Achtsamkeit und Meditation – Tipps für Anfänger

Achtsamkeit – wer sich damit beschäftigen will, kommt vor allem um eins nicht drum rum: Achtsamkeit lebt vom eigenen Tun, die Wirksamkeit entfaltet sich erst durch Regelmäßigkeit. Achtsamkeit ist aber auch kein Leistungssport, d.h., es geht nicht um „möglichst viel“, sondern darum, das richtige Maß zu finden. Ich habe nachfolgend einige Anregungen und Tipps zusammen gestellt, die gerade in der Anfangszeit hilfreich sein können.

1. Achtsamkeit im Alltag

Achtsamkeit im Alltag wird den sogenannten informellen Achtsamkeitsübungen zu geordnet. Es gibt inzwischen viele Anregungen für mehr Achtsamkeit im Alltag. All diese sind sinnvoll und hilfreich. Ich empfehle jedem, diese informellen Achtsamkeitsübungen einmal auszuprobieren und sei es nur, z.B. mal das Smartphone regelmäßig und bewusst eine gewisse Zeit des Tages auszuschalten, z.B. 1 Woche lang grundsätzlich in der U-Bahn, im Zug, im Bus… und dann die eigene Reaktion zu beobachten: Wie fühle ich mich körperlich? Wie angespannt oder entspannt bin ich? Was sehe, höre ich? Was geschieht um mich herum? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? Was passiert ggf. in mir? All das wahrnehmen und versuchen, dies nicht zu werten.

Anregungen zur Achtsamkeit im Alltag (mit weiterführenden Links) hier: http://achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeit-uebungen/
Maria vom Blog Widerstand ist Zweckmässig hat ein Jahresprojekt „Achtsam durch den Tag“ gestartet. Dort gibts im Jahresverlauf 2016 ebenfalls immer wieder Anregungen und Erfahrungen nachzulesen: https://widerstandistzweckmaessig.wordpress.com/2016/01/07/achtsam-durch-den-tag-jahresprojekt/

2. Formale Achtsamkeitsübungen

Formale Achtsamkeitsübungen, also Sitz- und Gehmeditation, sowie im MBSR auch Bodyscan und achtsames Yoga wirken sich sehr wohltuend und hilfreich, auf die oben genannte Alltags-Achtsamkeit aus. 

Meine Tipps für die formelle Achtsamkeitsmeditation:

Wer zunächst selbst Zuhause Meditation ausprobieren möchte:

  • Langsam und in kleinen Schritten anfangen. Besser 5 Minuten täglich als 1 x in der Woche 2 Stunden.
  • Als Anfänger-Übung eignen sich insbesondere Übungen zur achtsamen Wahrnehmung des Körpers, wie dies beispielsweise im sog. Bodyscan geübt wird. Nutzen Sie dazu einer der Anleitungen. Eine Übersicht mit weiterführenden Links hier: http://achtsame-lebenskunst.de/achtsamkeit-uebungen/
  • Das achtsame Yoga des MBSR ist ebenfalls eine gute Körperwahrnehmungs-Übung. Gerade Menschen, die sich gerne bewegen und Schwierigkeiten damit haben, sich an längere Sitzmeditationen zu gewöhnen, können davon profitieren. Aber denken Sie dran: Achtsames Yoga unterscheidet sich von Sport zum Auspowern (das kann man bei Bedarf vorher oder hinter noch ergänzen).

Insbesondere am Anfang sind angeleitete Meditationen sehr hilfreich, denn dort erhält man Tipps und Anregungen, die beim Meditieren sehr hilfreich sind. Linda Lehrhaupt hat beispielsweise eine 10-minütige Sitzmeditation, die besonders am Anfang geeignet ist. Siehe hier: http://www.linda-lehrhaupt.com/begleitete-meditationen/sitzmeditation/ . Ansonsten habe ich auch unter dem bereits oben genannten Link eine Übersicht über Anleitungen zusammen gestellt: Achtsamkeitsuebungen/

3. Unterstützung und Anleitung suchen:

Diejenigen, die Meditation und Achtsamkeit über einen längeren Zeitraum ausprobieren wollen, empfehle ich, sich Gruppen, Kurse und Anleitungen zu suchen.

Zu beachten ist:

4. Retreats – mehrtägige Meditationen, Schweige-Meditationen:

Mehrtägige Meditationen, z.B. in Klöstern, Tagungshäusern, usw., sind in der Regel sehr intensive Erfahrungen – insbesondere dann, wenn diese in völligem Schweigen durchgeführt werden und ergänzender Austausch oder regelmäßig begleitende Beratung nur in geringem Umfang bzw. kaum möglich ist. Das bedeutet, Sie sind mit Ihren ersten Meditations-Erfahrungen in einem solchen Fall weitest gehend auf sich alleine gestellt. Bevor Sie also Ihre Urlaubstage investieren, empfehle ich, solche Kurse nur mit entsprechender längerer Vorerfahrung zu besuchen. Eine sinnvollere Alternative sehe ich darin, statt dessen zunächst einzelne Achtsamkeitstage zu besuchen (Ein Tag des gemeinsames Meditieren in einer Gruppe). Ein Achtsamkeitstag ist in der Regel auch Bestandteil eines MBSR-Kurses.
Zur Wirkung von langen, intensiven Retreats hier einige Informationen über Studien dazu:  http://www.achtsamleben.at/nebenwirkungen-von-achtsamkeit/

5. Meditation und Erkrankungen:

Psychische Erkrankungen: Insbesondere bei akuter Depression ist die formale Achtsamkeitspraxis nur bedingt bzw. gar nicht geeignet. Bitte unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt bzw. Psychotherapeut Rücksprache halten. Dies gilt natürlich auch bei allen anderen psychischen Erkrankungen bzw. besonderen psychischen Belastungen. Bei überstandener Depression gibt es statt des MBSR-, das MBCT-Programm. Mein Tipp: Achten Sie auf die Grundausbildung der MBSR-Kursleiter bzw. der MeditationslehrerInnen und sprechen Sie vorher ab, was möglich, sinnvoll und dann auch wirklich hilfreich für Sie ist. Achtsamkeit wird üblicherweise immer mit Sitzmeditation verbunden. Sie ist aus meiner Sicht auch sehr entscheidend und wichtig. Aber letztlich gibt es sehr unterschiedliche Formen von Achtsamkeitspraxis (z.B. auch bewegungsaktivere Achtsamkeitsübungen) und es ist sinnvoll, zu schauen, was genau hilfreich ist oder eben auch nicht.

Ergänzende Anmerkung vom 10.1.16 zum besseren Verständnis: Hier eine Erläuterung des Psychotherapeuten Gerhard Zarbock, die in einem Beitrag auf spiegel.de zitiert wurde:

„Achtsamkeitsübungen könnten für Menschen, die das erste Mal eine Depression erleiden, schädlich sein. „In der Behandlung ist es wichtig, die Patienten zu Bewegung und Unternehmungen zu motivieren. Achtsamkeit richtet jedoch den Blick nach innen, auf das körperliche und emotionale Befinden statt nach positiven Aktivitäten zu suchen. Das blockiert die Menschen zu handeln“, sagt der Psychologe und Psychotherapeut Gerhard Zarbock. 
Ist die Depression allerdings chronisch, könne Achtsamkeit hingegen sehr hilfreich sein. Patienten könnten dadurch frühzeitig erkennen, wenn sich wieder eine depressive Phase anschleicht und dann gegensteuern“.
(Quelle: http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/meditation-achtsamkeit-hat-nebenwirkungen-a-989682.html)

Andere Erkrankungen: Achten Sie auf Ihre Möglichkeiten und Grenzen, sprechen Sie ggf. vorher mit den KursleiterInnen. Es geht um Achtsamkeit, nicht um möglichst viel oder möglichst „normal“ zu erscheinen. Achten Sie darauf, ob es Möglichkeiten gibt, dass Sie bei einer Meditation auch eine andere Haltung einnehmen können, z.B. auf einem Hocker, Stuhl, wenn dies angenehmer für Sie ist. Die äußere Haltung soll eine Unterstützung für die innere Haltung sein und keine Quälerei. Es geht um Achtsamkeit und nicht darum, anderen oder sich selbst etwas zu beweisen.

Dieser Text ist auch als PDF-Datei zum Download erhältlich: Download PDF Achtsamkeit und Meditation für Anfänger

Stopping – wie man die Welt anhält – Eindrücke und Gedanken zum Film

Es ist bereits rund 2 Wochen her, dass ich den Film „Stopping – wie man die Welt anhält, Wege zur Meditation“ im Kino gesehen habe. Neben Vipassana-Meditation wurde dort auch ZEN, Anthroposophische Meditation, MBSR und der Diamentweg Buddhismus gezeigt.  Ich kann sagen:

Der Film bietet genau das, was bereits im Filmtitel genannt wird – es werden Wege zur Meditation dargestellt: Die Protagonisten werden in ihrem Umwelt gezeigt, es werden einige Gründe deutlich, warum der Weg zur Meditation gesucht wird, sowie der Einstieg in die unterschiedlichen Meditationsformen. Daher ist dieser Film auch gut geeignet für diejenigen, die überlegen mit dem Meditieren anzufangen, um schon einmal vorab zu schauen, was passender oder unpassender für das eigene Leben erscheint. Oder auch für die, die schon lange mit einer Meditationsform üben und mal „über den Tellerrand schauen wollen.“

Hätte es den Film schon zu der Zeit gegeben, als ich mit dem Meditieren begonnen habe, wäre das sicherlich eine gute Orientierung gewesen. Ich erinnere mich beispielsweise noch gut an mein Erstaunen, wieviel unterschiedliche Formen es da gibt: mit dem Gesicht zur Wand oder in den Raum, dunkle Bekleidung oder Bekleidung ist egal, mit oder ohne Räucherstäbchen, Buddhafiguren oder leerer Raum, beim Atmen von 1 bis 10 zählen oder nicht, Sitzen unbedingt nur auf einem Zafu (Meditationskissen) oder es darf auch was anderes sein, Augen auf oder zu – ich fand das anfangs schon verwirrend bis verwunderlich.

Als ich dann in dem Kino saß und mir „Stopping -wie man die Welt anhält“ ansah, erinnerte ich mich daran und mir wurde beim Zuschauen deutlich, wie angenehm es war, dass es so unterschiedliche Ansätze gibt. Eigentlich ist wirklich für jede/n etwas dabei. Manches spricht mich beispielsweise sehr an, anderes wiederum so gar nicht. So weiß ich, dass für viele Leute die ZEN-Meditation genau richtig ist, ich selbst damit aber überhaupt nicht zurecht komme – für mich ist MBSR und Vipassana besser. Aber da gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur ein passend oder unpassend.

Was ich ein bisschen anders sehe:
Marie Mannschatz betonte die Konsumüberdrüssigkeit, die viele zur Meditation bringt. Diese Konsumüberdrüssigkeit sehe ich auch. Allerdings halte ich die Stressbelastung, Reizüberflutung und/oder persönlich belastende Lebenssituationen zunächst mal für sehr viel vorrangiger. Das wurde auch durch die Aussagen der Protagonisten des Films deutlich, die zunächst mal ihre Alltagsbelastungen beschrieben. Auch bei mir selbst war es anfangs die Überlastung, die u.a. auch unser westlicher Lebensstil so mit sich bringt: Arbeitsverdichtung, Hektik, Lärm, eine Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Dass ich mit Konsum versuche, mir eine „Belohnung“ fürs stressige Arbeiten zu kaufen, mir damit die Welt nur scheinbar schöner basteln will, fiel mir erst dann wirklich auf, als ich bereits mit dem Meditieren begonnen hatte. Erst dann wurde mir klar, wie unsinnig so etwas ist, da sich die Stress-Spirale dadurch noch schneller dreht.
Der Titel des Films „Stopping – wie man die Welt anhält“ ist an dieser Stelle sehr passend: Anhalten, Sitzen, Atmen – und z.B. feststellen, dass ich einer Illusion erliege, wenn ich meine, mit dem Kauf dieses oder jenes, teuren, aber letztlich unnötigen Produktes würde der Stress weniger und ich selbst zufriedener. Es ist nichts anderes als eine teuere Fata Morgana, die ich mir mit dann mit vielleicht noch mehr Stress erstmal erarbeiten muss.

Noch etwas möchte ich anfügen:
So beeindruckend 10-Tage-Meditations-Seminare sind: Ohne entsprechende Meditations-Vorerfahrung, sollte bewusst sein, dass diese gerade für uns West’ler eine ziemliche Hausnummer sein können. Natürlich entstehen in solch langen Meditationsphasen auch Momente innerer Ruhe, es wird unter Umständen aber in sehr kompakter und massiver Form eine Menge an eigenen Problemen deutlich und es ist zu schauen: hilft mir das oder überfordert es mich dann vielleicht auch? Eine sehr kompakte und intensive Zeit ist einerseits natürlich sehr hilfreich, um sich seiner eigene Lebenssituation deutlicher zu werden („ach da läuft es bei mir nicht rund…“), allerdings ist das, was belastet, anschließend oftmals nicht mal so eben in kurzer Zeit geändert. Es dauert halt bis ggf. berufliche, private, persönliche Veränderungen greifen. Bis es so weit ist, läuft der eigene Alltag weiter und es ist eine Herausforderung dann nicht wieder im alten Trott zu landen. So ist z.B. die Anfahrt zur Arbeit immer noch weit, belastend, stressig, laut. Oder bis der zu teure und nun gekündigte Handyvertrag mal endlich abgelaufen ist, muss er halt weiter bezahlt werden. Meditation ist kein Leistungssport, auch kein schnelles Wundermittel. Erst recht nicht in einer Leistungsgesellschaft und dann, wenn man eben nicht ‚meditationstrainiert’ ist, sondern ein Anfänger oder unregelmäßig Meditierende/r. Mitunter kann es sehr viel hilfreicher sein, entsprechende Möglichkeiten vor Ort zu suchen und Meditation schrittweise und regelmäßig zu üben und dann auch schrittweise den Alltag zu verändern.

Aber auch hier gibt es für mich kein gut oder schlecht, kein richtig oder falsch, sondern nur ein passend oder unpassend und genau das hat mir der Film sehr deutlich gemacht. Dafür meinen besonderen Dank, an alle, die bei diesem Film beteiligt waren!

Für Interessierte:
Homepage des Films „Stopping – wie man die Welt anhält“:
http://stoppingderfilm.org/

Wo läuft der Film: Kinosuche:
http://kinofinder.kino-zeit.de/programmsuche/323758/20/1?moviename=Stopping+-+Wie+man+die+Welt+anh%C3%A4lt

Kein K(r)ampf mit der Sitzmeditation

Probleme mit der Sitzmeditation – wenn nichts mehr geht …

Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich andere Meditierende nahezu bewundert habe. Gefühlte ewig und drei Tage ruhig und aufrecht sitzend im Schneidersitz, Lotussitz auf irgendwelchen niedrigen Kissen. Wahnsinn. Ging bei mir überhaupt nicht. Ich hatte immer wieder Probleme mit der Sitzmeditation. Insbesondere in Phasen, in denen ich mich gestresst fühlte, ohnehin „unter Dampf“ stand, hatte ich oft das Gefühl, mir bricht der Rücken durch, so verspannt war ich manchmal. In diese Verspannung reinatmen, freundlich sich selbst gegenüber – ja das hat dann manchmal ein bisschen geholfen, aber auch nicht immer und eigentlich auch nicht so wirklich. Lange Zeit ging das so – und in mir der Wunsch:

Ich möchte das auch mal so gut hinbekommen.

Neid, Ärger, Ehrgeiz – all das kam und ging. Irgendwann bemerkte ich, ich steckte regelrecht fest. Immer wieder die gleichen Reaktionen, Verspannungen, egal was ich machte.

Was tun? Ansprüche runter schrauben!

Irgendwann konnte ich mich dann endlich dazu entschließen, mal meine starre Vorstellung von dem, wie „man“ richtig sitzt bei der Meditation und insbesondere meine Ansprüche an mich runter zu schrauben. Und so habe ich es irgendwann dann einfach mal anders versucht und mich entweder hingelegt oder Sitz- und Gehmeditation in kürzeren Abständen miteinander abgewechselt.

Achtsamkeit und Fürsorglichkeit für mich selbst

Inzwischen spüre ich schon bevor ich überhaupt meditiere, ob und was dran ist. Und wenn ich bemerke, dass die Gefahr droht, dass ich vor lauter Sitzmeditations-Stress und überhöhten Ansprüche an mich selbst, in irgendeinen Meditationskrampf komme oder auch einfach nur einen sehr anstrengenden Tag hatte, dann kann ich inzwischen (nach gefühlt endlosem Üben) auch meinen falschen Ehrgeiz loslassen und meditiere halt mal nicht im Sitzen. Ich finde mich dabei in wunderbarer Weise durch die Aussagen von Bob Stahl und Elisha Goldstein bestätigt:

 

„Auf vielen Bildern von meditierenden Menschen sitzen sie in Furcht einflößenden Haltungen mit geschlossenen Augen, was die Übung für Anfänger unzugänglich oder fremd erscheinen lassen kann. Wir möchten jetzt klarstellen, dass keine Notwendigkeit besteht, bestimmte oder ungewöhnliche Körperhaltungen einzunehmen, wenn Sie meditieren. Die einzige Anleitung lautet, dass Sie eine Haltung einnehmen sollten, in der Sie wach und aufmerksam auf Ihre Übung sein können. Bei Achtsamkeit geht es nicht darum, eine bestimmte Sitzhaltung oder auch nur einen bestimmten inneren Zustand einzunehmen. Es geht darum, zu dem gegenwärtigen Moment aufzuwachen, gleich in welcher Haltung Sie sich befinden – körperlich oder innerlich.“
(Quelle: Bob Stahl & Elisha Goldstein, Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Das MBSR-Praxisbuch, Arbor-Verlag, S.46)

Meditatives Zähneputzen – Achtsamkeit im Alltag

Achtsamkeit im Alltag zur Stressreduzierung

Insbesondere in Phasen, in denen es turbulent zu geht, viel zu tun ist, vieles entschieden und abgearbeitet werden muss, wird mir deutlich, wie wohltuend es ist, kleine Inseln und Oasen der Achtsamkeit in den Alltag einzubauen. Das gelingt auch dann, wenn ich denke, so rein gar keine Zeit zu haben. Denn genau genommen lässt sich so endlos vieles achtsam tun:

Beispiele für Alltags-Achtsamkeit

Morgens: ich kann aus dem Bett springen (oder mich rausquälen) einfach so – oder genau dies bewusst wahrnehmen: Wie fühlt sich das Aufstehen im eigenen Körper an? Bin ich steif oder entspannt und gelenkig? Was ist mit gähnen und räkeln – einfach irgendwie so? Oder so richtig bewusst genießen?
Weiter gehts mit Duschen, Zähne putzen, Kaffee kochen, Frühstücken. All das kann ich versuchen, bewusst wahrzunehmen. Achtsames Duschen: genau hinspüren, wie das Wasser über den Körper fließt, die Temperatur des Wassers, die Muskeln, die sich entspannen – alles bewusst wahrnehmen. Nicht stundenlang. Sondern genau die Zeit, die ich üblicherweise auch sonst dafür aufwende. Beim Zähneputzen mal nicht dies, das und jenes denken und vorplanen, sondern spüren, wo die Zahnbürste gerade ist, jeden einzelnen Zahn, das Zahnfleisch wahrnehmen. – Dann beim Kaffee kochen: den Geruch des Kaffees wahrnehmen, das kochende Wasser, die Kaffeemaschinen hören und den ersten Schluck Kaffee mal ganz bewusst und gezielt genießen. Nicht gleich in mich reinschütten, sondern erstmal riechen, die warme Tasse in der Hand spüren, das Hochnehmen der Tasse, der erste Schluck Kaffee im Mund. – Da ich morgens beispielsweise ohnehin die erste bin, die aufsteht, genieße ich diese erste Tasse Kaffee morgens immer besonders: nur Kaffee trinken, keine Zeitung, kein Internet, kein Radio. Nur sitzen und den Kaffee bewusst genießen (geht natürlich auch bei Tee!).

Im Tagesverlauf kann es weiter gehen: Wenn ich doch ohnehin auf Zug und S-Bahn warte: Warum nicht die Minuten nutzen und ein paar Schritte achtsam den Bahnsteig auf und ablaufen? Die Fußsohlen bewusst abrollen und spüren. Oder die aufgehende Sonne wahrnehmen, den aufsteigenden Nebel, die Geräusche um mich herum. Vielleicht spüre ich aber auch nur den Ärger über die verspätete Bahn: Also achtsames über die Bahn ärgern: Wo macht sich dieser Ärger bemerkbar? Manifestiert er sich im Körper: Schultern angespannter? Atem hektisch? Wut? Ärger? Was mache ich jetzt mit meiner Wut, meinem Ärger? Mit zur Arbeit nehmen? Oder kann ich diesen Ärger auch wieder loslassen und vielleicht sogar konstruktiv nutzen? Indem ich mir überlege, demnächst mit dem Fahrrad zu fahren, eine andere Wegstrecke zu benutzen, früher loszufahren. Achtsamkeit hilft nicht nur beim „runter kommen“ sondern auch innerlich frei für neue Lösungswege zu werden.

Es gibt sehr viele weitere Möglichkeiten, achtsamer durch den Alltag zu gehen. Es kommt darauf an, es einfach mal zu probieren – gerade zu den Zeiten, in denen ich meine, dafür so gar keine Zeit zu haben.

Meine Erfahrungen mit Achtsamkeit und Meditation

Meine erste Begegnung mit Meditation

Die erste Begegnung mit Meditation war für mich in direktem Anschluss an eine anstrengende und arbeitsintensive berufliche Phase. Daher war das Meditieren zu Beginn für mich wie ein endloser Luxus: keine abzuarbeitenden Papierstapel, kein Telefon, keine Emails, keine ToDo-Listen, keine Geräuschkulisse, keine Gespräche, kein Putzen, Spülen oder sonstwas, sondern: einfach da sitzen und den Atem beobachten.

Meine ersten Meditationserlebnisse

Sehr schnell viel mir dann aber auf, dass mit der äußeren Ruhe, der „innere Lärm“ zum Vorschein kam: statt mich auf den Atem zu konzentrieren, gingen mir tausende Dinge, Gedanken, Erinnerungen durch den Sinn. Dann in der Meditation immer wieder zurück kommen zur Atembeobachtung, wieder abschweifen, wieder zurück zum Atem und so fort. Mal so eben nichts weiter zu tun, als den Atemfluß zu beobachten, das war wirklich nicht so einfach. Wo war die Entspannung, das Abschalten?  Was sollte denn das für einen Sinn haben???

Nach einigen Meditationssitzungen fiel mir dann auf, dass mir meditieren erstaunlicherweise trotzdem gut tat. Ich fühlte mich danach wohler, obwohl ich gedanklich ständig abwanderte, zum Atem zurück kehrte, wieder abwanderte, wieder zurück kehrte. Ich verstand, dass es nicht darum ging „richtig“ zu meditieren, schon gar nicht „perfekt“, sondern genau dieses immer wieder zum Atem zurück kehren, dazu führte, dass ich mich nicht in irgendwelchen Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen festhakte, sondern dies alles kommen und auch wieder gehen lassen konnte. Dadurch nahm ich mein Denken, Fühlen, körperliche Befindlichkeiten sehr viel genauer und differenzierter wahr, da ich es mit größerem inneren Abstand wahrnehmen konnte. Im Laufe der Zeit wurde dies für mich zu einer Art inneren Bestandsaufnahme von eigenen Denkmustern, emotionalen Reaktionen, körperlichen Befindlichkeiten.

Inneres Entrümpeln

Mir kommen Begriffe wie Inspektion, Entrümpeln, Minimalisieren, Navigieren in den Sinn – nur: dieses Mal gehts es erstmal nicht unmittelbar um Autos, Möbel oder überfüllte Kleiderschränke, sondern um mich selbst. Einen überfüllten Kleiderschrank entrümpele ich nicht, indem ich Kleidung wahllos herausgreife und in die Altkleidersammlung gebe. Ich schaue mir erstmal alles genau an, wähle aus, entscheide, was ich behalten will und was nicht.

Nicht viel anders ergeht es mir mit Achtsamkeit. Indem ich nicht gleich reagiere, gelingt es deutlich besser, mich nicht in Gedanken, Gefühlen oder Aktionen zu verstricken, sondern erstmal Abstand gewinnen und aus diesem Abstand heraus, deutlich gelassener, klarer und bewusster zu entscheiden und zu handeln. Gleichzeitig sind mir dabei auch viele Denk- und Verhaltensmuster deutlich geworden, die ich dadurch besser hinterfragen und auch verändern kann. In dem Bild vom Kleiderschrank ausgedrückt: Ist dieser entrümpelt, aufgeräumt, durchsortiert, minimalisiert, fühlt es sich so richtig gut an. Es erleichtert mir dies das Leben, ich kann mich leichter entscheiden und mich auf andere, schönere Dinge konzentrieren. Und so wie Kleiderschrank entrümpeln erstmal einen gewissen Arbeitsaufwand erfordert, so geht es mir mit Achtsamkeit auch. Achtsamkeit ist ein aktiver Prozess, sozusagen ein aktiver Prozess des Nicht-Tuns. Dieser hat aber so rein gar nichts mit Tagträumen, Wellness oder Langeweile zutun – obwohl all dies (und noch mehr!) durchaus auftauchen kann.

Minimalismus pur: Meine ersten Erfahrungen mit Achtsamkeit

Vermeintlich nichts tun: Einfach da sitzen, den Atem beobachten. Minimalismus pur.

Den ersten näheren Kontakt mit Sitzmeditation hatte ich  2010 während einer Kur. Ich wollte weiterüben, da mir diese Sitzmeditation – warum auch immer – sehr gut getan hat. Ich suchte nach einer Meditationsgruppe, stellte dabei fest, es gibt ‚zig unterschiedliche Meditationspraktiken, Rituale, etc. – Anfangs verwirrte mich dies. Letztlich stelle ich aber fest, dass es auch Vorteile hat. Denn jede/r ist anders, nicht jede/r kommt auf ein und dem selben Weg gleich gut weiter. 

Bei mir war es so, dass ich mit ZEN-Meditation kam ich so gar nicht klar kam: Den Raum mit dem linken Fuß zu erst betreten, Räucherstäbchen, einige schwarz gewandete Gestalten – ich ging bereits bei der Einführung wieder. Zuerst überlegte ich, ich könnte auch ausschließlich alleine meditieren, aber ich bemerkte schnell, dass dies nicht ausreicht.

Über einige Umwege gelangte ich dann zu MBSR (Mindfulness based stress reduction) – Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Mir gefiel die religiöse Neutralität, es gibt Strukturen, aber keine starren Rituale. Zudem gibt es vielfältige Formen der Achtsamkeit, neben Sitz- und Gehmeditation auch achtsames Yoga, achtsames Essen. Hinzu kommt die informelle Achtsamkeitspraxis: also all das, was im Alltag auftaucht und geeignet ist, achtsam getan zu werden.