Minimalismus im Urlaub

Ab in den Süden – oder: Nix wie weg…?

Mir fällt seit längerem auf, dass es inzwischen so eine Art Standard zu sein scheint: Endlich Urlaub und ab ins Flugzeug, irgendwo hin in den Süden. Ich bin mein ganzes Leben noch nicht geflogen, dabei habe ich nicht einmal Flugangst und es hatte auch sonst keinen wirklich wichtigen Grund. Warum auch immer zieht es mich eher Richtung Norden und ich kann mich auch sehr gut irgendwo in der Nähe erholen. Wenn ich dann heute zusätzlich an den miserablen ökologischen Fußabdruck durch’s Fliegen denke, vergeht mir ohnehin die Lust daran.

 

Welche Bedürfnisse habe ich wirklich?

Eigentlich hat ja auch jede/r  andere Bedürfnisse. Ich habe beispielsweise beruflich jede Menge Abwechslung, bin viel unterwegs, habe mit vielen Menschen zutun. Dann lebe ich im Ruhrgebiet – sehr gerne übrigens – aber dort ist es meistens voll: volle Züge, volle Straßen, ein Gewimmel an Menschen und Eindrücken.

Wenn ich dann Urlaub habe, liebe ich es zunächst einmal, wenn ich nicht eine ewig lange Anreise habe. Ich fahre gerne in den Norden ans Meer oder irgendwo dort in der Nähe. Ich brauche auch keine Touristenhochburg mit „Remmidemmi“. Ich möchte gerne einfach mal nix machen. Um’s genauer zu formulieren: Einfach mal in den Tag hinein leben und schauen, wonach mir gerade ist: Spazieren gehen, Rad fahren, vielleicht auch mal in einem Café einen Kaffee oder Tee genießen. Und die Ruhe, die schöne Landschaft in mich hinein atmen, die Sonne, Wind und (hoffentlich nicht so viel) Regen auf der Haut spüren. Ich muss nicht Museen besuchen oder touristischen Sightseeing-Touren abklappern, wenn mir nicht danach ist. Es ist mir egal, ob das so üblich oder „in“ ist oder nicht. Meine Orientierung ist, ob mir danach ist und was ich brauche, um mich zu erholen.

Das ist meine Art von minimalistischem Urlaub. Der berühmte Minimalismus-Satz von Leo Babauta „Identiy the essential. Eliminate the rest“ passt hervorragend zu der Art von Urlaub und ich spüre immer wieder, dass mir genau dies sehr gut tut. Wenn die – meistens übliche – Frage nach dem Urlaub kommt: „Und was hast du so im Urlaub gemacht?“ Dann antworte ich gerne mit meinem liebsten Urlaubsspruch:

 

 

„So ganz intensiv nix.

Und wenn ich aufs Meer geschaut habe

und morgens ein Schiffchen von rechts nach links

und abends von links nach rechts gefahren ist,

dann war das Aufregung genug.“

😉

Schluss mit Stress und Multitasking

Stressbelastetes Multitasking im Alltag

Wer kennt das nicht: Manchmal scheint alles zusammen zu kommen: Ich sitze im Büro und telefoniere gerade, während mich gleichzeitig neue Emails erreichen, mehrere ungelesene Chat-Nachrichten auf meinem Handy sind – dabei wollte ich doch eigentlich einen Bericht schreiben und längst Feierabend haben. Ständig in Aktion, endlose Dinge, die fertig abgearbeitet werden müssten. Eine typisches stressbelastetes Alltags-Multitasking. Ich kenne solche Situationen – irgendwann bin ich dann nur noch müde und genervt. Dabei ist längst klar, dass Multitasking, also das gleichzeitige Tun von mehreren Dingen, zeitlich sogar uneffektiv ist und dann wird auch noch auch das Burn-Out-Risiko erhöhen.

Raus aus der Stress- und Multitasking-Falle:

Nachfolgend ein Paar Ideen und Anregungen zum ruhigeren und damit letztlich zufriedeneren Leben und Arbeiten, z.B. im das Handy einfach mal auszuschalten:

  • das Diensthandy nach Feierabend
  • bei einer Besprechung
  • in der Mittagspause
  • während der Autofahrt
  • beim Schreiben eines Berichtes
  • beim Spielen mit den Kindern
  • Die meisten Handys haben auch einen Nicht-Stören-Modus bzw. einen Flugzeugmodus. Sie können dann das Smartphone nutzen, werden aber nicht durch Anrufe gestört.
  • Push-Benachrichtigungen deaktivieren, d.h., sie bekommen nur dann Nachrichten, wenn Sie diese abrufen und nicht ständig zwischendurch.

Aktuelle Nachrichten abrufen (Emails, Chat, SMS):

  • Nutzen Sie insbesondere beruflich möglichst bestimmte Zeiten am Tag, wann Sie Nachrichten abrufen und beantworten. Vermeiden Sie ein ständiges „Stand-By“.
  • Wenn Sie oft erreichbar sein müssen: Planen Sie gezielte Zeiten im Tagesverlauf ein, wann Sie nicht nach ihrem Handy, PC, Tablet sehen können.
  • Überlegen Sie, ob Sie bestimmte Telefon- und Kommunikationszeiten für Kunden, Klienten, etc. festlegen. Weisen Sie daraufhin, wie lange es in etwa dauert, bis Sie eine Email, Chat-Nachricht beantworten.

Struktur schaffen, den Tag planen:

  • ToDo-Liste entrümpeln: Was muss nicht sein?
  • Was sind die 3 wichtigsten Dinge, die heute zu erledigen sind?
  • Planen Sie Pausen und Erholung bewusst in Ihren Terminkalender ein.

Entspannung/Erholung:

  • Selbst Routinetätigkeiten können Sie zum „Runterkommen“ nutzen. Eine gute Möglichkeit ist es hier, Alltags-Achtsamkeit einzuüben und zu pflegen. So kann der Gang über den Flur zum Kopierer, zum Besprechungsraum genutzt werden, um einfach mal nur den Kontakt der Füße zum Boden zu spüren. Oder beim Sitzen am Computer einmal bewusst darauf zu achten, wie ich eigentlich sitze, atme. Wenn Sie dann einige Atemzüge lang mal einfach nur atmen, sich etwas räkeln oder etwas bewegen, dauert dies wirklich nur ein paar kurze Momente – und anschließend sind Sie wieder fitter und aufnahmefähiger.
  • Vermeiden Sie übermäßigen Freizeittourismus und zu viele privaten Termine. Gönnen Sie sich auch Auszeiten, in denen Sie einfach mal nichts tun müssen, in den Tag hinein leben können.
  • Erlernen Sie eine Entspannungstechnik und wenden Sie diese regelmäßig an. Besser beispielsweise nur 2 Minuten Achtsamkeitsübungen am Tag, als gar nichts!
  • Schalten Sie Musikanlage, Fernseher, Computer regelmäßig aus. Vermeiden Sie Dauerbeschallung und Dauerberieselung.
  • Bewegen Sie sich. Insbesondere Wandern, Fahrradfahren und ähnliche Ausdauersportarten in der Natur sind hilfreich. Genießen Sie die Natur um sich herum, die Stille, die frische Luft, das Grün der Bäume …

Zusatzbelastungen vermeiden:

  • Werden Sie sich Ihrer Kaufimpulse bewusst und vermeiden Sie Spontankäufe und regelmäßige Shoppingtouren in Kaufhäuser oder Internet. Konsumieren kostet letztlich nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Fragen Sie sich daher: Ist das Ding, was ich kaufen will wirklich nötig oder einfach nur eine teure Ablenkung, ein Zudröhnen, eine Folge der eigenen Überdrehtheit?
  • Verschaffen Sie sich eine Übersicht über ihre Finanzen. Vielleicht geht es auch mit weniger Geld oder sogar einer Arbeitszeitreduzierung? Ein Haushaltsbuch leistet hier gute Dienste, um einschätzen zu können, welche finanziell realistischen Möglichkeiten es gibt.
  • Entrümpeln Sie – Zeug kaufen macht ebenso Arbeit, wie das Zeug pflegen, aufräumen, abstauben, suchen…  Es geht auch mit sehr viel weniger und meistens geht es sogar viel besser ;-).

Werden Sie kreativ, entwickeln Sie Ihre eigenen Ideen. Es gibt sicher noch eine Menge mehr Möglichkeiten in Ihrem Alltag, wie Sie vom überdrehten Multitasker wieder zum zufriedeneren ‚Monotasker‘ werden können.

Weiterführende Empfehlungen:

Lebensstil vereinfachen – Loslassen von Zeit

Zeitfresser loslassen

Meinen Lebensstil vereinfachen bedeutet für mich, dass ich nicht nur auf die Dinge im Sinne von Gegenständen verzichte, sondern einmal die ganzen „Zeitfresserchen“ unter die Lupe nehmen. Solche Zeitfresserchen können z.B. die digitalen Errungenschaften wie Smartphone, Computer, Internet sein, aber auch das Fernsehen, manchmal sogar ein Hobby, welches vielleicht ausgeufert ist. Aber auch die viele Termine, Verabredungen, Pläne, also die ganze Geschäftigkeiten des Lebens, sowie meine Vorstellungen davon, wie ich die Zeit nutzen möchte, loszulassen.

Nichts verpassen – in Hochgeschwindigkeit und Aktionismus durch den Tag

Es gab Zeiten, wo mir dies überhaupt nicht gelang. Ich hatte Sorge, bei all der zeitaufwändigen beruflichen Tätigkeit, mein eigenes Leben zu verpassen. Also habe ich versucht, die Zeit gut zu nutzen: Die Zugfahrt, die Wartezeit an der Haltestelle – lesen, im Internet surfen, Musik hören. Damit es Zuhause möglichst schön ist, dann auch eben schnell putzen, aufräumen, rödeln. Ach ja, das Musikhobby: Mal wieder singen, Klavier spielen und fast unbemerkt, mir den nächsten Stress aufhalsen: das will ich dann jetzt auch noch gut können….  Trotzdem war da so ein nagendes Gefühl von Unzufriedenheit, welches aber nur kurzfristig verschwand, als ich ablenkte: Ob ich vielleicht doch dieses oder jenes besseres digitales Teil für das Internetsurfen unterwegs benötige oder neue Musikstücke runterladen oder welche neuen Bücher ich lesen will. Solche Überlegungen brauchen dann ja auch wieder Zeit.

Unzufriedenheit und Ablenkung entrümpeln und loslassen

Meine Unzufriedenheit wurde durch diese Ablenkungen nicht weniger, die eigene innere Unruhe und der erlebte Stress dafür aber immer größer. Erst als ich neben der Arbeitszeitreduzierung auch mal meine ganzen Ansprüche an Freizeit, Hobbys, Beschäftigungen überprüft, reduziert und gründlicher entrümpelt hatte, konnte ich in vielen kleinen Schritten innerlich loslassen und den Augenblick einfach mal nur genießen.

Lebensstil vereinfachen – inneren Raum schaffen

Meinen Lebensstil zu vereinfachen bedeutet heute für mich, nicht nur auf vollgestopfte Räume meiner Wohnung zu verzichte. Es bedeutet für mich auch, inneren Raum zu schaffen, indem ich meine Ansprüche, Aktivismus, Perfektionismus, Erlebnishunger und weiß ich was alles einfach mal sein lasse und einfach nur da bin: Nicht gleich agieren, planen, tun, sondern den Augenblick wahrnehmen – auch das  was um mich herum und in mir los ist. Und all dies dann wieder loslassen, an mir vorbei ziehen lassen. Oft bin ich dann erleichtert, weil ich das Gefühl habe, die Welt dreht sich wieder langsamer und ich kann aufatmen, durchatmen.

Jon Karat Zinn: Kleine Vereinfachungen können große Wirkung haben:

„Schon kleine Vereinfachungen in unserem Lebensstil können große Wirkung haben. Wenn man seine ganze Zeit mit Tun anfüllt, bleibt natürlich nichts von ihr übrig, und vermutlich weiß man nicht einmal, warum das so ist. Das  Leben zu vereinfachen bedeutet, Prioritäten zu setzen, sich zu überlegen, was man tun muss, was man tun möchte, und auf gewisse Dinge bewusst zu verzichten.  .…. Dazu kann gehören, zu Hause nicht die ganze Zeit den Fernseher oder das Radio laufen zu lassen. Sie müssen wahrscheinlich nicht alle Wege mit dem Auto erledigen. Es ist vielleicht auch nicht nötig, so oft das Handy einzusetzen. Und möglicherweise brauchen Sie auch gar nicht so viel Geld. Wenn Sie anfangen, über Möglichkeiten nachzudenken, sich das Leben zu vereinfachen, kommen Sie wahrscheinlich auch immer mehr dahin, sich Ihre Zeit wirklich zu eigen zu machen, das heißt ganz in Besitz zu nehmen, was Ihnen ohnehin gehört, um es mit Leben zu erfüllen, jeden Ihrer Augenblicke. Sie haben nicht unendlich viele davon.
….
Echtes Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und innerer Friede existieren außerhalb der Zeit. Wenn Sie sich dazu entschließen, täglich eine gewisse Zeit damit zu verbringen, innerlich still zu werden, und seien es nur zwei, fünf oder zehn Minuten, treten Sie in diesem Moment aus dem Fluss der Zeit heraus. Die Erfahrung von Gelassenheit, Entspannung und Zentriertheit, die aus dem bewussten Loslassen der Zeit entsteht, verwandelt das Erleben der Zeit. Es wird möglich, mit dem Strom der Zeit durch den Tag zu gehen, anstatt gegen ihn anzukämpfen, sich von ihm getragen statt getrieben zu fühlen, einfach dadurch, dass man dem gegenwärtigen Augenblick bewusst begegnet.“
(Quelle: Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation, E-Book, Teil IV, Kapitel 26: Zeit und Zeitstress)

Minimalismus: den Konsum-Teufelskreis beenden

Die falschen Heilsversprechen unserer Konsumgesellschaft

Etwas, was mir immer wichtiger wird und für mich ein wesentliches Aspekt von Minimalismus ist: Mich nicht mehr einwickeln lassen in die diversen falschen Heilsversprechen, die unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft zu bieten hat. Mit dem nächsten Smartphone, Laptop etc. wird’s nämlich nichts automatisch besser. Auch die Erholung hängt nicht alleine davon ab, ob die Anfahrt zum Urlaubsort möglichst weit und der Urlaubsort selbst dann möglichst exklusiv ist.

Und warum ist die Erholung so dringend nötig? Warum die vielen großen und kleinen Erleichterungen im Alltag, wie z.B.:

  • das Auto, um schnell und komfortabel zur Arbeit zu kommen
  • mittags regelmäßig ins Restaurant, damit wir nicht abends die knappe Zeit mit Kochen verbringen müssen
  • den exklusiven Urlaub, den wir ja so dringend nach dem Arbeitsstress brauchen
  • Und in der Freizeit dann endlich leben: ins Kino, ins Shoppingcenter, Party, Theater. Neues Auto aussuchen, neue Smartphones testen, neue schicke Kleidung kaufen, damit wir gut aussehen und gut da stehen: Damit wir dann in jedem Fall wiederum das Geld verdienen können, dass wir brauchen, um anschließend wieder die Kleidung, das Smartphone, das Auto etc. kaufen zu können, die wir für unsere Arbeit brauchen – usw. usw. usw. eine Endlosschleife, ein Teufelskreis.

Das bedeutet nichts anderes, als das wir möglichst viel arbeiten und möglichst viel Geld brauchen, damit wir mit genau diesem Geld die Erholung von dieser Arbeit kaufen können. Diese Erholung brauchen wir dann aber auch deshalb, weil wir vielleicht auch das richtige Maß verloren haben: das richtige Arbeitsmaß und das richtige Maß an Konsum.

Mein Arbeits- und Konsum-Teufelskreis

Und es ist nicht so, als würde ich diesen Teufelskreis nicht auch selbst kennen:
Es war im letzten Jahr vor der Euro-Einführung: In der Mittagspause kauften wir uns regelmäßig einen Salat (sehr lecker), den gab es ganz in der Nähe für 4,90DM. Ich aß ihn an 4 Tagen pro Woche, ergab bereits über 80 DM im Monat. Nicht gerechnet, hier und da einen Kaffee unterwegs, die Eisdiele im Sommer, das Brötchen vom Bäcker, usw..

Veränderungen

Das ist lange her und es hat sich vieles positiv verändert. Zum Glück. Aber neulich habe ich mal wieder einen Monat ganz pingelig aufgeschrieben, welche Essenskosten ich während meiner Arbeitszeit habe. Vorausgehend gesagt: Ich nehme mir in der Regel alles erdenkliche an Essen und Trinken mit. Trotzdem reichte es manchmal nicht. Manchmal hatte ich mich einfach verkalkuliert und zu wenig mitgenommen, manchmal kam es kurzfristig zu Überstunden – und so kam ich auf fast 40€ im Monat an zusätzlichen Essenskosten während der Arbeitszeit. Das löst kein Finanzdrama bei mir aus, aber erstaunt war ich dann schon, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Es gibt auch andere Beispiele: Meine frühere Arbeitsstelle hatte einen recht weiten Anfahrtsweg. Die Bahnfahrt verschönerte ich mir, indem ich mir irgendwann ein Tablet mit mobilem Internet besorgte. So konnte ich im Internet surfen, lesen, Musik hören. Eigentlich war ich nach der Arbeit aber viel zu müde und noch zu überdreht dazu, so dass es irgendwann nur noch ein Zudröhnen war. Ich war mitten drin im Konsum-Arbeit-Teufelskreis: Ich kaufte etwas, damit ich mich von der Arbeit erholen konnte und damit ich mir das Kaufen überhaupt leisten konnte, muss ich arbeiten. Und ich brauchte lange Zeit, bis ich bemerkte, dass es so nicht mehr weiter ging.

Um es klar zu stellen: Ich habe nichts gegen Arbeiten, im Sinne eines gestaltenden Tätigsein, auch nicht zum Geld verdienen. Ich habe auch nicht grundsätzlich etwas gegen Kaufen, wenn es dann etwas ist, was ich auch wirklich brauche. Aber wenn Arbeiten und Konsumieren nicht nur zum Hamsterrad, sondern zum Teufelskreis geraten, zu einem Strudel, der mich unbemerkt abwärts zieht, dann schadet dies – dann ist das einfach Unsinn und es gibt kein Haus, kein Auto, keine Segeljacht und kein Smartphone, die dies rechtfertigen würden.

Ein einfacherer Lebensstil – minimalistischer und achtsamer Leben

Ein einfacherer Lebensstil, der minimalistischer und achtsamer ausgerichtet ist, ist dagegen eine Erholung, ein Aufatmen und immer wieder aufmerksam werden: Wo stehe ich denn gerade? Wie geht es mir? Brauche ich dies, das oder jenes wirklich? Muss ich mithalten im Konsumwettlauf, Freizeitaktionismus, dem tollsten Urlaub, den neuesten elektronischen Spielzeugen? Minimalistischer und achtsamer Leben bedeutet, dass Zeit, Lebensfreude, Kreativität und Energie freigesetzt werden können. Und um insbesondere auch die vielen schönen kostenlosen Dinge genießen zu können: Wohltuende zwischenmenschliche Begegnungen, der Sonnenstrahl am Morgen, ein vorbei springendes Eichhörnchen, das Rascheln der Blätter am Baum, den Boden unter meinen Füßen bewusst erleben. Sogar das Prasseln des Regens kann Musik sein, wenn ich meine Sinne dafür öffne. Und endlich wieder spüren: Ich atme, ich lebe!

 

 

Achtsamkeit: Die einfachen Dingen genießen

Ein sonniger Neujahrstag. Gleich heute Mittag beschloss ich einen kleinen Spaziergang in der Nähe zu unternehmen. Dieses Mal ganz alleine für mich:

Ich spüre den Boden unter meinen Füßen. Bei jedem Schritt, die sich ändernde Bodenbeschaffenheit. Auch ein Spaziergang kann recht einfach zu einer Geh-Meditation werden: Einfach, weil ich mich deutlicher spüre und ohne dass ich mir dies erst vornehmen muss. Ich bemerke, dass ich etwas verkrampft und flach atmete – trotz Sonne, und gutem Wetter. Also versuche ich erstmal lockerer zu werden, indem ich nicht nur die frische Luft geniesse, sondern auch die wärmenden Sonnenstrahlen. Jeden Schritt, jeden Atemzug genießen, hier, jetzt. – Mit jedem Schritt lockerer und entspannter werdend, erinnere ich mich einige Jahre zurück:

Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging und wo es mir kaum noch gelang, mich zu entspannen. Die beruflichen Belastungen waren damals stetig gestiegen. Schwierigere Fälle mussten in immer weniger Zeit bearbeitet werden, hinzu kam das auch im Sozialbereich vermehrte Qualitätsmanagement, welches nicht gerade zu weniger, sondern eher zu mehr Arbeitsdichte führt. Dann zwischenzeitlich auch noch wirtschaftliche Schwierigkeiten im Betrieb und monatliche Unklarheit, ob das Gehalt nun kommt oder nicht. Es war eine Zeit, in der es mir kaum gelang, am Wochenende oder im Urlaub „runter“ zu kommen. Natürlich hatte ich schon alle möglichen Varianten an Entspannungstrainings etc. ausprobiert, aber die halfen nicht mehr, auch nicht stundenlanges Musikhören, vor-mich-hindösen oder was auch immer. Ich hatte viel zu lange einfach nur ausgehalten, durchgehalten und lange Zeit vergessen, mir meine Bedürfnisse klarer zu machen. Erst nachdem ich beschloss, dass ich bei einer etwas veränderten Konsumhaltung auch mit einer Teilzeitstelle zurecht komme und ich mich der MBSR-Achtsamkeitspraxis zuwandte, ging es schrittweise wieder mit mir bergauf.

Und nun gehe ich am Neujahrstag 2015 im Sonnenschein spazieren und bemerke, wie ich locker geworden bin. Jetzt kann ich Anspannungen frühzeitig registrieren, bewusst loslassen und die einfachen Dingen wieder genieße: Den Wind, die Sonne, den Boden unter mir, den ein- und ausfließenden Atem, die Ruhe um mich herum und die zunehmende Ruhe in mir selbst. Einfach da sein, präsent sein, lebendig sein. So etwas muss es wohl sein, wenn von SEIN, statt HABEN oder MACHEN die Rede ist. Und was soll ich sagen: Es ist schön, einfach schön.

Achtsamkeit ist Minimalismus für die Seele

Achtsamkeit ist für mich eng verbunden mit Minimalismus. Achtsamkeit ist für mich Minimalismus pur. Über die Achtsamkeit bin ich erst zum Minimalismus gekommen.

Konsumieren als Stressreaktion

Bei mir fing es damit an, dass ich schlichtweg beruflich überlastet und gestresst war. Mit den MBSR-Achtsamkeitsübungen wollte ich erstmal runter kommen. Neben der formalen, täglichen Übungspraxis, kamen informelle Achtsamkeitübungen dazu.

Beispielsweise den Arbeitstag ganz bewusst beenden, ein immer wieder kurzes Innehalten zwischendrin, bewusst atmen, den Gang zum Kopierer nutzen, um bewusst die Bewegung der Füße spüren, usw.. Das war wohltuend, aber z.T. auch unangenehm, da ich sehr viel deutlicher spürte, wie aufgedreht ich oft war und welche Lösungen ich spontan ohne Achtsamkeit suchte: Immer, wenn ich mich gleichermaßen k.o. und überdreht fühlte, hatte ich beispielsweise das Bedürfnis, mir an der nächsten Ecke Eis, Schokolade und Co. zu kaufen – dann vielleicht schnell noch zwischendurch einen Coffee-to-go genießen, eine Zeitschrift kaufen oder mich in der Technikabteilung des Kaufhauses mit dem Anschauen der neuesten elektronischen Gadgets ablenken. Konsum war nichts anderes, als der hilflose Versuch eines vermeintlichen Stressausgleichs.

 

Konsum und Reizüberflutung

Allerdings kostete dieser Konsum dann ja auch Geld, für das ich wiederum arbeiten musste, was mich gedanklich und praktisch dann noch mehr stresste. Außerdem bemerkte ich nach und nach, dass ich völlig reizüberflutet war. Und ausgerechnet dann ging ich auch noch als Stressausgleich freiwillig ins Menschengedränge eines Geschäftes, wurde von Hintergrundmusik zugedudelt, stand ewig an der Kasse rum, rebelliert schließlich mein Magen gegen Süßkram und zuviel Kaffee. Schrittweise wurde mir deutlich: All das war nichts anderes, als zum Unsinn gewordene Gewohnheit. Ich war auf dem besten Weg, mein Leben in aller Hektik und Abgelenktheit zu verschlafen.

 

Achtsamkeit hat den Blick auf Konsumgewohnheiten geschärft

Achtsamkeit hat meinen Blick auf solche Gewohnheiten geschärft, hat diese sehr viel deutlich werden lassen – bot gleichzeitig aber auch ein Alternativmodell: Weniger aktiv tun, weniger Reize, weniger Ablenkung, mehr Gelassenheit, bewusstes Loslassen. Bei einer Sitzmeditation werde ich nun mal nicht mit Musik voll gedudelt, klappern keine Einkaufswagen, locken nicht die neuesten Einkaufsverführungen. Nicht mal mit Aufräumen, Spülen oder weiß ich was kann ich mich bei einer Sitzmeditation ablenken. Und letztlich kann Aktionismus in jeglicher Form mindestens genauso Kopf und Gefühl vernebeln, wie Konsum.

 

Loslassen, Klarheiten schaffen

Achtsamkeit ist für mich Minimalismus für die Seele: Ein bewusstes Üben, Loslassen, um raus zu kommen, aus diesem inneren  und äußeren Hamsterrad. Statt dessen ruhiger, bewusster und gezielter Handeln. Mehr Klarheit, Freiheit, Einfachheit – und vor allem viel mehr Lebensqualität und Lebensfreude.

Achtsamkeit (er-)leben – Eindrücke von einem MBSR-Achtsamkeitstag

Achtsamkeit in einer Gruppe und mit Anleitung zu üben, erlebe ich jedes Mal ganz anders, als das Üben alleine Zuhause (wobei ich dies auch sehr wichtig und wertvoll finde). Daher sind solche Tage immer sehr wertvoll für mich. Nachfolgend ein kleiner Einblick und Ausschnitt aus einem solchen Achtsamkeitstag:

Der äußere Rahmen des Achtsamkeitstages:

Ein ehemaliges evangelisches Gemeindezentrum in Bochum, jetzt genutzt für Yoga, Achtsamkeit, Meditation. Von dem eher kühlen Charme eines Gemeindezentrums ist nichts mehr zu spüren. Der mit Teppich ausgelegte Raum wirkt wohnlich. Wir sind eine angenehm kleine Gruppe mit 7 Teilnehmer/-innen und die Kursleiterin Sabine Olier. Der Tagesablauf wird vorgestellt. Es folgen einige Achtsamkeitsübungen im Stehen, danach eine kurze Vorstellungsrunde. Der Tag verläuft – abgesehen von den Anleitungen der Kursleiterin schweigend. Yoga im Stehen, Geh-Meditation, Sitzmeditation, achtsames Mittagessen, Yoga im Liegen, Bodyscan sind die einzelnen Achtsamkeitsübungen mit denen wir uns an diesem Tag beschäftigen. Die Übungen werden sehr langsam durchgeführt. Für jedes Stehen, jede Bewegung ist ausreichend Zeit, um wahrzunehmen, zu spüren, sich selbst zu spüren.

Die Anleitung der Übungen

Ein Hinweis bleibt an diesem Tag besonders in meiner Aufmerksamkeit: Die Fürsorglichkeit und das Mitfühlen gegenüber sich selbst: Auch wenn es gerade eigentlich gar nicht zu den Anleitungen passen sollte: Wenn der eigene Körper ein anderes Bedürfnis hat, sollen wir darauf eingehen. Also nicht krampfhaft das Durstgefühl, den Harndrang unterdrücken, unbedingt die Yogaübung perfekt machen wollen, sondern immer wieder hinspüren, ob es wirklich passt.

Mein Erleben

In der Vergangenheit war dies in der Regel bei mir ganz anders. Rückblende:
Obwohl ich äußerlich oftmals einen eher sportlichen Eindruck auf mein Umfeld mache: Es fing bereits damit an, dass direkt nach meiner Geburt eine sehr ausgeprägte Hüftdysplasie festgestellt wurde. Die Hüfte hatte sich dann doch noch normalisiert, aber Fußfehlstellungen, Neigung zu X-Beinen, sowie einige Probleme in der Körperkoordination sind geblieben. Irgendwie habe ich trotzdem, wenn auch verspätet, noch laufen gelernt.
Irgendwann hatte ich als Kind dann auch mal Krankengymnastik. Ein fensterloser, kühl wirkender Kellerraum eines Krankenhauses, und eine Krankengymnastin, die vermutlich üblicherweise Erwachsene behandelte. Ich fühlte mich sehr unwohl dort, verstand insbesondere den Sinn nicht und spürte nur eins: da wird etwas verlangt, was ich nicht kann. Ich war alt genug, um alleine dorthin zu gehen. Das nutze ich, indem ich die meisten Termine nicht wahrgenommen habe – interessant, dass es nie wirklich auffiel. Der Sport in der Schule: ein einziger Krampf. Den örtlichen Turnverein besuchte ich nur einmal. Ich begriff überhaupt nicht, was dort erwartet wurde.
Als Erwachsene habe ich endlose Versuche unternommen, um irgendwie fitter zu werden: Rückenschulungen, jahrelange Fitnessgymnastik, Tai Chi, Eutonie, Schwimmen gehen, Fahrradtouren, Walking, etc. – Dank Eutonie konnte ich die Rückenprobleme los werden, aber ansonsten war es vor allem eins: Stress und Frust. Ich war in der Regel immer diejenige, die am wenigsten mit kam, obwohl ich Zuhause immer extra übte.
Und nun bin ich in diesem Achtsamkeitskurs und jede Bewegung ist langsam, jede Wahrnehmung bewusst. Bewegung mit Selbstfürsorge: Wie setze ich überhaupt einen Fuß vor den anderen? Ich stelle fest: die Unsicherheiten in den Bewegungsabläufen sind immer noch da, trotz allem, was ich jahrelang bereits versucht habe. Aber ich muss nicht dagegen ankämpfen, ich muss nicht sportlich „normal“ sein.  Und so dauert es, bis ich wirklich eine Stabilität in den Füßen erreiche. Ähnlich ergeht es mir beim Stehen, beim Sitzen. Aber ich kann mir Zeit nehmen und probieren, selbstfürsorglich. Und das ist der entscheidende Unterschied. Für mich ist dies sehr wohltuend, aber auch innerlich zeitweise sehr schmerzhaft: Wieviele Jahre habe ich mich rumgequält: irgendwie Mithalten wollen mit anderen, Streng-dich-mehr-an-Vorwürfe, Druck,  Stress, überhöhte Anforderungen an mich selbst.

Achtsamkeit macht den Unterschied

Hier ist eine Gruppe von Menschen, die achtsam übt und es ist völlig egal, ob die einzelnen Teilnehmer sportlich oder völlig unsportlich sind. Es geht nicht um Leistung, sondern um  Achtsamkeit. Sie macht den Unterschied. Jede/r erlebt sich in der ganz eigenen Weise mit dem, was da gerade dran ist: der abfallende Stress einer arbeitsreichen Woche, die muskulären Verspannungen, bewusster werdende emotionale oder zwischenmenschliche Konflikte, Bewegungsunsicherheiten oder was auch immer. Die Themen sind so breit, wie das Leben selbst. Und alles kann und darf da sein, wie es ist.

Der Tag mit all seiner Achtsamkeit verläuft ruhig, langsam, intensiv. So ungewohnt es anfangs ist, nicht miteinander zu sprechen, so angenehm ist es dann letztlich. Und jede/r ist so sehr bei sich selbst, dass es ein bisschen Zeit braucht, bis beim Gesprächsaustausch am Ende, der Antrieb da ist, auch ein wenig zu erzählen, wie der Tag erlebt worden ist.

 

Der Achtsamkeitstag endet mit Metta-Meditation für sich selbst: „Möge ich glücklich sein – möge ich mich sicher und geborgen fühlen – möge ich gesund sein – möge ich unbeschwert durch meinen Alltag gehen“.

Und ich füge an dieser Stelle hinzu: Liebe Leser/-innen ich wünsche euch ebf.: Möget ihr glücklich sein, möget ihr euch sicher und geborgen fühlen – möget ihr gesund sein, möget ihr unbeschwert durch euren Alltag gehen.

Möge es so sein, muss aber nicht 😉

Meine Erfahrungen mit Achtsamkeit und Meditation

Meine erste Begegnung mit Meditation

Die erste Begegnung mit Meditation war für mich in direktem Anschluss an eine anstrengende und arbeitsintensive berufliche Phase. Daher war das Meditieren zu Beginn für mich wie ein endloser Luxus: keine abzuarbeitenden Papierstapel, kein Telefon, keine Emails, keine ToDo-Listen, keine Geräuschkulisse, keine Gespräche, kein Putzen, Spülen oder sonstwas, sondern: einfach da sitzen und den Atem beobachten.

Meine ersten Meditationserlebnisse

Sehr schnell viel mir dann aber auf, dass mit der äußeren Ruhe, der „innere Lärm“ zum Vorschein kam: statt mich auf den Atem zu konzentrieren, gingen mir tausende Dinge, Gedanken, Erinnerungen durch den Sinn. Dann in der Meditation immer wieder zurück kommen zur Atembeobachtung, wieder abschweifen, wieder zurück zum Atem und so fort. Mal so eben nichts weiter zu tun, als den Atemfluß zu beobachten, das war wirklich nicht so einfach. Wo war die Entspannung, das Abschalten?  Was sollte denn das für einen Sinn haben???

Nach einigen Meditationssitzungen fiel mir dann auf, dass mir meditieren erstaunlicherweise trotzdem gut tat. Ich fühlte mich danach wohler, obwohl ich gedanklich ständig abwanderte, zum Atem zurück kehrte, wieder abwanderte, wieder zurück kehrte. Ich verstand, dass es nicht darum ging „richtig“ zu meditieren, schon gar nicht „perfekt“, sondern genau dieses immer wieder zum Atem zurück kehren, dazu führte, dass ich mich nicht in irgendwelchen Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen festhakte, sondern dies alles kommen und auch wieder gehen lassen konnte. Dadurch nahm ich mein Denken, Fühlen, körperliche Befindlichkeiten sehr viel genauer und differenzierter wahr, da ich es mit größerem inneren Abstand wahrnehmen konnte. Im Laufe der Zeit wurde dies für mich zu einer Art inneren Bestandsaufnahme von eigenen Denkmustern, emotionalen Reaktionen, körperlichen Befindlichkeiten.

Inneres Entrümpeln

Mir kommen Begriffe wie Inspektion, Entrümpeln, Minimalisieren, Navigieren in den Sinn – nur: dieses Mal gehts es erstmal nicht unmittelbar um Autos, Möbel oder überfüllte Kleiderschränke, sondern um mich selbst. Einen überfüllten Kleiderschrank entrümpele ich nicht, indem ich Kleidung wahllos herausgreife und in die Altkleidersammlung gebe. Ich schaue mir erstmal alles genau an, wähle aus, entscheide, was ich behalten will und was nicht.

Nicht viel anders ergeht es mir mit Achtsamkeit. Indem ich nicht gleich reagiere, gelingt es deutlich besser, mich nicht in Gedanken, Gefühlen oder Aktionen zu verstricken, sondern erstmal Abstand gewinnen und aus diesem Abstand heraus, deutlich gelassener, klarer und bewusster zu entscheiden und zu handeln. Gleichzeitig sind mir dabei auch viele Denk- und Verhaltensmuster deutlich geworden, die ich dadurch besser hinterfragen und auch verändern kann. In dem Bild vom Kleiderschrank ausgedrückt: Ist dieser entrümpelt, aufgeräumt, durchsortiert, minimalisiert, fühlt es sich so richtig gut an. Es erleichtert mir dies das Leben, ich kann mich leichter entscheiden und mich auf andere, schönere Dinge konzentrieren. Und so wie Kleiderschrank entrümpeln erstmal einen gewissen Arbeitsaufwand erfordert, so geht es mir mit Achtsamkeit auch. Achtsamkeit ist ein aktiver Prozess, sozusagen ein aktiver Prozess des Nicht-Tuns. Dieser hat aber so rein gar nichts mit Tagträumen, Wellness oder Langeweile zutun – obwohl all dies (und noch mehr!) durchaus auftauchen kann.

Mut zur Veränderung – Downshifting

Schrittweise habe ich mich in den letzten Jahren entschlossen, meine Arbeitszeit und die damit verbundene Belastung zu reduzieren. Die sozialpädagogische Arbeit hatte sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich verändert und verdichtet. Mit meinem Spaß an der Arbeit ging es ebenso schleichend bergab, wie mit meiner gesundheitlichen Verfassung. Ich fühlte mich gestresster, benötigte länger zur Regeneration, war schlicht fast ständig k.o. – Aber was ändern? Was sollte ich denn beruflich noch ändern, wo ich inzwischen bereits das 5. Lebensjahrzehnt erreicht hatte?

Gerald Hüter hat in seinem Buch: „Was wir sind und was wir sein könnten“ (Fischer-Verlag, eBook) gut auf den Punkt gebracht, welche Erkenntnis zu diesem Zeitpunkt ganz besonders erforderlich war:

„Aus neurobiologischer Sicht haben wir unser komplexes und zeitlebens lernfähiges Gehirn ja nicht entwickelt, um uns zu optimal angepassten Sklaven der von uns selbst geschaffenen Verhältnisse zu machen, sondern um unsere Lebensbedingungen so zu gestalten, dass es uns möglich wird, die in uns angelegten Potentiale zu entfalten.“

Sklave meiner Lebensverhältnisse wollte ich nicht werden. Aber: weniger zu arbeiten, war anfangs trotzdem kaum eine Überlegung wert – wo Sozialpädagogen ja nun ohnehin nicht zu den Großverdienern gehören… Letztlich habe ich dies dann aber doch umgesetzt: Teilzeit statt Vollzeit, Arbeitsstelle gewechselt und dadurch deutlich weniger Anfahrt. Die Arbeitsbelastung ist dadurch gesunken, meine Arbeitsfreude wieder deutlich gestiegen, auch inhaltlich arbeite ich heute besser.

Eine Kehrseite des Ganzen ist, dass ich heute netto einige hundert Euro weniger verdiene. Aber wie funktioniert das?

Möglich ist die Teilzeittätigkeit ganz klar durch einen bewussten Umgang mit Konsum und dem Führen eines Haushaltbuches. Dies erlaubt mir eine Freiheit, die ich ohne dem nicht hätte. Es ermöglicht sogar, trotzdem immer wieder Lebensmittel in Bioqualität zu kaufen. So habe ich inzwischen einen recht guten Überblick, wie sich unser Stromverbrauch entwickelt, was uns die Wocheneinkäufe (Lebensmittel etc.) kosten, welche Handy- und Internettarife am günstigsten sind und wann, welche Zahlungen oder evtl. Neukäufe anstehen. Technische Geräte wie Spülmaschine, Kaffeemaschine sind entsorgt, da diese zu reparaturanfällig geworden waren. Als Fernseher dient ein alter Computer (iMac G5, Jahrgang 2005), den wir geschenkt bekommen haben, es war lediglich noch ein TV-Stick nötig. Das geht, es geht sogar gut. Eigentlich tauchen im Laufe der Zeit immer wieder Ideen auf, wie sich dies, das oder jenes noch vereinfachen lässt.

Die Lebensqualität hat nicht gelitten, im Gegenteil. Nicht allen möglichen Konsum- und Modetrends nachzugehen, das Leben einfacher zu gestalten hat sich gelohnt. Das, was ich an Zufriedenheit, Entspannung, Lebensfreude dazu gewonnen habe, hätte mir keine Gehaltserhöhung, kein Traumurlaub in Übersee, kein HD-Fernseher, kein Hightech-Smartphone oder sonst was bieten können. Das einzige, was es braucht ist Mut. Den Mut zur Veränderung, der Reduzierung von Konsumansprüchen, sowie einer zumindestens halbwegs sortierten Finanzplanung.

Der Zusammenhang Multitasking, Stress und Konsum

Multitasking in einer schnellen, unruhigen Welt

Manchmal kommt es mir vor, als sei die Welt irgendwie schneller, unruhiger und die Zeit weniger geworden. So komme ich morgens ins Büro und alles ist irgendwie gleichzeitig: das Telefon klingelt, auf dem Diensthandy gehen einige SMS ein, Anfragen per Email, auf dem Schreibtisch noch abzuheftende Unterlagen, der Blick auf den Terminkalender verrät mir: Es wird Zeit, ich muss los zum nächsten Termin, aber – halt – der Dienstwagen ist ja noch nicht reserviert. Dann Termine und nachher noch mehr Papierstapel auf dem Schreibtisch …

Konsum als Reaktion auf Überlastung durch Multitasking und Stress

Interessanterweise habe ich ausgerechnet nach solchen Tagen sehr viel häufiger das Bedürfnis, mir nach Feierabend irgendeinen Nahrungs-Unsinn zu kaufen. Eisdielen scheinen mich dann magisch anzuziehen, Schokoladen lachen mich aus jeder Regalecke an, am Brötchenstand riecht es verführerisch gut und dann laufen da so viele Leute mit Kaffeebechern rum  – Kaffee! Lecker! Gedanken schießen mir durch den Kopf, ob ich nicht doch noch ein komfortableres Handy oder sonst was brauche, mit dem ich mir die Freizeit erleichtern kann – aber brauche ich das wirklich?? Ich bemerke, dass ich einfach nur überdreht bin und ich diese Überdrehtheit mit Essens- und Konsum-Unsinn abzubauen versuche.
Sich einfach vorzunehmen: ok, jetzt machst du Morgen auf der Arbeit mal langsamer und kaufen tue ich die nächsten 30 Tage auch nichts, ist gut, hilft mir dann aber auch nicht dauerhaft. Ich bemerke, dass ich irgendwann dann doch schwach werde, sich alte Verhaltensmuster einschleichen … Was also tun?

Alltagsachtsamkeit: Monotasking statt Multitasking

Eigentlich ist es simpel: Erstmal möglichst genau beobachten, was vor sich geht, also nichts anderes als Alltagsachtsamkeit. Was passiert da denn ganz genau? Denn: Die Stunde besteht immer noch aus 60 Minuten, Arbeitsverdichtung, Multitasking, Shopping-Fieber bin ich nicht hilflos ausgeliefert. Nicht an jedem Tag kommt alles gleichzeitig.
Muss ich alles gleichzeitig überprüfen? Muss das Emailprogramm ständig an sein? Muss das Handy permanent auf Empfang geschaltet sein? Arbeite ich dadurch besser oder schneller? Mein Eindruck: Nein! Weder werde ich mir, noch anderen gegenüber dadurch gerechter, noch arbeite ich besser – im Gegenteil.

Ich habe festgestellt, dass sich vieles entzerrt, wenn ich einige Arbeitsabläufe ritualisiere und morgens bis zum ersten anstehenden Außentermin mehr Zeit einplane. Da ich beruflich mit hörgeschädigten Menschen zutun habe, sind Email, SMS, Chat, Fax  zwingend erforderlich.  Gehörlose können mich nunmal nicht anrufen. Für mich sehr hilfreich: mehr Zeit zwischen Eintreffen im Büro und erstem Termin einplanen. Zunächst erstmal die eingegangenen Mitteilungen nacheinander sammeln. Anschließend sortieren nach zeitlicher und inhaltlicher Dringlichkeit und einen ungefähren Tagesplan erstellen. Notizen nicht auf alle möglichen Einzelzettel verteilen, dafür habe ich inzwischen ein stabiles und ausreichend großes Notizbuch. Den Schreibtisch halte ich soweit wie möglich frei, räume häufiger zwischendurch oder am Tagesende auf. Und: müssen es 5 Kugelschreiber sein, reicht nicht einer? Auch solche Kleinigkeiten entzerren, entstressen. Auch im Tagesverlauf achte ich immer wieder darauf: Wie geht’s mir gerade, runter kommen, durchatmen.

Manche Tage sind noch immer turbulent, aber: Ruhiger und strukturierter gehe ich ganz anders damit um. Abläufe zu ritualisieren, vereinfachen, den Schreibtisch und die Utensilien möglichst minimalistisch halten – und einfach auch einplanen, dass alles seine Zeit braucht: auch solche Dinge wie Nachrichten abrufen, Unterlagen abheften, aufräumen, usw.. Nichts wird schneller fertig, wenn ich alles gleichzeitig erledigen will oder ich dafür keinerlei Zeit einplane.

Ich komme dadurch inzwischen viel ruhiger durch den Tag, bin insgesamt aufmerksamer und entspannter geworden – und auch nach Feierabend haben die Konsum-Einkauf-Stress-Symptome deutlich nachgelassen. Da braucht es keinen Kaffeestand, Eisdiele, Schokoriegel oder weiß ich was. Wenn ich mir dann doch was gönne, dann ist es der ganz bewusste Genuß, nicht Stressabbau. Ein kleiner, aber sehr entscheidender Unterschied!
Andere Dinge werden wichtiger: die Sonne, Vögelgezwitscher, Rascheln der Blätter an den Bäumen. Spüren, wie der ‚innere Motor‘ nach einem erlebnis- und arbeitsreichen Tag langsam wieder runter fährt, die Atmung ruhig und gleichmäßig fließt. Vorfreude stellt sich ein: auf Balkonien, Füße hochlegen, Feierabendgespräche, Ruhe.