller und wohltuender. Endlich war diese Zeit zu Ende und dass musste ich mit jedem ritsch und ratsch genießen. Schule adé – war das herrlich!

Sind Gegenstände emotional negativ behaftet?

Insbesondere negative Lebensphasen, Erinnerungen, eine beendete Beziehung und vieles mehr, können ein Grund sein, einmal genauer hinschauen und hinfühlen:

  • Sind Ereignisse, Erlebnisse und Personen noch emotional mit ganz bestimmten Dingen um mich herum verbunden?
  • Wie ist meine ganz eigene, persönliche Beziehung zu diesen Dingen?
  • Kann ich Dinge und Ereignisse/Erlebnisse wieder voneinander trennen?
  • Ist es wirklich gut und wohltuend für mich, diese Gegenstände zu behalten?
  • Werde ich bei jedem Aufräumen, Staubwischen, Schrank öffnen, an die mit den Dingen verbundenen Ereignisse erinnert?
  • Von was sollte ich mich endlich innerlich und äußerlich befreien? 

Positive Lebensphasen wertschätzend beenden

So schön wie manche Erinnerungen, Lebensphasen sind oder waren: Irgendwann kann eine solche Phase einmal beendet sein und wenn wir nicht aufpassen, geraten diese eigentlich schönen Erinnerungen zu aktuell negativem Erleben. Auch hierzu ein kleines Beispiel:
Wie ab und an schon mal erwähnt, habe ich früher gerne Musik gemacht. Ich liebe auch heute noch Musik, aber vor einigen Jahren wurde mein Hobby ganz schleichend zu einem Ballast. Ich benötigte einige Zeit, bis ich mir dies eingestehen konnte. Meine Schwerhörigkeit ließ sich irgendwann nicht mehr verdrängen. Musizieren wurde anstrengender, weil ich insbesondere die hohen Töne nicht mehr richtig hören konnte. Klavier, Mikrofon, Mikroständer und all diese schönen Dinge nutzte ich irgendwann nicht mehr. Sie waren zum Schluss nur noch Mahner, weil sie doch mal teuer gewesen sind, Freude bereiteten mir nicht mehr. Ich hielt nicht nur an den Dingen, sondern auch an falschen Illusionen fest. Ich brauchte lange, bis ich mich davon getrennt habe, aber dann war es sehr wohltuend und befreiend. – Das Klavier nutzt jetzt übrigens ein musikalisch sehr interessiertes Kind, das vorher ein nahezu unbrauchbares Instrument hatte. Ist das nicht wunderbar?

Auch bei den eigentlich mit schönen Erinnerungen verbundenen Dingen macht es Sinn, sich zu fragen, ob und wann diese losgelassen werden sollten – spätestens dann, wenn sich zu den schönen Erinnerungen, aktuell ganz schleichend unangenehme Empfindungen hinzugesellen. Und keine Sorge: Schöne Erinnerungen bleiben auch dann noch schön, wenn wir Wohnung und Leben nicht mit einem persönlichen Erinnerungs-Kram-Antiquariat vollstopfen. Denn:

Schöne Erinnerungen bewahren wir im Herzen und nicht auf Dachboden, Fensterbank oder im Kleiderschrank.

Loslassen und Selbstverantwortung als Schritt ins Erwachsenenleben

Mitunter geht es auch um die Dinge, die die – inzwischen erwachsenen Kinder –  immer noch im elterlichen Keller oder sogar noch im ehemaligen Kinderzimmer aufbewahren. Dann wird es Zeit, dass sich die nun erwachsenen Kinder auf den Weg in diese Sphären der Vergangenheit begeben und sich entweder von diesen Erinnerungsstücken trennen oder sie endlich mit zu sich in die eigene Wohnung nehmen. Auch das ist Selbstverantwortung und ein Schritt ins Erwachsenenleben, der sehr befreiend sein kann.

Leben fließt und ist Veränderung

Selbst die Luft, die ich einatme, kann ich nicht festhalten. Warum sollte ich dann die Dinge festhalten, die mir nicht gut tun und die ich nicht mehr benötige? Jack Kornfield fasst den Umgang mit den Dingen, wie ich finde, in folgendem Zitat wunderbar zusammen:

„Like a sandcastle all is temporary.
Build it, tend it, enjoy it.
And when the times comes let it go.“
Jack Kornfield

 

 

 

Konsumfallen erkennen – Was zieht mir das Geld aus der Tasche?

Doch wieder unnötig einkauft?

Wer von uns kennt das nicht? Irgendwie doch wieder etwas gekauft, was eigentlich nicht hätte sein müssen. Doch wieder in die Konsumfalle getappt. Auch wer seinen Alltag achtsam gestaltet und einen minimalistischen Lebensstil hat, kann in diese Falle geraten.

Neulich hat nicht viel gefehlt, da wäre ich mitten hinein getappt in die Konsumfalle und hätte ich mir fast ein neues (gebrauchtes) Laptop gekauft. Wären nicht meine Umzugsvorbereitungen gewesen und damit wenig Zeit und auch nicht unbedingt das Geld, mich jetzt auch noch um ein anderes Laptop zu kümmern, hätte ich mir wohl tatsächlich ein neues Gerät gekauft. Aus jetziger Sicht wäre es schade gewesen, denn inzwischen läuft mein alter Laptop dank neuem Netzkabel und ersetzter fehlender Taste wieder gut. Meine Konsumfalle war meine Ungeduld mit dem zwischenzeitlich „zickenden“ alten Gerät, mein Ärger darüber, dass der Laptop nicht mehr perfekt lief und ich überhaupt Geld investieren musste. Letztlich war es aber auch meine digitale und technische Neugier, wie ich mit einem anderen Gerät und anderen Betriebssystem so klar komme. Eine Konsumfalle wäre der Neukauf eines Gerätes deshalb gewesen, weil ich nicht wirklichen Druck hatte, ein sehr gutes und perfekt laufendes Gerät zu besitzen. Meine komplette Datensicherung passt locker auf einen USB-Stick. Ich nutze den Laptop überwiegend nur zum Schreiben, ab und an Tabellen, manchmal einige Fotos, selten Musik, dann kommen noch Internet und Emails hinzu. So viel ist das nicht, kein Multimedia, keine aufwändigen Dateien oder Prozesse, schon gar nicht programmiere ich irgendwas. Eine komfortable digitale Schreibmaschine mit Internetanschluss und gelegentlich in kleinerem Umfang Fotos oder Musik – das reicht eigentlich.

Natürlich hat jede/r andere Bereiche, in denen er oder sie schwach wird. Einige können kaum an einem Schuhgeschäft vorbei gehen, andere liebäugeln mit dem neuesten Smartphone, denken über das neue Sportgerät nach und vieles mehr. Auch die ganz persönlichen Gründe, weshalb die Konsumfalle zuschnappt, sind sehr unterschiedlich. Es gibt die berühmten Stress- und Frustkäufe, den Belohnungskauf, Gewohnheiten, soziale Zugehörigkeiten, usw. usw. – Die EC-Karte ist schnell gezückt, das Geld mindestens ebenso schnell vom Konto gebucht und irgendwann taucht es auf, dieses flaue Gefühl, dass dieser oder jener Kauf doch eigentlich nicht hätte sein müssen, das neue Teil doch nicht die erwarteten Verbesserungen bietet oder der Kontostand ins Wanken geraten ist. Aber sich nur darüber ärgern bringt nicht viel.

Konsumfallen konstruktiv nutzen

Wenn schon in die Konsumfalle gelaufen, dann lässt sich dieser Umstand auch konstruktiv nutzen. Wir können genau hinschauen, was da eigentlich genau passiert ist, in welcher Situation wir uns befunden haben, wie wir uns gefühlt haben und was vielleicht vorher gewesen ist. Nachfolgend einige Fragen, die helfen können, einen persönlich konstruktiven Umgang mit den großen und kleinen Konsumfallen zu finden:

 

  1. Gibt es vergleichbare Dinge, die mich immer wieder besonders ansprechen?
  2. Gibt es vergleichbare Situationen, in denen ich immer wieder „schwach“ werde?
  3. Welche Sinne waren vor dem Kauf besonders aktiv? (z.B. besondere Gerüche, Sehen von schönen Dingen)
  4. Was ist vor dem Kauf passiert?
  5. Welche Hoffnungen, Träume, Wünsche verbinde ich mit dem Produkt?
  6. Möchte ich mit dem Produkt „dazu gehören“? Wenn ja zum wem? Suche ich Anerkennung, Bewunderung, Aufmerksamkeit?
  7. In welcher Stimmung habe ich mich vor und beim Kauf befunden? Wollte ich mich mit dem Kauf trösten, Frust abbauen, belohnen, unangenehme Gefühle verdrängen, Langweile übertünchen?
  8. Erkenne ich Konsum-Ersatzhandlungen bei mir? (z.B. Ausgleich für stressigen Tag, Ärger mit Familie,…)
  9. Was könnte mir statt dessen wirklich helfen? 
  10. Was hätte ich wirklich gebraucht? Dieses Ding oder vielleicht etwas ganz anderes?

Diese Tipps sind auch als PDF-Datei zum Download erhältlich: Konsumfallen konstruktiv nutzen – Download

 


 

Weniger Stress durch Alltagsachtsamkeit

Gerade in den letzten Tagen und Wochen ist mir immer wieder deutlich geworden, wie wohltuend es ist, kleine Achtsamkeit-Inseln in den normalen Tageslauf einzubauen. An manchen Tagen fühle ich mich einfach mehr belastet, als an anderen. Das können die vielen anstehenden Termine sein, die allseits verstopften Autobahnen, die sich auftürmende Arbeit, wichtige Besprechungen oder das Organsieren meines bevorstehenden Umzuges. Es gibt auch Zeiten, wo ich merke, dass ich – warum auch immer – einfach „schlecht drauf bin“, ich fühle mich gestresst oder es läuft einfach nicht richtig rund. Gerade in diesen Zeiten entdecke ich, wie gut es ist, mit Hilfe von Alltagsachtsamkeit aus dem negativen Strudel wieder herauszufinden. Doris Iding hat in ihrem Buch „Der kleine Achtsamkeitscoach“ einige Übungen zur Alltagsachtsamkeit beschrieben. Zwei dieser Übungen stelle ich nachfolgend vor, die ich als besonders hilfreich erlebe. Sie helfen mir, aus dem Strudel von Stress, Unzufriedenheit und automatischen Reaktionen heraus zu finden und wieder ruhiger, konzentrierter und präsenter zu werden:

Einen Umweg machen
„Machen Sie einen Umweg. Gehen Sie an Tagen, an denen Sie das Gefühl haben, es vor Stress kaum auszuhalten, nicht mit Sieben-Meilen-Schritten ins Büro, sondern machen Sie ganz bewusst vom Parkplatz oder von der U-Bahn aus einen Extragang – Schritt für Schritt, am besten in Zeitlupe – um den Block. Auch wenn Ihr Verstand erst einmal kurz am Rädchen drehen wird, werden Sie nach nur wenigen Metern innerlich zur Ruhe kommen – und die Dinge im Büro mit etwas mehr gesundem Abstand angehen.“
[Quelle: Doris Iding: Der kleine Achtsamkeitscoach, Gräfe und Unzer-Verlag, E—Book, Kapitel „Auf dem Weg der Achtsamkeit bleiben“.] 

 

Zur eigenen Mitte finden
Stellen Sie das Radio ab. Sitzen Sie so aufrecht wie möglich und mit geradem Rücken. Die Zunge liegt entspannt am Gaumen. Die Hände ruhen locker auf den Oberschenkeln. Blicken Sie entspannt geradeaus, ohne etwas Bestimmtes zu fixieren.Nun lenken Sie die Aufmerksamkeit auf den Atem. Beobachten Sie, wie er ganz von selbst kommt und geht. Begleiten Sie den Atem mit einer sanften Bewegung der Hände: Beim Einatmen zeigen die Handflächen nach oben. Stellen Sie sich vor, dass sie dadurch Energie aufnehmen, die Sie unterstützt, zu Ihrer eigenen Mitte zu kommen. Beim Ausatmen zeigen die Handflächen nach unten. Nun stellen Sie sich vor, dass Sie Stress und Nervosität abgeben. Bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit ganz beim Atem. Wenn die Gedanken immer wieder zum bevorstehenden Termin abschweifen, dann sagen Sie am besten beim Einatmen »ein« und beim Ausatmen leise »aus«.“
[Quelle: Doris Iding: Der kleine Achtsamkeitscoach, Gräfe und Unzer-Verlag, E—Book, Kapitel: Achtsamkeit im Alltag]