Vorweihnachtszeit, Schwerhörigkeit und minimalistische Stille

Es ist jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit in etwa gleich: Je näher es auf Weihnachten zu geht, desto voller, hektischer, unruhiger, gereizter und gestresster scheint es zu werden. Die City meide ich um diese Jahreszeit nach Möglichkeit. Ich möchte mich nicht durch die Menschenmassen des riesengroßen Weihnachtsmarktes schieben, kein Weihnachtsklingeling-Musik hören, mich nicht mit Glühwein besäuseln. Als Minimalistin erspare ich mir den vorweihnachtlichen Konsumrausch und ich muss hier auch nicht irgendwelche größten Weihnachtsbäume bestaunen. Es ist mir einfach viel zu laut und viel zu voll.

Wenn dann auch noch auf Dienstbesprechungen plötzlich alle durcheinander sprechen, während dies im Rest des Jahres durchaus auch anders möglich ist, komme ich an Grenzen. Die Normalhörer diskutieren angeregt und vergessen einfach immer wieder, dass da eine Schwerhörige sitzt, die sich gerade kurz vor dem akustischen Supergau befindet. Wörter, Geräusche, Geklapper und Geplapper fliegt durch den Raum. Mein Gehör trifft es wie spitze, messerscharfe Pfeile.

Hörgeräte sind heute wirklich kleine und wunderbare Hightech-Computer, aber sie ersetzen kein normales Hören und die Hörverarbeitung ist anders. Für mich sind solche Lärmkulissen irgendwann nur noch Krach. Es ist laut, aber ich verstehe nicht mehr viel und bei all dem Nicht- und Halb-Verstehen ist es dann auch noch unglaublich anstrengend.

Normalerweise macht es Sinn, Hörgeräte wirklich regelmäßig und mindestens ca. 8 Stunden am Tag zu tragen, damit das Hörzentrum im Gehirn überhaupt die Chance hat, die noch hörbaren Geräusche angemessen zu verarbeiten. Ansonsten kann man es mit den Hörgeräten eigentlich auch lassen. Aber einen großen Vorteil habe ich:

Ich kann die Hörgeräte in besonders belastenden Situationen einfach auch mal runter regeln. Inzwischen stelle ich sie bei akustischer Reizüberflutung schlichtweg komplett aus. Das ist prima beim Bahnfahren und selbst im Supermarkt wunderbar. Ich brauche da keine säuselnde Musik und wenn das Einkaufswagengeklapper plötzlich gedämpfter klingt, ist das so wohltuend. An der Kasse stelle ich die Hörgeräte kurz an, danach sofort wieder aus. Muss ich im Büro nur etwas schreiben, ist es nicht erforderlich, dass ich die mich umgebende Geräuschkulisse komplett mitbekomme. Das lenkt ohnehin nur ab. Besonders in den oft so lauten und hektischen Vorweihnachtstagen ist das wirklich nervenschonend.

Komme ich an manchen vorweihnachtlichen Tagen nach Hause, dann genieße ich meine reizreduzierten und minimalistischen Wohnräume besonders. Es ist diese wunderbare minimalistische Stille, die ich dann besonders zu schätzen weiß. Eine weiße Wand ist da manchmal wie mein ganz persönliches Paradies. Am besten steht einfach mal nichts herum. Ich muss keine Musik hören, mir keine Filme anschauen. Tannenzweige, Kerzenduft, Sternchenglitzer mögen andere Menschen erfreuen. Bei mir bleiben sie draußen. Denn mich interessiert ein ganz anderer Genuss: Ich kann dann endlich in den wunderbaren Klang der Stille hinein lauschen und diese Stille ganz besonders achtsam in mich hinein atmen. Das ist er dann: mein persönlicher, achtsam-minimalistischer Vorweihnachtsgenuss.

Eine Frau, die als Stille-Symbol den Zeigefinger vor den Mund hält
Photo by Kristina Flour on Unsplash

Black Friday und umfallende Reissäcke

Derzeit fallen wieder reihenweise Reissäcke um. Ihr kennt ihn doch bestimmt auch – diesen berühmten Sack Reis, der in China umgefallen ist und den hier bekanntlich Niemanden interessiert.  Eigentlich…  Denn der derzeit umfallende Sack Reis hat die Aufschrift „Black Friday“ oder „Cybermonday“ – und er fällt nicht nur in China um. Da wird dieser Sack Reis plötzlich total spannend.

Selbst vor meinem ganz gewöhnlichen analogen Briefkasten macht diese Sorte seltsamer, umfallender Reissäcke nicht Halt. Bei mir war es der Brief, der mir diverse Hilfsmittel bei Schwerhörigkeit anbot: Besser Fernsehen verstehen – ich habe aber kein Fernseher. Einen Lichtwecker – habe ich schon, Hörgerätebatterien – brauche ich zur Zeit nicht.

Das Internet ist voll von vergleichbaren, umfallenden „Black-Friday-Reissäcken“. Alles soooo super günstig, sooo total runter gesetzt. Mode, digitaler Schnickschnack hier und dort, zwischendrin auch noch das Weihnachtsgebimmel und ich frage mich, ob die Menschheit jetzt irgendwie komplett vom wilden Affen gebissen ist? Was soll das? Da scheint der biblische Tanz ums goldene Kalb ja fast noch eine Veranstaltung für Anfänger gewesen zu sein. EIN goldenes Kalb und da sind ALLE drum herum getanzt – Haha…!! Wir haben heute tausende goldene Kälber, zwischen denen wir atemlos hin und her hetzen. Der Black Friday wirft sie uns in unendlichen Formen und Angeboten hinterher.

Goldener Glitzer mit umgekipptem Glas
Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash

 

Black Friday – ich empfinde es so, als müsse der überquellende Konsumirrsinn zum günstigen Preis „rausgekotzt“ werden (sorry für dieses unschöne Wort) – um Platz zu schaffen für neuen Kram. All dieses Zeug, mit dem wir als wild gewordene Konsumenten die Wohnungen vollrümpeln, die Müllberge höher werden lassen und uns selbst und unseren Planeten bis weit über die Erträglichkeitsgrenze hinaus belasten.

Alles nur für diesen kleinen Dopaminkick beim Kauf, vielleicht auch für die Zementierung des eigenen Sozialstatus, zur Ablenkung, zur Übertünchung eigener Unzufriedenheit oder für sonstwas.

Zum Glück gelingt es mir manchmal, mich auch ein wenig über diesen Konsum-Irrsinn schlapp zu lachen – das macht es irgendwie erträglicher. Meistens fällt mir dann auch wieder ein, dass es ja nur diese berühmten, umgefallenen und komplett unwichtigen Säcke sind. Statt Reis sind sie voll mit Klimbim und Konsum und den muss ich mir ja nicht in die Wohnung stellen. Zum Glück.

übereinander gestapelte Säcke
Photo by Julian Andres Carmona Serrato on Unsplash

 

Update 24.11:

Der Kaufnix-Tag

Tom hat dankenswerter Weise unten in den Kommentaren nochmal an den Kaufnix-Tag erinnert. Einfach und ganz bewusst, heute mal nichts kaufen und schauen, was der Tag sonst so zu bieten hat – außer kaufen. Eine schöne Aktion

Schwerhörigkeit – mit allen Farben hören

„Du hast doch ein Hörgerät, da kannst du das doch alles hören…“ , „Sie hören mit ihrer Schwerhörigkeit doch noch recht viel…“ – Es passiert nicht oft, aber gelegentlich erhalte ich schonmal Rückmeldungen in dieser oder ähnlicher Art. Ganz falsch ist es nicht. Aber so einfach leider auch nicht. Susanne vom Blog rehagroenenbach.wordpress.com brachte es in dem folgenden Zitat wirklich treffend auf den Punkt:

„Für jemanden mit einem 1A Hörvermögen ist sehr schwer nachzuvollziehen, dass das Hören für schwerhörige Menschen ein bewusster Prozess ist, dem alle oder zumindest ein Großteil der Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.“

Für Menschen mit einer Schwerhörigkeit ist das Hören ein bewusster Prozess, der viel mehr Konzentration und Aufmerksamkeit benötigt, als dies bei Menschen mit normalem Hörvermögen der Fall ist. Neulich fiel mir ein vergleichendes Bild ein, dass diesen Hörprozess für Normalhörende vielleicht etwas deutlich macht:

Mit allen Regenbogenfarben hören

Es ist wie bei einem Regenbogen, der in allen Farben leuchtet. Normalhörende „sehen“ dies ohne Probleme und ganz nebenbei. Schwerhörige dagegen „sehen“ manche Farben deutlicher, andere undeutlicher, manche gar nicht.

Hörgeräte versuchen, dieses unterschiedliche „Sehen“ auszugleichen, indem Sie die blassen Farben verstärken. Die heutige Technik leistet da wirklich phantastisches, aber sie ersetzt natürlich nicht ein gesundes Ohr. Es ist immer eine Art Krücke. Fehlt eine Farbe ganz, kann das Hörgerät dies nicht ausgleichen. Diese Farbe ist dann nicht mehr da. Sind die Umgebungsgeräusche groß, ist man müde oder mal kurz abgelenkt, vermischen sich die noch sichtbaren Farben dann zu einer Art grau-braunen Einheitsmatsche. In all dem chaotisch wirkenden Stimmengewirr und Nebengeräuschen muss dann versucht werden, doch noch irgendwas herauszufiltern. Ist man dann müde oder kurz abgelenkt, gelingt das Verstehen dann kaum noch.

Meine Schwerhörigkeit liegt im unteren Bereich einer mittelgradigen Schwerhörigkeit. Je höher die Tonfrequenz, desto schwieriger wird das Hören für mich. Es stimmt: Viele Schwerhörige haben noch sehr viel mehr Probleme als ich. Ist es ruhig und ein kleiner Raum, so verstehe ich ganz ohne Hörgeräte zwar nicht alles, aber doch eine ganze Menge.

Wenn Technik nur unzureichend funktioniert

Was mich aber ärgert und  sehr belastet ist, dass seit inzwischen über 5 Jahren die Zusatztechnik meiner Hörgeräte nicht wirklich gut funktioniert. Ich habe ein 2. Programm im Hörgerät, mit dem ich beispielsweise auf der Arbeit mit einer FM-Anlage hören kann. Wer in einer Besprechung etwas sagt, spricht dies in ein Mikrofon. Von dort wird das Gesagte direkt an mein Hörgerät weitergeleitet. Allen Bemühungen des Akustikers zum Trotz, ist dieses Verstehen aber immer noch sehr eingeschränkt und unkomfortabel. Ein Telefonat des Akustikers mit dem Hörgerätehersteller Phonak brachte auch nur ansatzweise Verbesserungen. Manchmal war das Verstehen über die FM-Anlage viel zu leise, jetzt ist es zwar etwas lauter, aber nicht laut genug und gleichzeitig übersteuert, sobald ich den Lauter-Knopf an der FM-Anlage höher drehe. Mit anderen FM-Anlagen ist es auch nicht besser, eher schlechter. Mit meinem Audiostreamer ist es ähnlich: Ich muss ihn lauter stellen, dann ist es übersteuert und ich habe Nebengeräusche.  Während Normalhörende Nebengeräusche recht gut ausblenden können, ist dies mit Schwerhörigkeit mitunter sehr belastend und gelingt weniger gut.

Hörgeräte und ein kleiner Audiostreamer auf einem Tisch liegend

Im nächsten Jahr habe ich wieder Anspruch auf die Verordnung eines neuen Hörgerätes. Dann hoffe ich, ist die Technik nochmal etwas weiter, als sie 2013 war, als ich mein jetziges Hörgerät erhielt. Ich werde dann im Bedarfsfall endlos testen, mindestens aber so lange, bis ich eine Lösung habe, mit der das oben beschriebene Problem dann hoffentlich Vergangenheit ist.

 

Mein digitaler Minimalismus

Digitale Welten – Faszination und Nachdenklichkeit

Digitaler Minimalismus in einer Zeit, in der ständig neue Smartphones, Computer und sonstige digitale Geräte auf den Markt kommen und Ablenkungen rund um die Uhr zur Verfügung stehen, scheint mir zunehmend wichtig. Auch wenn mich die vielen elektronischen Geräte durchaus sehr faszinieren. Was man damit so alles machen kann: Mal eben im Internet stöbern, einen Film schauen, mich informieren, Texte schreiben ohne ständiges Tipp-Ex oder Korrekturband. Auch online einkaufen oder Emails verschicken ist so einfach und unkompliziert. Was war das früher ein umständliches Gemurkse. Wenn man noch mit Festnetztelefon, fest installiert im Flur, Schwarzweiß-Fernseher mit drei Programmen, Röhrenradio und mechanischer Schreibmaschine aufgewachsen ist, ist das digitale Leben einfach wunderbar.

Trotzdem hat mich in den zurückliegenden Monaten die bessere Nutzung und der Abbau dieser ganzen digitalen Geräte beschäftigt. Erstmals nachdenklicher wurde ich, als ich beruflich häufiger mit suchtartigem Medienkonsum zutun hatte. Das Ausmaß ist manchmal erschreckend. Gleichzeitig fiel mir auch bei mir selbst auf, wie häufig ich mal eben das Handy zückte und die Zeit am Computer wie im Flug vorüber war und ich kaum etwas anderes gemacht hatte. Daher habe ich geschaut, wo und was ich minimalisieren kann. Inzwischen habe ich zwei digitale Geräte, die ich nutze:

Mein erstes digitales Gerät – das Smartphone

Mich störte es zunehmend, dass ich ständig mit der Suche nach irgendeinem besseren digitalen Gerät war. Aufgrund meiner Schwerhörigkeit wars9y die Frage, welches Handy bzw. Smartphone sinnvoll ist, eine Art besonderer Dauerbrenner und entscheidender Grund für die viel zu vielen ausprobierten Smartphones. Einfach nur ohne Stress telefonieren, mehr wollte und will ich eigentlich nicht.  Letztlich habe ich nur eins mit all den Versuchen herausgefunden: Entscheidend ist eine bessere Sprachübertragung, dank sog. EVS-Codec. HD Voice, HD Voice-plus oder VoLTE sind hier einige Schlagwörter. Statt nur 3400 Hertz können inzwischen bis zu 20000 Hertz übertragen werden. Die Anbieter im D1 und D2-Netz haben hier nur sehr teuere Geräte und Tarife, lediglich einige wenige sog. Open-Market-Smartphones können seit einiger Zeit zumindestens im O2/E-PLus-Netz eine bessere Sprachübertragung in bezahlbarer Form anbieten. Ein solches Gerät habe ich jetzt. Nun teste ich mit einer zweiten Simkarte, ob das O2/E-Plus-Netz seit Neuestem wirklich eine bessere Sprachübertragung ermöglicht und ich nun tatsächlich irgendetwas besser verstehe. Dies müsste zumindestens dann der Fall sein, wenn die Gesprächspartner ebf. ein solches Gerät und eine bessere Sprachübertragung haben. Dass im Jahr 2018 noch immer nicht alle Smartphones und Netze für diese bessere Sprachübertragung freigeschaltet sind, ist ein Armutszeugnis.

Mein zweites digitales Gerät – der Laptop

Ansonsten verwende ich noch einen gebrauchten und überarbeiteten Laptop von 2012.  Ich habe mich vom Tablet getrennt, die üblichen Geräte wie Fernseher, Stereoanlage etc. besitze ich sowieso nicht. Playstation und solche Dinge sind nicht meine Welt. Das mag daran liegen, dass ich in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen bin, wo es solche Spielzeuge noch nicht gab.

Soziale Netzwerke

Aus den Sozialen Netzwerken habe ich mich vor einigen Monaten verabschiedet. Das hat mir jede Menge freie Zeit verschafft. U.a. profitiert mein Blog hier deutlich davon 😉 . Derzeit habe ich noch kein Netzwerk entdeckt, was mich ernsthaft motivieren würde, wieder einzusteigen, auch wenn ich die Möglichkeit des Austausches grundsätzlich immer sehr schön gefunden habe.

Digitale Daten minimalisieren

Digitaler Minimalismus heißt für mich auch, dass ich regelmäßig die angesammelten digitalen Daten durchforste. Da ich sehr gerne schreibe, aber nur wenig fotografiere und in der Regel auch keine Filme drehe, hält sich mein digitaler Datenbestand in Grenzen. Meine aktuell 1,62 GB Daten lassen sich einfach und komplikationslos sichern, sind aber für meine Verhältnisse fast schon ein wenig viel. Da werde ich wohl nochmal entrümpeln…

Das mobile Internet reduzieren

Eine einfache Möglichkeit digital zu minimalisieren finde ich auch, das mobile Internet unterwegs nur dann zu nutzen, wenn ich es wirklich benötige. Ansonsten ist es aus. Ich muss nicht ständig und immer für alle Menschen verfügbar sein, ich brauche keine ständig bimmelnden Nachrichten und muss auch nicht 5 x in der Stunde meine Emails abrufen. Die üblichen Einkäufe im Umfeld, lassen sich durchaus auch mal ohne Handy erledigen. Auch der sog. Flugzeugmodus ist eine prima Möglichkeit, wenn man ungestört und unabgelenkt das Smartphone für anderes nutzen will, als für Telefon und Internet.

Langfristige Verträge und hohe Kosten minimalisieren

Meine beiden Digitalgeräte haben mich zusammen rd. 330€ in der Anschaffung gekostet. Da kommen nun noch die laufenden Kosten dazu. Wieviel Internet brauche ich überhaupt und was bin ich bereit dafür finanziell zu investieren? Auch das ist für mich digitaler Minimalismus. Mein Vertrag läuft nächstes Jahr im Juni aus. Weder will ich Unsummen investieren, noch möchte ich erneut einen langfristigen 2-Jahres-Vertrag. Viel mehr als die aktuellen rund 20€ möchte ich für das Internet Zuhause nicht bezahlen. Für das Smartphone keinesfalls mehr und eher weniger, als 10€ Prepaidkosten im Monat. Kürzlich entdeckte ich, wo ich bei Windows 10 ganz einfach den Datenverbrauch der letzten 30 Tage abrufen kann.  (zu finden unter: Einstellungen – Netzwerk und Internet – Datennutzung). Dort ist eine bequeme Möglichkeit, um überhaupt einmal einen Eindruck meiner aktuellen Datennutzung zu bekommen. Welche Entscheidung ich treffen werde, weiß ich noch nicht, es ist aber auch noch ausreichend Zeit.

Screenshot Windows 10 mit Angabe: 15,49 GB in 30 Tagen

Digitaler Minimalismus = die Vorteile nutzen, aber sich nicht vereinnahmen lassen

Digitaler Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als das ich die digitalen Welten nutze, deren Vorteile zu schätzen weiß, aber ich mich davon auch nicht vereinnahmen lassen möchte. Ich muss nicht jeden Sack Reis kennen, der in China umfällt und anschließend – hübsch digital aufbereitet – online zu bewundern ist. Ich muss im Internet nicht auf 1000 Hochzeiten tanzen und auch digitales Gerümpel ist einfach nur Gerümpel. Insbesondere brauche ich nicht alle erdenklichen digitalen Unterhaltungsgeräte, schon gar nicht in neuester Form.

Handy für Schwerhörige – 12 Forderungen

Handy für Schwerhörige – die Situation

Im Alltag ist es noch immer so, dass Handys bzw. Smartphones für Schwerhörige und Handys für Senioren in einem Atemzug genannt werden. Dabei sind nicht alle Senioren schwerhörig und nicht alle Schwerhörigen im Seniorenalter. Es gibt auch schwerhörige Kinder, Jugendliche und Erwachsene in allen Altersstufen.  Auch sind Schwerhörige durchaus in der Lage, ein ganz normales Handy zu bedienen – sei es ein Smartphone oder Einfachhandy. Was Schwerhörige nicht so gut können: Beim Telefonieren ausreichend verstehen.

Ich habe als mittelgradig Schwerhörige auch so meine Probleme, insbesondere beim Telefonieren. Meine Geschichte mit dem Telefonieren scheint endlos, da kann der Akustiker die Hörgeräte einstellen, wie er will. Ich habe schon alles mögliche ausprobiert, auch schon diverse Schwerhörigen-Handys, wie das Smartphone Dorophone 8031. Immer wenn ich dachte, eine Lösung gefunden zu haben, tauchten irgendwelche Probleme auf – nahezu immer mit irgendwas. Nachfolgend meine Auflistung, was ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen an Verbesserungen, Neuentwicklungen und Standards für Schwerhörigen-Handys und -Smartphones sinnvoll finde:

12 Forderungen/Wünsche an ein Handy / Smartphone für Schwerhörige:

1: Besserer Sprachklang durch größeren Umfang an Tonfrequenzen

Eine gewisse Lautstärke ist gut und notwendig, reicht aber nicht. Ich hatte schon sehr laute Handys und habe trotzdem nichts verstanden. Insbesondere für Menschen mit einer Innenohr-Schwerhörigkeit ist zusätzlich wichtig, dass eine bessere Klangqualität und ein sehr breites Spektrum an Tonfrequenzen mit mind. 7 kHz, besser bis zu 20 kHz verfügbar ist. Derzeit finde ich dies unter den Begriffen „HD-Voice“ bzw. „HD-Voice plus“ und „Crystal Clear“ (EVS-Codec – Enhanced Voice Services). Während HD-Voice schon öfter möglich ist, ist der EVS-Codec („Crystal Clear“ bei Vodafone und „HD Voice Plus“ bei Telekom) derzeit noch recht teuer und nicht häufig anzutreffen. HD-Voice kenne ich inzwischen aus eigener Erfahrung. Dies scheint der eigentliche Schlüssel für das Telefonieren bei Schwerhörigkeit zu sein. Selbst mit einem qualitativ mässigen Einsteiger-Smartphone kann ich damit telefonieren – allerdings nicht in jedem Netz. Mit D2 klappt es gut, bei Alditalk (E-Plus/O2) verstehe ich kaum etwas. Mit HD-Voice in alle Netze telefonieren zu können, sehe ich als Mindeststandard für ein Smartphone für Schwerhörige.

Aktualisierung vom 10.7.18:
Das E-Plus/O2-Netz scheint sich bei der Sprachverständlichkeit inzwischen verbessert zu haben. Trotzdem verstehe ich im D2 Netz deutlich besser. Interessant ist es auch, auf das Stichwort VoLTE zu achten, auch dort ist die Sprachqualität deutlich besser. Häufig sind aber noch nicht alle Handys dafür freigeschaltet, oft nur recht teure Geräte mit teuren Verträgen. Hier jedoch eine Übersicht mit preisgünstigeren Handys, sog. Open-market-Smartphones, die nicht zwingend beim Anbieter gekauft werden müssen, um in den Genuß besserer Sprachqualität zu kommen: http://www.areamobile.de/news/42457-volte-lte-telefonie-auch-mit-open-market-smartphones-moeglich .

2. Hörgerätekompatiblität

Handys für Schwerhörige sollten durchgängig hörgerätekompatibel sein (T4/M4). Ideal wäre, wenn sich das Handy an die besondere Höreinschränkung des Nutzers anpassen ließe. Mehr und noch bessere Zusammenarbeit zwischen Hörgeräte- und Handyherstellern wäre hier sinnvoll.

3. Induktives Telefonieren

Beim Umschalten auf die T-Spule des Hörgerätes sollte induktives Telefonieren möglich sein. Dadurch wird der Ton direkt auf die Hörgeräte übertragen und so ein viel besseres Sprachverständnis ermöglicht.

4. Audioanschluss und Bluetooth

Für Schwerhörige ist es eine große Erleichterung, wenn Sie einen Audioanschluss für ein spezielles Headset für Hörgeräteträger nutzen können.

5. Telefonieren über Bluetooth

Bei Telefonieren über Bluetooth kam es bei mir immer wieder zu kurzen Zeitverzögerungen. Verbesserungen wären hier dringend erforderlich, da oft wichtige Anfangsinhalte eines Gespräches, z.B. der Name des Gegenübers, verloren gehen. Ein einfaches an- und ausschalten der Bluetooth-Funktion ist ebenfalls sinnvoll. Diese sollte nicht in den tiefsten Menüeinstellungen versteckt sein. Bluetooth verbraucht sonst zuviel Akkuleistung.

6. Freisprech-Modus

Auch ein Freispruch-Modus ist sinnvoll, um auch auf diese Weise ein besseres Sprachverständnis zu ermöglichen.

7. Textfunktionen

Komfortable Textfunktionen, wie ein insb. Tippen beim Schreiben von SMS- oder Chatnachrichten sollte selbstverständlich sein.

8. Bessere Unterstützung für Notfälle

Teilweise ist es schon früher möglich gewesen, eine SMS als Fax zu versenden. Dies sollte gerade für hochgradig Schwerhörige und Gehörlose ausgebaut werden – insbesondere für Notfälle. Viele Notfalldienste haben für Schwerhörige und Gehörlose eine Faxnummer für Notfälle, aber wer unterwegs ist, hat nunmal üblicherweise sein Faxgerät nicht dabei. Ein App oder eine erweiterte SMS-Funktion, bei der persönliche Daten, sowie Notfall-Faxnummer eingespeichert werden können, wären ideal – ebenso die Möglichkeit einer Standort-Mitteilung für Notfall-Situationen und Textbausteine, sowie die Möglichkeit, dass Feuerwehr oder Polizei den Schwerhörigen/Gehörlosen auch über diese Fax-Funktion antworten können.

9. Stabiler und langlebiger Akku – einfache Austauschbarkeit des Akkus

Gerade als Schwerhörige sind wir auf ein problemlos funktionierendes Handy/Smartphone angewiesen. Daher sollte die Akkuleistung auch einen Tag mit evtl. häufiger Nutzung des Handys gut überstehen und im Bedarfsfall einfach austauschbar sein.

10. Vermeidung von Sollbruch-Stellen

Im Notfall können wir als Schwerhörige nicht selbst mal eben auf ein Handy eines Freundes, Bekannten oder Fremden zurück greifen, weil wir nichts damit verstehen würden. Ist ein stabiles und gut funktionierendes Handy immer sinnvoll und schon aus Gründen der Nachhaltigkeit zu empfehlen, ist dies für Schwerhörige besonders wichtig. Wir brauchen einfach ein Gerät, welches verlässlich funktioniert.

11. Reparierbarkeit, Aufrüstmöglichkeit

Wir sind technisch längst so weit, dass Handys/Smartphones auch so hergestellt werden, dass sie im Bedarfsfall aufgerüstet werden können und insbesondere auch reparierbar sind. Hier könnten durchaus auch besondere Serviceangebote entwickelt werden.

12. Noch ein Wunsch…

Wenn ich schon dabei bin, dass scheinbar Unmögliche zu fordern und zu wünschen: Geht es irgendwie doch ein wenig fairer als bisher? Mit besserem Lohn und weniger Ausbeutung in den Betrieben insb. für die Billiglöhner in den Fabriken? Dann würde mir ganz nebenbei auch nicht mehr übel, wenn ich an solche untragbaren und unfairen Arbeitsbedingungen denke. Ich brauche auch nicht ständig ein neues Handy, sondern möchte ein Gerät, welches für mich funktioniert und es wäre eine tolle Sache, wenn es so etwas wie ein Fair-Label für elektronische Geräte gäbe.

Zum Weiterlesen: Informationen zu Schwerhörigkeit – Linktipp: 

Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?  https://rehagroenenbach.wordpress.com/schwerhorigkeit-verstehen/

Kommunikation mit Schwerhörigen:  https://rehagroenenbach.wordpress.com/kommsu/ 

 

 

Telefonieren mit Schwerhörigkeit

Wie hören Schwerhörige?

Leider ist es in den seltensten Fällen so, dass man beispielsweise so hört, wie bei einem leise gedrehten Radio. Dort sind alle Töne gleichmäßig leiser. Schwerhörige haben in der Regel ganz unterschiedliche Probleme. Mal fehlen die hohen, mal die mittleren, mal die hohen Töne. Stellen Sie mal an der Stereoanlage den Equalizer anders ein und nehmen Sie mal z.B. die hohen Töne heraus. Dann wird ein wenig eher deutlich, wie Schwerhörige hören:

Hörbeispiele:

„Du nuschelst so…“ Der schleichende Prozess der Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit ist ein oft schleichender Prozess. Typisch für sog. Innenohrschwerhörigkeit ist, dass man das schlechter werdende Gehör kaum bemerkt, aber irgendwann das Gefühl hat, dass viele Leute nuscheln. Mir fiel es auf, dass das Hören auf einem schnurloses Festnetztelefon für meine Kollegin völlig problemlos war, für mich aber das komplette Desaster. Ich habe es mir dann erstmal so erklärt, dass dieses Telefon meiner Kollegin nichts taugt… Typisch ist auch, dass das Hören in einer geräuschvollen Umgebung, wie z.B. einem Restaurant, deutlich schwieriger und insbesondere auch anstrengender wird.

Telefonieren – mein persönliches Desaster

Telefonieren gehört für mich zu dem Bereich, der wirklich schwierig für mich ist. Ein Drama in nicht enden wollenden Akten. Handys bzw. Smartphones habe ich in den letzten Jahren in allen mögliche Varianten probiert. Und: je lauter desto besser – nein, funktioniert nicht. Dienstlich hatte ich mal ein altes Nokia-Handy: sehr laut, verstanden habe ich trotzdem nichts.

Meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Handys bzw. Smartphones

  • Samsung-Handys: Ich habe früher nahezu nichts verstanden. Bei den neueren Geräten scheint es nun besser zu sein.
  • Windowsphones: Telefonieren ging deutlich besser, aber die Akkus waren eine Katastrophe.
  • iPhones (der älteren Generation): Die Sprache war verständlicher, als bei vielen anderen Handys, aber für mich doch insgesamt noch zu leise.
  • Senioren- bzw. Schwerhörigenhandys: Manche waren einfach nur laut, manche rauschten fürchterlich. Die Klangqualität der Handys und Smartphones der Firma Doro waren deutlich besser. Meine anfängliche Begeisterung legte sich aber irgendwann wieder. Denn bei Hintergrundgeräuschen telefonieren (z.B. unterwegs), konnte ich damit auch nicht. Außerdem hatte ich gleich bei 2 Geräten nach einigen Monaten Probleme mit Lautsprecher und Mikrofon – das mag Zufall sein, störte mich aber natürlich trotzdem.

Lösungswege:

Testen, ausprobieren: Es ist sinnvoll, einfach mal andere Handybesitzer zu fragen, ob man einmal testweise mit dem Gerät telefonieren kann, um sich einen ersten Höreindruck zu verschaffen. Die gröbsten Hörkatastrophen und Fehlkäufe kann man so gut ausschließen.

Hörgerätekompatibel? Nicht jedes Handy funktioniert mit jedem Hörgerät. Hier hilft nur ausprobieren. Manche Handys haben einen Hinweis, dass sie hörgerätekompatibel sind. Dies ist aber keine Garantie, dass es wirklich mit jedem Hörgerät funktioniert. Es gibt für hörgerätekompatibles Telefonieren die sog. M- und T-Standards. M3 bzw. M4 bedeutet beispielsweise hörgerätekompatibles Telefonieren mit Hörgeräten ohne T-Spule. T3 bzw. T4 bedeutet, dass das Hörgerät mit der T-Spule kompatibel ist.

Qualitätsunterschiede bei unterschiedlichen Netzen:  Meine Erfahrung zeigt, dass es Qualitätsunterschiede durch unterschiedliche Netze und Anbieter gibt. Bei einem Einsteigersmartphone mit Dual-Sim, verstehe ich über die Prepaidkarte von Alditalk (E-Plus/O2) nur sehr schlecht und undeutlich, über die Prepaidkarte von Vodafone dagegen recht gut. Es ist also auch hier immer eine Sache des Ausprobierens.

Headsets für Hörgeräteträger
Es gibt inzwischen diverse Headsets für Hörgeräteträger. In der Regel sind diese für Hörgeräteträger interessant, die ein Hörgerät mit sog. T-Spule haben.

Kleiner Tipp für Hörgeräte-Neulinge: Ich empfehle, unbedingt ein Hörgerät mit T-Spule zu verwenden und dann darauf zu achten, dass diese dann vom Akustiker auch aktiviert wird. Anschließend ggf. so lange vom Akustiker neu einstellen lassen, bis es am besten passt.
Vorteil: Mit einem induktiven Headset und der T-Spule des Hörgerätes wird der Ton direkt und deutlich klarer auf die Hörgeräte übertragen.

Headsets: Sog. induktive Headsets gibt es mit Bluetooth-Übertragung vom Handy auf das Headset und vom Headset zum Hörgerät. Oder aber ein kabelgebundenes Headset, welches in den Kopfhöreranschluss des Handys gesteckt wird.

Ich persönlich komme mit dem kabelgebundenen Headset deutlich besser klar. Der Ton ist deutlicher. Außerdem leert sich der Handyakku im Bluetooth-Modus deutlich schneller, auch hat Bluetooth immer eine gewisse Zeitverzögerung, die mich gestört hat.
Mein Headset sieht eigentlich fast genauso aus, wie ein „normales“ Headset, nur statt Kopfhörer habe ich 2 sog. Induktionsbügel. Diese übertragen den Ton an meine Hörgeräte. Damit habe ich mit einem alten iPhone 3GS (normalerweise ist mir das viel zu leise), sogar problemlos im Restaurant und am Hauptbahnhof in Dortmund telefonieren können – das geht normalerweise überhaupt nicht.

Neue technische Standards – Handys/Smartphones mit besserer Tonqualität

Entscheidender, als der Hinweis „Schwerhörigentelefon“ scheint mir die Tonqualität des Handys bzw. Smartphones als solches zu sein. Hier gibt es inzwischen interessante Entwicklungen. Da ich nicht unbedingt so den Hardcore-Technikfreak bin, ist mir dies erst vor einigen Tagen aufgefallen:

Unter den Begriffen: HD-Voice, HD-Voice plus, Crystal Clear und EVS-Codec gibt es inzwischen Handys, die bei der Tonübertragung mehr Ton-Frequenzen nutzen, so dass die Sprache verständlicher wird:

Das „normale“ Telefon nutzt Frequenzen zw. 0,5 und 3,4 kHz.
HD-Voice nutzt bereits die Frequenzen zwischen 0,05 – 7 kHz.
Der sog. EVS-Codec verwendet den gesamten Tonumfang der menschlichen Stimme: 0,02 – 20 KHZ.

Diese Technik scheint derzeit z.T. noch in der Entwicklung bzw. im Aufbau zu sein, so dass ich an dieser Stelle nur ansatzweise etwas sagen, wo was im Einzelfall wirklich funktioniert. Mit neueren Smartphones scheint das Telefonieren wirklich angenehmer zu sein. Ich vermute, dass dies tatsächlich an HD-Voice liegt. Wie weiter oben beschrieben, scheint aber auch das Handynetz eine gewisse Rolle zu spielen. Erfahrungen mit HD Voice plus bzw. Crystal Clear habe ich noch gar nicht. Da gibt es erst wenige kompatible Smartphones (teuer) und meistens auch teurere Tarife. Da ich höhere Töne über 7 Ghz  kaum oder gar nicht höre, der Preis noch recht hoch ist, ist fraglich, welchen Vorteil ich davon hätte.

Kleiner Hinweis für schlecht hörende Menschen ohne Hörgerät:

Die Technik der heutigen digitalen Hörgerät ist deutlich besser geworden. Hörgeräte sind nicht einfach nur eine Verstärkung der Lautstärke, sondern können individuell an die eigene Hörschädigung angepasst werden. Auch die sog. HdO (Hinter dem Ohr) – Hörgeräte sind recht klein und fallen optisch kaum auf.

Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, sich an die Hörgeräte zu gewöhnen. Das Gehirn vergisst die nicht mehr gehörten Töne nach ca. 6 Jahren und es ist entsprechend aufwändig, dieses Hören wieder zu erlernen und sich an die Hörgerätetechnik zu gewöhnen.

 

Zum Weiterlesen: Informationen zu Schwerhörigkeit – Linktipp: 

Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?  https://rehagroenenbach.wordpress.com/schwerhorigkeit-verstehen/

Kommunikation mit Schwerhörigen:  https://rehagroenenbach.wordpress.com/kommsu/ 

Minimalismus – alles easy oder doch nicht?

Manchmal staune ich: Ich lese, höre oder sehe Erfolgsstorys. Gut gelaunte Menschen berichten, wie super easy jetzt alles ist: Kleiderschrank, die Schminke, die Bad- und Küchenutensilien, der Bücherschrank, etc. etc. alles minimalisiert und juhu(!) jetzt ist alles klasse und so einfach. Natürlich, auch ich kenne dieses erleichterte Gefühl, wenn irgendein Ding reduziert ist, welches ich nicht mehr genutzt habe und was mich zum Schluss eher belastet als erfreut hat. So habe ich gestern zwei nicht mehr genutzte Holzschränke endlich auseinander gebaut. Das war schön und ich genieße es wirklich sehr.

 

Was kommt nach dem Minimalismus?

Aber ist das alles? Wer sich schon länger mit diesem Thema beschäftigt, wird die Momente kennen, wo doch wieder dies, das und jenes im Einkaufskorb gelandet ist, was sich anschließend als unnötig herausgestellt hat. Ich nutze beispielsweise seit 1998 Mobiltelefone. Ich schüttele immer noch über mich selbst den Kopf, wie lange ich gebraucht habe, um zu verstehen, dass das schlechte Hören beim Telefonieren nicht mit dem Handy, sondern mit meiner eigenen Schwerhörigkeit zutun hat. Und noch immer muss ich trotzdem aufpassen, dass ich nicht ständig wieder in die selbe Falle hinein laufe.

 

Den eigenen Realitäten und Befindlichkeiten ins Auge schauen

Das Gerümpel mag irgendwann entfernt sein, die Meldungen von eigenen Erfolgsstorys verblassen, die persönlichen Kaufanreize und eigenen Verhaltensmuster sind dagegen aber immer noch da. Was tun? Was ist, wenn wir uns mal schlecht fühlen, der Alltag öde, stressig, nervtötend ist? Was hilft, wenn man sich dann nicht wieder neu Zurümpeln will? Hier einige Anregungen:

Ehrlichkeit

Zumindestens sich selbst gegenüber. Man kann der Welt u.U. sonst was erzählen, aber bitte nicht sich selbst. Es führt zu nichts.

Akzeptanz statt Perfektion

Sich selbst in der Art, wie man eben ist, auch mal akzeptieren und wenn’s gelingt: die Menschen im eigenen Umfeld mit ihren Eigenheiten vielleicht auch. Niemand muss perfekt sein, niemand kann perfekt sein. Das bedeutet nicht, jeden Unsinn zu akzeptieren und zu rechtfertigen, sondern sich selbst einzugestehen, dass man eben nicht immer perfekt ist, dass manchmal einfach Vorhaben daneben gehen.

Kleine Schritte

Lieber an einer einzigen kleinen Stelle im eigenen Leben etwas verändern und gleichermaßen ausdauernd wie konsequent dabei bleiben, als alles mögliche anzufangen und festzustellen, dass es überfordert und nicht funktioniert. Solche kleinen Schritte sind natürlich nicht sonderlich Aufsehen erregend, aber sie funktionieren.

Achtsamkeit

Das Wahrnehmen des gegenwärtigen Augenblicks, wahrnehmen, wie es mir gerade geht, wie ich fühle, denke, handle. Wahrnehmen, was um mich herum geschieht. Das schafft Abstand zwischen Geschehen, Erleben und eigener Reaktion darauf. Mit einer solchen Haltung und Wahrnehmung gelingt es in der Regel sehr viel besser, eine Entscheidung zu treffen, wie der nächste Schritt aussehen soll.
Wer Achtsamkeit und insbesondere die formelle Achtsamkeits- und Meditationspraxis ins eigene Leben integrieren möchte, braucht aber vor allem eins: Ausdauer. Über Achtsamkeit können wir noch so vieles lesen, schreiben, reden. Achtsamkeit wird erst wirksam durch die beständige Übung und das konkrete, praktische Tun.

Freundlichkeit und Neugier

Freundlichkeit sogar und gerade sich selbst, aber auch anderen Menschen gegenüber. Und aus dieser freundlichen Grundhaltung neugierig sein auf das, was außer Konsumieren und überholten Verhaltensmustern, noch Lebensfreude und Lebensqualität bringt: Begegnungen, Erlebnisse, Hobbys, persönliches Engagement, Leidenschaften.

 

Der Rhythmus des Lebens

Vielleicht gehört es einfach zum Rhythmus des Lebens, dass wir nicht immer „gut drauf sind“ und vielleicht sind die gelegentlichen Zwischentiefs nichts anderes, als das Atemholen von Körper und Seele. All die Hochs und Tiefs werden doch erst dann bedenklich, wenn die „Zwischentöne“ fehlen und man in einer der Extreme erstarrt.

 

Zum Weiterlesen:

Achtsames Konsumieren: Die Achtsamkeitstreppe – die 6 Stufen des achtsamen Konsumierens: (PDF-Download möglich) https://achtsame-lebenskunst.de/2016/07/17/die-achtsamkeits-treppe-die-6-stufen-des-achtsamen-konsumierens/

Achtsamkeitsübungen: Eine kostenlose und thematisch sortierte Linkliste https://achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeitsuebungen/

Minimalismus als Lebensstil: Einige kostenlose Downloads mit Tipps und Anregungen: https://achtsame-lebenskunst.de/praxistipps-minimalismus/

 

 

Minimalismus – Loslassen als emotionale Befreiung

Kürzlich las ich einen interessanten Beitrag von June Saruwatari mit dem Titel
The Psychology behind all that clutter you can’t get rid of. Wie treffend! Mich brachte es auf den Gedanken, nicht nach dem „Warum kann ich nicht loslassen?“ zu fragen, sondern:

In welchen Situationen kann das für den Minimalismus typische Loslassen von Dingen, eine emotionale Befreiung sein?

Die eigene persönliche emotionale Beziehung zu den Dingen

Gegenstände können mit positiven, wie negativen emotionalen Befindlichkeiten verhaftet sein. Es gibt Situationen, wo es gut ist, nochmal genau in sich hinein zu spüren, ob und wann es Sinn macht, einige dieser Gegenstände bewusst loszulassen. Nicht generell, nicht grundsätzlich, sondern nach ganz individueller und ganz persönlicher Entscheidung:

Negativ-Erlebnisse loslassen

Manchmal hilft es, Dinge, die eng mit einer negativ erlebten Phase verbunden sind, loszulassen. Dazu ein Beispiel:
Es war 1978: Nach dem Abschluss einer zweijährigen Zeit an einer kleinen konfessionellen Schule mit wenig Entfaltungsmöglichkeiten, habe ich anschließend die gesamten Schulhefte mit großem Vergnügen und jeder Menge körperlicher Anstrengung in feinste, kleinste Schnipsel zerrissen. Alles schön per Hand. Einen Schredder gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, er hätte es auch nicht gebracht. Per Hand zu zerreißen war für mich effektvoller und wohltuender. Endlich war diese Zeit zu Ende und dass musste ich mit jedem ritsch und ratsch genießen. Schule adé – war das herrlich!

Sind Gegenstände emotional negativ behaftet?

Insbesondere negative Lebensphasen, Erinnerungen, eine beendete Beziehung und vieles mehr, können ein Grund sein, einmal genauer hinschauen und hinfühlen:

  • Sind Ereignisse, Erlebnisse und Personen noch emotional mit ganz bestimmten Dingen um mich herum verbunden?
  • Wie ist meine ganz eigene, persönliche Beziehung zu diesen Dingen?
  • Kann ich Dinge und Ereignisse/Erlebnisse wieder voneinander trennen?
  • Ist es wirklich gut und wohltuend für mich, diese Gegenstände zu behalten?
  • Werde ich bei jedem Aufräumen, Staubwischen, Schrank öffnen, an die mit den Dingen verbundenen Ereignisse erinnert?
  • Von was sollte ich mich endlich innerlich und äußerlich befreien? 

Positive Lebensphasen wertschätzend beenden

So schön wie manche Erinnerungen, Lebensphasen sind oder waren: Irgendwann kann eine solche Phase einmal beendet sein und wenn wir nicht aufpassen, geraten diese eigentlich schönen Erinnerungen zu aktuell negativem Erleben. Auch hierzu ein kleines Beispiel:
Wie ab und an schon mal erwähnt, habe ich früher gerne Musik gemacht. Ich liebe auch heute noch Musik, aber vor einigen Jahren wurde mein Hobby ganz schleichend zu einem Ballast. Ich benötigte einige Zeit, bis ich mir dies eingestehen konnte. Meine Schwerhörigkeit ließ sich irgendwann nicht mehr verdrängen. Musizieren wurde anstrengender, weil ich insbesondere die hohen Töne nicht mehr richtig hören konnte. Klavier, Mikrofon, Mikroständer und all diese schönen Dinge nutzte ich irgendwann nicht mehr. Sie waren zum Schluss nur noch Mahner, weil sie doch mal teuer gewesen sind, Freude bereiteten mir nicht mehr. Ich hielt nicht nur an den Dingen, sondern auch an falschen Illusionen fest. Ich brauchte lange, bis ich mich davon getrennt habe, aber dann war es sehr wohltuend und befreiend. – Das Klavier nutzt jetzt übrigens ein musikalisch sehr interessiertes Kind, das vorher ein nahezu unbrauchbares Instrument hatte. Ist das nicht wunderbar?

Auch bei den eigentlich mit schönen Erinnerungen verbundenen Dingen macht es Sinn, sich zu fragen, ob und wann diese losgelassen werden sollten – spätestens dann, wenn sich zu den schönen Erinnerungen, aktuell ganz schleichend unangenehme Empfindungen hinzugesellen. Und keine Sorge: Schöne Erinnerungen bleiben auch dann noch schön, wenn wir Wohnung und Leben nicht mit einem persönlichen Erinnerungs-Kram-Antiquariat vollstopfen. Denn:

Schöne Erinnerungen bewahren wir im Herzen und nicht auf Dachboden, Fensterbank oder im Kleiderschrank.

Loslassen und Selbstverantwortung als Schritt ins Erwachsenenleben

Mitunter geht es auch um die Dinge, die die – inzwischen erwachsenen Kinder –  immer noch im elterlichen Keller oder sogar noch im ehemaligen Kinderzimmer aufbewahren. Dann wird es Zeit, dass sich die nun erwachsenen Kinder auf den Weg in diese Sphären der Vergangenheit begeben und sich entweder von diesen Erinnerungsstücken trennen oder sie endlich mit zu sich in die eigene Wohnung nehmen. Auch das ist Selbstverantwortung und ein Schritt ins Erwachsenenleben, der sehr befreiend sein kann.

Leben fließt und ist Veränderung

Selbst die Luft, die ich einatme, kann ich nicht festhalten. Warum sollte ich dann die Dinge festhalten, die mir nicht gut tun und die ich nicht mehr benötige? Jack Kornfield fasst den Umgang mit den Dingen, wie ich finde, in folgendem Zitat wunderbar zusammen:

„Like a sandcastle all is temporary.
Build it, tend it, enjoy it.
And when the times comes let it go.“
Jack Kornfield

 

 

 

Minimalismus im Wohnzimmer

Wohnzimmer früher

Wenn ich zurück denke, hatte ich eigentlich immer schon gerne freie Räume und eher wenige, unkomplizierte Möbel. Minimalismus im Wohnzimmer fand ich immer schon gut. Aber den Begriff „Minimalismus“ gab es noch nicht und ich war in Konventionalitäten verstrickt.

Als ich mit ca. Mitte 20 erstmals eine 2-Zimmer-Wohnung (statt WG oder 1-Raum-Wohnung) bezog, schaffte ich mir extra neue und einige gebrauchte Möbel an und war sogar recht stolz auf meine jetzt recht vielen Sachen. Dann erhielt ich u.a. ein wohlmeinendes Feedback, da passe ja noch richtig viel rein in meine Wohnung …. Ich dachte nur: „Hä…? Ach, das ist gar nicht viel, was ich habe…? Ob ich noch mehr reinstelle, aber was???“
Ich probierte im Laufe der Jahre immer wieder herum, was mir gefällt. Viele Dinge kamen, aber gingen auch wieder und jedes Mal fand ich das Loswerden dieser Dinge als Befreiung. Es war im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ein ständiges hin und her, weil ja irgendwas in der Wohnung stehen muss. Dann habe ich zusätzlich im Laufe der Jahrzehnte ganz unterschiedlich gewohnt: alleine, Partnerschaft, WG – da ändert sich ja ohnehin auch immer wieder etwas. Rückblickend denke ich heute: Tja, wenn Minimalisten versucht, sich die Wohnung voll zustellen – sowas kann ja nicht funktionieren.

Mein Wohnzimmer heute – einige visuelle Eindrücke:

Minimalismus im Wohnzimmer: Links Tisch und 2 Stühle, rechts am Fenster: 2 Holzschränke und ein Sessel (Pöang von Ikea) mit Fußteil.
Foto von Januar 2017

 

Ergänzende Anmerkung: Den Sessel gibts nicht mehr. Hier Näheres dazu: https://achtsame-lebenskunst.de/2017/10/14/die-leere-von-achtsamkeit-und-minimalismus-als-lebensfuelle/

 


 

 

Die Gestaltung eines Wohnraums

Die Gestaltung eines Wohnraums ist von vielen Faktoren abhängig. Wohne ich alleine, zu zweit, mit Familie? Natürlich auch ganz allgemein von der Wohnungs- und Zimmergröße.

 

Meine Wohnlösung für das Wohnzimmer

Meine jetzige Wohnung hat insgesamt ca. 35qm im Dachgeschoß. Das Wohnzimmer hat etwa 4 x 3,20m Grundfläche, davon müssen die Schrägen nochmal anteilig abgezogen werden müssen. Daher dürfte der Raum ca. 10 – 11 qm haben. Die Küche ist so klein (ca. 2,40×1,60m – Dachschräge nicht mitgerechnet!), dass dort beim besten Willen nicht noch ein Esstisch hinpasst. Daher war für mich klar, dass ins Wohnzimmer unbedingt ein Tisch mit Stühlen hinein sollte. Den Tisch und drei der vier Stühle habe ich mir neu gekauft. Der Sessel hat ist einige Jahre alt und gebraucht gekauft. Die beiden Holzschränkchen, die auf dem Foto zu sehen sind, sind schon deutlich ältere Semester. Da nach dem endgültigen Einrichten nichts mehr in den Schränken war, habe ich diese inzwischen verschenkt. Daher sind sie zwar auf dem Bild, aber nicht auf dem kurzen Video zu sehen.

So, wie es jetzt ist, bin ich zufrieden, allerdings hallt es noch (ein minimalistisches Luxusproblem). Ich kann mich aktuell nicht zu einem Teppich entschließen, da es ohne Teppiche einfacher zu reinigen ist. Ergänzend zum Rollo am Fenster kommt sicher noch mal ein Vorgang, aber dicke, lang-wallende Vorhänge mögen zwar Schall schlucken, gefallen mir aber nicht. Schallabsorber sind sündhaft teuer. Mal schauen, was mir da einfällt oder auch nicht.

Ich habe mir die Frage gestellt, warum Minimalismus im Wohnzimmer heute einfacher ist und was im Vergleich, früher so in Wohnzimmer und Schränken drin war, was ich jetzt nicht mehr habe. Die Antwort ist schnell gefunden:

 

Das digitale Zeitalter ist platzsparend

Das digitale Zeitalter mit Laptop und Tablet erspart mir einiges an Einrichtung: Ellenlange Bücherregale beispielsweise. Ich lese meistens E-Books, weil ich dort die Buchstabengröße anpassen kann und Hintergrundbeleuchtung habe. Ich habe es immer wieder mit konventionellen Büchern versucht. Es ist einfach nicht meins, obwohl ich es eigentlich viel sinnvoller fände. In E-Books schaue ich immer wieder hinein, in „normale“ Bücher nicht.

Stereoanlage, Kassetten, Schallplatten ( ja, ja, sowas kenne ich noch 😉 ), CD’s, DVD’s – sowas brauche ich schon lange nicht mehr. Denn alles ist auf dem Laptop und im Internet verfügbar. Ich höre allerdings auch deutlich weniger Musik als früher, was u.a. auch mit meiner Schwerhörigkeit zusammen hängen dürfte. Der Fernseher fehlt ganz bewusst. Ich schaue ohnehin nicht wirklich viel. Dann sind viele Sendungen im Internet als Livestream verfügbar oder können nachtäglich in der Mediathek der einzelnen Sender angeschaut werden. Das reicht mir locker aus.

Was mir wichtig ist, ist ein Schreibgerät. Dazu dient der Laptop. Gäbe es ihn nicht, hätte ich eine Schreibmaschine oder irgendeinen schickes dickes Notizheft mit einem schönen Füller oder Kugelschreiber. Hier oder da mal ein Foto machen, finde ich auch gut. Dafür gibts ein Tablet oder auch schon mal einen Fotoapparat, den ich mir problemlos ausleihen kann.

 

Minimalismus im Wohnzimmer und veränderte Lebenssituationen

Die persönliche Lebenssituation kann sich immer wieder ändern. Sei es ein beruflich oder privat bedingter Umzug, das Wohnen alleine, zu zweit, als Familie, als WG. Leben ist immer auch Veränderung – mal mehr, mal weniger. Sich wohlfühlen im eigenen Wohnzimmer ist nicht vorrangig abhängig von der finanziellen Investition, erst recht nicht von irgendeiner Möbel-Modewelle. Für die Gestaltung eines minimalistischen Wohnzimmer ist es daher wichtig, sich der eigenen Lebenssituation bewusster zu werden und erspüren, mit was ich mich selbst wohl fühle. 

Mir ist heute beispielsweise sehr viel klarer als früher, dass mir freie Flächen, zurückhaltende oder gar keine Dekorationen zu mehr Ruhe und Entspannung verhelfen. Ich kann mich einfach sehr viel besser erholen. Ich brauche keine visuellen Ablenkungen und Anregungen, im Gegenteil. Ich weiß, dass dies bei anderen Menschen ganz anders sein kann und jeweils herauszufinden, was und wieviel passend ist, finde ich gleichermaßen spannend, wie interessant und wichtig.

Entscheidend ist der nächste Atemzug – Leben in Veränderung

Wie lebt es sich, wenn die äußeren Bedingungen schwierig sind? Kann Achtsamkeit helfen? Entlastet Minimalismus an der richtigen Stelle?

Derzeit habe ich die Möglichkeit, dies – unfreiwillig – ganz praktisch auszuprobieren. Daher weiß ich im Moment auch noch nicht so genau, wie die nächsten rund 5 – 6 Wochen auf diesem Blog so aussehen. Schreibe ich wie sonst meistens am Wochenende, schreibe ich viel oder wenig oder selten? Aktuell weiß ich es nicht so genau. Wer über neue Beiträge aktuell informiert werden möchte: Ich informiere über Twitter und Facebook, auch gibt es die Möglichkeit, sich über neue Blogbeiträge per Email informieren zu lassen (siehe Formular am Ende dieses Beitrages).

 

Mein aktuelles Wohn-Desaster:

Die aktuelle Wohnung kann kaum noch als solche bezeichnet werden. Mein kleines WG-Zimmer ist eigentlich der einzige Raum, wo es noch halbwegs erträglich ist. Noch immer werden wir durch tägliches und nächtliches Geschrei und Fäkaliengeruch der dementen Nachbarin massiv beeinträchtigt. Es zehrt – bei aller Toleranz – an den Nerven und der Gesundheit. Gespräche, Briefe, Einschalten zahlreicher Behörden, sowie wiederholte Kontakte zu Vermieterin, Einschalten von Polizei, Anwälten – irgendwie fühlt sich hier scheinbar niemand so wirklich für solche Fälle zuständig. Ich bin froh, wenn ich diese Wohnung, dieses Haus und den Vorort Dortmund-Lütgendortmund bald verlassen kann. Dann habe ich auch keine Eigenheimbesitzer mehr in der Nachbarschaft mit all den Rasenmähern und Rasenkantenschneidern, keine endlosen und lärmenden Volks- und Dorffeste, kein stundenlanges Hundegebell, keine Samstagfrüh-Laubsauger und keine Geruchsbelästigung der Eigenheimbesitzer-Kamine.

 

Von Dingen und Illusionen trennen

Mitte November ist es endlich soweit: Ich kann meine neue, kleine und wunderbare Wohnung beziehen. Trotz meines ohnehin minimalistischen Lebensstils: Es fand sich in den letzten Wochen doch noch dies, das und jenes, von dem ich mich getrennt habe. Nicht nur von Dingen, auch von Illusionen:
Beispielsweise von der Illusion, mit dem Fahrrad fahren wird es noch mal was. Nein, wird es nicht. Die schlaglochgespickten Straßen und Radwege sind nichts für meine Wirbelsäule. In der Innenstadt wird alles fußläufig erreichbar sein. Ich habe ein ÖPNV-Ticket und mich beim Carsharing angemeldet.
Dann gibts bzw. gab es noch mein E-Piano. Ich weiß, dass ich gute musikalische Antennen habe, die Fortschritte waren durchaus beeindruckend. Aber die Belastung der Schwerhörigkeit ist da. Die Hörgeräte sind ein Segen, aber das Hören strengt mich sehr viel mehr an als früher. Irgendwann war mir endgültig klar, dass mich aktiv zu musizieren mehr stresst, als entspannt. Ich genieße jetzt oft einfach die Stille oder auch, das ich das leise Rauschen der Blätter im Wind, dank der Hörgeräte, endlich wieder genießen kann.

 

Leben ist Veränderung – zum Glück

Im Buddhismus wird immer wieder auf die Vergänglichkeit hingewiesen und dass nichts bleibt, wie es ist. Irgendwer nannte es mal, dass die Veränderung die einzige Beständigkeit im Leben ist. Ich spüre dies auch – derzeit: zum Glück. Auch belastende Situationen ändern sich wieder. Und obwohl in der Achtsamkeitspraxis der gegenwärtige Moment so entscheidend wichtig ist: Ich finde es aktuell wunderbar, ein wenig in die Zukunft zu träumen – und da ist dann doch wieder der gegenwärtigen Moment: mir genau darüber bewusst zu sein. Ich spüre viel Vorfreude auf die bevorstehende wohnliche Veränderung. Es macht mir große Freude, mir genau zu überlegen, was, wieviel oder wie wenig Dinge ich dort haben und nutzen möchte. Minimalismus ist für mich Lebenselexier, es ist die Art, wie ich immer schon war: Ich hänge nicht an bestimmten Gegenständen, ich benutze sie lediglich und kann sie im Bedarfsfall auch gut wieder los lassen. Irgendein Lifestyle interessiert mich dabei überhaupt nicht. Was mich interessiert ist Freiheit und Lebensqualität – dafür brauche ich zum Glück keine vollgestopfte Wohnung, es ist aber auch nicht nötig, irgendeinen minimalistischen Olymp zu erklimmen.

 

Entscheidend ist der nächste Atemzug

Sehr wohltuend ist es, wenn es mir gelingt, in all den aktuellen Belastungen, einfach den nächsten Atemzug bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Achtsamkeit erdet mich. Manchmal ist der Atem dann so etwas wie eine wohltuende Salbe, insbesondere auch dann, wenn ich einmal sehr angespannt oder erschöpft bin. Es tut außerdem gut, nicht nur Dinge, sondern auch Illusionen loszulassen, manchmal auch einen Atemzug lang all den Ärger und den Stress. Es hilft mir, Abstand zu gewinnen, mich immer wieder auf den nächsten Schritt zu konzentrieren und auch die schönen Momente wahrzunehmen. Jack Kornfield hat es einmal so wunderbar treffend, so richtig und so wohltuend formuliert, dass ich ihn hier nochmal abschließend zitieren möchte:

„The path through trouble is always made a step at a time, a breath at a time, a day at a time“. (Jack Kornfield)