Vorweihnachtszeit, Schwerhörigkeit und minimalistische Stille

Es ist jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit in etwa gleich: Je näher es auf Weihnachten zu geht, desto voller, hektischer, unruhiger, gereizter und gestresster scheint es zu werden. Die City meide ich um diese Jahreszeit nach Möglichkeit. Ich möchte mich nicht durch die Menschenmassen des riesengroßen Weihnachtsmarktes schieben, kein Weihnachtsklingeling-Musik hören, mich nicht mit Glühwein besäuseln. Als Minimalistin erspare ich mir den vorweihnachtlichen Konsumrausch und ich muss hier auch nicht irgendwelche größten Weihnachtsbäume bestaunen. Es ist mir einfach viel zu laut und viel zu voll.

Wenn dann auch noch auf Dienstbesprechungen plötzlich alle durcheinander sprechen, während dies im Rest des Jahres durchaus auch anders möglich ist, komme ich an Grenzen. Die Normalhörer diskutieren angeregt und vergessen einfach immer wieder, dass da eine Schwerhörige sitzt, die sich gerade kurz vor dem akustischen Supergau befindet. Wörter, Geräusche, Geklapper und Geplapper fliegt durch den Raum. Mein Gehör trifft es wie spitze, messerscharfe Pfeile.

Hörgeräte sind heute wirklich kleine und wunderbare Hightech-Computer, aber sie ersetzen kein normales Hören und die Hörverarbeitung ist anders. Für mich sind solche Lärmkulissen irgendwann nur noch Krach. Es ist laut, aber ich verstehe nicht mehr viel und bei all dem Nicht- und Halb-Verstehen ist es dann auch noch unglaublich anstrengend.

Normalerweise macht es Sinn, Hörgeräte wirklich regelmäßig und mindestens ca. 8 Stunden am Tag zu tragen, damit das Hörzentrum im Gehirn überhaupt die Chance hat, die noch hörbaren Geräusche angemessen zu verarbeiten. Ansonsten kann man es mit den Hörgeräten eigentlich auch lassen. Aber einen großen Vorteil habe ich:

Ich kann die Hörgeräte in besonders belastenden Situationen einfach auch mal runter regeln. Inzwischen stelle ich sie bei akustischer Reizüberflutung schlichtweg komplett aus. Das ist prima beim Bahnfahren und selbst im Supermarkt wunderbar. Ich brauche da keine säuselnde Musik und wenn das Einkaufswagengeklapper plötzlich gedämpfter klingt, ist das so wohltuend. An der Kasse stelle ich die Hörgeräte kurz an, danach sofort wieder aus. Muss ich im Büro nur etwas schreiben, ist es nicht erforderlich, dass ich die mich umgebende Geräuschkulisse komplett mitbekomme. Das lenkt ohnehin nur ab. Besonders in den oft so lauten und hektischen Vorweihnachtstagen ist das wirklich nervenschonend.

Komme ich an manchen vorweihnachtlichen Tagen nach Hause, dann genieße ich meine reizreduzierten und minimalistischen Wohnräume besonders. Es ist diese wunderbare minimalistische Stille, die ich dann besonders zu schätzen weiß. Eine weiße Wand ist da manchmal wie mein ganz persönliches Paradies. Am besten steht einfach mal nichts herum. Ich muss keine Musik hören, mir keine Filme anschauen. Tannenzweige, Kerzenduft, Sternchenglitzer mögen andere Menschen erfreuen. Bei mir bleiben sie draußen. Denn mich interessiert ein ganz anderer Genuss: Ich kann dann endlich in den wunderbaren Klang der Stille hinein lauschen und diese Stille ganz besonders achtsam in mich hinein atmen. Das ist er dann: mein persönlicher, achtsam-minimalistischer Vorweihnachtsgenuss.

Eine Frau, die als Stille-Symbol den Zeigefinger vor den Mund hält
Photo by Kristina Flour on Unsplash

Minimalistisches Putzen und Aufräumen

Ich habe es gerne einfach – insbesondere, wenn es um so für mich langweilige Dinge, wie aufräumen und putzen geht. Diese Tätigkeiten mag ich einfach nicht. Ich finde sie öde und es geht mir total auf die Nerven, wenn alle möglichen Dinge im Weg stehen und ich darum herum saugen oder wischen muss. Was also tun, wenn man es gerne aufgeräumt und sauber hat, aber keine große Arbeit damit haben will? Insbesondere, wo ich als Hausstaub-Allergikerin auch einfach nicht auf das Saubermachen verzichten kann?

Minimalistisches Putzen ist da eine prima Sache. Denn ein minimalistischer Lebensstil mit weniger Dingen bedeutet, dass da, wo nicht so viel ist, auch nicht so viel aufgeräumt und geputzt werden muss. So kann ich in relativ kurzer Zeit alles fertigbekommen. Und so gehe ich dabei vor:

Wie öfters erwähnt, habe ich keine normalen Kleider- und Wohnzimmerschränke. (Roomtouren mit Text, Foto, Video). Die Dinge, die üblicherweise in Kleider- oder Wohnzimmerschrank geräumt werden, passen bei mir in eine ca. 1qm große Abstellkammer. Das ist phantastisch. Es befinden sich dadurch nicht mehr allzu viele Dinge in meinem Wohn-/Schlafraum. Insbesondere habe ich nicht tausenderlei Kleinkram herumstehen. Genau dieser Kleinkram macht nämlich richtig Arbeit. Er staubt nämlich besonders gerne zu und muss so mühsam und kleinteilig wieder abgestaubt werden – genau das, was ich wirklich gruselig finde und worauf ich überhaupt keine Lust habe.

Will ich putzen, staube und wische ich die noch im Wohn-/Schlafraum befindlichen Dinge kurz ab und stelle sie – vom Tisch abgesehen – alle auf meine beiden Podeste (die ich üblicherweise als Sofa und als Bett nutze).

Blick auf 2 Holzpodeste auf denen Futon, Stühle, Teppich, Wäschebox, Hocker, Lampen und Bettzeug gestalpelt ist

Der ganze Kram dieses Zimmers passt so auf 2 Quadratmeter Fläche. Die Menge und der damit verbundene Aufwand ist also sehr überschaubar. Der Rest des Raumes ist nun weitestgehend frei und kann dann schnell und einfach gesaugt und gewischt werden. Ein weiterer Vorteil: Bei diesem Vorgehen hatte ich jedes Teil einmal in der Hand und bemerke schnell, ob es wirklich in mein jetziges Leben passt. Außerdem schaue ich beim Zurückstellen dieser Dinge, ob und wo ich sie denn gerne in diesem Raum haben möchte. Da ich den Hang zum Inhouse-Nomaden habe, ist das zudem prima, da ich so den Raum immer mal wieder nach meinen aktuellen Bedürfnissen neu ausrichten und gestalten kann.

Minimalistisches Putzen funktioniert auf diese Weise wirklich vergleichsweise einfach und effektiv. Da hierdurch immer eine Grundordnung und Grundsauberkeit da ist, ist es auch kein Problem, wenn mal was dazwischen kommt und– wie im Moment – wegen einer Rippenprellung selbst dieses minimalistische Putzen nicht wirklich funktioniert, so dass ich daher zwangsläufig mal „Fünfe gerade sein lassen“ muss. Gerade, wenn eine solche körperliche Einschränkung im Weg ist, weiß ich Minimalismus wirklich zu schätzen. Das Leben ist viel einfacher und viel bequemer.

Konsumrausch

Es ist erst einige Wochen her, als uns die diesjährige, lange Dürreperiode, den Klimawandel bedrückend erfahrbar werden ließ. Inzwischen ist es kühler und regnerischer geworden und die vom besonderen Konsumrausch geprägten Wochen stehen vor uns.

Atemlose Weihnachtszeit

Schon seit Jahrzehnten empfinde ich diese Zeit vor Weihnachten atemlos. Hektik, Lautstärke und Anspannung nehmen mit jeder Woche zu. Weihnachtskekse liegen schon seit Wochen in den Regalen. Der merkwürdige Gruselspaß zu Halloween ist gerade überstanden, da werden Laternen gebastelt und Martinsbrezel gekauft. Zu Nikolaus beschränken wir uns schon lange nicht mehr auf „Apfel, Nuss und Mandelkern“. Kann ich dann zu Weihnachten irgendwie noch verstehen, wenn Kinder beschenkt werden, so ist es mir völlig schleierhaft, warum Erwachsene untereinander so oft keine Alternative zum Schenken von Dingen finden können. Warum so viel? Es gibt doch so viele Wege, sich gegenseitig etwas Gutes zu tun.

Eine Sammlung von Geschenketüten
Photo by freestocks.org on Unsplash

Liegt Weihnachten hinter uns, kümmern wir uns um die Vorbereitungen zur Silvesterfeier und im Neuen Jahr können wir uns dann mal irgendeinen guten Vorsatz fürs Neue Jahr vornehmen. Meistens tauchen dann in den Regalen der Geschäfte irgendwelche Fitnessdinge auf, die wir kaufen sollen, um die weihnachtliche Völlerei wieder abzutrainieren.

Wenn sich der Rausch in Streits entlädt

Konsumrausch – das sind die vielen unsinnigen Dinge, mit denen wir uns die Wohnung vollrümpeln. Konsumrausch ist aber auch die ständige Hetzerei von einer Feier zur nächsten. Berauscht sein auch von den Anspannungen und Vorbereitungen aufs weihnachtliche Fest. Je mehr wir uns hineinsteigern, um so größer ist die Gefahr, dass sich die anfängliche Vorfreude in hohe Anspannung umwandelt und sich irgendwann in handfesten Streits entlädt. Trotzdem lenken wir uns ab, berauschen wir uns. Doch ein Rausch ist schnell vorbei, was irgendwann folgt, ist die Ernüchterung.

Innehalten

Es mag etwas altbacken klingen, die Wochen bis Weihnachten zum Innehalten zu nutzen, aber ist es nicht das, was wir wirklich brauchen? Einfach mal einige vorweihnachtliche Termine streichen (man muss ja wirklich nicht auf jeder Advent- und Weihnachtsfeier anwesend sein), den weihnachtlichen Konsum- und Geschenkewahnsinn reduzieren. Sich Zeit nehmen. Vielleicht mal MIT den Kindern spielen, anstatt nur die Kinderzimmer mit Zeugs vollzurümpeln. Zur Ruhe kommen und auch mal schauen, welches Geschenk wir unserer geschundenen Umwelt machen können: Das Auto stehen lassen, Plastikmüll reduzieren, Fast-Fashion ablehnen, einen Bogen um die Coffee-to-go-Becher machen, nicht noch mehr Elektronikschrott produzieren und vieles mehr. Sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt etwas Gutes tun, dafür brauchen wir keinen Konsumrausch. Innehalten, Alternativen finden, unnötigen Stress und Geschenkballast reduzieren- auch das ist praktizierte Achtsamkeit und sinnvoller Minimalismus.

 

handgeschriebenes Papier mit Aufschrift "Mindfulness" an einem Fenster stehend.
Photo by Lesly Juarez on Unsplash

Abschließend angemerkt, habe ich mich 1986 von dieser weihnachtlichen Geschenke-Orgie verabschiedet. Das Patenkind bekam noch etwas, alle anderen nicht. Ein Jahr vorher angekündigt, gab es natürlich (erwachsene) Menschen, die davon überhaupt nicht begeistert waren, aber sie haben es alle überlebt und ich habe in den zurückliegenden 32 Jahren wirklich nichts vermisst.

Zeit geniessen

Weniger ist mehr

Weniger ist mehr gilt für mich nicht nur für Dinge. Weniger ist mehr gilt für mich auch für die Zeit, die ich mir nehme, denn meine Zeit muss nicht vollgestopft sein mit Aktivität. Ich muss auch nicht ständigen Attraktionen hinterherlaufen. Dazu genieße ich es viel zu sehr, etwas mit Ruhe tun zu können.

Sich Zeit lassen

An freien Tagen ist es beispielsweise ein besonderer Genuss, mir morgens einfach Zeit lassen zu können. Dann kann ich meinen Gedanken nachhängen, den Geruch von Kaffee in die Nase steigen lassen, das morgendliche Duschen zelebrieren, einen Schluck kühlendes Wasser genussvoll die Kehle hinunterfließen lassen. Das Zähneputzen macht viel mehr Spaß, wenn ich es mir als Zahnmassage vorstelle und es ist schön, wenn ich der trockenen Haut ein wenig wohltuendes Öl gönne.

Freiräume

Freiräume sind viel mehr, als die von überflüssigem Kram befreiten Schränke und Wohnräume. Zeit ist der Freiraum, den ich nicht immerzu mit Terminen und Aktivitäten füllen muss. Stattdessen gönne ich mir die Freiheit, zweck- und zielgebundenes Denken und Handeln einfach mal loszulassen, um die kleinen und so wertvollen Momente eines Tages besonders zu genießen. Ob ich das dann Alltagsachtsamkeit oder Zeit-Minimalismus nenne, ist eigentlich egal. Es ist insbesondere einfach ein großer und luxuriöser Genuss.

 

Foto einer nur teilweise sichtbaren Person, die eine Tasse festhält mit der Aufschrift: A simple Life
Photo by Easton Oliver on Unsplash

 

Zeit nehmen und Zeit geniessen – Anregungen zu Achtsamkeit:

Zeit wirklich geniessen zu können, ist auch eine Übungssache. Den gegenwärtigen Moment überhaupt erst einmal bewusst wahrzunehmen, dafür kann Achtsamkeit sehr hilfreich sein:

Achtsamkeitsübungen

 

 

Der richtigen Zeitrahmen für die Meditation

Meditation lebt von der regelmäßigen Wiederholung und Übung. Es gibt zahlreiche Anleitungen, die dabei helfen können einen Einstieg in die Meditation zu finden. Aber wie lässt sich der richtiger Zeitrahmen für die Meditation finden?

Mich hat die Frage nach dem für mich passendem zeitlichen und inhaltlichem Rahmen immer wieder beschäftigt. Einerseits habe ich einige Einschränkungen in der Beweglichkeit, die ich berücksichtigen und für die ich Lösungen finden muss, andererseits bin ich auch einfach nicht der Typ für „Schema F“. So gut und sinnvoll Vorgaben und Empfehlungen von außen sein mögen, diese „einfach“ übernehmen und mir aneignen, das ist nicht mein Ding. Ich möchte meine eigenen Lösungen finden, erst dann fühle ich mich wohl. Daher habe ich lange Zeit experimentiert, wie nun ein passender Zeitrahmen, speziell für die Sitzmeditation gefunden werden kann und bin zu folgenden Ideen und Lösungen gekommen:

Den richtigen Zeitrahmen für die Meditation finden

  1. Lieber kurze und regelmäßige Meditationszeiten, als nur gelegentliche lange Meditationen. So beeindruckend es ist, wenn man sich am Wochenende beispielsweise gleich 2 Stunden Zeit nimmt, es bringt wenig, wenn die restliche Woche nichts läuft. Daher ist es besser, sich im Bedarfsfall nur 5 Minuten Zeit zu nehmen, dann aber täglich.
  2. Im Bedarfsfall auf andere Achtsamkeitsübungen ausweichen. Dies macht dann Sinn, wenn so wirklich gar nichts zu gelingen scheint. Auch hier ist es wichtig auf Regelmäßigkeit zu achten. Beispielsweise sich beim morgendlichen Duschen, wirklich auf das Duschen konzentrieren, das Wasser auf der Haut spüren, das abtrocknen, usw – gedankliche Pläne für den Tag immer wieder loslassen und zur Wahrnehmung des Duschens zurückkehren. – Ich habe in Phasen, wo ich mich nur schwer auf das Meditieren einlassen konnte, damit begonnen, den Weg zur Arbeit für achtsames Gehen zu nutzen. Diese Übung gestaltete sich im Laufe der Zeit zu einem wunderbaren, entspannten Rahmen vor und nach dem Arbeiten, den ich bis heute beibehalte. Ich achte darauf, den Boden unter meinen Füßen zu spüren, den Wind auf meiner Haut, den Regen, die Sonne, die Geräusche. Solche einfachen Übungen helfen, dranzubleiben und den Zugang zur Meditation nicht ganz zu verlieren und irgendwann dann doch wieder „die Kurve zu bekommen.“
  3. Offenes Meditieren. Mit offenem Meditieren meine ich, die Sitzmeditation ohne festen, vorgegebenen zeitlichen Rahmen zu gestalten. Ich habe es so gehandhabt, dass ich einfach mal längere Zeit ausprobiert habe, wie lange ich die Sitzmeditation von mir aus übe und wann der Zeitpunkt da ist, wo ich denke: „Ok, jetzt reicht es.“ Im Laufe der Zeit kristallisierte sich so ein gewisser Rahmen heraus. Bei mir lag er bei ca. 15 Minuten.
  4. Offenes Meditieren – Plus: Mit offenem Meditieren – Plus meine ich, zu der persönlich gefundenen angenehmen Zeit (siehe zuvor in Punkt 3) nochmal einige, wenige Minuten anzufügen. Ich habe dann beispielsweise an die 15 Minuten, die ich mich in der Regel gut aufs Meditieren einlassen konnte, nochmal 5 Minuten hinzugefügt. Dies lässt den Hintergrund der eigenen Grenzen bewusster wahrnehmen und Lösungen finden, sowie diese Grenzen schrittweise ein Stückchen zu erweitern.
  5. Mit eigenen Einschränkungen und Begrenzungen bewusst umgehen und persönliche Lösungen ausprobieren: Wichtig erscheint es mir auch, die eigenen Grenzen und Einschränkungen besonders achtsam wahrzunehmen. Egal, ob körperliche Erkrankungen oder Beeinträchtigungen, Stressreaktionen, Behinderungen, emotionale Tiefs oder was auch immer eine Rolle spielt: Es ist wichtig, nicht darüber hinwegzugehen, sondern im Bedarfsfall eigene und ganz persönliche Lösungen zu finden. Ich verzichte beispielsweise inzwischen bewusst auf Meditationshocker oder Meditationskissen und nutze einen Stuhl für die Sitzmeditation. Manchmal lege ich mir ein kleines Kissen in den Rücken, manchmal nutze ich einfach den Balkonstuhl und achte sehr bewusst darauf, dass es mir körperlich gut geht. Außerdem dehne und bewege ich mich zwischenzeitlich und lockere ggf. meine Muskulatur – mit Sicherheit sehr viel öfter, als der „Durchschnitts-Meditierende“ (wenn es denn so etwas gibt).
  6. Gerade für Anfänger sinnvoll finde ich den Bodyscan. Er ist eine ideale Basisübung, um ein besseres Gefühl für die eigenen körperlichen Reaktionen zu bekommen. Auch wer Erfahrung im Meditieren hat, wird vom Bodyscan immer wieder profitieren.
  7. Ob man besser morgens, abends oder im Tagesverlauf meditiert, ist aus meiner Sicht ebenfalls etwas, was man ausprobieren sollte. Je nach meiner jeweiligen Arbeitszeit, wechselt diese beispielsweise bei mir.

Meditation – sich einlassen, statt aushalten oder weglassen

Wichtig erscheint mir insbesondere eins: In der Meditation geht es nicht darum, sich an irgendeinem Durchschnitt orientieren oder irgendwelchen Empfehlungen einfach nur zu folgen. Meditation ist keine sportliche Leistung. Es geht auch nicht darum, etwas auszuhalten. Meditation bedeutet, sich auf das Meditieren wirklich einzulassen. Der zeitliche Rahmen sollte sich genau daran orientieren und dürfte je nach Person und Situation unterschiedlich lang oder kurz sein. Im Laufe der eigenen Übungspraxis gelingt es dann in der Regel immer besser, mit den eigenen persönlichen Grenzen umzugehen und bei Bedarf individuelle und tragfähige Lösungen zu finden.

Die Quelle meiner Texte…

Ganz nebenbei: Meditation ist die Quelle meiner Texte auf dieser Webseite. Ohne das Meditieren – mit all den Hochs und Tiefs, die es dort gibt – wäre ein Größteil meiner Texte hier nie entstanden. Ich hätte viele meiner Gedanken und Ideen einfach nicht gehabt. Natürlich meditiere ich nicht, DAMIT mir etwas einfällt, das würde nie im Leben funktionieren. Meine Texte entstehen eher im Loslassen aller Pläne, Vorhaben und ToDo-Listen und sind eher die Folge oder auch Auswirkung der Meditation.

Klangschale auf Dielenfußboden

Digitale Welt

Unsere digitale Welt hat viele Möglichkeiten. Ich schätze diese sehr mit all ihren Geräten, mit all den vielfältigen Vernetzungs- und Informationsmöglichkeiten. Oft denke ich, wie schön es gewesen wäre, hätte ich diese Möglichkeiten als Jugendliche und junge Erwachsene gehabt. Damals habe ich manchmal wochenlang auf irgendein Buch gewartet, um an Informationen heran zu kommen. Und Telefonieren war auch so ein Thema. Einige ganz wenige Telefonate im Monat, immer schön nach 21 Uhr, damit es nicht so teuer wird. Eine Wahlwiederholung hatte mein erstes eigenes Telefon noch nicht. Es war grün, hatte eine Wählscheibe und hing an einer in der Wand fest installierten Schnur. Mit meinen wenigen Telefonaten kam ich auf rund 35 DM im Monat. An ein Fax war noch gar nicht zu denken. Das erste 20-bändige Taschenlexikon war dann eine aufregende Sache. So viele Informationen auf so relativ wenig Raum. Ich stöberte stundenlang in den Büchern – nicht, weil ich eine bestimmte Information suchte, sondern einfach so, weil es so schön war und so einfach und so informativ.

Heute ist dies alles viel einfacher. Es gibt kaum eine Information, die nicht irgendwo im Internet zu finden ist. Ich bin auch nicht mehr gezwungen, das halbe Ruhrgebiet nach irgendeiner passenden Hose abzusuchen, die mal nicht zu kurz für mich ist. Insbesondere muss ich nicht notgedrungen irgendwo in der Herrenabteilung nach einer Jeans schauen, die zwar lang genug ist, aber der Schnitt für mich als Frau nunmal nicht passt. Bin ich froh, dass dieser Zirkus vorbei ist! Finde ich nichts vor Ort, bestelle ich meine Hosen im Internet.

Ich genieße diese digitale Welt, ich nutze sie auch. Trotzdem: Es gibt auch ein Leben ohne ständig aufploppende Nachrichten am Smartphone und auch außerhalb des Laptop-Rahmens findet eine Menge Leben statt. Um etwas zu notieren, brauche ich nicht jedesmal irgendeine App auf dem Handy. Da reicht meistens auch ein gewöhnliches Notizbuch und ein Stift. Das ist viel unabgelenkter und irgendwie auch sinnlicher. Es ist insbesondere einfacher, mal nur den eigenen Gedanken nachzuhängen oder in sich hinein zu spüren.

Notizbuch mit Füller

Die digitale Welt sorgt dagegen für ständige Ablenkbarkeit. Die Gefahr von Reizüberflutung ist hoch. Auch wenn sich in der digitalen Welt vieles entdecken lässt, es besteht die Gefahr, dass wir dabei das Wichtigste verlieren: Uns selbst. Aus diesem Grund habe ich mich vor ca. 4 Monaten Zeit zunächst von Facebook, später auch von Twitter verabschiedet. Instagram ist mir zu aufwändig. Fotos machen und mir Hashtags überlegen, wenn ich mich einfach mal über das Social-Media-Netz ein wenig austauschen will, finde ich zu umständlich. Ich habe doch nicht meine Arbeitszeit reduziert, um die dann zur Verfügung stehende Zeit mit solch aufwändigen Dingen zu verbringen. Da schaue ich doch lieber mal bei den unterschiedlichsten Bloggern vorbei, die immer wieder Interessantes zu erzählen haben.

Erfreulicherweise gibt es auch die Minimalismus-Stammtische, sowie die auch in diesem Jahr stattfindende Minimal-Kon, das Jahrestreffen für Minimalismus-Interessierte aus dem deutschsprachigen Raum. Es gibt also immer noch zahlreiche Möglichkeiten, sich über Minimalismus und „Gott und die Welt“ auszutauschen, ohne dass irgendein Social-Media-Algorithmus darüber entscheidet, was ich sehe oder nicht.

Die Herausforderung und Chance unserer Zeit ist es, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, sich aber nicht davon dominieren zu lassen. Damit haben wir die phantastische Möglichkeiten, die Vorteile der analogen und digitalen Welt miteinander in Einklang zu bringen.

Minimalismus – der Blick auf das Wesentliche

Ich habe noch einmal sehr deutlich gespürt, dass vieles von dem, was ich in den letzten Monaten gemacht habe, nie ohne meinen minimalistischen Lebensstil funktioniert hätte. In den letzten 4 Monate lag mein Fokus ganz klar auf meiner normalen Berufstätigkeit und dem Schreiben des Buches, sowie der nötigen Erholung dazwischen. Mit einem „üblichen“, d.h. annähernd durchschnittlichem Konsumstil wäre in meinem Berufsfeld eine Vollzeitstelle nötig. Dann hätte ich aber nie ein Buch schreiben können, schon gar nicht wäre ich dann in der Lage gewesen, jetzt auch noch umzuziehen. Der Blick auf das Wesentliche, also auf das, was hier und jetzt gerade so ansteht, erleichtert mir wirklich vieles.

Das Manuskript meines Buches „Wenig Dinge braucht das Glück“ sind inzwischen beim Verlag. Entrümpeln, Aufräumen und Achtsamkeit miteinander zu verbinden, ist schon etwas ungewöhnlich. Aber mir gefällt es. Natürlich hätte ich noch dies, das und jenes schreiben können. Irgendwann war ich aber an dem Punkt, an dem ich bemerkte, dass alles, was ich noch hinzufüge, in den Bereich der Verschlimmbesserung gehen würde. Irgendwann ist es dann einfach genug mit dem Schreiben – selbst dann, wenn ich einzelne Themen noch ins Unendliche ausweiten könnte. Aber wenn die Leser_Innen vor lauter Lesen nicht zum Aufräumen kommen, ist das ja auch irgendwie unsinnig 😉. Nun warte ich gespannt auf die Layouts für das Cover des Buches.

Fast wie ganz nebenbei, habe ich dann auch noch die neue Wohnung gefunden, in die ich bald einziehen werde. Als ich gestern aus dem Fenster schaute, sah ich zufällig, wie jemand schräg gegenüber auszog und erstmal alle Dinge draußen auf die Wiese vor das Haus stellte. Lieber Himmel bin ich froh, weniger Besitztümer zu haben. Ein „normaler“ Umzug hat etwas von Horror pur. Meine Sachen einzupacken war zum Glück kein großer Aufwand und ich bin in diesem Punkt sehr entspannt.

Eine Zimmerecke, in der 2 größere und 2 kleinere Kartons stehen, sowie 5 unterschiedlich große Taschen und 1 Koffer stehen. Am rechten Bildrand ein auseinander genommener Schrank.

Auf dem Bild oben fehlen nur noch einige Dinge aus Küche und Bad, die derzeit noch in Verwendung sind. Einiges Werkzeug und Putzutensilien landen ja ohnehin immer als erstes in der neuen Wohnung.

Blick in Küchenunterschrank: rote Kiste mit Putzuntensilien, 2 Holzkästen mit einigen Küchenutensilien. Vor dem Schrank stehend: 1 Werkzeugkiste, rechts daneben eine weiße Box mit Nahrungsmittelvorräten
Die wesentlichen Dinge für die Zeit kurz vor und nach dem Umzug.

Der einzige Haken dieses minimalistischen Umzuges ist eigentlich nicht wirklich ein Haken: Ein Umzug mit Umzugsunternehmen hätte sich weder für mich, noch für das Umzugsunternehmen gelohnt. Zuwenig Kram. So etwas nenne ich Luxusproblem. Also lasse ich mir etwas mehr Zeit. Das ein oder andere Teil wird sogar zu Fuß in der rund 200 Meter entfernten neuen Wohnung landen. Ganz einfach deshalb, weil ich sowieso häufiger dort entlang gehe. Dann werden noch ein paar Teile mit dem Carsharingauto transportiert und Anfang Juni die Möbel. Beim nächsten Minimalismus-Stammtisch Ruhrgebiet am 3.6. ist dann alles in der neuen Wohnung. Dass zwischendurch alles ein wenig improvisiert ist, stört mich nicht – ganz im Gegenteil. Es macht mir sogar Spaß. Mich erinnert es an Camping mit den eigenen Möbeln und somit empfinde ich eher Urlaubsgefühle, als Umzugshorror. Es muss einfach nicht immer perfekt sein. Wenn ein paar Dinge mal nicht ständig griffbereit sind, stört es in keinster Weise. Ich kann essen, schlafen, mich erholen. Der Blick auf das Wesentliche fällt mir leichter als früher. Das entspannt und befreit.

im Vordergrund ein Holztisch auf dem eine Kaffeetasse, Wasserflasche, Glas und Laptop stehen. Im Hintergrund ein Fenster. Es sind 2 Baumkronen zu erkennen.

1 Jahr Minimalismus-Wohnung – ein Resumee

Vor etwas über einem Jahr zog ich in meine jetzige Wohnung. Nach 12 Jahren Wohnen in Beziehung und WG nun wieder eine Wohnung für mich alleine. Es war mir klar, dass Minimalismus als Lebensstil genau zu mir passt und  meine vier Wände entsprechend ausgerichtet sein sollten. Einige Teile musste ich mir aber trotzdem noch kaufen. Eine Rückblende nach etwas über einem Jahr, was sich bewährt hat und was nicht.

Was sich nicht bewährt hat:

Einbauküche
Ein großer Einrichtungsbereich war meine Küche. Ich wusste zwar, dass ich ohnehin nicht so viel koche, daher eine kleine Ausstattung reicht. Aber die Herausforderung war der extrem kleine Küchenraum. [Wie ich diese Herausforderung gelöst habe, steht hier: Minimalismus in der Küche]

Blick auf die Holzarbeitsplatte mit links Spüle, dann Utensilien für Kaffee kochen, dann Einzelkochplatte mit Wasserkessel

Was mir jetzt nach einem Jahr Nutzung auffällt: Die Kombination von Holz und der Farbe weiß gefällt mir. Die Küche ist praktisch und hat in dem kleinen Raum tatsächlich viel Arbeitsfläche. Die Küche gefällt mir trotzdem nicht so richtig. Sie war halt vorrangig eine pragmatische Entscheidung. Einbauküchen sind nicht mein Ding. Ich werde sie nie mögen – auch dann nicht, wenn sie schön aussehen und praktisch sind. Ich bin ein Fan von Modulküchen: Hier eine Spüle, dort ein Kühlschrank und irgendwo noch eine Arbeitsfläche mit der Kochplatte. Weil ich Einbauküchen nicht mag, ist die jetzige Küche auch immer noch keine wirklich eingebaute Einbauküche. Das hätte ich mir eigentlich denken können, habe ich aber nicht … Und so sind die Fußleisten sind immer noch nicht dran, die Abschlussleisten der Arbeitsplatte ebenfalls nicht. Den Einbaukühlschrank hätte ich auch nochmal etwas exakter einbauen können. Ich hatte aber bislang einfach keine Lust daran und konnte mich entsprechend nicht dazu aufraffen. Es stört mich aber auch nicht so wirklich.

Bedarf an Schränken überschätzt
Meinen Bedarf an Schränken, um Zeugs unterzubringen, habe ich überschätzt. 3 kleine gebrauchte Holzschränke hatte ich. Alle drei stehen inzwischen auseinander gebaut im Keller. Die in die Schränkchen ursprünglich hinein gestellten Dinge, passten problemlos woanders hin. Also wenn noch jemand Ivarschränke braucht…

Ein wenig ähnlich geht es mir derzeit mit 2 weiteren Schränken, beide insgesamt 1,50m breit und 35cm tief. Irgendwann entdeckte ich die geniale Falttechnik von Marie Kondo und seither ist mir klar, dass Kommoden nicht nur für T-Shirts, sondern für viele andere Dinge sehr viel praktischer sind. Bei den Schränken geht es mir ähnlich, wie mit der Küche: Sehr schön, irgendwie passen sie aber nicht richtig zu mir. Zum Glück waren die Schränke nicht neu, sie sind also kein Fehlkauf, sondern haben schon einige Lebenszeit hinter sich. Ganz nebenbei fällt eine weitere „kleine Marotte“ von mir auf: Die Schränke haben keine Türgriffe, seit 11 oder 12 Jahren nicht. Mir gefällt es ohne Griffe besser.

2 birkenfarbene Schränke, 100 und 50cm breit.

Was sich bewährt hat:

Mein Futon. Auf einem Futon zu schlafen, ist einfach klasse. Ich genieße es immer noch und möchte darauf nicht wieder verzichten. [Näheres dazu hier: Auf einem Futon schlafen]

Futon zu eine Art Sofa zusammengefaltet

Die flexiblen Tische. Ich habe einen rechteckigen und einen quadratischen Tisch. Darüber hinaus noch einen sehr alten schwedischen Klapptisch in der Küche. Alles ist wunderbar flexibel. Da ich ohnehin gerne mal die Wohnung umräume, geht das mit diesen Tischen einfach wunderbar und ich kann sie sehr multifunktional nutzen [Siehe: Multifunktionales Wohnen]

rechteckiger Esstisch für 2 - 4 Personen

Kein Auto. Bin ich froh, kein Auto mehr zu haben! Es ermöglicht mir u.a. in Teilzeit arbeiten zu können. In 5 Minuten erreiche ich Bus, S-Bahn und U-Bahn. In 20 Minuten bin ich zu Fuß bei meiner Arbeitsstelle, in der gleichen Zeit mitten in der Innenstadt von Dortmund. Das anfängliche Carsharing habe ich wieder gekündigt, da ich es kaum genutzt habe. Im Bedarfsfall ist es günstiger für mich, mir einfach einen Leihwagen zu mieten.

Keinen Fernseher, keine Stereoanlage. Beides brauche ich nicht, es fehlt mir nicht und ich bin froh, dass dieses Zeug nicht bei mir herum steht. Ich nutze den Computer, der sich problemlos multifunktional verwenden lässt.

Nicht zu früh und nicht zu schnell kaufen hat sich ebf. bewährt. Nicht alles, was ich zu brauchen meine, verwende ich dann im Alltag auch. Fehlt etwas, kann ich es dann immer noch kaufen. Das meiste Zeugs fehlt aber meistens gar nicht. Es hätte eh bloß herum gestanden. Wozu drei Kochlöffel, wenn ich mit einem Kochlöffel auch prima klar komme? Und sollte mir wirklich irgendwann doch noch ein weiterer Kochlöffel fehlen, kann ich mir den dann auch noch kaufen.

Wie es weiter geht:

Die Küche wird einfach erst mal so bleiben, wie sie ist. Derzeit wohne ich im Dachgeschoß, da passt es so am besten. Da ich nächstes Jahr 57 Jahre werde und sicherlich nicht mehr mit 70 Jahren die Einkäufe in die 4. Etage schleppen möchte, mache ich mir zur Küche erst Gedanken, wenn mal irgendwann eine Wohnung in Erdgeschoß oder 1. Etage ansteht. Die Wohnlage ist perfekt für mich, daran möchte ich nichts ändern, auch gefällt mir genossenschaftliches Wohnen besser, als private Vermieter oder Vermieter, die ihre Häuser vorangig als reines Investitions- oder Spekulationsobjekt sehen.

Die Schränke werden über kurz oder lang sicherlich durch Kommoden oder ähnliches ersetzt. Diese passen besser zu mir, ggf. werde ich sie mit ein paar Rollen ausstatten, um sie leichter verschieben zu können.

Minimalismus ist Luxus

Wieder einmal ist mir klar geworden: Minimalismus als Lebensstil ist Luxus. Natürlich nicht der Luxus, viele Dinge zu besitzen, sondern der Luxus der individuellen Lösungen. Es ist der Luxus, sich am eigenen, persönlichen Bedarf orientieren zu können. Es ist der Luxus, wenig Zeit mit Putzen und Aufräumen zu verbringen.  Es ist auch der Luxus, dass ich für Dinge, die ich nicht kaufe, nun mal auch nicht arbeiten gehen muss.

Minimalismus ist Burnout-Prävention

Letztlich ist Minimalismus sogar der Luxus, weiterhin erwerbstätig bleiben zu können. Ich kann meinen – manchmal sehr anstrengenden – Beruf als Sozialpädagogin weiter ausüben. Viel Konsum würde bedeuten, dass ich Vollzeit arbeiten müsste. Allerdings ist dies nach den vielen Jahrzehnten sozialer Berufstätigkeit genau das, was ich nicht mehr ohne weiteres schaffen würde und auch nicht mehr möchte. Minimalismus ist für mich daher auch eine perfekte Burnout-Prävention. Es geht mir so viel besser. Ich fühle mich wohler. Ich bin ausgeglichener und entspannter. Von diesem Luxus profitiere dann nicht nur ich selbst, sondern auch die Menschen, mit denen ich täglich beruflich zu tun habe.

Filmtipp: Zeit für Stille

Zeit für Stille

Es ist der Samstag vor dem 1. Advent, als ich losziehe, um mir im Kino den Film „Zeit für Stille“ anzuschauen. Ich verlasse meine ruhige Wohngegend. Als ich mich der vielbefahrenen Straße nähere, dringt Autolärm an mein Ohr. An der U-Bahn-Haltestelle wird es wieder ruhiger, nur die Geräusche der Rolltreppe sind zu hören. Einige Menschen unterhalten sich, dann quietschen die Bremsen der heran fahrenden U-Bahn. Der Großteil der Menschen hier ist auf dem Weg in die Einkaufszone der Innenstadt. Das alljähliche Vorweihnachtsshopping hat längst begonnen. Die ehemals stille Adventszeit ist längst zu einem Weihnachtsjahrmarkt geworden – bunt, laut, voll. 

Frau von hinten fotografiert. Wehende Haare. Im Hintergrund verschwommen ein vorbeifahrender Zug.
Foto: © www.zeit-fuer-stille.de

Eine Handvoll Menschen hat schließlich trotzdem den Weg ins Kino gefunden. Es ist still, selbst die üblichen Popcorn-Raschelgeräusche fehlen.

 

Zeit für Stille – der Film

Grünes Feld. An der Grenze zum Horizont ein mittig stehender Baum
Foto: www.zeit-fuer-stille.de

Patrick Shen gelingt es in dem Dokumentarfilm, nicht nur Bilder zu zeigen und interessante Interviews zu führen, sondern die Inhalte für den Zuschauer erlebbar werden zu lassen. Ich bin im ersten Moment überrascht, über die heute so selten gewordenen, langen Bildeinstellungen, genieße sie dann aber um so mehr. Sie lassen tatsächlich meine Augen und Ohren zur Ruhe kommen und mich intensiver in den Film eintauchen. Plötzlich wird der im Wind wehende Grashalm interessant. Ob es der schweigende Wanderer ist, die Mönche im Kloster oder die Menschen bei der japanischen Teezeremonie, überall ist die Weite und das Aufatmen dieser Stille spürbar. Die Zeit scheint zu stehen und die vermeintlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur verwischen.

Die Wirkungen des Lärms werden ebenfalls eindrucksvoll dokumentiert. Mir wird deutlich, was für eine mitunter verrückte Welt wir selbst produzieren. Die Auswirkungen des Lärms ist für mich bis in den Kinosessel hinein spürbar. Ich empfinde manche Geräusche so unangenehm, dass sich meine Muskulatur unwillkürlich zusammen zieht. Ich bin froh, als sich die Zeit für Stille wieder im Film und auch in mir ausweitet. 

Zeit für Stille: Ein sehens-, hörens- und spürenswerter Dokumentarfilm.

 

Daten zum Film:

Titel: Zeit für Stille
Regie: Patrick Shen
Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln
FSK: o. Altersbeschränkung
Laufzeit: 81 Min.
Kinostart: 30. November 2017
Verleih: Mindjazz-Pictures

Kinotermine

http://mindjazz-pictures.de/kinotermine

 

Webseite: www.zeit-fuer-stille.de

Trailer 1:

 

Trailer2 (ohne Worte):

 


 

Grenzen erkennen und überwinden

Manchmal ist das, was wir so üblicherweise als „normal“ bezeichnen, so gar nicht normal. Und wenn es gar zu einer Art „Normalitäts-Schablone“ gerät, wird es Zeit, diese Begrenzungen zu überwinden. Ich lasse mal all die Normalitäts-Definitionen und  -diskussionen beiseite, konzentriere mich auf den ganz gewöhnlichen Alltag und greife mal eins meiner ebenfalls ganz gewöhnlichen Erlebnisse heraus: 

„… Dann ist es auch egal…“

Ich war auf dem Weg zu einer MBSR-Übungsgruppe, als ich die Treppe vom Bahnsteig zur U-Bahn hinunter ging und mir ganz spontan und wohlgelaunt durch den Kopf ging: „Ok, dann bin ich jetzt eben alt. Dann ist es auch egal.“

Verdutztes Innehalten.

Mooooment!

So alt bin ich doch noch gar nicht. Ok, 56 Jahre. Aber nicht 65, nicht 76 und nicht 82. Aber irgendwas fühlte sich plötzlich anders an. Doch was überhaupt? Und was bedeutet denn für mich „egal?“ Und warum fühlt sich das dann auch noch gut an?

„Normalitäts-Schablonen“

Ich nutzte die anschließenden Übungen der MBSR-Achtsamkeitsgruppe um hinzuspüren, wie es mir geht, hier und jetzt und von Moment zu Moment. Diese einzelnen Momente sind häufig besondere Herausforderungen, aber sie sind auch der Schlüssel zur Lösung.

Aufgrund einiger körperlicher (orthopädischer) Einschränkungen habe ich deutlich mehr Schwierigkeiten zu bewältigen, als die meisten anderen TeilnehmerInnen, manches geht gar nicht. Die rechte Hüfte ist deutlich unbeweglicher als die linke. Fußfehlstellungen machen etwas längeres beschwerdefreies Stehen nahezu unmöglich, ein deformierter Lendenwirbel und überdehnbare Gelenke machen Vorsichtsmaßnahmen nötig. Jahre und Jahrzehnte habe ich mich damit gestresst, mich damit herum gequält und bis zum Umfallen geübt. Ich wollte doch irgendwie nur mal dahin kommen, „normal“ mitmachen zu können. Es ging aber nicht, zumindestens nie annähernd so gut, wie die meisten anderen TeilnehmerInnen und dies nicht nur in MBSR-Gruppen, sondern auch in den diversen Gymnastik-, Fitness-, Physiotherapie- und weiß-ich-was-Gruppen.

Die letzten Wochen hat mich dies sehr beschäftigt. Und natürlich: Mit 20 oder 30 Jahren hatte ich auch diese Probleme, aber da konnte ich sie noch besser „wegstecken“ und  mich mit der Illusion aufrecht halten, dass ich einfach nur fleißig üben muss, damit es dann besser wird. Und klar, spüre ich nun mit 56 Jahren, dass darüber hinwegsehen oder üben, üben, üben eben auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Aber genau da liegt auch die Chance.

Grenzen erkennen

Was nicht „normal“ ist, muss auch nicht „normal“ sein. Genau das ist dann auch dieses „Dann-ist-es-auch-egal-Gefühl“, welches mich so wohltuend auf dem Weg zur U-Bahn durchströmte. Grenzen als Grenzen erkennen und  auch einfach mal zu akzeptieren, befreit. Es befreit von all dem Druck des „Normal-sein-Wollens.“

Grenzen überwinden

Es befreit auch, Grenzen an den richtigen Stellen einfach auch mal zu überwinden. Bei mir sind es beispielsweise die Grenzen der üblichen Meditations- und MBSR-Übungen. Mir reichen sie so nicht. Deshalb erweitere ich sie inzwischen, variiere, probiere und fühle hin, wie es mir geht, was ich brauche, was ich evtl. auch anders brauche, als die Menschen um mich herum.

All die vielen unpassenden „Normalitäts-Schablonen“ benötigen viel zu viel Energie. Nicht nur in MBSR und Meditation, sondern auch in so vielen anderen Bereichen: So scheint es heute fast „normal“, bis zum Umfallen zu konsumieren. Shoppen, bis der Arzt kommt. Ich will es aber nicht. Deshalb begrenze ich sowas und bin da gerne „unnormal“ . Ich gönne jedem seine und ihre Wohnungsdeko wirklich, ehrlich und von ganzem Herzen. Ich kann mich sogar daran erfreuen – bei Anderen! Bei mir will ich diese Deko nicht. Tannen gehören für mich in die Natur und nicht in den Christbaumständer. Den Kleiderschrank zu entrümpeln ist für mich auch kein Minimalismus, das ist nur das notwendige Übel auf dem Weg dahin.

Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn ich die Begrenztheiten des Zuviels überwinde und genau hinspüre, was ich wirklich brauche. Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn Raum zum Atmen da ist: Begegnung statt Begrenzung, Miteinander statt Gegeneinander, fürsorglich statt missgünstig. Es gibt lebenswerteres, als sich mit „Normalitäts-Schablonen“ und deren Begrenzungen aufzuhalten – genau das ist für mich Achsamkeit und genau das ist für mich auch Minimalismus.