Minimalismus – alles easy oder doch nicht?

Manchmal staune ich: Ich lese, höre oder sehe Erfolgsstorys. Gut gelaunte Menschen berichten, wie super easy jetzt alles ist: Kleiderschrank, die Schminke, die Bad- und Küchenutensilien, der Bücherschrank, etc. etc. alles minimalisiert und juhu(!) jetzt ist alles klasse und so einfach. Natürlich, auch ich kenne dieses erleichterte Gefühl, wenn irgendein Ding reduziert ist, welches ich nicht mehr genutzt habe und was mich zum Schluss eher belastet als erfreut hat. So habe ich gestern zwei nicht mehr genutzte Holzschränke endlich auseinander gebaut. Das war schön und ich genieße es wirklich sehr.

Foto von zwei geöffneten und leeren Holzschränken

Was kommt nach dem Minimalismus?

Aber ist das alles? Wer sich schon länger mit diesem Thema beschäftigt, wird die Momente kennen, wo doch wieder dies, das und jenes im Einkaufskorb gelandet ist, was sich anschließend als unnötig herausgestellt hat. Ich nutze beispielsweise seit 1998 Mobiltelefone. Ich schüttele immer noch über mich selbst den Kopf, wie lange ich gebraucht habe, um zu verstehen, dass das schlechte Hören beim Telefonieren nicht mit dem Handy, sondern mit meiner eigenen Schwerhörigkeit zutun hat. Und noch immer muss ich trotzdem aufpassen, dass ich nicht ständig wieder in die selbe Falle hinein laufe.

 

Den eigenen Realitäten und Befindlichkeiten ins Auge schauen

Das Gerümpel mag irgendwann entfernt sein, die Meldungen von eigenen Erfolgsstorys verblassen, die persönlichen Kaufanreize und eigenen Verhaltensmuster sind dagegen aber immer noch da. Was tun? Was ist, wenn wir uns mal schlecht fühlen, der Alltag öde, stressig, nervtötend ist? Was hilft, wenn man sich dann nicht wieder neu Zurümpeln will? Hier einige Anregungen:

Ehrlichkeit

Zumindestens sich selbst gegenüber. Man kann der Welt u.U. sonst was erzählen, aber bitte nicht sich selbst. Es führt zu nichts.

Akzeptanz statt Perfektion

Sich selbst in der Art, wie man eben ist, auch mal akzeptieren und wenn’s gelingt: die Menschen im eigenen Umfeld mit ihren Eigenheiten vielleicht auch. Niemand muss perfekt sein, niemand kann perfekt sein. Das bedeutet nicht, jeden Unsinn zu akzeptieren und zu rechtfertigen, sondern sich selbst einzugestehen, dass man eben nicht immer perfekt ist, dass manchmal einfach Vorhaben daneben gehen.

Kleine Schritte

Lieber an einer einzigen kleinen Stelle im eigenen Leben etwas verändern und gleichermaßen ausdauernd wie konsequent dabei bleiben, als alles mögliche anzufangen und festzustellen, dass es überfordert und nicht funktioniert. Solche kleinen Schritte sind natürlich nicht sonderlich Aufsehen erregend, aber sie funktionieren.

Achtsamkeit

Das Wahrnehmen des gegenwärtigen Augenblicks, wahrnehmen, wie es mir gerade geht, wie ich fühle, denke, handle. Wahrnehmen, was um mich herum geschieht. Das schafft Abstand zwischen Geschehen, Erleben und eigener Reaktion darauf. Mit einer solchen Haltung und Wahrnehmung gelingt es in der Regel sehr viel besser, eine Entscheidung zu treffen, wie der nächste Schritt aussehen soll.
Wer Achtsamkeit und insbesondere die formelle Achtsamkeits- und Meditationspraxis ins eigene Leben integrieren möchte, braucht aber vor allem eins: Ausdauer. Über Achtsamkeit können wir noch so vieles lesen, schreiben, reden. Achtsamkeit wird erst wirksam durch die beständige Übung und das konkrete, praktische Tun.

Freundlichkeit und Neugier

Freundlichkeit sogar und gerade sich selbst, aber auch anderen Menschen gegenüber. Und aus dieser freundlichen Grundhaltung neugierig sein auf das, was außer Konsumieren und überholten Verhaltensmustern, noch Lebensfreude und Lebensqualität bringt: Begegnungen, Erlebnisse, Hobbys, persönliches Engagement, Leidenschaften.

 

Der Rhythmus des Lebens

 

Foto von Strand mit Steinen und Meer

 

Vielleicht gehört es einfach zum Rhythmus des Lebens, dass wir nicht immer „gut drauf sind“ und vielleicht sind die gelegentlichen Zwischentiefs nichts anderes, als das Atemholen von Körper und Seele. All die Hochs und Tiefs werden doch erst dann bedenklich, wenn die „Zwischentöne“ fehlen und man in einer der Extreme erstarrt.

 

 

Zum Weiterlesen:

Achtsames Konsumieren: Die Achtsamkeitstreppe – die 6 Stufen des achtsamen Konsumierens: (PDF-Download möglich) https://achtsame-lebenskunst.de/2016/07/17/die-achtsamkeits-treppe-die-6-stufen-des-achtsamen-konsumierens/

Achtsamkeitsübungen: Eine kostenlose und thematisch sortierte Linkliste https://minimalismus-coaching.de/achtsamkeitsuebungen/

Minimalismus als Lebensstil: Einige kostenlose Downloads mit Tipps und Anregungen: https://achtsame-lebenskunst.de/praxistipps-minimalismus/

 

 

5 Kommentare

  1. Bei diesen Minimalismus-Erfolgsstorys und noch mehr bei Bildern oder Videos von minimalistischen Wohnungen frage ich mich vor allem immer: Wie kriegen die den Alltag eigentlich hin? Wo haben die überhaupt ihre Lebensmittel? Reinigungsmittel? Dokumente? Wenn die nur so wenig Kleidung haben, waschen die nur in fast leeren Waschmaschinen?
    Ich träume davon, in so einer „leeren“ Wohnung zu leben! So wenig zu putzen und zu organisieren…hach… Aber ich habe keine Ahnung, wie das in der Realität hinzukriegen ist!
    Was nach dem Minimalisieren kommt, ist sicherlich ganz wichtig. Das, was man danach in seinem Leben haben möchte, sollte man schon in dieser Phase finden und sich damit beschäftigen. Kann schwer sein. Bei mir stelle ich fest, dass der normale Alltag und die Gedanken an das Minimalisieren (was möchte ich noch wie verändern etc.) häufig schon meinen ganzen Raum einnehmen. Und das Loswerden von Sachen ist wirklich enorm viel Arbeit. Das nehme ich erstmal so hin, denn später, wenn es um mich rum und in mir leerer geworden ist, werden bestimmt Ideen, Wünsche oder Bedürfnisse auftauchen.

    • Hallo Aeris, sehe ich auch so: Leben findet immer statt, auch während des Minimalisierens. Und Reduzieren ist ja kein Sinn in sich, sondern lediglich etwas, was zu einem einfacheren und entspannteren Lebensstil beitragen soll.
      Die Frage nach dem Waschen habe ich mir auch schon gelegentlich gestellt. Und wie man das mit dem Besuch macht, wenn man kein ausreichendes Geschirr hat. Ich habe ja auch nicht sonderlich viel, aber ein paar Tassen und Teller gibts dann schon. Pappbecher oder der Besuch bringt selbst was mit, finde ich schräg.

      • Zu Besuch: Seitdem ich Mama bin, bekommen wir viel öfter Besuch zuhause. Deswegen haben wir einfach mehr Geschirr. Punkt. Ich werde demnächst sogar noch etwas dazu besorgen, einfach, weil ich mit Besuch zuhause eine schöne Zeit verbringen will, und nicht angestrengt die Teller zählen, ob das jetzt reicht oder überlegen, ob jetzt alle genug Platz habe. Deswegen wir es ein paar Klappstühle im Keller gegeben, die bei Bedarf hervorgeholt werden – und wenn die nur zweimal im Jahr genutzt werden (ggf. können wir uns sowas auch mit den neuen Nachbarn, die wir aber noch nicht kennen, teilen). Wir haben aber einfach gutes, weißes Geschirr und können da problemlos was dazu kaufen (zu guten Arbeitsbedingungen gefertig, qualitativ super).
        Was zuhause aber rausfliegt – gerade jetzt nochmal vor dem Umzug – alles, was wir nicht benutzen, was wir nicht gebrauchen. Das ist nicht mehr viel, v.a. Kinderkleidung, die gerade in den ersten zwei Jahren immer wieder schnell zu klein ist.

        Was mir aber auch nach Jahren immer noch passiert – Spontankäufe von Zeitschriften, die ich kaum schaffe zu lesen, im Alltag mit Kind. Die stapeln sich. Und bei Kinderbüchern bin ich auch schnell dabei – aber da finde ich, gibt es eindeutig schlimmeres…

  2. Ein sehr interessanter Blog, den ich gerade entdeckt habe. Da muss ich mich gleich mal ein wenig einlesen.
    Ich beschäftige mich erst seit kurzem mit Minimalismus.
    Ich habe im Mai mein Projekt: Erfolgreich ausmisten gestartet. Und ich muss sagen, ich habe vor allen Leuten Respekt, die es schaffen, so konsequent auszumustern, dass die Wohnung wirklich minimalistisch ist.
    Ich habe mich von jeder Menge Sachen getrennt und dennoch bin ich noch weit davon entfernt. Dennoch bin ich stolz, endlich etwas unternommen zu haben. Es hat mich auch verändert. Ich denke bewusster nach, was ich kaufe und ob es nötig ist.
    Was mich sehr nachdenklich gemacht hat, dass man vorher so viel Zeit aufwendet, um Geld zu verdienen um sich dieses und jenes zu kaufen. Sachen, die man dann nicht mehr braucht, werden von einer Ecke in die andere geräumt. Wenn man entrümpelt wendet man wieder sehr viel Zeit auf, um dieses Zeug wieder loszuwerden. Und dieser Zeitaufwand, für Dinge die ich nicht brauche, ist es mir einfach nicht mehr wert.
    Trotz allem besitze ich noch mehr als genug Sachen und es ist noch Luft nach oben. 😉

    Schöne Grüße

    Manuela

  3. Pingback: Lesefutter die Elfte – wenig reicht auch

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