1 Jahr Minimalismus-Wohnung – ein Resumee

Vor etwas über einem Jahr zog ich in meine jetzige Wohnung. Nach 12 Jahren Wohnen in Beziehung und WG nun wieder eine Wohnung für mich alleine. Es war mir klar, dass Minimalismus als Lebensstil genau zu mir passt und  meine vier Wände entsprechend ausgerichtet sein sollten. Einige Teile musste ich mir aber trotzdem noch kaufen. Eine Rückblende nach etwas über einem Jahr, was sich bewährt hat und was nicht.

Was sich nicht bewährt hat:

Einbauküche
Ein großer Einrichtungsbereich war meine Küche. Ich wusste zwar, dass ich ohnehin nicht so viel koche, daher eine kleine Ausstattung reicht. Aber die Herausforderung war der extrem kleine Küchenraum. [Wie ich diese Herausforderung gelöst habe, steht hier: Minimalismus in der Küche]

Blick auf die Holzarbeitsplatte mit links Spüle, dann Utensilien für Kaffee kochen, dann Einzelkochplatte mit Wasserkessel

Was mir jetzt nach einem Jahr Nutzung auffällt: Die Kombination von Holz und der Farbe weiß gefällt mir. Die Küche ist praktisch und hat in dem kleinen Raum tatsächlich viel Arbeitsfläche. Die Küche gefällt mir trotzdem nicht so richtig. Sie war halt vorrangig eine pragmatische Entscheidung. Einbauküchen sind nicht mein Ding. Ich werde sie nie mögen – auch dann nicht, wenn sie schön aussehen und praktisch sind. Ich bin ein Fan von Modulküchen: Hier eine Spüle, dort ein Kühlschrank und irgendwo noch eine Arbeitsfläche mit der Kochplatte. Weil ich Einbauküchen nicht mag, ist die jetzige Küche auch immer noch keine wirklich eingebaute Einbauküche. Das hätte ich mir eigentlich denken können, habe ich aber nicht … Und so sind die Fußleisten sind immer noch nicht dran, die Abschlussleisten der Arbeitsplatte ebenfalls nicht. Den Einbaukühlschrank hätte ich auch nochmal etwas exakter einbauen können. Ich hatte aber bislang einfach keine Lust daran und konnte mich entsprechend nicht dazu aufraffen. Es stört mich aber auch nicht so wirklich.

Bedarf an Schränken überschätzt
Meinen Bedarf an Schränken, um Zeugs unterzubringen, habe ich überschätzt. 3 kleine gebrauchte Holzschränke hatte ich. Alle drei stehen inzwischen auseinander gebaut im Keller. Die in die Schränkchen ursprünglich hinein gestellten Dinge, passten problemlos woanders hin. Also wenn noch jemand Ivarschränke braucht…

Ein wenig ähnlich geht es mir derzeit mit 2 weiteren Schränken, beide insgesamt 1,50m breit und 35cm tief. Irgendwann entdeckte ich die geniale Falttechnik von Marie Kondo und seither ist mir klar, dass Kommoden nicht nur für T-Shirts, sondern für viele andere Dinge sehr viel praktischer sind. Bei den Schränken geht es mir ähnlich, wie mit der Küche: Sehr schön, irgendwie passen sie aber nicht richtig zu mir. Zum Glück waren die Schränke nicht neu, sie sind also kein Fehlkauf, sondern haben schon einige Lebenszeit hinter sich. Ganz nebenbei fällt eine weitere „kleine Marotte“ von mir auf: Die Schränke haben keine Türgriffe, seit 11 oder 12 Jahren nicht. Mir gefällt es ohne Griffe besser.

2 birkenfarbene Schränke, 100 und 50cm breit.

Was sich bewährt hat:

Mein Futon. Auf einem Futon zu schlafen, ist einfach klasse. Ich genieße es immer noch und möchte darauf nicht wieder verzichten. [Näheres dazu hier: Auf einem Futon schlafen]

Futon zu eine Art Sofa zusammengefaltet

Die flexiblen Tische. Ich habe einen rechteckigen und einen quadratischen Tisch. Darüber hinaus noch einen sehr alten schwedischen Klapptisch in der Küche. Alles ist wunderbar flexibel. Da ich ohnehin gerne mal die Wohnung umräume, geht das mit diesen Tischen einfach wunderbar und ich kann sie sehr multifunktional nutzen [Siehe: Multifunktionales Wohnen]

rechteckiger Esstisch für 2 - 4 Personen

Kein Auto. Bin ich froh, kein Auto mehr zu haben! Es ermöglicht mir u.a. in Teilzeit arbeiten zu können. In 5 Minuten erreiche ich Bus, S-Bahn und U-Bahn. In 20 Minuten bin ich zu Fuß bei meiner Arbeitsstelle, in der gleichen Zeit mitten in der Innenstadt von Dortmund. Das anfängliche Carsharing habe ich wieder gekündigt, da ich es kaum genutzt habe. Im Bedarfsfall ist es günstiger für mich, mir einfach einen Leihwagen zu mieten.

Keinen Fernseher, keine Stereoanlage. Beides brauche ich nicht, es fehlt mir nicht und ich bin froh, dass dieses Zeug nicht bei mir herum steht. Ich nutze den Computer, der sich problemlos multifunktional verwenden lässt.

Nicht zu früh und nicht zu schnell kaufen hat sich ebf. bewährt. Nicht alles, was ich zu brauchen meine, verwende ich dann im Alltag auch. Fehlt etwas, kann ich es dann immer noch kaufen. Das meiste Zeugs fehlt aber meistens gar nicht. Es hätte eh bloß herum gestanden. Wozu drei Kochlöffel, wenn ich mit einem Kochlöffel auch prima klar komme? Und sollte mir wirklich irgendwann doch noch ein weiterer Kochlöffel fehlen, kann ich mir den dann auch noch kaufen.

Wie es weiter geht:

Die Küche wird einfach erst mal so bleiben, wie sie ist. Derzeit wohne ich im Dachgeschoß, da passt es so am besten. Da ich nächstes Jahr 57 Jahre werde und sicherlich nicht mehr mit 70 Jahren die Einkäufe in die 4. Etage schleppen möchte, mache ich mir zur Küche erst Gedanken, wenn mal irgendwann eine Wohnung in Erdgeschoß oder 1. Etage ansteht. Die Wohnlage ist perfekt für mich, daran möchte ich nichts ändern, auch gefällt mir genossenschaftliches Wohnen besser, als private Vermieter oder Vermieter, die ihre Häuser vorangig als reines Investitions- oder Spekulationsobjekt sehen.

Die Schränke werden über kurz oder lang sicherlich durch Kommoden oder ähnliches ersetzt. Diese passen besser zu mir, ggf. werde ich sie mit ein paar Rollen ausstatten, um sie leichter verschieben zu können.

Minimalismus ist Luxus

Wieder einmal ist mir klar geworden: Minimalismus als Lebensstil ist Luxus. Natürlich nicht der Luxus, viele Dinge zu besitzen, sondern der Luxus der individuellen Lösungen. Es ist der Luxus, sich am eigenen, persönlichen Bedarf orientieren zu können. Es ist der Luxus, wenig Zeit mit Putzen und Aufräumen zu verbringen.  Es ist auch der Luxus, dass ich für Dinge, die ich nicht kaufe, nun mal auch nicht arbeiten gehen muss.

Minimalismus ist Burnout-Prävention

Letztlich ist Minimalismus sogar der Luxus, weiterhin erwerbstätig bleiben zu können. Ich kann meinen – manchmal sehr anstrengenden – Beruf als Sozialpädagogin weiter ausüben. Viel Konsum würde bedeuten, dass ich Vollzeit arbeiten müsste. Allerdings ist dies nach den vielen Jahrzehnten sozialer Berufstätigkeit genau das, was ich nicht mehr ohne weiteres schaffen würde und auch nicht mehr möchte. Minimalismus ist für mich daher auch eine perfekte Burnout-Prävention. Es geht mir so viel besser. Ich fühle mich wohler. Ich bin ausgeglichener und entspannter. Von diesem Luxus profitiere dann nicht nur ich selbst, sondern auch die Menschen, mit denen ich täglich beruflich zu tun habe.

Filmtipp: Zeit für Stille

Zeit für Stille

Es ist der Samstag vor dem 1. Advent, als ich losziehe, um mir im Kino den Film „Zeit für Stille“ anzuschauen. Ich verlasse meine ruhige Wohngegend. Als ich mich der vielbefahrenen Straße nähere, dringt Autolärm an mein Ohr. An der U-Bahn-Haltestelle wird es wieder ruhiger, nur die Geräusche der Rolltreppe sind zu hören. Einige Menschen unterhalten sich, dann quietschen die Bremsen der heran fahrenden U-Bahn. Der Großteil der Menschen hier ist auf dem Weg in die Einkaufszone der Innenstadt. Das alljähliche Vorweihnachtsshopping hat längst begonnen. Die ehemals stille Adventszeit ist längst zu einem Weihnachtsjahrmarkt geworden – bunt, laut, voll. 

Frau von hinten fotografiert. Wehende Haare. Im Hintergrund verschwommen ein vorbeifahrender Zug.
Foto: © www.zeit-fuer-stille.de

Eine Handvoll Menschen hat schließlich trotzdem den Weg ins Kino gefunden. Es ist still, selbst die üblichen Popcorn-Raschelgeräusche fehlen.

 

Zeit für Stille – der Film

Grünes Feld. An der Grenze zum Horizont ein mittig stehender Baum
Foto: www.zeit-fuer-stille.de

Patrick Shen gelingt es in dem Dokumentarfilm, nicht nur Bilder zu zeigen und interessante Interviews zu führen, sondern die Inhalte für den Zuschauer erlebbar werden zu lassen. Ich bin im ersten Moment überrascht, über die heute so selten gewordenen, langen Bildeinstellungen, genieße sie dann aber um so mehr. Sie lassen tatsächlich meine Augen und Ohren zur Ruhe kommen und mich intensiver in den Film eintauchen. Plötzlich wird der im Wind wehende Grashalm interessant. Ob es der schweigende Wanderer ist, die Mönche im Kloster oder die Menschen bei der japanischen Teezeremonie, überall ist die Weite und das Aufatmen dieser Stille spürbar. Die Zeit scheint zu stehen und die vermeintlichen Grenzen zwischen Mensch und Natur verwischen.

Die Wirkungen des Lärms werden ebenfalls eindrucksvoll dokumentiert. Mir wird deutlich, was für eine mitunter verrückte Welt wir selbst produzieren. Die Auswirkungen des Lärms ist für mich bis in den Kinosessel hinein spürbar. Ich empfinde manche Geräusche so unangenehm, dass sich meine Muskulatur unwillkürlich zusammen zieht. Ich bin froh, als sich die Zeit für Stille wieder im Film und auch in mir ausweitet. 

Zeit für Stille: Ein sehens-, hörens- und spürenswerter Dokumentarfilm.

 

Daten zum Film:

Titel: Zeit für Stille
Regie: Patrick Shen
Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln
FSK: o. Altersbeschränkung
Laufzeit: 81 Min.
Kinostart: 30. November 2017
Verleih: Mindjazz-Pictures

Kinotermine

http://mindjazz-pictures.de/kinotermine

 

Webseite: www.zeit-fuer-stille.de

Trailer 1:

 

Trailer2 (ohne Worte):

 


 

Grenzen von Normalitäts-Schablonen überwinden

Manchmal ist das, was wir so üblicherweise als „normal“ bezeichnen, so gar nicht normal. Und wenn es gar zu einer Art „Normalitäts-Schablone“ gerät, wird es Zeit, diese Begrenzungen zu überwinden. Ich lasse mal all die Normalitäts-Definitionen und  -diskussionen beiseite, konzentriere mich auf den ganz gewöhnlichen Alltag und greife mal eins meiner ebenfalls ganz gewöhnlichen Erlebnisse heraus:

„… Dann ist es auch egal…“

Ich war auf dem Weg zu einer MBSR-Übungsgruppe, als ich die Treppe vom Bahnsteig zur U-Bahn hinunter ging und mir ganz spontan und wohlgelaunt durch den Kopf ging: „Ok, dann bin ich jetzt eben alt. Dann ist es auch egal.“

Verdutztes Innehalten.

Mooooment!

So alt bin ich doch noch gar nicht. Ok, 56 Jahre. Aber nicht 65, nicht 76 und nicht 82. Aber irgendwas fühlte sich plötzlich anders an. Doch was überhaupt? Und was bedeutet denn für mich „egal?“ Und warum fühlt sich das dann auch noch gut an?

 

„Normalitäts-Schablonen“ überwinden

Ich nutzte die anschließenden Übungen der MBSR-Achtsamkeitsgruppe um hinzuspüren, wie es mir geht, hier und jetzt und von Moment zu Moment. Diese einzelnen Momente sind häufig besondere Herausforderungen, aber sie sind auch der Schlüssel zur Lösung.

Aufgrund einiger körperlicher (orthopädischer) Einschränkungen habe ich deutlich mehr Schwierigkeiten zu bewältigen, als die meisten anderen TeilnehmerInnen, manches geht gar nicht. Die rechte Hüfte ist deutlich unbeweglicher als die linke. Fußfehlstellungen machen etwas längeres beschwerdefreies Stehen nahezu unmöglich, ein deformierter Lendenwirbel und überdehnbare Gelenke machen Vorsichtsmaßnahmen nötig. Jahre und Jahrzehnte habe ich mich damit gestresst, mich damit herum gequält und bis zum Umfallen geübt. Ich wollte doch irgendwie nur mal dahin kommen, „normal“ mitmachen zu können. Es ging aber nicht, zumindestens nie annähernd so gut, wie die meisten anderen TeilnehmerInnen und dies nicht nur in MBSR-Gruppen, sondern auch in den diversen Gymnastik-, Fitness-, Physiotherapie- und weiß-ich-was-Gruppen.

Die letzten Wochen hat mich dies sehr beschäftigt. Und natürlich: Mit 20 oder 30 Jahren hatte ich auch diese Probleme, aber da konnte ich sie noch besser „wegstecken“ und  mich mit der Illusion aufrecht halten, dass ich einfach nur fleißig üben muss, damit es dann besser wird. Und klar, spüre ich nun mit 56 Jahren, dass darüber hinwegsehen oder üben, üben, üben eben auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Aber genau da liegt auch die Chance.

 

Grenzen erkennen

Was nicht „normal“ ist, muss auch nicht „normal“ sein. Genau das ist dann auch dieses „Dann-ist-es-auch-egal-Gefühl“, welches mich so wohltuend auf dem Weg zur U-Bahn durchströmte. Grenzen als Grenzen erkennen und  auch einfach mal zu akzeptieren, befreit. Es befreit von all dem Druck des „Normal-sein-Wollens.“

 

Grenzen überwinden

Es befreit auch, Grenzen an den richtigen Stellen einfach auch mal zu überwinden. Bei mir sind es beispielsweise die Grenzen der üblichen Meditations- und MBSR-Übungen. Mir reichen sie so nicht. Deshalb erweitere ich sie inzwischen, variiere, probiere und fühle hin, wie es mir geht, was ich brauche, was ich evtl. auch anders brauche, als die Menschen um mich herum.

All die vielen unpassenden „Normalitäts-Schablonen“ benötigen viel zu viel Energie. Nicht nur in MBSR und Meditation, sondern auch in so vielen anderen Bereichen: So scheint es heute fast „normal“, bis zum Umfallen zu konsumieren. Shoppen, bis der Arzt kommt. Ich will es aber nicht. Deshalb begrenze ich sowas und bin da gerne „unnormal“ . Ich gönne jedem seine und ihre Wohnungsdeko wirklich, ehrlich und von ganzem Herzen. Ich kann mich sogar daran erfreuen – bei Anderen! Bei mir will ich diese Deko nicht. Tannen gehören für mich in die Natur und nicht in den Christbaumständer. Den Kleiderschrank zu entrümpeln ist für mich auch kein Minimalismus, das ist nur das notwendige Übel auf dem Weg dahin.

Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn ich die Begrenztheiten des Zuviels überwinde und genau hinspüre, was ich wirklich brauche. Achtsamkeit und Minimalismus ist, wenn Raum zum Atmen da ist: Begegnung statt Begrenzung, Miteinander statt Gegeneinander, fürsorglich statt missgünstig. Es gibt lebenswerteres, als sich mit „Normalitäts-Schablonen“ und deren Begrenzungen aufzuhalten – genau das ist für mich Achsamkeit und genau das ist für mich auch Minimalismus.

 

 

7 Jahre Achtsamkeit: 2. wirkliche Bedürfnisse

Vor 7 Jahren entdeckte ich Achtsamkeit und Meditation für mich. Vieles hat sich dadurch geändert und verändert. Da dies nicht alles in einen einzigen Text hineinpasst, heute Teil 2:

Wirkliche Bedürfnisse

Als Sozialpädagogin (und im Erstberuf Erzieherin) bin ich schon aus beruflichen Gründen vorrangig fokussiert auf die Bedarfe anderer Menschen. Das ist seit Jahrzehnten mein Beruf und ich mache diesen Beruf tatsächlich immer noch sehr gerne. Aber natürlich ist so ein Beruf auch anstrengend und belastend. Ich spürte diese Belastung irgendwann immer deutlicher, die Stressymptome nahmen zu – was mich letztlich auch zu Meditation und Achtsamkeit brachte.

Im Rahmen der unterschiedlichen Achtsamkeitsübungen, gelangte eine Frage im Laufe der Zeit immer mehr für mich in den Mittelpunkt: Wo bleibe ICH eigentlich? Was ist MEIN Bedarf? Was sind meine wirklichen Bedürfnisse? Alle möglichen Wünsche hatte ich durchaus. Aber Wünsche sind einfach das, was sie sind: Wünsche. Sind sie deshalb auch meine wirklichen Bedürfnisse?

Wünsche konsumieren, statt Bedürfnisse erfüllen

Monatelang übte ich überwiegend ‚Metta für mich selbst.‘ Ich bemerkte, dass die jahrzehntelange überwiegende Konzentration auf das Wohlergehen Anderer dazu geführt hatte, dass ich innerlich blind geworden war für meine persönlichen Bedürfnisse. Es fühlte sich an, als seien diese irgendwo im Nebel unsichtbar geworden oder in irgendeinem Dickicht verloren gegangen. Achtsamkeit brachte mich dazu, zu erkennen, dass das, was ich für meine Bedürfnisse gehalten habe, keine wirklichen Bedürfnisse waren. Irgendwelche technischen Gadgets, der neue PC oder zumindestens ein paar neue Zusatzteile für den Computer: das waren lediglich Wünsche. Es war die Faszination des Neuen, mit der uns die Konsumindustrie eine heile Welt vorgaukeln möchte und die ich zeitweise gerne übernahm. Es war für mich die wunderbare Ablenkbarkeit von den Belastungen des Alltages und der Wunsch, mir etwas Gutes zutun. Aber genau das gelang mir damit nicht. Mit der Erfüllung von Konsumwünschen kam nur kurzfristige Zufriedenheit. Das gute Gefühl hielt nur kurz und wich neuer Unzufriedenheit.

Wirkliche Bedürfnisse entdecken

Ich entdeckte im Laufe der Zeit ganz andere Bedürfnisse. Mein Bedürfnis nach Information und dem Stillen meiner Neugier, kann ich beispielsweise mit einem internetfähigen Gerät sehr einfach und bequem nachkommen. Ich brauche dazu aber nicht ständig ein neues Gerät – erst Recht nicht, wenn dieses dann lediglich für ein kurzfristiges Gute-Laune-Gefühl sorgt. Mein Bedürfnis mich über das Schreiben auszudrücken, kann ich beim Tippen auf einer Computertastatur natürlich sehr viel besser nachkommen, als auf einer handelsüblichen Schreibmaschine früherer Tage. Insbesondere ist es für mich sehr viel einfacher, als alles mit der Hand zu schreiben. Aber auch zum Schreiben brauche ich nicht ständig ein neues Gerät oder neue, aufwändige Software. Im Gegenteil: Nutze ich früher eine umfangreiche Textverarbeitung, reicht mir heute meistens ein kleiner Editor. 

Ein weiteres Beispiel: Jahrelang hatte ich den Wunsch, sportlich mit anderen Menschen so einigermaßen mithalten zu wollen. Es gelang mir nie. Es war halt ein Wunsch, der nicht zu meinen wirklichem Bedarf passte. Einige meiner von Geburt an vorhandenen körperliche Einschränkungen fielen zwar nie sonderlich auf – sie waren und sind aber da. Gerade durch Gehmeditation und achtsames Yoga spürte ich sie dann deutlich wie nie. Es war ein langer und schwieriger Prozess, mein ganz persönliches Sosein zu akzeptieren und mich – endlich – meinen Möglichkeiten entsprechend, bewegen zu können oder eben auch nicht. Die langsam ausgeführten Bewegungen in der Gehmeditation und in den Yogaübungen des MBSR’s haben mir zu mehr Körpergefühl verholfen, als all die vielen Fitness- und Gymnastikstunden mit denen ich mich jahrelang zuvor beschäftigt hatte.

Die Faszination mich in einer Atemmeditation wirklich nur auf eine Sache, nämlich das Atmen, beschränken zu können, führte mich zu einem weiteren wesentlichen Bedürfnis: Dem intensiven Wunsch nach „Weniger ist mehr.“ Reizüberflutungen im Alltag, aber auch den eigenen vier Wänden abzubauen war und ist für mich ein ganz wesentlicher Aspekt von Lebensqualität. Achtsamkeit führte dazu, dass mir mein teilweise hohes Maß an Sensibilität deutlich geworden ist. Dies brachte mich im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, wie wichtig es ist, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Minimalismus ist insbesondere auf diesem Hintergrund einfach ein ganz persönliches und wichtiges Bedürfnis von mir, um nicht im Dschungel der tausend Wahrnehmungen und Ablenkbarkeiten kirre zu werden.

 

Aufmerksamer mit mir und aufmerksamer mit Anderen

7 Jahre Achtsamkeit haben übrigens nicht dazu geführt, dass ich nun zu irgendeinem Egoisten mutiert wäre. Im Gegenteil. Je deutlicher mir meine wirklichen Bedürfnisse geworden sind, desto entspannter und klarer war und bin ich im Kontakt mit anderen Menschen – auch im beruflichen Kontext. Es gab Zeiten, in denen ich dank meines großen beruflichen Erfahrungsschatzes eigentlich nur noch funktioniert habe. Doch das hilft letztlich Niemandem und ließ mich zunehmend unzufrieden werden. Heute bin ich zum Glück wieder sehr viel zufriedener, entspannter und in meiner beruflichen Arbeit fokussierter und klarer geworden.

 

Zum Weiterlesen:

7 Jahre Achtsamkeit: 1. Minimalismus

 

 

 

Das Glück in und um uns

Ich sitze da, am geöffneten Fenster, spüre die warme Sonne und einen leisen Windhauch auf meiner Haut. Ich sehe den blauen Himmel, die sich langsam gold färbende Sonne im beginnenden Abendlicht. Ich atme ein, ich atme aus und spüre einfach nur, dass ich da bin und lebe. Die Anspannung des zurück liegenden Tages pulsiert noch in meinen Adern und ich fühle, dass es nicht wichtig ist: Hektik, Stress und der mitunter wilde Takt, den ich manchmal auch selbst an schlage. Zur Ruhe kommen und fühlen, wie unendlich schön selbst das kleine Stückchen Natur ist, welches ich gerade von meinem Wohnzimmerfenster beobachten kann.

Und so sitze ich sitze da und frage mich, wozu das alles gut sein soll: All der Ehrgeiz, die smarten Ziele, der Traum vom Erfolg? Über’s Ziel hinaus schießen geht so schnell und wird dann zum Albtraum für uns selbst, für unsere Mitmenschen, für unsere Umwelt. Die eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und in der Erschöpfung landen macht keinen Sinn. Unseren Planeten plündern, Menschen ausbeuten für irgendeinen Schnickschnack, den wir uns in die Wohnung stellen – obwohl wir diesen, vielleicht abgesehen von unserer Selbstpräsentation, überhaupt nicht brauchen – wozu?

Wir rennen der Illusion von Glück und Wohlergehen hinterher und übersehen das endlose Glück direkt in uns und um uns herum. Es ist, als wollten die Bäume vor meinem Fenster und die warme Abendsonne mir zu flüstern: „Hallo ihr Zweibeiner, was rennt ihr so besinnungslos durch die Gegend? Das Glück findet ihr nicht im nächsten Supermarkt, nicht im Aktienboom, nicht im schnellen Auto oder der nächsten Gehaltserhöhung. Das Glück ist direkt vor eurer Nase, es in in euch, es ist um euch herum. Rennt ihm um Himmels Willen nicht nach, haltet nicht krampfhaft fest, sondern öffnet die Augen eures Herzens. Ihr müsst es nur sehen, hören, fühlen.“

 

 

Ist Minimalismus Unsinn?

Nah dran am Leben

Es war kürzlich bei einem MBSR Übungsabend und einem längeren Bodyscan, als sehr hartnäckig innere Bilder vor meinem Auge vorbei zogen, die zunächst mal nichts mit Minimalismus zu tun hatten. Während ich beim Bodyscan versuchte, immer wieder zur Wahrnehmung meines Körpers zurück zu kehren, tauchten dann doch immer wieder die Erinnerungsbilder an die viele Menschen auf, die ich im Laufe der Jahre beruflich begleitet habe.

Als Sozialpädagogin bin ich in der Regel nah dran am Leben. Immer geht es darum, Lösungen und Lebensqualität zu finden. Vielfältigste Themen und Probleme gab und gibt es immer. In den zurückliegenden Jahren habe ich mitbekommen, wie in etlichen Berufen, die immer niedriger werdenden Löhne, zu immer mehr sog. Hartz IV-Aufstockern führten. Ich erlebte die qualitativen Unterschiede zwischen der früheren Sozialhilfe und dem späteren Antragsdschungel von Hartz IV, bekam die schleichende personelle Verschlechterung in der sozialen Arbeit mit. Hautnah erlebte ich aber auch, dass eine gute finanzielle Ausstattung nicht zwangsläufig zu einem entspannten Lebensalltag, schon gar nicht zu persönlicher Zufriedenheit führt. Ich sah, wie sich die Krankheiten von Menschen auf deren Alltag auswirkten. Ich musste einen Umgang damit finden, wenn deutlich wurde, dass ein Kind eine schwerwiegende Behinderung hat oder es sogar zu Todesfällen in Familien kam. Ich habe auf vielen Sofas gesessen, überfüllte und kärglich ausgestattete Wohnungen kennengelernt.

 

Minimalismus – nur oberflächlicher Unsinn?

Eigentlich befand ich mich aber immer noch beim Bodyscan in der MBSR-Übungsgruppe, als all diese zuvor beschriebenen Erinnerungen an meinem inneren Auge vorbei zogen. Und während ich diese auftauchenden Bilder auch immer wieder loslassen konnte, wurde eine Frage immer drängender für mich: Angesichts dieser vielen existentiellen und z.T. sehr dramatischen Lebenssituationen: Wie unwichtig ist da so etwas wie Minimalismus als Lebensstil? Ist das nicht völliger Unsinn? Letztlich nur oberflächliches Zeugs angesichts der menschlichen Dramen, die ich so oft erlebt habe? Warum befasse ich mich überhaupt damit? Achtsamkeit mag da ja noch sinnvoll erscheinen, aber Minimalismus? Ist das vielleicht nur ein nettes Hobby? Ein Ablenkungsmanöver vom wirklich Wichtigen? Eine schräge Zeiterscheinung einer materiell übersättigten Gesellschaft?

 

Minimalismus – es geht letztlich nicht um Dinge

Ganz klar und schnell fand ich die Antwort: Minimalismus macht Sinn, es geht auch nicht um die Anzahl von Dingen. Wer kennt das nicht: Nach all der Anstrengung sich endlich etwas gönnen. All die vermeintlich schönen Dinge, weil der Arbeitstag vielleicht stressig war, weil man sich belohnen will oder irgendwie unzufrieden ist, also all die kleinen und großen Frust- und Belohnungskäufe. Diese führen aber nur kurzfristig zu Ablenkung, nicht zu wirklicher Verbesserung. Eine volle Wohnung sollte nicht mit einem erfüllten Leben verwechselt werden.  
Minimalismus ist eine Möglichkeit, sich auf den Weg zu machen, die eigenen materiellen Besitztümer auf Sinn und Unsinn zu durchforsten, Überflüssiges loszulassen und sich der entscheidenden Frage zuzuwenden:

 

Was will und brauche ich wirklich?

Diese Frage bezieht sich auf Dinge, aber auch darüber hinaus: Von was lenke ich mich durch diesen ganzen Über-Konsum eigentlich ab? Von Ärger? Stress? Existenzängsten? Will ich „nur“ dazugehören, mithalten? Mit wem? Mit was? Was brauche ich denn darüber hinaus?

Auch mir geht es nicht um viel oder wenig Dinge. Eher ist es so, dass ich nach all den vielen täglichen Eindrücken ein eher ruhiges und anregungsarmes Umfeld brauche. Die genaue Anzahl von Dingen ist mir völlig egal. Aber freie Flächen empfinde ich als wohltuend. Die Kombination von weiß und warmen Holztönen entspannt mich. Es gelingt mir dann sehr viel besser, wieder „runter zu kommen.“  In einem einfachen, minimalistischen Umfeld bin ich direkter mit mir und weniger mit der Ablenkbarkeit der Dinge um mich herum beschäftigt. Das ist natürlich mitunter nicht einfach. Aber ich erinnere mich dann u.a. sehr viel schneller, dass ich – zum Glück – nicht der Mittelpunkt der Welt bin, das Wohlergehen der vielen Menschen und ihrer Schicksale, nicht allein von meinem Tun abhängen. Zu meinen, „ohne mich geht nix“, ist anmaßend, überheblich und auch eine Form der Selbstbeweihräucherung, vielleicht auch so etwas wie ein „sozialer Höhenkoller“. Genau deshalb liebe ich mein Bild mit den Gräsern so. Es erdet mich und erinnert mich daran, dass wir Menschen letzlich nur ein Stück Natur sind, genauso wichtig und unwichtig wie diese Gräser.  Diese Erkenntnis entlastet und befreit mich.

 

Achtsamer mit Menschen und Dingen umgehen

Minimalismus ist für mich letztlich nichts anderes, als meine praktische Konsequenz der formalen Achtsamkeitspraxis. Achtsamer werden mit mir selbst, mit den mit den mich umgebenden Menschen, mit unserer Lebenswelt – aber eben auch ganz konkret mit den Dingen, mit denen ich mich umgebe. Indem ich mich immer wieder innerlich und äußerlich auf das Wesentliche konzentriere, bin ich ich ruhiger, entspannter, aber auch sehr viel aufmerksamer und präsenter in meiner beruflichen Arbeit geworden. In einer Überfülle an angesammelten Dingen würde mir dies sehr viel schwerer fallen.

 

Minimalismus und der Austausch über Generationsgrenzen

Noch ein Aspekt fasziniert mich am Minimalismus: Der Austausch über diese Lebensweise überspringt die Generationsgrenzen. So unterschiedlich wie Lebenserfahrungen, Lebensläufe, Entwicklungen sind, erlebe ich es als nahezu komplett unwichtig, ob ich mich mit mit einem jungen Erwachsenen Anfang 20 austausche oder einem Menschen, der noch deutlich älter ist als ich. Die Vielfalt der persönlichen Ausformungen minimalistischer Lebensweisen und Prozesse ist immer wieder interessant, anregend und inspirierend. Daher: Herzlichen Dank, liebe Mit-Minimalisten!

 

 


Achtsame Schritte aus der Erschöpfung

Es gibt sie Tage, wie diesen hier:

Die Müdigkeit in den Knochen, sie scheint einfach nicht verschwinden zu wollen. Gleichzeitig bin ich aufgedreht. Die Befindlichkeit gleicht einem heiß gelaufenen Motor. Innerlich rotiert es, Gedanken und Gefühle laufen auf Hochtouren, während ich erschöpft im Sessel sitze. Zum Schlafen zu wach und zu aufgedreht, zum Wachsein viel zu müde. Eindrücke, Erlebnisse kreisen ebenso in mir, wie irgendein Ärger oder die vielen Ideen, Projekte, Pläne, die mir noch im Kopf herum geistern. Gleichzeitig merke ich aber: Erschöpfung macht sich in mir breit. Es ist genug. Es ist hier und jetzt genug.
Es ist wie bei einem Handyakku: Der leere Akku wird nicht automatisch durch meinen Wunsch, telefonieren zu wollen wieder voller. Ich muss das Gerät einfach mal aus der Hand legen und an die Steckdose hängen.

Und während ich erschöpft da sitze und noch keinerlei Ahnung davon habe, wie ich meinen inneren Akku je wieder aufladen kann, spüre ich irgendwo zwischen all meinem inneren Gedanken- und Gefühlszirkus, zwischen all der Müdigkeit und Erschöpfung, dass es ihn doch noch gibt: den Wunsch nach Ruhe, die Sehnsucht nach Unabgelenktheit – ganz unabhängig davon, was meine immer noch tobenden Gedanken und Empfindungen mir gerade sonst noch so erzählen wollen.

Achtsame Schritte für mehr Lebensenergie

Ich habe entdeckt, dass es im Wesentlichen die folgenden vier Bereiche sind, die mir helfen, aus einer solchen Erschöpfung wieder heraus zu finden – insbesondere dann, wenn es sich um eine Kombination aus Erschöpfung und starker innerer Anspannung handelt:

1. Zeit

Es gibt Situationen, da braucht es vor allem eins: Zeit.
Zeit zum „runter kommen“, Zeit zum Atem holen. Zeit zum Ausatmen, Zeit zum Aufatmen. Manchmal geht es nicht anders, als sich diese Zeit  zu nehmen, Termine zu streichen, ein Wochenende einfach mal zu vergammeln und sich ggf. freie Zeiten im Terminkalender gezielt einzuplanen.

2. Gehen – Gehmeditation

Sich Zeit nehmen ist mitunter aber nicht so einfach und zur Ruhe kommen auch nicht. Gerade dann, wenn selbst eine Sitzmeditation zu mühsam und unerträglich erscheint, hilft dann besonders die Gehmeditation. Gehen löst Spannungen. Ideal ist es, wenn man ganz ziellos auf- und abgehen kann und nicht von A nach B kommen muss.

Ich habe beispielsweise diese wunderbar gerade Strecke, die ich in meiner Wohnung vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und wieder zurück laufen kann – immer wieder. Zum Glück steht dort kein Mobiliar im Weg. Und so kann ich einfach gehen, immer auf und ab, auf und ab. Ich spüre das Abrollen meiner Füße, die unterschiedlichen Lichtverhältnisse, entdecke die leichten Unebenheiten des Bodens, registriere die Wendung am Ende, nehme das Zurücklaufen, die erneute Wendung wahr. Die Gedanken wandern immer noch, aber ich kann sie jetzt immer wieder freundlich zurück leiten: Zum Spüren der Fußbewegungen, zum Einatmen, zum Ausatmen, zum Wahrnehmen des Raums um mich herum. Ich muss nirgendwo hin, ich muss nirgendwo ankommen – außer bei mir selbst. Und so kann ich gehen, gehen, gehen, auf und ab, ab und auf. Irgendwann, nach und nach, spüre ich dann tatsächlich, wie die „innere Betriebstemperatur“ wieder in normalere Temperaturbereiche kommt.

Manchmal hilft auch eine längere Wanderung – aber ohne Musik auf den Ohren, ohne Kilometer runter zu rasseln oder Rekorde aufzustellen. Hilfreich ist es, wenn die Wegstrecke bekannt ist und Wanderkarte oder Navigationsgerät in der Tasche bleiben kann. Einfach gehen, auch mal längere Zeiten schweigend gehen, Schritt für Schritt und immer wieder versuchen, sich selbst und die Natur um sich herum mit allen Sinnen wahrzunehmen.

3. Zeit des vermeintlichen Nichts-Tuns

Solche Gehmeditations-Zeiten sind wertvoll. Zeiten, in denen scheinbar nichts passiert. Zeiten, in denen ich nicht dies, das oder jenes tue. Zeiten, in denen ich versuche, all die Wichtigkeiten, Ablenkungsmöglichkeiten und muskulären Spannungen einfach mal loszulassen und diese mit jedem Schritt an den Boden abzugeben.

4. „Nichts-Zeiten“ – „Being, not doing“

Hilfreich ist es auch, sich wirklich bewusst „Nichts-Zeiten“ zu gönnen – keine Termine, keine Ziele. Einfach da sein, nichts tun – „Being, not doing“. Gehmeditation ist eine wunderbare Möglichkeit, allmählich wieder einen Zugang zu solchen Nichts-Zeiten zu finden.

Bei mir ist es so, dass dann, wenn ich mich wieder besser fühle, zu einer solchen „Nichts-Zeit“ auch gehört, dass ich bei einer morgendlichen Tasse Kaffee, das Aufgehen der Sonne betrachte. Manchmal sitze ich einfach da und beobachte das Ein- und Ausströmen meines Atem oder lausche den Vögeln bei ihrem Gesang. Gelegentlich schaue ich mich einfach um. Dann entdecke ich sie wieder, diese freie Flächen in meiner Wohnung, die ich dank eines minimalistischen Lebensstils sehr genieße. Genau in solchen Situationen erhole mich in meiner wunderbaren Nichts-Zeit. Denn dieses Nichts ist in Wirklichkeit kein Nichts, sondern eine große Fülle an Ruhe, Klarheit und Erholung.

Wirklicher Luxus

Solche beschriebenen Zeiten sind für mich ein besonderer Luxus – gerade auch in unserer oft so hektischen und schnelllebigen Welt. Diese Form des Luxus kann ich aber nicht machen, schon gar nicht kaufen oder erzwingen. Es geht darum, diese Nichts-Zeit nach und nach zuzulassen und akzeptieren zu können. Je nach persönlicher eigener Verfassung kann dies mitunter dauern, manchmal sehr lange. Aber es lohnt sich.

Link-Tipp: Anleitungen zu Gehmeditation:

Gehmeditation – Text, PDF von Gabi Raeggel, Achtsame Lebenskunst
Gehmeditation – Text, PDF von Dt. Fachzentrum für Stressbewältigung, Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung
Gehmeditation im Alltag – eine Anleitung  von ich-will-meditieren.de 

Weitere Links hier: Achtsamkeitsübungen

 

Minimalismus – Kriterien für Wohnqualität

Rückblende: Beim Wohnen nur halb nachgedacht

Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der ich den Begriff ‚Minimalismus‘ noch nicht kannte und als die Kosten für die Miete einer Wohnung in die Höhe schossen: die 90er-Jahre. Mitte der 90er-Jahre habe ich dann nach rund 12-jähriger Berufstätigkeit nochmal studiert. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt alleine in einer 2-Zimmer-Wohnung mit rd. 50qm. Angesichts von bevorstehendem Bafög und somit niedrigem Einkommen, stand für mich die Überlegung an, ob ein Umzug in eine kleinere Wohnung Sinn macht.

Ich habe mich damals dagegen entschieden. Bei rund 10qm weniger Platz hätte ich trotzdem die gleiche Miete bezahlt. Wozu also umziehen? Was erstmal logisch klingt, ist es bei genauerer Betrachtung nicht: Hätte ich nämlich etwas genauer überlegt, wäre mir klar geworden, dass nochmal deutlich weniger Platz völlig ausreichend gewesen wäre. Mein Mobiliar hatte keinen wirklichen materiellen Wert. Ich hätte problemlos noch vieles weglassen können und ein WG-Zimmer oder Mini-Wohnung wäre völlig ausreichend gewesen. Das hätte mir einiges an Finanzdruck während des Studiums erspart. In den 90er-Jahren bin ich aber auf genau diese Idee nicht gekommen.

 

Minimalistisch Wohnen – mehr Lebensqualität, weniger Stress

Heute denke ich: Auch ganz ohne Studium, auch mit ganz normaler beruflicher Tätigkeit macht es Sinn, mich nicht mit unnötiger Wohnungsausstattung aufzuhalten. Wohnraum ist teuer. Weniger Kram bedeutet schnelleres aufräumen und putzen. Ich liebe es, wenn ich Platz um mich herum habe und keinen großen Aufwand betreiben muss. Die Menge an aufbewahrten Dingen sagt außerdem nichts über wirkliche Wohnqualität aus. Aber was genau ist denn Wohnqualität?

 

Minimalismus – Kriterien für Wohnqualität: einfaches und entspanntes Wohnen

Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Bedürfnisse, die alle ihre Berechtigung haben. Für mich sind es die folgenden Kriterien, die minimalistisches Wohnen ausmachen und die ich besonders wichtig finde:

  • Wohnen muss bezahlbar sein.
  • Alles raus, was nicht dem eigenen Wohlbefinden dient. (Ich finde, die Minimalismus-Wohnqualitäts-Grundregel überhaupt!)
  • Der Aufwand für Aufräumen und Putzen sollte gering sein.
  • Sich nicht an Möbel hängen. Ich halte nichts von der zunehmend grassierenden Wegwerf-Mentalität bei Möbeln. Möbel sollten halten und zwar möglichst lange. Trotzdem: Möbel machen unbeweglich, verteuern einen Umzug und viel Möbel benötigen nun mal viel (teueren) Wohnraum.
  • Idealerweise gibt es Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.
  • Idealerweise geht es ohne eigenes Auto.

 

Küche

Zur Küche hatte ich ja schon etwas geschrieben. Siehe: Minimalismus in der Küche. Noch einige ergänzende Anmerkung: Selbst meine wirklich eher minimalistisch ausgestattete Küche, hat mich alles in allem gut 1000€ gekostet. So sehr wie ich diese Küche mag, so teuer finde ich sie aber auch. Hätte ich zum Zeitpunkt des Umzuges irgendeine halbwegs brauchbare und annähernd stabile Billigspüle gefunden, hätte ich nicht so viel für eine Küche bezahlt. So gerne und oft koche ich nämlich nicht.  Die meiste Zeit meines Lebens bin ich prima mit nebeneinander stehender Baumarktspüle, Kühlschrank und Herd klar gekommen.

 

Wohnzimmer/Schlafzimmer

Was braucht es wirklich? Was braucht es nicht? Wo gibt es Alternativen? Vieles kann digitalisiert werden oder lässt sich multifunktional nutzen:

Schlafen:

Ein Bettgestell nimmt richtig viel Platz weg. Durch eine geschickte Wahl des Bettes, lässt sich viel Platz sparen, z.B.:

  • Klappbett bzw. Schrankbett: nicht ganz kostengünstig, aber lässt sich hochklappen, sieht dann aus wie ein Schrank und schafft tagsüber jede Menge Platz.
  • Wer mit einer härteren Unterlage gut klar kommt: Ein Futon lässt sich zusammen rollen, nimmt wirklich kaum Platz weg. (siehe: Auf einem Futon schlafen)
  • Wer eine „normale“ Matratze möchte: Selbst ein Lattenrost mit Matratze ist flexibler als ein normales Bettgestell. Beides lässt sich bei Bedarf schnell zur Seite räumen. Auch diese Variante hatte ich jahrelang und kam damit gut klar.
  • Kombilösungen: Das Bett wird zu Couch und umgekehrt. Für handwerkliche Talente eine klasse Möglichkeit: das Siwo-Sofa von van Bo Le Mentzel: http://hartzivmoebel.blogspot.de/p/siwo-sofa.html

 

Bequeme Sitzmöglichkeit:

Muss und soll es ein extra Sofa sein? Gibt es Alternativen?  Dazu einige Beispiele:

  • ein Futon lässt sich auch als Sofa nutzen: Nicht für jede/n das Richtige, aber für mich super bequem. Ich liebe es!

Futon zu eine Art Sofa zusammengefaltet

  • Kombi-Lösung wie das oben bereits erwähnte Siwo-Sofa von van Bo Le Mentzel. Hier wird eine normale Matratze genutzt, die sich bei Bedarf austauschen lässt, somit ist angenehmes Schlafen, aber auch gemütliches Sitzen möglich.
  • Gemütliche Sessel, die ggf. etwas höher sind und sich gleichzeitig auch für das Sitzen am Esstisch nutzen lassen.

 

Weniger Kram = weniger Aufbewahrungsmöbel

Es ist eine einfache Regel: für die Dinge, die ich nicht habe, brauche ich auch kein Regal, keine Schrank und damit auch keinen Platz in der Wohnung. Z.B.:

  • Wieviel Besuch habe ich in der Regel? Muss es wirklich ein Geschirr für 24 Personen sein? Kann ich bei großer Anzahl von Besuchern auch mal was ausleihen?
  • Nippes und Stehrümchen, Bücher in die ich seit Jahren nicht mehr hineingeschaut habe, CD-Sammlungen, die ungehört im Regel verstauben, irgendein Kram aus Kindertagen und vieles mehr: all das nimmt Platz weg. Werden diese Dinge nicht genutzt, verstopfen sie nur unsere Wohnung.
  • Fernseher sind heute riesengroß. Muss das sein? Geht es auch kleiner? Kann ich den Computer nicht einfach mit einem TV-Stick ergänzen? Muss es überhaupt ein Fernseher sein? Vieles lässt sich heute per Livestream im Internet anschauen oder in der Mediathek der einzelnen Sender.
  • Bin ich Musikliebhaber und daher ist es der Platz für die Stereoanlage wert? Oder reicht mir auch der Laptop bzw. Computer, den ich ggf. mit Lautsprecherboxen ergänze?

 

Weitere Anregungen

Wohnzimmer minimalistisch gestalten: https://achtsame-lebenskunst.de/2016/12/26/minimalismus-im-wohnzimmer/

Minimalistisches Schlafzimmer: http://www.schlichtheit.com/minimalistisches-schlafzimmer/

Weitere Anregungen für einfaches Wohnen ohne großen Aufwand und Platz: Im Internet gibt es dazu inzwischen eine ganze Reihe von Anregungen, wie z.B. von der Tinyhouse-Bewegung.Natürlich können und müssen wir nicht alle in ein Tinyhouse ziehen, aber die Ideen, wie auf kleinem Raum Fläche effektiv genutzt werden kann, sind beeindruckend. Ohne Minimalismus geht es hier nämlich nicht. Einige Beispiele hier:

 

 

 

 

 

Filmtipp: „From Business to being“

„Wie wollen wir leben und arbeiten?“

mit dieser Frage beschäftigt sich der Dokumentarfilm „From Business to Being“, der am 2.2.2017 in die Kinos kommt und u.a. im Ruhrgebiet auch in Bochum im Endstation-Kino zu sehen sein wird. Die beiden Filmemacher Hanna Henigin und Julian Wildgruber schreiben zu diesem Film:

 

„Wir möchten in einer Gesellschaft leben, in der wir uns von Mensch zu Mensch begegnen, in der wir uns geliebt fühlen, und in der wir mit Begeisterung tun, was uns interessiert. Wir glauben, dass das keine Utopie ist, und wir wissen, dass wir dafür bei uns selbst anfangen müssen. Auf der Suche nach Wegen, wie diese Vision Wirklichkeit werden kann, haben wir uns von Begegnungen mit spannenden Menschen leiten lassen. Aus diesen Begegnungen ist dieser Film entstanden. From Business To Being ist daher sozusagen ein Experiment, das dazu einlädt, sich die Frage zu stellen: Wer bin ich? Was begeistert mich? Und wie lebe und handle ich entsprechend? Und gleichzeitig unsere Antwort darauf.“ (Quelle: http://business2being.com/de/)

 

In unserer heutigen Arbeitskultur, wo sich Mitarbeiter_Innen vieler Unternehmen einem enormen Druck ausgesetzt fühlen, erzählt dieser Film die Geschichte von drei Führungskräften, die den Weg aus diesem „Hamsterrad“ gesucht haben. Es wird der Frage nach gegangen, welche Fähigkeiten Führungskräfte künftig haben müssen und ob Meditation und Bewusstseinstraining helfen können, sich von stresserzeugenden Denk- und Handlungsmustern zu befreien. In dem Film wird thematisiert, was heute so häufig fehlt: Die Fähigkeit zum Innehalten, zur Achtsamkeit für das Hier und Jetzt. Denn mit dem Dauerstress geht uns auch eine wichtige Fähigkeit verloren: die Fähigkeit zu Kreativität und Innovation – gerade auch für die sozialen Herausforderungen unserer Zeit.

 

Die offiziellen Trailer zum Film (deutsch & englisch):

 

 

Kinotermine:

Vorführungen (Orte, Zeiten) können hier nachgelesen werden: Business2being und Mindjazz-Pictures

Im Ruhrgebiet ist der Film in Bochum-Langendreer im Endstation-Kino zwischen dem 9. und 15.2.2017 zu sehen. Das offizielle Programmheft für Februar erscheint Ende Januar und kann dann auch auf der Webseite eingesehen werden: http://endstation-kino.de/

Auf Anfrage hin, hat mir das Kino Endstation bereits die genauen Vorführzeiten genannt:

Donnerstag 09.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Freitag 10.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Samstag 11.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Sonntag 12.02.17 17: 15 From Bussiness to Being
Montag 13.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Dienstag 14.02.17 18:15 From Bussiness to Being
Mittwoch 15.02.17 17:15 From Bussiness to Being

 

DVD / Blue Ray:

Für Interessierte kann der Film auch als DVD / Blue Ray vorbestellt werden:

Vorbestellung

 

 


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Mit Achtsamkeit und Minimalismus durch die Weihnachtszeit

Alle Jahre wieder …

Derzeit fällt es mir wieder besonders auf: Spätestens Mitte bis Ende November werden plötzlich die Menschen in U-Bahnen und Geschäften hektischer, es wird voller. Taschen, Tüten, Pakete werden durch die Straßen geschleppt. Weihnachtsgedudel klingt aus Lautsprechern, gereizte Stimmen weisen Kinder und U-Bahn-Nachbar zurecht oder legen sich mit der Kassiererin im Supermarkt an. Mit blinkenden Weihnachtsmützen dekorierte Männer- und Frauengruppen bahnen sich leicht alkoholisiert den Weg zum Weihnachtsmarkt. Man will schließlich Spaß haben vor Weihnachten. Wie jedes Jahr wird immer noch gekauft, als gäbe es demnächst nichts mehr.
Natürlich gibt es inzwischen Menschen, die anders denken und handeln, die sich mit „Zeit statt Zeug“ beschäftigen, die statt Geschenkberge, Erlebnisse verschenken oder sich einfach Zeit für Andere nehmen. Aber machen wir uns nichts vor:  Das sind nur wenige, die meisten Menschen hat der weihnachtliche Konsumkoller voll im Griff.

 

Kinder brauchen uns –  nicht unsere Hektik

Dass Kinder doch Weihnachten so lieben, erscheint mir wie eine faule Ausrede. Denn Kinder sind durchaus in der Lage, mit viel weniger glücklich zu sein. Und natürlich haben Kinder Wünsche (die haben wir Erwachsene ja auch), aber sie wollen vor allem eins: mit einem vertrauten und liebevollen Erwachsenen zusammen sein. Als neulich ein Kind einen Weihnachtsmann bunt wie einen Clown malte – und dies auch so benannte – dachte ich: wie passend hat dieses Kind das vorweihnachtliche Treiben erfasst!
Die Menge an Dingen macht weder Kinder, noch uns selbst glücklicher, schon gar nicht wird Weihnachten schöner, wenn wir uns nach der üblichen vorweihnachtlichen Hektik erschöpft auf Weihnachten freuen und sich die wochenlange Anspannung dann in den üblichen Familienstreitereien entlädt.

 

Besinnlich – tun, was meinen Sinnen wirklich gut tut

Alljährlich merke ich, dass mir diese vorweihnachtliche Sintflut an Geräuschen, Gerüchen, Hektik und Anspannung gewaltig auf die Nerven geht. Ich genieße es, diesen vorweihnachtlichen Zirkus nach Möglichkeit zu vermeiden. Ich verstehe es gut, wenn Kinder Spaß an weihnachtlicher Dekoration haben, aber für mich als Erwachsene liebe ich es dekofrei. Keine Tannennadel findet den Weg in meine Wohnung, kein Glitzersterne, einfach nichts von all dem Zeug. Ich mag es einfach nicht. An Weihnachtsgeschenken hat in den letzten 30 Jahren lediglich mein Patenkind etwas bekommen, aber nachdem dies längst erwachsen ist, genieße ich die völlige Geschenkefreiheit. Es entspannt mich und ich erfreue mich daran.

Stattdessen liebe ich das Hell-Dunkel-Spiel der Jahreszeiten. In der dunklen Jahreszeit lässt sich das Aufgehen der Sonne so wunderbar am Fenster beobachten. Auch schaue ich gerne, wieviel Licht ich gerade in meiner Wohnung haben will. Dazu reichen mir meine normalen Lampen, die ich ohnehin habe. Manchmal darf es dann sogar eine Kerze sein.
Da ich eher zu den Frühaufstehern gehöre, setze ich mich z.Z. oft einfach mit einem leckeren Kaffee ans Fenster und schaue zu, wie die morgendliche Dunkelheit allmählich dem Licht des Tages weicht. Nichts ist für mich schöner, als den Kaffeegeruch in die Nase steigen zu lassen, den Geschmack zu genießen, während es draußen langsam heller wird.
Ich liebe es auch ganz besonders, nach Hause zu kommen und dann: Tür zu, Fenster zu: Ruhe! Kein Weihnachtsgedudel, keine lärmende Werbung. Einfach erholen, Atem holen und diese Zeit, diesen Freiraum, diesen wunderbaren Klang der Stille einfach und bewusst zu genießen.

Die kleinen Dinge, die kleinen Wunder des Lebens immer wieder zu sehen, zu entdecken und zu würdigen – das ist für mich Weihnachten und sogar ganzjährig erlebbar. Achtsam und minimalistisch gestaltet, sind solche Momente für mich eine Erholung für die Sinne und ein Atemholen für die Seele.