20 Jahre Haushaltsbuch – ein Rückblick

Anregt durch die Bloggerinnen von  Nanamia   und Minimamuse ist mir noch mal bewusst geworden, wie lange ich jetzt schon ein Haushaltsbuch führe und ich habe mich gefragt: Warum eigentlich?

Haushaltsbuch – der Anfang, 1995

Angefangen hat es 1995. Ich hatte bereits 12 Jahre Vollzeit in meinem Erstberuf als Erzieherin gearbeitet, war Single und habe es dann gewagt: Studium. Ich war bereits 33 Jahre, erhielt aber zum Glück noch Bafög und hatte genau so viel Rücklagen zusammen gespart, wie ich als Bafög-Empfängerin haben durfte. Nach Abzug der auf das nötigste reduzierten Festkosten blieben noch 260 DM zum Leben – auch in den 90er Jahren zu wenig. Daher immer wieder Nebenjobs, dort kam das Geld aber unregelmäßig, mal viel, mal wenig, mal nichts. Das bedeutete: Ich musste genau überlegen, wieviel ich zum Leben brauchte. Wenn mehr Geld reinkam, dann bloß nicht einfach ausgeben, sondern aufteilen – dazu war Buchführung unerlässlich. Ich wäre sonst schlichtweg im Chaos gelandet.

Als das Studium zu Ende war, war es dann wieder eng: Ich brauchte einige Monate bis ich eine Festanstellung fand. Da ich mit dem Studium recht schnell fertig war, hatte ich in dieser Zeit noch restliche Ansprüche auf Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, plus meine Nebenjobs. Es war also auch wieder eng. Und deshalb führte ich das Haushaltsbuch weiter.

1998 – die erste Vollzeitstelle

Dann 1998: Stelle gefunden, aber Bezahlung trotz Vollzeit nicht so genial. Und: Ich wusste, die Bafög-Rückzahlung kommt irgendwann. Deshalb: Haushaltsbuch weiterführen und Geld zusammen gespart. Das Bafög konnte ich dann in einer Gesamtzahlung zurück bezahlen und war diese Belastung los.

Da die damalige Arbeitstelle absehbar keine Dauerstelle werden würde, musste ich weiter nach einem neuen Job suchen und ich ahnte bereits: In meinem Beruf als Sozialpädagogin werde ich vermutlich zunächst mal nicht um ein Auto drum herum kommen. So ein Auto muss aber erstmal gekauft werden – also weiter Haushaltsbuch, damit es mit den nötigen Rücklagen dafür klappt.

Als ich die Stelle gefunden hatte, brauchte ich tatsächlich ein Auto und hatte dann das Geld für einen kleinen Gebrauchtwagen zusammen. Mir war klar, dass diese kleine Gebrauchtkiste nicht ewig hält, also wieder Rücklagen bilden und deshalb weiter Haushaltsbuch.

2001 – Konsumverführungen …

Ich hatte nun ein Sozialpädagogen-angemessenes Gehalt (was ja so viel auch nicht ist…) und da fingen interessanterweise dann auch die Ausgaben an, mehr zu werden. Dank Haushaltsbuch hatte ich dann irgendwann die „Übeltäter“ erfasst: die technischen Schnickschnacks: Computer, Handy, Soundkarte für Computer etc. etc. – Als der Arbeitsstress deutlich zunahm, war mir klar: ok, soviel Arbeiten und Stressen für diesen Schnickschnack lohnt sich nicht. Dank meines Haushaltsbuchs wusste ich genau, wieviel Verbrauch ich hatte, was davon nötig war, was gekürzt oder optimiert werden kann und um wieviel Stunden ich dann irgendwann meine Arbeitsstelle reduzieren konnte.

2015 – heute

Inzwischen ist es 2015, seit 20 Jahren gestalte ich mein Leben mit Haushaltsbuch. Ich glaube es selbst fast nicht. Anfangs auf Papier nach dem Muster vom Beratungsdienst der Sparkassen, jetzt seit langen Jahren mit einer Tabellenkalkulation. Insbesondere während des Studiums habe ich wirklich jede kleine Ausgabe erfasst. Jetzt sind es neben den Festkosten nur noch die wichtigsten beweglichen Ausgaben, mir reicht ansonsten ein ungefähres Budget und eine Zeile in der Tabelle, in der der jeweils aktuelle Kontostand steht (plus dem, was noch bis zum Monatsende an Ausgaben ansteht).

Das Haushaltsbuch hat mir insbesondere in folgenden Bereichen besonders geholfen:

  • mir überhaupt noch mal den Luxus eines Studiums leisten zu können und beruflich umzusteigen
  • Unabhängigkeit auch in finanziell engen Zeiten
    Ansparen statt Kredit aufnehmen oder lange Bafög zurück zu zahlen
  • das eigene Konsumverhalten bewusster wahrzunehmen und zu überprüfen
    von Vollzeittätigkeit auf Teilzeitstelle umzusteigen
  • beruflichen Stress zu reduzieren, indem ich wusste, wie ich von einem Teilzeitgehalt leben kann
  • Und: Überblick und dadurch eine gewisse Gelassenheit und Sicherheit.

Zum Schluss noch einige Links zum Thema Haushaltsbuch:

Kein K(r)ampf mit der Sitzmeditation

Probleme mit der Sitzmeditation – wenn nichts mehr geht …

Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich andere Meditierende nahezu bewundert habe. Gefühlte ewig und drei Tage ruhig und aufrecht sitzend im Schneidersitz, Lotussitz auf irgendwelchen niedrigen Kissen. Wahnsinn. Ging bei mir überhaupt nicht. Ich hatte immer wieder Probleme mit der Sitzmeditation. Insbesondere in Phasen, in denen ich mich gestresst fühlte, ohnehin „unter Dampf“ stand, hatte ich oft das Gefühl, mir bricht der Rücken durch, so verspannt war ich manchmal. In diese Verspannung reinatmen, freundlich sich selbst gegenüber – ja das hat dann manchmal ein bisschen geholfen, aber auch nicht immer und eigentlich auch nicht so wirklich. Lange Zeit ging das so – und in mir der Wunsch:

Ich möchte das auch mal so gut hinbekommen.

Neid, Ärger, Ehrgeiz – all das kam und ging. Irgendwann bemerkte ich, ich steckte regelrecht fest. Immer wieder die gleichen Reaktionen, Verspannungen, egal was ich machte.

Was tun? Ansprüche runter schrauben!

Irgendwann konnte ich mich dann endlich dazu entschließen, mal meine starre Vorstellung von dem, wie „man“ richtig sitzt bei der Meditation und insbesondere meine Ansprüche an mich runter zu schrauben. Und so habe ich es irgendwann dann einfach mal anders versucht und mich entweder hingelegt oder Sitz- und Gehmeditation in kürzeren Abständen miteinander abgewechselt.

Achtsamkeit und Fürsorglichkeit für mich selbst

Inzwischen spüre ich schon bevor ich überhaupt meditiere, ob und was dran ist. Und wenn ich bemerke, dass die Gefahr droht, dass ich vor lauter Sitzmeditations-Stress und überhöhten Ansprüche an mich selbst, in irgendeinen Meditationskrampf komme oder auch einfach nur einen sehr anstrengenden Tag hatte, dann kann ich inzwischen (nach gefühlt endlosem Üben) auch meinen falschen Ehrgeiz loslassen und meditiere halt mal nicht im Sitzen. Ich finde mich dabei in wunderbarer Weise durch die Aussagen von Bob Stahl und Elisha Goldstein bestätigt:

 

„Auf vielen Bildern von meditierenden Menschen sitzen sie in Furcht einflößenden Haltungen mit geschlossenen Augen, was die Übung für Anfänger unzugänglich oder fremd erscheinen lassen kann. Wir möchten jetzt klarstellen, dass keine Notwendigkeit besteht, bestimmte oder ungewöhnliche Körperhaltungen einzunehmen, wenn Sie meditieren. Die einzige Anleitung lautet, dass Sie eine Haltung einnehmen sollten, in der Sie wach und aufmerksam auf Ihre Übung sein können. Bei Achtsamkeit geht es nicht darum, eine bestimmte Sitzhaltung oder auch nur einen bestimmten inneren Zustand einzunehmen. Es geht darum, zu dem gegenwärtigen Moment aufzuwachen, gleich in welcher Haltung Sie sich befinden – körperlich oder innerlich.“
(Quelle: Bob Stahl & Elisha Goldstein, Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Das MBSR-Praxisbuch, Arbor-Verlag, S.46)

Minimalismus als Lebensstil – was bedeutet das?

Minimalismus als Reduzierung von Überfluss

Minimalismus ist in unseren Breitengraden zunächst mal ein Reduzieren von Überfluss. Wieviel ungenutzte Kleidungsstücke, wieviel nie wieder gelesene Bücher, verstaubende Deko, der wievielte Fernseher im Wohnzimmer, dazu noch einer im Schlafzimmer, einer im Kinderzimmer. Wieviel CD’s haben sich angesammelt?  Wieviel Bratpfannen, Teller, Tassen, Besteck tummeln sich im Schrank? Und dann der größer werdende Maschinenpark in der Küche:
Früher reichte heißes Wasser und ein Kaffeefilter, um sich einen Kaffee zu kochen – heute muss es die Multifunktions-Hightech-Maschine sein: Espresso, Latte Macchiato, Cappuccino, dazu irgendein Flavour, die dazugehörigen Extragläser, Tassen, Löffel… – Dann gibts das Ganze jetzt auch noch in der plastikmüll-produzierenden Variante – teurer Plastikkapselkaffee. Nicht zu reden von all den Computern, Laptops, Tablets, Smartphones, schicken Kopfhörern, diversen technischem Zubehör, wie Lautsprecher, Tastaturen, Computermäuse ohne Kabel. Und ständig kommen neue Produkte, Updates dazu. An den Smartphones zerbrechen die Displays, machen irgendwelche Schalter und Knöpfe schlapp und etwas Neues muss her.

Konsum als Atemlosigkeit

Es ist ein ständige Atemlosigkeit: Hinterher rennen hinter dem vermeintlichen „wenn-ich-das-gekauft-habe-dann-gehts-mir-gut-Gefühl“ oder „ich-möchte-dazu-gehören-Gefühl“. Es geht also schlichtweg um die Illusion, dass mit dem nächsten Kauf alles besser wird  – vielleicht sogar die Wirtschaftslage, der Euro, die diversen Krisen in der Welt – weil es wird ja allerorts wirtschaftspolitisch herum gebetet, dass der Konsum gesteigert werden muss. Und es wird so gepredigt, als würden sich dann die Probleme in Luft auflösen – schön wär’s, denn es verdienen in der Regel vorrangig nur einige Wenige, die ihren Reichtum scheinbar ständig steigern müssen – auf Kosten der anderen Menschen, der Umwelt, unser aller Existenz.

Minimalismus als Wettbewerb

Und nun gibt es da die andere Tendenz – Menschen, die genug haben vom atemlosen Konsumieren, die Reduzieren, sich befreien von allem, was überflüssig ist. Aber da wir Kinder unserer Zeit sind, gilt es auch hier aufzupassen: Denn die Atemlosigkeit kann auch unter Minimalisten Fuß fassen: Vielleicht ist es die Sorge, gar nicht richtig minimalistisch zu sein, weil andere Leute haben ja viel weniger als ich? Und dann höre ich vielleicht noch: „Ich habe jetzt  X-Dinge reduziert“, „mir reichen 2 oder 3 Pullover“ , „ich komme ohne Bett, Schrank, Tisch aus“, es gibt Bücher-, Bleistift- und Sockenzähler – alles sehr beeindruckend. Gehöre ich dann überhaupt dazu? Und wenn ich eine Beziehung, eine Familie habe und Partner/-in und/oder Kinder lieben es, Krams zu sammeln – was dann? Da kann ich leicht ins Hintertreffen geraten. Und die Frage der Verhältnismäßigkeit stellt sich: Wenn ich in Urlaub fahre und mit 2 T-Shirts auskomme, aber dafür einen beeindruckenden Technikfuhrpark mitschleppe, wie Laptop, Wechselfestplatte, Smartphone, Internetstick, und und und – wie minimalistisch ist das dann, wo ich mich doch vielleicht einfach nur ein paar Tage erholen will?

Minimalismus als Lebensstil, Minimalismus als Prozess

Ich sehe die Gefahr, Mithalten zu wollen, In-Sein, im Minimalismus letztlich genauso wie in einem konsumorientierten Lebensstil. Es geht nämlich möglicherweise immer noch um Zeugs. Diesmal halt nicht um den Wettbewerb um mehr und neueres Zeugs, sondern um den Wettbewerb um weniger Zeugs. Es gilt aufzupassen. Denn: Minimalismus ist kein Endzustand. Ich denke, es ist ein Prozess und ein Lebensstil, ein „auf-dem-Weg-Sein“ – immer wieder überprüfen, was ich wirklich benötige, liebe, brauche.

 

Soziale Kontakte, der Wunsch nach Anerkennung ist unabhängig von der Anzahl der Dinge

Sich anerkannt und zugehörig fühlen und die eigene Individualität trotzdem leben können – das macht sich nicht an der Anzahl von Dingen fest: Weder an möglichst viel, noch an möglichst wenig. Es hat mit direktem zwischenmenschlichen Kontakt, mit Beziehungsgestaltung zutun und damit, wie wir uns gegenseitig respektieren, anregen und anerkennen. Es geht um das soziale Miteinander und die Art und Weise, wie wir dies gestalten wollen. Insbesondere, wie wir gemeinsam, verantwortlicher leben wollen und welche Alternativen es zu einem ressourcenverschwenden Lebensstil gibt. Damit meine ich nicht „nur“ die materiellen Ressourcen, sondern auch die menschlichen Ressourcen. Denn sich selbst permanent zu überfordern, sich auslaugen im Kampf um Anerkennung oder im Wettbewerb um möglichst viel oder möglichst wenig Dinge – das ist für mich auch eine Form von Verschwendung – Energien und  Ressourcen, die wir anderswo viel effektiver und dringender benötigen.

Minimalismus als Vielfältigkeit

Zum Glück gibt es gerade unter Minimalisten schon sehr viele Varianten und Formen, in denen diese Energien konstruktiv genutzt und wo genau dies gelebt wird. Wer einmal die unterschiedlichen Internet-Blogs durchstöbert hat, wer Minimalisten persönlich getroffen und kennengelernt hat, der findet dort auch Vielfältigkeit, Toleranz, Miteinander, sowie endlose praktische Tipps, Anregungen, Hilfsbereitschaft.
Meinen herzlichen Dank dafür – möge sich davon MAXIMAL viel unter uns verbreiten.

 

Achtsamkeit: Die einfachen Dingen genießen

Ein sonniger Neujahrstag. Gleich heute Mittag beschloss ich einen kleinen Spaziergang in der Nähe zu unternehmen. Dieses Mal ganz alleine für mich:

Ich spüre den Boden unter meinen Füßen. Bei jedem Schritt, die sich ändernde Bodenbeschaffenheit. Auch ein Spaziergang kann recht einfach zu einer Geh-Meditation werden: Einfach, weil ich mich deutlicher spüre und ohne dass ich mir dies erst vornehmen muss. Ich bemerke, dass ich etwas verkrampft und flach atmete – trotz Sonne, und gutem Wetter. Also versuche ich erstmal lockerer zu werden, indem ich nicht nur die frische Luft geniesse, sondern auch die wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Schritt, jeden Atemzug genießen, hier, jetzt. – Mit jedem Schritt lockerer und entspannter werdend, erinnere ich mich einige Jahre zurück:

Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging und wo es mir kaum noch gelang, mich zu entspannen. Die beruflichen Belastungen waren damals stetig gestiegen. Schwierigere Fälle mussten in immer weniger Zeit bearbeitet werden, hinzu kam das auch im Sozialbereich vermehrte Qualitätsmanagement, welches nicht gerade zu weniger, sondern eher zu mehr Arbeitsdichte führt. Dann zwischenzeitlich auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten im Betrieb und monatliche Unklarheit, ob das Gehalt nun kommt oder nicht. Es war eine Zeit, in der es mir kaum gelang, am Wochenende oder im Urlaub „runter“ zu kommen. Natürlich hatte ich schon alle möglichen Varianten an Entspannungstrainings etc. ausprobiert, aber die halfen nicht mehr, auch nicht stundenlanges Musikhören, vor-mich-hindösen oder was auch immer. Ich hatte viel zu lange einfach nur ausgehalten, durchgehalten und lange Zeit vergessen, mir meine Bedürfnisse klarer zu machen. Erst nachdem ich beschloss, dass ich bei einer etwas veränderten Konsumhaltung auch mit einer Teilzeitstelle zurecht komme und ich mich der MBSR-Achtsamkeitspraxis zuwandte, ging es schrittweise wieder mit mir bergauf.

Und nun gehe ich am Neujahrstag 2015 im Sonnenschein spazieren und bemerke, wie ich locker geworden bin. Jetzt kann ich Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen und die einfachen Dingen wieder genieße: Den Wind, die Sonne, den Boden unter mir, den ein- und ausfließenden Atem, die Ruhe um mich herum und die zunehmende Ruhe in mir selbst. Einfach da sein, präsent sein, lebendig sein. So etwas muss es wohl sein, wenn von SEIN, statt HABEN oder MACHEN die Rede ist. Und was soll ich sagen: Es ist schön, einfach schön.

Meditatives Zähneputzen – Achtsamkeit im Alltag

Achtsamkeit im Alltag zur Stressreduzierung

Insbesondere in Phasen, in denen es turbulent zu geht, viel zu tun ist, vieles entschieden und abgearbeitet werden muss, wird mir deutlich, wie wohltuend es ist, kleine Inseln und Oasen der Achtsamkeit in den Alltag einzubauen. Das gelingt auch dann, wenn ich denke, so rein gar keine Zeit zu haben. Denn genau genommen lässt sich so endlos vieles achtsam tun:

Beispiele für Alltags-Achtsamkeit

Morgens: ich kann aus dem Bett springen (oder mich rausquälen) einfach so – oder genau dies bewusst wahrnehmen: Wie fühlt sich das Aufstehen im eigenen Körper an? Bin ich steif oder entspannt und gelenkig? Was ist mit gähnen und räkeln – einfach irgendwie so? Oder so richtig bewusst genießen?

Weiter gehts mit Duschen, Zähne putzen, Kaffee kochen, Frühstücken. All das kann ich versuchen, bewusst wahrzunehmen. Achtsames Duschen: genau hinspüren, wie das Wasser über den Körper fließt, die Temperatur des Wassers, die Muskeln, die sich entspannen – alles bewusst wahrnehmen. Nicht stundenlang. Sondern genau die Zeit, die ich üblicherweise auch sonst dafür aufwende. Beim Zähneputzen mal nicht dies, das und jenes denken und vorplanen, sondern spüren, wo die Zahnbürste gerade ist, jeden einzelnen Zahn, das Zahnfleisch wahrnehmen. – Dann beim Kaffee kochen: den Geruch des Kaffees wahrnehmen, das kochende Wasser, die Kaffeemaschinen hören und den ersten Schluck Kaffee mal ganz bewusst und gezielt genießen. Nicht gleich in mich reinschütten, sondern erstmal riechen, die warme Tasse in der Hand spüren, das Hochnehmen der Tasse, der erste Schluck Kaffee im Mund. – Da ich morgens beispielsweise ohnehin die erste bin, die aufsteht, genieße ich diese erste Tasse Kaffee morgens immer besonders: nur Kaffee trinken, keine Zeitung, kein Internet, kein Radio. Nur sitzen und den Kaffee bewusst genießen (geht natürlich auch bei Tee!).

Im Tagesverlauf kann es weiter gehen: Wenn ich doch ohnehin auf Zug und S-Bahn warte: Warum nicht die Minuten nutzen und ein paar Schritte achtsam den Bahnsteig auf und ablaufen? Die Fußsohlen bewusst abrollen und spüren. Oder die aufgehende Sonne wahrnehmen, den aufsteigenden Nebel, die Geräusche um mich herum. Vielleicht spüre ich aber auch nur den Ärger über die verspätete Bahn: Also achtsames über die Bahn ärgern: Wo macht sich dieser Ärger bemerkbar? Manifestiert er sich im Körper: Schultern angespannter? Atem hektisch? Wut? Ärger? Was mache ich jetzt mit meiner Wut, meinem Ärger? Mit zur Arbeit nehmen? Oder kann ich diesen Ärger auch wieder loslassen und vielleicht sogar konstruktiv nutzen? Indem ich mir überlege, demnächst mit dem Fahrrad zu fahren, eine andere Wegstrecke zu benutzen, früher loszufahren. Achtsamkeit hilft nicht nur beim „runter kommen“ sondern auch innerlich frei für neue Lösungswege zu werden.

Es gibt sehr viele weitere Möglichkeiten, achtsamer durch den Alltag zu gehen. Es kommt darauf an, es einfach mal zu probieren – gerade zu den Zeiten, in denen ich meine, dafür so gar keine Zeit zu haben.

Der Zusammenhang Multitasking, Stress und Konsum

Multitasking in einer schnellen, unruhigen Welt

Manchmal kommt es mir vor, als sei die Welt irgendwie schneller, unruhiger und die Zeit weniger geworden. So komme ich morgens ins Büro und alles ist irgendwie gleichzeitig: das Telefon klingelt, auf dem Diensthandy gehen einige SMS ein, Anfragen per Email, auf dem Schreibtisch noch abzuheftende Unterlagen, der Blick auf den Terminkalender verrät mir: Es wird Zeit, ich muss los zum nächsten Termin, aber – halt – der Dienstwagen ist ja noch nicht reserviert. Dann Termine und nachher noch mehr Papierstapel auf dem Schreibtisch …

Konsum als Reaktion auf Überlastung durch Multitasking und Stress

Interessanterweise habe ich ausgerechnet nach solchen Tagen sehr viel häufiger das Bedürfnis, mir nach Feierabend irgendeinen Nahrungs-Unsinn zu kaufen. Eisdielen scheinen mich dann magisch anzuziehen, Schokoladen lachen mich aus jeder Regalecke an, am Brötchenstand riecht es verführerisch gut und dann laufen da so viele Leute mit Kaffeebechern rum  – Kaffee! Lecker! Gedanken schießen mir durch den Kopf, ob ich nicht doch noch ein komfortableres Handy oder sonst was brauche, mit dem ich mir die Freizeit erleichtern kann – aber brauche ich das wirklich?? Ich bemerke, dass ich einfach nur überdreht bin und ich diese Überdrehtheit mit Essens- und Konsum-Unsinn abzubauen versuche.
Sich einfach vorzunehmen: ok, jetzt machst du Morgen auf der Arbeit mal langsamer und kaufen tue ich die nächsten 30 Tage auch nichts, ist gut, hilft mir dann aber auch nicht dauerhaft. Ich bemerke, dass ich irgendwann dann doch schwach werde, sich alte Verhaltensmuster einschleichen … Was also tun?

Alltagsachtsamkeit: Monotasking statt Multitasking

Eigentlich ist es simpel: Erstmal möglichst genau beobachten, was vor sich geht, also nichts anderes als Alltagsachtsamkeit. Was passiert da denn ganz genau? Denn: Die Stunde besteht immer noch aus 60 Minuten, Arbeitsverdichtung, Multitasking, Shopping-Fieber bin ich nicht hilflos ausgeliefert. Nicht an jedem Tag kommt alles gleichzeitig.
Muss ich alles gleichzeitig überprüfen? Muss das Emailprogramm ständig an sein? Muss das Handy permanent auf Empfang geschaltet sein? Arbeite ich dadurch besser oder schneller? Mein Eindruck: Nein! Weder werde ich mir, noch anderen gegenüber dadurch gerechter, noch arbeite ich besser – im Gegenteil.

Ich habe festgestellt, dass sich vieles entzerrt, wenn ich einige Arbeitsabläufe ritualisiere und morgens bis zum ersten anstehenden Außentermin mehr Zeit einplane. Da ich beruflich mit hörgeschädigten Menschen zutun habe, sind Email, SMS, Chat, Fax  zwingend erforderlich.  Gehörlose können mich nunmal nicht anrufen. Für mich sehr hilfreich: mehr Zeit zwischen Eintreffen im Büro und erstem Termin einplanen. Zunächst erstmal die eingegangenen Mitteilungen nacheinander sammeln. Anschließend sortieren nach zeitlicher und inhaltlicher Dringlichkeit und einen ungefähren Tagesplan erstellen. Notizen nicht auf alle möglichen Einzelzettel verteilen, dafür habe ich inzwischen ein stabiles und ausreichend großes Notizbuch. Den Schreibtisch halte ich soweit wie möglich frei, räume häufiger zwischendurch oder am Tagesende auf. Und: müssen es 5 Kugelschreiber sein, reicht nicht einer? Auch solche Kleinigkeiten entzerren, entstressen. Auch im Tagesverlauf achte ich immer wieder darauf: Wie geht’s mir gerade, runter kommen, durchatmen.

Manche Tage sind noch immer turbulent, aber: Ruhiger und strukturierter gehe ich ganz anders damit um. Abläufe zu ritualisieren, vereinfachen, den Schreibtisch und die Utensilien möglichst minimalistisch halten – und einfach auch einplanen, dass alles seine Zeit braucht: auch solche Dinge wie Nachrichten abrufen, Unterlagen abheften, aufräumen, usw.. Nichts wird schneller fertig, wenn ich alles gleichzeitig erledigen will oder ich dafür keinerlei Zeit einplane.

Ich komme dadurch inzwischen viel ruhiger durch den Tag, bin insgesamt aufmerksamer und entspannter geworden – und auch nach Feierabend haben die Konsum-Einkauf-Stress-Symptome deutlich nachgelassen. Da braucht es keinen Kaffeestand, Eisdiele, Schokoriegel oder weiß ich was. Wenn ich mir dann doch was gönne, dann ist es der ganz bewusste Genuß, nicht Stressabbau. Ein kleiner, aber sehr entscheidender Unterschied!
Andere Dinge werden wichtiger: die Sonne, Vögelgezwitscher, Rascheln der Blätter an den Bäumen. Spüren, wie der ‚innere Motor‘ nach einem erlebnis- und arbeitsreichen Tag langsam wieder runter fährt, die Atmung ruhig und gleichmäßig fließt. Vorfreude stellt sich ein: auf Balkonien, Füße hochlegen, Feierabendgespräche, Ruhe.