Handy für Schwerhörige – 12 Forderungen

Handy für Schwerhörige – die Situation

Im Alltag ist es noch immer so, dass Handys bzw. Smartphones für Schwerhörige und Handys für Senioren in einem Atemzug genannt werden. Dabei sind nicht alle Senioren schwerhörig und nicht alle Schwerhörigen im Seniorenalter. Es gibt auch schwerhörige Kinder, Jugendliche und Erwachsene in allen Altersstufen.  Auch sind Schwerhörige durchaus in der Lage, ein ganz normales Handy zu bedienen – sei es ein Smartphone oder Einfachhandy. Was Schwerhörige nicht so gut können: Beim Telefonieren ausreichend verstehen.

Ich habe als mittelgradig Schwerhörige auch so meine Probleme, insbesondere beim Telefonieren. Meine Geschichte mit dem Telefonieren scheint endlos, da kann der Akustiker die Hörgeräte einstellen, wie er will. Ich habe schon alles mögliche ausprobiert, auch schon diverse Schwerhörigen-Handys, wie das Smartphone Dorophone 8031. Immer wenn ich dachte, eine Lösung gefunden zu haben, tauchten irgendwelche Probleme auf – nahezu immer mit irgendwas. Nachfolgend meine Auflistung, was ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen an Verbesserungen, Neuentwicklungen und Standards für Schwerhörigen-Handys und -Smartphones sinnvoll finde:

12 Forderungen/Wünsche an ein Handy / Smartphone für Schwerhörige:

1: Besserer Sprachklang durch größeren Umfang an Tonfrequenzen

Eine gewisse Lautstärke ist gut und notwendig, reicht aber nicht. Ich hatte schon sehr laute Handys und habe trotzdem nichts verstanden. Insbesondere für Menschen mit einer Innenohr-Schwerhörigkeit ist zusätzlich wichtig, dass eine bessere Klangqualität und ein sehr breites Spektrum an Tonfrequenzen mit mind. 7 kHz, besser bis zu 20 kHz verfügbar ist. Derzeit finde ich dies unter den Begriffen „HD-Voice“ bzw. „HD-Voice plus“ und „Crystal Clear“ (EVS-Codec – Enhanced Voice Services). Während HD-Voice schon öfter möglich ist, ist der EVS-Codec („Crystal Clear“ bei Vodafone und „HD Voice Plus“ bei Telekom) derzeit noch recht teuer und nicht häufig anzutreffen. HD-Voice kenne ich inzwischen aus eigener Erfahrung. Dies scheint der eigentliche Schlüssel für das Telefonieren bei Schwerhörigkeit zu sein. Selbst mit einem qualitativ mässigen Einsteiger-Smartphone kann ich damit telefonieren – allerdings nicht in jedem Netz. Mit D2 klappt es gut, bei Alditalk (E-Plus/O2) verstehe ich kaum etwas. Mit HD-Voice in alle Netze telefonieren zu können, sehe ich als Mindeststandard für ein Smartphone für Schwerhörige.

2. Hörgerätekompatiblität

Handys für Schwerhörige sollten durchgängig hörgerätekompatibel sein (T4/M4). Ideal wäre, wenn sich das Handy an die besondere Höreinschränkung des Nutzers anpassen ließe. Mehr und noch bessere Zusammenarbeit zwischen Hörgeräte- und Handyherstellern wäre hier sinnvoll.

3. Induktives Telefonieren

Beim Umschalten auf die T-Spule des Hörgerätes sollte induktives Telefonieren möglich sein. Dadurch wird der Ton direkt auf die Hörgeräte übertragen und so ein viel besseres Sprachverständnis ermöglicht.

4. Audioanschluss und Bluetooth

Für Schwerhörige ist es eine große Erleichterung, wenn Sie einen Audioanschluss für ein spezielles Headset für Hörgeräteträger nutzen können.

5. Telefonieren über Bluetooth

Bei Telefonieren über Bluetooth kam es bei mir immer wieder zu kurzen Zeitverzögerungen. Verbesserungen wären hier dringend erforderlich, da oft wichtige Anfangsinhalte eines Gespräches, z.B. der Name des Gegenübers, verloren gehen. Ein einfaches an- und ausschalten der Bluetooth-Funktion ist ebenfalls sinnvoll. Diese sollte nicht in den tiefsten Menüeinstellungen versteckt sein. Bluetooth verbraucht sonst zuviel Akkuleistung.

6. Freisprech-Modus

Auch ein Freispruch-Modus ist sinnvoll, um auch auf diese Weise ein besseres Sprachverständnis zu ermöglichen.

7. Textfunktionen

Komfortable Textfunktionen, wie ein insb. Tippen beim Schreiben von SMS- oder Chatnachrichten sollte selbstverständlich sein.

8. Bessere Unterstützung für Notfälle

Teilweise ist es schon früher möglich gewesen, eine SMS als Fax zu versenden. Dies sollte gerade für hochgradig Schwerhörige und Gehörlose ausgebaut werden – insbesondere für Notfälle. Viele Notfalldienste haben für Schwerhörige und Gehörlose eine Faxnummer für Notfälle, aber wer unterwegs ist, hat nunmal üblicherweise sein Faxgerät nicht dabei. Ein App oder eine erweiterte SMS-Funktion, bei der persönliche Daten, sowie Notfall-Faxnummer eingespeichert werden können, wären ideal – ebenso die Möglichkeit einer Standort-Mitteilung für Notfall-Situationen und Textbausteine, sowie die Möglichkeit, dass Feuerwehr oder Polizei den Schwerhörigen/Gehörlosen auch über diese Fax-Funktion antworten können.

9. Stabiler und langlebiger Akku – einfache Austauschbarkeit des Akkus

Gerade als Schwerhörige sind wir auf ein problemlos funktionierendes Handy/Smartphone angewiesen. Daher sollte die Akkuleistung auch einen Tag mit evtl. häufiger Nutzung des Handys gut überstehen und im Bedarfsfall einfach austauschbar sein.

10. Vermeidung von Sollbruch-Stellen

Im Notfall können wir als Schwerhörige nicht selbst mal eben auf ein Handy eines Freundes, Bekannten oder Fremden zurück greifen, weil wir nichts damit verstehen würden. Ist ein stabiles und gut funktionierendes Handy immer sinnvoll und schon aus Gründen der Nachhaltigkeit zu empfehlen, ist dies für Schwerhörige besonders wichtig. Wir brauchen einfach ein Gerät, welches verlässlich funktioniert.

11. Reparierbarkeit, Aufrüstmöglichkeit

Wir sind technisch längst so weit, dass Handys/Smartphones auch so hergestellt werden, dass sie im Bedarfsfall aufgerüstet werden können und insbesondere auch reparierbar sind. Hier könnten durchaus auch besondere Serviceangebote entwickelt werden.

12. Noch ein Wunsch…

Wenn ich schon dabei bin, dass scheinbar Unmögliche zu fordern und zu wünschen: Geht es irgendwie doch ein wenig fairer als bisher? Mit besserem Lohn und weniger Ausbeutung in den Betrieben insb. für die Billiglöhner in den Fabriken? Dann würde mir ganz nebenbei auch nicht mehr übel, wenn ich an solche untragbaren und unfairen Arbeitsbedingungen denke. Ich brauche auch nicht ständig ein neues Handy, sondern möchte ein Gerät, welches für mich funktioniert und es wäre eine tolle Sache, wenn es so etwas wie ein Fair-Label für elektronische Geräte gäbe.

Zum Weiterlesen: Informationen zu Schwerhörigkeit – Linktipp: 

Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?  https://rehagroenenbach.wordpress.com/schwerhorigkeit-verstehen/

Kommunikation mit Schwerhörigen:  https://rehagroenenbach.wordpress.com/kommsu/ 

 

 

Telefonieren mit Schwerhörigkeit

Wie hören Schwerhörige?

Leider ist es in den seltensten Fällen so, dass man beispielsweise so hört, wie bei einem leise gedrehten Radio. Dort sind alle Töne gleichmäßig leiser. Schwerhörige haben in der Regel ganz unterschiedliche Probleme. Mal fehlen die hohen, mal die mittleren, mal die hohen Töne. Stellen Sie mal an der Stereoanlage den Equalizer anders ein und nehmen Sie mal z.B. die hohen Töne heraus. Dann wird ein wenig eher deutlich, wie Schwerhörige hören.

Hörbeispiele:

„Du nuschelst so…“ Der schleichende Prozess der Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit ist ein oft schleichender Prozess. Typisch für sog. Innenohrschwerhörigkeit ist, dass man das schlechter werdende Gehör kaum bemerkt, aber irgendwann das Gefühl hat, dass viele Leute nuscheln. Mir fiel es auf, dass das Hören auf einem schnurloses Festnetztelefon für meine Kollegin völlig problemlos war, für mich aber das komplette Desaster. Ich habe es mir dann erstmal so erklärt, dass dieses Telefon meiner Kollegin nichts taugt… Typisch ist auch, dass das Hören in einer geräuschvollen Umgebung, wie z.B. einem Restaurant, deutlich schwieriger und insbesondere auch anstrengender wird.

Telefonieren – mein persönliches Desaster

Telefonieren gehört für mich zu dem Bereich, der wirklich schwierig für mich ist. Ein Drama in nicht enden wollenden Akten. Handys bzw. Smartphones habe ich in den letzten Jahren in allen mögliche Varianten probiert. Und: je lauter desto besser – nein, funktioniert nicht. Dienstlich hatte ich mal ein altes Nokia-Handy: sehr laut, verstanden habe ich trotzdem nichts.

Meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Handys bzw. Smartphones

  • Samsung-Handys: Ich habe früher nahezu nichts verstanden. Bei den neueren Geräten scheint es nun besser zu sein.
  • Windowsphones: Telefonieren ging deutlich besser, aber die Akkus waren eine Katastrophe.
  • iPhones (der älteren Generation): Die Sprache war verständlicher, als bei vielen anderen Handys, aber für mich doch insgesamt noch zu leise.
  • Senioren- bzw. Schwerhörigenhandys: Manche waren einfach nur laut, manche rauschten fürchterlich. Die Klangqualität der Handys und Smartphones der Firma Doro waren deutlich besser. Meine anfängliche Begeisterung legte sich aber irgendwann wieder. Denn bei Hintergrundgeräuschen telefonieren (z.B. unterwegs), konnte ich damit auch nicht. Außerdem hatte ich gleich bei 2 Geräten nach einigen Monaten Probleme mit Lautsprecher und Mikrofon – das mag Zufall sein, störte mich aber natürlich trotzdem.

Lösungswege:

Testen, ausprobierenEs ist sinnvoll, einfach mal andere Handybesitzer zu fragen, ob man einmal testweise mit dem Gerät telefonieren kann, um sich einen ersten Höreindruck zu verschaffen. Die gröbsten Hörkatastrophen und Fehlkäufe kann man so gut ausschließen.

Hörgerätekompatibel? Nicht jedes Handy funktioniert mit jedem Hörgerät. Hier hilft nur ausprobieren. Manche Handys haben einen Hinweis, dass sie hörgerätekompatibel sind. Dies ist aber keine Garantie, dass es wirklich mit jedem Hörgerät funktioniert. Es gibt für hörgerätekompatibles Telefonieren die sog. M- und T-Standards. M3 bzw. M4 bedeutet beispielsweise hörgerätekompatibles Telefonieren mit Hörgeräten ohne T-Spule. T3 bzw. T4 bedeutet, dass das Hörgerät mit der T-Spule kompatibel ist. 

Qualitätsunterschiede bei unterschiedlichen Netzen: Meine Erfahrung zeigt, dass es Qualitätsunterschiede durch unterschiedliche Netze und Anbieter gibt. Bei einem Einsteigersmartphone mit Dual-Sim, verstehe ich über die Prepaidkarte von Alditalk (E-Plus/O2) nur sehr schlecht und undeutlich, über die Prepaidkarte von Vodafone dagegen recht gut. Es ist also auch hier immer eine Sache des Ausprobierens.

Headsets für Hörgeräteträger

Es gibt inzwischen diverse Headsets für Hörgeräteträger. In der Regel sind diese für Hörgeräteträger interessant, die ein Hörgerät mit sog. T-Spule haben.

Kleiner Tipp für Hörgeräte-Neulinge: Ich empfehle, unbedingt ein Hörgerät mit T-Spule zu verwenden und dann darauf zu achten, dass diese dann vom Akustiker auch aktiviert wird. Anschließend ggf. so lange vom Akustiker neu einstellen lassen, bis es am besten passt.
Vorteil: Mit einem induktiven Headset und der T-Spule des Hörgerätes wird der Ton direkt und deutlich klarer auf die Hörgeräte übertragen.

Sog. induktive Headsets gibt es mit Bluetooth-Übertragung vom Handy auf das Headset und vom Headset zum Hörgerät. Oder aber ein kabelgebundenes Headset, welches in den Kopfhöreranschluss des Handys gesteckt wird.

Ich persönlich komme mit dem kabelgebundenen Headset deutlich besser klar. Der Ton ist deutlicher. Außerdem leert sich der Handyakku im Bluetooth-Modus deutlich schneller, auch hat Bluetooth immer eine gewisse Zeitverzögerung, die mich gestört hat.
Mein Headset sieht eigentlich fast genauso aus, wie ein „normales“ Headset, nur statt Kopfhörer habe ich 2 sog. Induktionsbügel. Diese übertragen den Ton an meine Hörgeräte. Damit habe ich mit einem alten iPhone 3GS (normalerweise ist mir das viel zu leise), sogar problemlos im Restaurant und am Hauptbahnhof in Dortmund telefonieren können – das geht normalerweise überhaupt nicht.

Neue technische Standards –  Handys/Smartphones mit besserer Tonqualität

Entscheidender, als der Hinweis „Schwerhörigentelefon“ scheint mir die Tonqualität des Handys bzw. Smartphones als solches zu sein. Hier gibt es inzwischen interessante Entwicklungen. Da ich nicht unbedingt so den Hardcore-Technikfreak bin, ist mir dies erst vor einigen Tagen aufgefallen:

Unter den Begriffen: HD-Voice, HD-Voice plus, Crystal Clear und EVS-Codec gibt es inzwischen Handys, die bei der Tonübertragung mehr Ton-Frequenzen nutzen, so dass die Sprache verständlicher wird:

Das „normale“ Telefon nutzt Frequenzen zw. 0,5 und 3,4 kHz.
HD-Voice nutzt bereits die Frequenzen zwischen 0,05 – 7 kHz.
Der sog. EVS-Codec verwendet den gesamten Tonumfang der menschlichen Stimme: 0,02 – 20 KHZ.

Diese Technik scheint derzeit z.T. noch in der Entwicklung bzw. im Aufbau zu sein, so dass ich an dieser Stelle nur ansatzweise etwas sagen, wo was im Einzelfall wirklich funktioniert. Mit neueren Smartphones scheint das Telefonieren wirklich angenehmer zu sein. Ich vermute, dass dies tatsächlich an HD-Voice liegt. Wie weiter oben beschrieben, scheint aber auch das Handynetz eine gewisse Rolle zu spielen. Erfahrungen mit HD Voice plus bzw. Crystal Clear habe ich noch gar nicht. Da gibt es erst wenige kompatible Smartphones (teuer) und meistens auch teurere Tarife. Da ich höhere Töne über 7 Ghz  kaum oder gar nicht höre, der Preis noch recht hoch ist, ist fraglich, welchen Vorteil ich davon hätte. 

Kleiner Hinweis für schlecht hörende Menschen ohne Hörgerät:

Die Technik der heutigen digitalen Hörgerät ist deutlich besser geworden. Hörgeräte sind nicht einfach nur eine Verstärkung der Lautstärke, sondern können individuell an die eigene Hörschädigung angepasst werden. Auch die sog. HdO (Hinter dem Ohr) – Hörgeräte sind recht klein und fallen optisch kaum auf.

Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, sich an die Hörgeräte zu gewöhnen. Das Gehirn vergisst die nicht mehr gehörten Töne nach ca. 6 Jahren und es ist entsprechend aufwändig, dieses Hören wieder zu erlernen und sich an die Hörgerätetechnik zu gewöhnen.

 

Zum Weiterlesen: Informationen zu Schwerhörigkeit – Linktipp: 

Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?  https://rehagroenenbach.wordpress.com/schwerhorigkeit-verstehen/

Kommunikation mit Schwerhörigen:  https://rehagroenenbach.wordpress.com/kommsu/ 

Minimalismus – alles easy oder doch nicht?

Manchmal staune ich: Ich lese, höre oder sehe Erfolgsstorys. Gut gelaunte Menschen berichten, wie super easy jetzt alles ist: Kleiderschrank, die Schminke, die Bad- und Küchenutensilien, der Bücherschrank, etc. etc. alles minimalisiert und juhu(!) jetzt ist alles klasse und so einfach. Natürlich, auch ich kenne dieses erleichterte Gefühl, wenn irgendein Ding reduziert ist, welches ich nicht mehr genutzt habe und was mich zum Schluss eher belastet als erfreut hat. So habe ich gestern zwei nicht mehr genutzte Holzschränke endlich auseinander gebaut. Das war schön und ich genieße es wirklich sehr.

 

Was kommt nach dem Minimalismus?

Aber ist das alles? Wer sich schon länger mit diesem Thema beschäftigt, wird die Momente kennen, wo doch wieder dies, das und jenes im Einkaufskorb gelandet ist, was sich anschließend als unnötig herausgestellt hat. Ich nutze beispielsweise seit 1998 Mobiltelefone. Ich schüttele immer noch über mich selbst den Kopf, wie lange ich gebraucht habe, um zu verstehen, dass das schlechte Hören beim Telefonieren nicht mit dem Handy, sondern mit meiner eigenen Schwerhörigkeit zutun hat. Und noch immer muss ich trotzdem aufpassen, dass ich nicht ständig wieder in die selbe Falle hinein laufe.

 

Den eigenen Realitäten und Befindlichkeiten ins Auge schauen

Das Gerümpel mag irgendwann entfernt sein, die Meldungen von eigenen Erfolgsstorys verblassen, die persönlichen Kaufanreize und eigenen Verhaltensmuster sind dagegen aber immer noch da. Was tun? Was ist, wenn wir uns mal schlecht fühlen, der Alltag öde, stressig, nervtötend ist? Was hilft, wenn man sich dann nicht wieder neu Zurümpeln will? Hier einige Anregungen:

Ehrlichkeit

Zumindestens sich selbst gegenüber. Man kann der Welt u.U. sonst was erzählen, aber bitte nicht sich selbst. Es führt zu nichts.

Akzeptanz statt Perfektion

Sich selbst in der Art, wie man eben ist, auch mal akzeptieren und wenn’s gelingt: die Menschen im eigenen Umfeld mit ihren Eigenheiten vielleicht auch. Niemand muss perfekt sein, niemand kann perfekt sein. Das bedeutet nicht, jeden Unsinn zu akzeptieren und zu rechtfertigen, sondern sich selbst einzugestehen, dass man eben nicht immer perfekt ist, dass manchmal einfach Vorhaben daneben gehen.

Kleine Schritte

Lieber an einer einzigen kleinen Stelle im eigenen Leben etwas verändern und gleichermaßen ausdauernd wie konsequent dabei bleiben, als alles mögliche anzufangen und festzustellen, dass es überfordert und nicht funktioniert. Solche kleinen Schritte sind natürlich nicht sonderlich Aufsehen erregend, aber sie funktionieren.

Achtsamkeit

Das Wahrnehmen des gegenwärtigen Augenblicks, wahrnehmen, wie es mir gerade geht, wie ich fühle, denke, handle. Wahrnehmen, was um mich herum geschieht. Das schafft Abstand zwischen Geschehen, Erleben und eigener Reaktion darauf. Mit einer solchen Haltung und Wahrnehmung gelingt es in der Regel sehr viel besser, eine Entscheidung zu treffen, wie der nächste Schritt aussehen soll.
Wer Achtsamkeit und insbesondere die formelle Achtsamkeits- und Meditationspraxis ins eigene Leben integrieren möchte, braucht aber vor allem eins: Ausdauer. Über Achtsamkeit können wir noch so vieles lesen, schreiben, reden. Achtsamkeit wird erst wirksam durch die beständige Übung und das konkrete, praktische Tun.

Freundlichkeit und Neugier

Freundlichkeit sogar und gerade sich selbst, aber auch anderen Menschen gegenüber. Und aus dieser freundlichen Grundhaltung neugierig sein auf das, was außer Konsumieren und überholten Verhaltensmustern, noch Lebensfreude und Lebensqualität bringt: Begegnungen, Erlebnisse, Hobbys, persönliches Engagement, Leidenschaften.

 

Der Rhythmus des Lebens

Vielleicht gehört es einfach zum Rhythmus des Lebens, dass wir nicht immer „gut drauf sind“ und vielleicht sind die gelegentlichen Zwischentiefs nichts anderes, als das Atemholen von Körper und Seele. All die Hochs und Tiefs werden doch erst dann bedenklich, wenn die „Zwischentöne“ fehlen und man in einer der Extreme erstarrt.

 

Zum Weiterlesen:

Achtsames Konsumieren: Die Achtsamkeitstreppe – die 6 Stufen des achtsamen Konsumierens: (PDF-Download möglich) https://achtsame-lebenskunst.de/2016/07/17/die-achtsamkeits-treppe-die-6-stufen-des-achtsamen-konsumierens/

Achtsamkeitsübungen: Eine kostenlose und thematisch sortierte Linkliste https://achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeitsuebungen/

Minimalismus als Lebensstil: Einige kostenlose Downloads mit Tipps und Anregungen: https://achtsame-lebenskunst.de/praxistipps-minimalismus/

 

 

Minimalismus – Loslassen als emotionale Befreiung

Kürzlich las ich einen interessanten Beitrag von June Saruwatari mit dem Titel
The Psychology behind all that clutter you can’t get rid of. Wie treffend! Mich brachte es auf den Gedanken, nicht nach dem „Warum kann ich nicht loslassen?“ zu fragen, sondern:

In welchen Situationen kann das für den Minimalismus typische Loslassen von Dingen, eine emotionale Befreiung sein?

Die eigene persönliche emotionale Beziehung zu den Dingen

Gegenstände können mit positiven, wie negativen emotionalen Befindlichkeiten verhaftet sein. Es gibt Situationen, wo es gut ist, nochmal genau in sich hinein zu spüren, ob und wann es Sinn macht, einige dieser Gegenstände bewusst loszulassen. Nicht generell, nicht grundsätzlich, sondern nach ganz individueller und ganz persönlicher Entscheidung:

Negativ-Erlebnisse loslassen

Manchmal hilft es, Dinge, die eng mit einer negativ erlebten Phase verbunden sind, loszulassen. Dazu ein Beispiel:
Es war 1978: Nach dem Abschluss einer zweijährigen Zeit an einer kleinen konfessionellen Schule mit wenig Entfaltungsmöglichkeiten, habe ich anschließend die gesamten Schulhefte mit großem Vergnügen und jeder Menge körperlicher Anstrengung in feinste, kleinste Schnipsel zerrissen. Alles schön per Hand. Einen Schredder gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, er hätte es auch nicht gebracht. Per Hand zu zerreißen war für mich effektvoller und wohltuender. Endlich war diese Zeit zu Ende und dass musste ich mit jedem ritsch und ratsch genießen. Schule adé – war das herrlich!

Sind Gegenstände emotional negativ behaftet?

Insbesondere negative Lebensphasen, Erinnerungen, eine beendete Beziehung und vieles mehr, können ein Grund sein, einmal genauer hinschauen und hinfühlen:

  • Sind Ereignisse, Erlebnisse und Personen noch emotional mit ganz bestimmten Dingen um mich herum verbunden?
  • Wie ist meine ganz eigene, persönliche Beziehung zu diesen Dingen?
  • Kann ich Dinge und Ereignisse/Erlebnisse wieder voneinander trennen?
  • Ist es wirklich gut und wohltuend für mich, diese Gegenstände zu behalten?
  • Werde ich bei jedem Aufräumen, Staubwischen, Schrank öffnen, an die mit den Dingen verbundenen Ereignisse erinnert?
  • Von was sollte ich mich endlich innerlich und äußerlich befreien? 

Positive Lebensphasen wertschätzend beenden

So schön wie manche Erinnerungen, Lebensphasen sind oder waren: Irgendwann kann eine solche Phase einmal beendet sein und wenn wir nicht aufpassen, geraten diese eigentlich schönen Erinnerungen zu aktuell negativem Erleben. Auch hierzu ein kleines Beispiel:
Wie ab und an schon mal erwähnt, habe ich früher gerne Musik gemacht. Ich liebe auch heute noch Musik, aber vor einigen Jahren wurde mein Hobby ganz schleichend zu einem Ballast. Ich benötigte einige Zeit, bis ich mir dies eingestehen konnte. Meine Schwerhörigkeit ließ sich irgendwann nicht mehr verdrängen. Musizieren wurde anstrengender, weil ich insbesondere die hohen Töne nicht mehr richtig hören konnte. Klavier, Mikrofon, Mikroständer und all diese schönen Dinge nutzte ich irgendwann nicht mehr. Sie waren zum Schluss nur noch Mahner, weil sie doch mal teuer gewesen sind, Freude bereiteten mir nicht mehr. Ich hielt nicht nur an den Dingen, sondern auch an falschen Illusionen fest. Ich brauchte lange, bis ich mich davon getrennt habe, aber dann war es sehr wohltuend und befreiend. – Das Klavier nutzt jetzt übrigens ein musikalisch sehr interessiertes Kind, das vorher ein nahezu unbrauchbares Instrument hatte. Ist das nicht wunderbar?

Auch bei den eigentlich mit schönen Erinnerungen verbundenen Dingen macht es Sinn, sich zu fragen, ob und wann diese losgelassen werden sollten – spätestens dann, wenn sich zu den schönen Erinnerungen, aktuell ganz schleichend unangenehme Empfindungen hinzugesellen. Und keine Sorge: Schöne Erinnerungen bleiben auch dann noch schön, wenn wir Wohnung und Leben nicht mit einem persönlichen Erinnerungs-Kram-Antiquariat vollstopfen. Denn:

Schöne Erinnerungen bewahren wir im Herzen und nicht auf Dachboden, Fensterbank oder im Kleiderschrank.

Loslassen und Selbstverantwortung als Schritt ins Erwachsenenleben

Mitunter geht es auch um die Dinge, die die – inzwischen erwachsenen Kinder –  immer noch im elterlichen Keller oder sogar noch im ehemaligen Kinderzimmer aufbewahren. Dann wird es Zeit, dass sich die nun erwachsenen Kinder auf den Weg in diese Sphären der Vergangenheit begeben und sich entweder von diesen Erinnerungsstücken trennen oder sie endlich mit zu sich in die eigene Wohnung nehmen. Auch das ist Selbstverantwortung und ein Schritt ins Erwachsenenleben, der sehr befreiend sein kann.

Leben fließt und ist Veränderung

Selbst die Luft, die ich einatme, kann ich nicht festhalten. Warum sollte ich dann die Dinge festhalten, die mir nicht gut tun und die ich nicht mehr benötige? Jack Kornfield fasst den Umgang mit den Dingen, wie ich finde, in folgendem Zitat wunderbar zusammen:

„Like a sandcastle all is temporary.
Build it, tend it, enjoy it.
And when the times comes let it go.“
Jack Kornfield

 

 

 

Minimalismus im Wohnzimmer

Wohnzimmer früher

Wenn ich zurück denke, hatte ich eigentlich immer schon gerne freie Räume und eher wenige, unkomplizierte Möbel. Minimalismus im Wohnzimmer fand ich immer schon gut. Aber den Begriff „Minimalismus“ gab es noch nicht und ich war in Konventionalitäten verstrickt.

Als ich mit ca. Mitte 20 erstmals eine 2-Zimmer-Wohnung (statt WG oder 1-Raum-Wohnung) bezog, schaffte ich mir extra neue und einige gebrauchte Möbel an und war sogar recht stolz auf meine jetzt recht vielen Sachen. Dann erhielt ich u.a. ein wohlmeinendes Feedback, da passe ja noch richtig viel rein in meine Wohnung …. Ich dachte nur: „Hä…? Ach, das ist gar nicht viel, was ich habe…? Ob ich noch mehr reinstelle, aber was???“
Ich probierte im Laufe der Jahre immer wieder herum, was mir gefällt. Viele Dinge kamen, aber gingen auch wieder und jedes Mal fand ich das Loswerden dieser Dinge als Befreiung. Es war im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ein ständiges hin und her, weil ja irgendwas in der Wohnung stehen muss. Dann habe ich zusätzlich im Laufe der Jahrzehnte ganz unterschiedlich gewohnt: alleine, Partnerschaft, WG – da ändert sich ja ohnehin auch immer wieder etwas. Rückblickend denke ich heute: Tja, wenn Minimalisten versucht, sich die Wohnung voll zustellen – sowas kann ja nicht funktionieren.

Mein Wohnzimmer heute – einige visuelle Eindrücke:

Minimalismus im Wohnzimmer: Links Tisch und 2 Stühle, rechts am Fenster: 2 Holzschränke und ein Sessel (Pöang von Ikea) mit Fußteil.
Foto von Januar 2017

 

Kurzes Mini-Video von Juli 2017

Videobeschreibung für Sehbehinderte

Ergänzende Anmerkung: Den Sessel gibts nicht mehr. Hier Näheres dazu: https://achtsame-lebenskunst.de/2017/10/14/die-leere-von-achtsamkeit-und-minimalismus-als-lebensfuelle/

 


 

 

Die Gestaltung eines Wohnraums

Die Gestaltung eines Wohnraums ist von vielen Faktoren abhängig. Wohne ich alleine, zu zweit, mit Familie? Natürlich auch ganz allgemein von der Wohnungs- und Zimmergröße.

 

Meine Wohnlösung für das Wohnzimmer

Meine jetzige Wohnung hat insgesamt ca. 35qm im Dachgeschoß. Das Wohnzimmer hat etwa 4 x 3,20m Grundfläche, davon müssen die Schrägen nochmal anteilig abgezogen werden müssen. Daher dürfte der Raum ca. 10 – 11 qm haben. Die Küche ist so klein (ca. 2,40×1,60m – Dachschräge nicht mitgerechnet!), dass dort beim besten Willen nicht noch ein Esstisch hinpasst. Daher war für mich klar, dass ins Wohnzimmer unbedingt ein Tisch mit Stühlen hinein sollte. Den Tisch und drei der vier Stühle habe ich mir neu gekauft. Der Sessel hat ist einige Jahre alt und gebraucht gekauft. Die beiden Holzschränkchen, die auf dem Foto zu sehen sind, sind schon deutlich ältere Semester. Da nach dem endgültigen Einrichten nichts mehr in den Schränken war, habe ich diese inzwischen verschenkt. Daher sind sie zwar auf dem Bild, aber nicht auf dem kurzen Video zu sehen.

So, wie es jetzt ist, bin ich zufrieden, allerdings hallt es noch (ein minimalistisches Luxusproblem). Ich kann mich aktuell nicht zu einem Teppich entschließen, da es ohne Teppiche einfacher zu reinigen ist. Ergänzend zum Rollo am Fenster kommt sicher noch mal ein Vorgang, aber dicke, lang-wallende Vorhänge mögen zwar Schall schlucken, gefallen mir aber nicht. Schallabsorber sind sündhaft teuer. Mal schauen, was mir da einfällt oder auch nicht.

Ich habe mir die Frage gestellt, warum Minimalismus im Wohnzimmer heute einfacher ist und was im Vergleich, früher so in Wohnzimmer und Schränken drin war, was ich jetzt nicht mehr habe. Die Antwort ist schnell gefunden:

 

Das digitale Zeitalter ist platzsparend

Das digitale Zeitalter mit Laptop und Tablet erspart mir einiges an Einrichtung: Ellenlange Bücherregale beispielsweise. Ich lese meistens E-Books, weil ich dort die Buchstabengröße anpassen kann und Hintergrundbeleuchtung habe. Ich habe es immer wieder mit konventionellen Büchern versucht. Es ist einfach nicht meins, obwohl ich es eigentlich viel sinnvoller fände. In E-Books schaue ich immer wieder hinein, in „normale“ Bücher nicht.

Stereoanlage, Kassetten, Schallplatten ( ja, ja, sowas kenne ich noch 😉 ), CD’s, DVD’s – sowas brauche ich schon lange nicht mehr. Denn alles ist auf dem Laptop und im Internet verfügbar. Ich höre allerdings auch deutlich weniger Musik als früher, was u.a. auch mit meiner Schwerhörigkeit zusammen hängen dürfte. Der Fernseher fehlt ganz bewusst. Ich schaue ohnehin nicht wirklich viel. Dann sind viele Sendungen im Internet als Livestream verfügbar oder können nachtäglich in der Mediathek der einzelnen Sender angeschaut werden. Das reicht mir locker aus.

Was mir wichtig ist, ist ein Schreibgerät. Dazu dient der Laptop. Gäbe es ihn nicht, hätte ich eine Schreibmaschine oder irgendeinen schickes dickes Notizheft mit einem schönen Füller oder Kugelschreiber. Hier oder da mal ein Foto machen, finde ich auch gut. Dafür gibts ein Tablet oder auch schon mal einen Fotoapparat, den ich mir problemlos ausleihen kann.

 

Minimalismus im Wohnzimmer und veränderte Lebenssituationen

Die persönliche Lebenssituation kann sich immer wieder ändern. Sei es ein beruflich oder privat bedingter Umzug, das Wohnen alleine, zu zweit, als Familie, als WG. Leben ist immer auch Veränderung – mal mehr, mal weniger. Sich wohlfühlen im eigenen Wohnzimmer ist nicht vorrangig abhängig von der finanziellen Investition, erst recht nicht von irgendeiner Möbel-Modewelle. Für die Gestaltung eines minimalistischen Wohnzimmer ist es daher wichtig, sich der eigenen Lebenssituation bewusster zu werden und erspüren, mit was ich mich selbst wohl fühle. 

Mir ist heute beispielsweise sehr viel klarer als früher, dass mir freie Flächen, zurückhaltende oder gar keine Dekorationen zu mehr Ruhe und Entspannung verhelfen. Ich kann mich einfach sehr viel besser erholen. Ich brauche keine visuellen Ablenkungen und Anregungen, im Gegenteil. Ich weiß, dass dies bei anderen Menschen ganz anders sein kann und jeweils herauszufinden, was und wieviel passend ist, finde ich gleichermaßen spannend, wie interessant und wichtig.

Entscheidend ist der nächste Atemzug – Leben in Veränderung

Wie lebt es sich, wenn die äußeren Bedingungen schwierig sind? Kann Achtsamkeit helfen? Entlastet Minimalismus an der richtigen Stelle?

Derzeit habe ich die Möglichkeit, dies – unfreiwillig – ganz praktisch auszuprobieren. Daher weiß ich im Moment auch noch nicht so genau, wie die nächsten rund 5 – 6 Wochen auf diesem Blog so aussehen. Schreibe ich wie sonst meistens am Wochenende, schreibe ich viel oder wenig oder selten? Aktuell weiß ich es nicht so genau. Wer über neue Beiträge aktuell informiert werden möchte: Ich informiere über Twitter und Facebook, auch gibt es die Möglichkeit, sich über neue Blogbeiträge per Email informieren zu lassen (siehe Formular am Ende dieses Beitrages).

 

Mein aktuelles Wohn-Desaster:

Die aktuelle Wohnung kann kaum noch als solche bezeichnet werden. Mein kleines WG-Zimmer ist eigentlich der einzige Raum, wo es noch halbwegs erträglich ist. Noch immer werden wir durch tägliches und nächtliches Geschrei und Fäkaliengeruch der dementen Nachbarin massiv beeinträchtigt. Es zehrt – bei aller Toleranz – an den Nerven und der Gesundheit. Gespräche, Briefe, Einschalten zahlreicher Behörden, sowie wiederholte Kontakte zu Vermieterin, Einschalten von Polizei, Anwälten – irgendwie fühlt sich hier scheinbar niemand so wirklich für solche Fälle zuständig. Ich bin froh, wenn ich diese Wohnung, dieses Haus und den Vorort Dortmund-Lütgendortmund bald verlassen kann. Dann habe ich auch keine Eigenheimbesitzer mehr in der Nachbarschaft mit all den Rasenmähern und Rasenkantenschneidern, keine endlosen und lärmenden Volks- und Dorffeste, kein stundenlanges Hundegebell, keine Samstagfrüh-Laubsauger und keine Geruchsbelästigung der Eigenheimbesitzer-Kamine.

 

Von Dingen und Illusionen trennen

Mitte November ist es endlich soweit: Ich kann meine neue, kleine und wunderbare Wohnung beziehen. Trotz meines ohnehin minimalistischen Lebensstils: Es fand sich in den letzten Wochen doch noch dies, das und jenes, von dem ich mich getrennt habe. Nicht nur von Dingen, auch von Illusionen:
Beispielsweise von der Illusion, mit dem Fahrrad fahren wird es noch mal was. Nein, wird es nicht. Die schlaglochgespickten Straßen und Radwege sind nichts für meine Wirbelsäule. In der Innenstadt wird alles fußläufig erreichbar sein. Ich habe ein ÖPNV-Ticket und mich beim Carsharing angemeldet.
Dann gibts bzw. gab es noch mein E-Piano. Ich weiß, dass ich gute musikalische Antennen habe, die Fortschritte waren durchaus beeindruckend. Aber die Belastung der Schwerhörigkeit ist da. Die Hörgeräte sind ein Segen, aber das Hören strengt mich sehr viel mehr an als früher. Irgendwann war mir endgültig klar, dass mich aktiv zu musizieren mehr stresst, als entspannt. Ich genieße jetzt oft einfach die Stille oder auch, das ich das leise Rauschen der Blätter im Wind, dank der Hörgeräte, endlich wieder genießen kann.

 

Leben ist Veränderung – zum Glück

Im Buddhismus wird immer wieder auf die Vergänglichkeit hingewiesen und dass nichts bleibt, wie es ist. Irgendwer nannte es mal, dass die Veränderung die einzige Beständigkeit im Leben ist. Ich spüre dies auch – derzeit: zum Glück. Auch belastende Situationen ändern sich wieder. Und obwohl in der Achtsamkeitspraxis der gegenwärtige Moment so entscheidend wichtig ist: Ich finde es aktuell wunderbar, ein wenig in die Zukunft zu träumen – und da ist dann doch wieder der gegenwärtigen Moment: mir genau darüber bewusst zu sein. Ich spüre viel Vorfreude auf die bevorstehende wohnliche Veränderung. Es macht mir große Freude, mir genau zu überlegen, was, wieviel oder wie wenig Dinge ich dort haben und nutzen möchte. Minimalismus ist für mich Lebenselexier, es ist die Art, wie ich immer schon war: Ich hänge nicht an bestimmten Gegenständen, ich benutze sie lediglich und kann sie im Bedarfsfall auch gut wieder los lassen. Irgendein Lifestyle interessiert mich dabei überhaupt nicht. Was mich interessiert ist Freiheit und Lebensqualität – dafür brauche ich zum Glück keine vollgestopfte Wohnung, es ist aber auch nicht nötig, irgendeinen minimalistischen Olymp zu erklimmen.

 

Entscheidend ist der nächste Atemzug

Sehr wohltuend ist es, wenn es mir gelingt, in all den aktuellen Belastungen, einfach den nächsten Atemzug bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Achtsamkeit erdet mich. Manchmal ist der Atem dann so etwas wie eine wohltuende Salbe, insbesondere auch dann, wenn ich einmal sehr angespannt oder erschöpft bin. Es tut außerdem gut, nicht nur Dinge, sondern auch Illusionen loszulassen, manchmal auch einen Atemzug lang all den Ärger und den Stress. Es hilft mir, Abstand zu gewinnen, mich immer wieder auf den nächsten Schritt zu konzentrieren und auch die schönen Momente wahrzunehmen. Jack Kornfield hat es einmal so wunderbar treffend, so richtig und so wohltuend formuliert, dass ich ihn hier nochmal abschließend zitieren möchte:

„The path through trouble is always made a step at a time, a breath at a time, a day at a time“. (Jack Kornfield)

 

 

 

Minimalismus-Wohnung – Dinge, die ich abschaffen werde

Minimalismus-Wohnung: Entspannter wohnen und wohlfühlen

 

Bei mir stehen einige Veränderungen an. Wenn alles gut geht (danach sieht es aus), werde ich Mitte November in eine wunderschöne Dachwohnung mit 35qm umziehen. 
Zum Umzug ganz unweigerlich gehört immer die Frage, was ich künftig nicht mehr brauche, was entsorgt werden kann. Für mich ist dies die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Dinge nun die Schwelle der neuen Wohnung überschreiten dürfen und womit ich mich nicht mehr belasten will. Dabei geht es mir genau genommen nicht um die Anzahl von Dingen. Wenn ich von Minimalismus-Wohnung spreche, dann geht es mir um entspanntes Wohlfühl-Wohnen – dazu gehört für mich, wenig Aufwand zu haben und mich nicht mit so vielen Dingen zu belasten. Ich möchte wohnen, mich wohlfühlen und mich nicht ständig mit Erwerb, Pflege, Drumrum-Putzen und Entsorgung von irgendwelchem Kram befassen – und sei dieser noch so schick und modern.

Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten immer mal wieder unter dem Stichwort Minimalismus-Wohnung: Entspannter wohnen und wohlfühlen“, einige Aspekte heraus greifen und veröffentlichen. Ein paar Fotos wird’s dann natürlich irgendwann auch noch geben.

 

1. Was brauche ich nicht? Dinge, die ich abschaffen werde:

Auto:
Das Auto wird endgültig verkauft, ich nutze es ohnehin schon lange nicht mehr alleine. Meine künftige Wohnung ist in ruhiger, aber zentraler Innenstadtlage, 15-20 Minuten Fußweg zur Arbeit. Ein Carsharing-Anbieter hat u.a. ein Elektro-Fahrzeug in unmittelbarer Nähe meines Arbeitsplatzes. Es gibt zudem etliche weitere Standorte und noch eine ganze Reihe weiterer Carsharing-Anbieter.
Vieles ist fußläufig oder mit ÖPNV gut zu erreichen. Die nächste U-Bahn und S-Bahn ist 5 Minuten entfernt. Wollte ich zum Hauptbahnhof laufen, wäre ich in ca. 25 Minuten dort, mit der U-Bahn benötige ich ca. 10 Minuten. Es gibt genügend Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe, sogar 2 Bioläden sind in 5 Minuten zu erreichen, ca. 20 Minuten Fußweg oder 10 Minuten mit der U-Bahn entfernt, noch ein Bioladen. Der Wochenmarkt in der Stadt ist in ein paar Minuten U-Bahn-Fahrt zu erreichen. Nicht zuletzt heißt der sog. „Ruhrschnellweg“ (B1, A40) hier im Volksmund „Ruhrschleichweg“. Wir stehen im Ruhrgebiet eh mehr im Stau, als das wir fahren. Wozu also ein Auto??

 

Waschmaschine:
5-Minuten Fußweg entfernt ist ein Waschsalon, die Wohnungsgenossenschaft hat zudem ein weiteres sog. Waschhaus mit Waschmaschinen, die von allen genutzt werden können. Da in einem Waschsalon oder Waschhaus dann auch gleich mehrere Maschinen befüllt werden können und ich insbesondere dann auch kein Theater mit Haltbarkeit von Waschmaschinen, irgendwelchen geplanten Obsoleszenzen haben werde, eine wirklich einfache und bequeme Lösung, die nun erstmal einige Zeit nutzen möchte. 

Trockner
Direkt neben meiner Wohnung ist ein schöner und guter Trockenboden – das macht es nahezu perfekt. Hinzu kommt, dass ein Trockner ohnehin eine ziemliche Energieschleuder ist. 

Fernseher:
Einen Fernseher brauche ich definitiv nicht. Schon seit Jahren habe ich nur einen TV-Stick für den Laptop benutzt. Aber den benötige ich auch nicht. Im Internet sind viele TV-Sendungen zudem auch bereits im Livestream oder anschließend in der Mediathek zu sehen.  Der Sinn von irgendwelchen riesigen TV-Bildschirmen erschloss sich mir noch nie. Die riesigen Köpfe auf der Leinwand, der evtl. nötige Zusatzvertrag für HD-TV für schärferes Sehen – all das will ich nicht, brauche ich nicht, hat für mich nichts mit Lebensqualität zutun. Außerdem: Wenn ich etwas auf einer großen Leinwand sehen will, kann ich auch ins Kino gehen.

Radio, Stereoanlage:
Der Laptop ermöglicht auch hier einen einfachen Ersatz. Die schicksten Lautsprecherboxen sind ebf. nicht erforderlich. Aufgrund meiner Schwerhörigkeit, gehts mir vorrangig um entspanntes Hören, da nutzen Lautsprecherboxen nur begrenzt. Es geht mit Laptop und geeignetem Kopfhörer daher ebenso gut.

 

Minimalismus-Wohnung: Entspannter wohnen und wohlfühlen

Weitere Fragen und Themen werden folgen, manches ist noch offen. Immer geht es für mich um wirkliches Wohlfühlen und um die Reduzierung von Belastung. Ein für mich wichtiges Kriterium dafür, dass ich mich wirklich wohlfühle: nicht aufwändig, Freiräume lassen, und die Frage, ob und welche Alternativen es ggf. gibt. Doch dazu später mehr.

 

 

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Fühlen, was ich wirklich brauche – Achtsamkeit, Yoga und Körperbehinderung

Fühlen, was ich wirklich brauche…

Achtsamkeitsübungen sind und waren für mich insbesondere dann, wenn es um die Körperwahrnehmung geht, immer wieder eine besondere Herausforderung. Ich habe ja auch schon einige Male darüber berichtet (siehe unten angefügte Links). Denn erst durch die regelmäßige Achtsamkeitspraxis ist mir überhaupt bewusst geworden, dass ich mich mit einer Körperbehinderung durchs Leben bewege. Allerdings mit einer Behinderung, die erstmal gar nicht so auffällt. Wie oft habe ich früher Physiotherapie gemacht, wie oft Orthopäden aufgesucht, wie oft mir im Sportunterricht angehört, mir fehle es halt nur an Engagement und ich solle mich nicht so anstellen. Niemand sagte mir, was wirklich mein Problem ist – niemand schaute wirklich genau hin.

 

Bewusstwerden der wirklichen Einschränkungen

Erst durch Achtsamkeit ist mir vieles bewusst geworden und daher jetzt auch anders damit umgehen und letztlich auch gezielter auf Suche nach Klarheit durch medizinische Diagnostik gehen. So fiel mit in der Gehmeditation überhaupt erst auf, dass ich kaum sicheren Halt mit den Füßen finde. Das Yoga im Stehen war ebenfalls immer ein Drama. Egal, was und wieviel ich übte, es ging nicht. Inzwischen weiß ich: Leichte Sichelfüße, die dann noch sehr schmal sind, Senk- und Spreizfuß kommen noch ergänzend dazu. Dann ohnehin leicht schiefe Beine, ein gebrochener Lendenwirbel mit dem ich vermutlich schon mein ganzes Leben herum laufe. Hinzu kommen überdehnbare Gelenke, die z.B. einen Vierfüßerstand schon mal zum Desaster werden lassen. Dann bin ich ja auch noch schwerhörig, was das Üben in einer Gruppe nochmal schwieriger macht. Was mache ich nun mit diesen ganzen Einschränkungen? Es einfach sein lassen? Fast war ich dazu geneigt.

 

Lösungen – Erleben, was ich wirklich kann!

Die Lösung, hatte Sabine, Leiterin der MBSR-Gruppe für Übende mit Vorerfahrung, an der ich immer wieder teilnehme: Sie schlug vor, sich manche Übungen nur gedanklich vorstellen, Varianten zu suchen, auch beim Yoga wirklich mitfühlend mit sich selbst zu sein und nur so viel und so weit zu gehen, wie es gut tut. Kurzum: Im Bedarfsfall anders üben und immer wieder hinzufühlen, ob diese oder jene Übung so wirklich gut oder anders vielleicht besser ist.
Letzten Donnerstag entdeckte ich dann eine interessante Variante für mich: Die Yoga-Übungen im Stehen führte ich überwiegend im Sitzen durch und entdeckte dabei die Stabilität der Sitzbeinhöcker. Und so ging es mir durch den Sinn: SitzBEINhöcker, sind doch auch irgendwie Beine – zumindestens für mich. Sitzen ist für mich auch Stehen. Für mich eine unglaubliche Befreiung: Endlich Stabilität!

 

Varianten, Individualität, Kreativität, Lebensfreude

Ein interessanter Nebenbei-Effekt ergab sich für mich: Jenseits von „08/15“, „Schema F“ und „alle üben gleich“ etwas anders machen können, sich dieses Anders-Tun zugestehen, setzte bei mir auch innerlich etwas frei: Viele neue Ideen und Gedanken gingen mir plötzlich durch den Kopf. Statt des üblichen Stresses durch solche Übungen, spürte ich nun Freiheit, kreative Inspiration und einfach Lebensfreude in mir. Keine Sport- oder Gymnastiklehrer, kein Krankengymnast hat ein solch wunderbares Erlebnis durch Körperbewegung und Körperwahrnehmung je bei mir erreichen können, wie es nun durch wirklich achtsames Yoga und dem nötigen Selbstmitgefühl möglich geworden ist.

 

 

 

Achtsames Reduzieren von Dingen – Minimalismus befreit innerlich

Mein ehemaliges Hobby, Verdrängungskünste und Achtsamkeit

Lange Jahre habe ich aktiv Musik gemacht, viele Jahre aktiv im Chor, auch Gesangs-Solistin, Jazz, Swing, Brazilian Music – Musik finde ich klasse, bis heute. Aber ich mache nur noch wenig aktiv Musik – und wenn, dann eigentlich vorrangig für mich. Ich spiele dann eher Klavier. Dass ich hier meilenweit von irgend so etwas wie Können entfernt bin, stört mich zum Glück wenig.  Ich genieße die Musik – es tut einfach gut.

Mit meiner Schwerhörigkeit ist mir das häufige Singen im Laufe der Zeit einfach zu belastend und anstrengend geworden. Schon während meiner aktiven Zeit war dies belastend und auch anstrengend, es war mir jedoch nicht bewusst. Mir war nicht klar, dass ich einige Töne und Frequenzen nicht oder nur schlecht gehört habe. Dass mir ein HNO-Arzt bereits vor langen Jahren mal gesagt hatte, dass ich einige höhere Töne nicht so gut höre – verdrängt. Ich kannte noch nichts von Achtsamkeit – und bin einfach über meine Anstrengung hinweg gegangen, auch über die Anstrengung, dass ich eigentlich nicht über längere Zeit gut stehen kann.

All dies wurde mir letztlich erst nach und nach durch Achtsamkeit auf meinen Körper klar und dass es mir nicht gut tut, mich mit einem „ich-will-das-aber-trotzdem“ herum zu quälen, sondern einfach mal die vorhandenen Einschränkungen zu sehen, zu akzeptieren und einen behutsameren Umgang damit zu erlernen.

Ungenutzte Dinge belasten

Was für mich immer ein wenig ein Stachel im Fleisch ist bzw. war, sind einige Dinge, die ich noch aus der aktiven Zeit hier habe. Konkret: Gesangsmikrofon, Mikrofon-Ständer, ein Mischpult. Immer mal wieder ging mir durch den Kopf, dass ich diese Dinge seit Jahren nicht benutzt habe und auch absehbar nicht nutzen werde. Auf die Idee, diese loszuwerden, bin ich lange nicht gekommen. Denn: Oh, diese Anschaffungen waren ja teuer, ob ich sie doch noch mal nutze??? Eigentlich war aber klar, dass ich sie nicht mehr benutze. Und so hatte ich immer dann, wenn ich diese Dinge gesehen habe, ein mulmiges Gefühl, manchmal auch Ärger, weil sie nun nur herum lagen: die ungenutzten, ehemals teuren Dinge. Auch dachte ich immer wieder an all die Zeit, Energie und Geld, welches ich in die Musik insgesamt gesteckt hatte und dadurch nun mit eher negativen Gefühlen verbunden waren.

 

Entscheidung zur Reduzierung:

Vorgestern dann endlich meine Entscheidung: Ich gebe diese Dinge ab: der Mikrofonständer ist bereits verschenkt, mein Mikrofon und Mischpult wird verkauft. Und nun merke ich eine Befreiung in mir:

Endlich mal eine Lebensphase verabschieden und damit verbunden merke ich nun auch, dass mir früher die Achtsamkeit für meine wirklichen Bedürfnisse gefehlt hat: Ich habe nämlich eigentlich lieber im Chor oder Vocalensemble als Solo gesungen. Solo war eine Art Notlösung, da ich eine zeitlang mit meinem Stimmumfang nicht so gut in den typischen Chor-Stimmen klar kam. Genau aus diesem Grund hatte ich auch Gesangsunterricht genommen, mich dann aber eigentlich mehr in das Solo-Sängerinnen-Dasein geflüchtet, als dass ich mich wirklich dafür entschieden hatte. Dies klappte dann auch noch gut. Begabungen ohne Achtsamkeit können halt schnell aufs Glatteis führen. Ich bekam wirklich sehr positive Feedbacks,  kaufte mir die Gesangsanlage – und hatte eins übersehen: Singen mit mehreren Menschen macht einfach mehr Spaß. Ich hatte dies – ohne meine jetzige Achtsamkeitspraxis – einfach verdrängt. Es machte mir nicht einmal viel aus, vor einem Publikum Solo zu singen, hatte nur minimal Lampenfieber. Es bedeutete mir aber auch positiv nicht wirklich etwas. Der Kick, den viele andere haben, hatte ich einfach nicht, bekam ihn auch nie. Die Gesangsanlage habe ich kaum benutzt. Die paar Male hätte ich mir locker auch etwas ausleihen können, der Kauf war rückblickend betrachtet unnötig, ein klassischer Fehlkauf.

Reduzieren von Dingen – Minimalismus befreit innerlich

Jetzt merke ich, dass ich mich befreiter fühle, wo ich mich genau von diesem Fehlkauf verabschiede, verabschiede ich mich auch von den damit verbundenen Gefühlen und Gedanken an „war teuer, deshalb MUSS ich es doch vielleicht noch nutzen – aber es passt ja nicht mehr“. Mit dem Abgeben dieser Dinge, kann ich auch innerlich besser loslassen und mich von diesem Lebensabschnitt besser verabschieden.

Und nun tauchen auch wieder die ganzen positiven Gefühle auf: Es war – trotz allem, was ich in dieser aktiven Musikzeit nicht wahrgenommen habe – eine wunderschöne Zeit. Nun kann ich dies auch wieder sehen und genießen. Darüber freue ich mich wirklich. Musik ist heute nicht mehr so dominant, aber es gibt sie noch, aber weniger und an meine Schwerhörigkeit angepasst. Ich fühle sehr genau hin, was und wieviel mir gut tut, womit ich mich und mein Gehör wirklich erfreue und nicht überfordere.

Die Dinge abzugeben ist befreiend, denn ich lasse jetzt endlich auch die damit verbundenen negativen Stimmungen und Gedanken los. Genau dies ist ein wesentlicher Aspekt an Achtsamkeit und Minimalismus für mich, weil inneres und äußeres Loslassen miteinander verbunden ist.

Was bleibt ist die schöne Erinnerung, meine immer noch vorhandene Liebe zur Musik  – aber jetzt entspannt, angepasst an meine jetzige Lebenssituation, angepasst an meine körperliche Befindlichkeit und orientiert an dem, was mir gut tut.

Alltagsachtsamkeit – von Bahnhöfen, Coffee-to-go und innerer Freiheit

Werbung und Konsum – scheinbar überall

Angebote zu Konsumieren begegnen uns täglich. Verlasse ich beispielsweise das Haus um zur Arbeit zu gehen, komme ich an einer Bushaltestelle vorbei. Dort finde ich spätenstens am Bushäuschen irgendeine Werbung. Laufe ich dann weiter zu dem kleinen Bahnhof (ist eher eine Zughaltestelle als ein Bahnhof), finde ich dort dann interessanterweise bis auf Hinweise der Dt. Bahn und des hiesigen Verkehrsunternehmens keine weitere Werbung. Also Fahrt zum Dortmunder Hauptbahnhof und dann manchmal sogar im Zug: Werbung – für irgendwas, für irgendwen. Ich komme am Hauptbahnhof dann an einem der hinteren Gleise an und muss dann zunächst durch die Unterführung laufen. Auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle begegenen mir: mehrere Kioske mit Kaffee (Coffee-to-go), dann ein größerer Kaffestand mit diversen Snacks, Kaltgetränken und Süßwaren, ein Fish-Fastfood mit Kaffee, ein Waffelstand mit Kaffee, 2 Bäckereien mit Kaffee, 1 Drogeriemarkt (dort könnte ich Kaffeepulver kaufen), 2 Buchhandlungen – ausnahmsweise mal ohne Kaffee, dafür Süßwaren. Würde ich aus dem Bahnhof hinaus gehen, wären rechts 2 Fastfood-Anbieter (die natürlich ebf. Kaffee haben), links nochmal Fastfood (klar hat der auch noch mal Kaffee), dann nochmal eine Art kleines Cafe oder Restaurant (… und was gibts da? ….) Es folgt eine Supermarktkette, die dort ein speziell auf die Bedürfnisse von Reisenden ausgerichtetes Angebot hat (und natürlich auch wieder Kaffee bzw. Coffee-to-go und Süßwaren an der Kasse).

 

Konsumieren als automatische Reaktion auf unangenehmes Erleben

Ob ich es will oder nicht, begegnen mir also eine Vielzahl von sinnlichen Eindrücken und endlos scheinende Ess- und Trinkangebote.  Über viele Jahre hinweg, hatte ich am Hauptbahnhof dann auch noch eine längere Wartezeit von ca. 20 Minuten. 20 Minuten, in denen es wegen der Ungemütlichkeit noch am angenehmsten erschien, zu Konsumieren – in diesem Fall der Konsum von Getränken oder Essen. Lange habe ich dies nicht einmal wirklich bewusst wahrgenommen und mich in der Anfangszeit einfach nur auf einen zusätzlichen morgendlichen Kaffee gefreut. Ich hatte allerdings Zuhause gerade erst gefrühstückt und eigentlich brauchte ich wirklich nicht noch einen Kaffee am Bahnhof.

 

Was tun?

Natürlich hätte ich mich in einer solchen Situation entscheiden können: Ok, ich mache eine Minimalismus-Challenge – ich kaufe 30 Tage keinen Coffee-to-go. Damit hätte ich mein automatisiertes Konsumverhalten verändert, was wirklich auch ein erster wichtiger Schritt ist. Aber ich kenne mich: Ich wäre danach recht schnell wieder in die alten Verhaltensmuster zurück gefallen oder erst gar nicht bis zu Tag 30 gekommen. Denn die äußere, sehr unangenehm empfundene Situation war ja immer noch die gleiche. Der zugige Bahnhof noch genauso ungemütlich, die Sitzgelegenheiten fehlten immer noch, die vielen Kaufanreize waren auch noch da.
Was mache ich denn damit? Und noch wichtiger: Was macht das mit mir? Wie reagiere ich darauf? 

 

Alltagsachtsamkeit: Was passiert da eigentlich gerade genau?

Achtsamkeit im Alltag kann genau hier ansetzen. Beispielsweise erstmal achtsam wahrnehmen, was mir auf meinem Weg begegnet und wie ich darauf reagiere – möglichst vorurteilsfrei, ohne Wertungen, ohne gleich zu planen, was ich verändern will. Wirklich einfach erstmal nur wahrnehmen: Was sehe, höre, rieche ich? Wie fühlt sich mein Körper an? Gibt es emotionale Reaktionen? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?

Bei dieser Form der Alltagsachtsamkeit habe ich z.B. festgestellt, dass mein morgendlicher Coffee-to-go,  eine Ablenkungsreaktion ist. Ablenkung von der Wartezeit, der ungemütlichen Atmosphäre, der Kälte im Winter, dem Bahnhofslärm, dem Menschentrubel, den vielen, mich überflutenden Geräuschen. Und es ist durchaus spannend, so etwas dann noch mal über einen längeren Zeitraum zu beobachten.

 

Coffee-to-go – Achtsamkeit

Also habe ich mal über einige Zeit einige Coffee-to-go-Achtsamkeit ausprobiert. Zunächst habe ich den Kaffee bewusst weglassen: Wie reagiere ich? Wie fühle ich mich? Wie verbringe ich die kaffeelose Zeit?

Dann habe ich mir den Kaffee bewusst gegönnt: Wie geht es mir dann? Spüre ich Vorfreude? Wie ist der Geruch? Wie empfinde ich die Wärme? Wie ist der Geschmack? Hält der Kaffeekonsum, was er verspricht? Fühle ich mich danach besser?

Mir ist durch diese morgendliche Kaffee-Achtsamkeit aufgefallen, dass ich durchaus immer etwas unterschiedlich reagiere und empfinde: Manchmal ein Genuß, manchmal aber auch nicht. Denn Kaffee aus Pappbechern schmeckt z.B. nicht wirklich gut, Gedanken zu dem entstehenden Müll gingen mir plötzlich regelmäßig durch den Kopf. Die Vorfreude war oft größer, als der reale Genuß und der Bahnhof war ja immer noch der gleiche. Manchmal war es aber trotzdem erholsam, ein gerade hergestelltes, heißes Getränk in den Händen zu haben. Ich bemerkte auch, dass es schön ist, wenn ich mir etwas Gutes tue – insbesondere, wenn ich mir ganz bewusst etwas Gutes tue.

Dadurch kam mir dann aber auch gleich der Gedanke , wie ich mir denn wohl noch etwas Gutes tun kann. Geht das nur mit dem gekauften Coffee-to-go? Gibts Alternativen dazu? Wie sehen die aus?

 

Alltags-Achtsamkeit:  Was tut mir gut?

Mal wahrnehmen, was mir in einer eher ungemütlichen und unangenehmen Umgebung gut tut – das war mein Vorhaben: Ich bin also wieder morgendlich losgegangen und habe den Weg zur Haltestelle für eine wohltuende Geh-Meditation genutzt. Dadurch änderte sich meine Wahrnehmung. Diesmal registrierte ich interessanterweise nicht als erstes das Bushäuschen mit der Werbung, sondern das aktuelle Wetter: Der Wind, der meine Haut angenehm berührt,  der Regen, der nicht nur vorrangig nass ist, sondern dessen Prasseln zu einer Musik werden kann. Dann fiel mir auf, dass der Blick an der Zughaltestelle sehr schön ist, wenn ich nur mal genau hinschaue: ein Feld, Wiesen, Wälder, Kleingartenanlage. Manchmal konnte man die im Osten aufgehende Sonne beobachten und zuschauen, wie sich die Sonnenstrahlen langsam ihren Weg zwischen den Bäumen bahnten und die Landschaft in ein wunderschönes Licht tauchten. Auch die erste 15-minütige Zugfahrt zum Hauptbahnhof war in der Regel angenehm. Eine angenehme, kleine und saubere Privatbahn mit freundlichem Personal (sowas gibt’s, leider fährt die Privatbahn diese Strecke nicht mehr). Die Mitreisenden dösten, lasen, schauten aus dem Fenster oder ins Smartphone – und meistens war es ruhig, angenehm ruhig. Als mir bewusst wurde, dass ich dies sehr angenehm empfand, habe ich solche Situationen ganz bewusst wahrgenommen und bemerkt, wie ich mir damit etwas Gutes tue.  Ich schaute jetzt bewusst aus  dem Zugfenster und beobachtete, wie die Landschaft an mir vorbei zog oder ich nutzte die Fahrt für eine kleine Atem-Meditation oder ich spürte bewusst das Ruckeln des Zuges, achtete auf die Geräusche beim An- und Abfahren.

 

Alles gleich und trotzdem ganz anders

Als ich am Hauptbahnhof ankam, war der Lärm, die vielen Menschen, die ständigen Kauf-, Essens- und Trinkangebote  natürlich immer noch da. Aber ich bemerkte jetzt auch, dass es diese unangenehme Atmosphäre war, die mich üblicherweise zum Kaffeekonsum brachte. Das bot mir die Chance, das im Alltag anzuwenden, was ich in den formalen Meditationen immer wieder übte: wahrnehmen und loslassen. All das, was ich sah, hörte, roch, war noch genauso da, aber zum Objekt meiner Achtsamkeit geworden und dadurch reagierte ich nicht einfach automatisch. Außerdem hatte ich jetzt auch noch etwas anderes zu tun, als ganz automatisch zu konsumieren und mich über die unangenehme Atmosphäre zu ärgern, nämlich wahrnehmen: Der Lärm war nicht einfach nur Lärm, sondern ich nahm wahr, wie sich der Lärmpegel veränderte, ich nahme wahr, wie ich darauf reagierte. Manchmal spürte ich den Ärger in mir hoch kriechen, manchmal zog ich meine Schultern hoch. Aber nun war ich war weniger in meiner Reaktion auf diese Umgebung verfangen und war dadurch auch besser in der Lage, mal zu schauen, was ich tun konnte, damit ich mich besser fühle – tief durchatmen beispielsweise, die Schultern entspannen, usw.

Fast waren die Bahnhofseindrücke dann so, wie die vorbei ziehende Landschaft während der Zugfahrt – ein Momenteindruck, etwas was da ist, aber auch wieder verschwindet  – ich wartete ja nicht ewig, sondern zeitbegrenzt auf den Anschlusszug. Auf diese Weise  entdeckte ich dann selbst in dieser unangenehmen Bahnhofsatmosphäre etwas, was mir gefiel:
Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz konnte man wunderbar die am sog. „Dortmunder U“  laufenden Video-Installationen sehen. Zur Erläuterung für Nicht-Dortmunder: Das Dortmunder-U ist ein großes Gebäude, die ehemalige Union-Brauerei, die heute als kulturelles Zentrum genutzt wird. Dort zu sehen, ist u.a. die Video-Kunst, die sog. „Fliegenden Bilder“ des Filmemachers Adolf Winkelmann – gut sichtbar an den oberen Fenstern und auch von weitem zu sehen.  Wie sinnvoll, nicht sinnvoll, haarsträubend teuer oder auch nicht dieses Dortmunder-U als Ganzes auch ist – es war und ist sehr wohltuend am trüben Morgen, diese bunten Bilder zu sehen – ganz ohne Werbung, einfach nur Landschaften und Szenen aus dem Ruhrgebiet. Morgendlicher Kunstgenuß statt Kaffeekonsum, einfach wunderbar.

Der Taxistand, der Parkplatz, die umher schwirrenden Menschen, Autolärm, Lautsprecherdurchsagen der Bahn, verspätete Züge, zugige Hallen, fehlende Sitzgelegenheiten – all das war noch genauso da wie zuvor. Achtsamkeit ist ja keine Zauberei und es geht ja auch nicht darum, alles Negative wegzuschieben, zu verdrängen oder so zu tun, als mache mir jetzt plötzlich nichts mehr aus. All das war immer noch unangenehm, aber durch die vorausgegangenen Alltags-Achtsamkeitsübungen konnte ich meine Reaktion auf dieses Umfeld wieder loslassen. Das ging dann auch ganz gut ohne Kaffee, Süßigkeiten und all die anderen Dingen, die dort kaufbar waren.

 

Freiheit gewinnen

Ich bin durch Achtsamkeit freier geworden, selbst zu gestalten, bewusst zu entscheiden – auch darüber, ob ich Konsumieren möchte oder nicht. Kaffeekonsum unterwegs habe ich beispielsweise kaum noch. Wenn ich mir heute mal einen Kaffee zwischendurch gönne, dann ist das ist das eine bewusste Entscheidung und ein bewusstes Wahrnehmen, was gerade passiert. Ich achte darauf, dann wirklich zu genießen – wann immer möglich in einer vernünftigen Porzellantasse, sitzend und – mein Vorteil als Schwerhörige – mit ausgeschalteten Hörgeräten (suuuper!).  Kleine Anregung: Wen der Lärm ebenfalls stört: einfach mal Ohrstöpsel (Ohropax und Co.) ausprobieren. Es ist dann gar nicht nötig, sich ständig über Kopfhörer mit Musik zu bedudeln  – es sei denn, mal als kleine Achtsamkeitsübung im Alltag: Wann schalte ich die Musik ein? Wie geht es mir damit? Was passiert wenn ich sie aus lasse und wie geht es mir damit? …. 😉

 

„Fliegende Bilder“ am Dortmunder-U

Wer wissen möchte, was es mit der Videoinstallation am Dortmunder-U auf sich hat:
http://www.dortmunder-u.de/partner/fliegende-bilder
http://www.fliegende-bilder.de